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Zwölfte Szene
Ahmed allein; Laura kommt. LAURA : Hallo. AHMED knurrig : Hallo. LAURA : Wie geht's? AHMED : Hier ist der Teller zurück. Ich habe ihn saubergemacht. LAURA : Es tut mir Leid. AHMED : Was? Dass ich es nicht gegessen habe? LAURA : Das mit dir und Schakal. AHMED : Das tut dir Leid? Du hast doch behauptet, ich hätte dich angemacht. Warum hast du das getan? LAURA : Weiß nicht. AHMED : Ach ja? Aber sonst weißt du alles ganz genau. LAURA : Was denn? AHMED : Zum Beispiel was andere Leute denken. LAURA : Du meinst die Kapitalistenschweine, die Militaristen und Neokolonialisten, die ... AHMED : Hör auf damit, du musst mich nicht überzeugen. LAURA : Davon nehme ich kein Wort zurück. AHMED : Woher willst du das alles eigentlich so genau wissen? LAURA : Wo lebst du denn? Da braucht man bloß mit offenen Augen in die Welt zu schauen, siehst du das nicht? Jeden Tag sterben in Afrika tausende Menschen, weil sie nichts zu essen bekommen haben. Und gleichzeitig werden dort tausende Tonnen von Öl gefördert, damit auf den Highways in Amerika die Autos fahren können. Die Seelen dieser Menschen werden durch den Auspuff gejagt. AHMED : Und du meinst, wenn ihr noch ein paar Leute mehr umlegt, wird sich daran was ändern. LAURA : Das ist nicht unsere Absicht, es ist nur ein vorübergehendes Stadium des Befreiungskampfes. Mir gefällt das auch nicht, es belastet mich sehr. Man muss die Menschen dazu bringen, dass sie verzichten. AHMED : Worauf? LAURA : Auf alles, was überflüssig ist, was zum Leben nicht nötig ist und nur nötig scheint, aber in Wahrheit erschwert es das Leben, und irgendwann ist es sogar schädlich. Man handelt nur noch, um seine niederen, sinnlosen Bedürfnisse zu befriedigen und man bezahlt dafür einen Preis, der in keinem Verhältnis steht. Man lebt nur noch auf Kosten anderer und nimmt in Kauf, dass sie dabei zu Grunde gehen. Du siehst nicht das Elend, das du in Wirklichkeit mit deinem eigenen Handeln anrichtest, weil sie es verschleiern. AHMED : Wer? LAURA : Alle, die daran verdienen. Die an dir verdienen, indem sie dir einreden, was du unbedingt brauchst, was du sofort kaufen musst, nur damit sie an deine Kohle rankommen. Ist dir bewusst, dass die Turnschuhe, die du anhast, vielleicht von Kindern zusammengenäht wurden, jeder Fußball, mit dem du spielst, wahrscheinlich von Kindern hergestellt wird, unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen, wie Sklaven. Sie selbst haben keine freie Minute frei zum Spielen, weil sie sich zwölf, sechzehn Stunden täglich abrackern müssen, aber für die Footballstars, die dann damit bei den Meisterschaften auftreten, werden Millionen Dollars verpulvert. AHMED : Nicht jeder Fußball wird von Kindern produziert. LAURA : Freilich nicht. Du kannst ebensogut Teppiche, Spielzeug, Klamotten, Taschen nehmen; Tee, der tonnenweise von Kindern oder von Häftlingen gepflückt wird. Baumann hat sich letztens eine 'echt bayerische' Lederhose hier auf dem Markt gekauft; die Männer, die das Leder gerben, werden krank von dem Gift und viele sterben, bevor sie dreißig sind und eine eigene Familie gründen können. AHMED : Und ihr wollt uns sagen, was nützlich und was schädlich ist, worauf wir unbedingt verzichten müssen, oder was wir behalten dürfen? Ihr macht dann überall euern Stempel drauf: "Erlaubt!" oder "Weg damit!" Ist das nicht eine ganz schöne Anmaßung? LAURA : Niemand hat behauptet, dass wir es gern tun, aber der Kampf wird uns aufgezwungen. AHMED : Ich glaube, mich laust der Affe. Wenn ich die Ratte anschaue, kommt es mir schon so vor, als würde es ihm Spaß machen, mit seiner Knarre herumzuballern. Ihr nehmt euch einfach das Recht, andere Menschen umzubringen, die ihr noch nicht mal kennt. LAURA : Wir bezahlen einen hohen Preis dafür. Oder meinst du, dieses Leben hier wäre besonders angenehm? AHMED : Nein, aber für mich auch nicht, obwohl ich ganz anders denke als ihr. Im Grunde handelt ihr doch nicht anders als eure Feinde. Mit Gewalt und Terror kannst du bestimmt keine gerechte Welt schaffen. LAURA : Ach was? Aber mit Zauberei wohl? AHMED : Nein, damit auch nicht. Mein Meister hat mich gelehrt, dass man, anstatt das Schlechte mit Gewalt zu bekämpfen, das Gute mit Liebe schaffen soll. LAURA : Das hört sich vielleicht ganz edel an, aber ist das nicht unmöglich? Man braucht doch nur damit anzufangen, und schon wird man niedergemacht und ist erledigt, noch bevor man die erste gute Tat vollbracht hat. Wenn du dich nicht wehrst und nicht kämpfst, hast du keine Chance zu überleben. AHMED nach einer Pause, in der beide schweigen und Laura mit dem Finger auf dem leeren Teller Kreise zieht : Hast du schon mal was anderes gemacht? Ich meine, bevor du hierher gekommen bist. LAURA : Ich bin mit vierzehn von zu Hause abgehauen. AHMED : Warum? Wolltest du was erleben? LAURA : Hab's nicht mehr ausgehalten. Meine Eltern sind unerträglich, meine Mutter ist eine raffgierige dämliche Ziege, mein Vater ist ein Verbrecher. AHMED : Ist er auch Terrorist? LAURA lacht : Nein, im Gegenteil, er ist der Gefängnisdirektor von San Christobal. AHMED : Hui, da hast du ja Chancen, bei deinem Vater im Haus eine Zelle zu mieten. LAURA sachlich : San Christobal ist ein Männergefängnis. AHMED : Und solche Leute meinst du mit Militaristen? LAURA : Ja, und alle die daran verdienen. Wie unser Mister Baumann, der hat nämlich die Heizungsanlage in San Christobal konstruiert und seine Firma hat sie gebaut. AHMED : Aber von Baumann profitiert ihr doch selbst. LAURA : Ich weiß das. Aber auch das ist nur vorübergehend. AHMED : Und was ist deiner Meinung nach nicht bloß vorübergehend? (Baumann kommt mit einem Damespiel.) BAUMANN : Wie wär's mit einer Partie Dame, mein Junge? Oder störe ich? LAURA, noch bevor Ahmed etwas erwidern kann : Ich muss sowieso gehen. |
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