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Sechste Szene
Es sieht aus wie auf dem Video vom Anfang. Ahmed sitzt mit nach vorn gefesselten Händen außerhalb des Bildes an der Seite. FU LIN : Bulle, setz die Maske auf! GEORGIE : Damit sehe ich immer nichts. CARLOS : Los, Baumann, Sie sind dran. BAUMANN vor den anderen in der gleichen Haltung wie im Video: Ich wende mich an alle friedliebenden Menschen, an alle, die noch einen Funken menschliches Mitgefühl haben, vor allem aber wende ich mich an die verantwortlichen Politiker meines Vaterlandes, und ich wende mich an meine Familie: Gertrud, hallo, ich lebe. Aber mein Gesundheitszustand hat sich rapide verschlechtert, und meine Entführer drohen damit, mich zu töten oder jedenfalls zu verstümmeln, wie sie es schon mit anderen unglücklichen Geiseln getan haben. In den letzten zehn Tagen haben wir sechshundert Kilometer zu Fuß zurückgelegt, immer durchs Gebirge, durch Wüste und durch Dschungel, wo mich ein schlimmes Fieber befallen hat. Ich bin zu schwach, um lange Reden zu halten. Ich flehe euch deshalb an: Helft mir! Unternehmt alles nur Mögliche, um mich zu retten. Vor allem aber: schickt Geld, viel Geld. Nur das wird meine Entführer dazu bringen, mich am Leben zu lassen. Gertrud, ich möchte dir noch etwas Persönliches sagen ... CARLOS drängt sich nach vorn und spricht in die Kamera : Schluss jetzt! Wir geben euch verfluchten Imperialisten und ungläubigen Götzendienern noch genau sechs Tage Frist. Wenn bis dahin nicht das Geld in unseren Händen ist, dann erschießen wir Mister Baumann und schicken ein hübsches Video von der Hinrichtung an seine Familie. (Fu Lin feuert mit der Maschinenpistole eine Salve in die Luft ab.) Schnitt! BAUMANN : Scheiße, Ratte, musst du einen so erschrecken. CARLOS zu Fu Lin : Schick' das Ding an alle Sender auf der Liste, mit denen wir einen Vertrag haben. Wollen wir hoffen, dass Ihre Freunde diesmal nicht so knausrig sind, Mister Baumann. FU LIN : Sie scheinen zu Hause nicht sehr beliebt zu sein. BAUMANN : Immer noch besser, als gar kein Zuhause zu haben. FU LIN : Was soll das heißen? Mein Zuhause ist das Paradies, da werde ich hinkommen. Ich bin sozusagen auf dem Zuhause-Weg. BAUMANN : Wenn schon, dann heißt es auf dem Nach-Hause-Weg. Hat Laura das Essen schon fertig? CARLOS : Ist noch nicht wieder da. GEORGIE zu Fu Lin : Ich guck' dir beim Kopieren zu, da kann ich mich noch mal im Film sehen, vielleicht werd' ich ja als Filmstar entdeckt. FU LIN : Na klar, der Mann mit der Maske. (Laura kommt mit einem vollen Rucksack. Stellt ihn ab, nimmt ihre Kappe vom Kopf und löst sich die Haare. Ahmed sieht sie überrascht an.) CARLOS : Ah, Laura, da bist du ja. Ich muss ein paar wichtige Gespräche führen, ich will nicht gestört werden. Komm mit. BAUMANN : Und was ist mit meinem Essen, verflucht! Mein Geld verprassen, aber mich verhungern lassen. Das wäre ein schlechter Handel. Und du Bürschchen bist die neue Geisel, was? Redest wohl nicht mit jedem? AHMED : Ich denke darüber nach, was ich gerade erlebt habe. BAUMANN : Du meinst, unsere Botschaft an die freie Welt? Ja, so geht das. Ich heiße übrigens Baumann, die sagen Mister Baumann zu mir, aber ich bin Deutscher, Ingenieur für Maschinen- und Anlagenbau. Hier, das Stromaggregat, das habe ich den Idioten gebaut, die hatten ja noch nicht mal einen Kühlschrank, haben gelebt wie zu Ho Chi Minhs Zeiten. Und wie heißt du? AHMED : Ahmed. BAUMANN : Und der andere ist wohl dein Vater. AHMED : Ja. Dann sind Sie gar keine echte Geisel? BAUMANN : Was ist eine echte Geisel? Jemand, der entführt und verschleppt wird? Dann bin ich eine Geisel. Jemand, für den Lösegeld erpresst wird? Ja, dann bin ich eine Geisel. AHMED : Und jemand, der gefangengehalten wird, so dass er nicht weglaufen kann. BAUMANN : Gut aufgepasst, Bürschchen. Ich könnte wohl weglaufen, wenn ich wollte, ich brauchte nicht mal zu fürchten, dass der Schakal und seine Spießgesellen es verhindern. AHMED : Wie geht das? BAUMANN : Ganz einfach. Ich bin Ingenieur, das sagte ich, aber ich bin auch ein Geschäftsmann. Und Räuber und Terroristen sind auch irgendwo nur Geschäftsleute. Verstehst du, wir haben einen Deal gemacht. AHMED : Dass die Sie am Leben lassen, solange Sie mitspielen. BAUMANN : Nicht nur das. Da würde ja für mich nicht viel dabei rausspringen. AHMED : Aber anderenfalls wären Sie vielleicht schon tot. BAUMANN : Um so aussichtsloser. Ein echter Geschäftsmann macht seine Geschäfte zu Lebzeiten und mit dem Leben. Schließlich bin ich kein Bestattungsunternehmer. Ich schaffe für diese Möchtegern-Rebellen die Kohle ran, indem ich mich als Geisel filmen lasse, und im Gegenzug kassiere ich fünfundzwanzig Prozent vom Lösegeld. AHMED : Wollen Sie denn nicht wieder nach Hause? BAUMANN : Das schon. Irgendwann werde ich wohl müssen. Aber ehrlich gesagt, ein bisschen Urlaub von diesem öden Dasein daheim ist auch nicht schlecht. Ich bin achtundzwanzig Jahre verheiratet, da wünscht sich manch einer, dass er mal von zu Hause fortkommt, und sei es auch durch eine Entführung. Ich hab' hier alles, was ich brauche, Fernsehen, Telefon, meine Ruhe, die einheimische Küche ist ausgezeichnet, und unter uns gesagt, dieses Räubermädchen ... AHMED : Laura? BAUMANN : Ach, ihr kennt euch bereits? AHMED : Nein, gar nicht, ich habe bloß ihren Namen gehört. BAUMANN : Na, die ist ganz patent, kochen kann sie jedenfalls. Sonst weiß ich nicht, ist ja von dem Schakal, also vom Chef die Braut. Wenn ich mal Lust auf eine Frau habe, lass' ich mir einfach welche aus der Stadt kommen. Einige wissen schon genau Bescheid, wie das abläuft, mit Augen verbinden und so. Übrigens sieh dich vor, die Ratte ist angeblich schwul. AHMED : Warum verraten Sie mir das alles? BAUMANN : Warum nicht? Ist hier jemand, dem du es weitersagen könntest? AHMED : Aber wenn der Meister, ich meine, wenn mein Vater uns mit dem Lösegeld freikauft, dann könnte ich es draußen erzählen. BAUMANN : Schon möglich. Würdest du das machen? Ich habe dir doch nichts Böses getan. AHMED : Aber die da. Die Ratte hat mir Todesangst eingejagt. BAUMANN : Da hast du allerdings Recht; der treibt gern sein Spiel mit den Leuten. Und deshalb ist es auch gar nicht sicher, ob du jemals hier wieder wegkommst, ich meine lebend. AHMED : Mister Baumann, Sie sind selbst nur eine Schein-Geisel, vielleicht schwindeln Sie mir bloß was vor, vielleicht ist das ja alles ... BAUMANN : ... nur gestellt? Habe ich dir nicht vorhin gesagt, ich bin kein Bestattungsunternehmer? AHMED : Ja, und, was hat das damit zu tun. BAUMANN : Da, wo du drauf sitzt, ja, diese Kiste. Klapp' mal den Deckel auf. Was siehst du? AHMED hebt mit gebundenen Händen den Deckel an : Einen schwarzen Plastiksack. BAUMANN : Drück mal mit dem Finger drauf. AHMED : Äh, seltsam weich. BAUMANN : Kannst ruhig fest zudrücken, der merkt nichts mehr. AHMED : Ist das ...? Eine Leiche? BAUMANN : Wenn man einen Kerl mit drei Kopfschüssen, der nie mehr einen Sonnenaufgang erleben wird, so bezeichnen will, dann ist das eine hundertprozentige Leiche. Die Kiste wartet nämlich auf den Totengräber, deshalb steht die da. AHMED : Und ich hab' mich auch noch draufgesetzt, wie gefühllos. BAUMANN : Mach' dir keine Vorwürfe, ich habe mich mit dem sogar noch unterhalten. AHMED : Als er noch lebte? BAUMANN : Na klar. Ein bisschen war der genauso naiv wie du. Weißt du, diese Leute mögen zwar Idioten sein, aber sie sind unberechenbar, wenn es um ihren Vorteil geht, sie würden sich sogar gegenseitig umbringen, wenn es sein muss. Kannst du Dame spielen? AHMED : Sie meinen, verkleiden? BAUMANN : Ha ha, nein, du Witzbold, ich meine das Brettspiel Dame. AHMED : Ja, kann ich. Aber es spielt sich schlecht mit gebundenen Händen. BAUMANN : Ah, ich sehe schon, in dir steckt auch ein kleiner Geschäftsmann. Bis dein Vater zurückkommt, haben wir ein bisschen Zeit. Ich werde mal mit dem Schakal reden, ob er dir eine Erleichterung genehmigt, dann gönnen wir uns eine Partie. LAURA : Essen ist fertig, Mister Baumann. BAUMANN : Ah, Laura, wunderbar. Das ist übrigens Ahmed. Ihr müsstet eigentlich ungefähr gleichaltrig sein. LAURA wirft Ahmed einen finsteren Blick zu : Schon möglich. Wenn er sich nicht ordentlich benimmt, ist er aber nie älter gewesen als jetzt. BAUMANN : Oho, warum so grob. LAURA : Seine Nase gefällt mir nicht. Kommen Sie jetzt? |
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