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Vorspann

Videoeinblendung: ein Internet-Screen auf Bühnenhintergrundgröße. Zu sehen ist eine typische Internetseite einer Geiselnahme: vor einer Wand mit Fahne oder Symbol stehen vier maskierte und bewaffnete Personen; davor sitzend und nur bis zur Gürtellinie sichtbar, die Geisel (Mr. Baumann), die in undeutlichem Ton, aus dem man gerade noch Deutsch heraushört, einen verzweifelten Hilferuf in die Welt schickt. Die Geisel macht einen erbärmlichen Eindruck. Darunter sind englische Untertitel seiner Botschaft eingeblendet; rechts oder links oben in der Ecke des Bildes sind arabische Kennzeichen von Nachrichtenagenturen bzw. TV-Sendern zu erkennen. Die ganze Sequenz wirkt leicht gespenstisch, das Bild wackelt oder bleibt für Augenblicke stehen; schließlich geht einer der Entführer auf die Kamera zu, und die Aufzeichnung bricht ab.


Erste Szene

Haus des Zauberers.

MELOSPHEROS : Nun bedräng' mich nicht.

AHMED : Ihr habt versprochen, mir alles beizubringen, was ein echter Zauberer kann.

MELOSPHEROS : Na ja, nun, dann wird es auch geschehen.

AHMED : Aber ich kann noch nicht alles.

MELOSPHEROS: Sei nicht so ungeduldig, für einen Lernenden ist die Ungeduld hinderlich, nicht förderlich. Wer ungeduldig ist, macht immer den zweiten Schritt vor dem ersten und kommt doch nicht voran. Durch Ungeduld verliert man bloß Zeit. Mache alles doppelt langsamer, und du wirst halb soviel Zeit dafür brauchen. Hast du den Kleiderschrank aufgeräumt?

AHMED : Ja.

MELOSPHEROS : Fenster geputzt?

AHMED : Ja.

MELOSPHEROS : Das Klosett sauber gemacht? Auch unter dem Rand die gelbe Kruste weggekratzt?

AHMED : Zwei Stunden lang.

MELOSPHEROS : Das ist gut, du hast es mit Geduld gemacht, sonst hättest du vier Stunden gebraucht.

AHMED : Ich hab's gemacht, weil Ihr mir versprochen habt, danach ...

MELOSPHEROS : Die Ratten müssen gefüttert werden.

AHMED : Die Ratten haben noch an dem Saumagen zu fressen, den sie gestern gekriegt haben.

MELOSPHEROS : Tatsächlich. Saumagen? Was unsere Ratten doch feines zu essen bekommen.

AHMED : Erinnert Euch, die Sau war an der Schweinepest gestorben.

MELOSPHEROS : Ah, deshalb. Na, die ist auf Ratten nicht übertragbar. Das ist ein Gutes in der Natur, dass nicht alle Arten dieselben Krankheiten haben.

AHMED : Meister, ihr lenkt ab. Wir sprachen davon ...

MELOSPHEROS : Wir sprachen davon, ob du schon reif genug bist für alle höheren magischen Künste eines Zauberers.

AHMED : Ich fühle mich reif genug.

MELOSPHEROS : Ha! Er fühlt sich reif! Wie die Äpfel im Märchen: "Pflücke uns, pflücke uns, wir sind schon ganz reif!" Wie fühlt sich das denn an, wenn man reif ist?

AHMED : Ich fühle mich zu größeren Taten berufen, als ... nur das Scheißhaus zu schrubben.

MELOSPHEROS : Jetzt bist du aber undankbar, Ahmed, du tust ja so, als hättest du bei mir nichts anderes gelernt, als Urinstein zu entfernen und die Motten aus meinem Kleiderschrank zu vertreiben.

AHMED : Entschuldigt, ich war unbesonnen.

MELOSPHEROS : Aha. Weißt du, wie ich angefangen habe? Als Schiffskoch.

AHMED : Als Schiffskoch? Ich denke, Ihr stammt aus einem uralten Geschlecht von Magiern.

MELOSPHEROS : Das stimmt auch, aber meine Familie hat mich ausgesetzt, und zwar ohne die unentbehrlichen Utensilien, die ein Zauberer braucht, Zauberstab, Kugel und das ganze Zeug. Mein Vater ist mit mir zum Ufer des Tigris gefahren, angeblich zum Angeln, und hat mich dort einfach zurückgelassen. Na gut, er war schon alt, zweihundertsechsunddreißig, und sein Führerschein war auch seit fünfundsiebzig Jahren nicht mehr gültig, aber es stimmt nicht, was manche gesagt haben, dass er mich aus Vergesslichkeit zurückgelassen hat. Es war die pure Berechnung.

AHMED : War das eine Strafe? Hattet ihr irgendwas angestellt?

MELOSPHEROS : Ähm, ich hatte mir höchstens ein paar von seinen Räucherstäbchen geborgt, von denen man so schön high wird, ich war jung, so wie du, da probiert man das aus.

AHMED : Wegen ein paar Räucherstäbchen hat er Euch verstoßen?

MELOSPHEROS : Zugegeben, da war die Sache mit dem Feuer speienden Drachen.

AHMED : Was war da passiert?

MELOSPHEROS : Das war das, was später als Untergang von Pompeji in die Geschichte eingegangen ist. Mein Vater hat es so hinbekommen, dass man glaubte, es wäre der Vulkan gewesen, der ausgebrochen war; in Wahrheit bin ich mit diesem Drachen im Tiefflug über die Stadt gerauscht und der Drache hat Feuer gespien, was das Zeug hielt, ich hatte den Zauberspruch vergessen, wie man ihn dazu bringt aufzuhören. Mein Vater hat dann dafür gesorgt, dass die Vulkanasche alles zudeckt. Da drunter müsste auch noch ein halb aufgerauchtes Räucherstäbchen liegen, das mir heruntergefallen war, vielleicht graben sie's irgendwann mal aus.

AHMED : Meine Güte, Meister Melospheros, Ihr wart ja ein ganz Schlimmer.

MELOSPHEROS : Ja, und wodurch? Wegen meiner Ungeduld! Ich konnte es nicht erwarten, große Taten zu vollbringen, oder jedenfalls das, was ich dafür hielt. Und mein Vater hat ganz richtig daran getan, dass er mich fortschickte. Da war ich auf einmal ein Schiffskoch und musste mir was einfallen lassen. Ich habe mich ganz langsam wieder hochgearbeitet. Erinnerst du dich an den Kochtopftrick, den ich dir letztens gezeigt habe?

AHMED : Wo man Salz in die Suppe streut und es springt ein weißer Tiger heraus.

MELOSPHEROS : Genau. Das ist ein Trick aus meinen alten Tagen als Schiffskoch. Geschmeckt hat es den Leuten nie, aber ich hatte ein paar hübsche Einfälle. Was ist? Was hast du?

AHMED : Ich weiß nicht, ich überlege, ob Ihr vorhabt, mich auch fortzuschicken.

MELOSPHEROS : Aber nein, bestimmt nicht. Ich denke, es reicht vorerst, wenn ich dir davon erzähle. Hast du deine Hausaufgaben erledigt?

AHMED : Jawohl.

MELOSPHEROS : Den Seiltrick?

AHMED : Klappt einwandfrei, das Seil steht fünf Meter senkrecht in der Luft und ich kann daran hochklettern.

MELOSPHEROS : Der mit dem Weinfass?

AHMED : Ich steige rein und bin verschwunden, man kann hindurchschauen.

MELOSPHEROS : Sehr gut. Was ist mit dem Fahrrad?

AHMED : Hab' ich zweimal gemacht. Brett oben auf die Leitern aufgelegt und mit dem Fahrrad drauf lang gefahren.

MELOSPHEROS : Auf der Unterseite.

AHMED : Natürlich auf der Unterseite.

MELOSPHEROS : Warum nur zweimal?

AHMED : In das Brett hatte jemand einen verdammten Nagel gehämmert, der unten raus stand, da habe ich einen Platten gekriegt.

MELOSPHEROS : Ha ha! Was ist mit der Rechnung für den Milchmann?

AHMED : Habe ich mit dem Zahlentrick erledigt, er denkt, sie ist beglichen.

MELOSPHEROS : Da haben wir's! Du bist eben doch noch nicht reif. Wie oft habe ich dir eingebläut, dass man immer nur zum Guten zaubert und niemals, um etwas herbeizuführen, das man nicht auch ohne Zauberei erreichen kann.

AHMED : Ja, aber in unserer Haushaltskasse ist ziemliche Ebbe.

MELOSPHEROS : Ist das ein Grund, das Problem durch Zauberei aus der Welt zu schaffen? Das heißt lediglich, dass du arbeiten musst, um Geld zu verdienen. Schließlich bist du bei mir nicht für umsonst als Zauberlehrling. Trage Zeitungen aus, fülle Regale im Supermarkt, hilf bei der Spargelernte.

AHMED : Spargelzeit ist längst vorbei.

MELOSPHEROS : Widersprich nicht, dann eben bei den Kartoffeln.

AHMED : Jawohl. Ich werde Nachhilfestunden im Rechnen geben und im Stadtpark weggeworfenen Müll einsammeln.

MELOSPHEROS : Das gefällt mir schon besser. Wenn das alles klappt, werde ich darüber nachdenken, ob es soweit ist ...

AHMED : ... Dass Ihr mir den Zaubertrick mit den Vier Kostbarkeiten beibringt?

MELOSPHEROS : Ich werde darüber nachdenken.

AHMED : Oh, Meister, das ist mein sehnlichster Wunsch.

MELOSPHEROS : Jetzt fang nicht an zu labern. Jeder Zauberer möchte die Vier Kostbarkeiten beherrschen. Und doch können es nur wenige.

AHMED : Es heißt, dass eine ganz bestimmte Konstellation am Himmel eintreten muss, damit der Zauber überhaupt funktioniert.

MELOSPHEROS : Das ist richtig. Diese Konstellation von Mond und Gestirnen ist die erste Voraussetzung dafür. Deshalb können die Vier Kostbarkeiten auch nicht jederzeit gezaubert werden.

AHMED : Und wenn die Konstellation stimmt, dann fallen die Vier Kostbarkeiten vom Himmel herab?

MELOSPHEROS : So ist es, wenn man den Zauberspruch korrekt aufsagt. Und der ist nicht einfach irgendein Abrakadabra.

AHMED : Sondern?

MELOSPHEROS : Ha, du Schlingel, du glaubst, du könntest mich austricksen, deinen alten Meister Melospheros. Irrtum mein Lieber. Zuerst bringst du unsere Haushaltsangelegenheiten in Ordnung, dann sehen wir weiter.

(Ahmed geht.)

MELOSPHEROS für sich : Aus dem Jungen verspricht etwas zu werden, er entwickelt sich hervorragend na, bei dem Lehrer kein Wunder. Ich war sehr sorgsam bei seiner Ausbildung, und dabei doch nicht unverschämt. Ich habe von Anfang an gemerkt, was in ihm steckt: das Zeug zu einem guten Zauberer. Und ich habe eingesehen, dass das meiste dafür aus ihm selbst kommen muss und nicht von außen aufgezwungen werden darf. Er ist ein schlauer Bursche und nicht ganz ohne einen gesunden Egoismus, dabei kann er, trotzdem er mit ganzem Ernst und Eifer bei der Sache ist, auch witzig sein. Und was unerlässlich ist für einen Zauberer der Menschenwelt, er hat Mitgefühl. Doch dabei hat man sich schon oftmals getäuscht, und mancher, der herzlichen Anteil nahm am Schicksal seiner Mitmenschen, der tat es nur solange, bis er die großen Mysterien der Zauberkunst wusste, bis er alle Tricks kannte und ihm keiner mehr etwas vormachen konnte. Und schwupp! in diesem Moment verließen ihn jedes Mitgefühl und jede Moral und er handelte nur noch für seinen Eigennutz und mehr zum Ärger und Schaden anderer. Denn wie jede Wissenschaft und Kunst kann auch die Zauberei den blind machen, der sie besitzt, wenn er dann glaubt, durch sein Wissen und seine Kunst den Lauf der Welt nach seinen Vorstellungen und gar nach seinen Wünschen lenken zu können, denn der Wissensdurst des Menschen ist groß und unstillbar, aber beinahe noch größer und gewaltiger ist sein Streben nach Macht. Das sah man schon an denen, die nicht der Zauberei kundig waren. Wie gefährlich kann sie dann erst bei denen sein, die sie beherrschen. Ja, ich werde Ahmed nun auch den Zauber der Vier Kostbarkeiten lehren, wie ich es versprochen habe, und weil sich seine Lehrzeit allmählich dem Ende neigt und er hinaus muss in die Welt. Aber ich werde ihn auf eine Probe stellen, um den letzten Zweifel an seiner Eignung zu zerstreuen, damit ich selbst ihn mit ruhigem Gewissen entlassen kann. Schließlich geht es auch ein wenig um meinen guten Ruf, und meine Schüler sollen nicht schlecht über mich reden, auch wenn sie nicht mehr in meinem Hause sind.



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