Spuren

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In der Pause durfte niemand auf den Schulhof; es hieß, am Abend vorher wäre ein Unfall passiert und aus Sicherheitsgründen dürfe man das Schulgebäude nicht verlassen. Einige fragten, ob man hier drin übernachten müsse, aber die Lehrer sagten nein.

Wie etliche andere auch wurde Leonie nach Schulschluss abgeholt; es warteten jede Menge Mütter ganz dicht vor dem Eingang auf ihre Kinder. Es stand auch ein Polizeiauto an der Straße. Auf der Beifahrerseite lehnte eine Polizistin an der offenen Wagentür und schaute über das Dach hinüber zur Schule.

Leonie fragte ihre Mutter, was denn los wäre. Sie sagte, in der Zeitung stand, dass gestern ein Mädchen angeschossen worden ist. "Wo?" fragte Leonie. "Am Oberschenkel", sagte die Mutter. "Ich meine, wo das passiert ist?" "Angeblich vor der Turnhalle." "Haben wir gar nicht mitgekriegt." "Es war gestern abend", erklärte die Mutter. "Mittwochabend? Da ist immer Judotraining. Wer ist es?" "Wer?" "Die angeschossen wurde." "Weiß nicht genau, wie sie hieß, Angela, gibt es so jemand?" "Angelika?" "Angelika, genau. Kennst du sie?" "Vom Sehen. Ist sie schwer verletzt?" "Am besten, du liest es selbst."

Die Mutter gab Leonie die Zeitung und Leonie las die ganze Meldung. Neunjährige auf Schulhof von Unbekanntem angeschossen stand da. Es hieß, sie habe keine lebensgefährlichen Verletzungen erlitten, aber dann hieß es, dass das Projektil bei einer Operation im Krankenhaus entfernt wurde. Angelika war nach dem Judotraining vor der Turnhalle blutend zusammengebrochen; jemand hatte auch Schussgeräusche gehört. Die Übungsleiterin entdeckte die Fleischwunde am Oberschenkel des Mädchens.

Leonie dachte darüber nach. Was ist ein Projektil? Und Schussgeräusche? Damit könnten Schüsse gemeint sein, aus einer Pistole oder einem Gewehr; wohl eher ein Gewehr, denn man hatte ja nirgends jemanden gesehen, der geschossen hat, er musste von irgendwo aus einem Versteck geschossen haben.

Sie überlegte, aus welcher Richtung man auf die Stelle vor der Turnhalle schießen konnte. Das Blut musste aus der Fleischwunde stammen; Frau Pagelt - so hieß die Trainerin, wie Leonie wusste - hatte die Fleischwunde entdeckt, das heißt, sie war sich vielleicht zuerst nicht ganz sicher, woher das Blut kam. Aber man hatte doch gleichzeitig auch die Schüsse gehört, da musste es ja klar sein, dass Angelika angeschossen worden war.

Leonie las die Meldung noch mal und dann noch zweimal, dann legte sie die Zeitung beiseite und machte was anderes. Später fiel es ihr wieder ein, und sie merkte, dass sie irgendwie die ganze Zeit darüber nachgedacht hatte. Vor allem beschäftigte sie eine Frage: Aus welchem Grund man auf Angelika geschossen hatte? Gerade auf sie. Wollte man sie töten? Oder nur verletzen, wie es geschehen ist.

Leonie dachte auch daran, dass es furchtbar weh getan haben muss, diese Fleischwunde am Oberschenkel; aber es hieß, es gehe ihr gut, das heißt, dass sie die Schmerzen ertragen hat. Vielleicht hat sie durch das Judotraining gelernt, solche Schmerzen zu ertragen, falls sie ihr einmal zustoßen.

Leonie versuchte sich vorzustellen, wie schmerzhaft eine solche Wunde sein kann, sie zwickte sich ins Bein, so sehr, dass zwei Abdrücke von den Fingernägeln auf der Haut blieben.

Dann dachte sie, ohne Blut ist das alles nicht so schlimm wie in Wirklichkeit, denn es ist erst das Blut, wenn man es sieht, das einen völlig zusammenbrechen lässt, das war es wohl, was man einen Schock nennt. Leonie hätte gern mit Angelika geredet, aber sie kannte sie nicht besonders gut, genau gesagt, hatten sie noch nie was miteinander zu tun gehabt.

Am übernächsten Tag stand an der Stelle vor der Turnhalle, wo die Schülerin angeschossen worden war, eine rote Kerze in einem Plastiknäpfchen, wie sie auf Gräber gestellt werden. Sie brannte ruhig vor sich hin, und daneben lag schräg an einen Stein gelehnt und mit einem anderen beschwert ein Schild aus Pappe, auf dem stand in Großbuchstaben und mit einem dicken Fragezeichen: W A R U M ?. Die Schüler und auch die Lehrer beachteten das Schild und die Kerze, und beides blieb da, und am nächsten Tag lag auch noch eine weiße Rose dabei.

Die Polizeistreife bewachte die ganze Woche die Schule, und zwei oder dreimal kamen Leute auf den Schulhof und ermittelten im Fall des angeschossenen Mädchens, aber es gab keine heiße Spur zu dem Täter. Leonie fragte ihren Vater, was ein Projektil ist, und er erklärte es ihr genauso, wie sie es sich schon gedacht hatte.

Aber Mama war nach der Sache sehr beunruhigt, und als Leonie später als sonst nach Hause kam und Mama nicht wusste, wo sie gewesen war, machte sie ein Riesentheater und schimpfte und zum Schluss brach sie selber in Tränen aus. Aber eigentlich hatte sie trotzdem nicht erfahren, wo Leonie gewesen war.

Leonie beschloss, Angelika zu besuchen. Sie fand heraus, dass Angelika aus dem Krankenhaus entlassen worden und wieder zu Hause war, und wo sie wohnte, und sie ging hin, ohne jemandem etwas davon zu sagen. Sie wollte Angelika fragen, ob sie Feinde hätte.

Angelikas Mutter wollte Leonie nicht hereinlassen, weil Angelika viel Ruhe brauchte, um sich von der schrecklichen Tat zu erholen; aber Leonie sagte, sie muss unbedingt mit Angelika sprechen und fügte hinzu: "Damit sich so etwas nicht wiederholt."

Da dachte die Mutter, es wäre wichtig und ließ sie herein. Angelika wusste nicht, was Leonie von ihr wollte und sie konnte sich gar nicht erklären, wie sie hereingekommen war.

Angelika lag auf dem Sofa mit einer Decke über dem Bein. Als Leonie eintrat, setzte sie sich hin. Obwohl sie Leonie nicht kannte, war sie erst froh, dass sie jemand besucht, denn das Rumliegen war ihr langweilig. Leonie sagte etwas, und Angelika dachte plötzlich, dass Leonie es gewesen ist, die die Kerze und das Schild aufgestellt hatte, und sie fragte sie danach.

Leonie antwortete ausweichend und sagte, die Rose wäre nicht von ihr. Aber nach der Rose hatte Angelika nicht gefragt, denn sie wusste, dass die Rose von Martin stammte, der so etwas wie Angelikas Freund ist, aber nicht ganz. Das wusste inzwischen jeder, auch Leonie, und obwohl sie nicht direkt zugab, ob die Kerze und das Schild von ihr waren, machte sie doch einen Unterschied zwischen den beiden Sachen und der Rose.

"Ich bin aber nicht tot", sagte Angelika und es klang wie ein Vorwurf. "Solche Kerzen stehen auf dem Friedhof, aber nicht auf einem Schulhof", sagte sie auch noch.

Leonie dachte, dass Angelika die Geschehnisse innerlich nicht vollständig verarbeitet hat, deshalb musste sie jetzt so tun, als würden die Kerze und das Schild und auch die Rose nicht sie selbst betreffen. Leonie war eigentlich der Meinung, dass solche Überlegungen alles bloß noch komplizierter machen, aber seitdem sie selbst einige Male bei einer Psychologin gewesen war, zu der sie ihre Mutter gebracht hatte, weil sich Leonie ihrer Meinung nach etwas "sonderbar" benahm, seitdem sie also wusste, wie eine Psychologin über solche Sachen denkt, weiß sie auch, wie Mädchen in Angelikas Lage über sich selber denken können. Denn wenn Leonie auch durch die Gespräche bei der Psychologin sich in keiner Weise wie eine Kranke oder vielleicht sogar wie eine "Verrückte" behandelt fühlte, so hatte sie doch viel von ihr gelernt.

Dagegen fühlte sie sich jetzt durch Angelikas Bemerkung ungerecht behandelt. Zuerst wollte sie tatsächlich zur Aufklärung der Tat beitragen und mit Angelikas Hilfe und mit ihrem eigenen Scharfsinn die Wahrheit herausbekommen. Dann, als sie Angelika auf dem Sofa liegend sah, empfand sie Mitleid und wollte ihr helfen.

Aber nun, als sie das Gefühl hatte, Angelika stoße sie grundlos von sich und habe sich schon vorher, noch bevor Leonie überhaupt auf die Idee gekommen war, sie aufzusuchen, eine negative Meinung über sie gebildet, konnte Leonie nicht mehr länger an ihrem Plan festhalten.

Alles, was sie sich zurechtgelegt hatte zu fragen, warf Leonie jetzt über den Haufen und sagte geradeheraus zu Angelika, sie wäre nur gekommen, um sich ihre Fleischwunde anzuschauen, von der sie in der Zeitung gelesen hat. Und Angelika zog daraufhin wirklich die Decke zurück.

Sie hatte bloß eine kurze Turnhose an, und um ihren Oberschenkel war ein breiter weißer Verband, viel dünner als Leonie ihn sich vorgestellt hatte und das Bein darunter sah ganz normal aus. Er hätte auch genausogut wegen einer Muskelzerrung beim Judotraining angelegt sein können.

Aus Enttäuschung und gleichzeitig aus gesteigerter Neugier fragte sie, ob Angelika den Verband mal kurz abwickeln könnte. Angelika warf die Decke über ihre Beine, rief nach ihrer Mutter und sagte, Leonie möchte jetzt wieder gehen, und Leonie verließ Angelika ohne noch ein Wort zu sagen.

Durch einen Hinweis kam die Polizei auf eine heiße Spur. In der Nähe der Schule wohnte ein Mann, der schon Rentner war und der zwei Waffen besaß, eine Pistole und ein Gewehr. Die Polizei ermittelte bei ihm und untersuchte alles in seiner Wohnung, vor allem das Gewehr. Sie überprüfte auch, ob es möglich wäre, dass man von dem Balkon des Mannes auf den Schulhof zielen könnte.

Über die Ergebnisse ihrer Ermittlung stand nur soviel in der Zeitung, dass der Mann für seine Waffen eine amtliche Erlaubnis besitzt, und dass das Projektil aus dem Oberschenkel des angeschossenen Mädchens nicht aus einer der Waffen des Mannes stammt. In der nächsten Woche fand die Polizei keine weitere heiße Spur.

Dann hieß es, dass Angelika bald wieder in die Schule kommen würde, auch deshalb, damit sie nicht zuviel versäumt. Am Judotraining konnte sie natürlich noch nicht teilnehmen. Da bekam die Polizei einen anderen Hinweis, jemand wollte kurz nach dem Vorfall einen Schützen auf einem Balkon eines Nachbarhauses gesehen haben. Bei näherer Befragung teilte die Zeugin, ebenfalls ein Mädchen aus der Schule, mit, dass sie den Schützen kennt, und er habe zu Hause ein Gewehr, das die ganze Zeit über in einem Waffenschrank im Schlafzimmer des Mannes verschlossen sei.

Da fragte die Polizistin, die mit der Schülerin sprach, woher sie das so genau wüsste, und die Schülerin sagte, er hätte es ihr selbst gezeigt, als sie ihn einmal besuchte. So genau konnte sie sich daran erinnern, aber in welcher Wohnung der Mann wohnt, das wusste sie angeblich nicht mehr.

Die Polizei bat alle Bewohner des betreffenden Hauses um Mithilfe, indem sie die Polizei in ihre Wohnungen einließen, um sich umzusehen, aber in keiner fand sich ein Mann mit einem Waffenschrank. Schließlich äußerte die Polizei den Verdacht, das Mädchen habe schlichtweg geschwindelt, man sei jedoch verpflichtet, jedem Hinweis nachzugehen.

Leonies Mutter bemerkte, dass Leonie in letzter Zeit sehr schweigsam geworden war und andererseits bei der kleinsten Frage oder Aufforderung wütend reagierte; sie meinte, Leonie benehme sich wieder mal "sonderbar", und die Eltern berieten darüber, ob es vielleicht gut wäre, wenn Leonie für einige Male zur Psychologin geht, um sich auszusprechen.

Die Mutter machte sich auch selbst Vorwürfe, weil sie dachte, dass es nicht klug gewesen sei, Leonie das alles über den Vorfall mit dem angeschossenen Mädchen zu lesen zu geben.




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