Eine Arbeit für den Sommer

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Nadja hatte gesagt, sie wollen sich am Park treffen, an der Kreuzung beim Kino. Ob sie ins Kino gehen wollen, fragte Vivian, ins Kino zu gehen hätte sie keine Lust. "Nee, nicht ins Kino, Larry und sein Kumpel wollen ein Stück mit dem Auto rumfahren", sagte Nadja. "Wer ist Larry?" "Larry, oder Lenny, weiß nicht genau, wie er heißt, jedenfalls er und sein Kumpel." "Und warum wollen die mit uns im Auto umhergondeln?" "Na, wenn du nicht willst, lass es bleiben", hatte Nadja gesagt, "ich dachte, ich würde dir'n Gefallen tun." Was für ein Gefallen, wollte Vivian fragen, aber sie sagte lieber: "Okay, ich komme."

Sie wartete an der Kreuzung, und da kam ein Cabrio, da saßen sie drin, Larry war wohl der am Lenkrad, und Nadja saß neben ihm, und hinten saß sein Kumpel mit 'ner Sonnenbrille und 'nem Basekap verkehrt herum auf, das sollte wohl besonders cool aussehen. Aber der war ganz schön dick.

Die taten gar nicht dergleichen, nach Vivian Ausschau zu halten, und sie stoppten nur, weil gerade Rot war. Vivian rief ihnen zu, und Nadja rief "Da bist du ja endlich." Und dann machte sie mit Larry weiter irgendwelche Faxen. Der Kumpel rief "Na beeil dich, steig ein." Und später dachte Vivian, wenn nicht gerade Rot gewesen wäre, hätten sie wahrscheinlich gar nicht angehalten, und das wäre das letzte Mal, dass sie auf Nadja gehört hatte.

Sie fuhren zu Burger King, und der Kumpel war nicht nur dick, sondern richtig schwabbelig, und er legte Vivian gleich seine Hand aufs Knie. Sie zog es weg, und er nahm seine Hand zurück, und sie dachte, vielleicht er blind, wegen der Sonnenbrille und so und weil er sie so angegrabscht hat. Nadja und Lenny (er hieß doch Lenny) machten die ganze Zeit nur Blödsinn, das war nicht zum Aushalten. Und dann fing sein Kumpel auch noch damit an, aber es war einfach bloß peinlich.

Sie holten sich alle was und setzten sich ans Fenster, wo Lenny draußen das Cabrio geparkt hatte, und er zählte die Leute, die da vorbeigingen und drauf starrten. "Gehört der Wagen dir?" fragte Vivian, und die Jungs lachten wie die Kaputten. Dann verschwanden Lenny und Nadja und sagten, sie kämen gleich wieder. Sein Kumpel sagte gar nichts mehr, nur als draußen zwei Motorräder vorbeiknatterten und einen Höllenlärm machten, sagte er "Boah! Fette Maschinen."

Vivian war froh, dass er nicht Anstalten machte, auch mit ihr rauszugehen, und sie vergaß ihn bald. Mit den letzten Pommes putzte sie fein säuberlich den Rest Mayo auf, und dann sagte der Kumpel plötzlich "Willst du die Pappe nicht auch noch fressen?" Sie war so erschrocken, dass ihr die Tränen in die Augen traten. Er sagte "Was ist'n mit dir eigentlich los?" Sie stand auf und ging hinaus.

Burger King war draußen am Autohof, es war aussichtslos, zurück zu laufen. Sie stand da und wusste nicht, was sie tun sollte. Jemand kam langsam herangefahren, drehte die Scheibe herunter und sagte "Soll ich dich 'n Stück mitnehmen?" Sie sagte nein.

Sie beschloss doch zurück zu laufen. Man musste an der Straße entlanggehen, es war ja weit und breit nur Acker; sie hatten diesen Burger King mitten auf den Acker gebaut. Vivian fiel ein, dass sie einmal mit der Klasse drüben in der Gärtnerei gewesen waren, die lag am Hang vom Buchenrück, so hieß der Hügel. Und da ging ein Weg drüber, der führte in den Ort. Sie erinnerte sich, dass ihr die Gegend da gefallen hatte. Aber ob sie sich jetzt nicht verlaufen würde?

Sie schaute sich um, von Nadja und Lenny keine Spur zu sehen, und sein Kumpel hatte sich ins Cabrio gesetzt und die Musik voll aufgedreht, dass die Bässe wummerten und er dazu mit dem Schädel in die Luft hämmerte.

Es war wirklich schön hier auf dem Hügel, obwohl noch nichts grün war oder blühte. Aber die Sonne schien, und Vivian kam sogar ein bisschen ins Schwitzen, als sie den Hang hochkraxelte; den Weg hatte sie nicht gefunden, aber die Richtung musste stimmen. Sie machte eine Pause und setzte sich ins Gras, das noch verblichen war vom Winter.

Die Vögel zwitscherten, und Vivian dachte: 'Die Form von den Bäumen dort ist wirklich phantastisch.' Und sie bereute, dass sie ihr Skizzenbuch nicht dabei hatte. Aber Bäume hatte sie bis jetzt noch nicht gezeichnet und es wäre ihr vielleicht nicht gelungen.

Da hörte sie jemanden mit einer Axt gegen einen Baum schlagen. Oder was war das sonst? Der schlug auf den Boden, es klang so dumpf. Waldarbeiter konnten das nicht sein, die haben Motorsägen, das hatte sie in der Gärtnerei erfahren, die eigentlich sogar eine Baumschule war, was immer das zu bedeuten hatte.

Sie horchte, dann war es still, dann war es wieder da. Es musste einer allein sein. Sie ging dorthin. Dann sah sie, wie jemand an dem Abhang, wo nur einzelne Bäume standen, einen Erdhügel aufhäufte, in den er alle möglichen Äste hineinverbaute, offenbar sollte das ganze was aushalten können.

Das war kein Waldarbeiter, auch kein Erwachsener, sondern ein Junge, aber er war älter als sie. Er hatte die Äste mit einer kleinen Axt abgeschlagen und mit der Rückseite von der Axt klopfte er alles fest, das hatte den Boden so vibrieren lassen.

Er trug Jeans und Turnschuhe und ein kariertes Hemd und hatte schwarze Haare, und Vivian dachte: 'Bestimmt hat er ganz dunkle Augen', denn sie kannte auch so jemanden. Er sah richtig sportlich aus und arbeitete ganz geschickt und schaute sich zwischendurch immer an, was er gemacht hat, als würde er es prüfen.

Sie hätte gern gewusst, was es eigentlich sein soll. Sie ging auf den Jungen zu, und wie sie näher kam, sah sie, dass er erstens wirklich älter sein musste als sie und dass er zweitens ziemlich gut aussah. Aber dass er hier so rumrackert wie ein Urmensch war seltsam. Vielleicht ist er nicht ganz dicht. Dann sollte man ihm nicht zu nahe kommen, wegen der Axt und so, dachte Vivian.

Aber er hatte sie schon bemerkt und kurz zu ihr hingesehen. Sie ging einfach weiter, und aus den Augenwinkeln sah sie, dass er sie nicht weiter beachtete, sondern irgendein Loch in seinem Erdhaufen zustopfte. Er nahm auch Steine zu Hilfe, und plötzlich dachte Vivian, wenn er da nun jemanden verbuddelt, den er kaltgemacht hat? Sie blieb stehen und beobachtete ihn. Er warf die Axt ins Gras und ging den Abhang hinauf.

Sie lief hin. Als sie bei dem Erdhügel war, konnte sie die Axt nirgends finden. Der Junge rief von weiter oben "Geh' zur Seite." Im nächsten Moment kam er mit dem Mountainbike zwischen den Bäumen herabgesaust, fuhr genau über den Erdhügel und machte einen mächtigen Satz durch die Luft.

Er hatte einen Motorradhelm auf, und er stand auf den Pedalen, und er landete sicher auf dem Boden, machte unten eine Wendung und verschwand dann hinter einem Gebüsch. Sie blieb stehen und wartete. Dann wollte sie fortgehen. Dann blieb sie wieder stehen und wartete weiter. Sie tat so, als habe sie irgendetwas Interessantes gefunden.

Dann tauchte er oben wieder auf, stellte das Rad da hin, nahm den Helm ab, kam herunter, ging um den Erdhügel, der ein Sprunghügel war, herum und gab ihm hier und da ein paar Tritte, damit alles noch stabiler würde. Er sah nicht einmal zu ihr hin.

"Suchst du die Axt?" fragte Vivian. Er reagierte nicht und stampfte weiter die Erde fest. Sie wiederholte ihre Frage. "Was?" "Ob du deine Axt suchst, die liegt da." "Was für eine Axt?" Vivian verzog das Gesicht, das musste er mitbekommen haben. "Das ist ein Beil, keine Axt." Sie schwieg, dann sagte sie "Wo ist da der Unterschied?" Er antwortete nicht. Sie sagte "Sah ganz schön stark aus eben." Es beeindruckte ihn gar nicht.

"Wie lange machsten das schon?" "Was?" fragte er nach einer Pause zurück? "Ich meine, hier das bauen." "Ne Woche vielleicht." Dann fügte er hinzu "Das ist erst am Anfang." "Reicht aber schon für'n Sprung. Machstes nochmal?" "Dann." "Jetzt." "Warum?" "Ich hab's eilig." "Kann ich da was dafür?" "Nee." Er legte einen Stein dran, und Vivian sah eindeutig, dass das nicht nötig war.

Dann trollte er sich den Abhang hoch, setzte umständlich den Helm auf, drückte mit dem Daumen auf die Reifen, ob auch genug Luft drin war, schwang sich aufs Rad und machte einen Sprung, der noch besser war. Als er unten im Bogen herumfuhr, rannte Vivian davon.

Drei Tage später ging sie wieder hin, aber der Junge war nicht da. Es hatte geregnet, und der Sprunghügel war ein wenig zusammengefallen. Das nächste Mal konnte sie ihn schon von weitem sehen, wie er durch die Bäume sauste. "Hi, ich bins", sagte sie, als er wieder oben ankam.

Er stieg gleich ab und machte sich an dem Hügel zu schaffen, dem er die richtige Form zurückgegeben hatte. Sie schaute ihm zu. "Haste was vergessen?" fragte er. "Ja", erwiderte sie und war froh, dass er sich noch an sie erinnerte. Dann sagten sie lange nichts.

"Ist das 'n Spezialbike fürs Downhill?" fragte Vivian; sie hatte im Internet nachgeschaut. "Kommt drauf an, was du unter 'nem Spezialbike verstehst", gab er zurück. Ehrlich gesagt fand sie es nicht besonders großartig, es hatte auch eine grässlich rotbraune Farbe, als hätte er's selber angepinselt. "Na ja, mit meinem könnte ich da wohl nicht runter fahren", sagte sie und schwindelte ein bisschen, weil sie gerade gar kein Fahrrad besaß.

Der Junge fing an, ihr zu erklären, warum sein Rad für das, was er damit macht, besser geeignet ist, und er redete mehr als vorher zusammen, und Vivian schien, dass er selber den Eindruck vermeiden möchte, es wäre nur ein drittklassiges Downhillrad. Er zeigte die verstärkten Stellen am Rahmen und die Scheibenbremsen und die Federung vorne und sagte, dass alles Überflüssige weggelassen worden wäre.

"Du meinst Licht und so." "Hm", brummte er und wurde gleich wieder wortkarg. "Und 'ne Klingel, die brauchste auch nicht. Obwohl, eigentlich brauchste 'ne Klingel. Wenn jemand hier langläuft, und du bretterst da runter ..." "Pech gehabt", sagte er. "Geh' zur Seite." "Willste springen?" "Nee, ich will 'n Furz lassen." Vivian lachte, und der Junge lachte auch ganz kurz.

Sie machte drei Schritte zur Seite. "Kann ich hier stehenbleiben?" "Von mir aus." Er fuhr hinunter, und diesmal bewunderte sie seine gute Haltung. Das Shirt flatterte im Gegenwind und rutschte ein Stück hoch, und sie konnte die Muskeln an seinem Bauch sehen.

"Wieso bist'en du schon so braun?" fragte sie ihn dann. "Was?" "So braungebrannt. Gehste ins Sonnenstudio?" "Ich? Quatsch." "Ich find' das auch blöd." "Das ist noch vom letzten Jahr", sagte er. "Da warste wohl im Urlaub?" "Willste mich ausfragen oder was?" "Ja."

Dann sagte sie "Du kannst mich ruhig auch mal angucken, wenn du mit mir redest." "Warum", sagte er und hantierte an seinem Rad herum, aber er spürte, wie Vivians Blick auf ihn gerichtet war. "Das kommt von meiner Arbeit." "Was machsten?" "Klettern." "Klettern? Auf Felsen oder so?" "Nee, auf Masten." "Was soll'n das sein?" "Weißte nicht, was 'n Mast ist?" "Klar weiß ich das. Aber so'ne Arbeit, die Auf-Masten-Klettern heißt, die gibt's gar nicht, jedenfalls keine mit Bezahlung."

"Und ob's die gibt. Wenn es die nicht gäbe, würden die ganzen Masten irgendwann zusammenbrechen und die Leitungen würden runterkrachen." "Ach, du meinst Strommasten." "Sag' ich doch." "Da kletterste hoch und machst die Leitungen wieder fest." "An den Leitungen hab' ich nichts zu suchen. Wir machen die Instandhaltung von den Trägern." "Wenn was durchgerostet ist." "Ja. Und 'n neuen Anstrich verpassen hauptsächlich. Haste 'ne Uhr?" "Zuhause." "Zuhause hab' ich selber eine. Dabei?" "Nee. Es müsste ungefähr halb zwei sein, ich hab'n gutes Zeitgefühl."

Er stieg auf und drehte mehrmals mit der Fußspitze das Kettenrad rückwärts und schaute dabei nach unten. Vivian fragte "Biste morgen wieder hier?" "Nee." "Und übermorgen?" "Keine Ahnung." Er richtete sich in den Pedalen auf und fuhr los, dass der Hinterreifen den Dreck aufscharrte. "Wie heißt du?" rief sie ihm hinterher, konnte aber nicht verstehen, was er antwortete.

Vivian betrachtete den Sprunghügel und überlegte, was der Junge daran noch verbessern könnte. Wenn was zu tun wäre, würde er auf alle Fälle wieder herkommen, denn ihr schien, dass es ihm eher darum ging, etwas zu bauen, als dann hundertmal drüber zu springen, wenn es fertig ist.

"Was soll'n das werden?" fragte er, als sie den Rucksack auspackte. "Picknick", sagte Vivian und breitete ein buntes Tischtuch auf dem Gras aus. "Für wen?" "Für die Wildschweine", sagte sie und legte zwei Pappteller mit Papierservietten hin. Eine wehte gleich fort. "Wo kommt'n der Wind auf einmal her?" rief sie und holte die Serviette zurück.

Der Junge stand breitbeinig über seinem Rad und ließ es hinten hochgehen, indem er vorwärts rollte und die Vorderbremse drückte. Er konnte nicht ganz begreifen, was das Mädchen da anstellt. Dann fuhr er einen großen Bogen über den Hang und hinter den Büschen entlang.

Als er zurückkam, hatte Vivian alles auf dem Tuch verteilt: für jeden ein belegtes Brötchen und ein Stück Kuchen, Fanta mit Strohhalm und Traubenzuckerbonbons. An ihren Rucksack gelehnt saß ein Stofflöwe. "Was ist'n das Schwarze da?" fragte er. "Kuchen. Genau gesagt Früchtebrot, kennste das?" "Sieht aus wie zusammengepresste Raucherlunge." "Musst es ja nicht essen." Er setzte sich neben das Tuch.

Vivian hatte ein gelbes Kleid an, fast noch etwas zu luftig für das Wetter. Sie kniete sich hin und schob ihm den Pappteller zu. Er mampfte das Brötchen. "Irgendjemand hat an dem Sprunghügel rumgepfuscht", sagte er. "Hastes wieder in Ordnung gebracht?" Er nickte. Dann meinte er "Woll'n wir tauschen? Dein Brötchen gegen mein das hier?" "Okay."

Er schaute immer wieder verstohlen auf den Stofflöwen, dann fragte er "Wer ist'n das?" "Edgar." Edgar war ihm nicht ganz geheuer. "Wie alt bisten du eigentlich?" "Elfdreiviertel", sagte Vivian. Er schaute weg. "Ich muss gleich wieder los." "Zur Arbeit?" Er kaute, Vivian trank von ihrer Fanta.

Erst nach einer Weile sagte er "Meine Arbeit fängt im April wieder an." "Wieso denn das?" "Im Winter können wir nicht auf die Masten klettern. Zu gefährlich." "Da arbeiteste nur im Sommer?" "Hm." "Da kommste noch den ganzen März her?" Er sah nach dem Sprunghügel hin. "Glaub' nicht. Ist eigentlich soweit fertig." Vivian reagierte nicht darauf. "Und dann kannste nur nach Feierabend herkommen." Zum erstenmal schaute er sie direkt an. "Mensch, wir arbeiten doch nicht hier."

Sie verschluckte sich an ihrer Fanta. "Wo denn?" "Als nächstes sind wir irgendwo da bei Merseburg." "Da biste die ganze Zeit dort?" "Na glaubste, ich könnte jeden Tag hin und her kutschen." Sie überlegte lange. "Wie heißt du eigentlich?" "Hab' ich dir doch schon mal gesagt." "Hab' ich nicht richtig verstanden." "Steffen." "Ich heiße Vivian." Es schien ihn nicht zu interessieren.

Aber dann fragte er "Wie wird'n das geschrieben?" "Willste mir mal schreiben?" "Hör mal, ich will gar nichts von dir, verstanden." Er schaute auf seine Armbanduhr, sie passte überhaupt nicht zu ihm. "Ich muss los." "Wo d'n hin?" "Geht dich nichts an. Treff mich mit jemand."

Es war Mitte März, es wurde warm und sonnig, es grünte und blühte schon überall. Vivian war nur zweimal vergeblich zum Hügel gelaufen, als Steffen nicht da war. Aber sie konnte auch nicht jeden Tag hingehen, und sich mit ihm zu verabreden war anscheinend unmöglich, er tat so, als würde er sie nicht hören.

"Störe ich dich?" fragte sie ihn. "Ja", sagte er laut, aber dann setzte er hinzu "Manchmal." "Hätteste mir ruhig eher sagen können, dass du fortgehst" "Wohin?" "Zu deiner Arbeit." "Wieso soll ich dir das sagen?" "Hätte ich mich besser drauf einstellen können." Er verzog das Gesicht. "Was soll'n das heißen?" "Na, dann wär' ich gleich nicht mehr gekommen." Er verstand gar nichts.

Eines Tages hatte er angefangen, einen zweiten Sprunghügel zu bauen. Als Vivian dazukam, knurrte er bloß "Lohnt sich eigentlich nicht mehr, noch anzufangen." "Ach was", meinte sie, "es lohnt sich immer, was Gutes anzufangen." Er schaute sie an.

"Wie du redest." "Wie denn?" fragte sie erstaunt. Er schüttelte den Kopf. "Weiß nicht. Wenn man nicht sehen würde, dass'de noch so'n kleines Mädchen bist, könnte man sich fast verschätzen." "Kann ich auch mal mit deinem Bike runterfahren?" "Hier drüber?" "Ja." "Nee. Nicht mit meinem Rad. Nachher brichste dir noch alle Knochen und ich bin dran schuld." "Was denksten du, wer du bist. Ich weiß allein, was ich machen kann." "Dann ist ja gut."

Wie er den Kopf geschüttelt hat, als er sich über sie gewundert hat, darüber dachte Vivan zu Hause lange nach.

Beim nächsten Mal sagte sie "Kann ich mal deinen Helm ausprobieren?" Er überlegte, dann meinte er "Solange ich hier noch zu tun habe, meinetwegen. Aber nachher brauch' ich ihn wieder." "Klar doch." Sie setzte den Helm auf, er war beinahe breiter als ihre Schultern. Sie war überrascht, wie leicht er war. Sie wackelte mit dem Kopf, er saß ganz fest, er roch irgendwie nach dem Jungen. "Finger weg vom Rad", rief er. Sie machte eine abfällige Handbewegung.

Dann lief sie einfach so zwischen den Bäumen herum. Er rief noch irgendwas, aber sie konnte es nicht richtig hören. Sie war verschwunden, und es wurde ganz still, nur sein Gewerkel war zu hören und die Vögel. Er fuhr zusammen. Sie hatte sich von hinten herangeschlichen und ihm die Hände auf die Schultern gelegt. "Was soll das?" "Hab' ich dich erschreckt?" Sie boxte ihn zum Spaß. "Hör auf", sagte er. Sie rannte weg.

Dann kam sie auf die Idee, mit dem Helm auf dem Kopf gegen die Bäume zu pochen. "Boing! Boing! Boing!" machte sie dabei. Sie untersuchte den Helm, ob sie auch keine Delle reingemacht hatte, es war nichts zu sehen. Steffen rief, er braucht seinen Helm. "Komme sofort", sagte sie. Unter ihrem Kleid war was verrutscht.

"Ey, gib ihn mir." "Ja doch." Er sagte "Kannst du mal gucken, wie's aussieht, wenn ich drüber springe." "Oh ja." Er schob das Rad bis oben auf den Hügel, um Anlauf zu nehmen. Sie rannte weg.

Sie ging hinter die kleinen Fichten und holte die beiden Zellstoffknäuel oben aus ihrem Kleid. Dann machte sie auch den BH ab und knüllte ihn zusammen. "Wo warst du denn? Du solltest doch aufpassen", sagte er. "Musste mal kurz verschwinden. Mach's nochmal, ich sag' dir, ob's schon gut ist."

Sie hatte ihm erzählt, dass sie Modedesignerin werden will. Was das sein soll, hatte Steffen gefragt, und sie hat es ihm erklärt. "Wie findsten das?" Er zuckte mit den Schultern. Sie sagte, sie habe ein Skizzenbuch, wo sie ihre Entwürfe hinein zeichnet, und ob er es mal sehen will. "Interessiert mich nicht", entgegnete er. Er muss wohl gesehen haben, wie sie ein enttäuschtes Gesicht machte, denn er knurrte "Kannst's ja mal mitbringen."

Als sie Ende März einmal zum Hügel kam, war da jemand, der auf einem Motorrad umhercrosste und auch über die Hindernisse drüber sprang. Mit dem Hinterreifen wühlte er die Erde auf, und Vivian konnte nicht näher herangehen. Aber dann erkannte sie, dass es Steffen war, und sie erinnerte sich, dass er das Motorrad erwähnt hatte. Es gefiel ihr gar nicht.

Sie rief ihm zu, aber er antwortete nicht, obwohl er sie gesehen hatte. Er preschte kreuz und quer zwischen den Bäumen entlang, den Hügel rauf und runter und ließ den Motor immer aufkrachen, dass man sein eigenes Wort nicht mehr hören konnte. Es sah aus, als wäre er übermütig und froh, dass das mit dem öden Sprunghügelbauen jetzt vorbei ist. Dann fuhr er auf der Obstbaumwiese lang, die schon ganz weit unten war, und dann konnte ihn Vivian nicht mehr sehen, und das Motorengeräusch entfernte sich immer weiter.

Sie ging nach Hause und legte sich aufs Bett. In der Nacht konnte sie nicht einschlafen, das dämliche Motorrad donnerte in ihren Ohren, und auf einmal schossen ihr die Tränen in die Augen und sie heulte, bis alles ganz verquollen war und sie nicht mehr richtig gucken konnte. Aber es war sowieso finster.

"Was willst du denn von ihm?" fragte der Mann in dem Bauwagen. "Ihn besuchen. Ich bin seine Kusine." "Na ja, das ist grade schlecht, die sind alle oben." "Ich weiß. Ich kann warten." "Aber vor vier sind die nicht zurück." "Egal." "Soll ich ihn anrufen?" Vivian überlegte kurz. "Nicht nötig, nachher erschreckt er sich bloß und fällt noch runter." Der Mann konnte nicht lachen.

"Weiß Steffen denn, dass du ihn besuchen willst." "Wir hatten das abgemacht. Ist aber schon länger her." "Dann soll das so was wie'ne Überraschung sein?" "Nö. Ich konnte ja nicht früher kommen, weil wir jetzt erst Ferien haben." "Du gehst noch in die Schule?" Sie sah ihn entgeistert an und wusste nicht, ob er sich über sie lustig machen wollte. "Ich bin der Manfred", sagte er, "willste 'n Kaffee?" "Gern." Sie legte ihren Rucksack ab.

"Hast du gleich hergefunden?" fragte er dann. "Hab' mich durchgefragt. War aber erst woanders", gab sie zu. Dann unterhielten sich die beiden. "Der Steffen ist ein prima Kumpel", sagte Manfred, "und ein guter Arbeiter, dem muss man nicht alles fünf mal sagen."

Vivian fragte, wie das alles so abläuft mit der Instandhaltung und wie lange das dauert, und Manfred erklärte ihr, wie lang die Strecke ist und was sie machen. Wie lange einer immer da oben auf dem Mast wäre, wollte Vivian wissen. "So im Schnitt acht Stunden", sagte Manfred, aber das wollte sie nicht glauben. "Wussten Sie eigentlich, dass Steffen zu Hause 'ne richtige Downhillstrecke gebaut hat." Was das ist, fragte Manfred, und Vivian beschrieb es ihm, und Manfred sagte, ja, und einen Radfimmel habe Steffen auch.

Zwischendurch klingelte immer mal das Telefon, und er beredete irgendwas. Er hatte auch eine Liste da liegen, wo er mit Bleistift drin herumschrieb. "Was für eine Stärke benutzen Sie?" "Was?" "Ich meine den Bleistift. Ich nehme am liebsten zwei B, für die Vorzeichnung." Manfred betrachtete seinen Bleistift, als würde er ihn zum erstenmal sehen. "Das steht da oben", sagte sie, "es sei denn, Sie haben ihn am falschen Ende angespitzt." "Das hier? HB steht da." "HB ist auch gut. Immer noch besser als acht H oder so, so was nehmen nur ganz ängstliche Menschen." "Ich wusste gar nicht, dass es da so viele verschiedene gibt", sagte Manfred. "Oh, da gibt es alles mögliche."

Was man hier so machen könnte, während man wartet, fragte Vivian dann. Zur Stadt wäre es zu weit, sagte Manfred, aber ein Stück da hinüber ist ein Baggersee. "Da kann man baden?" Er schränkte gleich ein. "Baden ist da natürlich verboten." "Natürlich. Ich geh' da mal hin." "Du kannst doch hoffentlich schwimmen, oder?" Sie sah ihn scharf an, er murmelte "Klar, dumme Frage. Aber lass dich nicht erwischen. Du kannst das Fahrrad hier nehmen." "Das ist ja gar nicht Steffens Rad", sagte sie. "Nein. Habe ich auch nicht behauptet." "Ich bin in 'ner Stunde wieder da. Falls Steffen inzwischen aufkreuzt, halten Sie ihn solange fest, ja?" "In Ordnung. Ich sag' ihm, seine Kusine ist da." Sie fuhr davon, dann rief sie Manfred noch zu "Oder sagen Sie ihm bloß, dass ihn jemand besuchen will."

Als Vivian zurückkam, war Manfred wie verändert. Er sagte "Du bist gar nicht Steffens Kusine, du hast mir ein Märchen erzählt, warum hast du das gemacht?" "Nur so. Ist er da?" "Nein. Und du rufst jetzt bitte deine Mutter an." "Warum?" "Damit sie Bescheid weiß, dass du hier bist." "Das weiß sie schon." "Ich will es aber von ihr selbst hören." "Sind Sie jetzt mein Lehrer oder so was?" "Hier ist das Telefon."

Sie wählte eine Nummer und wartete, dann sagte sie "Hallo, Mam, ich bin's, ich wollte bloß sagen, dass ich hier angekommen bin, bei Steffen ... was? ... ja, mach' ich, tschüs." Manfred sagte "Veralbern kann ich mich alleine." Sie schwieg, dann sagte sie "Na gut" und rief wirklich ihre Mutter an. Manfred wechselte ein paar Worte mit ihr.

"Wo ist Steffen?" fragte Vivian. "Er ist nicht da. Und dich schaffe ich jetzt nach Hause zurück." "Was?" "Du hast es gehört, ich habe es eben deiner Mutter gesagt." "Aber ich will Steffen besuchen." "Mensch, der ist nicht da. Er musste vorhin kurzfristig weg, nach Schkeuditz, da gibt es ein paar technische Probleme, er muss da aushelfen."

Vivian prüfte seinen Gesichtsausdruck. "Wo liegt das?" "Richtung Leipzig." Dann fiel ihm auf, wie spät es war. "Sag' mir nochmal die Telefonnummer von deiner Mutter." Sie tat es. Er rief sie an und sagte, dass er Vivian erst morgen zurückbringen kann und ob das in Ordnung wäre.

"Ich kann im Hotel schlafen?" fragte ihn Vivian, als sie zugehört hatte. "Das ist da, wo wir auch wohnen. Du kannst ja schlecht hier im Bauwagen übernachten." "Ist Steffen auch dort?" "Wie oft soll ich dir noch sagen, dass er weg musste. Das ist ja auch sein Zimmer, wo du bleiben kannst." "Echt? Bei Steffen?"

Es war kein richtiges Hotel, sondern ein altes aufgemöbeltes Wohnheim, in dem auch Asylanten untergebracht waren. Vivian war dann froh, dass sie dort bleiben konnte und sie bedankte sich bei Manfred. Der sagte "Schon gut." "Warum wollen Sie mich nach Hause bringen?" "Ich habe sowieso in der Gegend was zu erledigen, da kann ich dich absetzen." "Okay. Und Sie meinen, Steffen kommt morgen nicht zurück?" "Auf keinen Fall. Tut mir leid, dass es diesmal nicht geklappt hat mit dem Besuch."

In dem Zimmer lagen Steffens Klamotten herum. Sie fand auch seinen Motorradhelm und setzte ihn auf. Sie wurde müde und legte sich hin. Sie schlief mit dem Helm auf dem Kopf ein, aber morgens lag er neben ihr.

Manfred brachte sie im Auto zurück. Es war gegen zehn, als sie bei Burger King vorbeifuhren. "Ich lade Sie zum Frühstück ein", sagte Vivian, "ich schulde Ihnen ja noch was." "Nee, du schuldest mir nichts, aber dein Angebot nehme ich gern an."

Sie gingen zu Burger King und holten sich was. Da klingelte Manfreds Handy und er sprach eine Weile mit jemandem. Dann sagte er zu Vivian "Du hast was liegengelassen." "Mein Skizzenbuch, hab' ich schon gemerkt." "Was sollen wir jetzt damit machen?" "Würden Sie mir noch einen Gefallen tun? Und es Steffen geben." "Klar, mach' ich." "War er das?" "Nein." "Und können Sie ihm sagen, er soll mal auf Seite sechzehn das lesen." "Seite sechzehn?" Er fasste sich an seine Taschen. "Das schreibe ich mir besser auf." Vivian gab ihm einen Bleistift. "Hier, den schenke ich Ihnen, ein zwei B." "Danke. So einer fehlt mir noch." Er schrieb "Seite 16 lesen!!!" auf die Serviette. "Soll ich ihm auch sagen, dass er sich bei dir melden soll?" "Oh, das wäre schön."




Eine Arbeit für den Sommer
Klassenausflug
Die Kiste
Von oben ist alles näher
Spuren
Schneeregen
Ein altes Pony