| Schneeregen |
| Eine Arbeit für den Sommer |
|
Bis mittags ging es noch, dann wurde das Wetter richtig mistig. Erst fing es an zu regnen, es wurde kalt, aus dem Regen wurde Schnee, aber die Schneeflocken waren nass und unförmig und klatschten auf die Erde wie ausgespuckter Rotz.
Es war zwar kalt, aber nicht kalt genug, und der Schnee taute und wurde Matsch, und dann kam auch noch ein hässlicher Wind auf, und Tommy sah, wie bei einer Frau auf der Straße der Schirm überschnappte und sich von unten nach oben wölbte, und Chris musste lachen bei dem Anblick, obwohl er die ganze Zeit schon geschlottert hatte, weil er nur sein kariertes Hemd trug. Wenigstens hatte er so was wie einen Schal um den Hals und Tommy wand ihn über seinen Kopf, aber seine Haare waren schon nass. Er nahm Chris an die Hand und sie gingen zu dem Bäckerladen, wo es das alles von gestern gab und nur die Hälfte kostete oder noch weniger, aber es war alles noch richtig gut. Tommy hatte siebzig Cent, zwei Zwanziger und drei Zehner. Zu dem Bäckerladen gingen drei Stufen hoch und da war wie ein Hauseingang nach drei Seiten, und nach der einen Seite ging's in den Laden. Da konnte man sich unterstellen, und als sie hingingen, fing es richtig an mit dem Schneeregen und der Wind war so stark, dass Chris sein Schal vom Kopf rutschte. Sie stellten sich eine Weile da vor den Hauseingang. Den einen Zehner hatte Tommy vorgestern mitten auf dem Gehweg gefunden, Mann, hatte der manchmal ein Glück. Sie ließen zwei, drei alte Leutchen reingehen, na ja, der eine Mann war noch nicht so alt, der hatte auch nur 'n Hemd an bei dem Scheißwetter. Der hatte 'n Beutel mit lauter leeren Flaschen, die klirrten, und Tommy fand, das hörte sich genauso hässlich an wie der verdammte Wind, der dauernd um die Straßenecken weht. Wie die beiden da standen, und der Mann vorbei ging, da sagte er was zu Chris, und Chris sagte auch was, und als er wieder vom Bäcker rauskam, fragte er, wo denn die Denise wäre, und Tommy sagte "Weiß ich nicht." Ewig konnten sie auch nicht da vor der Tür stehen bleiben, denn das gefiel der Verkäuferin nicht. Sie gingen in den Laden und Tommy fragte die Verkäuferin "Was kostet'n das da?" Sie sagte ihm den Preis. "Und das?" "Genauso viel." "Und das da?" "Vierzig Cent. Drei Stück für ein Euro." "Drei Stück?" fragte Tommy. "Ja", sagte die Verkäuferin und wiederholte, "drei Stück ein Euro, also was willst du?" "Dann nehm' ich davon eins." Die Verkäuferin nahm das Gebäckstück und tat es in eine Papiertüte, Tommy bezahlte. "Bist du nicht der Bruder von der Denise?" fragte die Verkäuferin. "Ja." "Ich auch", sagte Chris, "ich bin auch ihr Bruder." "Ihr kommt wohl zu Hause nicht rein?" fragte die Verkäuferin und verzog das Gesicht; es klang nicht wie eine Frage, sondern wie eine Feststellung. "Tschüs", sagte Tommy. "Woher kennt'n die Denise?" fragte Chris draußen. "Keine Ahnung." "Gibst du mir was ab?" "Na klar geb' ich dir was ab, du Idiot, oder denkst du, ich ess das alleine." "Nö." Tommy brach das Gebäckstück in zwei Hälften und gab Chris eine. Der Schneeregen hatte aufgehört, aber der Wind wurde anscheinend immer kälter. Sie stellten sich hinter eine Hausecke, wo er vorbeipfiff. "Gibst du mir die Tüte?" fragte Chris. "Was?" "Die Papiertüte, ich will sie platzen lassen." Tommy sah, dass Chris sein Gebäckstück schon verputzt hatte, während er grade einmal abgebissen hatte. Er gab ihm die Tüte, Chris blies sie auf und schlug mit der Hand drauf, aber sie hatte irgendwo einen Riss. "Verrecker", murmelte Chris und betrachtete das zerknüllte Papier. Sie standen da rum. "Wann geh'n wir heim?" fragte Chris. "In'ner Stunde", antwortete Tommy, ohne zu wissen wie spät es ist. "In'ner Stunde", sagte Chris wie am Telefon. Tommy sah, wie er wieder anfing zu schlottern. "Mensch Chris, wo ist'n dein Schal?" "Was?" "Dein Schal?" Chris schien es erst jetzt zu bemerken. "Ach so, der. Na weißt du nicht mehr, den ha'm sie mir doch geklaut." "Was? Was redesten da für'n Blödsinn." Chris lachte. "Na weißte nich mehr, den haste doch der Tussi in dem Laden gegeben." "Du redst einen Mist. Los komm', den suchen wir jetzt." "Wo denn?" "Vorhin hattesten doch noch." "Glaub' ja." "Dann musser irgendwo liegen." "Meinste nich, dass'n jemand mitgenommen hat?" "Das Dreckding, das hebt keiner auf." Sie suchten eine Weile da, wo sie langgelaufen waren, den Schal fanden sie nicht. Sie liefen ein paar mal hin und her, und das hatte wohl die alte Oma beobachtet. Die humpelte da lang, mit 'nem Stock und so einer Tasche auf zwei Rädern. Sie war stehengeblieben und sah die beiden was suchen, aber sie wusste ja nicht, dass sie Chris' Schal suchten und nicht irgendwelche weggeworfenen Kippen oder Abfälle, wie sie dachte. Wahrscheinlich hatte sie auch gesehen, wie Chris vor Kälte schlotterte. Jedenfalls ging sie da in einen Laden und dann hat die Verkäuferin telefoniert, und nach einer Weile kam ein Streifenwagen mit zwei Polizisten, und die Oma war auch gleich zur Stelle und wollte denen alles erklären. Das war ein dicker und ein dünner Polizist, der dünne hat sich überhaupt nicht für was interessiert. Der dicke fragte Tommy, wie er heißt, und er sagte es ihm. Dann fragte er, ob das sein Bruder wäre und wie er heißt, und Tommy sagte ihm alles. Dann fragte er, wo sie wohnen, und Tommy sagte es ihm, aber er nannte eine ganz andere Straße, und Chris sagte nichts; so was hatte er schon mal erlebt. Die Oma zeterte die ganze Zeit rum, sie sagte, die beiden wären durch und durch unterkühlt; sie hielt ihre verschrumpelte Hand an Chris' Wange und sie merkte, dass die ganz heiß war. "Sie sollten sie wenigstens untersuchen lassen, Herr Wachtmeister", sagte sie. Es waren auch noch ein paar andere Leute stehengeblieben, die nichts besseres zu tun hatten. Sogar der dünne Polizist war dazugekommen, er meinte wohl, es wären zu viele Leute da für den dicken. Der dicke Polizist sagte zu Tommy, sie sollten in den Streifenwagen einsteigen und sie taten es, und Tommy sah, dass Chris auf einmal ziemlichen Schiss hatte. Er flüsterte zu Tommy "Was heißt das, sie wollen uns untersuchen?" Tommy versuchte ihn zu beruhigen. "Nichts. Sie wollen nur gucken, ob unsere Papiere in Ordnung sind." "Unser Papier? Aber ich hab' gar kein Papier? Was denn für Papier?" "Sie wollen nur wissen, ob uns're Indität stimmt", flüsterte Tommy, der an den Film mit Matt Damon dachte, den er mal bei einem von Denise' Bekannten solange im Nebenzimmer angucken durfte. Chris hielt ihn am Arm fest und sagte "Aber wir bleiben doch zusammen, stimmt's?" "Klar", sagte Tommy und dachte, noch besser wär's gewesen, wenn sie mit Blaulicht fahren. Aber Chris war das alles ganz schön unheimlich und er wurde richtig rappelig und dann klopfte er dem dicken Polizisten auf die Schulter, dass der erschrak und sich umdrehte, und Chris sagte "Ich muss eine Vermisstenanzeige machen." Tommy sah seinen Bruder an wie ein Huhn auf Rollschuhen; wo hatte er das aufgeschnappt? Der Dicke sagte "Aha. Wer wird denn vermisst?" "Mein Schal", antwortete Chris. "So", sagte der Dicke, und der Dünne am Lenkrad grinste, "na, da werden wir dich danach aufs Revier mitnehmen und ein Protokoll aufsetzen." "In Ordnung", sagte Chris leise und zitterte noch mehr. Und nach einer Weile sagte er "Jetzt fällt's mir ein, ich glaube, ich weiß wieder, wo mein Schal ist." In der Klinik war es schön warm und hell und sauber, und die Stationsschwester lächelte und hatte ein Schild an ihrem weißen Kittel, da stand ihr Name drauf und sie hieß Schwester Ulrike. Obwohl sie lächelte, kam es Tommy so vor, als wäre sie nicht gerade begeistert, dass die Polizei sie dort abgeliefert hatte. "Was sollen wir denn mit ihnen machen?" fragte sie den Dicken. Der sagte, sie sollen gucken, ob die beiden ärztliche Hilfe brauchen, und dem Kleinen sein Hemd wäre ja auch ganz durchnässt von dem Schneeregen. Sie wären aber hier ein Krankenhaus und keine Sozialstation, sagte Schwester Ulrike, da hätten sie sie zum Jugendamt schaffen sollen; und Hemden hätten sie hier auch keine, schon gar nicht solche karierten. Damit meinte sie Chris' Hemd, das gefiel ihr wohl nicht besonders, und Tommy dachte, wenn sie erst Chris sein Schal gesehen hätte. Da kam der dünne Polizist auch rein und fragte die Schwester, ob er sich an dem Automaten einen Kaffee genehmigen könnte. Schwester Ulrike untersuchte Chris trotzdem, sie machte es gut, und es gefiel ihm. Sie horchte ihn ab und er musste tief einatmen und ausatmen, und dann hängte sie ein Handtuch über seine Schultern und meinte, sie würde sein Hemd für'n paar Minuten auf die Heizung legen, aber Chris sagte, sie soll aufpassen, dass es da nicht drauf verbrennt, und Tommy sagte zu ihm, er soll nicht so'n Schwachsinn reden, sondern sich lieber bedanken. Die Polizisten verkrümelten sich, und die Schwester war mit dem Hemd weg, da saßen die beiden allein in dem Zimmer, und Tommy wurde auf einmal müde, ihm fielen die Augen zu und der Kopf kippte vorne runter. Chris sagte, er werde mal nachsehen, was sein Hemd macht, aber Tommy hörte ihn nicht, und Chris ging hinaus. Nach einer Zeit weckte jemand Tommy, das war 'ne andere Schwester, auf ihrem Schild sah er, dass sie sogar ein Doktor war. Sie lächelte auch und sprach sehr freundlich, und Tommy kam es so vor, als würde sie nichts dagegen haben, dass sie hier gelandet wären. Aber sie fragte ihn richtig aus, wie er heißt und wo er wohnt und ob das öfter vorkommt, dass er und sein Bruder auf der Straße umherlaufen und wann sie zuletzt was gegessen hätten und wie es bei ihnen zu Hause wäre. Da machte es bei Tommy Klick! im Kopf, wie sie fragte, wie es bei ihnen zu Hause wäre; das hatte ihn schon mal jemand gefragt und hinterher hatte er 'ne Menge Ärger gekriegt von seiner Mam und von Denise auch. Mam hatte gesagt, er soll bloß die Klappe halten, wenn ihn jemand so was fragt, sonst könnte es nämlich passieren, dass er gar nicht mehr nach Hause darf und Chris auch nicht und sie würden dann wahrscheinlich getrennt werden. Er hatte gesagt, ja gut, und sie hatten es auch Chris gesagt, aber der hat nur blöd gefragt "Getrennt werden? So wie schinesische Zwillinge?" Denise hat gelacht wie 'ne Verrückte. Tommy dachte, dabei sollte Denise am wenigsten drüber lachen, denn wegen ihr war das ja alles so. Immer, wenn die Männer zu Denise kommen, müssen er und Chris verschwinden und Mam geht zum Friseur. Denise ist aber erst fünfzehn und darf noch gar nicht solche Männer haben, das war klar. Und das wollen sie alle aus Tommy rauspressen, dass da ständig irgendwelche Männer kommen und mit Denise was machen und ihr Geld dafür geben. "Das hab' ich alles schon der Polizei gesagt, da müssen Sie die fragen", sagte Tommy zu der Ärztin, und er ließ nichts mehr aus sich rauspressen. Aber da kam plötzlich Chris rein, ohne Hemd und ohne Handtuch und hatte 'n Plastikbecher in der Hand. Er sagte "Hier, probier' mal, hab' ich aus dem Automaten." "Kaffee?" fragte Tommy. "Nee, heiße Brühe, Wahnsinn, die gibt's da auch drin. Und weißt du was? Denise ist auch hier." "Denise ist hier?" "Hab' sie drüben gesehen, den Gang lang, 'n paar Zimmer weiter." "Was macht sie hier?" "Keine Ahnung, vielleicht sucht sie uns." Die Ärztin fragte, woher wir Denise kennen, und Chris machte 'n ganz doofes Gesicht und sagte "Woher? Sie ist unsere Schwester." Und das gefiel der Ärztin wohl gar nicht. Sie sagte "Ihr wartet hier" und ging raus. Und dann dauerte das alles noch eine Ewigkeit, sie fragten Tommy aus, dann fragten sie Chris aus, dann wieder Tommy und zwischendurch wahrscheinlich auch Denise. Dann sagte die Ärztin zu Tommy, sie zeigt ihm jetzt ein paar Fotos, und wenn er einen drauf wiedererkennt, der auch bei Denise war, soll er es sagen. Tommy bekam richtige Angst, weil er dachte, das sind jetzt alles so Fotos von Schwerverbrechern und Zombies und die würden alle total zombiemäßige Fressen haben, die man wochenlang lang nicht mehr vergisst. Aber dann hatte die Ärztin wohl die falschen Fotos genommen, denn auf denen hier waren nur so ganz langweilige Larven zu sehen, und Tommy sagte jedesmal "Nee, kenn' ich nicht." Nur bei dem einen war er sich nicht ganz sicher, aber dann dachte er, wenn er ja sagt, würde er garantiert Ärger kriegen und zwar gleich aus mehreren Richtungen, und dann wollte er bloß noch aus der Scheißklinik raus und fing an zu heulen. Nach einer Weile tauchten die beiden Polizisten wieder auf und brachten Tommy und Denise und Chris im Streifenwagen nach Hause. Sie saßen alle drei hinten, und Denise saß zwischen ihnen, und Chris sagte zu Denise "Du riechst so komisch." "Quatsch nicht", sagte Denise, aber es klang ziemlich schwach. "Doch, du riechst da unten komisch. Warst du deswegen dort?" Tommy sah, wie sich Denise die Augen wischte und er sagte "Chris, halt's Maul." Zu Hause untersuchte Chris sofort sein Hemd und dann sagte er, da wäre 'ne verbrannte Stelle dran. Mam sagte zu Denise, sie hätte das Zeug in die Waschmaschine geschmissen und Denise sollte nachher dran denken und es rausholen. Mam sah nicht so aus, als wäre sie beim Friseur gewesen. Draußen fing es jetzt wieder gleichzeitig an zu schneien und zu regnen, und Mam schaute aus dem Fenster und sagte "Jetzt bei dem Mistwetter braucht Chris unbedingt 'ne wärmere Jacke, er war letztes Jahr schon nich dran. Was meinst du, Denise?" Denise sagte "Ja ja, ich geb' die Hälfte dazu, aber lasst mich jetzt in Ruhe." Sie ging in ihr Zimmer und legte sich schlafen, und Chris sagte "Wir müssen unbedingt mal wieder dahin, in dem Automaten gibt's auch Kakau, mit extra Zucker."
|
| Eine Arbeit für den Sommer |
|
Nadja hatte gesagt, sie wollen sich am Park treffen, an der Kreuzung beim Kino. Ob sie ins Kino gehen wollen, fragte Vivian, ins Kino zu gehen hätte sie keine Lust. "Nee, nicht ins Kino, Larry und sein Kumpel wollen ein Stück mit dem Auto rumfahren", sagte Nadja. "Wer ist Larry?" "Larry, oder Lenny, weiß nicht genau, wie er heißt, jedenfalls er und sein Kumpel." "Und warum wollen die mit uns im Auto umhergondeln?" "Na, wenn du nicht willst, lass es bleiben", hatte Nadja gesagt, "ich dachte, ich würde dir'n Gefallen tun." Was für ein Gefallen, wollte Vivian fragen, aber sie sagte lieber: "Okay, ich komme."
Sie wartete an der Kreuzung, und da kam ein Cabrio, da saßen sie drin, Larry war wohl der am Lenkrad, und Nadja saß neben ihm, und hinten saß sein Kumpel mit 'ner Sonnenbrille und 'nem Basekap verkehrt herum auf, das sollte wohl besonders cool aussehen. Aber der war ganz schön dick. Die taten gar nicht dergleichen, nach Vivian Ausschau zu halten, und sie stoppten nur, weil gerade Rot war. Vivian rief ihnen zu, und Nadja rief "Da bist du ja endlich." Und dann machte sie mit Larry weiter irgendwelche Faxen. Der Kumpel rief "Na beeil dich, steig ein." Und später dachte Vivian, wenn nicht gerade Rot gewesen wäre, hätten sie wahrscheinlich gar nicht angehalten, und das wäre das letzte Mal, dass sie auf Nadja gehört hatte. Sie fuhren zu Burger King, und der Kumpel war nicht nur dick, sondern richtig schwabbelig, und er legte Vivian gleich seine Hand aufs Knie. Sie zog es weg, und er nahm seine Hand zurück, und sie dachte, vielleicht er blind, wegen der Sonnenbrille und so und weil er sie so angegrabscht hat. Nadja und Lenny (er hieß doch Lenny) machten die ganze Zeit nur Blödsinn, das war nicht zum Aushalten. Und dann fing sein Kumpel auch noch damit an, aber es war einfach bloß peinlich. Sie holten sich alle was und setzten sich ans Fenster, wo Lenny draußen das Cabrio geparkt hatte, und er zählte die Leute, die da vorbeigingen und drauf starrten. "Gehört der Wagen dir?" fragte Vivian, und die Jungs lachten wie die Kaputten. Dann verschwanden Lenny und Nadja und sagten, sie kämen gleich wieder. Sein Kumpel sagte gar nichts mehr, nur als draußen zwei Motorräder vorbeiknatterten und einen Höllenlärm machten, sagte er "Boah! Fette Maschinen." Vivian war froh, dass er nicht Anstalten machte, auch mit ihr rauszugehen, und sie vergaß ihn bald. Mit den letzten Pommes putzte sie fein säuberlich den Rest Mayo auf, und dann sagte der Kumpel plötzlich "Willst du die Pappe nicht auch noch fressen?" Sie war so erschrocken, dass ihr die Tränen in die Augen traten. Er sagte "Was ist'n mit dir eigentlich los?" Sie stand auf und ging hinaus. Burger King war draußen am Autohof, es war aussichtslos, zurück zu laufen. Sie stand da und wusste nicht, was sie tun sollte. Jemand kam langsam herangefahren, drehte die Scheibe herunter und sagte "Soll ich dich 'n Stück mitnehmen?" Sie sagte nein. Sie beschloss doch zurück zu laufen. Man musste an der Straße entlanggehen, es war ja weit und breit nur Acker; sie hatten diesen Burger King mitten auf den Acker gebaut. Vivian fiel ein, dass sie einmal mit der Klasse drüben in der Gärtnerei gewesen waren, die lag am Hang vom Buchenrück, so hieß der Hügel. Und da ging ein Weg drüber, der führte in den Ort. Sie erinnerte sich, dass ihr die Gegend da gefallen hatte. Aber ob sie sich jetzt nicht verlaufen würde? Sie schaute sich um, von Nadja und Lenny keine Spur zu sehen, und sein Kumpel hatte sich ins Cabrio gesetzt und die Musik voll aufgedreht, dass die Bässe wummerten und er dazu mit dem Schädel in die Luft hämmerte. Es war wirklich schön hier auf dem Hügel, obwohl noch nichts grün war oder blühte. Aber die Sonne schien, und Vivian kam sogar ein bisschen ins Schwitzen, als sie den Hang hochkraxelte; den Weg hatte sie nicht gefunden, aber die Richtung musste stimmen. Sie machte eine Pause und setzte sich ins Gras, das noch verblichen war vom Winter. Die Vögel zwitscherten, und Vivian dachte: 'Die Form von den Bäumen dort ist wirklich phantastisch.' Und sie bereute, dass sie ihr Skizzenbuch nicht dabei hatte. Aber Bäume hatte sie bis jetzt noch nicht gezeichnet und es wäre ihr vielleicht nicht gelungen. Da hörte sie jemanden mit einer Axt gegen einen Baum schlagen. Oder was war das sonst? Der schlug auf den Boden, es klang so dumpf. Waldarbeiter konnten das nicht sein, die haben Motorsägen, das hatte sie in der Gärtnerei erfahren, die eigentlich sogar eine Baumschule war, was immer das zu bedeuten hatte. Sie horchte, dann war es still, dann war es wieder da. Es musste einer allein sein. Sie ging dorthin. Dann sah sie, wie jemand an dem Abhang, wo nur einzelne Bäume standen, einen Erdhügel aufhäufte, in den er alle möglichen Äste hineinverbaute, offenbar sollte das ganze was aushalten können. Das war kein Waldarbeiter, auch kein Erwachsener, sondern ein Junge, aber er war älter als sie. Er hatte die Äste mit einer kleinen Axt abgeschlagen und mit der Rückseite von der Axt klopfte er alles fest, das hatte den Boden so vibrieren lassen. Er trug Jeans und Turnschuhe und ein kariertes Hemd und hatte schwarze Haare, und Vivian dachte: 'Bestimmt hat er ganz dunkle Augen', denn sie kannte auch so jemanden. Er sah richtig sportlich aus und arbeitete ganz geschickt und schaute sich zwischendurch immer an, was er gemacht hat, als würde er es prüfen. Sie hätte gern gewusst, was es eigentlich sein soll. Sie ging auf den Jungen zu, und wie sie näher kam, sah sie, dass er erstens wirklich älter sein musste als sie und dass er zweitens ziemlich gut aussah. Aber dass er hier so rumrackert wie ein Urmensch war seltsam. Vielleicht ist er nicht ganz dicht. Dann sollte man ihm nicht zu nahe kommen, wegen der Axt und so, dachte Vivian. Aber er hatte sie schon bemerkt und kurz zu ihr hingesehen. Sie ging einfach weiter, und aus den Augenwinkeln sah sie, dass er sie nicht weiter beachtete, sondern irgendein Loch in seinem Erdhaufen zustopfte. Er nahm auch Steine zu Hilfe, und plötzlich dachte Vivian, wenn er da nun jemanden verbuddelt, den er kaltgemacht hat? Sie blieb stehen und beobachtete ihn. Er warf die Axt ins Gras und ging den Abhang hinauf ...
|
| Alle Geschichten : |
|
Schneeregen
Klassenausflug Eine Arbeit für den Sommer Von oben ist alles näher Die Kiste Ein altes Pony
|
| downloaden für 2,00 Euro als HTML Datei |
Nach dem Bezahlen wirst du auf die Download Seite weitergeleitet. dort auf Link » zurück zu Gothaer Hefte « klicken |
| Sollte der Download nicht klappen, senden wir die gewünschte Datei als Anhang an Ihre Mail Adresse. |