Ein altes Pony

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Melissa hatte das Gefühl, dass Anne Marie sich bemüht, ihre Freundin zu werden. Anfangs tauchte sie überall in Melissas Nähe auf. In der Pause, wenn Melissa mit den anderen auf dem Schulhof stand, kam Anne Marie wie zufällig vorbei und grüßte sie.

Dann passierte es ein paar Mal, dass nach Stundenbeginn die Tür auf ging und Anne Marie kam hereingestürzt, angeblich hatte sie sich dann im Raum geirrt. Sie winkte ihr manchmal zu oder setzte sich beim Mittagessen immer an einen Nebentisch und redete so laut, dass man sie nicht überhören konnte, und als Melissa sich in die Liste für das Wochenpraktikum eingeschrieben hatte, stand als nächster darunter Anne Maries Name.

Melissa befürchtete schon, dass ihr Anne Marie sogar auf der Toilette begegnen würde, aber das geschah nicht. Dafür wäre sie mit ihr fast zusammengestoßen, als sie einen Nachmittag mit dem Rad in eine Seitenstraße einbog. "Hi", sagte Anne Marie, als habe sie drauf gewartet. Dabei hätte sich Melissa beinahe den Hals gebrochen.

Das konnte natürlich auch alles nur Zufall sein, und es gab immer mal Leute, die Melissas Bekanntschaft machen wollten, auch wenn das hauptsächlich Jungs waren. Dann gab Anne Marie eines Tages wieder mitten in der Pause auf dem Hof Melissa eine Einladung zu ihrem Geburtstag, ach was, sie gab sie ihr nicht bloß, sie überreichte sie fast feierlich. Die anderen mussten grinsen und Melissa war das total peinlich. Natürlich ging sie nicht hin.

Und danach war es eine Weile ruhig und sie ließ sich nicht blicken, und das war eigentlich noch schlimmer, weil Melissa dauernd nach ihr Ausschau hielt. Schließlich besorgte sie sich Anne Maries Handynummer und rief sie an. Sie sagte, dass sie nicht zu ihrem Geburtstag kommen konnte, weil sie da schon was vorhatte. Anne Marie antwortete "Ach, du warst nicht da? Ist mir gar nicht aufgefallen, es waren so viele da. Schade. Hast du was verpasst, es war 'ne total geile Party." Geil, das Wort passte absolut nicht zu ihr, und Melissa hätte am liebsten laut losgelacht, es war auch das einzige Mal, dass sie Anne Marie das Wort geil sagen hörte. Aber am meisten wurmte es Melissa, dass sie sie nicht vermisst hatte; angeblich jedenfalls, denn das konnte ja auch nur so'n Trick von ihr sein.

Danach war's jedenfalls wieder ruhig, und Melissa dachte, das war doch kein Trick, das zwischen ihnen hatte sich wohl erledigt, auch wenn Melissa gar nicht richtig wusste, was es gewesen war. Dann klingelte irgendwann Melissas Handy, und sie war es und sie redete, als wenn sie sich vor 'ner Stunde zuletzt gesehen hätten. Ob sie sie nachher besuchen will, fragte sie Melissa. "Du mich?" "Nee, du kommst zu mir." Melissa war für einen Moment sprachlos, das klang, als sollte sie Anne Marie gehorchen. "Wie denkst du dir das? Ich weiß ja nicht mal genau, wo du wohnst", sagte sie dann. "Kein Problem", erwiderte Anne Marie, "ich lasse dich abholen, okay?" "Ja, aber ..." "Also bis dann, ich freu' mich."

Noch ehe Melissa begriffen hatte, wie sie das meinte, klingelte es an ihrer Haustür, und da stand ein Mann mit einem Auto und fragte sie, ob sie Melissa sei, sie sagte ja, und er sagte, er soll sie zu Anne Marie bringen. Als sie fuhren, fragte sie ihn, ob er so was wie'n Schofför sei. Er lachte und meinte nein, er wäre bloß gerade da gewesen. Aber später sah Melissa, dass er doch so'ne Art Schofför bei Anne Maries Eltern war, nur dass er auch noch andere Arbeiten da erledigte.

Sie fuhren in das Gartenviertel, wo es total idyllisch ist und die Straßen nur Wege heißen und nach Baum oder nach Vogelarten benannt sind, und wo hinter hohen Hecken die tollsten Häuser stehen.

Vor einem davon hielten sie und der Fahrer drückte irgendwo drauf und das Gartentor ging von selbst auf und er fuhr bis vors Haus. Er war so schnell ausgestiegen, dass er bei Melissa die Wagentür öffnete und ihr raushalf, und sie musste dabei lachen. Anne Marie erwartete sie schon und begrüßte sie freundlich, aber nicht irgendwie aufdringlich, dachte Melissa. "Ihr wohnt ja nicht schlecht", sagte Melissa. "Geht so", meinte Anne Marie, "in Hamburg haben wir besser gewohnt." "Warum seid ihr weggezogen?" "Mein Daddy ist hier ans Gericht gekommen." "Vor's Gericht?" "Nee, nicht vor Gericht, er ist hier Richter, genau gesagt Staatsanwalt." "Meine Güte. Werdet ihr da auch bedroht?" Anne Marie sah sie verständnislos an. "Wieso bedroht?" "Na, vom Syndikat oder von denen, die dein Daddy verknackt." Anne Marie lachte. "Du hast wohl zu viel Krimis geguckt. Du kannst dich jedenfalls hier sicher fühlen. Komm' nur erst mal rein."

Anne Marie war irgendwie anders als sonst in der Schule, sie redete nicht so schnell und nicht so laut und manchmal sprach sie einen Satz nicht zu Ende, sondern machte nur eine Handbewegung. Vielleicht lag es daran, dass sie hier zu Hause für sich war und nicht mitten in einer Menge anderer Leute, dachte Melissa; sie selber ist ja auch oft anders, wenn es nicht drauf ankommt, dass man irgendwo einen besonderen Eindruck machen muss.

Drinnen im Haus war alles superfein eingerichtet, mit wertvollen Möbeln, die entweder antik waren oder irgendwelche Designerstücke. Und Teppiche lagen da rum, so gewaltig, dass Melissa sich kaum traute, drüberzulaufen. Aber Anne Marie achtete gar nicht drauf, warum auch, sie wohnte ja hier.

Es war alles ordentlich und aufgeräumt und sauber, kein Stäubchen war irgendwo zu sehen, und die Fenster waren so sauber und klar, dass man glauben konnte, es wären keine Scheiben drin. Von dem ersten Raum, der eher eine Vorhalle war, gingen lauter offene Türen nach allen Seiten, und Melissa sah in einem anderen Zimmer einen großen Tisch mit einem hellen Tischtuch und einer riesigen Vase mit Blumen darauf.

Dann kam aus einem dieser Zimmer plötzlich ein Hund angerannt und beschnüffelte Melissa und wedelte mit dem Schwanz. "Das ist Fritz", sagte Anne Marie. "Hallo Fritz", sagte Melissa und streichelte ihn, was er sich gern gefallen ließ. "Ist das euer Wachhund?" Anne Marie zog die Augenbrauen hoch. "Nee, dafür wär' der viel zu blöd. Ich weiß nicht, was du denkst, das hier ist keine Festung oder so was." "Nee, ich mein' ja nur so. Das weiß ich auch, dass ihr nich in 'ner Festung wohnt." "Komm' hier rein, hier haben wir unsere Ruhe." Melissa dachte, Ruhe wovor? Es ist doch im ganzen Haus ruhig, nicht mal der Hund bellt.

In dem Raum, wo sie hineingingen, stand neben zwei Kübeln mit Palmen ein Tisch und drei Rohrstühle, und daneben stand so ein richtiger Käfig, in dem hockte auf einer Stange ein knallbunter Papagei. Und wie sie eintraten, fing er an zu krächzen und dann sagte er was und zwar "Herzlich Willkommen" und "Glück im Unglück" und dann noch "Mach dich vom Acker" und dann wieder von vorn. Melissa musste lachen. Anne Marie brachte ihn zum Schweigen.

Sie setzten sich, und wie auf ein Signal kam eine Frau in einer Schürze um die Ecke und brachte auf einem Tablett zwei Gläser mit Fruchtsaft und eine Schale mit Pralinen. Melissa sagte danke und Anne Marie fragte "Isst du so was?" "Nee, Schokolade esse ich nicht." "Ich auch nicht", sagte Anne Marie und Melissa dachte, das war jetzt wie zwischen kleinen Mädchen, die noch nie verliebt waren.

Sie wollte fragen, ob das ihre Haushaltshilfe sei, aber sie verkniff es sich, und Anne Marie sagte "Trink mal einen Schluck ab", stand auf und holte aus einem Schränkchen eine Kristallflasche aus geschliffenem Glas und sie schüttete daraus was in ihre Gläser. "Fragst du dich nicht, warum ich dich eingeladen habe?" Melissa sagte "Nö, ich hab' das gar nicht als Einladung aufgefasst." "Ach so? Als was denn?" "Weiß nicht."

Sie hätte jetzt überhaupt mal fragen können, was Anne Marie eigentlich von ihr will, denn das war ja nicht zu übersehen, dass sie was von ihr will. Aber dann fragte sie "Kommen dich immer viele besuchen?" "Wen meinst du?" "Na, was weiß ich, ich frage dich ja." "Nicht oft. Ich bin auch meistens gar nicht zu Hause, ich meine nach der Schule und so." "Kannst du auch wegbleiben?" fragte Melissa. "Meine Eltern hätten nichts dagegen." Sie hätten nichts dagegen, dachte Melissa, das muss aber nicht heißen, dass Anne Marie wirklich wegbleibt.

"Zeigst du mir dein Zimmer?" Anne Marie verschluckte sich an dem Saft, oder tat jedenfalls so. "Oh, mein Gott, das kann ich niemandem zeigen, da sieht's aus wie nach 'nem Bombenanschlag." "Keine Sorge, ich räum' nicht auf." Anne Marie lachte. "Okay, aber du darfst keine Fragen stellen." Das verstand Melissa nicht.

Sie gingen eine Treppe hinauf, und so schlimm war es gar nicht, nur ihre Klamotten lagen überall verstreut und ein Haufen Bücher, manche aufgeklappt. "Liest du viel?" "Ziemlich viel, du nicht?" "Nee, ist mir zu anstrengend, und bringt mir auch nicht viel, hab' ich festgestellt." "Vielleicht liest du die falschen Bücher." "Vielleicht, ja, schon möglich."

Ihr Blick fiel auf ein paar Fotos, die in verzierten Rahmen auf einer Kommode standen. Auf einem war Anne Marie und ein Junge zu sehen, sie hatten die Arme um ihre Schultern gelegt; er sah gut aus. "Ist das da dein Freund?" "Wer?" "Na, hier der, den du grade umarmst." "Er umarmt mich." Melissa machte eine Miene, als wollte sie sagen: Entschuldige, dass ich gefragt habe. "Nein, das ist mein Bruder." "Du hast einen Bruder? Wusste ich gar nicht." "Ich auch nicht." Melissa sah Anne Marie erstaunt an.

Sie saß im Schneidersitz auf ihrem ungemachten Bett. Dann lachte sie albern, und Melissa dachte, sie ist schon wieder völlig verändert. "War nur 'n Scherz", sagte sie. Melissa schaute das Foto nochmal an, na ja, ein bisschen Ähnlichkeit hatten die beiden schon.

"Was ich vorschlagen wollte, hast du Lust mit zu reiten?" "Wann? Jetzt?" "In nächster Zeit. Kannst du reiten?" "Ich hab' mal mit meinen Eltern Urlaub auf'm Bauernhof gemacht, da konnte man auch reiten, war ich aber noch klein." "Das verlernt man nicht." "Vorausgesetzt, dass man's erstmal gelernt hat." "Du wirst das schon schaffen." "Habt ihr Pferde?" "Zwei. Die sind auf 'nem Gestüt hier in der Nähe."

Für einen Moment dachte Melissa, sie würde sich das nur ausdenken, irgendwie passte das alles nicht dazu, wie sie Anne Marie in der Schule erlebte. Und dann dachte sie was ganz Komisches: Wenn sich Anne Marie bloß heimlich hier eingeschlichen hatte und so tat, als würde sie hier wohnen und mit dem ganzen Zeug hier und mit den Pferden rumprotzt. Aber dann hätte sie der Fahrer nicht gekannt und das Dienstmädchen auch nicht, und der Hund hätte auch nicht so gut mitspielen können.

Trotzdem musste sie bei dem Gedanken lachen. "Worüber lachst du?" fragte Anne Marie. "Ach nichts, ich stell' mich bloß grade auf'm Pferd vor." "Also kommst du mit?" "Na, ja warum nicht." "Schön", sagte Anne Marie, sprang vom Bett auf und kam auf Melissa zu und gab ihr einen leichten Kuss auf die Wange, und Melissa merkte, wie sie rot wurde.

Eine Woche später waren sie draußen auf dem Gestüt, das lag mitten im Grünen und man konnte von da aus ewig weit umherreiten. Da war ein Junge, der die Pferde versorgte und mit allem Bescheid wusste, er und Anne Marie schienen sich gut zu kennen, und er erklärte Melissa alles und half ihr beim ersten Mal.

Sie machten erst nur kleine Runden; Melissa gewöhnte sich schnell an ihr Pferd und es machte ihr auch keine Schwierigkeiten. Es gefiel ihr, und als Anne Marie sie fragte, ob sie übermorgen wieder mitkommt, sagte sie gleich ja.

Sie ging vier oder fünf Mal mit, jedesmal fuhr der Mann, der Melissa abgeholt hatte, die beiden zum Gestüt, er hieß Hans und meistens wartete er die ganze Zeit, während die Mädchen im großen Bogen durch die Wiesen und Felder ritten. Sie waren jetzt auch in der Schule öfter beisammen und manchmal verabredeten sie sich am Nachmittag und gingen shoppen oder Eis essen.

Melissa besuchte Anne Marie mit dem Rad, und sie saßen auf den Korbsesseln zwischen den Palmen und quatschten über alles Mögliche, und der Papagei war mucksmäuschenstill, als würde er sie belauschen. Anne Marie bot Melissa auch an, dass sie Klamotten von ihr anzieht, aber Melissa lehnte es ab.

Einmal fragte sie Anne Marie, was ihr schon lange auf dem Herzen lag, ob sie nämlich die Reitstunden selber bezahlen soll, wenn ja, dann könnte sie leider nicht mehr länger mitkommen. Dabei wusste sie gar nicht genau, was es kostet. Anne Marie sagte, sie würde ihr damit bloß eine Freude machen wollen. Als Melissa fragte, aus welchem Grund, da antwortete sie nicht gleich und sagte dann, dass ihr Vater dort sowieso freie Reitstunden hat, weil ja seine Pferde da stehen.

Aber Melissa hatte mitgekriegt, dass das nicht die Pferde von ihrem Vater sind, auf denen sie ritten, sondern andere vom Gestüt. Sie sprachen nicht mehr über die Bezahlung. Anne Marie wollte nicht mehr so große Runden durch die Felder machen, sie wollte lieber nur bis zur Koppel reiten, wo auch Pferde und Ponys und sogar zwei Esel weideten. Sie machten dort Halt und kletterten auf den Holzzaun oder setzten sich ins Gras.

Eines Tages kam Anne Marie nicht wie sonst mit Hans angefahren, sondern mit ihrem Bruder Robert, den Melissa von dem Foto kannte. Er fuhr den Landrover von ihrem Vater, und er sah in Wirklichkeit viel jünger aus als auf dem Foto.

Er und Melissa begrüßten sich und sie fragte, wieso sie ihn noch nie gesehen hat, obwohl sie schon so oft bei Anne Marie war. "Klar hast du mich schon gesehen", sagte Robert und er erwähnte irgendeine ganz kurze Begegnung, als sie kam und er grade wegging. "Ach ja, stimmt", sagte Melissa und lachte, und sie entdeckte, dass er richtig schöne blaue Augen hatte.

Sie wollte fragen, ob er auch mit ausreitet, doch Anne Marie kam ihr zuvor und sagte, Robert kommt heute mit. "Aber nur bis zur Koppel", sagte er, und Anne Marie murmelte irgendwas, und Melissa dachte, woher weiß er, dass wir immer dorthin reiten? Er konnte von den dreien am besten reiten und war immer ein Stück vorneweg. Anne Marie rief nach ihm und schimpfte, Melissa kam es so vor, als wäre er zu schüchtern. Er war Anne Marie auch überhaupt nicht ähnlich.

Melissa fragte ihn, ob er auch Anwalt werden will. Ihn verwunderte die Frage. "Wieso?" "Na, weil doch dein Vater Anwalt ist." "Ach so, vielleicht ja, weiß ich noch nicht genau." Sie sah, dass er sehr unsicher war. Aber irgendwie war er ein netter Typ. "Kommst du nächstes Mal wieder mit?" Er schien zu überlegen, Anne Marie sagte schnell "Klar kommt er mit", und Melissa dachte, dass sie Robert womöglich mit ihr verkuppeln will. Er ist nett und hübsch ist er auch, aber als Freund kommt er wohl nicht in Frage.

Anne Marie arrangierte es immer so, dass Robert und Melissa ziemlich nahe zusammen waren; einmal ließ sie die beiden vorausreiten, weil sie angeblich irgendwas vergessen hatte, und dann tauchte sie so überraschend auf, dass Melissa einen Schreck bekam. Auch wenn Melissa glaubte, dass sie weiß, was Anne Marie im Schilde führt, so bekam sie doch nichts oder fast nichts über Robert heraus.

Beim dritten oder vierten Mal, als sie zur Koppel geritten waren, geschah folgendes: Sie standen am Zaun und redeten über was, da sagte Robert "Was ist denn das für ein Klepper?" Die Mädchen schauten hin, auf der gegenüberliegenden Seite stand ein völlig abgemagertes Pony, das vorher noch nie hier war.

Sie kletterten über den Zaun und liefen hinüber. Das Pony sah sie kommen, hatte aber keine Angst und ließ sich auch anfassen; aber Anne Marie befürchtete es umzuschmeißen, denn es konnte sich grade so auf den Beinen halten. Es war anscheinend schon eine alte Ponystute. Die Rippen drückten durch die Haut durch, und das Becken war wie ein dunkel angestrichenes Skelett. Nur in den Augen erkannte man noch etwas richtig Lebendiges.

Anne Marie sagte "Mein Gott, das ist ja halbtot." "Gehört die auch euch?" fragte Robert. Anne Marie sah ihn drohend an. "Was heißt euch? Du weißt doch selber, was uns gehört." Sie sprach mit ihm wie mit dem Papagei, wenn er still sein soll. "Wie kommt die hierher?" fragte Melissa.

Robert entdeckte am Koppelzaun Fahrzeugspuren, und da waren die Holzlatten weggenommen und falsch wieder eingefügt worden. "Das hat jemand hergeschafft", sagte Anne Marie, "wir müssen Herrn Wehemeyer Bescheid sagen, das Tier braucht dringend ärztliche Behandlung."

Das Pony stand regungslos daneben, aber es hatte sich schon so zur Seite geneigt, dass es beinahe komisch aussah, wie wenn es mal vor langer Zeit im Zirkus aufgetreten wäre. Anne Marie stieß einen kurzen Schrei aus und ging dann auf die andere Seite und drückte das Pony ganz vorsichtig wieder aufrecht. "Stop, das reicht", sagte Robert, "sonst fällt es hier herüber." Melissa musste kichern, und auch Robert machte eine Grimasse.

Anne Marie sagte "Ihr findet das wohl auch noch witzig; schon mal was von Tierquälerei gehört." "Mir tut es ja auch Leid", sagte Melissa und musste sich das Lachen verkneifen. "Das wollte jemand loswerden", sagte Robert. "Aber wieso gerade hier?" sagte Melissa und zwang sich ernst zu sein. "Na, wo würdest du denn 'n Pony loswerden wollen, wenn es dir gehört hat? Auf einer Koppel findet es sicher jemand, siehst du doch. Da muss es nicht verrecken." "Mensch, rede nicht so", rief Anne Marie, und Melissa sah, dass sie richtig wütend auf ihn wurde.

Aber Robert merkte das nicht, und obwohl auch Melissa ihn unterbrechen wollte, plapperte er weiter und redete lauter so 'n Zeug, wie man was loswerden könnte, das man eigentlich liebt und das man aus irgendwelchen Gründen nicht behalten kann, und wie man aber trotzdem dafür sorgt, dass es in gute Hände kommt.

Und dann sagte er "Das ist wie diese Babyklappe, wo du dein Baby abgeben kannst ohne dich selber melden zu müssen." "Hör auf", schrie ihn Anne Marie so laut an, dass sogar das Pony zusammenzuckte, und sie wollte noch was zu ihm sagen, aber ihr steckte wie ein Kloß im Hals und ihre Stimme versagte und sie drehte sich um und rannte weg. Melissa und Robert liefen hinterher.

Sie sagten auf dem Gestüt Bescheid und fuhren dann zurück; Anne Marie sagte kein Wort mehr. Das war übrigens das letzte Mal, dass sie zusammen ausreiten waren. Melissa und Anne Marie machten zwar noch ein paar Sachen gemeinsam, aber sie verabredeten sich immer seltener und auch in der Schule grüßten sie sich bloß.

Im Herbst war Anne Marie nicht mehr da, und Melissa erfuhr, dass sie weggezogen waren, ins Ausland, weil ihr Vater irgendeine Stelle an einem europäischen Gerichtshof bekommen hatte.




Eine Arbeit für den Sommer
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Schneeregen
Ein altes Pony