Von oben ist alles näher

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Sie borgten sich ein Fahrrad für Linus von der Nachbarfamilie, wo ein Mädchen war, das ungefähr so alt war wie Linus. Linus weigerte sich zuerst, auf einem Mädchenfahrrad zu fahren, und Betty fragte, was daran schlecht wäre, man würde nicht mal sehen, ob es eins für Mädchen oder für Jungen ist. Linus sagte, das würde man eindeutig sehen, und man sollte ja mal die fragen, der es gehört, für was sie es hält. Er druckste ewig rum, und Betty sagte schon, dann soll er eben dableiben und Großmutter beim Mittagessen helfen, das wollte er aber auch nicht unbedingt.

Bis Großvater merkte, was Linus wirklich störte, das war nämlich der Fahrradsattel, der ein Stück zu hoch war, weil das Mädchen von nebenan größer als Linus war. Großvater ging rüber und fragte, ob sie den Sattel kurzzeitig runterschieben dürfen, und er kam zurück, und das Mädchen kam auch mit und schaute arwöhnisch zu, wie Großvater den Sattel lockerte und ein Stück nach unten schob, und Linus tat so, als würde es für jemand anderen gemacht werden.

Dann fuhren sie los, erst ein Stück am alten Bahngleis entlang, das von Gras und Kraut überwuchert war, und Großvater erzählte, dass da die letzte Bahn vor zwanzig Jahren gefahren ist. Dann kamen sie an einem großen halbverfallenen Haus vorbei, wo die Fensteröffnungen zugemauert waren, und Großvater sagte, dass das mal eine Porzellanfabrik gewesen wäre.

Betty radelte vorneweg und rief immer zu Großvater hin, wo es lang geht. Er rief "links" oder "rechts", und er fuhr immer im großen Gang, wie er es gewöhnt war, weil er früher mal als Radrennfahrer trainiert hatte und für sein Alter noch gut in Form war. Linus strampelte hinterher, aber er tat nur so, als müsste er sich anstrengen.

Sie fuhren auf einem Feldweg, wo unzählige Grillen zirpten und hoch in der Luft zwitscherten die Lerchen. Sie kamen an einen kleinen Hügel, wo drei riesige Laubbäume standen, und Großvater erzählte, dass das ein altes Grab wäre aus der Bronzezeit.

Da knatterte es von drüben aus dem Wäldchen, eine Salve aus einer Maschinenpistole, und Großvater meinte, das wären die Soldaten aus der Scherhauskaserne, die machen mal wieder eine Übung im Gelände. Linus sagte "Es wundert mich, dass die schon Feuerwaffen haben." Die beiden sahen ihn fragend an. "Na ja", murmelte Linus, "wo hier doch alles mindestens tausend Jahre alt ist."

Dann knatterte es wieder und es gab auch eine Detonation, und dann hörte man aufgeregte Stimmen vom Wäldchen her. Betty war das nicht ganz geheuer, aber Großvater sagte, die würden nur mit Platzpatronen schießen und die Granaten wären nur so Rauchknaller. "Und warum schreien sie dann so rum?" fragte Betty. "Damit sich's echt anhört", sagte Linus.

Vorsichtshalber wollte Großvater nicht da lang fahren, und dann erinnerte er sich auch, dass in der Zeitung stand, die Leute werden gebeten, sich von den Soldaten fernzuhalten. "Wie, fernhalten?" fragte Betty und Linus sagte wieder "Auf Schussweite." "Ist gut jetzt", sagte Großvater, "gehen wir ihnen einfach aus dem Weg, wir können die nicht gebrauchen und die uns nicht." "Wir wären ganz gute Zielscheiben", sagte Linus hartnäckig, und es schien, als wollte er sich noch wegen der Sattelgeschichte revanchieren. Großvater sagte nichts weiter, sondern stieg wieder aufs Rad und fuhr los.

Eine Weile später rief Linus was und deutete über das Feld, da sah man einen Trupp Soldaten mit Stahlhelmen wie Pilzköpfe, die in zwei Reihen hintereinander marschierten, und obwohl sie noch ein Stück entfernt waren, konnte man sehen, wie sie ihre Sturmgewehre im Hüftanschlag hielten.

Betty hatte sich nach hinten fallenlassen und fuhr jetzt als zweite, und dann rief sie Großvater zu "Bist du sicher, dass es da lang geht?" Er antwortete nicht. Der Weg machte einen Bogen, und man konnte ihn nicht verlassen, weil zu beiden Seiten Getreide stand.

Dann erkannte Betty, dass sie und die Soldaten auf demselben Weg waren, was nichts anderes bedeuten konnte, als dass sie sich aufeinander zu bewegen. Großvater drehte sich um und sagte "Keine Sorge, wir fahren einfach an ihnen vorbei. Das ist kein Übungsgelände, wir dürfen hier lang fahren." Betty nickte wie zu ihrer eigenen Beruhigung.

Linus wollte entgegnen, dass es aber hier doch verdammt nach Übungsgelände riecht, da waren sie schon nahe an den Soldaten dran, und er sah, dass es unmöglich war, an ihnen vorbeizufahren, weil sie direkt am Wegrand marschierten. Großvater bemerkte das auch und er sagte, sie sollen dazwischen durchfahren.

Es waren ungefähr dreißig Leute, sie hatten Felduniformen an und waren ziemlich bepackt mit Ausrüstung. Sie hatten sich die Gesichter schwarz gefärbt und sie waren stumm; man vernahm nur ihre schweren Stiefelschritte auf dem Erdboden. Linus stellte fest, wohin sie die Läufe ihrer Sturmgewehre richteten. An der Spitze lief ein Offizier ohne Ausrüstung, er grüßte Großvater kurz aber freundlich.

Betty hielt die Luft an; sie fuhren hindurch. Die letzten hatten Mühe, Schritt zu halten. Linus war drauf und dran, ihnen noch 'Glück auf' zuzurufen Großvater war ja früher Bergmann gewesen aber der eine fuchtelte so mit seinem Gewehr rum, dass er lieber die Klappe hielt.

Danach sagte Betty, sie müssten jetzt unbedingt Frühstück machen. Sie suchten sich ein hübsches Plätzchen unter einer Linde, und Großvater und Betty packten den ganzen Proviant aus, während Linus noch Ausschau nach den Soldaten hielt, aber sie waren verschwunden.

Dann fuhren sie weiter, und an dem Weg nach dem einen Dorf hin saß der junge Mann an seinen Rucksack gelehnt. Als sie herankamen, erhob er sich langsam und machte ein paar Schritte. Er war groß und hatte lange braune Haare, zu einem Pferdeschwanz gebunden. Er hatte ein zerflettertes Buch in Händen, das er zuklappte.

Er sagte "Entschuldigung, hier soll es irgendwo so einen Nationalpark geben." Er schaute sie alle drei lächelnd an; Bettys Herz klopfte plötzlich. Man sah, dass er keine Ahnung hatte, wo er war, aber auch, dass ihn das überhaupt nicht weiter kümmerte. Er war hübsch und ein bisschen verlegen. Er schaute Betty an und dann Linus, und Betty dachte, er guckt so, als würden wir ihm irgendwas mitbringen.

Großvater überlegte, was er meinen könnte, dann antwortete er "Den Schwarzbachpark? Meinen Sie den?" Der Mann nickte und lächelte, aber er hätte wahrscheinlich auch genickt, wenn Großvater gesagt hätte: Den Amazonas, meinen Sie den? "Der ist mal ganz grob gesagt in der Richtung." Großvater streckte den Arm aus. "Dort?" fragte der Mann und er war wohl enttäuscht, dass er da nichts weiter sehen konnte.

"Wollen Sie da hin?" fragte Linus. "Ja", erwiderte er und wandte sich wieder an Großvater "Wie kommt man da am besten hin?" "Du liebe Güte, das sind sicher noch fünfundzwanzig Kilometer von hier." Das hatte er nicht erwartet. "So weit?" sagte er, lächelte aber gleich wieder, als müsste er das verkraften. "Ich hab' das gesehen von dem Nationalpark, der hier sein soll. Von oben sieht alles viel näher aus." "Da sind Sie was zu früh ausgestiegen. Am besten Sie fahren mit dem Zug nach Elmershausen."

Er schwieg und schaute alle drei an, als hätte er grade einen Witz erzählt, über den niemand lachen kann, dann sagte er "Ich werde es mir überlegen." "Wo kommen Sie denn her?" fragte Großvater, und Betty dachte, das wollte ich ihn auch fragen. "Eigentlich aus Berlin." "Und was machen Sie in Berlin?" fragte Betty. "Ich bin Student." Sein Blick ruhte auf ihrem Gesicht.

Großvater sagte "Und jetzt wollen Sie zum Schwarzbachpark." "Bitte?" Linus sagte "Es ist vielleicht nicht gut, sich allein hier rumzutreiben." "Bitte?" sagte er zum zweitenmal, und Großvater und Betty schauten Linus an. "Na ja, hier laufen 'ne Menge Soldaten rum." "Ja, hab' ich schon gesehen."

"Die schießen nur mit Platzpatronen", sagte Betty. "Solche", entgegnete er leise und scharrte mit der Fußspitze über den Sand, wo lauter braune Patronenhülsen herumlagen. Keiner von den dreien hatte sie voher bemerkt. Aber zwischen den braunen Hülsen lag eine aus Metall und glänzte wie Messing. "Mann, das ist ja 'ne scharfe", rief Linus und hob sie auf. Er gab sie Großvater, der sagte "Die ist auch leer."

Betty sagte "Heißt das, die haben damit geschossen?" Und sie sah den Studenten an. Sie glaubte, er würde ihr zuzwinkern, aber dann drehte er sich schnell um in die Richtung, wo der Schwarzbachpark sein soll. Großvater stieg wieder auf sein Rad und sagte "Also dann. Heute kommen Sie jedenfalls nicht mehr dorthin." Er fuhr schon los, da fügte er noch hinzu "Sie könnten ja bei uns in der Scheune übernachten."

Der Mann sagte schnell "Geht das?" Betty wollte etwas einwenden, aber Großvater sagte "Da müssten Sie bis Walsleben laufen." "Na ja", erwiderte er und holte komischerweise wieder sein Buch hervor, als wollte er jetzt weiterlesen. Dann rief er hinterher "Wie heißen Sie denn?", und Linus rief zurück "Linus." Großvater rief seinen Namen.

Als sie zwei Stunden später zu Hause ankamen, saß der Student bei Großmutter am Küchentisch und sie tranken Tee und erzählten sich beide. Am Abend ging er in die Scheune, rollte seine Isomatte und den Schlafsack aus und Linus war noch eine Weile bei ihm und fragte ihn was.

Betty schlief in der Kammer. In der Nacht wäre sie beinahe einmal aufgewacht, als sie das Gefühl hatte, jemand würde ihre Wange streicheln. Morgens war der Student weg; Großmutter hatte ihm Tee gekocht und ein Leberwurstbrot mitgegeben. Linus sagte, er hätte gesagt, er wäre ein Frühaufsteher.

"Der weiß doch gar nicht, wohin er laufen muss", sagte Großvater skeptisch. Linus meinte, er habe gesagt, von oben sieht alles viel näher aus, da hat er vielleicht 'ne Wanderkarte bei sich. "Der sah mir nicht so aus, als würde er mit Karten umgehen können. Oder was meinst du, Betty?" sagte Großvater. Betty zuckte mit den Schultern; sie fuhr sich mit den Fingern über ihre Wange.

Da sagte Linus "Vielleicht war es ein Engel." Sie sahen ihn alle verwundert an und dann mussten sie lachen. Aber Linus beharrte darauf "Na klar, Engel sehen auch erst alles von oben. Vielleicht war er bloß falsch gelandet." Großvater schüttete sich aus vor Lachen, und Großmutter sagte immer wieder "Was für eine Phantasie der Junge hat." Linus fiel noch was ein. "Oder er wollte uns warnen vor den Soldaten, dass wir nicht getötet werden."

Betty konnte nicht mehr weiterlachen. Sie sagte ziemlich grob zu Linus "Mann, du hast doch mitgekriegt, dass das nur 'ne Übung war." Und Linus erwiderte "Ja diesmal vielleicht, aber beim nächsten Mal wird's ernst."




Eine Arbeit für den Sommer
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Ein altes Pony