| Die Kiste |
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Es ist nicht so, dass Jannik und Kasim ständig auf dem Bahnhof rumhängen und die Leute verarschen. Aber da kann man nun mal die schrägsten Gestalten treffen, wie diesen Typ, der Kasim gefragt hat, ob er ihm einen Fuffi wechseln kann, weil er angeblich Kleingeld zum Pinkeln braucht. Kasim hat gesagt, er kennt den Mann unten bei den Toiletten, und der würde ihn auch mal ohne die fünfzig Cent pinkeln lassen, wenn's ganz dringend ist.
Aber Kasim hat natürlich gleich gemerkt, was der eigentlich wollte, und den Mann unten im WC den kennt er überhaupt nicht. Der Typ hat gefragt, ob Kasim mitkommen würde, und Kasim hat ja gesagt, und der Typ hat gefragt, ob sein Kumpel auch mitkommt und dabei auf Jannik gezeigt. Und Kasim hat gesagt, ja, er würde auch mitkommen, aber bei ihm müsste man aufpassen. Wie aufpassen, hat der Typ gefragt, und Jannik musste beinahe lachen, was sich Kasim alles ausdenkt, wenn er die Leute verarscht. Aber er lachte nicht, sondern machte so'n Gesicht, wie wenn er irgendwas hätte. Kasim wollte natürlich nicht wirklich da runter gehen, und hat gesagt, unten ist sowieso gerade alles besetzt, und er kennt 'ne Stelle hinten bei den Gleisen in so 'ner Ecke, da wäre es besser, und da muss man auch nicht so leise sein, weil sowieso die Züge vorbeifahren. Aber nicht dass da Ratten sind, hat der Typ gesagt, aber Kasim hat gemeint, da wären keine Ratten, bloß 'n paar Tauben, aber die wären ja hier überall. Die sind wirklich 'ne Plage, stimmt's Jannik, hat Kasim gesagt, und Jannik hat genickt, und der Typ hat gesagt, dann wollen wir mal gleich da hin gehen, und Kasim war das klar, dass er's eilig hatte. Jannik hat gesagt, den Schein müsste man aber trotzdem wechseln, und der Typ meinte, ach, der kann auch reden? Der kann auch noch 'n paar andere Sachen, gab Kasim zurück, und der Typ sagte, ihr kriegt das Geld, wenn wir da sind. Dann sind sie die Rolltreppe runter auf den Bahnsteig und da lang gelaufen bis ans D-Gleis und wollten dort rüber zu dem Versteck, das Kasim meinte. Auf dem Bahnsteig lagerte diese Familie, die waren grade angekommen und wussten nicht richtig weiter. Die hatten mindestens fünfzig Kinder und 'n Berg von Gepäck, Koffer, Taschen, Säcke, alles so vollgepfropft und zusammengedrückt, als wenn 'ne Herde Elefanten drauf geschlafen hätte. Aber die hatten wohl selber in letzter Zeit immer drauf geschlafen. Die sahen ganz schön fertig aus, sogar die kleinen Kinder hingen bloß noch rum wie aufgeweichte Lappen. Und wie sie da vorbei gehen, fällt Kasim diese Kiste ins Auge, das war so eine Kiste, da stand was drauf in irgendso'ner Kalaffensprache. Kasim hat das aber gleich gelesen, weil er selbst da aus Afrika oder Vorderindien herkommt, und Jannik wusste das, weil Kasim damals zu ihm in die Schule gekommen ist und er sollte sich neben ihn setzen, weil da noch 'n Stuhl frei war, und seit der Zeit sind sie Freunde. Kasim sagte jetzt zu Jannik, guck' mal, die kommen aus meiner Heimatstadt, wo ich mal gewohnt habe. Jannik fragte, woher er das wüsste, Kasim sagte, auf der Kiste wär' der Name von einer Firma, die bei ihm zu Hause Sachen verkauft, Ersatzteile und so was, das stand da drauf, aber das konnte natürlich nur jemand lesen, der es wusste. Die hingen alle an dem Mann dran, der wohl so was wie'n Familienhäuptling war, an dem hingen dem seine Frau und die fünfzig Kinder dran, damit sie sich nicht verlieren da auf'm Bahnhof. Der Mann und Kasim sahen sich gegenseitig, und Kasim sagte was zu ihm in seiner Kalaffensprache. Da war der Mann froh, dass jemand mit ihm redet, den er versteht und sie sagten was. Der Typ mit dem Fuffi sagte zu Jannik, was das jetzt werden soll und ob sie ihn verarschen wollten. Kasim gab Jannik ein Zeichen und sagte, geht schon mal hin, ich komm' gleich, und zu dem Typ sagte er, mein Kumpel fängt schon mal an. Der Typ war sich nicht sicher, aber Jannik sagte, ich weiß wo das ist, da können wir's machen, und der Typ hatte's wohl richtig nötig und ging mit, aber Jannik wusste ehrlich gesagt gar nicht, was er machen sollte. Es ging jetzt nur noch um den Fünfziger. Wie Kasim und der Mann, die beide aus Ätiopien oder von wo herkamen, miteinander redeten, da kam was durch den Bahnhofslautsprecher und das hieß, dass sie diese Flüchtlingsfamilie aufrufen, damit sie sich da melden sollen. Der Mann hätte das gar nicht mitgekriegt, aber Kasim hatte es gehört und übersetzte es dem Mann in seine Kalaffensprache, und da brach sofort die Panik bei denen aus. Jannik und der Typ waren schon fast am Ende vom Gleis und wollten rüber zu dem Schuppen, da hörte Jannik das Geschrei von der Häuptlingsfamilie und drehte sich um. Und das lief so ab: Der Häuptling wollte natürlich gleich da hin gehen, aber die Frau und die Kinder ließen ihn nicht weg ohne mitzukommen, die hingen ja alle an dem dran wie'n Haufen Fliegen. Da ging das hin und her. Kasim erklärte dem das noch mal und der fragte immer wieder danach. Jannik sah das von weitem, der Typ sagte, wenn's jetzt nicht gleich was wird, sucht er sich 'n andern. Und dann wurden die vorne sich einig und der Familienhäuptling fragte Kasim, ob er mal für 'n Moment auf das ganze Zeug aufpassen kann, damit sie da hin gehen können, wo sie sie durch den Lautsprecher hingerufen haben. Kasim sagte, ja für'n Moment kann er das machen und er gab Jannik 'n Zeichen. Jannik und der Typ gingen rüber zu dem Schuppen und Jannik merkte, wie der Typ anfing loszulegen und er sagte, das wär' hier noch nicht die richtige Stelle, da könnten sie sie sehen und sie müssten noch da rüber, aber er dachte: Fuck! was mach' ich jetzt bloß? Und wie Kasim da bei dem ganzen Zeug rumstand, da passierte auf einmal was. Irgendjemand außer Kasim musste diese dämliche Kiste auch aufgefallen sein, aber der verstand nicht, was die Kalaffen da drauf geschrieben hatten, dass es nämlich nur von so einer Firma war. Sondern die dachten, das wär' jetzt 'ne Kiste, die da einer mitten auf'm Bahnhof heimlich abgestellt hat, damit sie in zehn Minuten in die Luft fliegt und 'n mächtiges Loch in den Bahnhof sprengt und drumherum alles zusammenkracht. Da gab es plötzlich Alarm und alles blieb stehen, die Züge und die Rolltreppen, und durch die Lautsprecher kam gar nichts mehr, und von überall her stürzten Einsatzkommandos rein und sperrten sofort alles ab, und die Leute wurden rausgeschafft, und es kamen immer mehr Sicherheitspolizisten und Terroristenjäger mit Vollausrüstung und schweren Knarren und die redeten alle über Funk durcheinander und funkten sich ununterbrochen gegenseitig zu. Alles drehte sich nur noch um die Kiste. Aber Kasim konnte noch rechtzeitig abhauen und er war zu Jannik gerannt; daran erkennt man den wahren Freund, dass er nicht irgendwohin abhaut, wenn's mal brenzlig wird, dachte Jannik. Kasim und Jannik und der Typ hatten sich bei dem Schuppen versteckt und von dort konnten sie als einzige alles beobachten. Der Typ hat sich beinahe eingemacht, weil er dachte, das wär' wegen ihm, aber für so'n armes Schwein hat sich keiner mehr interessiert. Dann haben sie vorn alles frei gemacht und abgesichert und als sie soweit waren, sich gegenseitig alles zuzufunken, sind sie in Position gegangen und einer hat sich 'n Stück weg hingekniet mit 'ner schweren Kanone und das war so 'ne Wasserstrahlkanone. In dem Augenblick gab's hinter den Jungs im Versteck 'n Gerappel, und da kam noch so ein Trupp Einsatzleute mit voller Ausrüstung und sogar mit Gesichtsmasken, und wie die die Jungs und den Typ gesehen haben, haben sie sie in die Ecke gedrückt als wären sie Kampfhunde, die sich von der Leine losgerissen hätten. Aber Kasim und Jannik haben ganz ruhig dagehockt und der Typ hatte sowieso die Hosen schon voll. Einer von den Soldaten stolperte und fiel über die Kante und knallte voll auf's Gleis, der hatte Glück, dass sie grade alle Züge angehalten hatten, sonst wär' dem vielleicht noch einer über die Latten gefahren. Aber er hatte sich auch so ziemlich wehgetan und er blieb 'ne Weile da liegen. Denn vorn hatte jetzt der eine seinen Finger am Abzug von der Wasserkanone und dann gab's 'n dumpfen Knall und wo vorher die Kiste aus Kasims Heimatort stand, da explodierte eine Wasserblase, wie wenn jemand im Schwimmbecken 'ne Arschbombe macht. Hinterher konnten sie auch den einen vom Gleis aufheben. Und dann aber das hat Kasim später erzählt wär' der Mann von der Flüchtlingsfamilie zurückgekommen und alle seine Leutchen hinten dran wie die Schmeißfliegen. Da hätte der erst mal 'ne Weile gebraucht, um überhaupt zu kapieren, was passiert war. Aber weil das ja die Kiste von denen war und das ganze andere Zeug auch, haben sie Schadenersatz gekriegt, irgendwie 'n Hunderter pro Koffer und Sack oder pro Nase von den Kindern, na, das kam wohl ziemlich auf's gleiche raus. Und Kasim hat bei der Polizei gesagt, dass er die Kalaffensprache sprechen kann und hat alles hin und her übersetzt. Er hat sich auch einfach als einer von der Familie ausgegeben. Ob man's ihm glauben kann, ist nicht so sicher. Auf jeden Fall kam Kasim zwei Tage später an mit 'nem Hunderter in der Hand und er hat Jannik ins "Brodsky" eingeladen, da haben sie sich vollgefressen und hatten immer noch was übrig für's Kino. |
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Eine Arbeit für den Sommer
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