| Klassenausflug |
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Er fuhr mit seinem Mercedes SLK Roadster Coupé dicht an die Straßenseite ran, Janin musste ihn sehen, ja, sie schaute gleich zu ihm hin. Die Straßenseite war vollgeparkt, aber wie er mit seinem silberglänzenden Mercedes da lang fuhr, da lösten sich die Autos vor ihm alle in Luft auf und er fuhr langsam neben Janin her und er rief zu ihr hinüber "Hi Janin, möchtest du 'ne Runde mitfahren?" Sie nickte und lachte und dann stieg sie ein und fragte "Wohin fahren wir?" Und er sagte etwas, aber er konnte es nicht mehr hören, denn der Wecker klingelte.
Kevin rieb sich die Augen und es dauerte eine Weile, bis Janins Bild verschwunden war. Er stand auf und warf einen kurzen Blick aus dem Fenster, um zu sehen, ob es regnet. Das Wetter war gut, keine Sorge, dass jemand aus der Telefonkette anrufen würde; der Klassenausflug findet wie geplant statt. Um halb acht muss Kevin an der Bushaltestelle sein, noch genug Zeit. Mama hat Frühdienst, ist schon zur Arbeit. Kevin wusch sich flüchtig und zog sich frische Klamotten an, Jeans, das blaue Sweatshirt. Er setzte sein neues Basekap auf. Wenn Mama da war, durfte er beim Frühstück sein Basekap nicht aufhaben, aber erstens war sie nicht da und zweitens setzte er sich nicht richtig an den Tisch. Er machte sich ein Toastbrot mit Marmelade, aber er war zu faul, den Toaster zu bedienen, deshalb nahm er es so weich wie es war. Er goß sich ein Glas voll Milch ein und trank einen Schluck, aber sie war zu kalt. Er dachte daran, sie einen Moment lang in die Mikrowelle zu stellen, aber dafür war er jetzt auch zu faul, deshalb trank er sie trotzdem so kalt. Er machte das Radio an und dachte nach. Das war jetzt bestimmt das fünfte Mal, dass er von Janin geträumt hatte. Sie ist eine Klasse über ihm, und er hatte schon mehrmals versucht, an sie ranzukommen, zuletzt beim Schulfest, als die Best Before Tomorrow gespielt haben. Es war 'ne tolle Stimmung da. Er hätte sie beinahe soweit gehabt, dass er gefragt hätte, ob sie mit ihm tanzen will. Verflucht, dachte er, hatte er eben richtig gesehen, dass im Kühlschrank kein Frühstück zum Mitnehmen lag? Er schaute noch mal nach, tatsächlich, Mama hatte glatt vergessen, ihm was zum Mitnehmen zu machen. Und das Geld, das sie hinlegen wollte? Davon war auch weit und breit keine Spur. Er konnte sich das überhaupt nicht erklären, sie denkt doch sonst immer an alles. Oder sollte das eine von ihren Aktionen sein, die sie in letzter Zeit dauernd startet und mit denen sie ihn angeblich dazu bringen will, dass er sich selber um was kümmern soll. Er war ziemlich sauer. Er hätte sie am liebsten auf ihrem Handy angerufen und gesagt: Mama, ich bin's, erinnerst du dich an mich? Du hast alles total vergessen! Aber er durfte sie nur im allerdringendsten Notfall anrufen, und er dachte, so ein Notfall ist das eigentlich doch nicht. Er schmierte sich ein Marmeladentoastbrot zum Mitnehmen, das schon jetzt ganz weich war, dann nahm er aus der Büchse im Schrank über der Spüle einen ZehnEuroschein, und dann musste er auch los. Er kam rechtzeitig zur Bushaltestelle, es warteten schon ein paar Leute, aber aus seiner Klasse war keiner da. Wenigstens Andreas und Sarah und Anne müssten hier mit einsteigen. Als der Bus kam, war immer noch keiner weiter da. Er fuhr bis zum Bahnhof, dort wollten sie sich alle treffen und zum Zoo fahren. Am Bahnhof war auch niemand. Was war denn nur los? Zu früh konnte er nicht sein, eher zu spät, aber höchstens fünf Minuten. Hatten sie wirklich nicht auf ihn gewartet, so was machen sie nie. Es war seltsam, aber irgendwie beunruhigte ihn das alles gar nicht, es war ihm nicht so wichtig, ob die andern nun gewartet haben oder nicht oder ob er ihnen jetzt einfach hinterherfahren würde. Er löste ein Ticket für die 9, der ZehnEuroschein, den er in den Schlitz steckte, kam dreimal wieder raus, und ein Mann neben ihm sagte schon "Wird das endlich was?" Und Kevin sagte "Keine Ahnung, müssen Sie die Kiste mal fragen." Und dann blieb der Schein endlich drin, und Kevin stieg in die nächste 9 ein und dachte, das war gut, wie er den Alten abserviert hat. Er setzte sich hin und guckte aus dem Fenster, und fünf Sekunden später sah er schon wieder Janin vor sich, mit ihren langen blonden Haaren und ihrem Lächeln, das immer ein bisschen so aussah, als würde sie einen nicht ganz ernst nehmen. Jetzt wusste Kevin auch, warum ihm das vorhin egal war, wo die anderen sind, weil er nämlich die ganze Zeit nur noch an Janin denkt, und jetzt sogar im Schlaf. Das ist schon nicht mehr lustig, dachte er, ich muss unbedingt was unternehmen. Er fingerte an dem Fahrschein herum, und da fiel sein Blick auf den Stempel mit dem Datum von heute, das ist der Fünfzehnte. Ach du Scheiße, dachte er, der Klassenausflug ist erst morgen. Jetzt war ihm klar, warum niemand weiter da war und warum Mama ihm nichts zum Mitnehmen in den Kühlschrank gelegt hatte. Er schaute irgendwo auf eine Uhr, die Schule war längst losgegangen, Mittwoch erste Stunde Mathe. Wenn er an der nächsten Haltestelle aussteigt und zurückfährt, dann würde er frühestens ... er hatte auch gar kein Schulzeug dabei, nur den Rucksack mit dem Marmeladentoast und so'n paar anderen Sachen, die immer drin waren. Außerdem war's schade ums Geld, wenn er jetzt umkehrt. Also fuhr er weiter und stieg eine Station vor dem Zoo aus und lief das letzte Stück, weil dort wahrscheinlich sowieso erst um zehn geöffnet wird. So war's auch, aber es warteten schon eine ganze Menge Leute, Kinder und auch zwei oder drei andere Schulklassen, die waren wohl heute dran. Es war wirklich gutes Wetter. Am Eingang war so'n kleiner Park mit Spielplatz und Café, wo es auch Eis gab. Kevin dachte, ich werde es mir erstmal überlegen, ob ich überhaupt reingehe. Allein kriege ich keine Ermäßigung und drei Euro fünfzig sind ganz schön viel. Er holte sich ein Eis mit zwei Kugeln, eine Vanille und eine Stracciatella und setzte sich auf ein Mäuerchen am Rand in den Schatten einer Kastanie. Die kleinen Kinder tanzten auf dem Mäuerchen herum und machten ziemlichen Lärm, aber das störte ihn nicht. Als er die eine Kugel fast geschafft hatte, hörte er jemanden lachen, und das kam ihm bekannt vor, und im nächsten Moment bekam er einen Schreck, weil er wusste, wer das ist. Er dachte: Ich werd' verrückt, was macht Janin hier. Es wurde ihm irgendwie flau im Magen und er wollte sich lieber verdrücken, aber da war ein Zaun ringsum, und dann tauchte sie auch schon auf. Vielleicht haben die heute Klassenausflug? Wenn sie mich hier allein sehen, werden sie ins Grübeln kommen, wieso ich hier bin und vielleicht doofe Fragen stellen. Janin war nicht allein, aber Kevin sah, dass nur einer von den Jungs, die dabei waren, in ihre Klasse ging, die anderen waren überhaupt nicht von der Schule. Es waren noch zwei Jungen und zwei Mädchen, 'ne ganze Clique. Sie blieben stehen, weil jemand hinterherkam und rief "Hej, wartet gefälligst auf mich." Und den kannte Kevin auch, das ist Philipp Hessel, der ist älter und macht irgend'ne Ausbildung. Den und Janin, die hatte Kevin schon öfter mal zusammen gesehen, aber er hatte sich erkundigt, und angeblich läuft da nichts zwischen ihnen. Philipp kam zu den anderen und schnappte sich Janin und zog sie so runter zum Spaß, und sie kreischte und lachte und das war gar nicht schön mitanzusehen. Sie hatte sich aus den aufdringlichen Griffen dieses Kerls befreit und lief jetzt vor ihnen her und rief: Fang' mich doch, versuch's mal und so'n Zeug. Aber sie ging dabei rückwärts und - zum Teufel - sie kam direkt auf Kevin zu. Sie hatte anscheinend nicht bemerkt, dass da das Mäuerchen war, und ihn hatte sie schon gar nicht bemerkt. Im letzten Moment rief er "Vorsicht, Janin, hier geht's gleich nicht weiter." Sie drehte sich um und sagte "Was?" "Du wärst jetzt gleich gegen die Mauer gelaufen." Sie war ein bisschen verwirrt, Kevin konnte es genau sehen. Sie schaute ihn an, und Kevin glaubte, dass sie lächeln würde, aber nicht dieses Was-willst-du-denn-Kleiner-Lächeln, sondern sie lächelte mit den Augen, so, als hätte sie sich dieses Lächeln für eine bestimmte Gelegenheit aufgehoben. Das schoss Kevin natürlich alles nur für eine zehntausendstel Sekunde durch den Kopf. Und dann sagte Janin "Was machst du hier?" Aber da standen auch schon Philipp und die anderen um sie herum und Philipp verzog gleich das Gesicht und fragte bloß "Wer ist'n das?" Janin zögerte, dann meinte sie "Ach, das is'n Freund von meiner Schwester, genauer gesagt, war er mal." Kevin hatte noch nie im Leben was von Janins Schwester gehört, er wollte etwas entgegnen, aber einer von den anderen rief: "Bekleckerst du dich immer so?" Da merkte Kevin erst, dass er die ganze Zeit das Eis in der Hand gehalten hatte, und es war geschmolzen und auf seine Hose getropft. Er warf es hinter die Mauer und wischte über den Fleck. "Wie kommst'en du hierher?" fragte Philipp und es klang fast wie ein Verhör. Kevin wollte sagen: Mit der Straßenbahn, mit was sonst? Aber er dachte, vielleicht wäre es klüger, diesen Kerl nicht zu reizen, deshalb sagte er ganz ruhig "Wir machen einen Klassenausflug." "Ach so? Und wo sind die anderen?" "Auch hier", erwiderte er und ging nicht weiter darauf ein, sondern setzte schnell hinzu "Und was macht ihr hier?" Janin war etwas unsicher und sagte "Hör mal, Kevin, kannst du ..." Das sollte so was wie eine Frage oder eine Bitte werden, doch Philipp ging schnell dazwischen und sagte "Wir machen auch so'nen Klassenauflug, stimmt's Janin?" Sie zögerte wieder. "Ja, stimmt", sagte sie dann und schaute Kevin wieder so an wie vorhin. Philipp bekam das aber mit und es gefiel ihm nicht und auf einmal ging es mit ihm durch. "Wenn du zu irgendwem was sagst, dass du Janin hier gesehen hast, dann mach' dich auf was gefasst." "Wieso denn?" fragte Kevin. Das brachte Philipp noch mehr in Rage. Er packte Kevin mit einer Faust am Kragen und Kevin legte automatisch die Hand auf seinen Arm. "Wieso?", sagte Philipp mit drohender Stimme, "weil es dich oder irgendwen einen Scheißdreck angeht, warum Janin nicht in der Schule ist." Kevin war fassungslos, wie konnte sich Janin nur mit so einem Hohlkopf abgeben. Die Wut stieg in ihm hoch und er sagte "Mann, bist du so blöd, dass du dich selber verrätst." Philipp brauchte einen Moment, um das zu verarbeiten, aber dann sah Kevin, wie er mit der anderen Hand ausholte, und er riss sich los und kletterte auf die Mauer. Das war ziemlich dumm, dachte er hinterher, er hätte runterspringen sollen, aber er glaubte, wenn er höher wäre, könnten ihn die anderen nicht so leicht angreifen. Philipp packte Kevins Fußgelenk und zog es weg, er verlor den Halt, machte einen Schritt zur Seite, trat aber ins Leere und stürzte von der Mauer runter. Zum Glück war sie niedrig, aber Philipp hatte ihm im Fallen einen Schlag auf den Rücken verpasst und so landete er mit dem Gesicht im Dreck. Es hatte gleich ein Aufsehen gemacht, und die kleinen Kinder standen drumherum und beobachteten alles, und die Erwachsenen glaubten, es würde eine Prügelei ausbrechen. Von dem Café kam gleich einer angerannt, und weil Kevin im Gesicht eine Schramme hatte, aus der ein bisschen Blut lief, stürzte er sich auf ihn und schrie ihn an, er soll sofort hier verschwinden, sonst werde er die Polizei rufen. Und Philipp sagte so laut, dass es alle hören konnten "Er schwänzt die Schule!" Kevin fuhr mit der Straßenbahn zurück. Er hatte kein Ticket gelöst, und dann stieg ein Kontrolleur ein und arbeitete sich von vorn nach hinten durch, und es kam ewig keine Haltestelle. Bei irgend jemandem wurde er aufgehalten, weil der sein Ticket nicht fand, und Kevin schaffte es bis zur Haltestelle und sprang hinaus. Er hätte die nächste Bahn nehmen können, aber dann entschloss er sich zu laufen, es war ihm überhaupt nicht danach, jetzt allein zu Hause in seinem Zimmer rumzuhängen. Er befühlte die Schramme unterm Auge, sie war ein bisschen angeschwollen. Er sah sich in einer Schaufensterscheibe an, es war halb so schlimm. Viel schmerzvoller war es, was ihm da vor den Augen der anderen passiert war, und vor allem vor Janins Augen. Was würde sie jetzt von ihm denken? Sie musste glauben, er wäre ein Jammerlappen, einer, der sich nicht mal richtig verteidigen kann, wenn er angemacht wird, der nicht mal von so einem lächerlichen Mäuerchen springen kann ohne auf die Fresse zu fallen, einer, der nicht mal richtig Eis lecken kann. Aber wer konnte auch ahnen, dass Philipp Hessel gleich auf ihn losgehen würde. So ein Arsch, man muss es ihm heimzahlen. Kevin war drauf und dran, noch mal in den Zoo zu fahren und Philipp und die anderen zu suchen und ihm eins zu verpassen, dass er zu Boden geht und die anderen schreiend weglaufen. Bis auf Janin natürlich, die dableiben würde. Und dann sagt sie "Mensch Kevin, und ich dachte schon, du lässt dir das einfach so gefallen." Er hatte sich in die Richtung gewandt, aber dann bog er nach links zum Elsterpark und ging über die kleine Brücke und über die Wiese hinüber zur Skaterbahn. Er hatte seine Skater nicht dabei, er wollte bloß dort ein bisschen gucken und nachdenken, was er am besten tun sollte. Er lief so rum, ohne zu wissen wohin, und er fing an, sich richtig mies zu fühlen, weil er sich nicht entscheiden konnte. Wenn ihm Janin was bedeutet, und wenn er erreichen wollte, dass sie sich für ihn interessiert, dann war das heute 'n ziemlich bescheuerter Anfang gewesen, er konnte das nicht einfach so hinnehmen. Aber was ist, wenn sie wirklich mit Philipp zusammen ist und sich jetzt vielleicht mit ihm und den anderen zusammen über Kevin lustig macht. Womöglich sagt sie sogar zu Philipp "Du hättest ihm ruhig noch eine draufgeben können, der geht mir sowieso auf die Nerven." Aber nein, dachte Kevin, das ist unmöglich. Und er dachte daran, wie sie ihn einen Moment lang angeschaut und gelächelt hat, kurz bevor das alles passiert war. Kevin setzte sich auf eine Bank. Er holte das Marmeladentoast aus dem Rucksack, es war total zermatscht. Er biss einmal ab, aber es wurde ihm immer mehr im Mund, und er suchte einen Abfallbehälter und spuckte alles hinein. Eine Frau mit einem Kinderwagen ging gerade vorbei und sah ihn, und er dachte, sie würde sich aufregen, aber sie fragte ganz freundlich "Geht es dir gut?" "Ja, ja, alles in Ordnung", sagte er, "das war bloß die Marmelade, die war schlecht." Da merkte er, dass das überhaupt nicht der richtige Zeitpunkt war, um irgendwas zu essen, bevor sich die Dinge nicht wenigstens in seinem Kopf geklärt hatten. Er musste zu Janin gehen und mit ihr reden, damit diese verdammte Ungewissheit beseitigt ist. Er braucht zuerst bloß zu fragen, was das gewesen sein soll, diese Vorstellung im Zoo. Er würde sehen, wie sie drauf reagiert, und das ist das Wichtigste, dass er weiß, wie sie über ihn denkt. Er lief durch die Stadt zum Bahnhof. Er ging unterwegs noch in den Modellbauladen, weil er dachte, er könnte sich mal nach dem nächsten Boot umschauen, das er bauen will. Aber er war nicht bei der Sache, nein, das Boot war jetzt völlig egal. Und auch im Musikladen, wo er dann noch in den CDs herumstöberte, hielt er es nicht lange aus, aber eine fand er doch noch und sein Geld reichte grade dafür. Mittag war längst vorbei, als er daheim war. Er warf seine Klamotten in die Ecke und legte sich aufs Bett. Aber da wurde ihm noch deprimierender zumute. Er stand wieder auf und machte irgendwas, um sich abzulenken, in Gedanken war er ganz woanders. Dann kam Mama, sie fragte natürlich gleich, was für eine Schramme das wäre, und beinahe hätte er was Falsches gesagt. Dann sagte er, dass er in der Schule auf der Treppe ausgerutscht wäre und gegen das Geländer geknallt wäre. "Weil ihr auch immer so die Treppen runter rast", sagte Mama und er sagte "Genau, das kommt davon." Sie sagte, ob da besser irgendwas drauf soll, aber er meinte, das wäre ja schon wieder so gut wie weg, und dann fragte er sie, wie's bei ihr auf der Arbeit war und Mama erzählte was. Nachher kam sie noch mal rein und sagte "Ich habe ein bisschen Kuchen mitgebracht, willst du'n Stück?" "Ne danke. Oder doch, ja." "Ich mach' uns 'n Kaffee", sagte sie. Da klingelte es plötzlich. Kevin ging irgendwie 'n seltsames Gefühl durch den ganzen Körper. Dann klingelte es noch mal und Mama rief "Ich geh' schon." Und Kevin machte die Tür in seinem Zimmer zu. Und dann dachte er was ganz Blödes: dass er am besten aus dem Fenster springen und davonlaufen sollte. Aber das war jemand anderes in ihm, der das machen wollte, und den ließ er jetzt voll abblitzen und er selbst blieb da und atmete tief durch. Mama klopfte an, was sie nur ganz selten tat, und dann öffnete sie und sagte "Kevin, Besuch für dich." Er drehte sich um und da stand tatsächlich Janin. Und Mama blieb auch stehen. "Hallo", sagte Kevin und es gab eine Pause, und Janin sagte "Hallo", und es gab wieder eine Pause, und Mama stand immer noch dabei. Janin sagte "Ich wollte dir die Hausaufgaben bringen." Da sagte Mama, als ob sie irgendwas ahnte "Wieso lässt du dir die Hausaufgaben bringen?" Janin schaltete sofort und meinte "Das sind die Aufgaben von dem Projekt, die haben wir vorhin erst fertig aufgeschrieben." "Ach so. Gehst du denn in Kevins Klasse? Ich hab' dich noch nie gesehen." "Mama", sagte Kevin leicht vorwurfsvoll, "das ist Janin", und es klang, als wäre damit alles erklärt. "Ach so, Janin, Hallo, na dann." Endlich bewegte sie sich vom Fleck, kam aber noch mal und fragte "Möchtest du auch einen Kaffee, Janin?" Janin schaute Kevin an, dann zuckte sie mit den Schultern. "Ja, ich weiß nicht." "Na, ich mach' einen mit", sagte Mama und verschwand. "Komm' rein", sagte Kevin. Sie blieb im Zimmer stehen. "Setz' dich doch", sagte er, aber dann sah er, dass überall irgendwelches Zeug rumlag. "Nein, lass mal", sagte sie, "ich bin bloß gekommen, ich habe, ich wollte dich drum bitten, dass du ... dass du niemand was sagst, dass du mich heute im Zoo gesehen hast." Kevin schwieg. Seine Miene verfinsterte sich, dann sagte er "Das ist alles?" "Hast du's etwa schon jemand gesagt?" Er schwieg. Sie sagte etwas leiser "Das war 'ne doofe Geschichte heute morgen." Er sagte nichts und sah sie an, und das war ihr unangenehm. Ihm aber auch. Und dann fiel ihm genau das Richtige ein und er sagte "Kannst du mir vielleicht auch einen Gefallen tun?" "Was denn?" fragte Janin schnell. "Könntest du nicht mehr darüber reden." Sie sah ihn an, und beinahe wäre wieder dieses Lächeln auf ihrem Gesicht erschienen, aber dann erwiderte sie ernst "Ja, ist gut." Sie ging zur Tür, und Kevin spürte, wie sein Herz zu klopfen begann, er muss sie aufhalten, aber wie? Warum kommt Mama nicht mit dem verdammten Kaffee? Janin drehte sich noch mal zu ihm um, als hätte sie was vergessen, und sie hielt ihm die Hand hin "Also dann." Er stand da wie versteinert. Sie sagte "Gut. Kann dich ja verstehen, wenn du mich ..." Sie sprach nicht zu Ende, weil sie wohl an das Versprechen von eben dachte. Sie hatte schon die Türklinke in der Hand, da sagte er "Kennst du Best Before Tomorrow?" "Was?" "Die Band, die letztens auf dem Schulfest gespielt hat." Sie sah ihn an, als würde sie nicht kapieren, wovon er redet. Aber Kevins Blick fiel auf ihre Hand, er heftete sich wie ein unsichtbarer Laserstrahl auf sie und er brachte alle innere Energie auf und bündelte sie in seinem Laserstrahlblick und richtete ihn auf Janins Hand. Und dann sah er, wie sie die Türklinke langsam, ganz langsam losließ. Dann sagte sie "Ach, du meinst diese Band vom Schulfest?" "Ja", sagte er und musste erst schnell wieder Kraft schöpfen, "Best Before Tomorrow. Stell' dir vor, ich hab' vorhin in 'nem Laden eine CD von denen gesehen." "Echt?" "Ja." "Und?" "Hab' sie natürlich mitgenommen." "Cool. Ist da das eine Lied drauf?" "Welches?" "Was die auch gespielt haben." "Hast du noch soviel Zeit? Wir können mal reinhören." Sie schaute ihn an, sie sahen sich beide in die Augen. "Oder ich geb' sie dir mit", sagte er und hätte sich dafür am liebsten erschossen. Aber Janin sagte "Wenn's dir nichts ausmacht, bleib' ich noch'n bisschen." |
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Eine Arbeit für den Sommer
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