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Die Anstalt
Der Bürgermeister erwachte mit dem Nachhall seines letzten Traumbildes: der aufgedunsene Körper der Wasserleiche trieb im Uferschlamm des Hammerteichs, das bleiche Gesicht eine Hand breit unter der Oberfläche wie der ins Wasser gefallene Vollmond. Seit einigen Nächten immer dieselbe Szene. Der Bürgermeister hatte sich beinahe daran gewöhnt, und es wirkte längst nicht mehr mit dem Schrecken des ersten Mals. Es war keine wirre Phantasie oder die Begleiterscheinung einer schlecht verdauten Speise, sondern die bloße Erinnerung an das Ereignis, das nun fast drei Wochen zurück lag.
Dabei hätte das Hammerteichfest des Jahres 1796 so schön werden können. Es wäre ein weiterer der Höhepunkte gewesen, die sich in ansehnlicher, fast schon geregelter Folge in seine Amtszeit einfügten. In gewisser Weise war es das ja auch, und bis zu dem fatalen Zwischenfall, der Gott sei Dank erst nach dem offiziellen Abschluss sich ereignete, hatte dieses Fest die vorherigen an Pracht und Freude übertroffen, wie übrigens jedes Hammerteichfest alle anderen Hammerteichfeste übertraf.
Unterm großen Jubel des Publikums war bei hereinbrechender Dunkelheit das Feuerwerk gezündet worden, mit sprühenden und zischenden Funken, Böllern wie aus Kanonen und Blitzen in allen Farben. Das hatte er sich auch etwas kosten und extra aus Schlesien liefern lassen, wo, wie es hieß, das Knallpulver sonst zur Sprengung in den Kohlengruben eingesetzt wurde.
Die Menge hatte sich bereits zerstreut und nur einige ausgelassene Grüppchen vergnügten sich noch im Park, als der Gehilfe des Bürgermeisters mit einem wackligen Eselskarren anrückte und begann, die Lichter zu löschen und einzusammeln. Da hörte man plötzlich von der Mitte des Teiches her Geschrei. Wenig später kam ein Ruderboot heran, das mit einem halben Dutzend Männern und Frauen völlig überladen war. Sie jammerten alle durcheinander und auf ihren halb beleuchteten Gesichtern flackerte das Entsetzen.
Wie sich herausstellte, war die übermütige Truppe mit dem Kahn hinaus gerudert und dort dermaßen in Stimmung geraten, dass das Boot zu schaukeln anfing und nicht eher damit aufhörte, bis einer über Bord gegangen war. Das Wasser schluckte ihn und die Nacht verdunkelte die Stelle. (Wäre die Leiche, wie es später üblich wurde, genauer untersucht worden, hätte man festgestellt, dass der Mann infolge eines Herzanfalls umgekippt war und deshalb sofort verstummte.)
Der Gehilfe des Bürgermeisters teilte Lichter und Fackeln an die Freiwilligen aus und mit mehreren Booten wurde der Teich abgesucht - vergeblich. Auch die nächsten Tage brachten keinen Erfolg. Warum die Leiche erst eine Woche später wieder auftauchte, oder besser gefragt, warum sie eine Woche lang untergetaucht war, konnte nie geklärt werden. Die Angelegenheit war nicht nur für den Ertrunkenen äußerst nachteilig, sondern schadete auch dem Ruf Georgenrodas, dessen erholsame Idylle gerade im Begriff stand, über die Landesgrenzen hinaus bekannt zu werden.
Die Leute auf dem Kahn waren Auswärtige, und der Bürgermeister sah sich mit einem detaillierten Bericht über das Unglück im Amtlichen Anzeiger konfrontiert, in dem mit spitzer Feder moniert wurde, dass das Wasser zu tief, das Boot zu klein (oder zu groß) und die Beleuchtung zu früh verloschen war. Insgeheim verschaffte es ihm eine kleine Genugtuung, dass das Opfer kein Einheimischer war, sondern aus Büsum stammte; nichts anderes als das unabwendbare Schicksal hatte einen Küstenbewohner im Hammerteich zwischen den Bergen ertrinken lassen können.
Das schwammige Gesicht verfolgte ihn noch etliche Nächte, aber es verlor schon allmählich seine Züge, und als der Bürgermeister an diesem Morgen erwachte, hätte er beinahe einen hämischen Spruch losgelassen, wenn nicht seine Haushälterin Gertrud erschienen wäre. "Wo ist die gnädige Frau?" fragte er am Frühstückstisch und Gertrud sagte: "Sie ist heute schon ganz in der Frühe zur Fußpflege geeilt." "Geeilt?" "Allerdings, Herr Bürgermeister, wie jeden Mittwoch in letzter Zeit." "Ach ja, heute ist Mittwoch", stellte er hocherfreut fest. Mittwoch war Bagatelltag, an dem sich der Bürgermeister ausschließlich mit geringfügigen Angelegenheiten befasste. Das waren zum Beispiel Akten ordnen und abheften, den Schrank aufräumen, die Schreibfedern erneuern und das Tintenfass auffüllen lassen und ähnliche nicht eben bedeutende aber doch dringende Arbeiten.
Einmal hatte er einen halben Mittwoch damit verbringen müssen, etwas eingetrockneten Lack vom Amtssiegel zu entfernen und darüber vergessen, die Holzstifte auf der Kalendertafel an der Wand in das nächste Loch zu stecken. Überdies fiel jener Mittwoch auf den Ersten des neuen Monats, so dass am Donnerstag eine nicht geringe Verwirrung über das aktuelle Datum entstanden war. Denn schließlich handelte es sich um den offiziellen Kalender des Ortes, und wer hätte nun mit Gewissheit sagen können, wie viele Tage seit dem letzten Umstecken vergangen waren? Dieser Vorfall brachte den Bürgermeister auf die grandiose Idee, jede Aktualisierung des Kalenders in einem Heft zu vermerken, sozusagen als doppelte Kalenderführung. Eine ausführliche Beschreibung dieser Idee schickte er sogar an den Hof in Gotha, von wo allerdings noch keine Antwort gekommen war.
Natürlich wusste der Bürgermeister, dass es in Georgenroda noch andere Kalender gab, zum Beispiel hatte der Pfarrer einen und der Vogt namens Oschmann. Aber jener stammte noch aus der Zeit vor der Kalenderreform und dieser hatte schwer verständliche Angaben speziell für den Landmann. Immerhin half ihm der Vogt damals aus der Bredouille. Dennoch bildete sich der Bürgermeister zu Recht etwas ein auf seine übersichtliche Tafel bloß mit Zahlen und Buchstaben. Der schön verzierte Rahmen machte sie auch noch ansehnlich, "Carpe diem - hora ruit" stand da geschrieben, und das galt natürlich auch für einen Tag wie den heutigen.
Gutgelaunt machte sich der Bürgermeister auf den Weg zum Amtshaus. Dass er selbst nicht dort wohnte, hatte seinen Grund in der Erneuerung des Bürgermeisterhauses, das unmittelbar ans Amtsgebäude anschloss und wegen des baufälligen Zustands seines Untergeschosses renoviert wurde. Auch das gehörte zu seinen, wenn auch inoffiziellen Beschäftigungen an Bagatelltagen: den Fortgang der Bauarbeiten zu verfolgen, und gelegentlich erschien dabei auch die gnädige Frau, die natürlich ihre Vorstellungen über die künftige Einrichtung berücksichtigt wissen wollte.
Auf halbem Wege traf der Bürgermeister auf Barthel, der wie immer an einer seiner bevorzugten Stellen an der Hauptstraße stand und von leisem Singsang begleitet seinen Oberkörper hin und her wiegte. Barthel war so etwas wie eine Originalfigur des Ortes und aus dem Straßenbild nicht wegzudenken. Fremde sahen in ihm meistens den Dorftrottel und machten sich über ihn lustig. Zweifellos war er, was die Doktoren einen "Debilen" nannten, geistig zurückgeblieben und auch nicht entwicklungsfähig. Doch wie so oft bei solchen bedauernswerten Personen konnte niemand sagen, auf welchem geistigen Niveau genau er stehengeblieben war, und also wusste auch keiner, in welche Richtung seine Entwicklung denn verhindert worden sei.
Solche geistig Armen aber, über die man nichts Gewisses, ja nicht einmal nichts Ungewisses feststellen konnte, können mitunter in einem gewissen Freiraum der Gesellschaft vegetieren, der ihnen mit dem Prädikat "Idiot" auch jene Art von gewohnheitsrechtlicher Schutzwürdigkeit angedeihen lässt, mit der sie nicht nur geduldet, sondern sogar geschätzt werden, und sei es auch nur, damit sie im Wirtshaus bei fröhlicher Runde einen ihrer blödsinnigsten Einfälle zum Besten geben. So hieß es, dass Barthel, der übrigens viel jünger schien als er wirklich war, letztens bei der Schützenvereinsfeier zu vorgerückter Stunde und vor aller Augen in einen Bierkrug uriniert und denselben ausgetrunken habe. Und einige der - allerdings stockbesoffenen - Schützen behaupteten sogar, er hätte danach gerülpst, dass die Wände wackelten.
Natürlich war die Geschichte auch dem Bürgermeister zu Ohren gekommen. Doch hier zeigte sich eben wieder einmal, welche Bedeutung der Barthel für die Erhaltung einer durchaus Lebens bejahenden Einstellung der Einwohner von Georgenroda hatte, und nachdem der Bürgermeister mit peinlichster Befragung der Beteiligten (außer Barthel selbst natürlich) festgestellt hatte, dass bei besagtem Vorfall keine Frauen und erst recht keine Mädchen anwesend waren, behandelte er die Sache für erledigt. Und nichts anderes hatten die Georgenröder von ihrem werten Bürgermeister erwartet.
Man konnte von diesem Menschen, wenn man ihn einmal gesehen hatte, auch nichts Schlimmes oder gar Böses denken, im Grunde war er ja, wie man so sagt, ein armer Teufel. Dass sein Alter unbestimmt war, bemerkten wir schon, und er hatte noch ein weiteres typisches Kennzeichen, nämlich seine Puppe, die er niemals aus der Hand legte. Und weil er keiner Arbeit nachgehen musste, gelang ihm das auch. Es war eine Puppe aus einer porzellanähnlichen Masse mit beweglichen Gliedmaßen und einem recht hübsch gemalten Gesichtchen. Sie hatte ein sehr zerschlissenes Kleidchen an, dessen Zustand nur von Barthels Taschentuch übertroffen worden sein soll, das allerdings fast niemand jemals gesehen hatte. Angeblich hatte sie ein Waltershäuser Puppenfabrikant dem Barthel geschenkt, als der noch ein Kind war, doch die Vorstellung, dass Barthel jemals ein Kind und nicht immer schon Barthel gewesen sei, machte die Herkunft der Puppe wenig glaubwürdig. Man muss eher annehmen, dass er eben dazu gekommen war wie Barthel zum Kinde.
Sommer wie Winter stand Barthel von Sonnenauf- bis –untergang an der Straße. Er wohnte bei einem alten Weib in einer der letzten Hütten hinter der Bleiche, also schon nahe am Waldrand. Und "wohnen" konnte man es nicht nennen, er übernachtete dort in einem Stall ähnlichen Bretterverhau, den auch wiederum noch niemand außer ihm betreten hatte und um dessen Inneres sich daher die tollsten Gerüchte rankten, übrigens ausschließlich nur harmlose und komische Gerüchte. Wie die seiner Puppe lag auch seine eigene Herkunft im Dunkeln, nur seinen Namen hatte er von Anfang an.
Die Puppe indes war namenlos. Vor langer Zeit, so erzählte man, habe ihm mal jemand, mehr zum Spaß, vorgeschlagen, die Puppe Bartholine zu nennen, genauer gesagt, jener Schlaumeier hatte sie so angeredet: Guten Tag Barthel, guten Tag Bartholine - so in der Art. Es war das einzige Mal, dass man Barthel zornig gesehen haben will. Er war so zornig darüber, dass er versuchte, dem anderen einen Kinnhaken zu verpassen, was ihm freilich misslang.
Trotzdem musste er dafür drei Tage in der Rathauszelle absitzen. Während dieser Zeit brachten viele Einwohner ihm jede Menge Sachen zu essen ins Rathaus und manche hatten sogar Kuchen für ihn gebacken. Es war so viel, dass man den größten Teil nach Gotha an die Armenspeisung abgeben musste, bevor alles verdarb. Der Kläger, der sich den Puppennamen ausgedacht hatte, wurde fortan von den Einheimischen derart verächtlich behandelt, dass er sich entschloss wegzuziehen.
Wie alle, die ihn sahen, grüßte auch der Bürgermeister an diesem Mittwochvormittag den Barthel im Vorbeigehen, und dieser grüßte zurück in seiner nuscheligen Sprache und ohne seine wiegenden Bewegungen zu unterbrechen. Von Zeit zu Zeit meinte aber der Bürgermeister, dass es nötig wäre, dem Barthel wieder mal ein bißchen Achtung einzuflößen. So blieb er einen Moment stehen und fummelte mit der Spitze seines Gehstocks an Barthels unordentlicher Kleidung herum. "Wie sieht er denn heute wieder aus, Barthel", sagte er streng, In diesem Aufzug ist er eine Schande für unseren Ort. Bringe er unverzüglich sein Wams in Ordnung, oder der Sankt Lederus wird ein Tänzchen auf seinem Buckel machen."
Der Sankt Lederus (auf dem zweiten e betont) war nichts anderes als der Lederriemen, den des Bürgermeisters Gehilfe zur Bestrafung kleinerer Delikte verwendete und auch zum Dorfschullehrer brachte, wenn dieser ihn anforderte. Auf die Bekanntschaft des Sankt Lederus legte Barthel keinen Wert und so stopfte er sich mit einer freien Hand schleunigst das Hemd in die Hose und rückte die Kappe zurecht. Der Bürgermeister war schon weitergegangen, drehte sich noch einmal um und rief: "Und wasche er sich in Herrgotts Namen wieder einmal." Barthel nickte heftig und nuschelte irgendetwas. Wenn man bei ihm auch über vieles im Unklaren blieb, so stand doch fest, dass er Waschwasser noch mehr als den Sankt Lederus fürchtete.
Der Bürgermeister hatte es sich in seiner Amtsstube gerade gemütlich gemacht und schickte sich an, ein Pfeifchen zu stopfen mit dem kräuseligen Tabak, den ihm ein Händler aus Brandenburg geschenkt hatte, der am Ort Geschäfte machen wollte, als der Sekretär Wieland mit einer Mappe unterm Arm eintrat und ihm einen guten Morgen wünschte. Der Sekretär Wieland war ein sehr dünner Mann mit fettigem schwarzen Haar, das er in eine Richtung zu kämmen und zu legen pflegte, in die es naturgemäß nicht wuchs und niemals wachsen würde. Anders als sonst, da er stets um diese Zeit zu einer Plauderei aufgelegt war, behelligte er den Bürgermeister mit einer Sache, die er völlig vergessen hatte.
"Herr Bürgermeister hatten das Wohlwollen, heute vormittag dem Herrn Doktor Hakemann einen Termin zur höflichen Vorsprache gewährt zu haben." Der Bürgermeister konnte sich weder an den Namen noch an seine Zusage erinnern, doch in letzter Zeit hatte er schon ein paar mal etwas vergessen, und das machte ihn allmählich stutzig. Sollten seine geistigen Kräfte nachlassen? Da traf es sich doch günstig, dass er für die außerordentliche Belästigung an einem Bagatelltage mit dem Besuch eines Arztes entschädigt würde, den er, natürlich nur ganz unverfänglich, über solche Sachen konsultieren könnte. "Ich weiß, ich weiß", sagte er zu Wieland, "wann war noch gleich der Termin?" "Um zehn Uhr", erwiderte der Sekretär.
Er schaute auf die alte große Kuckucksuhr, ebenfalls ein Geschenk, deren Türchen allerdings zugenagelt war, seitdem der Kuckuck angefangen hatte verrückt zu spielen und den Bürgermeister zum widerholten Male aus dem Mittagsschlummer gerissen hatte, so dass er ihn kurzerhand in Dunkelhaft sperrte. Die Uhr zeigte halb zwölf. "Ist er schon da?" fragte er und Wieland antwortete, das Wort "warten" geflissentlich vermeidend: "Er ist seit anderthalb Stunden anwesend."
Der Bürgermeister verschob das Pfeiferauchen, und der Doktor wurde herein gebeten. Doktor Josua Hakemann war von mittlerer Statur und hatte eine erstaunlich gesunde Gesichtsfarbe. Er drückte dem Bürgermeister zur Begrüßung so kräftig die Hand, dass sie weiße Stellen bekam und schaute ihm dabei mit einem eigenartig bohrenden Blick in die Augen. Der erste Eindruck des Bürgermeisters war nicht berauschend und so beschloss er, auf Distanz zu bleiben.
Er setzte sich in den großen Lehnstuhl hinter seinem Schreibtisch, wo er sich immer am sichersten fühlte und ließ den Gast ein paar Sekunden länger als üblich stehen. Doch der Doktor war wenig zurückhaltend und ergriff mit einem "Ich darf doch?" einen der Polsterstühle an der Wand, um sich ihm gegenüber zu setzen. Dass ein Fremder irgendeinen der Einrichtungsgegenstände so mir nichts dir nichts anfasste, und ihn gar von der Stelle zu rücken sich erdreistete, das trieb dem Bürgermeister die Zornesröte ins Gesicht.
Er sprang so heftig auf, dass seine Perücke verrutschte und etwas Puder abschüttelte, der ihm einen Niesanfall verursachte. Als er seine tränenden Augen getrocknet hatte, bemerkte er, dass der Doktor ihn aufmerksam beobachtete. "Es ist ...", krächzte der Bürgermeister und rang nach Luft, "es ist dieser fatale Heuschnupfen." Und dann kam ihm der vortreffliche Gedanke, hinzuzufügen: "Deswegen habe ich Sie auch hergebeten." Damit war wohl geklärt, worauf sich diese Unterredung, ja die Begegnung überhaupt, beschränken würde.
"Das ist interessant", meinte der Doktor und holte ein in Leder gebundenes Büchlein hervor, das er ziemlich in der Mitte aufschlug, um etwas zu notieren. "Was ist denn der Auslöser dieser Anfälle?", fragte er. Das Wort missfiel dem Bürgermeister erheblich, der nie im Leben irgendwelche Beschwerden gehabt hatte, abgesehen von den selbstverständlichen Gallenattacken nach den Schlachtfesten. Aber nun hatte er ja selbst damit angefangen.
"Na dieses weiße Zeug, was so weiß blüht", sagte er und schneuzte lautlos ins Taschentuch. "Sie meinen den Holunder?" "Ach was, ich kenne doch Holunder. Nein, so ein kleines unscheinbares Gewächs auf der Wiese, Sie müssen es doch wissen." "Es wächst auf der Wiese?" "Das sagte ich bereits. Auf der Wiese an der Schafstrift, wo seinerzeit schon die frommen Brüder ihr Zeug hergeholt haben." Der Doktor wirbelte gelassen den Bleistift zwischen den Fingern und an seinem nachsinnenden Blick erkannte der Bürgermeister, dass die Sache erst ihren Anfang nahm. "In der Tat, ich kenne eine ganze Menge von Phytogenen und ihre Repräsentanten, um so mehr bin ich für jede neue Erkenntnis dankbar." Der Bürgermeister nickte wohlgefällig.
Der Doktor ließ nicht locker. "Sind die Blüten groß oder klein?" "Eher klein." Er machte eine Notiz so kurz wie eine Silbe. "Und die Blätter, verehrter Herr Bürgermeister, sind sie herzförmig oder mehr pfeilförmig." "Sie sind grün." Der Doktor schmunzelte, machte aber trotzdem eine Notiz. Vielleicht macht er sich Notizen über mich und nicht über dieses imaginäre Kraut, dachte der Bürgermeister, dem der Besuch schon viel zu lange dauerte. "Es wächst auf einer entfernten Wiese", murmelte der Doktor, als würde er ein Rätsel nachsprechen. Er hält mich für einen Simulanten, glaubte der Bürgermeister und nickte so nachdrücklich, dass ihm der Puder noch einmal ein Niesen bescherte.
"In der Tat", stellte der Doktor fest, "wissen Sie was, verehrtester Herr Bürgermeister?" "Was?" fragte der barsch. "Dieser Fall bestätigt meine Theorie von der virtuellen Wirkung des Einen auf das Andere ohne alles Materielle oder Mechanische. Es ist sehr wahrscheinlich eine Emanation des geistartigen Lebensprinzips." "Wir hier nennen es jedenfalls Heuschnupfen", sagte der Bürgermeister, der fest entschlossen war, die Sache zu beenden. "Ich schlage vor, Herr Doktor Hakemann, Sie nennen mir den Grund Ihres Besuchs, denn meine Zeit ist gerade heute eng bemessen."
"Selbstverständlich", antwortete der Doktor sehr gehorsam, ergriff aber sofort wieder die Initiative. "In Anbetracht Ihrer Zeitnot werde ich Ihnen diese Schriftstücke zur freundlichen Einsichtnahme hier lassen. Sie erfahren daraus alles Nötige über meine Person und meine Qualifikation als Arzt, außerdem sind einige Referenzen beigelegt." Der Bürgermeister wies widerwillig auf eine Stelle des Schreibtisches, wo er die Papiere hinlegen sollte. "Ich werde Sie baldigst mit meinem Plan bekannt machen, hier in Ihrem Ort eine Heilanstalt einzurichten."
"Eine was?" "Eine Heilanstalt für geisteskranke Personen." Unwillkürlich warf der Bürgermeister einen Blick aus dem Fenster und sah Barthel, der direkt vor dem Rathaus seinen Posten bezogen hatte. "Wie kommen Sie darauf, dass es gerade hier solche Personen gibt?", fragte er bang. "Oh nein, meine Patienten werden von außerhalb kommen, es wird eine Art Sanatorium im Walde." Der Bürgermeister starrte ihn eine Weile an und sagte dann: "Gut, gut, Sie werden mir beizeiten mehr davon berichten, für heute muss ich Sie leider entlassen."
Der Doktor wandte sich zum Gehen, da fiel sein Blick auf die Kalendertafel. "Ist heute schon der Vierzehnte?" Der Bürgermeister ließ keinen Zweifel aufkommen. "Allerdings." Er schob den Doktor sachte mit der Hand in Richtung Tür, aber der trat noch einen Schritt vor den Kalender und meinte: "Ein schönes Stück." "Ich werde Ihnen den Gebrauch demnächst erläutern, wenn Sie möchten", erwiderte der Andere und drängte ihn hinaus. "Wenn Sie sich für Kalender interessieren", sagte der Doktor, "ich habe einen sogenannten Immerwährenden Kalender."
Das ließ den Bürgermeister noch einmal aufhorchen. "Wie meinen Sie das?" "Nun, damit kann man für jedes beliebige Datum den entsprechenden Wochentag feststellen, in der Vergangenheit ebenso wie in der Zukunft." "Ich könnte voraussagen, auf welchen Wochentag der dreiundzwanzigste November des nächsten Jahres fällt?" "Exakt. Und sogar den Wochentag des dreiundzwanzigsten Novembers im Jahre Eintausendneunhundertsechsundachtzig." Er ist ein Scharlatan, dachte der Bürgermeister und schloss hinter ihm die Tür.
Doktor Josua Hakemann hatte bereits halb Europa durchquert, als er in Georgenroda ankam. Aus einem kunstgewerblichen Hause stammend, war er Zögling der Fürstenschule zu St. Afra im sächsischen Meißen gewesen, einer Stätte, die einige kluge Köpfe hervorgebracht oder zumindest gefördert hat. Er studierte Medizin in Leipzig und arbeitete danach im Spital der barmherzigen Brüder in der Leopoldstadt von Wien. Der bekannte Professor Quarin, nachmals Leiter im angesehensten Hospital Europas, nahm sich seiner an. Später folgte Hakemann dem Ruf des Barons von Bruckenthal nach Hermannstadt in Siebenbürgen, wo sich die Sachsen nahe der Grenze des abendländischen Kulturkreises angesiedelt hatten. Von dort kam er zurück nach Erlangen und bekam hier die Doktorwürde verliehen für seine Abhandlung über krampfartige Affektionen.
Doch alle seine Erfahrungen und Verdienste mochten ihm nicht dazu verhelfen, einen Platz zu finden, wo er seiner Heilkunst in Ruhe und Ansehen frönen konnte. Nicht nur, dass er von Hamburg bis Dresden gut zwei Dutzend mal die Orte wechselte, er warf sich auch mit ungeheurem Fleiß und Eifer auf andere Gebiete der Wissenschaft, die Chemie, Pharmazie, Hygiene, ja sogar die Pädagogik. Er übersetzte Werke aus dem Französischen, Englischen und Italienischen, die er fließend sprach. Bedenkt man zudem, dass Hakemann in dieser Zeit, allerdings in Arbeitsteilung mit seiner Ehefrau, die Familie um zehn Kinder vermehrte, so wird vielleicht ein kleiner Eindruck von seiner starken und stets auf nachhaltige Wirkung bedachten Persönlichkeit deutlich.
Am meisten jedoch schien Doktor Josua Hakemann damit beschäftigt, die jahrhundertealte Heilkunst der herkömmlichen Art, die man auch halb ergeben halb skeptisch die "Schulmedizin" nannte, über den Haufen zu werfen und ihre, wie er glaubte, nötige Wiedergeburt zu betreiben. Nach und nach errichtete er sein Gebäude einer neuen Heillehre und verteidigte es gegen alle Feinde, deren es ihm Zeit Lebens nicht mangelte.
Alle die einfachen, probaten Mittel, mit denen die ganze Zunft des Äskulap über Generationen hinweg die Kranken kuriert hatte, sie überantwortete Hakemann dem Feuer seiner Kritik. Die üblichen Brech- und Abführkuren fand er nutzlos, Temperiermittel und laue Bäder lächerlich. Verdünnende Getränke und ermattende Diäten, Blutreinigungen und ewige Laxanzen waren nur Verzweiflungstaten hilfloser Ärzte, die von den wahren Ursachen der Krankheit soviel wussten wie vom Goldmachen.
Besonders aber den Aderlass, das Allheilmittel gegen jedes diffuse Leiden, das sich der trefflicheren Diagnose entzog, erklärte er geradezu zum Verbrechen am Patienten. Mit welcher Begründung, so wetterte er, verordnete man einen zweiten Aderlass, wenn der erste schon nicht geholfen hatte? Wie konnte man einer abgemagerten und durch die Tortur wiederholten und langwierigen Durchlaufs völlig entkräfteten Person drei- gar viermal in vierundzwanzig Stunden den Lebenssaft abzapfen. Woher nahmen diese Ärzte die Prinzipien ihrer Behandlungen, wenn nicht aus einem verdorbenen Pfuhl von Halbwahrheiten und fehlerhaft überlieferten Beispielen.
Wenn auch der äußere Anschein seines Charakters es nicht auf den ersten Blick offenbarte, so war Doktor Josua Hakemann radikal im Denken und rücksichtslos im Beschreiten unbekannter Pfade der Wissenschaft, rücksichtslos nicht zuletzt gegen sich selbst, indem er oft genug nahe daran war, seine eigene Reputation und Glaubwürdigkeit aufs Spiel zu setzen. Vielleicht redeten ihm dabei die Vorahnungen großer Revolutionen und Reformen in Europa an der Wende zum neuen Jahrhundert das Wort, vielleicht besaß er auch in seinem Innern jene unerschütterliche Gewissheit bedeutender Menschen, dass die Misserfolge zu Lebzeiten sich auf frappierende Weise in geniale Fortschritte für die Nachwelt wandeln können. Doch so weit war es noch nicht, als er den Plan einer Irrenanstalt im beschaulichen Tale des Apfelbachs fasste.
Der Bürgermeister hatte Hakemanns Besuch schnell wieder vergessen, und da sich der Umbau seines Diensthauses der Vollendung näherte, hatte er andere Sorgen als die Abschaffung pathologischer Geistes- und Gemütszustände in der Welt. Erst als zwei Wochen nach dem Umzug in die neue Wohnung die gnädige Frau durch eine Unachtsamkeit bei der wöchentlichen Fußpflege eine Verletzung an der rechten Großzehe erlitt, die sich anschließend sehr schmerzhaft entzündete, fiel dem Bürgermeister wieder der Arzt ein. Jedoch nahm er Abstand davon, ihn um Hilfe zu ersuchen und kutschierte seine Gemahlin in die Residenzstadt, wo ihr der dasige Medicus Warnholz Erleichterung verschaffte. Gelegentlich dieser Erinnerung beschloss der Bürgermeister, dem Doktor Hakemann seine Unterlagen zurückzuschicken nebst einem Schreiben, in dem er dessen Ersuchen aus mancherlei Gründen, die keinesfalls in der Person Hakemanns zu suchen seien, abschlägig beschied.
An einem Vormittag, als die Frühsommersonne ihre warmen Strahlen durchs geöffnete Fenster der Amtsstube schickte und der Gesang der Vögel die Stimmung des Bürgermeisters wohltuend inspirierte, war er gerade dabei, den Brief an den Doktor zu versiegeln, als der Hotelier Steinlen anklopfte und sofort das Zimmer betrat. Friedrich Steinlen hatte das Privileg, unangemeldet vorzusprechen, seitdem er dem Bürgermeister einen großen Dienst erwiesen hatte, über den jedoch absolutes Stillschweigen herrschte und von dem deshalb hier weiter nichts berichtet werden kann.
Steinlen, ein gebürtiger Schwabe, war erst vor einigen Jahren nach Thüringen gekommen und hatte die Sägemühle am Steingrund aufgekauft, die sich in schlechter baulicher wie ökonomischer Verfassung befand. Er brachte den Betrieb auf Hochtouren und als das Geschäft florierte, verpachtete er die Mühle samt allen Kontrakten über den Bezug von Rohholz aus dem Wald und die Abnahme von Bau- und Möbelholz vor allem durch Erfurter Werkstätten. Den Gewinn daraus investierte er zunächst nach dem gleichen Muster in die marode Herberge am Herrenhügel, in der wie es hieß, zuletzt nur noch Wilddiebe und Räuber gehaust hatten. Steinlen beschränkte sich auf eine reine Gastwirtschaft und sein umtriebiges Wesen sowie zwei, drei wetterfreundliche Jahre machten das Haus zum beliebtesten Ausflugslokal am Ort.
Dann strebte er nach Größerem. Er erwarb ein Brachland hinter dem ehemaligen Kloster und baute darauf ein Hotel "Zum Adler" mit zwei Etagen, zwölf Zimmern, einer Sommerterrasse und einem Garten mit Rosenbeeten und Buchsbaumhecken. So prächtig das Haus auch war, erwies es sich doch als eine Nummer zu groß für einen Ort, der lediglich durch ein verlassenes Kloster und eine Pferdezucht von sich Reden gemacht hatte. Die Gäste blieben fern, die Zimmer unbewohnt. Es drückte zwar nicht merklich auf Steinlens Bilanzen, doch wie der Anblick einer nagelneuen modernen Maschine, die stillsteht, so stach ihm als echtem Geschäftsmann der Anblick der leeren Seiten des Gästebuches ins Herz.
Als Doktor Josua Hakemann bei ihm abstieg, hatte der Hotelier sofort ein gutes Gefühl, und das bedeutete bei ihm die Aussicht auf ein glänzendes Geschäft. Ohne auch nur das Mindeste vom Grund seines Besuches gehört zu haben, ließ ihn das Auftreten und die Ausstrahlung des Doktors eine vielversprechende Unternehmung wittern. Kein gestandener Mann von solchem Format würde nach Georgenroda kommen, wenn er den Ort nicht zum Schauplatz seines professionellen Erfolges erkoren hätte. Und weil er spürte, dass er diesem Gast nicht einfach für die Dauer seines Aufenthalts das Geld aus der Tasche ziehen durfte so gut es ging, sondern versuchen musste, eine echte Geschäftsbeziehung zu ihm aufzubauen, gab er ihm ein kompfortables, aber nicht das teuerste Zimmer, immerhin mit Blick auf den Garten.
Hakemanns Familie logierte einstweilen in Gotha und er selbst fuhr häufig abends dorthin zurück oder ritt auf einem geliehenen Pferd. Steinlen ging auf alle Wünsche des Doktors ein und stellte zum Beispiel ein großes Schreibpult mit Leselampe, einen Schrank und eine Chaiselongue ins Zimmer. Außerdem brachte er Vorhänge am Fenster an, um ihm auch am Tag das nötige Dämmerlicht für eine Ruhepause zu verschaffen. Beide respektierten sich mit Achtung und auch einer gewissen Erwartung. Steinlen war der einzige, der ziemlich früh im Geiste schon jene Gedenktafel für Josua Hakemann sah, die dann später tatsächlich angebracht wurde, allerdings nicht am Hotel "Zum Adler" wie sein Besitzer es gern gehabt hätte.
Freilich wäre Friedrich Steinlen nicht der Hans Dampf in allen Gassen gewesen, wenn er nicht als einer der ersten von Hakemanns Plan einer Heilanstalt erfahren hätte. Und zwar über den Sekretär Wieland, der eine Stelle in der Tür zur Bürgermeisterstube kannte, die für darin geäußerte Worte besonders durchlässig war. Jeden Freitag traf sich im Herrenzimmer des "Adler" eine Runde wackerer Männer zum Kartenspiel und einer Flasche Portwein. Außer dem Sekretär Wieland waren das der Dorfschullehrer, der Kerzenfabrikant im Ruhestand Albrecht, ein Ohrdrufer Hauptmann, der bei Wind und Wetter kam, und der Vogt Oschmann. Steinlen wohnte der Runde bei, spielte aber nicht mit und ließ die Herren von seiner Magd, der Jungfer Schneegaß bewirten. Man hatte eine Kasse, aber Steinlen war sehr konziliant bei der Bezahlung, die Neuigkeiten der Leute waren ihm mehr wert als ihre bescheidene Zeche.
Wie immer bei diesen zwanglosen Gesprächen gab sich Steinlen nicht übermäßig interessiert, denn er hatte in seinem bisherigen Leben die Erfahrung gemacht, dass man von anderen schnell ausgenutzt werden kann, wenn man zuviel Wert auf ihr Geschwätz legt, und sei es nur, weil sie froh sind, dass sich jemand zum Zuhören gefunden hat. So zeigte er sich auch wenig beeindruckt, als die ungewöhnlichen Worte "Heilanstalt" und "Geisteskranke" fielen. Der Ohrdrufer Hauptmann gab sogleich eine Anekdote aus dem Schlesischen Krieg zum Besten, wo ein Offizier angesichts der vielen grässlich verstümmelten Leichen durchgedreht und sich eine Kugel in den Kopf gejagt habe.
Der Hauptmann schloss sich dann jedoch der einhelligen Meinung an, dass diese Tat kein Beispiel für einen geistigen Defekt war, als vielmehr für Charakterschwäche. Der Sekretär Wieland wollte die Geschichte mit des Bürgermeisters Kuckucksuhr anbringen, als einen Fall gewissermaßen, wo selbst ein seelenloses, mit exakter Mechanik angetriebenes Wesen urplötzlich und ohne Grund die geregelte Bahn verlassen kann, aber da bekam er ein gewinnträchtiges Blatt in die Hand und musste sich ganz aufs Spiel konzentrieren.
Mit dem, was er jetzt wusste, beschloss Steinlen, den Bürgermeister aufzusuchen, um mit ihm über die Sache zu sprechen, und er traf ihn eben in dem Moment an, als er das Schreiben an Hakemann versiegelt hatte. Der Bürgermeister sagte zunächst nichts über seine Entscheidung und erzählte dem Hotelier nur, dass der Doktor ein Sanatorium zu eröffnen beabsichtige. Steinlen machte eine vielsagende Miene. "Ein Sanatorium also, nicht bloß eine Heilanstalt."
Der Bürgermeister, dem der Unterschied nicht so gravierend vorkam, klärte Steinlen darüber auf, dass der Doktor nur auswärtige Patienten aufzunehmen gedenke. Einen Moment lang erwog er zu behaupten, Hakemann hätte seinen Plan sowieso schon wieder zurückgezogen, aber Steinlen hatte ja auch zum Doktor inzwischen einen guten Draht und seine, des Bürgermeisters, Ablehnung wäre womöglich zu früh publik geworden.
"Warum interessieren Sie sich überhaupt dafür?", fragte er. Steinlen schüttelte den Kopf, als würde er irgendetwas nicht ganz verstehen. "Es ist doch eigenartig, verehrter Herr Bürgermeister. Gerade letzte Woche weilte ich geschäftlich in Friedrichthal, und was glauben Sie, worüber die Leute dort gesprochen haben?" "Was weiß denn ich, worüber die Leute in Friedrichthal reden, es geht mich nur etwas an, was sie hier reden." "Sie sprachen von einem Doktor, der am Ort eine Heilanstalt eröffnen will."
Der Bürgermeister, der wirklich leicht aufbrauste, fuhr hoch. "Das gibt es doch nicht, er ist ein Scharlatan, ich habe es gewusst, er schwatzt überall was von seinem Plan und denkt, die Leute würden ihm auf den Leim gehen, ein Betrüger ist es." "Beruhigen Sie sich, Herr Bürgermeister, es ist nicht ganz so wie Sie denken. In Friedrichthal sagten sie, der Doktor habe gesagt, er sei in Georgenroda sehr freundlich und zuvorkommend behandelt und sein Plan sei mit dem größten Wohlwollen angehört worden." Der Bürgermeister setzte sich wieder und sagte "So ist es."
"Aber..." "Was aber?" "Aber, so der Doktor, er wolle sich nur streng wissenschaftlich an die Voraussetzungen halten, die für sein Geschäft, ich meine für seine Anstalt am günstigsten erscheinen." "Soll das etwa heißen, die Friedrichthäler hätten die besseren Idioten?" "Wie auch immer, es könnte jedenfalls heißen, dass uns die Friedrichthäler einen fetten Bissen wegschnappen, so wie im vergangenen Jahr das große herzogliche Rotwildgehege."
Damit hatte Steinlen einen wunden Punkt berührt. Ungern erinnerte sich der Bügermeister der Anstrengungen, die er weiland unternommen hatte, um jenes Wildgehege in Georgenroda einzurichten. Ein vorzüglich geeignetes Gelände im Paulfeldgrund war erschlossen, teils gerodet, teils für Jagd und Hege präpariert und sogar schon mit allerhand Wild aus dem Tambacher Forst bestückt worden. Eine große Treibjagd sollte den Herzog und seinen Oberforstmeister vollends von dem Standort überzeugen.
Und es wäre wohl auch geglückt, wenn nicht einer dieser Bauerntölpel, die dem Herzog das Wild aus dem Busch vor die Flinte treiben sollten, sich verirrt hätte und weit aus dem Gehege hinaus gelaufen war. Dabei hatte er einen kapitalen Sechzehnender aufgebracht und mit Hilfe von drei Hunden tatsächlich so lange hingehalten, bis die hohen Herren, dem Hornsignal folgend, zur Stelle waren. Der Herzog streckte den Hirsch nieder, nachdem man ihn am Hinterlauf lahm geschossen hatte.
Zum Gedenken an diesen Jagderfolg stiftete der herzogliche Oberforstmeister einen Stein. Das geschah aber bereits so tief auf Friedrichthaler Gebiet, dass die örtliche Bürgerschaft ihrerseits den Vorschlag unterbreitete, den Gedenkstein zum Mittelpunkt des geplanten Geheges zu machen und dieses im Übrigen mit weiteren solchen erstaunlichen Hirschen aus dem eigenen Bestand zu füllen. So bekam Friedrichthal sein Wildgehege und der Bürgermeister hatte das Nachsehen.
"Ich kann nicht erkennen, was ein Sanatorium mit einem Wildgehege zu tun hat", meinte der Bürgermeister, "außer vielleicht, dass in beiden die Insassen eingesperrt sind." Da begann Steinlen, seinem Gegenüber klar zu machen, wie eine solche Einrichtung sich günstig auf die Entwicklung des Ortes auswirken würde und er gebrauchte dabei das Wort "Fremdenverkehr". "Gesetzt den Fall", erläuterte er weiter, "der Doktor erzielt mit seiner Behandlung beachtliche Heilerfolge, deren Nachricht sich verbreitet. Andere Patienten werden angelockt, die Anstalt erweitert ihren Betrieb, wird vergrößert, umständlichere Verfahren werden erprobt, kostspielige Mittel verordnet." Steinlen, der überhaupt keine Ahnung von Medizin hatte, begleitete seine Worte mit weit ausholenden und anhäufenden Handbewegungen.
Der Bürgermeister, der wirklich leicht zu verunsichern war, machte eine ungläubige Miene. "Lieber Herr Steinlen, wie Sie so reden, könnte man befürchten, dass eines Tages ganz Georgenroda eine einzige Heilanstalt ist. Haben Sie vielleicht darin auch schon eine Rolle für mich vorgesehen?" Steinlen blieb ernsthaft und durchaus loyal und versuchte unbeirrt, dem Bürgermeister die Sache schmackhaft zu machen, wobei er diesmal das Wort "profitieren" gebrauchte.
Und dann holte er ein kleines in Leder gebundenes Notizbuch hervor, schlug es etwa in der Mitte auf und unterbreitete eine "Kalkulation", wie er es nannte. Wenn nur fünf Patienten für neun Monate sich am Ort aufhielten und alle Leistungen in Anspruch nähmen, die mit dem Aufenthalt unbedingt verknüpft sind (bis hin zur An- und Abreise), "dann", so meinte Steinlen, "würde es ziemlich genau diese Summe in die Georgenrodaer Verwaltungskasse spülen." Und er hielt dem Bürgermeister die aufgeschlagene Seite vor die Augen.
"Mit jedem weiteren Patienten erhöht sich dieser Betrag nicht etwa einfach nur um ein Fünftel, sondern man muss, vorausgesetzt man kalkuliert richtig, keine lineare, sondern vielmehr eine progressive Steigerung errechnen." Dabei ließ sein Ausdruck keinen Zweifel daran, dass er selbst derjenige war, der diese Art der Berechnung beherrschte. Der Bürgermeister hatte ihm das Büchlein aus der Hand genommen und sich hinter seinen Schreibtisch gesetzt. "Ich weiß nicht recht", sagte er dann, und es klang schon ein wenig wie etwas, das man dabei berücksichtigen sollte, "ob die Hakemann'sche Heilkunst wirklich dazu angetan ist zu florieren. Wenn ich es Ihnen sage, er hat ganz seltsame Ansichten, er sprach letztlich etwas von einem dynamischen Lebensprinzip, das ganz ohne Materia wirke. Ich meine, wenn jemand mit einer Geistesverwirrung hierher kommt, ob dem mit einem anderen wirren Geist geholfen werden kann?" "Aber selbstverständlich", rief Steinlen überzeugt, "gerade diese Ähnlichkeit, diese Gemeinsamkeit wird die Kranken anziehen, denn nach all den erfolglosen und nur verschlimmernden Behandlungen werden sie in der Hakemann'schen Anstalt ihre letzte Rettung sehen. Und, mein verehrter Herr Bürgermeister, sie werden keine Kosten scheuen, um geheilt zu werden. Jeder Tag, den sie auf unserem idyllischen Fleckchen Erde erleben dürfen, wird ein glücklicher Tag sein, für den sie bereit sein werden, ihr ganzes Hab und Gut zu verpfänden."
Der Bürgermeister war erstaunt über sich selbst, als er sagte: "Es wird eine lange Behandlung nötig sein, um die Kranken zu kurieren, eine ganze, umfangreiche Kur." Steinlen sah in fasziniert an. "Das ist es! Wir werden einen Kurbetrieb eröffnen. Der Wald, die Luft, das Wasser, die Erde, der Gesang der Vögel im Frühling, das Röhren der Hirsche im Herbst, alles womit uns der Herrgott hier so reichlich gesegnet hat, werden wir in den Dienst der Medizin stellen. Damit tun wir der Menschheit etwas Gutes und es nützt uns zugleich selber."
Er sprang auf und nahm mit einem "Sie erlauben" das Notizbuch wieder an sich, in dem der Bürgermeister gerade angefangen hatte herumzublättern. "Ich werde unverzüglich beginnen, die nötigen Vorermittlungen zu führen. Ich verbleibe in der Gewissheit, baldigst wieder bei Ihnen vorsprechen zu dürfen." Im Vorbeigehen fiel sein Blick auf den Kalender. "Ist heute erst der Dreiundzwanzigste?" "Allerdings", meinte der Bürgermeister noch halb in Gedanken. "Großartig, je früher desto besser." Damit verließ er so eilig das Zimmer, dass dem Sekretär Wieland die Tür gegen den Kopf prallte.
Der Bürgermeister erhob sich und ging grübelnd auf und ab. Dann betrachtete er den Kalender und suchte nach der unzweifelhaften Bestätigung, dass heute der Dreiundzwanzigste war. Doch zu seiner großen Enttäuschung fand er sie nicht, und er dachte wieder an den Doktor, der irgendetwas von einem immerwährenden Kalender erzählt hatte. Immerwährend, das hieß doch nichts anderes, als dass er völlig unbehelligt von mehr oder weniger fehlerhaften Eingriffen von außen funktionierte, dass man ihn seinem Gang überlassen konnte, ihn weder aktualisieren noch korrigieren musste und sich dennoch absolut darauf verlassen konnte. Was für ein beruhigendes Gefühl muss einem die Betrachtung jenes Kalenders vermitteln, dachte er. Daraufhin ging er zum Schreibtisch, nahm das Schreiben an Doktor Josua Hakemann und zerbrach das Siegel.
Die erste Patientin, die in Doktor Josua Hakemanns neueröffneter "Anstalt für wahnsinnige Standespersonen" aufgenommen wurde, war die Witwe Sassenhof aus Königsberg. An einem Dienstag war sie von der Station in Gotha mit der Kutsche abgeholt worden, die der Hotelier Steinlen angeschafft hatte und unter anderem an die Hakemann'sche Anstalt vermietete. Es war ein nagelneues Gefährt mit zwei strammen Rappen, das nach Steinlens Maßgaben gebaut worden war und dessen Inneres außer auf dem Boden mit dicken Polstern ausgekleidet war, über die sich ein dunkelroter und einigermaßen elastischer Gummibezug spannte. Außerdem gab es eine Tür, die von außen verriegelt werden konnte.
So schlau sich Steinlen das hoteleigene Verkehrsmittel auch ausgedacht hatte, es erwies sich gleich bei der ersten Fahrt als unbrauchbar. Die Witwe Sassenhoff kam nämlich in ihrem eigenen Lehnstuhl sitzend an und war auch nach eindringlichem Zureden nicht bereit, ihn zu verlassen, sondern bestand darauf, in diesem Habitus in Hakemanns "Praxis" wie sie sagte, befördert zu werden. Wie er das anstellen solle, hatte der Kutscher gefragt, obwohl er aus jahrelanger Arbeit beim Fortrücken gefällter Baumstämme über nicht geringe Erfahrung im Transport verfügte. Das sei doch nicht ihr Problem, habe die Witwe höhnisch erwidert, schließlich habe sie für die Behandlung gezahlt, und zwar "toto inclusivo".
Der Kutscher, dem es ziemlich gleichgültig war, wie die Bezeichnung der Fuhre lautete, war viel mehr verwirrt über die Tatsache, dass an dem Lehnstuhl vier kleine Räder angebracht waren und durch einen Bügel- und Federmechanismus das Möbel wahlweise zum Rollen gebracht oder hingestellt werden konnte. (Übrigens hat dieser eigentümliche Gegenstand später den Ohrdrufer Fabrikanten Julius Meyer auf die Idee gebracht, dem Doktor einige Schaukelpferde in Erwachsenengröße anzubieten, was dieser jedoch als Affront gegen seine Tätigkeit verstand.)
Jedenfalls passte die Witwe nicht zusammen mit ihrem fahrbaren Untersatz in die Kutsche, und so bugsierte er die ehrenwerte Patientin zunächst über den Marktplatz zum Bäcker Leonhart, der in seinem Laden auch ein kleines Café betrieb, bestellte ihr, natürlich auf Anstaltskosten, Kaffee und Gebäck und machte sich auf die Suche nach einem geeigneten Fahrzeug.
Er fand nichts anderes als einen Leiterwagen, der gerade eine Ladung Stroh nach Boilstedt gebracht hatte und nun auf Leerfahrt wieder die Stadt passierte. Der zugehörige Bauer war über eine unvorhergesehene Einnahme natürlich hocherfreut und berechnete wegen des Umweges den doppelten Preis, den der Kutscher aufs Anderthalbfache herunterhandeln konnte. Die beiden Männer hievten die Witwe samt Sitz wie eine steinerne Brunnenfigur auf die Ladefläche und befestigten den Stuhl mit Stricken am Wagen.
Trotz des hochsommerlichen Wetters trug die Witwe Sassenhof einen Pelzmantel, schwarze Seidenhandschuhe und eine elegante Mütze aus Silberfuchsfell. Der etwas ungewöhnliche Aufzug verwunderte den Kutscher wiederum gar nicht und verleitete ihn zu der Bemerkung: "Gnädige Frau kennen auch die alte Weisheit unserer Bauernweiber: Was gegen Kälte schützt, schützt auch gegen Hitze." Worauf ihn die Witwe angiftete, er möge sich unterstehen, mit ihr in diesem Ton zu sprechen.
So lud er ihr Gepäck auf seine Kutsche und fuhr vorneweg, während die Witwe auf dem Leiterwagen durch ein Spalier neugieriger Leute in Richtung Georgenroda hinterherholperte... Der Bürgermeister hatte, auf Steinlens Idee hin, eine Art kleinen Empfang für den ersten Kurgast organisiert, denn von dem guten Gelingen des Auftakts hing viel ab, wenn man sich einen positiven Ruf schaffen wollte, und das wollten alle. Selbst Hakemann willigte nach anfänglicher Skepsis ein; zuerst gab er nämlich zu bedenken, dass es sich bei der Witwe Sassenhof nicht um eine gewöhnliche Touristin handelte, sondern um eine Person, die ärztlicher Hilfe bedürfe.
Nun denn, meinte der Bürgermeister, und wollte Hakemanns medizinischem Kauderwelsch nicht nachstehen, wenn es kein Fall von echtem Tourismus wäre, dann sollte man die Witwe wie eine Gesunde behandeln, solange nicht das Gegenteil erwiesen wäre. Beweise, so erwiderte Hakemann, gäbe es in der Medizin ohnehin nicht, allenfalls Bilder, Krankheitsbilder. Sich ein solches zu machen, so der Bürgermeister darauf, habe er, Hakemann, ja nun Gelegenheit, und dazu gehöre doch auch die erste Begegnung mit dem Patienten. Empfangen Sie sie meinetwegen, wie es Ihnen gefällt, sagte Hakemann, aber ich möchte darauf hinweisen, dass manche gemüts- und geisteskranken Menschen in ihren Reaktionen unberechenbar sind. Papperlapapp, schnitt ihm Steinlen das Wort ab, der bemerkte, wie die Kutsche auf der Fahrstraße am Ortseingang auftauchte.
Der Bürgermeister gab dem Sekretär Wieland ein Zeichen, der wiederum der kleinen Blaskapelle ein Zeichen gab, mit einem fröhlichen Tusch die Sassenhoff zu begrüßen. Auch der Kutscher gab ein Zeichen, das jedoch im Lärm der Blechbläser unterging. Die Kutsche hielt vor der Versammlung, und der Bürgermeister schickte sogleich seine zweite Abteilung, eine Schar Mädchen in bunten Trachtenkleidern los, die im fröhlichen Reigen um die Kutsche herumtanzten und ihre Flatterbänder durch die Luft wirbelten.
Aus der Kutsche kam jedoch kein Zeichen. Und als der Bürgermeister anhob, seine vorbereiteten Begrüßungsworte zu verlesen, zögerte er, seine Rede in den Fond des Wagens hinein zu halten, ohne den Adressaten oder die Adressatin zu Gesicht zu bekommen. Er wechselte einen kurzen Blick mit Hakemann, der die Schultern zuckte, als wollte er bekräftigen: Hab' ich ja gesagt, vielleicht ist sie seltsam.
Der Kutscher wollte wieder etwas sagen, doch der Bürgermeister gab ihm ein Zeichen zu schweigen und sagte im besten Bürgermeisterton, den er beherrschte, einer Mischung aus freundlicher Ehrerbietung und bestimmter Aufforderung, dass das Reiseziel erreicht und es an der Zeit wäre, auszusteigen. Daraufhin öffnete sich die Wagentür, dann entstand eine Pause, in der alle Umstehenden wie gebannt auf das dunkle Wageninnere starrten.
Dann erschien ein Hand, die auf den drei schmalen eisernen Trittleisten für den Einstieg eine kleine Puppe herabhüpfen ließ wie aus einer Märchenaufführung für Kinder. Der Sekretär Wieland erkannt sofort, dass es Barthels Puppe war, die da anstelle der Witwe Sassenhoff auf infantile Weise aus der Kutsche stieg, und als Barthel selbst auftauchte, ging ein Schrei des Entsetzens durch die Menge, der aber sogleich in schallendes Gelächter überging.
Der Bürgermeister warf sein Redeblatt in den Wind, stürzte sich auf den armen Barthel, packte ihn an seinem schmutzigen Kragen und drückte ihn unsanft auf die Knie. Was hier vorgehe, und wie sich der Lump unterstehe, in dem Gästewagen zu chauffieren. Da kam endlich der Kutscher zu Wort und schilderte den Hergang in der Stadt, und wie die verehrte Dame mit ihrem neumodischen Fahrstuhl nur auf dem Leiterwagen des Boilstädter Bauern habe Platz finden können und nun ... dabei drehte er sich um und blickte zurück ... und nun höchstwahrscheinlich im Hotel "Zum Adler" abgestiegen sei.
"Verflucht", schimpfte der Bürgermeister, stieß den Barthel von sich und lief Steinlen hinterher, der sich sofort zu seinem Hotel aufmachte. Er winkte der Blaskapelle und den Trachtenmädchen, dass sie folgen sollen und gab auch wohl Doktor Hakemann eines seiner unmissverständlichen Zeichen. Der beeilte sich jedoch weniger, schließlich war die Witwe Sassenhoff ja seinetwegen hierhergekommen, als Patientin seiner Heilanstalt, und nicht wegen des Kurbetriebs dieses idyllischen Walddörfchens, dessen guter Ruf sich diesmal nur einige Schritte weit von der Ortsmitte weg verbreitet hatte.
Unterdessen hatte die Jungfer Schneegaß alle Hände voll zu tun, die Witwe Sassenhoff zu bewillkommnen. Steinlens Mädchen für alles im Hotel war natürlich völlig überrascht von dem Gast, und Steinlen hatte es verabsäumt, ihr irgendwelche Instruktionen zu geben, wie mit der Patientin der Hakemann'schen Heilanstalt zu verfahren wäre, weil er es selber nicht genau wusste, und er aber andererseits nicht allein dem Doktor den Verdienst an der - wie es schien - finanzkräftigen Witwe überlassen wollte. Den schweren Rollstuhl mitsamt der Sassenhoff hatte der Bauer mit Hilfe des Hausmeisters und zwei schrägen Brettern vom Wagen herabholen können, für alles weitere hielten sie sich begreiflicherweise nicht zuständig.
Die Jungfer Schneegaß, in der Annahme, der Willkommensempfang spiele sich unterdessen vor dem Amtshause ab, von wo sie denn auch die Blechmusik herüberschallen hörte, hatte sich auf der Küchenbank niedergelassen, nachdem sie den Topf mit den Kohlrouladen vom Vortag zum Aufwärmen auf den Herd gestellt hatte, um die Mahlzeit hernach in aller Ruhe verzehren zu können. Dabei war sie eingeschlummert, und die Kohlrouladen schmorten vor sich hin, bis die Witwe ankam und sich lauthals bemerkbar machte. Mit dem Elfenbeingriff ihres Stockschirms pochte sie gegen die Scheiben der Eingangstür, die allerdings weit offen stand, um die Räume zu belüften.
Sie hatte sich sogar von ihrem Stuhl erhoben und war mit einem eigenartig humpelnden und schleppenden Gang, als schleife sie ein schweres Gewicht am Fuße mit sich fort, Hilfe schreiend durch den Gastraum geirrt, bis die Jungfer Schneegaß davon aufschreckte und aus der Küche eilte. Da sie nicht wusste, um wen es sich da handelt, und weil ihr das Gezeter der fremden Dame auf die Nerven ging, schrie sie die Sassenhoff an: "Sie sind wohl nicht ganz dicht, hier herumzubläken! Das hier ist ein Sanaquarium, wo die Leute ihre Ruhe haben wollen." Steinlen hatte ihr eingeschärft, gegenüber Besuchern immer so zu tun, als hätten sie ein vollbelegtes Haus, obwohl fast alle Zimmer frei waren. Um den Anschein zu bewahrheiten, hatte Steinlen an dem Schlüsselbrett, das an der Rezeption hing, mehr als die Hälfte aller Zimmerschlüssel entfernt, als befänden sie sich in den Händen der Gäste.
Die Sassenhoff achtete nicht auf die Ermahnungen der Magd, vielmehr beschwerte sie sich ihrerseits darüber, dass an ihrem Tisch noch nicht zum Essen eingedeckt worden wäre. "An Ihrem Tisch?" fragte die Schneegaß verwundert, "welcher ist denn Ihr Tisch?" "Das wollte ich wohl von dir erfahren, du tölpelhaftes Weibsstück", entgegnete die Witwe und ließ sich auf einem Stuhl nieder. Sie ließ ihren Blick in die Runde schweifen und man konnte sehen, dass sie von dem Ambiente des Steinlen'schen Hauses nicht eben angetan war. "Hier stinkts", sagte sie dann. "Das sind bloß die Kohlrouladen", meinte die Schneegaß und hoffte inständig, dass Steinlen bald käme.
"Was gibt es zu speisen? Ich bin völlig ausgehungert." "Es gibt ... wir haben ..." "Zeige sie mir gefälligst die Speisenkarte." "Die Speisenkarte?" "Ja, die Speisenkarte. Oder habt ihr sowas nicht hier in euerm Kuhdorf." "Natürlich, wir sind doch das erste Haus am Platze", erwiderte die Magd, verschwand für einen Augenblick und kam dann zurück mit der Speisenkarte, die sie - wie Steinlen es ihr gelehrt hatte - der Dame darreichte, als handele es sich um die von Kaiser Konrad I. persönlich ausgestellte Urkunde über das Vorrecht zur Bewirtung aller Gäste, die sich in Georgenroda aufhalten.
"Da ist ja ... alles ausgestrichen", sprach die Witwe fassungslos. "Nicht alles", sagte die Schneegaß hoffnungsvoll, "Kohlrouladen sind noch da." Und weil die Witwe offensichtlich nicht mehr wusste, was sie davon halten sollte, setzte die Schneegaß resolut hinzu: "Sie sind spät dran, Gnädigste, das Gros der Gäste hat schon gedient, ich meine diniert." "Das Gros der Gäste? Will sie damit sagen, dass ich zum schäbigen Rest gehöre? So wie eure Kohlrouladen zur Küche?" Sie zückte ihren Stockschirm, bereit, den elfenbeinernen Griff auf der Jungfer Schneegaß' bäurischen Dickschädel zu hauen.
"Aber ganz im Gegenteil", rief diese, "in Wahrheit haben wir die Kohlrouladen, die eine Spezili ... Spezila ... eine echte Hausmannskost sind, extra für die Gnädigste aufgehoben und warmgehalten." "Auch warmgehalten", sagte die Witwe mit beißendem Spott, für den aber die Jungfer Schneegaß nicht empfänglich war. "Ja, natürlich, oder essen sie die zu Hause etwa kalt?" "Also schaff' mir die Kohlrouladen, und zwar ein bisschen presto."
Nun bot die Schneegaß wirklich all' ihre Servierkünste auf und setzte der Witwe ein durchaus leckeres Mahl vor, das sich diese denn auch sogleich schmecken ließ. Doch kaum hatte sie die erste Roulade verspeist, als Steinlen, der Bürgermeister und die übrige Kanaille hereingestürmt kamen, Steinlen direkt auf die Schneegaß zu, die gerade der Witwe etwas Wein nachschenkte, und sie fragte: "Wo ist sie?" "Wer?" "Die Witwe Sassendorf?" "Sassenhoff", berichtigte die Witwe und schob den nächsten Bissen in den Mund. "Meinen Sie die Dame, die vorhin hier abgestiegen ist, Herr Steinlen?" "Ja, wen denn sonst? Oder haben wir noch einen Gast hier?"
"Oh ja", sagte die Schneegaß schnell und machte ein Zeichen mit dem Finger über der Witwe Kopf, "Wir haben doch das Gros der Gäste im Hause, Herr Steinlen." "Was?", meinte Steinlen und war ganz perplex. Der Bürgermeister knuffte ihn in die Seite, sie schauten beide auf die mampfende Witwe, die sich gar nicht darum kümmerte. Doch bevor sie etwas sagen konnten, trat Doktor Hakemann in ihre Mitte, ergriff die Rechte der Witwe und gab ihr einen Handkuss, während vom Messer die Soße tropfte. "Habe die Ehre, Madame Sassenhoff, Sie hier begrüßen zu dürfen. Ich bin Doktor Josua Hakemann, der Sie behandelnde Oberarzt." "Jetzt lassen Sie mich doch erstmal in Ruhe essen."
Die drei Herren setzten sich ganz leise an die freien Seiten des Tisches und betrachteten die Witwe als wäre sie ein seltenes Tier aus dem Innern Afrikas, das in das erste europäische Gehege eingeliefert worden sei. "Selbstverständlich", sagte der Bürgermeister beflissentlich, "stärken Sie sich erst einmal, bevor Sie ..." "Bevor ich unverzüglich wieder abreise", vollendete die Witwe den Satz. Der Bürgermeister sprang auf. "Aber um Himmelswillen, wieso denn?" "Bei dem Fraß bleibe ich keine Mahlzeit länger hier."
Die Schneegaß machte ein empörtes und beleidigtes Gesicht zugleich. "Nichts gegen dich, Kindchen", sagte die Sassenhoff zu ihr, "du gibst dir wirklich Mühe, die Gäste zu bedienen, aber ..." "Der Doktor hat bereits eine spezielle Heildiät für Sie erarbeitet", verriet Steinlen und nickte Hakemann auffordernd zu. "Was soll ich mit einer Diät, ich leide an einer schweren symptomatischen Hysterie, und wer sind Sie überhaupt?" "Ich bin der Chef dieses Hauses, Steinlen ist mein Name." "Das interessiert mich nicht." "Ich bin der Bürgermeister." "Noch viel weniger.
Doktor, Sie brauchen mir gar nichts zu erzählen", wandte sie sich an Hakemann, der sich eigentlich zurückgehalten hatte. "Ich kenne alles, was ihr Kurpfuscher und Quacksalber über meine Krankheit gesagt und geschrieben habt, und ich will Ihnen eins dazu sagen: es ist alles dummes Zeug. Es ist alles erbärmliche Bierphilosophie von Männern, die nicht die blasseste Ahnung davon haben, was in einer Frau wirklich vorgeht." "Das sage ich auch immer", meinte die Schneegaß und setzte mit einer abfälligen Handbewegung gegen die Herren hinzu: "Ihr habt's euer Fachschinesisch, und wir sind die Versuchskarnickel."
Die Witwe Sassenhoff brach in schallendes Gelächter aus. Steinlen gab der Schneegaß einen Wink zu verschwinden. Dann sagte Hakemann zur Überraschung der anderen: "Sie haben vollkommen Recht, Verehrteste Madame. Die herkömmlichen Ärzte haben wenig Geschick in der Behandlung so diffiziler Leiden wie sie die Frauen befallen, und sie haben noch weniger Einfühlungsvermögen. Daher praktiziere ich auch eine völlig neue Methode." "So? Und worin besteht das Besondere Ihrer Methode, Herr Doktor?" "Nun, die unglücklichen Personen, die vom Wahnsinn heimgesucht werden, sind bislang immer zu Dutzenden in Verwahrungsanstalten weggeschlossen worden, wo sie zwischen den widerwärtigsten Elementen der Gesellschaft dahinvegetieren mussten. Damit ist bei mir Schluss."
Der Bürgermeister fiel ihm ins Wort. "Richtig, das ist das Vorzügliche an unserem Sanatorium: dass Sie, Verehrteste ganz allein für sich sind, und der Herr Doktor sich nur um Sie kümmert. Sie können die göttliche Ruhe unseres Ortes genießen, Sie können den Vögelchen lauschen, die in den Wipfeln der Bäume zwitschern, oder dem Bächlein, das glucksend das Tal herabbullert. Sie können in der Stille des Waldes verharren oder vom Berge aus den Blick in die Ferne schweifen lassen."
Die Witwe verzog das Gesicht. "So werde ich unverzüglich abreisen. Was Sie mir da vorsäuseln, Herr Bürgermeister, das ist bestens geeignet, meine Melancholie nur noch aufs Äußerste zu steigern. Ich habe alle möglichen Phobien, die Sie sich nur denken können, darunter auch die Angst vor fließendem Wasser, vor dem Fernblick, vor unsichtbaren Stimmen, auch wenn sie von Vögeln kommen, und natürlich die Angst allein zu sein. Ich - allein im Wald - hinter jedem Baum würde ich einen bösen Dämon wittern." "Wir würden Ihnen selbstverständlich jemanden zu Ihrem Schutz mitgeben, unseren Barthel zum Beispiel, er kennt sich hier jeden Weg und Steg." "Um Gottes Willen, ich befürchtete, dieser Lümmel würde sich auf mich stürzen, sobald wir außer Rufweite des Dorfes wären." "Nun, Sie könnten ja in der Nähe bleiben, man würde Ihr Schreien hören." "Es verschlägt mir die Stimme, sobald sich nur eine fremde Hand gegen mich erhebt, es genügt schon, wenn mir jemand zuwinkt, und ich drohe zu ersticken."
"Vielleicht", meinte Steinlen, "brauchen Sie mehr Zerstreuung, Unterhaltung, Kurzweil, Vergnügen." "Vergnügen? Wollen Sie mich jetzt zum Tanzen auffordern, Herr Hoteldirektor?" "Wir veranstalten hier im Ort schon seit Jahren das beliebte Hammerteichfest, gewissermaßen ein Ball im Freien, wo man die angenehmste Atmosphäre findet und unter Menschen kommt."
Steinlen hatte es gut gemeint mit seinem Vorschlag, nachdem der Bürgermeister, sich mit dem Tuch den Schweiß von Stirn und Nacken wischend, aufgegeben hatte, doch bei dem Wort Hammerteichfest überkam die Witwe Sassenhoff eine Anwandlung, als habe sie gerade die Nachricht erhalten, dass alle ihre Familienangehörigen auf einen Schlag ums Leben gekommen wären, durch einen Erdrutsch meterhoch verschüttet oder in einer Feuersbrunst verbrannt. Sie brach in Tränen aus, schlug sich die Hände vors Gesicht und schluchzte jämmerlich in einem sehr hohen Ton, der äußerst unangenehm war und dann zu einer nicht minder schrillen, sich unaufhörlich wiederholenden unmelodischen Koloratur wechselte.
Hakemann holte sein Notizbuch hervor und schrieb etwas hinein. Der Bürgermeister legte ihr die Hand tröstend auf die Schulter, worauf die Witwe aufschreiend von ihrem Platze sprang und mit erstaunlicher Beweglichkeit durch die offene Eingangstür hinauslief.
"Das war das Falscheste, was Sie tun konnten", sagte Steinlen zum Bürgermeister, "Sie haben doch gehört, dass sie Angst vor jeder Hand hat, die ihr zu nahe kommt." "Aber ... dies ist meine Hand, keine gewöhnliche, es ist sozusagen die öffentliche Hand." "Wenn Sie jetzt abreist, ist es Ihre Schuld, Herr Bürgermeister." "Ach was, sie wird sich schon wieder einkriegen, ein überkandideltes Frauenzimmer, vom Stadtleben völlig ruiniert, sie muss sich bloß erst an die neue Umgebung gewöhnen. Was meinen Sie, Doktor?" "Mich verwundert das nicht, ein typischer Fall von symptomatischer Hysterie." "Ja, das bringt uns aber jetzt nicht weiter", entgegnete Steinlen, der alles daransetzen wollte, den Gast im Hause, wenigstens im Ort zu halten.
Der Bürgermeister löste die Begrüßungsveranstaltung auf, die Jungfer Schneegaß räumte das Geschirr ab, Steinlen und Hakemann begaben sich auf die Suche nach der entlaufenen Witwe. Zwar war auch der Rollstuhl weg, aber wie weit konnte sie damit schon kommen? Hakemann hatte eine unbestimmte Ahnung, die sich bewahrheitete: die Sassenhoff war zur Heilanstalt gefahren und hatte sich kurzerhand selbst dort einquartiert. Barthel, der draußen vor dem Hotel stand, hatte sie hergeschoben, während die Witwe Barthels Puppe auf dem Schoß hielt. Einer der Knechte aus der Anstalt hatte das Gepäck nachgebracht.
Die Witwe suchte sich ein Zimmer im ersten Stock mit Blick auf den Garten aus, ließ sich einen Tee bringen und begann zu lesen. Barthel, der nicht begriff, was vor sich ging (oder vielleicht doch) blieb an der Stubentür stramm stehen, stand dort eine geschlagene Stunde und blickte starr geradeaus durchs Fenster, bis die Witwe ihr Buch zuklappte, kurz seufzte und sagte: "Ein ergreifendes Kapitel." Dann fragte sie Barthel, was er sähe. "Wolken", murmelte er und fing wie durch ihr Zauberwort an, mit leisem Singsang seinen Oberkörper hin und her zu wiegen. Es klopfte und Doktor Hakemann trat ein. Er schickte Barthel weg und bat die Witwe Sassenhoff um ein Gepräch, in welches sie einwilligte, und das bis zum frühen Abend dauerte.
Die Sassenhoff reiste verschob vorerst ihre Abreise. Der Bürgermeister erfuhr es als letzter, was ihn überaus ärgerte. Er wartete nach der Aufnahme der Witwe in Hakemanns Heilanstalt geschlagene drei Tage darauf, von dem Doktor über den Stand der Dinge in Kenntnis gesetzt zu werden, aber der Doktor kam nicht. Der Bürgermeister widmete sich, als ihm die Zeit des Wartens zu lang wurde, damit, seinen Kalender zu pflegen, und dabei fiel ihm ein, dass Hakemann ihm einen sogenannten immerwährenden Kalender versprochen hatte, auf den er nun auch noch wartete.
Was sollte er tun? Selber zu Hakemann in die Anstalt gehen und ihn zur Rede stellen? Das wäre unter seiner Amtswürde gewesen, niemals ist ein Bürgermeister zu einem Georgenröder Bürger hingegangen, sondern immer sind sie zu ihm gekommen, sogar wenn sie das Schlimmste zu befürchten hatten. Doch Hakemann setzte sich über alles hinweg, weil er ein Auswärtiger war und wohl glaubte, sich an die Ordnung am Ort nicht halten zu müssen. Und wenn er, der Bürgermeister, allen Gepflogenheiten zum Trotz, dennoch die Anstalt besuchte, was würde ihn erwarten? Wahrscheinlich würde der Doktor ihn mit seinem hochtrabenden medizinischen Geschwätz einzuweben versuchen wie im Netz die Spinne ihre Opfer. Er könnte unter dem Vorwand einer Visitation dort erscheinen, denn als Bürgermeister hatte er die Pflicht, nach dem Rechten zu sehen.
Aber wie sollte er die Zustände in der Anstalt beurteilen können, wo er nicht einmal Masern von Mumps unterscheiden konnte. Oder den Sekretär Wieland hinschicken? Der ließe sich noch viel einfacher überrumpeln; oder bestimmt bestechen, und er, der Bürgermeister, verlöre einen seiner treuen Diener, womöglich den einzigen. Es war eine vertrackte Situation, in der er sich befand, und am dritten Tag beschloss der Bürgermeister, etwas zu unternehmen. Eine Weile später wusste er auch schon was. Er ging zu Steinlen ins Hotel "Zum Adler", das war eine unverfängliche Handlung, die weder wie eine Amtshandlung aussah noch eines triftigen Grundes bedurfte.
Steinlen war mit Unterstützung der Jungfer Schneegaß gerade damit beschäftigt, den Schlüssel des Zimmers Nummer 8 zu suchen und der Besuch kam ihm eigentlich ungelegen. Natürlich begrüßte er den Bürgermeister ehrerbietig und ließ ihn an seinem besten Tisch Platz nehmen. Die Schneegaß reichte ihm sogleich die Speisenkarte, und der Bürgermeister fragte im übertriebenen Scherz, ob es vielleicht Kohlrouladen gebe, ha ha ha. Steinlen erwiderte nur etwas zerstreut: "Nein."
Und der Bürgermeister bohrte scheinbar wie nebensächlich weiter: Ob denn die Patientin, die wie hieß sie noch gleich, die Sassenhoff, inzwischen mit dem Essen zufrieden sei. "Wieso inzwischen?", fragte die Schneegaß, "es hat ihr von Anfang an gemundet." Und Steinlen ergänzte und zählte die Gerichte auf, die er bis jetzt täglich in Hakemanns Anstalt geliefert hatte; das klang recht appetitlich. "Ach, Sie waren dort?", fragte der Bürgermeister wie überrascht. "Gab es denn einen besonderen Grund dafür?" "Einen Grund?", wunderte sich Steinlen. "Man muss doch wissen, wie sich die Sache entwickelt, um daraus seine Schlussfolgerungen zu ziehen." "Tatsächlich? Nun, ich verlasse mich da eigentlich ganz auf unseren Doktor, er wird schon am besten wissen, was zu tun ist."
Und weil Steinlen nichts darauf sagte und bloß in allen Schubladen weiter nach seinem Schlüssel suchte, setzte der Bürgermeister hinzu: "Sie etwa nicht?" "Was?" "Vertrauen Sie nicht auch voll und ganz dem Doktor?" "Nein." Der Bürgermeister sprang auf. "Nein?" "Ähm, ja, doch." "Na, was denn nun?" fragte er und verschärfte seinen Ton.
Steinlen setzte sich zum Bürgermeister. "Im Prinzip vertraue ich ihm, jedenfalls, was seine Arbeit betrifft." "Verstehen Sie denn etwas davon, Steinlen?" "Nicht die Bohne, aber was bleibt einem anderes übrig als einem Arzt zu glauben was er sagt. Er macht seine Sache und ich mache meine, seine ist die Heilkunst, und meine ist die Gastronomie. Das ergänzt sich doch hervorragend." Der Bürgermeister konnte auf die Schnelle keine Ergänzung erkennen, aber ihm schien, dass Steinlen schon viel mehr vom Anstaltsbetrieb profitierte als er. "Und welche Schlussfolgerungen haben Sie gezogen? Sie wissen, Steinlen, dass ich als Bürgermeister das unbedingte Recht habe, über alles genau Bescheid zu wissen."
"Natürlich haben Sie das", sagte Steinlen und schwieg. "Also?" "Nun ja, es geht voran." "Voran? Womit?" "Mit dem Geschäft." "Sind schon weitere Kurgäste eingetroffen?" "Das nicht, aber vielleicht bald." "Bald, bald oder nie." "Seien Sie nicht so ungeduldig, Herr Bürgermeister. Man muss zunächst aus des Hakemanns Behandlung der Witwe den Nutzen ziehen." "Sie meinen, indem Sie das Essen in die Anstalt liefern." "Ja, das auch. Dadurch bleibe ich in Verbindung und weiß, was dort abläuft." "Ich denke, Sie haben davon keine Ahnung." "Muss ich auch gar nicht. Aber ich habe einen klaren Verstand und ein gutes Gedächtnis, ich merke mir alles, was der Doktor so daherschwatzt." "Aber wofür denn?" fragte der Bürgermeister erstaunt, dem gerade das unerträglich vorkam. Steinlen verriet offenbar nicht alles.
"Man muss die Kunde von des Doktors Heilerfolgen verbreiten, damit andere Patienten angelockt werden. Ich und - mit Verlaub, auch Sie Herr Bürgermeister können darüber nicht fachmännisch reden, aber wenn wir das verwenden, was uns der Doktor mitteilt und es ein bisschen aufbereiten, ich meine, ausschmücken und so, was glauben Sie, welchen Eindruck das machen würde." "Auf mich macht das nur den Eindruck von Hirngespinsten. Ich glaube, er will seinen Doktorkollegen bloß eins auswischen, weil sie ihn nicht anerkennen." "Das ist nur, weil Sie am Geiste gesund sind, Herr Bürgermeister und keine solche Therapie benötigen." "Na, Gott sei Dank."
"Sie mögen sogar Recht haben, Hakemann kämpft wohl gegen seine Zunft an, aber er hat auch Anhänger, die seine Ansichten vertreten, sogar schon Schüler." "Sie meinen, er will hier eine Schule eröffnen, so wie der Salzmann in Schnepfenthal?" "Nein, nein. Und ich glaube, das brauchen wir hier auch nicht. Worüber lachen Sie?" "Ich stelle mir gerade vor, wie lauter kleine Schulkinder bei Ihnen im Hotel wohnen." "Sehr lustig. Im Ernst: je mehr Aufsehen der Doktor mit seiner Behandlungsmethode erregt, umso mehr wird man auch über uns reden." "Über uns? Was wird man denn über mich reden?" "Ich meine, über die Anstalt in unserem Ort. Über Sie wird man natürlich nicht sprechen." "Nicht? Aber ich bin der Bürgermeister." "Verstehen Sie doch endlich: Wir beide, wir müssen gar nicht genannt werden, wir bleiben im Hintergrund und ziehen die Strippen." "Die Strippen? Ah, ich verstehe, Sie wollen ein Theater errichten, ein Naturtheater, daran habe ich auch schon gedacht, auf der anderen Seite vom Hammerteich."
Das letzte Wort brachte Steinlen auf irgendeinen Gedanken zurück. "Dabei fällt mir ein, Herr Bürgermeister, kann es sein, dass Sie den Schlüssel von Zimmer 8 haben." "Ich Ihren Zimmerschlüssel? Wie kommen Sie darauf?" "Ich dachte, seit dem, dem bedauerlichen ... " "Also was schlagen Sie vor, Steinlen, das wir als nächstes tun werden?" "Was Sie tun werden, Herr Bürgermeister kann ich nicht sagen, ich für meinen Teil habe vor, den Doktor noch einmal gründlich zu konsultieren, um genaueres über seine Methode zu erfahren."
"Genau daran habe ich auch gedacht", rief der Bürgermeister entschlossen und setzte hinzu: "es ist nur die Frage, ob wir ihn konsultieren ohne dass er es merkt, oder ob wir ein paar Leute aus Gotha zusammentrommeln und ihn Knall auf Fall konsultieren." Steinlen sah den Bürgermeister ungläubig an. "Mit konsultieren meine ich, ihn um Rat und Meinung fragen." "Ach so, ja, das ist natürlich auch sehr wichtig." "Ich werde den Doktor einladen zu einer gemütlichen Runde hier im Hotel." "Ist es nicht besser, wir machen das bei mir in der Amtsstube, da können wir genausogut konsultieren wie hier." "Das bezweifle ich; der Hakemann ist allen obrigkeitlichen Institutionen gegenüber nicht eben aufgeschlossen. Wenn wir etwas aus ihm herausbringen wollen, muss das in einer zwanglosen Atmosphäre geschehen."
"In Ordnung", sagte der Bürgermeister und erhob sich, "Steinlen, ich gebe Ihnen freie Hand." "Danke." In der Tür drehte sich der Bürgermeister noch einmal um und sagte mit betonter Beiläufigkeit: "Ich komme natürlich auch zu dem Treffen, wenn ich es irgendmöglich einrichten kann."
Steinlen suchte den Doktor in seiner Anstalt auf, um ihn einzuladen, fand aber weit und breit keine Spur von ihm. Stattdessen hörte er fürchterliche Schreie aus dem Keller dringen, die offenbar von der Witwe Sassenhoff herrührten. Fast wollte er davonlaufen und den Bürgermeister nebst einigen starken Männern alarmieren, da vernahm er zwischen dem entsetzlichen Brüllen der armen Frau immer ein wohliges Aufjauchzen, welches zu den Schmerzensschreien im völligen Gegensatz stand. Er tappte im Halbdunkel die Stufen zum Keller hinunter und entdeckte in dem fahlen Licht, das von den kleinen Fenstern hereinfiel, tatsächlich die Witwe Sassenhoff, die nach vorn gebeugt auf einem Holzschemel mitten im Raum hockte.
Sie war mit nichts weiter bekleidet als mit einem Unterrock, der total durchnässt an ihrem Schoß klebte, und ihre ungeheuer großen Brüste hingen zwei prallen Säcken gleich herab, wie sie Steinlen in seiner Küche zum Auspressen der Kartoffelmasse für die Thüringer Klöße verwendete. Um den Schemel herum war der Steinboden mit Wasser überschwemmt, und hinter der Witwe stand, ebenfalls nur in langer, zerschlissener Unterhose und mit weit aufgerissenem Mund Barthel, der ein nasses, verdrilltes Bettlaken wie einen Dreschflegel immer wieder auf den Rücken der Witwe niederklatschen ließ, dass das Wasser nach allen Seiten spritzte und die Sassenhoff jedesmal mit Aufwendung aller Kräfte dagegen standzuhalten versuchte.
"Um Himmels willen", rief Steinlen und wollte sich auf Barthel stürzen, um ihm den Prügelbalg zu entreißen, aber die Witwe, wie sie seiner ansichtig wurde, übertönte ihn, und es zeigte sich, dass sie noch viel lauter werden konnte als unter Barthels rücksichtslosen Schlägen. Barthel ließ sogleich das Werkzeug fallen und drückte sich an die Kellerwand, die Sassenhoff richtete sich auf und hielt die Arme vor die Brust, welche jedoch oben wie unten hervorquollen, so dass Steinlen, als wäre er wie gebannt von dem Anblick, gar nur noch darauf starren konnte und wie versteinert stehen blieb. Und als die Witwe mit ihrer Hand das nasse Haar, das ihr vorm Gesicht hing, nach hinten strich, und Steinlen dabei von der ganzen, vollen, milchweißen Pracht vollends die Augen übergingen, hielt er es nicht länger aus, streckte seine Arme vor und ging auf die Sassenhoff zu.
Die aber schrie ihn an, was er sich unterstehe, unbefugt den ärztlichen Behandlungsraum zu betreten, noch dazu den Frauenbehandlungsraum. Eine Unverschämtheit sei das, ein gemeingefährlicher Überfall auf eine schutzbefohlene Standesperson, und sie, die Sassenhoff, werde ihn bei Gericht verklagen, wenn er sich ihr nur noch einen Zentimeter nähert. Und Barthel, um ihre Drohung zu bekräftigen, schöpfte mit beiden Händen eine Ladung eiskaltes Wasser vom Boden und schleuderte sie Steinlen ins Gesicht. Das brachte ihn zur Besinnung, er erschrak, wendete sich auf der Stelle um und lief aus dem Keller, die Steintreppe hinauf ins Freie.
Der Doktor war die ganze Zeit nicht im Hause. Man traf ihn endlich nach langem Suchen auf einer Waldwiese, wo er Gebirgskräuter sammelte, die, wie er sagte, als Grundsubstanzen einer Tinktur gegen chronische Krankheiten benötigt würden. Von den Vorgängen im Keller seiner Anstalt schien er überhaupt nicht beeindruckt, geschweige denn beunruhigt. Er habe, sagte er, der Patientin S. in gewissem Rahmen die freie Entscheidung überlassen, welche Maßnahmen sie zu ihrer Heilung in Anspruch nehmen will. Das nenne der das Mitspracherecht des Kranken und würde es fortan da in seinen Therapien verwirklichen, wo er es für angebracht halte. Aber, so wandte Steinlen ein, die Patientin S. habe sich dabei gebärdet, als triebe ein böser Dämon, ja, der Teufel selber, mit ihrem Körper sein Spiel. "Und wenn schon", meinte Hakemann, "besser, sie gibt ihm hier im Keller freien Lauf, als dass sie ihn irgendwo inmitten der Gesellschaft herausließe." Das Argument schien Steinlen durchaus einleuchtend; aber er war, wie er sich eingestehen musste, noch viel zu sehr mit dem Anblick der halbentblößten Witwe beschäftigt, der ihm selbst des Nachts im Schlaf die Ruhe raubte.
Alsdann fand man sich zu der einberufenen Runde im Hotel "Zum Adler" zusammen, der neben Doktor Hakemann, dem Bürgermeister und Steinlen auch der Vogt Oschmann, der Kerzenfabrikant im Ruhestand Albrecht sowie der Hauptmann aus Ohrdruf beiwohnten. Hakemann zeigte sich entgegen allen Befürchtungen sehr gesprächig und legte lang und breit seine Ansichten über die Heilkunst im allgemeinen und über einige Krankheiten im speziellen dar. Manches, wie seine notorische Ablehnung des Aderlasses, waren dem Bürgermeister bereits bekannt, aber jetzt zog Hakemann so richtig vom Leder gegen alles, was er die konservativen Palliative nannte.
Ob das eine politische Strömung und seine Kritik eine politische sei, wollte der Bürgermeister vorsichtshalber klargestellt wissen. "Nichts weniger als das", versicherte ihm der Doktor. "Politik hat immer etwas mit Gemeinwohl zu tun. Diese Praxis der Medizin jedoch, die von gewissenlosen Pfuschern und Quacksalbern betrieben wird, hat nicht das Gemeinwohl, sondern nur das eigene Wohl im Sinn. Mit jedem Wässerchen und Pülverchen, Pflasterchen und Zäpfchen, das diese Banausen im weißen Kittel verschreiben, trachten sie nach mehr Verdienst. Jede Krankheit, jedes Leiden eines unglücklichen Menschen ist ihnen eine willkommene Einnahmensquelle, die möglichst lange am Sprudeln gehalten werden muss, weshalb es auch nicht Wunder nimmt, dass sich die Behandlungen oft über Jahre hinstrecken, ja manchmal sogar über den Tod des Patienten hinaus, wenn nämlich hinterher noch Zweifel an seiner Ursache ausgeräumt und selbst die Leiche in allen Teilen nochmals aufwändig untersucht werden müssen.
Was er, der Doktor, denn nun gegen so viel Stümperhaftigkeit und unlautere Praxis unternehmen will, fragte der Ohrdrufer Hauptmann und nahm damit den anderen ihre Frage vorweg. Da holte Hakemann sein Notizbuch heraus, in das er unablässig hinein schrieb, was ihm festzuhalten wichtig erschien, und gab einige seiner Ansichten zum Besten, die, wie er selber betonte, lediglich die ersten Fragmente einer bald in systematischer Ganzheit zu erstellenden Theorie seien.
Ein Kernstück darin bildete eine sehr ausführliche Untersuchung des Patienten unter Berücksichtigung nicht bloß der Auffälligkeiten, die mit seiner Krankheit in unmittelbarer Verbindung stünden, sondern gleichsam den gesamten Lebenswandel des Betreffenden angingen. Das beginne mit den Essensgewohnheiten, mit der Frage nach dem Appetit und nach dem Durst. Welche Speisen bevorzugt der Kranke, welche sind ihm zuwider? Wie ist sein Schlaf? Liegt er auf dem Rücken? Oder auf welcher Seite dann? Schnarcht er beim Einatmen, und wenn nicht, schnarcht er beim Ausatmen? Wie gebärdet er sich im Schlafe? Redet, schreit, wimmert oder stöhnt er? Wie verträgt er den Wechsel von Ruhe und Bewegung? Wie empfindlich ist er gegenüber Hitze und Frost. Wann bricht der Schweiß aus, wann beschleunigt sich der Puls? Von welcher Beschaffenheit ist der Stuhlgang? Ist Schleim oder Blut im Kot? Wird der Urin trübe, wenn er steht, oder ist er schon trübe, wenn man ihn gelassen hat?
"Sie meinen", fragte der Bürgermeister, "es ist nötig, dass man den Urin aufhebt?" "Für eine zweifelsfreie Diagnose ist das unabdingbar." "Wie lange?" wollte der Vogt Oschmann wissen. "Das kommt auf die Fähigkeit des Arztes an. Ein guter Arzt wird schon nach kurzer Zeit die erforderlichen Schlüsse daraus ziehen können, wogegen einem Dilettanten auch ein Wochen lang abgestandener Urin keinen Aufschluss geben wird."
Ob solche Vorsichtsmaßnahme auch auf dem Stuhlgang zuträfe, fragte der Kerzenfabrikant, aber Hakemann war bereits beim nächsten Punkt, wo die Nachforschungen des Arztes sich nicht mehr nur auf die sichtbaren oder jedenfalls messbaren Symptome des Patienten erstreckten, sondern auch schlichtweg auf alles, das irgendwann im Leben dieser Person geschehen war und das deshalb einen Einfluss, gewissermaßen eine unterschwellige Wirkung auf die innere Verfassung und eben auf den Ausbruch der Krankheit und deren Verlauf hatte und noch haben könnte. Privaterkundigungen nannte Hakemann dies und zählte derer zum Exempel auf: Vergiftung oder versuchter Selbstmord, Ausschweifungen der Wollust, Onanie, Schwelgerei in Wein, Liqueuren, Punsch oder hitzigen Getränken oder in besonders schädlichen Speisen. Sodann: unglückliche Liebe, Eifersucht, häuslicher Unfriede, Ärgernis, Gram über ein Familienunglück, erlittene Schmach oder Misshandlung, verbissene Rache, Zerüttung der Vermögensumstände, abergläubische Furcht oder etwa ein Körpergebrechen an den Schamteilen.
"Grundgütiger", sagte der Bürgermeister mit etwas verunsicherter Stimme, "da könnten wir uns ja gleich alle Mann in der Anstalt wiederfinden." "Wieso?", fragte der Kerzenfabrikant, "stimmt etwas nicht mit ihren Vermögensverhältnissen?" Der Bürgermeister, der sah, dass er mit seinen Bemerkungen vorsichtiger sein muss, entgegnete: "Bei mir stimmt höchstens mal der Kalender nicht, und die Kalenderrechnung", wandte er sich an den Doktor, "spielt ja wohl bei Ihren Krankengeschichten keine Rolle." "Nun ja, nicht direkt? Allerdings müssen, gerade wenn es sich um eine Frau handelt, die kosmischen Zyklen berücksichtigt werden, ich sage nur als Stichwort: der Mond." Dabei hob Hakemann mit der Geste eines Verschwörers den Zeigefinger und deutete nach oben.
Das Stichwort gab dem Hauptmann aus Ohrdruf den Anstoß zu einer Anekdote, die sich vor nicht allzu langer Zeit daselbst im Lande zugetragen habe und und von einem Weib handelte, das, nachdem es Jahre lang ein tadelloses Leben geführt hatte, zu einer Wolfsnatur mutiert war und nun als Wölfin mit glutroten Augen und grässlichem Gebiss des Nachts den Mond anheulte. Der Hauptmann führte wenigstens drei noch lebende Personen an, die allesamt durchaus glaubwürdig waren, und berichtet hatten, wie sie der Wolfsfrau begegnet waren, als sie ihrem schrecklichen Treiben nachging. Und einer dieser Zeugen, ein gewisser - "na, sein Name ist mir bekannt, aber ich möchte ihn hier lieber verschweigen", sagte der Hauptmann in vertraulichem Ton, dieser Jemand hatte erzählt, wie ihm die Wolfsfrau, als er ihr zu nächtlicher Stunde auf dem Weg von Kremsbach nach Frankenhain, ungefähr an der Stelle, wo es links zu dem alten Kupfererzstollen geht, begegnet war.
Zuerst erschrak er fast zu Tode und glaubte, sein letztes Stündlein habe geschlagen, da ihn die Wölfin anfallen und zerfleischen werde. Doch da bemerkte er, dass sie sich ihm mit einem ganz anderen Ansinnen näherte, und nicht etwa mit aufgerissenem Rachen auf ihn zukam, sondern ihm ihr Hinterteil entgegenstreckte, in einer Weise, die ihm trotz des etwas fahlen Mondlichts als unmissverständliche Aufforderung erscheinen musste. Und hatte dieser Teil der Bestie im Unterschied zum übrigen, ganz mit Wolfsfell überzogenen Körper, die Hominidenhaftigkeit behalten und den weiblichen Reiz nicht im geringsten verloren.
Nur die Abscheu vor der Ungestalt, sein fester Glaube an die Lehre von den Todsünden, und die etwas lächerliche Haltung, mit der die Kreatur mühsam ihren Schwanz nach oben streckte, um ihre Blöße zur Geltung zu bringen, hatten ihn von dem frevelhaften Schritt abgehalten. "Zu seinem und zu aller Glück", setzte der Hauptmann hinzu, "denn wer weiß, was für eine Brut barbarischer Mischwesen fortan unseren schönen Wald bevölkert hätte, der Gott sei Dank bisher davon sauber geblieben ist." "Weil sie alle nicht überlebt haben", sagte der Vogt Oschmann, als habe er selber schon welche aufgelesen, die elendiglich zugrundegegangen waren.
Ob die Witwe Sassenhoff eigentlich nachts über in ihrem Zimmer eingeschlossen wäre, fragte der Bürgermeister, weil ihm das gerade so einfiel. "Sie ist doch nicht entmündigt", gab Hakemann zur Antwort. "Vielleicht sollte man das nachholen." Hakemann brauste auf. "Herr Bürgermeister, über meine Patienten entscheide ich allein und niemand sonst. Kassieren Sie Ihre Steuern aus dem Anstaltsbetrieb und halten Sie sich bitte im übrigen raus."
Das war eine kleine Blamage für den Bürgermeister, aber er steckte den Rüffel wortlos ein, und Steinlen überspielte die Peinlichkeit, indem er bemerkte: "Hieß es nicht, die Witwe stammt aus Königsberg?" "Ja, und?" "Ich habe zufällig auf einer der Akten gelesen, sie kommt aus Büsum." "Sie ist in Königsberg geboren", sagte der Doktor, "warum interessiert Sie das?" "Nur so, ich wunderte mich über ihren Akzent."
Nach dieser lehrreichen Besprechung mit dem Doktor, fasste der Hotelier Steinlen den Entschluss, des Doktors Behandlungsmethoden mehr zu popularisieren. Er gab bei dem Verleger Zacharias Berger, welcher in der Residenzstadt eine Zeitung für das gebildete Publikum herausbrachte, die in ganz Deutschland verbreitet wurde, einen Artikel über die "Genesungs-Anstalt für wahnsinnige Personen aus den höheren Ständen" und verwendete dafür so viel an Fachinformationen, wie er eben aus der Unterredung mit dem Doktor sich hatte merken können und was besonders erwähnenswert fand. Dabei hielt er es für besser, Hakemann selbst nichts darüber mitzuteilen und unterzeichnete seine eingereichten Artikel mit "Ein aufmerksamer Zeitgenosse", "Ein stiller Förderer der Heilkunst" oder sogar: "Ein Menschenfreund".
Das Echo war enorm. Der Verleger, der sich wohlweislich die Angabe der Adresse der Anstalt vorbehalten hatte, konnte sich vor Zuschriften kaum retten. Zwar waren viele unfrankierte Briefe darunter und auch solche, in denen regelrecht um eine Krankenbehandlung gebettelt wurde, ohne die geringste Andeutung einer Gegenleistung; die übrigen dagegen waren Anfragen zum Teil aus vermögenden Häusern, wie man aus der Art des Schreibens zweifellos entnehmen konnte, obwohl die Absender ihrerseits ihre wahre Provenienz so weit wie nötig verschleiert hatten. Steinlen wurde von der Veröffentlichung seiner Meldungen geradezu euphorisch, machte bereits Pläne für einen Erweiterungsbau seines Hotels und konnte tatsächlich etliche fremde Besucher auf das vorzüglichste bewirten, wenn auch nur wenige davon über Nacht blieben.
Auch die Witwe Sassenhoff genoss den Aufschwung in Steinlens Haus und verkürzte sich, wenn sie von ihrer Behandlung abkömmlich war, die Zeit in Gesellschaft der feinen Leute. Steinlen hatte die Idee, einen Ball auszurichten, keinen gewöhnlichen, sondern mit der Ankündigung, dass unter den Ballgästen eine unbestimmte Zahl Geisteskranke und Irre wären, denen man es aber nicht eben leicht ansehen würde. Davon versprach er sich wegen des Nervenkitzels, dem sich die Besucher ausgesetzt sehen, großen Anklang.
Er unterbreitete den Vorschlag nach langem Zögern auch der Sassenhoff selbst, die zwar nicht begriff, was er meinte, aber von seiner Geschäftstüchtigkeit so beeindruckt war, dass sie tags darauf zu ihm sagte, sie könne von seinen genialen Einfällen gar nicht genug bekommen. Und sie sah ihn dabei an mit einem Blick, der nicht nur sein, Steinlens, ungehöriges Eindringen in den Keller verzieh und vergessen machte, sondern ihm das Blut in den Adern zum Wallen brachte. Und diese Augen der Sassenhoff, zusammen mit dem Anblick ihrer riesigen Brüste, die er in peinvoller Erinnerung behalten hatte, ließen ihn überhaupt nicht mehr los.
Doktor Hakemann indessen befand sich die meiste Zeit außer Haus und überließ den Anstaltsbetrieb weitgehend dem Barthel, ohne ihm je dafür irgendwelche Anweisungen gegeben zu haben. Das war nach des Doktors Meinung gar nicht nötig, und nach Barthels Meinung, wenn es sie denn gab, auch nicht. Er führte zum einen das aus, was die Sassenhoff von ihm verlangte, die übrigens ein niedliches Kleidchen für seine Puppe gehäkelt hatte, wofür er bei ihr in lebenslange Gefolgschaft eingetreten war. Zum anderen grub er ein großes Loch im Garten, welches inzwischen so tief war, dass er darin in ganzer Größe stehen konnte. Welchen Zweck oder auch nur welchen Sinn dieses Loch hatte, wusste niemand.
Hakemann sammelte Pflanzen im Wald oder brachte Stunden um Stunden in der herzoglichen Bibliothek der Residenz zu, um alte medizinische Bücher und Handschriften zu studieren. War er in der Anstalt, so zog er sich in einen hinteren Raum zu ebener Erde zurück, in dem er ein kleines Laboratorium eingerichtet hatte, das auch Steinlens Aufmerksamkeit nicht entgangen war.
Als der arglose Doktor, der immer noch nichts von den Artikeln in Bergers Reichsanzeiger wusste, ihm einmal etwas über ein chemisches Mittel verriet, das er als Arznei verwenden wollte und von dem er sich große Wirkung verspräche, da hatte Steinlen nichts Eiligeres zu tun, als darüber eine Meldung für die gelehrte Welt zu verfassen, in der von einem neu entdeckten Laugensalz des Doktor Josua Hakemann die Rede war, das auch als Arkanum multipotentium bezeichnet werde und unter gewissen Umständen eine hundertfach stärkere Wirkung als alle herkömmlichen Arzneien aufweise. Prompt gingen in der Redaktion des Reichsanzeigers Briefe ein, die diesmal ganz offensichtlich die Stempel von hochangesehenen wissenschaftlichen Institutionen in Berlin, Hamburg und Leipzig trugen, und in welchen die Absender um eine Probe des Mittels ersuchten.
Da konnte man nicht umhin, Hakemann davon in Kenntnis zu setzen, und der wunderte sich nur, wie die Mediziner in Berlin von seinen Experimenten hatten erfahren können. Doch auch der Herzog, der sich in nicht geringem Maße geschmeichelt fühlte wegen des Interesses der Fachwelt, das seinem Ländchen zuteil wurde, welches er eigentlich schon immer als eine Art Denkfabrik bezeichnete, forderte den Doktor auf, den Forderungen der Experten nachzukommen.
Die Sache ging leider ins Auge. Die Gesellschaft naturforschender Freunde zu Berlin war die erste, die eine niederschmetternde Analyse des Wundermittels veröffentlichte. Demnach war es "im Wesentlichen nichts mehr und nichts weniger als ein aus einem Sedativum und vorwaltendem Natron bestehendes Neutralsalz", das landläufig auch als gemeiner Borax seit jeher bekannt ist und in jeder Apotheke für ein paar Groschen gekauft werden kann. Hakemann ließ dieses "Brimborium", wie er sich ausdrückte, völlig kalt; mit denen in Berlin war er sowieso schon lange fertig. Damit ging er in sein Laboratorium zurück und schloss die Tür hinter sich ab.
Und in diesem Augenblick geschah etwas ganz Merkwürdiges. Als der Doktor den Schlüssel im Türschloss drehte, fühlte einige Schritte weiter weg der Bürgermeister, der in seiner Amtsstube saß, wie eine unbestimmte Ahnung durch seinen Kopf schoss, die so flüchtig war, dass er sie nicht genau erfassen und nur die kuriose Feststellung treffen konnte, sie sei irgendwie schlüsselförmig gewesen. Kurz danach, als geschehe es wie im Schweif dieses vorübereilenden Gedankens, erinnerte er sich, wie Steinlen den Schlüssel zu einem seiner Hotelzimmer - war es die Nummer 8? - gesucht hatte. Und noch ein drittes wurde ihm schlagartig klar, wofür er, um sich zu vergewissern, die Schublade des Schreibtisches öffnete, die Mappe mit den Akten die Hakemann'sche Anstalt betreffend herausnahm und darin die Angaben von der Witwe Sassenhoff überprüfte. Tatsächlich stand da als Wohnort: Büsum geschrieben.
Zur selben Zeit eilte der Hotelier Steinlen durch sein Haus, um in einem allerletzten Versteck, und zwar in der winzigen Abstellkammer unter der Bodentreppe, nachzusehen, ob sich etwa dort der vermaledeite Zimmerschlüssel befände. Und wirklich, in der Vordertasche einer Schürze, die der Jungfer Schneegaß gehörte, welche (die Schürze) in der Kammer am Haken hing, wurde er endlich fündig. Er rief so laut nach der Schneegaß, dass diese in der Küche vor Schreck beinahe einen Teller fallen ließ, zu ihm hin rannte und ihm Rede und Antwort stand, wie der Schlüssel in ihre Schürzentasche gelangt wäre. "Den haben Sie mir selbst gegeben, Herr Steinlen", sagte sie. "Wann?" Die Schneegaß blickte zu Boden und schwieg, dann sagte sie: "An dem Tag, als der ... der Herr von Ketteler ..." Sie beendete ihren Satz mit einem Räuspern, als habe ihr ein unsichtbarer aber dicker Kloß den Hals verstopft und das Sprechen unmöglich gemacht. "Der Ketteler?" fragte Steinlen, und es klang eher wie die richtige Antwort auf ein Rätsel. Die Schneegaß nickte heftig und lief puderrot an im Gesicht. "Was weißt du noch von dem Ketteler?" "Nur, was Sie auch wissen." "Denkst du, ich kann mir alle unsere Gäste merken?", sagte Steinlen, als würde die Belegung drei mal am Tag wechseln. "Er war ein feiner Herr", erwiderte die Schneegaß leise, und eine Träne rollte über ihre Wange, die sie mit ihrem Schnupftuch fortwischte.
Steinlen ließ einen Augenblick verstreichen, der wie eine Schweigeminute wirkte, dann fragte er mit eindringlicher Stimme: "War da etwa was?" "War da was?", fragte sie trotzig zurück. "Zwischen dem Herrn von Ketteler und dir?" "Das geht Sie nichts an. Deswegen hat er sich jedenfalls nicht umgebracht." "Er hat sich umgebracht?" "Nein, eben nicht. Es war ja ein Unfall." "Er war stockbesoffen und ist aus dem Boot gekippt." "Vielleicht hat ihn ja jemand gestoßen", sagte die Schneegaß wie um ihn in Schutz zu nehmen. "Nun mach' mal halblang, Bärbelchen, wir wollen doch die Toten in Frieden ruhen lassen. Ist mir auch egal, was ihr beide getrie..." "Herr Steinlen! Ich muss doch sehr bitten." "Schon gut, kein Wort mehr davon. Aber, hat der Ketteler sonst noch was geäußert?" "Was soll er denn geäußert haben?" "Das möchte ich ja gerade wissen." Die Schneegaß schüttelte heftig den Kopf. "Überlege noch mal genau." "Mach' ich ja schon. Herr Steinlen, Sie selber reißen in mir alte Wunden auf." "Ich verspreche dir, ich werde sie wieder heilen, sobald ich über alles Bescheid weiß. Also?" "Er hat ... er hat gesagt, dass er ..." "Ah', hier finde ich Sie, Steinlen", ertönte eine Stimme am Ende des Korridors.
Die Witwe Sassenhoff kam mit hurtigem Schritt heran und schwang ihren Stockschirm. "Doch nicht ausgerechnet jetzt", knirschte Steinlen und wollte den Schlüssel, den er immer noch in der Hand hielt, verschwinden lassen. "Und da ist ja auch wohl der Schlüssel", sagte die Sassenhoff. Steinlen wurde bleich, die Schneegaß sagte schnell: "Das ist der Schlüssel von der Wäschekammer." "Na freilich, von der Wäschekammer, mein Mägdelein. Da wolltest du wohl gerade hin und deine schmutzige Wäsche waschen. Gib dir keine Mühe, ich weiß alles, und die Details kann ich mir denken." "Wovon reden Sie, Frau Sassenhoff?" fragte Steinlen. "Wovon? Davon, dass es diese Jungfer mit meinem verehelichten und hernach verschiedenen Mann getrieben hat." "Daran war ich nicht Schuld", beteuerte die Schneegaß, "er war ansonsten in guter Verfassung, bis auf das Trinken." "Oh ja, das war er, der alte Bock. Ich bin dir eigentlich auch gar nicht böse deswegen." "Wirklich nicht?" "Aber dafür, dass ihr mit meinem Geld durchbrennen wolltet, dafür solltest du dich wenigstens schämen." "Ich? Mit Ihrem Geld? Ich habe ..." "Moment mal, von wem reden wir hier?" sagte Steinlen und stellte sich zwischen die beiden Frauen. "Von Leopold Sassenhoff natürlich." "Ich dachte, er hieß von Ketteler?" Die Witwe lachte schrill auf. "Von Ketteler! Hat er sich so ausgegeben?" "Ich kann Ihnen das Gästebuch zeigen." "Damit ich seine schmierige Klaue noch mal ansehen muss? Nein Danke. Von Ketteler ist mein Mädchenname", sagte die Witwe und bekräftigte das "mein", indem sie Steinlen mit dem Schirmgriff auf die Brust klopfte.
Bei dieser Berührung spürte Steinlen einen Blitz in seine Glieder fahren. "Also, wo ist die Kohle?" "Kohle?" Die Sassenhoff wechselte mit den anderen einen kurzen, scharfen Blick, und für einen Moment schien es, als habe sie den Verdacht, die beiden würden ein abgekartetes Spiel spielen. Dann lachte sie abermals und meinte: "Ja, Kohle, das ist das richtige Wort. Da ist die Beteiligungsurkunde für die Kohlegruben in Fichtenburg, die Wechsel der Amsterdamer Handelskompanie, die Französischen Assignaten, die allein ihre Zweihunderttausend wert sind, und nicht zu vergessen die achthundertfünfzig Hektar Waldbesitz im Holsteinischen, die jedes Jahr ein hübsches Sümmchen an Pachtzinsen einbringen." "Das hatte er alles bei sich, als er starb?" "Hoffentlich nicht. Ich denke, er hat es irgendwo hier deponiert." "Aber nicht bei mir", sagte die Schneegaß mit fester Stimme. "Los, Steinlen", befahl die Witwe, "schließen Sie dieses verfluchte Zimmer auf." Steinlen fügte sich, mit einer geradezu unheimlichen Ahnung und einem schauerlichen Gefühl, das die ihn verfolgende Witwe einflößte.
Die Schneegaß wollte sich leise davonmachen, doch die Befehlshaberin zog sie am Ärmel mit. "Da ist es, die Nummer 8", sagte Steinlen, und für einen Moment hoffte er, der Schlüssel werde nicht passen. "Aufmachen!", rief die Witwe, und die Schneegaß musste sich jetzt ein Lachen verkneifen, weil es wirklich so aussah, als brüllte die Frau durch die Tür ihren seligen Gatten an, der womöglich noch als Gespenst hier hauste. Steinlen drückte die Tür auf, die in den Angeln leicht quietschte, und die Schneegaß wurde sogleich für ihre Belustigung bestraft, indem sie derart erschrak, dass sie die Hände vor den Mund schlug.
"Was ist das?", fragte die Witwe im Ton eines Polizeiobersten. Über dem Metallgitter am Fußende des Bettes hing eine langbeinige Unterhose, als wäre sie eben ausgezogen worden. "Wir haben alles so gelassen wie es war, nach dem bedauerlichen Vorfall", versicherte Steinlen, obwohl die Unterhose als einziges Stück auf die Anwesenheit eines Menschen hindeutete. Auf dem Bett lag die rauhe, gestreifte Matratze ohne Bezug, eine Schranktür stand offen, in der gläsernen Blumenvase war das Wasser verdunstet und hatte einen gelblichen Rand hinterlassen, auf dem Fensterbrett lag eine Staubschicht und eine Menge toter Fliegen.
"Und nun?", fragte Steinlen. "Alles durchsuchen", entgegnete die Witwe und zog eine Schublade am Nachttisch auf; sie war natürlich leer. "Wie könnte es denn aussehen?" "Was?" "Wonach wir suchen." Die Witwe drehte sich zur Schneegaß um. "Hast du vielleicht eine Ahnung, Mägdelein, wo es der alte Bock versteckt haben könnte?" Die andere zuckte mit den Schultern, was der Witwe sehr verdächtig schien. Steinlen machte Schritte auf dem Holzfußboden.
"Unter den Brettern ist manchmal Platz", meinte er und trat auf eine Stelle, wo es ziemlich hohl klang. Dann fiel ihm ein, dass er keine Lust hatte, den Fußboden aufzureißen und sagte: "Aber das würde man erkennen, und die Nägel hier sind alle original." "Der hätte niemals einen Nagel einschlagen können, dafür war er viel zu blöde." Die Schneegaß verdrehte die Augen, warum hatte die Sassenhoff überhaupt so einen zum Mann genommen?
Dann kam ihr etwas in den Sinn. Sie ging zum Bett und drückte mit den Händen auf die Matratze. "Pommersches Seegras", sagte Steinlen, "die sind teurer als sie aussehen." "Was ist da?", fragte die Witwe, die sofort bemerkte, dass es der Schneegaß nicht ums Seegras ging. Die murmelte: "Hier war so'ne harte Stelle." "Wo? Ah! Hilf mir mal umdrehen, Mägdelein." Sie wuchteten die Matratze herum, und die Witwe lachte schauderhaft, als sie auf der Unterseite den Riss entdeckte, der mit grobem Zwirn stümperhaft wieder verschlossen worden war. "Hätte gar nicht gedacht, dass er so was zustande bringt. Oder hast du ihm dabei geholfen?" "Jetzt lassen Sie mich endlich in Frieden", sagte die Schneegaß scharf. "Mache ich auch."
Sie nahm aus ihrer Handtasche ein Messerchen, durchtrennte den Faden und zerrte das Seegras aus dem Loch, bis ein großes Lederetui zum Vorschein kam. "Meine Krokodilsledertasche, ein Erbstück meines Vaters." "Sie ist bestimmt sehr wertvoll", sagte Steinlen, und die Witwe sah ihn an, als wäre sie von ihm enttäuscht. "Steinlen, was denken Sie, wie wertvoll erst das ist, was da drin steckt." Sie schob die Blumenvase auf dem Tisch beiseite und breitete den Inhalt der Mappe aus, lauter Dokumente, von denen die Witwe vorhin gesprochen hatte. Mit ihrem Messerchen tippte sie überall drauf und sprach leise vor sich hin. Steinlen und die Schneegaß schauten ihr dabei über die Schultern.
"Alles noch da?" fragte Steinlen. Die Sassenhoff versank in den Anblick, als würde sie mit grausamer Wollust überlegen, welches der Schriftstücke sie zuerst auffressen werde. Dann wandte sie sich Steinlen zu und blickte ihn mit feurigen Augen an, dass ihm himmelangst wurde. "So, Steinlen", sagte sie gedehnt und drehte das Messerchen zwischen ihren Fingern. "Ich gehe dann mal", sagte die Schneegaß. "Du bleibst hier", hielt Steinlen sie zurück, und seine Stimme brach. Die Witwe drehte nur den Kopf zur Magd und zischte sie an wie eine gewaltige Schlange. In diesem Moment ging unten im Haus die Türglocke. "Oh, es ist niemand am Empfang, ich muss hinunter."
Und weg war sie. Steinlen wollte etwas sagen, aber es verschlug ihm die Sprache. Die Witwe ließ die Tür ins Schloss fallen und befahl: "Abschließen!" "Bitte?" "Abschließen sag ich!" Sie trat einen Schritt auf Steinlen zu, der sprang zur Tür und versuchte mit zittriger Hand den Schlüssel ins Schloss zu bekommen, er fiel zweimal herunter, dann schaffte er es und stellte sich mit dem Rücken an die Tür, breitete die Arme aus, als wollte er andeuten, dass er die Witwe nicht mehr herauslassen würde, obwohl in Wahrheit er der Gefangene war. Er konnte auf einmal keinen klaren Gedanken mehr fassen. "Da rüber, ans Bett!" Er gehorchte ihr. Kaltblütig sagte sie: "Tut mir Leid, Steinlen, dass es Sie trifft, aber ich habe mir Rache geschworen."
"Wo ist der Chef?", fragte der Bürgermeister die Schneegaß, als sie die Treppe heruntersprang. "Ähm, er ist ... im Haus unterwegs." Was sollte sie tun? Den Bürgermeister in die Sache einweihen und Steinlen helfen? Oder Steinlen und die Witwe die Angelegenheit allein austragen lassen, damit endlich wieder Ruhe einkehrt? "Rufe ihn, ich muss mit ihm sprechen", sagte der Bürgermeister. "Das geht jetzt schlecht." "Was?" "Er kann ihnen momentan wahrscheinlich kein Gehör schenken." "Er kann mir kein Gehör schenken?"
Der Bürgermeister wusste nicht, ob er mehr darüber entrüstet sein soll, dass der Hotelier ihn abweist oder dass ein Dienstmädchen ihn gar nicht erst vorlässt. "Du bringst mich jetzt auf der Stelle zu ihm, sonst setzt es was!" Er packte sie beim Arm und gab ihr einen Stoß. "Aua, Herr Bürgermeister." Aber dann ging sie voran.
Aus Zimmer 8 kamen seltsame Geräusche. Der Bürgermeister war überrascht. Anstatt die Schneegaß einfach zu fragen, legte er den Finger an die Lippen und schlich sich näher heran. Er bückte sich und blinzelte durchs Schlüsselloch. "Allmächtiger!" sagte er, dann machte er ihr ein Zeichen und fragte: "Wer ist es?" "Die Sassenhoff", flüsterte die Magd zurück. "Das sehe ich auch. Ich meine, wen hat sie da in der Mangel?" Die Schneegaß schob den Bürgermeister weg und blickte selber hinein. Man konnte die Witwe sehen, die nackt rittlings auf der Matratze auf und ab hüpfte, während jener, der niemand anders als der Hotelier sein konnte, unter ihr immer tiefer in dem herauswuchernden Seegras verschwand. Die Magd flüsterte nur ein Wort zum Bürgermeister. "Lass mich noch mal", sagte der und presste das Auge ans Loch. "Damit habe ich ihn in der Hand", frohlockte er und wiederholte es zur Schneegaß, "damit habe ich ihn in der Hand." Die sind ja alle bekloppt, dachte sie.
Doktor Hakemann hatte Wort gehalten. Fast vier Wochen nach den Geschehnissen im Hotel "Zum Adler" erhielt der Bürgermeister von ihm ein Päckchen mit einem Begleitschreiben. Darin erklärte Hakemann, seine derzeitige Arbeit habe ihn so sehr in Anspruch genommen, dass er erst jetzt dazu komme, ihm, dem Bürgermeister, ein paar Zeilen zu schreiben und ihm den versprochenen Immerwährenden Kalender zu schicken. Dann ließ er sich eine halbe Seite lang darüber aus, wie angenehm er seine Tätigkeit in Gelmeroda (!) empfunden und wie viel wichtige Erfahrung sie ihm für seinen Beruf gebracht habe, und dass er, Hakemann, wenn es die Umstände ermöglichten, wieder einmal bei ihm, dem Bürgermeister, vorbeischauen werde. "Na dann, bis demnächst", murmelte der, und war eigentlich froh, dass die Geschichte der Georgenröder Heilanstalt vorerst abgeschlossen und für die spätere Aufzeichnung in der Ortschronik ad acta gelegt worden war.
Das Haus stand nun leer. Die einzige Patientin, eine, wie sich der Bürgermeister schwach erinnerte, gewisse Frau Sassenhoff, war nach dem Ende ihrer offenbar erfolgreichen Behandlung, abgereist. (Drei starke Männer hatten den Barthel zurückhalten müssen, damit er ihr nicht hinterher lief.) Der Bürgermeister hätte sich gewünscht, dass das Leben in Georgenroda wieder seinen gewohnten Gang gehen würde. Aber der Hotelier Steinlen lag ihm seit Tagen schon auf den Ohren mit irgendwelchen neuen Projekten, die er ganz groß aufziehen will, und für die er, wie er versicherte, und wie der Bürgermeister auch aus anderem Munde gehört hatte, einen finanzkräftigen Investor (oder war es eine Investorin?) im Rücken habe.
Der Bürgermeister öffnete dann das beiliegende Päckchen, in dem sich zwei Holztafeln befanden, auf die jeweils auf Papier gedruckte Tabellen mit etlichen Spalten und Zeilen und vor allem mit verwirrend vielen Zahlen aufgeklebt waren. Er legte die Tafeln nebeneinander, die linke neben die rechte, dann die rechte neben die linke, aber er wurde daraus nicht schlau. Glücklicherweise fand er eine Beschreibung mit einer Beispielberechnung eines bestimmten Datums, doch die Beschreibung war noch unbegreiflicher als die Tabellen es schon waren.
Der Bürgermeister konnte seine Enttäuschung kaum verbergen, er rief den Sekretär Wieland und überließ ihm den Kram zur weiteren Bearbeitung. Dann stellte er sich vor seinen alten Kalender an der Wand und betrachtete ihn lange mit einem Gefühl von Sicherheit und Freude. Und plötzlich fiel sein Blick auch auf die alte Kuckucksuhr. Er nahm sie herunter, untersuchte die kleine zugenagelte Tür, holte aus dem Schreibtisch eine Zange hervor und sagte: "Na, alter Junge, wollen wir's noch mal miteinander versuchen?"
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