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Sven Hedin
Mitten durch die wilde Mongolei
Ein Reiseepos in fünf Kapiteln und einem Nachtrag
Erstes Kapitel : Aufbruch ins Innere
Neulich unternahm ich mit Carl May
eine Reise ins Innere der Mongolei.
Bevor wir richtig drinnen waren,
lauerten draußen etliche Gefahren.
Erst ging's mit dem Zug zweieinhalb Tage
durch jene Gegend, wo die Sage
erzählt von feuerspei'nden Drachen,
die jedem Fremden den Garaus machen;
und den Einheimischen ohnedies,
weshalb der letzte kurz zuvor das Land verließ.
Dann stiegen wir um ins Automobil,
ins mongolische, das viel
weniger Benzin verbraucht
und dafür stärker aus dem Auspuff raucht.
Wodurch man weithin sichtbar ist,
mit welcher unverschämten List
die Wegelagerer die Reisenden entdecken,
um sie mit Armut und mit Aussatz zu erschrecken.
Und auch die Gasolinstationen schließen schon um sieben
weshalb wir unterwegens liegenblieben.
Zweites Kapitel : Begegnung mit Eingeborenen
Gegen Mittag trafen wir einen Mongolen,
der kam gerade vom Wasserholen.
Er sagte: Zwei Hände voll genügen
in der Woche. Doch die Alten lügen
manchmal nur aus Jux und Dollerei
in der inneren Mongolei.
Er war hundertsechzehn und vermählte
sofort seine Tochter
(welche auch schon siebzig Lenze zählte)
mit Günther, unserm deutschen Reiseleiter.
Ein Wort zu ihm: Er war stets heiter,
stammte aus Berlin Grünau,
hatte zwar noch keine Frau,
doch die Mongolin musst' es auch nicht sein,
so sagte er nur Ja zum Schein.
Er wurde leider vom Skorpion gestochen
- tödlich - das hat der jungen Witwe
fast das Herz gebrochen.
Carl May beschenkte diese Leute reich
mit Wasserrosensamen aus dem Teich
hinter der Villa Bärenfett.
Sie waren wirklich furchtbar nett.
Sie warnten uns vor den Banden im Süden,
die über die Karawanenwege gebieten.
Drittes Kapitel : In Todesnähe
So wandten wir uns flugs nach Norden,
doch dort erwarteten uns andre Horden.
Schon standen wir gefesselt da am Marterpfahl,
die Sonne brannte auf die Platte.
Es war die allerschlimmste Qual,
genau wie Carl es oft beschrieben hatte.
Ich sagte: Carl, das ist die Mongolei und nicht Amerika!
Er gab keine Antwort, er war nicht mehr da.
Er saß beim Dschingis Khan im Zelt
und las ihm seine Fanpostbriefe vor aus aller Welt.
Da verfluchte ich die National Geografict,
die uns auf diese Fahrt geschickt.
Ich rief: Carl, so schnell vergisst du deine Kameraden!
Doch vorlaut sein, das konnte hier nur schaden.
Der Khan befahl schon - ohne mich zu kennen -
seinen Schergen, auf Mongolenart,
vom Rumpf mir meine Glieder abzutrennen
(und meinen Kopf).
Carl sprach: Halt ein, beim Bart
des gütigen Propheten,
lass diese leben, denn sie geben
den Wohlgeschmack der Suppe da in deinem Topf.
Da riss mir die Geduld und ich befreite mich der Stricke,
die mich und die Gefährten band,
erkieste mich zum In-Hand-Nehmer unserer Geschicke
mit Hilfe einer Gaspistole,
die ich in meiner Unterhose fand.
Obgleich der Khan (und Carl auch, der Verräter)
den Tod verdient nach deutscher Rechtsgesetzeskraft,
befürchtet' ich die Rache, die mich später
ereilt im Namen seiner treuen Leserschaft.
So ließ ich denn Carl May am Leben,
und Dschingis auch, den falschen Hund.
Ich konnte beiden rasch vergeben,
und ein Versöhnungsfest bestärkte unsern Bund.
Viertes Kapitel : Durch Wüste und Harem
Wir kamen endlich an im Innern
der Mongolei,
wo im Flimmern
überm heißen Wüstensand
der Palast des Großen Lama stand.
In dem Bericht in Petermanns Journal
Jahrgang 31 ist zu lesen:
daß es hier im Haremssaal
Frauen gibt von zauberhaftem Wesen.
Die werden gleich nach der Geburt
eingeschnurt
im baumwollenen Zwillich
und gesäugt mit Kamelstutenmillich.
Tausende Fohlen
müssen deswegen sterben.
Aber die Harmesdamen vererben
später ihr Auto, Schmuck und Altersunterkunft
anonym der Kamelzüchterzunft.
Von zwölf Eunuchen werden sie bewacht
Tag und Nacht.
Und von einem Löwen, welcher schaurig brüllt,
wenn den männlichen Besucher
die zarte Blüte junger Mädchen reizt,
und manche Schöne nicht mit ihrer Anmut geizt,
verführerisch die Beine
bis zum Knöchel unterm Kleid verhüllt.
Als Ethnologe, der ich bin,
steht mir nach Wissenschaft der Sinn,
die Harmespraxis zu studieren
(und gegebnenfalls die Theorie in Petermanns Journal zu korrigieren).
So muss ich sagen, daß mit manchen,
obwohl noch jung an Jahren,
konnte man sich gar nicht paaren,
weil sie keine echten Frauen,
nicht mal echte Menschen waren.
Fünftes Kapitel : Die geheimnisvolle Tür
Immer dienstags kam ein Mann
zu den Haremsdamen.
Weder Carl noch ich erfuhren jemals seinen Namen.
Eines Tages lockte er uns im Palast
auf einen Gang,
der war acht Kilometer lang
und am Ende war eine Eisentür,
völlig verrostet und verklemmt.
Die hat er aufgestemmt.
Und Carl fragte: Was sollen wir hier?
Dahinter lag -
wir erkannten es erst auf den zweiten Blick -
eine alte Margarinefabrik
aus kommunistischer Zeit.
Man sah weit und breit
nur Kisten mit Margarine, die war keineswegs ranzig,
vielmehr haltbar bis 2020.
Er sagte: Ich verkaufe euch alles für tausend Piaster.
Carl gab ihm sechzig
lud alles auf einen Laster
und schaffte es nach Radebeul,
wo er es re-raffinierte zu Oil
und schickte es August dem Starken zu Händen.
Der konnte es leider nicht mehr verwenden.
Da kaufte es sein Verleger Fehsenfeld
für noch weniger Geld.
Und bot es an mit dem Titel:
Doktor Carl Mays Gewehrreinigungsmittel.
Nachtrag
Zurückgekehrt nach Deutschelland
der Doktor einen Haufen fand
von Briefen: Leserpost aus allen Orten.
Die musste er - das war ihm immer wichtig -
gewissenhaft beantworten,
und war ihr Inhalt noch so nichtig.
So fehlte uns zunächst die Zeit,
die mitgebrachten Innereien
der Mongolei
aus der Verpackung zu befreien.
Wir fuhren nach Berlin Grünau,
um Günthers Haushalt aufzulösen.
Der war in Wahrheit eine Sau,
er hatte nicht mal eine Toilette.
Dafür 'ne Pornobildersammlung - total verklebt;
man sollte meinen,
ein Reiseleiter hätte
doch schon Besseres erlebt.
Und dann
Carl May stand grade auf dem Turm
von Babel
(ein Modell nach seinem Plan)
da kam ein Telegramm per Kabel
von Dschingis Khan:
Daß er beim nächsten Mongolensturm
mal kurz zu uns herüberweht.
Das ist jetzt auch schon wieder Jahre her,
Kinder, wie die Zeit vergeht.
Lesen Sie demnächst: Sven Hedin "Als Grabräuber in Afrika"
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