Edition Gothaer Hefte

Friedrich Schiller
Kabale und Liebe


Szenen Übersicht Erster Akt : Erste Szene
 
 


Personen


Präsident von Walter : am Hof eines deutschen Fürsten

Ferdinand : sein Sohn, Major

Hofmarschall von Kalb

Lady Milford : Geliebte des Fürsten

Wurm : Sekretär des Präsidenten

Miller : Stadtmusikant

Frau Miller : seine Frau

Luise : Tochter der Millers

Sophie : Kammerfräulein der Lady Milford

ein Kammerdiener des Fürsten

verschiedene Nebenpersonen





Aufzüge
I. II. III. IV. V.
Szenen
Erste
Zweite
Dritte
Vierte
Fünfte
Sechste
Siebente
Erste
Zweite
Dritte
Vierte
Fünfte
Sechste
Siebente
Erste
Zweite
Dritte
Vierte
Fünfte
Sechste
Erste
Zweite
Dritte
Vierte
Fünfte
Sechste
Siebente
Achte
Neunte
Erste
Zweite
Dritte
Vierte
Fünfte
Sechste
Siebente
Achte



Szenen Übersicht


Erster Akt

Erste Szene  » » »

Der Musikant Miller ist sehr wütend über die Beziehung seiner Tochter Luise zu dem Major Ferdinand. Ferdinand ist der Sohn des Präsidenten von Walter und somit von adliger Herkunft. Als Bürgerlicher gibt Miller der Verbindung von Luise und Ferdinand keine Chance. Außerdem glaubt er, daß der Major die Luise bloß für eine kurze Affäre benutzen will und sie hinterher keinen Mann mehr finden würde, der sie zur Frau nimmt. Frau Miller dagegen kann dem Verhältnis ihrer Tochter zu dem Major (und Baron) natürlich nur Gutes abgewinnen. Vergeblich versucht sie, ihren Mann von den Vorteilen zu überzeugen.


Zweite Szene  » » »

Der Sekretär Wurm, welcher bei dem Präsidenten von Walter in Dienst steht, kommt zu den Millers. Auch er hat es auf Luise abgesehen und drängt Miller vorsichtig dazu, sein Einverständnis für eine solche Verbindung zu geben. Frau Miller prahlt gegenüber Wurm damit, daß der Major von Walter schon so gut wie zur Familie gehört, worauf ihr Mann ihr den Mund verbietet. Aber auch der Sekretär Wurm ist ihm für seine Tochter nicht recht. Offenbar will Miller sie am liebsten überhaupt nicht in eines Mannes Hände geben. Den Sekretär jedenfalls vergrätzt er dermaßen, daß der sich wie rausgeworfen fühlen muss.


Dritte Szene  » » »

Luise schwärmt von Ferdinand. Und da kommt er auch schon.


Vierte Szene  » » »

Ferdinand spricht von seiner Liebe zu ihr. Luise zweifelt daran, daß er als Aristokrat und sie als eine Bürgerliche zusammenkommen werden. Ferdinand ist drauf und dran, seine Herkunft und seine Karriere für Luise aufs Spiel zu setzen.


Fünfte Szene  » » »

Präsident von Walter und Sekretär Wurm hecken einen Plan aus. Da die Lady Milford einer neuen Geliebten des Herzogs weichen muss, soll sie heiraten. Damit wird auch der Einfluss des Präsidenten auf den Herzog weiterhin gesichert. Zum Ehemann der Lady wird Ferdinand bestimmt. Sekretär Wurm, der von Millers Abfuhr noch gekränkt ist, hofft, daß die Beziehung zwischen Ferdinand und Luise zerbricht.


Sechste Szene  » » »

Der Präsident beauftragt den Hofmarschall von Kalb damit, die bevorstehende Heirat der Lady Milford mit Ferdinand (der davon natürlich noch gar nichts weiß) öffentlich zu machen.


Siebente Szene  » » »

Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn. Der Präsident muss zunächst erkennen, daß Ferdinand tatsächlich ernsthaft in Luise Miller verliebt ist. Dann verkündet er die geplante Heirat mit der Milford und droht dem Sohn, er möge sich diesem Entschluss ja nicht widersetzen. Ferdinand bleibt völlig erschüttert zurück.


 
Zweiter Akt

Erste Szene  » » »

Lady Milford unterhält sich mit ihrem Kammermädchen Sophie. Die Lady durchschaut selbstverständlich die Machenschaften der Männer am Hofe. Aber sie gesteht der überraschten Sophie, daß die Heirat mit Ferdinand keine "Hofkabale" ist, sondern in Wahrheit von ihr selbst herbeigeführt wurde, weil sie den Major liebt.


Zweite Szene  » » »

Die berühmte "Kammerdiener Szene", in der die üble Politik der deutschen Fürsten angeprangert wird, landeseigene Soldaten unter Zwang zu rekrutieren und für Geld nach Amerika in den Krieg zu schicken.


Dritte Szene  » » »

Unterredung zwischen Ferdinand und der Lady Milford. Er macht ihr Vorwürfe, daß sie sich für ein so verlogenes Spiel (ihre Verheiratung) hergibt, und er verteidigt zugleich seine Ehre. Aber als Lady Milford ihm die unglückliche Geschichte ihrer Herkunft und Familie anvertraut, bekommt Ferdinand ein ganz anderes Bild von ihr. Dennoch besteht sie auf der Heirat.


Vierte Szene  » » »

Miller hat von dem Plan des Sekretärs Wurm erfahren, der Luise öffentlich in Verruf bringen (und damit die Beziehung zwischen ihr und Ferdinand kaputtmachen) will. Miller will allen Gerüchten zuvorkommen und den Präsidenten selbst über die wahre Situation aufklären. Doch da ...


Fünfte Szene  » » »

... stürzt Ferdinand ins Haus und unterrichtet Luise und die Millers über die Entscheidung seines Vaters, den Sohn mit der Lady Milford zu verbinden. Luise ist am Boden zerstört. Ferdinand will dem Vater nicht gehorchen, für ihn ist noch nichts verloren. Indem er sich aufmacht ...


Sechste Szene  » » »

... betritt der Präsident Millers Wohnung. Er befragt Luise über ihr Verhältnis zu seinem Sohn; er behandelt sie wie eine Hure. Miller nimmt seine Tochter in Schutz und wird schließlich so mutig, dem Präsidenten zu widersprechen.


Siebente Szene  » » »

Auf Befehl des Präsidenten erscheinen Gerichtsdiener, die Luise verhaften sollen. Ferdinand beschützt sie und stellt sich dem Vater entgegen. Die Gerichtsdiener zögern, der Präsident steigert sich in seinen Zorn hinein. Schließlich droht Ferdinand damit, aller Welt zu verraten, auf welche verbrecherische Weise der Vater zum Präsidenten geworden ist.


 
Dritter Akt

Erste Szene  » » »

Zweiter Versuch des Präsidenten und des Sekretärs. Wurm schlägt vor, Luises Eltern wegen Majestätsbeleidigung zu verhaften und danach Luise unter Druck zu setzen. Sie soll einen Liebesbrief an den Hofmarschall von Kalb schreiben, der dann Ferdinand in die Hände gespielt werden soll.


Zweite Szene  » » »

Der Hofmarschall von Kalb wird in die Aktion eingeweiht und ist bereit, die Rolle des Liebhabers zu übernehmen.


Dritte Szene  » » »

Sekretär Wurm meldet dem Präsidenten, daß die Millers verhaftet worden sind. Der Präsident billigt Wurms Entwurf für den Brief.


Vierte Szene  » » »

Ferdinand will Luise überreden, daß sie mit ihm flieht, aber Luise zögert, und er wird misstrauisch.


Fünfte Szene  » » »

Luise fragt sich, warum die Eltern so lange fortbleiben. Der Sekretär schleicht sich ins Zimmer.


Sechste Szene  » » »

Wurm erpresst Luise, es gebe nur einen Weg, ihre Eltern aus dem Gefängnis herauszuholen: wenn sie den Brief schreibt, den er ihr diktiert. In ihrer Not gehorcht sie.


 
Vierter Akt

Erste Szene  » » »

Ferdinand auf der Suche nach dem Hofmarschall.


Zweite Szene  » » »

Ferdinand hat den Brief offenbar gefunden; er ist mit seinen Gedanken und Gefühlen völlig durcheinander.


Dritte Szene  » » »

Harte Auseinandersetzung zwischen dem Hofmarschall und Ferdinand. Er stellt ihn zur Rede, er will wissen, was zwischen ihm und Luise vorgefallen ist. Er will sich sogar mit ihm duellieren, lässt ihn dann aber doch laufen.


Vierte Szene  » » »

Ohne es deutlich auszusprechen, fasst Ferdinand den Entschluss, Luise umzubringen.


Fünfte Szene  » » »

Ferdinand und der Vater reden miteinander. Während Ferdinand dem Vater in seiner Abneigung gegen Luise plötzlich Recht gibt, hat der Präsident offenbar sein Urteil über sie geändert und rät Ferdinand zu. Sie wissen beide nicht mehr, was sie voneinander halten sollen. (eine etwas schwer zu durchschauende Szene)


Sechste Szene  » » »

Lady Milford erwartet Luise, sie will sie eventuell als Kammermädchen in Dienst nehmen.


Siebente Szene  » » »

Unterredung zwischen Lady Milford und Luise. Die Lady versucht zunächst, Luise einzuschätzen. Nach anfänglicher Schüchternheit nimmt Luise kein Blatt vor den Mund und sagt der Lady ihre Meinung. Die Milford ist über soviel Selbstbewusstsein nicht gerade amüsiert. Als sie merkt, daß sie Luise nicht durch Drohung dazu bringen kann, von Ferdinand zu lassen, versucht sie es mit Bestechung. In Luises Augen ist die Lady eine der treibenden Kräfte, die ihre Liebe zerstört haben. Schließlich gibt sie auf und überlässt ihr Ferdinand. Es bricht ihr das Herz, aber sie bewahrt ihren Stolz und ihre reine Seele.


Achte Szene  » » »

Lady Milford ist nach Luises Auftritt erschüttert. Sie ringt mit sich selbst und fasst schließlich den Entschluss, den herzoglichen Hof zu verlassen und fortzugehen. Daher ...


Neunte Szene  » » »

... schreibt sie einen Abschiedsbrief an den Herzog, den sie dem Hofmarschall von Kalb (der inzwischen gekommen ist) zum Lesen gibt. Er ist fassungslos und bestürzt über ihren Entschluss. Die Lady verabschiedet sich von ihrem Personal.


 
Fünfter Akt

Erste Szene  » » »

Luise sitzt allein im Zimmer. Der Vater kommt hinzu, er hat sie überall gesucht. Sie hat einen Brief an Ferdinand geschrieben, in dem sie offenbart, wie sie beide das Opfer schamloser Intrigen (Kabale) geworden sind. Sie gibt ihm dem Vater zu lesen. Da ist von einem geheimnisvollen Ort die Rede, an den die beiden fliehen können. Damit meint sie das Grab. Miller ist zutiefst erschüttert, daß seine Tochter sich das Leben nehmen will. Er will sie davor bewahren, sie bleibt dabei. Schließlich sieht sie ein, daß sie damit dem Vater das Herz brechen würde. Sie zerreißt den Brief. Da kommt Ferdinand ...


Zweite Szene  » » »

... mit dem Brief des Marschalls. Er hält ihn Luise vor die Augen und will wissen, ob sie ihn tatsächlich geschrieben hat. Sie bejaht es, aber sie sagt nicht, daß sie dazu gezwungen wurde. Ferdinand glaubt, von ihr betrogen worden zu sein und verzweifelt über ihrer Tat. Zuletzt bittet er (zum Schein) um ein Glas Limonade.


Dritte Szene  » » »

Während Luise hinausgeht, wechseln Miller und Ferdinand in ziemlich lähmender Atmosphäre ein paar Worte, bis Miller nachschaut, wo Luise so lange bleibt.


Vierte Szene  » » »

Ein kurzer Monolog Ferdinands, in dem er gegen alle letzte Einwände seinen Entschluss, Luise umzubringen, bekräftigt.


Fünfte Szene  » » »

Miller kommt zurück. Ferdinand will ihm noch das Geld geben, das er ihm für die Musikstunden schuldet. (Damit hatte alles angefangen, und er hatte Luise das erste Mal gesehen.) Miller lehnt zunächst ab, dann sieht er, daß in der Geldbörse Goldstücke sind. Ferdinand besteht darauf, daß er das Geld annimmt. Da gerät Miller außer sich vor Freude, seine Zukunft und die seiner Familie sind damit gesichert. Ferdinand macht eine bittere Miene und kann sich vor innerem Schmerz kaum mehr beherrschen.


Sechste Szene  » » »

Luise kommt mit der Limonade (und mit rotgeweinten Augen). Ferdinand schickt Miller weg, er soll einen Brief Ferdinands an seinen Vater, den Präsidenten, abgeben. Luise errät wohl instinktiv, was bevorsteht.


Siebente Szene  » » »

Das letzte Gespräch zwischen Ferdinand und Luise. Er bringt sie nebenbei dazu, die Limonade zu trinken, in die er vorher unbemerkt Gift geschüttet hat. Er macht ihr Vorwürfe, dann gesteht er ihr, was er getan hat und daß sie sterben muss. Sie sagt ihm die Wahrheit über den Brief. Ferdinand kann sie nicht mehr retten. Er will den Präsidenten töten. Luise stirbt. Ferdinand trinkt nochmals aus dem Glas mit dem Gift.


Letzte Szene  » » »

Der Präsident (der Ferdinands Brief erhalten hat) kommt. Hinter ihm Wurm, Gerichtsdiener und Miller, der seine tote Tochter erblickt. Ferdinand klagt seinen Vater an und verflucht ihn. Der Präsident versucht, alle Schuld auf den Sekretär zu schieben und lässt ihn verhaften. Wurm droht, gegen den Präsidenten auszusagen. Der Vater versucht verzweifelt, den sterbenden Sohn dazu zu bewegen, ihm zu vergeben. Mit allerletzter Kraft reicht ihm Ferdinand die Hand und stirbt an der Seite Luises. Der Präsident überantwortet sich selbst dem Gericht.


 
Friedrich Schiller
Kabale und Liebe


 

Personen Szenen
 
Erster Akt

Erste Szene

Zimmer beim Musikus Miller. Miller steht eben vom Sessel auf und stellt sein Violoncello an die Seite. An einem Tisch sitzt Frau Miller noch im Nachtgewand und trinkt ihren Kaffee.

MILLER schnell auf und ab gehend : Allmählich wird die Angelegenheit zum Problem. Meine Tochter kommt wegen dem Major ins Gerede. Unser Haus hat schon einen schlechten Ruf. Der Präsident bekommt Wind von den Liebschaften seines Sohnes, und dann ... kurz und gut, ich weise den Major mit seinem Begehren ab.

FRAU MILLER : Du hast ihn nicht in unser Haus gelockt und hast ihm die Luise auch nicht aufgeschwatzt.

MILLER aufgebracht : Habe ihn nicht in mein Haus gelockt - habe ihm das Mädel nicht angeboten; wer fragt danach? - Ich bin der Herr im Haus. Ich hätte meine Tochter anständiger erziehen sollen. Ich hätte dem Major gegenüber besser auftrumpfen sollen - oder hätte gleich alles Seiner Exzellenz, dem Herrn Papa, ausgerichtet. Der junge Herr tut so eine Affäre mit einer Handbewegung ab und dann ist's für ihn erledigt, das weiß ich aus Erfahrung, (Er deutet auf sich.) und alles Unheil kommt über den Geiger.

FRAU MILLER schlürft eine Tasse aus : Possen! Geschwätz! Was kann über dich kommen? Wer kann dir was anhaben? Du gehst deiner Arbeit nach und holst dir deine Musikschüler zusammen, wo sie zu kriegen sind.

MILLER : Ach ja? Dann sag' mir doch auch, was wird bei dem ganzen Handel herauskommen? Heiraten kann er das Mädel nicht - von Heiraten ist gar nicht die Rede, und als seine ... großer Gott, was für ein abscheulicher Gedanke - Guten Morgen auch! - Nicht wahr, wenn so ein Möchtegern sich da und dort und hier und da schon herumgetrieben hat, und wenn er, der Henker weiß was schon alles verführt hat, wenn's nur einen Rock trägt, dann gefällt's ihm freilich, auch einmal auf süßes Wasser zu graben. Gib du acht! gib du acht! Und wenn du aus jedem Astloch mit dem Auge spähst und vor jeder Türe Schildwache hältst, er wird sie, vor deiner Nase, beschwatzen und dem Mädel eins verabreichen, macht sich aus dem Staub, und sie ist in Schimpf und Schande für ihr ganzes Leben, bleibt sitzen, weil sie keiner mehr anrührt, oder noch schlimmer, hat's Gewerbe probiert und treibt's fort wie eine ... (Er schlägt sich vor die Stirn.) Jesus Christus!

FRAU MILLER : Gott behüte uns in Gnaden!

MILLER : Es hat sich was mit Behüten. Wonach kann so ein Windfuß wohl sonst aus sein? - Das Mädel ist schön - schlank - führt einen netten Fuß. Unterm Dach mag's aussehen, wie es will. Darüber guckt man bei euch Weibsbildern hinweg, wenn's nur der liebe Gott im Untergeschoss nicht hat fehlen lassen. Verschafft sich der Springinsfeld erst noch Zugang zu dem 'Kämmerlein' - juchhei! da tropft ihm der Zahn wie meinem Spaniel, wenn er den Hasen wittert. Und dann heißt's: aufgesprungen und drauflos, und ich verdenk's ihm nicht einmal. Mann ist Mann. Das muss ich wissen.

FRAU MILLER : Solltest nur mal die wunderhübschen Grüße lesen, die der gnädige Herr an deine Tochter schreiben tut. Guter Gott! Da sieht man's ja sonnenklar, wie es ihm pur ehrlich um ihre reine Seele zu tun ist.

MILLER : Das ist die rechte Höhe! Auf den Sack schlägt man - den Esel meint man. Wer einen Gruß an den holden Leib zu bestellen hat, muss bloß das gute Herz als Boten losschicken. Wie hab ich's denn gemacht? Hat man's nur erst geschafft, daß sich das Gemüt öffnet, wutsch! heißt der Körper Willkommen; die Kinder machen's den Alten nach, und der stille Mond ist am Ende der Kuppler gewesen.

FRAU MILLER : Sieh doch nur erst die prächtigen Bücher an, die der Herr Major ins Haus geschafft hat. Deine Tochter liest auch immer fleißig darin.

MILLER pfeift abfällig durch die Zähne : Hui da! Sie liest! Und du hast den Witz davon. Die rohe Kraftbrühe der Natur ist Seiner Gnaden zartem Makronenmagen wohl zu unbekömmlich. Da muss sie erst in der süßen Schlemmerküche der Poeten künstlich aufgekocht werden. In den Abtritt mit der Suppe, sag' ich. Da saugt mir das Mädel himmlische Alfanzereien ein, die kreisen dann wie spanische Mücken im Blut und sie spuckt mir das Quantum rechten Katechismus noch vor die Füße, das ich ihr mit Müh' und Not eingetrichtert habe. In den Abtritt, sag' ich. Das Mädel setzt sich alles Teufelszeug in den Kopf und über dem Herumscharwenzeln in der Schlaraffenwelt findet's zuletzt seine Heimat nicht mehr, vergisst seine Herkunft, schämt sich womöglich, daß ihr Vater ein Musikus ist, ein Geiger, ein Fiedler bloß, und verscheucht mir am Ende einen ordentlichen, ehrbaren Schwiegersohn, wie sich bestimmt bald einer unter meinen Schülern findet. Nein! Gott verdamm' mich. (Er springt auf.) Nicht gezögert! Gleich muss die Pastete auf den Herd, dem Major will ich weisen, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat. (Er will gehen.)

FRAU MILLER : Sei artig, Miller. Wie manchen schönen Groschen haben uns allein die Geschenke ...

MILLER kommt zurück und bleibt vor ihr stehen : Das Blutgeld meiner Tochter? - Scher dich zum Satan, infame Kupplerin! - Eher will ich mit meiner Geige als Bettler herumziehen, und das Konzert für etwas Warmes geben - eher will ich mein Violoncello zerschlagen und Mist damit schaufeln, bevor ich mir's schmecken lasse von dem Geld, das mein einziges Kind für Seele und Seligkeit eingestrichen hat. - Hör' mit dem vermaledeiten Kaffeetrinken auf und mit dem Tabakschnupfen, dann brauchst du deine Tochter nicht zu Markte zu treiben. Ich hab mich satt gegessen und immer ein gutes Hemd auf dem Leib gehabt, lange bevor so ein vertrackter Tausendsassa meinen Frieden gestört hat.

FRAU MILLER : Nur nicht gleich mit der Tür ins Haus. Wie du doch auf einmal in Feuer und Flammen stehst! Ich sage ja nur, man müsste den Herrn Major nicht vergrätzen, auch wenn er des Präsidenten Sohn sind.

MILLER : Da liegt der Hase im Pfeffer. Eben darum muss die Sache noch heute aus der Welt. Der Präsident muss es mir danken, wenn er ein rechtschaffener Vater ist. Du wirst mir meinen roten plüschenen Rock ausbürsten, und ich werde mich bei Seiner Exzellenz anmelden lassen. Ich werde sprechen zu Seiner Exzellenz: Dero Herr Sohn haben ein Auge auf meine Tochter geworfen; meine Tochter ist zu schlecht zu Dero Herrn Sohnes Frau, aber zu Dero Herrn Sohnes Hure ist meine Tochter zu kostbar, und damit basta! - Ich heiße Miller.



 

Personen Szenen
 
Erster Akt

Zweite Szene


Sekretär Wurm und die Vorigen.

FRAU MILLER : Ah guten Morgen, Herr Sekertär. Hat man auch einmal wieder das Vergnügen von Ihnen?

WURM : Meinerseits, meinerseits, Frau Base. Wo eine Kavaliersgnade einspricht, kommt mein bürgerliches Vergnügen in gar keine Rechnung.

FRAU MILLER : Was Sie nicht sagen, Herr Sekertär! Des Herrn Majors von Walter hohe Gnaden machen uns wohl des öfteren seine Aufwartung, doch verachten wir darum keinen geringeren Besuch.

MILLER verdrießlich : Dem Herrn einen Sessel, Frau. Wollen's ablegen, Herr Landsmann?

WURM legt Hut und Stock weg und setzt sich : Nun! Nun! Und wie befindet sich denn meine Zukünftige - oder Gewesene? - Ich will doch nicht hoffen - kriegt man sie nicht zu sehen - Mamsell Luisen?

FRAU MILLER : Danke der Nachfrage, Herr Sekertär. Aber meine Tochter ist doch gar nicht hochmütig.

MILLER ärgerlich, stößt sie mit dem Ellenbogen : Weib!

FRAU MILLER : Wir bedauern's nur, daß sie die Ehre nicht haben kann, Sie zu begrüßen, sie ist eben in die Messe, meine Tochter.

WURM : Das freut mich, freut mich. Ich werde einmal eine fromme christliche Frau an ihr haben.

FRAU MILLER lächelt dumm-vornehm : Ja aber, Herr Sekertär!

MILLER in sichtbarer Verlegenheit kneipt sie in die Ohren : Weib!

FRAU MILLER : Wenn Ihnen unser Haus sonst irgendwie dienen kann, mit allem Vergnügen, Herr Sekertär.

WURM verdreht die Augen : Sonst irgendwo! Schönen Dank! Schönen Dank. Hem! hem! hem!

FRAU MILLER : Aber wie der Herr Sekertär selber die Einsicht werden haben ...

MILLER voll Zorn seine Frau an den Hintern stoßend : Weib!

FRAU MILLER : Gut ist gut, und besser ist besser, und dem einzigen Kind mag man doch auch nicht sein Glück verwehren. (bäurisch-stolz) Man wird es mir doch wohl ansehen können, Herr Sekertär?

WURM rückt unruhig im Sessel, kratzt hinter den Ohren und zupft an Manschetten und Kragen : Ansehen? Nicht doch - Oh ja - was meinen sie denn?

FRAU MILLER : Nu, nu, ich dächte nur, ich meine (Sie hustet künstlich.) weil eben halt der liebe Gott meine Tochter barrdu zur gnädigen Madame machen will.

WURM fährt vom Stuhl hoch : Was sagen Sie da? Was?

MILLER : Bleiben Sie sitzen! Bleiben Sie sitzen, Herr Sekretarius! Das Weib ist eine alberne Gans. Wo soll eine gnädige Madame herkommen? Was für ein Esel streckt da sein Langohr aus diesem Geschwätz?

FRAU MILLER : Verhöhne du, solange du willst. Was ich weiß, weiß ich, und was der Herr Major gesagt hat, das hat er gesagt.

MILLER aufgebracht, langt nach der Geige : Willst du dein Maul halten? Willst du das Violoncello am Hirnkasten haben? Wie kannst du wissen, was er soll gesagt haben? Kehren Sie sich nicht an dem Geklatsch, Herr Vetter. Marsch ab du in deine Küche! (versöhnlich zu Wurm) Sie werden mich doch nicht für des Dummkopfs leiblichen Schwager halten, daß ich da obenhinaus wollte mit dem Mädel? Werden doch das nicht von mir denken, Herr Sekretarius?

WURM : Auch hätte ich es nicht verdient, Herr Musikmeister. Sie haben mich jederzeit den Mann von Wort sehen lassen, und meine Ansprüche auf Ihre Tochter waren so gut wie unterschrieben. Ich habe ein Amt, das seinen guten Hausvater nähren kann, der Präsident ist mir gewogen, an Empfehlungen kanns nicht fehlen, wenn ich in meinem Amt aufsteigen will. Sie sehen, daß meine Absichten auf Mamsell Luisen ernsthaft sind, wenngleich sie vielleicht von einem adligen Windbeutel an der Nase herumgeführt wird.

FRAU MILLER : Herr Sekertär Wurm! Etwas mehr Respekt, wenn man bitten darf.

MILLER : Halt du dein Maul, sag ich. Lassen Sie's gut sein, Herr Vetter. Es bleibt wie abgemacht. Was ich Ihnen vergangenen Herbst zum Bescheid gab, wiederhole ich heute. Ich zwinge meine Tochter nicht. Gefallen Sie ihr wohl und gut, so mag sie zusehen, wie sie glücklich mit Ihnen wird. Schüttelt sie den Kopf, noch besser, in Gottes Namen, wollt ich sagen, so stecken Sie den Korb ein und trinken einen Wein mit mir. Das Mädel muss mit Ihnen leben, nicht ich, warum soll ich ihr einen Mann, den sie nicht leiden kann, aus purem Eigennutz an den Hals werfen? daß mich der böse Geist in meinen eisgrauen Tagen noch wie sein Wildbret herumhetze, daß ich's in jedem Glas Wein zu saufen, in jeder Suppe zu fressen kriege: Du bist der Spitzbube, der sein Kind ruiniert hat!

FRAU MILLER : Und kurz und gut, ich gebe meine Zustimmung absolut nicht; meine Tochter ist zu was Höherem gemünzt, und ich gehe aufs Gericht, wenn mein Mann sich beschwatzen lässt.

MILLER : Willst du Arm und Bein entzwei haben, Wettermaul?

WURM zu Miller : Ein väterlicher Rat vermag bei der Tochter viel, und hoffentlich werden Sie mich richtig beurteilen, Herr Miller?

MILLER : Verflucht nochmal! Das Mädel muss Sie kennen. Was ich alter Knasterbart an Ihnen schätze, das mag für ein junges naschhaftes Mädchen ganz und gar nicht verlockend sein. Ich kann Ihnen ins Gesicht sagen, ob Sie als Mann fürs Orchester taugen, aber eine Weiberseele ist auch für einen Kapellmeister unergründlich. Und dann von der Brust weg, Herr Vetter, ich bin halt ein plumper gerader teutscher Kerl, für meinen Rat würden Sie sich zuletzt wenig bedanken. Ich rate meiner Tochter zu keinem, aber ich rate ihr ab von einem Liebhaber, der den Vater zu Hilfe ruft. Dem trau ich nämlich keine hohle Haselnuß zu. Lassen Sie mich ausreden. Ist er was, so muss er sich schämen, seine Talente auf diesem Umweg vor seine Liebste zu bringen. Und fehlt ihm die Courage, so ist er ein Hasenfuß, und für den sind keine Luisen gewachsen. Hinter dem Rücken des Vaters sollte er sein Begehr an die Tochter bestellen. Machen muss er, daß das Mädel lieber Vater und Mutter zum Teufel wünscht, als von ihm abzulassen. Oder daß sie selber kommt, dem Vater zu Füßen sich wirft und um Gottes willen sich entweder den Herzallerliebsten oder die Pest ausbittet. Das nenn' ich einen wackeren Mann! Das heißt lieben! Und wer's bei dem Weibsvolk nicht so weit bringt, der soll ... auf seinem Gänsekiel nach Hause reiten.

WURM greift nach Hut und Stock : Meine Verehrung, Herr Miller. (Er verlässt hastig das Zimmer.)

MILLER geht ihm nach : Für was denn? Für was? Haben Sie ja doch gar nichts genossen, Herr Sekretarius. (Er wendet sich wieder um.) Nichts hört er und hin zieht er. Ist mir's doch wie Gift und Galle, wenn ich den Federnfuchser zu Gesicht kriege. Ein konfiszierter widriger Kerl, als hätte ihn irgendein Schleichhändler in Herrgotts Namen in die Welt hineingeschachert. Diese kleinen tückischen Mausaugen, die Haare brandrot, das Kinn herausgequollen, als wenn die Natur aus Ärger über das verhunzte Stück Arbeit den Schlingel da gepackt und in die Ecke geworfen hätte. Nein! Bevor ich meine Tochter an so einen Schuft verschleudere, soll sie mir lieber, oh Gott verzeih mir's ...

FRAU MILLER spuckt aus, giftig : Der Hund! Aber man wird dirs Maul sauber halten.

MILLER : Du aber auch mit deinem pestilenzialischen Junker. Hast mich vorhin so in Rage gebracht. Bist doch nie dümmer, wie wenn du gescheit sein willst. Was hat das Getratsche von einer gnädigen Madame und deiner Tochter da vorstellen sollen? Ausgerechnet so einem wie dem Sekretarius musst du's auf die Nase binden, damit's morgen am Marktbrunnen ausgeschellt sein soll. Das ist so ein Wicht wie sie in der Leute Häuser herumschnüffeln, über Keller und Koch räsonnieren; und springt einem ein vorlautes Wort aus'm Maul - bums! habens Fürst und Mätresse und Präsident im Ohr, und du hast das siedende Donnerwetter am Halse.



 

Personen Szenen
 
Erster Akt

Dritte Szene


Die Vorigen. Luise kommt hinzu, mit einem Buch in der Hand.

LUISE legt das Buch nieder, geht zum Vater und drückt ihm die Hand : Guten Morgen, lieber Vater.

MILLER warmherzig : Brav, meine Luise. (mit Blick auf ihr Buch) Freut mich, daß du so fleißig an deinen Schöpfer denkst. Bleib immer so, und sein Arm wird dich halten.

LUISE : Oh ich bin eine schwere Sünderin, Vater. War er da, Mutter?

FRAU MILLER : Wer, mein Kind?

LUISE : Ah! Ich vergaß, daß es außer ihm noch andere Menschen gibt, mein Kopf ist so wüst. Walter? Er war nicht da?

MILLER traurig und ernsthaft : Ich dachte, meine Luise hätte den Namen in der Kirche gelassen?

LUISE nachdem sie ihn eine Zeitlang starr angesehen : Ich verstehe dich, Vater. Ich fühle das Messer, das in mein Gewissen stößt, aber es ist zu spät. Ich habe kein ruhiges Gewissen mehr, Vater. Der Himmel und Ferdinand reißen an meiner blutenden Seele und ich fürchte, ich fürchte ... (nach einer Pause) Doch nein, guter Vater. Wenn wir ihn über dem Gemälde anscheinend vergessen, findet sich da ein Künstler nicht am meisten gelobt. Wenn meine Freude über sein Meisterstück mich ihn selbst übersehen lässt, Vater, muss das den lieben Herrgott nicht ergötzen?

MILLER wirft sich unmutig in den Stuhl : Da haben wir's! Das ist die Frucht von dem gottlosen Lesen.

LUISE tritt unruhig an das Fenster : Wo er wohl jetzt ist? Die vornehmen Fräulein, die ihn sehen, ihn hören können; ich bin ein schlechtes vergessenes Mädchen. (Sie erschrickt bei dem Wort und stürzt ihrem Vater zu.) Doch nein! nein! verzeih mir, ich beweine mein Schicksal nicht. Ich will ja nur wenig an ihn denken, das kostet ja nichts. Mein bisschen Leben, dürft ich es hinhauchen in ein leises, schmeichelndes Lüftchen, sein Gesicht abzukühlen! Dies Blümchen Jugend, wär' es ein Veilchen, und er träte darauf, und es dürfte bescheiden unter ihm sterben! Das genügte mir, Vater. Wenn die Mücke in ihren Strahlen sich sonnt, kann sie das die stolze, majestätische Sonne strafen?

MILLER beugt sich gerührt an die Lehne des Stuhls und bedeckt sein Gesicht : Höre, Luise. Der wenige Bodensatz meiner Jahre, ich gäb' ihn dafür hin, daß du den Major nie gesehen hättest.

LUISE erschrocken : Was sagst du da? Was? Nein! du meinst das anders, nicht wahr, guter Vater. Vielleicht weißt du nur noch nicht, daß Ferdinand zu mir gehört, für mich geschaffen ist, mir zur Freude vom allmächtigen Gott der Liebenden. (Sie erinnert sich.) Als ich ihn das erstemal sah, und mir das Blut in die Wangen stieg, froher jagte der Puls, jede Wallung sprach's, jeder Atem lispelte: Er ist's. Und als mein Herz den Immermangelnden erkannte, rief es aus ganzer Kraft: Er ist's! Und wie das widerklang durch die ganze mitfreuende Welt. Damals, oh damals ging in meiner Seele der erste Morgen auf. Tausend junge Gefühle schossen aus meinem Herzen wie die Blumen aus dem Erdreich, wenn's Frühling wird. Ich sah keine Welt mehr, und doch erinnere ich mich, daß sie niemals so schön war. Ich wusste von keinem Gott mehr, und doch hatte ich ihn nie so verehrt.

MILLER eilt auf sie zu und drückt sie an seine Brust : Luise, teures, herrliches Kind. Nimm meinen alten mürben Kopf, nimm alles, alles! Aber den Major, Gott ist mein Zeuge, kann ich dir niemals überlassen. (Er geht.)

LUISE ruft ihm nach : Ich will ich ihn ja gar nicht jetzt, mein Vater. Dieser karge Tautropfen Zeit, schon ein Traum von Ferdinand trinkt ihn wollüstig auf. Ich entsage ihm für dieses Leben. Dann, Mutter, dann, wenn die Schranken des Unterschieds einstürzen, wenn von uns abspringen alle die verhassten Hülsen des Standes und Menschen nur noch Menschen sind ... (Sie bricht den Satz ab.) Ich bringe nichts mit, als meine Unschuld, aber der Vater hat ja so oft gesagt, daß der Schmuck und die prächtigen Titel wertlos werden, wenn Gott kommt, und dann allein die Herzen im Preise steigen. Dann werde ich reich sein. Dort rechnet man vergossene Tränen statt der Triumphe, und schöne Gedanken statt adliger Ahnen an. Ich werde dann vornehm sein, Mutter. Was hätte ein hochwohlgeborener Herr dann noch einem einfachen Mädchen voraus?

FRAU MILLER fährt in die Höhe : Luise! Der Major! Er springt über den Zaun. Wo verberg' ich mich?

LUISE fängt an zu zittern : Bleib' doch, Mutter!

FRAU MILLER : Mein Gott, wie seh ich aus, ich muß mich ja schämen. So darf ich mich nicht vor Seiner Gnaden keinesfalls sehen lassen. (Sie geht.)



 

Personen Szenen
 
Erster Akt

Vierte Szene


Ferdinand von Walter und Luise. Er fliegt förmlich auf sie zu, sie sinkt blass und matt auf einen Sessel. Er bleibt vor ihr stehen, sie sehen sich eine Zeitlang stillschweigend an. Pause.

FERDINAND : Du bist blass, Luise?

LUISE steht auf und fällt ihm um den Hals : Es ist nichts. Nichts. Du bist ja da. Es ist vorüber.

FERDINAND nimmt ihre Hand und küsst sie : Und liebt mich meine Luise noch? Mein Herz ist das gestrige, ist's auch das deine noch? Ich eile nur her, um zu sehen, ob du heiter bist, dann kann ich es auch sein. Aber du bist's nicht?

LUISE : Doch, doch, mein Geliebter.

FERDINAND : Sprich ehrlich. Du bist's nicht. Ich schaue durch deine Seele wie durch das klare Wasser dieses Brillanten. (Er zeigt auf seinen Ring.) Hier steckt kein Körnchen drin, das ich nicht bemerkte, und ebenso tritt kein Gedanke in dein Angesicht, der mir entwischte. Was hast du? Geschwind! Wenn ich nur diesen Spiegel hell und rein sehe, dann läuft auch keine Wolke über die Welt. Was bekümmert dich?

LUISE sieht ihn eine Weile stumm und ernsthaft an und sagt dann wehmütig : Ferdinand! Ferdinand! Wenn du doch wüßtest, wie schön sich das für ein einfaches, bürgerliches Mädchen anhören muss.

FERDINAND : Was heißt das? (befremdet) Mädchen! Höre! Wie kommst du darauf? Du bist meine Luise! Wer sagt dir, daß du noch etwas anderes sein solltest? Warum sprichst du in solchen kaltsinnigen Begriffen? Würdest du mich nur ganz und ohne Vorbehalt lieben, wann hättest du je Veranlassung, dich mit etwas anderem zu vergleichen? Wenn ich bei dir bin, zerschmelzen alle meine alltäglichen Gedanken augenblicklich in einen Traum von dir. Aber wenn ich nicht bei dir bin und müsste annehmen, da wäre eine trockene Vernünftelei in dir, die an unserer Liebe nagt ... Oh, du solltest dich schämen! Jeder Augenblick, den du an solchen Kummer verlierst, ist deinem Liebsten gestohlen.

LUISE fasst seine Hand und schüttelt den Kopf : Du willst mich nur blenden, Ferdinand, willst meine Augen von diesem Abgrund hinweglocken, in den ich ganz gewiss stürzen müsste. Ich sehe in die Zukunft, dein Vater, deine Karriere, die glänzenden Zeichen deines Ruhms ... und mein ... Nichts. (Sie erschrickt und lässt plötzlich seine Hand los.) Ferdinand! Es schwebt ein Dolch über dir und mir! Man will uns trennen!

FERDINAND : Man trennt uns? (Er springt auf.) Woher bringst du diese Ahnung, Luise? Man trennt uns? Wer könnte den Bund dieser zwei Herzen lösen? Wer könnte die Töne eines Akkords auseinanderreißen? Ich bin ein Edelmann. Lass doch sehen, ob mein Adelsbrief älter ist als der Schöpfungsplan zum unendlichen Weltall? Oder mein Wappen gültiger als die Handschrift des Himmels in Luisens Augen. Diese Frau ist für diesen Mann geschaffen. Ich bin des Präsidenten Sohn. Eben darum. Wer oder was außer die Liebe kann mir die Flüche versüßen, die mir mein Vater mit der Auspressung des Landes vermachen wird?

LUISE : Oh, wie sehr fürchte ich ihn, deinen Vater!

FERDINAND : Ich fürchte nichts, nichts als die Grenzen deiner Liebe. Lass auch Hindernisse wie Gebirge zwischen uns treten, ich will sie zu Treppen machen und drüber hin in deine Arme fliegen. Die Stürme des widrigen Schicksals sollen meine Empfindung erst emporblasen, alle Gefahren werden meine Luise nur begehrlicher machen. Also nichts mehr von Furcht, meine Liebste. Ich selbst will über dir wachen wie der Zauberdrachen über vergrabenem Golde. Mir vertraue dich an. Du brauchst keinen Engel mehr, ich will mich zwischen dich und das Schicksal werfen, für dich jeden Schlag abwehren, jede Wunde verschmerzen. Auffangen für dich jeden Tropfen aus dem Becher der Freude und ihn dir bringen in der Schale der Liebe. (Er umfasst sie zärtlich.) An diesem Arm soll meine Luise durchs Leben springen; schöner als er dich entlassen hat, soll der Himmel dich wieder haben und mit Verwunderung eingestehen, daß nur die Liebe die letzte Hand an die Seelen legt.

LUISE drückt ihn von sich, in großer Ergriffenheit : Nichts mehr! Ich bitte dich, schweig! Wüßtest du ... lass mich ... du weißt nicht, daß deine Hoffnungen mein Herz wie Furien anfallen. (Sie will fort.)

FERDINAND hält sie auf : Luise? Wie! Was! Welche Anwandlung?

LUISE : Ich hatte diese Träume (mit selbstvergessenem Ausdruck) und war glücklich. Jetzt! Jetzt! Von heute an ist der Friede meines Lebens aus und vorbei. Wilde Wünsche, ich weiß es, werden in meinem Busen rasen. Geh! Gott vergebe dir's. Du hast den Feuerbrand in mein junges, friedsames Herz geworfen, und er wird nimmer, nimmer gelöscht werden. (Sie stürzt hinaus. Er folgt ihr sprachlos nach.)



 

Personen Szenen
 
Erster Akt

Fünfte Szene


Im Saal beim Präsidenten. Der Präsident, ein Ordenskreuz um den Hals, einen Stern auf der Brust, und Sekretär Wurm treten auf.

PRÄSIDENT : Eine ernsthafte Beziehung! Mein Sohn? Nein, Wurm, das können Sie mir nicht weismachen.

WURM : Eure Exzellenz habe die Gnade, mir den Beweis dafür zu befehlen.

PRÄSIDENT : Daß er dem Bürgermädchen den Hof macht? Ihr Komplimente sagt? Meinetwegen auch Gefühle vorgaukelt? Das sind lauter Sachen, die ich für möglich halte und verzeihlich finde, aber ... und auch noch die Tochter eines Musikers, sagen Sie?

WURM : Musikmeister Millers Tochter.

PRÄSIDENT : Ist sie hübsch? Na, das versteht sich, wenn sie meinem Sohn gefällt.

WURM lebhaft : Das schönste Exemplar einer Blondine, die, nicht zuviel gesagt, neben den ersten Schönheiten des Hofes noch Figur machen würde.

PRÄSIDENT lacht : Höre ich da heraus, Wurm, daß Sie selber ein Auge auf das Ding geworfen haben? Aber schauen Sie, mein lieber Wurm, daß mein Sohn Gefühle für das Frauenzimmer entwickelt, das macht mir Hoffnung, daß ihn die Damen nicht hassen werden. Er kann bei Hof etwas durchsetzen. Das Mädchen ist schön, das gefällt mir an meinem Sohn, daß er Geschmack hat. Spiegelt er der kleinen Närrin solide Absichten vor? Noch besser. So seh ich, daß er Witz genug hat, in seinen Beutel zu lügen. Er kann Präsident werden. Gewinnt er das Spiel? Herrlich! Das zeigt mir an, daß er Glück hat. Endet die Farce mit einem gesunden Enkelkind, unvergleichlich! So trinke ich auf die guten Anlagen meines Stammbaums ein Viertelchen Burgunder mehr und bezahle die Geldbuße für seine Dirne.

WURM : Alles, was ich wünsche, Eure Exzellenz, ist, daß Sie nicht nötig haben möchten, den Burgunder zu Ihrer Beruhigung zu trinken.

PRÄSIDENT ernsthaft : Wurm, bedenken Sie: wenn ich einmal an etwas glaube, dann glaube ich auch hartnäckig daran, und wenn ich in Zorn gerate, kann er sich schnell in Raserei verwandeln. Ich will es als einen Spaß auffassen, daß Sie mich aufhetzen wollten. daß Sie sich einen Nebenbuhler gern vom Hals schaffen möchten, glaub' ich Ihnen herzlich gern. Da Sie meinen Sohn bei dem Mädchen auszustechen offenbar Mühe haben, soll Ihnen der Vater als Fliegenklatsche dienen, das finde ich auch begreiflich, und daß Sie einen so herrlichen Ansatz zum Schelm haben, entzückt mich sogar. Nur, mein lieber Wurm, sollten Sie nicht versuchen, mich mitprellen zu wollen. Verstehen Sie mich deutlich? Treiben Sie den Pfiff nicht bis zum Einbruch in meine Grundsätze.

WURM : Eure Exzellenz verzeihen. Wenn auch wirklich, wie Sie argwöhnen, ein wenig Eifersucht im Spiel sein sollte, so wäre sie es wenigstens nur mit den Augen und nicht mit der Zunge.

PRÄSIDENT : Und ich dächte, sie bliebe lieber ganz weg. Dummer Kerl, was sollte es Sie scheren, ob Sie den Taler frisch aus der Münze oder von der Bank bekommen. Trösten Sie sich mit dem hiesigen Adel. Wissentlich oder nicht, bei uns wird selten eine Heirat beschlossen, wo nicht wenigstens ein halbes Dutzend der Gäste, oder der Aufwärter, das Paradies des Bräutigams geometrisch ermessen kann.

WURM verbeugt sich : Ich mache hier natürlich gern den Bürgersmann, gnädiger Herr.

PRÄSIDENT : Überdies werden Sie demnächst die Freude haben, Ihrem Nebenbuhler den Spott auf die schönste Art heimzuzahlen. Eben jetzt hat das fürstliche Kabinett verfügt, bei der Ankunft der neuen Herzogin der Lady Milford gleichzeitig zum Schein den Abschied nahezulegen und, um die Sache glaubwürdig zu machen, sie in eine neue Verbindung zu drängen. Sie wissen, Wurm, wie sehr sich mein Ansehen auf den Einfluss der Lady stützt, wie ja überhaupt meine mächtigsten Springfedern in die Wallungen des Fürsten hineinspielen. Der Herzog sucht nun eine gute Partie für die Milford. Ein Fremder könnte sich melden, den Handel schließen, mit der Dame zugleich das Vertrauen des Fürsten an sich reißen, sich ihm unentbehrlich machen und ... kurzum, damit der Fürst auch weiterhin im Netz meiner Familie bleibt, soll mein Ferdinand die Milford heiraten. Leuchtet Ihnen das ein?

WURM : Daß mich meine Augen beißen! Wenigstens bewies der Präsident hier, daß der Vater nur ein Anfänger gegen ihn ist. Wenn der Major Ihnen ebenso den gehorsamen Sohn zeigt, als Sie ihm den zärtlichen Vater, so dürfte Ihre Forderung mit Protest zurückkommen.

PRÄSIDENT : Zum Glück war mir noch nie für die Ausführung eines Planes bang, wo ich mich mit einem: Es soll so sein, behaupten konnte. Aber sehen Sie, Wurm, das hat uns wieder auf den vorigen Punkt gebracht. Ich kündige meinem Sohn noch diesen Vormittag seine Vermählung an. Das Gesicht, das er mir zeigen wird, sollte Ihren Argwohn entweder rechtfertigen oder ganz widerlegen.

WURM : Gnädiger Herr, ich bitte sehr um Vergebung. Das finstere Gesicht, das er Ihnen ganz bestimmt zeigen wird, lässt sich ebensogut auf die Rechnung der Braut schreiben, die Sie ihm zuführen, als auf die, welche Sie ihm nehmen. Ich ersuche Sie um eine schärfere Probe. Wählen Sie ihm die untadeligste Partie im Land, und sagt er Ja, so lassen Sie den Sekretär Wurm drei Jahre Kugeln schleifen.

PRÄSIDENT beißt sich auf die Lippen : Zum Teufel!

WURM : Es ist nicht anders. Die Mutter, übrigens die Dummheit in Person, hat mir in der Einfalt zuviel geplaudert.

PRÄSIDENT geht auf und nieder und hält seinen Zorn zurück : Gut! Diesen Morgen noch.

WURM : Nur vergessen Euer Exzellenz nicht, daß der Major der Sohn meines Herrn ist.

PRÄSIDENT : Er soll geschont werden, Wurm.

WURM : Und daß der Dienst, Sie von einer unwillkommenen Schwiegertochter zu befreien ...

PRÄSIDENT : Den Gegendienst wert ist, Ihnen zu einer Frau zu verhelfen? Gut, das auch.

WURM bückt sich vergnügt : Ewig der Eure, gnädiger Herr. (Er will gehen.)

PRÄSIDENT : Was ich Ihnen vorhin anvertraut habe, Wurm (drohend) wenn Sie plaudern ...

WURM lachend : So legen Eure Exzellenz meine gefälschten Dokumente offen? (Er geht ab.)

PRÄSIDENT : Du bist an mich gebunden, ich halte dich an deiner eigenen Schurkerei, wie den Fisch am Haken!

EIN KAMMERDIENER tritt herein : Hofmarschall von Kalb.

PRÄSIDENT : Kommt wie gerufen. Er soll mir willkommen sein. (Der Kammerdiener geht.)



 

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Erster Akt

Sechste Szene


Der Präsident. Hofmarschall von Kalb in einem reichen, aber geschmacklosen Hofkleid, mit Kammerherrnschlüsseln, zwei Uhren und einem Degen, Chapeau-bas [ein Hut] und frisiert à la Hérisson [mit Puderperrücke]. Er eilt mit großem Gekreisch auf den Präsidenten zu und verbreitet einen Bisamgeruch [scharfes Parfüm] über das ganze Parterre.

HOFMARSCHALL ihn umarmend : Ah guten Morgen, mein Bester! Wie geruht? Wie geschlafen? Sie verzeihen doch, daß ich so spät das Vergnügen habe, dringende Geschäfte, der Küchenzettel, Visitenbilletts, das Arrangement der Partien für die heutige Schlittenfahrt, Ah, und denn mußte ich ja auch bei der Morgenaudienz des Fürsten zugegen sein und Seiner Durchlaucht das Wetter verkündigen.

PRÄSIDENT : Ja, Marschall. Da haben Sie freilich nicht abkommen können.

HOFMARSCHALL : Obendrein hat mich ein Schelm von Schneider noch sitzenlassen.

PRÄSIDENT : Und doch fix und fertig?

HOFMARSCHALL : Das ist noch nicht alles. Ein Malheur jagt heut das andere. Hören Sie nur.

PRÄSIDENT zerstreut : Ist das möglich?

HOFMARSCHALL : Hören Sie nur. Ich steige kaum aus dem Wagen, so werden die Hengste scheu, stampfen und schlagen aus, daß mir, ich bitte Sie!, der Gassenkot über und über an die Beinkleider sprützt. Was anzufangen? Setzen Sie sich um Gottes willen in meine Lage, Baron. Da stand ich. Spät war es. Eine Tagreise ist es, und in dem Aufzug vor Seine Durchlaucht! Gott der Gerechte! Was fällt mir ein? Ich fingiere eine Ohnmacht. Man bringt mich über Hals und Kopf in die Kutsche. Ich in vollem Karacho nach Haus, wechsle die Kleider, fahre zurück, was denken Sie? - und bin noch der erste in der Antichambre, was sagen Sie dazu?

PRÄSIDENT : Ein genialer Streich des menschlichen Witzes. Doch das beiseite, Kalb, Sie sprachen also schon mit dem Herzog?

HOFMARSCHALL wichtigtuerisch : Zwanzig Minuten und eine halbe.

PRÄSIDENT : Das gesteh' ich! Und wissen mir also ohne Zweifel eine wichtige Neuigkeit zu berichten?

HOFMARSCHALL nach einigem Stillschweigen ernsthaft : Seine Durchlaucht haben heute einen Merde d'Oye-Biber an [Anzug nach französischer Mode].

PRÄSIDENT : Man denke, nicht möglich, Marschall. Dann hab' ich doch eine bessere Nachricht für Sie, daß Lady Milford die Majorin von Walter wird, ist Ihnen gewiss etwas Neues?

HOFMARSCHALL : Denken Sie! Und das ist schon richtig ausgemacht?

PRÄSIDENT : Unterschrieben, Marschall. Und ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie ohne Aufschub dahin gehen, die Lady auf seinen Besuch vorbereiten und den Entschluss meines Ferdinands in der ganzen Residenz bekanntmachen.

HOFMARSCHALL entzückt : Oh mit tausend Freuden, mein Bester. Was kann mir erwünschter kommen? Ich fliege sogleich (Er umarmt ihn.) Leben Sie wohl, in dreiviertel Stunden weiß es die ganze Stadt. (Er hüpft hinaus.)

PRÄSIDENT lacht dem Marschall nach : Man sage noch, daß diese Geschöpfe in der Welt zu nichts taugen. Nun muss ja mein Ferdinand wollen, oder die ganze Stadt hat gelogen. (Er klingelt; Wurm kommt.) Mein Sohn soll hereinkommen. (Wurm geht. Der Präsident geht gedankenvoll hin und her.)



 

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Erster Akt

Siebente Szene


Der Präsident und Sekretär Wurm. Ferdinand kommt hinzu.

FERDINAND : Du hast befohlen, gnädiger Herr Vater.

PRÄSIDENT : Leider muss ich das, wenn ich meines Sohns einmal ansichtig werden will. Lassen Sie uns allein, Wurm. Ferdinand, ich beobachte dich schon eine Zeit lang und finde die offene, rasche Jugend nicht mehr, die mich sonst so entzückt hat. Ein seltsamer Gram brütet auf deinem Gesicht. Du meidest mich, du fliehst deine Gesellschaft. Deiner Jugend verzeiht man zehn Dummheiten vor einer einzigen ernsthaften Überlegung. Überlass diese mir, lieber Sohn. Lass mich an deinem Glück arbeiten, und verlass' dich auf meine besten Pläne für dich. Komm! Umarme mich, Ferdinand.

FERDINAND : Du bist heute sehr gnädig, mein Vater.

PRÄSIDENT : Heute? Du Schalk. Und dieses „heute“ noch mit der herben Grimasse? (ernsthaft) Ferdinand! Wem zuliebe hab' ich die gefährliche Bahn zum Herzen des Fürsten betreten? Wem zuliebe bin ich auf ewig mit meinem Gewissen und dem Himmel zerfallen? Höre, Ferdinand, ich spreche mit meinem Sohn. Wem hab' ich durch den Sturz meines Vorgängers Platz gemacht? Eine Geschichte, die desto blutiger in mein Inwendiges schneidet, je sorgfältiger ich das Messer vor der Welt verberge. Höre. Und sage mir, Ferdinand: Für wen tat ich dies alles?

FERDINAND tritt mit Schrecken zurück : Doch nicht mir, mein Vater? Soll auf mich der blutige Widerschein dieses Frevels fallen? Beim allmächtigen Gott! Es ist besser, gar nicht geboren sein, als dieser Missetat zur Ausrede zu dienen.

PRÄSIDENT : Was war das? Ich will es deinem unreifen Kopfe zugute halten, Ferdinand, ich will mich nicht erhitzen, vorlauter Knabe. Ist das dein Lohn für meine schlaflosen Nächte? Für meine rastlose Sorge? Für den ewigen Skorpion, der mein Gewissen stachelt? Auf mich fällt alle Last der Verantwortung, auf mich der Fluch, der Donner des Richters, du empfängst dein Glück aus zweiter Hand, das Verbrechen klebt nicht am Erbe.

FERDINAND streckt die rechte Hand zum Himmel : Feierlich entsage ich hier einem Erbe, das mich nur an einen abscheulichen Vater erinnert.

PRÄSIDENT : Höre, junger Mensch, rege mich nicht auf. Wenn es nach deinem Kopfe ginge, du würdest dein Leben lang im Staube kriechen.

FERDINAND : Oh, immer noch besser, als wenn ich um den Thron herumkrieche.

PRÄSIDENT verbeißt sich seinen Zorn : Hm! Zwingen muss man dich, dein Glück zu erkennen. Wo zehn andere mit aller Anstrengung nicht hinaufklimmen können, wirst du spielend, wie im Schlafe angehoben. Du warst mit zwölf Fähnrich. Mit zwanzig Major. Ich hab' es durchgesetzt beim Fürsten. Du wirst die Uniform ausziehen und in das Ministerium eintreten. Der Fürst sprach vom Geheimen Rat. Gesandtschaften, außerordentlichen Gnaden. eine herrliche Aussicht dehnt sich vor dir. Die ebene Straße direkt nach dem Throne hin, ja zum Throne selbst, wenn die Gewalt soviel wert ist wie ihre Zeichen, und das begeistert dich nicht?

FERDINAND : Weil meine Begriffe von Größe und Glück nicht ganz deine sind. Deine Glückseligkeit macht nur selten anders als durch Verderben von sich reden. Neid, Furcht, Verwünschung sind die traurigen Spiegel, worin sich die Hoheit eines Herrschers belächelt. Tränen, Flüche, Verzweiflung die entsetzliche Mahlzeit, woran die gepriesenen Glücklichen schwelgen, von der sie betrunken aufstehen und so in die Ewigkeit vor den Thron Gottes taumeln. Mein Ideal von Glück zieht sich genügsamer in mich selbst zurück. In meinem Herzen liegen alle meine Wünsche begraben.

PRÄSIDENT : Meisterhaft! Unverbesserlich! Herrlich! Nach dreißig Jahren wieder mal die erste Vorlesung. Schade nur, daß mein fünfzigjähriger Kopf zu zäh für's Lernen ist! Doch dies seltne Talent nicht einrosten zu lassen, will ich dir jemand an die Seite geben, bei dem du dich in dieser buntscheckigen Tollheit nach Wunsch exerzieren kannst. Du wirst dich entschließen, und zwar noch heute, eine Frau zu nehmen.

FERDINAND tritt bestürzt zurück : Mein Vater?

PRÄSIDENT : Ohne Komplimente! Ich habe der Lady Milford in deinem Namen eine Karte geschickt. Du wirst dich ohne Aufschub bequemen, da hin zu gehen und ihr zu sagen, daß du ihr Bräutigam bist.

FERDINAND : Der Milford?

PRÄSIDENT : Wenn sie dir bekannt ist.

FERDINAND außer Fassung : Welcher Schandsäule im Herzogtum ist sie das nicht! Aber ich bin wohl nicht bei Sinnen, lieber Vater, daß ich deine Laune für Ernst nehme? Würdest du Vater eines Schurkensohns sein wollen, der eine privilegierte Hure heiratet?

PRÄSIDENT : Mehr noch. Ich würde selbst um sie werben, wenn sie einen in den Fünfzigern möchte. Würdest du zu dem Schurkenvater nicht Sohn sein wollen?

FERDINAND : Nein! So wahr Gott lebt!

PRÄSIDENT : Eine Frechheit, bei meiner Ehre, die ich ihrer Einmaligkeit wegen vergebe.

FERDINAND : Ich bitte dich, Vater! lass' mich nicht länger in einer Vermutung, wo es mir unerträglich wird, mich deinen Sohn zu nennen.

PRÄSIDENT : Junge, bist du toll? Welcher Mensch von Vernunft würde nicht nach der Auszeichnung lechzen, mit seinem Landesherrn zu tauschen?

FERDINAND : Du wirst mir zum Rätsel, Vater. Auszeichnung nennst du das? Auszeichnung, dort mit dem Fürsten zu teilen, wo er unter das Menschliche hinunterkriecht?

Der Präsident lacht laut auf.

FERDINAND : Du kannst darüber lachen, und ich will darüber hinweggehen, Vater. Mit welchem Gesicht soll ich vor den schlechtesten Handwerker treten, der mit seiner Frau wenigstens doch die ganze Person als Mitgift bekommt? Mit welchem Gesicht vor die Welt? Vor den Fürsten? Mit welchem vor die Buhlerin selbst, die den Brandflecken ihrer Ehre in meiner Schande auswaschen würde?

PRÄSIDENT : Womit in aller Welt riskierst du so ein Maul, Junge?

FERDINAND : Ich beschwöre dich bei Himmel und Erde! Vater, Du kannst durch die Hinwerfung deines einzigen Sohnes bestimmt nicht so glücklich werden, als du ihn damit unglücklich machst. Ich gebe dir mein Leben, wenn dich das belohnen kann. Mein Leben hab ich von dir, ich werde keinen Augenblick zögern, es deiner Größe zu opfern. Doch meine Ehre, Vater, wenn du mir die nimmst, so war es nur ein leichtfertiges Schelmenstück, mir das Leben zu geben, und ich muss den Vater wie den Kuppler verfluchen.

PRÄSIDENT freundlich, indem er ihn auf die Schulter klopft : Brav, lieber Sohn. Jetzt seh ich, daß du ein ganzer Kerl bist ... und der besten Frau im Herzogtum würdig. Sie soll dir gehören. Noch diesen Mittag wirst du dich mit der Gräfin von Ostheim verloben.

FERDINAND aufs neue bestürzt : Ist diese Stunde bestimmt, mich völlig zu zerschmettern?

PRÄSIDENT einen lauerenden Blick auf ihn werfend : Wogegen doch hoffentlich deine Ehre nichts einwenden wird?

FERDINAND : Nein, mein Vater. Friederike von Ostheim könnte jeden andern zum Glücklichsten machen. (für sich, in höchster Verwirrung) Was seine Bosheit an meinem Herzen noch ganz ließ, zerreißt seine Güte.

PRÄSIDENT noch immer kein Auge von ihm wendend : Ich warte auf deine Dankbarkeit, Ferdinand.

FERDINAND stürzt auf ihn zu und küsst ihm feurig die Hand : Vater! Deine Gnade entflammt meine ganze Empfindung. Vater, meinen heißesten Dank, deine Wahl ist untadelhaft, aber, ich kann, ich darf ... bedauere mich, ich kann die Gräfin nicht lieben.

PRÄSIDENT tritt einen Schritt zurück : Holla! Jetzt hab' ich den jungen Herrn. Also in diese Falle ging er, der listige Heuchler. Also war es gar nicht die Ehre, die dir die Lady verbot? Es ist nicht die Person, sondern die Heirat selbst, die du verabscheust?

Ferdinand steht zuerst wie versteinert, dann schreckt er auf und will fortrennen.

PRÄSIDENT : Wohin? Halt! Ist das der Respekt, den du mir schuldig bist? (Ferdinand kehrt zurück.) Du bist bei der Lady gemeldet. Der Fürst hat mein Wort. Stadt und Hof wissen es schon. Wenn du mich zum Lügner machst, Junge, vor dem Fürsten, der Lady, der ganzen Stadt, vor dem Hof mich zum Lügner machst, höre Junge, oder wenn ich hinter gewisse Geschichten komme! Halt! Holla! Was bläst auf einmal das Feuer deine so Wangen auf?

FERDINAND zitternd : Wie? Was? Es ist gewiss nichts, mein Vater!

PRÄSIDENT mit einem fürchterlichen Blick auf ihn : Und wenn es was ist, und wenn ich die Spur finden sollte, woher diese Widersetzlichkeit stammt. Ha, Junge! Der bloße Verdacht schon bringt mich zum Rasen. Geh' jetzt. Die Wachparade fängt an. Du wirst bei der Lady sein, sobald die Parole ausgegeben ist. Wenn ich auftrete, zittert ein Herzogtum. Lass doch sehen, ob mich ein Starrkopf von Sohn hindern kann. (Er geht und kommt noch einmal wieder.) Junge, ich sage dir, du wirst dort sein, oder Gnade dir Gott. (Er geht.)

FERDINAND erwacht wie aus einer dumpfen Betäubung : Ist er weg? War das eines Vaters Stimme? Ja, ich will zu ihr gehen, will hin, will ihr die Wahrheit sagen, will ihr einen Spiegel vorhalten. Nichtswürdige Frau! Und wenn du auch dann noch meine Hand verlangst, im Angesicht des versammelten Adels, des Militärs und des Volks, schmücke dich meinetwegen mit dem ganzen Stolz deiner englischen Heimat - ich verwerfe dich, ein deutscher Jüngling! (Er eilt hinaus.)



 

 

Personen Szenen
 
Zweiter Akt

Erste Szene


Ein Saal im Palais der Lady Milford. Rechts steht ein Sofa, links ein Konzertflügel. Lady in einem freien und reizenden Negligé, die Haare noch unfrisiert, sitzt vor dem Flügel und phantasiert; Sophie, die Kammerjungfer, tritt vom Fenster weg.

SOPHIE : Die Offiziere gehen auseinander. Die Wachparade ist aus, aber ich sehe noch keinen Präsidenten.

LADY sehr unruhig, indem sie aufsteht und einen Gang durch den Saal macht : Ich weiß nicht, wie ich mich heute finde, Sophie, ich bin noch nie so gewesen. Also du sahst ihn gar nicht? Freilich, es wird ihm nicht eilen. Wie ein Verbrechen liegt es auf meiner Brust. Geh', Sophie, man soll mir das schnellste Pferd aus dem Stall herausführen, ich muß ins Freie, Menschen sehen und blauen Himmel, und mich leichter reiten ums Herz herum.

SOPHIE : Wenn Sie sich unpässlich fühlen, Mylady, lassen Sie sich Gesellschaft kommen. Lassen Sie den Herzog hier Tafel halten oder die l'Hombretische sich vor Ihr Sofa setzen. Mir sollte der Fürst und sein ganzer Hof zu Gebote stehn, und eine Grille im Kopfe surren?

LADY wirft sich aufs Sofa : Ich bitte dich, verschone mich. Ich gebe dir einen Taler für jede Stunde, wo ich sie mir vom Hals schaffen kann. Soll ich mein Zimmer mit diesem Volk tapezieren? Das sind schlechte, erbärmliche Menschen, die sich entsetzen, wenn mir ein warmes, herzliches Wort entwischt, Mund und Nasen aufreißen, als sähen sie einen Geist, Sklaven eines einzigen Marionettenfadens, den ich leichter als mein Häkelgarn führe. Was fang ich mit Leuten an, deren Seelen gleich ihren Taschenuhren ticken? Kann ich eine Freude dran finden, sie was zu fragen, wenn ich voraus weiß, was sie mir antworten werden? Oder Worte mit ihnen wechseln, wenn sie das Herz nicht haben, anderer Meinung als ich zu sein? Weg mit ihnen! Es ist verdrießlich, ein Ross zu reiten, das nicht auch mal in den Zügel beißt. (Sie tritt ans Fenster.)

SOPHIE : Aber den Fürsten werden Sie doch davon ausnehmen, Lady? Den schönsten Mann, den feurigsten Liebhaber, den witzigsten Kopf in seinem ganzen Lande!

LADY kommt zurück : Denn es ist sein Land und nur ein Fürstentum, Sophie, kann meinem Geschmack zur erträglichen Ausrede dienen. Du sagst, man beneidet mich. Armes Ding! Beklagen sollte man mich vielmehr. Unter allen, die von der Tafel der Majestät essen, kommt die Geliebte am schlechtesten weg, weil sie allein dem großen und reichen Mann auf dem Bettelstabe begegnet. Wahr ist's, er kann mit dem Talisman seiner Größe jedes Gelüst meines Herzens wie ein Feenschloss aus der Erde zaubern. Er setzt die Früchte von zwei Kontinenten auf die Tafel, ruft Paradiese aus Wildnissen herbei, lässt die Quellen seines Landes in stolzen Bögen bis an den Himmel springen, oder das Mark seiner Untertanen in einem Feuerwerk hinpuffen. Aber kann er auch seinem Herzen befehlen, gegen ein großes, feuriges Herz groß und feurig zu schlagen? Kann er sein darbendes Gemüt zu einem einzigen schönen Gefühl zwingen? Mein Herz hungert bei all dem Vollauf der Sinne, und was helfen mir tausend bessere Empfindungen, wo ich nur niedere Wallungen löschen darf?

SOPHIE blickt sie verwundernd an : Wie lang ist es denn aber, daß ich Ihnen diene, Mylady?

LADY : Daß du anscheinend erst heute mit mir bekannt wirst? Es ist wahr, liebe Sophie, ich habe dem Fürsten meine Ehre verkauft, aber mein Herz habe ich behalten, ein Herz, meine Gute, das vielleicht eines Mannes noch wert ist, über welches der giftige Wind des Hofes nur wie der Hauch über den Spiegel ging. Trau es mir zu, meine Liebe, daß ich es längst gegen diesen armseligen Fürsten behauptet hätte, wenn es mir mein Ehrgeiz nur gestatten würde, einer Dame am Hof den Rang vor mir einzuräumen.

SOPHIE : Und dieses Herz unterwarf sich dem Ehrgeiz so gern?

LADY lebhaft : Als wenn es sich nicht schon gerächt hätte! Nicht gerade jetzt sich noch rächte! Sophie! (ernsthaft, indem sie die Hand auf Sophies Schulter legt) Wir Frauenzimmer können nur zwischen Herrschen und Dienen wählen, aber die höchste Wonne der Gewalt ist doch nur ein elender Behelf, wenn uns die größere Wonne versagt wird, Sklavinnen eines Mannes zu sein, den wir lieben.

SOPHIE : Eine Wahrheit, Mylady, die ich von Ihnen zuletzt hören wollte!

LADY : Und warum? Sieht man es denn dieser kindischen Führung des Zepters nicht an, daß wir nur für das Gängelband taugen? Sahst du es denn meinem launischen Flattersinn, den wilden Ergötzungen nicht an, daß sie nur wildere Wünsche in meiner Brust überlärmen sollten?

SOPHIE tritt erstaunt zurück : Lady?

LADY gefühlsbetonter : Ja, befriedige diese Wünsche! Gib mir den Mann, an den ich denke, den ich anbete, für den ich sterben oder ihn besitzen muss. (dahinschmelzend) Lass es mich aus seinem Mund vernehmen, daß Tränen der Liebe schöner glänzen in unsern Augen als die Brillanten in unserm Haar. (feurig) Und ich werfe dem Fürsten sein Herz und sein Fürstentum vor die Füße, fliehe mit diesem Mann, fliehe in die entlegenste Wüste der Welt.

SOPHIE blickt sie erschrocken an : Himmel! Was machen Sie! Wie wird Ihnen, Lady?

LADY bestürzt : Du wirst blass? Hab ich vielleicht zuviel gesagt? Oh, so lass mich deine Zunge mit meinem Vertrauen binden, höre noch mehr, höre alles.

SOPHIE schaut sich ängstlich um : Ich fürchte Mylady, ich fürchte, ich brauch' es nicht mehr zu hören.

LADY : Die Verbindung mit dem Major? Du und die Welt glauben, sie sei eine Hofkabale. Sophie, erröte nicht, schäme dich meiner nicht, sie ist in Wahrheit das Werk meiner Liebe.

SOPHIE : Bei Gott! Mir ahnte so was!

LADY : Sie ließen sich beschwatzen, Sophie. Der schwache Fürst, der schlaue Walter, der alberne Marschall. Jeder von ihnen wird darauf schwören, daß diese Heirat das unfehlbarste Mittel sei, mich dem Hof zu retten, unser Band um so fester zu knüpfen. Oh nein! Es auf ewig zu trennen! Auf ewig diese schändlichen Ketten zu brechen! Belogene Lügner! Von einem schwachen Weib überlistet! Ihr selbst führt mir jetzt meinen Geliebten zu. Das war es ja nur, was ich wollte. Hab ich ihn einmal, hab ich ihn, oh, dann auf immer gute Nacht abscheuliche Herrlichkeit.



 

Personen Szenen
 
Zweiter Akt

Zweite Szene


Die Vorigen. Ein alter Kammerdiener des Fürsten, der ein Schmuckkästchen trägt, kommt herein.

KAMMERDIENER : Seine Durchlaucht der Herzog empfehlen sich Mylady zu Gnaden und schickt Ihnen diese Brillanten zur Hochzeit. Sie kommen soeben erst aus Venedig.

LADY hat das Kästchen geöffnet und fährt erschrocken zurück : Mensch! Was bezahlt der Herzog für diese Steine?

KAMMERDIENER mit finsterem Gesicht : Sie kosten ihn keinen Heller.

LADY : Was? Bist du rasend? Nichts? (indem sie einen Schritt von ihm wegtritt) Und du wirfst mir ja einen Blick zu, als wenn du mich durchbohren wolltest. Nichts kosten ihn diese unermesslich kostbaren Steine?

KAMMERDIENER : Gestern sind siebentausend Landeskinder nach Amerika fort, die zahlen alles.

LADY setzt den Schmuck plötzlich nieder und geht rasch durch den Saal, nach einer Pause zum Kammerdiener : Mann, was ist mit dir? Ich glaube, du weinst?

KAMMERDIENER wischt sich die Augen, mit schrecklicher Stimme, alle Glieder zitternd : Edelsteine wie diese da ... ich hab' auch ein paar Söhne darunter.

LADY wendet sich bebend ab, dann seine Hand fassend : Doch keinen gezwungenen?

KAMMERDIENER lacht fürchterlich, höhnisch : Oh Gott, nein, lauter Freiwillige. Es traten wohl etliche vorlaute Burschen vor die Front und fragten den Oberst, wie teuer der Fürst das Joch Menschen verkaufe? Aber unser gnädigster Landesherr ließ sein Regiment auf dem Paradeplatz aufmarschieren und die Maulaffen niederschießen. Wir hörten die Büchsen knallen, sahen ihr Gehirn auf das Pflaster spritzen, und die ganze Armee schrie: Juchhe nach Amerika!

LADY fällt mit Entsetzen in den Sofa : Gott! Gott! Und ich hörte nichts? Und ich merkte nichts?

KAMMERDIENER : Ja, gnädige Frau, warum mussten Sie denn mit unserm Herrn grade auf die Bärenhatz reiten, als man den Lärm zum Aufbruch schlug? Die Herrlichkeit hätten Sie doch nicht versäumen sollen, wie uns die gellenden Trommeln verkündigten, es ist Zeit, und heulende Waisen dort einen lebendigen Vater verfolgten, und hier eine wütende Mutter lief, ihr säugendes Kind an Bajonette zu spießen, und wie man Bräutigam und Braut mit Säbelhieben auseinanderriss, und wir Graubärte verzweiflungsvoll dastanden und den Burschen auch zuletzt die Krücken noch nachwarfen in die neue Welt. Oh, und mitunter der ohrenbetäubende Trommelwirbel, damit der Allwissende uns nicht sollte beten hören.

LADY steht auf, innerlich heftig bewegt : Weg mir diesen Steinen, sie blitzen Höllenflammen in mein Herz. (sanfter zum Kammerdiener) Beruhige dich, armer alter Mann, sie werden wiederkommen, sie werden ihr Vaterland wiedersehen.

KAMMERDIENER warmherzig und überzeugt : Das weiß der Himmel! Das werden sie! Noch am Stadttor drehten sie sich um und riefen: "Gott mit euch, Weib und Kinder! Es lebe unser Landesvater, am Jüngsten Gericht sind wir wieder da!"

LADY mit starkem Schritt auf und ab gehend : Abscheulich! Fürchterlich! Mich beredete man, ich hätte sie alle getrocknet, die Tränen des Landes. Schrecklich, schrecklich gehen mir die Augen auf. Geh du, sag' deinem Herrn, ich werde ihm persönlich danken. (Kammerdiener will gehen, sie legt ihm ihre Goldbörse in den Hut) Und das nimm, weil du mir Wahrheit sagtest.

KAMMERDIENER wirft sie verächtlich auf den Tisch zurück : Legen Sie's zu dem übrigen, Mylady. (Er geht.)

LADY sieht ihm erstaunt nach : Sophie, spring ihm nach, frag' ihn nach seinem Namen. Er soll seine Söhne wiederhaben. (Sophie geht. Lady nachdenkend auf und ab. Pause. Zu Sophie, die wiederkommt) Ging nicht jüngst ein Gerüchte, daß das Feuer eine Stadt an der Grenze verwüstet und fast vierhundert Familien an den Bettelstab gebracht habe? (Sie klingelt.)

SOPHIE : Wie kommen Sie darauf? Allerdings ist es so, und die meisten dieser Unglücklichen dienen jetzt ihren Gläubigern als Sklaven oder verderben in den Stollen der fürstlichen Silberbergwerke.

BEDIENTER kommt : Was befehlen Mylady?

LADY gibt ihm den Schmuck : Daß das ohne Verzug zu Geld gemacht werde, befehl ich, und der Gewinn daraus unter die Familien verteilt wird, die der Brand ruiniert hat.

SOPHIE : Mylady, bedenken Sie, daß Sie die höchste Ungnade riskieren.

LADY sehr selbstbewusst : Soll ich den Fluch seines Landes um meinen Hals tragen? (Sie winkt dem Bedienten, dieser geht.) Oder willst du, daß ich unter der schrecklichen Last solcher Tränen zu Boden sinke? Geh, Sophie, es ist besser, falsche Juwelen im Haar, und das Bewußtsein einer rechten Tat im Herzen zu haben.

SOPHIE : Aber Juwelen wie diese! Hätten Sie nicht Ihre schlechteren geben können? Nein, wahrlich, Mylady! Es ist Ihnen nicht zu vergeben.

LADY : Närrisches Mädchen! Dafür werden in einem Augenblick mehr Brillanten und Perlen für mich fallen, als zehn Königinnen in ihren Kronen getragen, und schönere.

BEDIENTER kommt zurück : Major von Walter.

SOPHIE springt auf die Lady zu : Gott! Sie erblassen!

LADY : Der erste Mann, der mir Schrecken macht. Sophie, ich bin unpässlich. Halt, Eduard, ist er gutgelaunt? Lacht er? Was sagt er? Oh Sophie! Nicht wahr, ich sehe fürchterlich aus?

SOPHIE : Ich bitte Sie, Lady

BEDIENTER : Befehlen Sie, daß ich ihn abweise?

LADY stotternd : Er soll mir willkommen sein. (Der Bediente geht.) Sprich, Sophie, was sag' ich ihm? Wie empfang' ich ihn? Ich werde verstummen sein, und er wird sich über mich lustig machen, er wird, oh was ahne ich. Du verlässt mich, Sophie? Bleib! Oder nein! Geh! So bleib' doch! (Der Major kommt durch das Vorzimmer herein.)

SOPHIE : Fassen Sie sich. Er ist schon da.



 

Personen Szenen
 
Zweiter Akt

Dritte Szene


Die Vorigen. Ferdinand von Walter kommt hinzu.

FERDINAND mit einer kurzen Verbeugung : Wenn ich Sie worin unterbreche, gnädige Frau?

LADY mit spürbarer Aufregung : In nichts, Herr Major, das mir wichtig wäre.

FERDINAND : Ich komme auf Befehl meines Vaters.

LADY : Ich bin seine Schuldnerin.

FERDINAND : Und soll Ihnen melden, daß wir heiraten. Soweit der Auftrag meines Vaters.

LADY blass und zitternd : Nicht ihres eigenen Herzens?

FERDINAND : Minister und Kuppler pflegen sich danach nicht zu erkundigen.

LADY mit Angst, daß ihr die Stimme versagt : Und Sie selbst hätten sonst nichts hinzu zu setzen?

FERDINAND mit einem Blick auf Sophie : Noch sehr viel, Mylady.

LADY gibt Sophie einen Wink, diese entfernt sich : Darf ich Ihnen einen Platz anbieten?

FERDINAND : Ich werde mich kurz fassen, Mylady.

LADY : Nun?

FERDINAND : Ich bin ein Mann von Ehre.

LADY : Den ich zu schätzen weiß.

FERDINAND : Ein Kavalier.

LADY : Kaum ein besserer im Herzogtum.

FERDINAND : Und Offizier.

LADY schmeichelhaft : Sie berühren hier Vorzüge, die auch andere haben. Warum verschweigen Sie größere, worin sie einzig sind?

FERDINAND frostig : Hier brauch' ich sie nicht.

LADY mit sich immer steigernder Angst : Aber für was muss ich diese Einleitung nehmen?

FERDINAND langsam und mit Nachdruck : Für den Einspruch der Ehre, falls Sie Lust haben sollten, meine Hand zu erzwingen.

LADY auffahrend : Was ist das, Herr Major?

FERDINAND gelassen : Die Sprache meines Herzens, meines Wappens - und dieses Degens.

LADY : Den Degen gab Ihnen der Fürst.

FERDINAND : Ihn gab mir der Staat, durch die Hand des Fürsten. Mein Herz Gott. Mein Wappen ein halbes Jahrtausend.

LADY : Der Name des Herzogs.

FERDINAND hitzig : Kann der Herzog Gesetze der Menschheit verdrehen oder Handlungen münzen wie seine Groschen? Er ist nicht über die Ehre erhaben, aber er kann ihren Glanz mit seinem Golde überblenden. Er kann den Hermelin über seine Schande werfen. Ersparen Sie mir mehr, Mylady. Kein Wort von weggeworfener Karriere und beschämter Familie, oder von diesem stolzen Degen, oder überhaupt von der Meinung der Welt. Ich bin bereit, dies alles mit Füßen zu treten, sobald Sie mich nur überzeugt haben werden, daß der Preis nicht noch schlimmer ist als das Opfer.

LADY schmerzhaft von ihm weg gehend : Herr Major! Das hab ich nicht verdient.

FERDINAND ergreift ihre Hand : Vergeben Sie. Wir reden hier ohne Zeugen. Der Umstand, der Sie und mich heute und nie mehr zusammenführt, berechtigt mich, zwingt mich, Ihnen mein geheimstes Gefühl nicht zurückzuhalten. Es will mir nicht in den Kopf, Mylady, daß eine Dame von so viel Schönheit und Geist, Eigenschaften, die ein Mann schätzen würde, sich an einen Fürsten sollte wegwerfen können, der nur das Geschlecht an ihr zu bewundern gelernt hat, und sich diese Dame nicht schämte, vor einen Mann mit ihrem Herzen zu treten.

LADY schaut ihm groß ins Gesicht : Reden Sie ganz aus.

FERDINAND : Sie nennen sich eine Britin. Erlauben Sie mir, ich kann es nicht glauben, daß Sie eine Britin sein sollen. Die freigeborene Tochter des freiesten Volkes unter dem Himmel, das zu stolz ist, fremder Tugend zu schmeicheln, das sich ebensowenig an fremdes Laster hängen kann. Es ist unmöglich, daß Sie eine Britin sind, es sei denn das Herz dieser Britin müsste umso kleiner sein, desto größer und kühner Britanniens Puls schlägt.

LADY : Sind Sie zu Ende?

FERDINAND : Man könnte einwenden, es sei weibliche Eitelkeit, Leidenschaft, Temperament, der Hang zum Vergnügen. Schon öfters überlebte Tugend die Ehre. Schon manche Frau, die der Welt schändlich gegenübertrat, hat sie nachher durch edle Handlungen mit sich ausgesöhnt und hässliches Handwerk durch einen schönen Gebrauch geadelt. Aber warum denn jetzt diese ungeheure Nötigung des Landes, die vorher nie so schlimm gewesen? Das war im Namen des Herzogtums. Ich bin zu Ende.

LADY mit Sanftmut und Hoheit : Es ist das erstemal, Walter, daß jemand wagt, so mit mir zu reden, und Sie sind der einzige Mensch, dem ich darauf antworte. daß Sie meine Hand verwerfen, gerade darum schätze ich Sie. daß Sie mein Herz lästern, vergebe ich Ihnen. daß es Ihr Ernst ist, glaube ich Ihnen nicht. Wer sich herausnimmt, Beleidigungen dieser Art einer Dame zu sagen, die nicht mehr als eine Nacht braucht, ihn völlig zu zerschmettern, muss dieser Dame eine große Seele zutrauen oder - von Sinnen sein. daß Sie mir den Ruin des Landes in die Schuhe schieben, vergebe Ihnen Gott der Allmächtige, der Sie und mich und den Fürsten einst gegeneinanderstellt hat. Aber Sie haben die Engländerin in mir herausgefordert und auf Vorwürfe dieser Art muss ich im Namen meines Vaterlandes entgegnen.

FERDINAND auf seinen Degen gestützt : Ich bin begierig darauf.

LADY : Hören Sie also, was ich außer Ihnen noch niemand anvertraute, noch jemals einem Menschen anvertrauen will. Ich bin nicht die Abenteurerin, Walter, für die Sie mich halten. Ich könnte großtun und sagen: Ich bin fürstlichen Geblüts, aus des unglücklichen Thomas Norfolks Geschlecht, der für die schottische Maria ein Opfer wurde. Mein Vater, des Königs oberster Kämmerer, wurde bezichtigt, ein Verräter im Bunde mit Frankreich zu sein, durch ein Urteil der Parlamente wurde er verdammt und enthauptet. Alle unsre Güter fielen der Krone zu. Wir selbst wurden des Landes verwiesen. Meine Mutter starb am Tage seiner Hinrichtung. Ich, ein vierzehnjähriges Mädchen, floh nach Deutschland mit meinen Kindermädchen, einem Kästchen voll Juwelen und diesem Familienkreuz, das mir meine sterbende Mutter mit ihrem letzten Segen um den Hals legte.

Ferdinand wird nachdenklich und schaut die Lady mit einem wärmeren Blick an.

LADY fährt fort mit immer stärkerer Rührung : Krank, ohne Namen, ohne Schutz und Vermögen, als eine ausländische Waise kam ich nach Hamburg. Ich hatte nichts gelernt als das bisschen Französisch, ein wenig Häkeln und Klavierspielen; desto besser verstand ich mich darauf, von Gold und Silber zu speisen, unter damastenen Decken zu schlafen, mit einem Wink zehn Dienern Beine zu machen und die Schmeicheleien großer Männer entgegenzunehmen. Sechs Jahre waren so schon hingeweint. Die letzte Schmucknadel flog dahin, meine Wärterin starb, und jetzt führte mein Schicksal diesen Herzog nach Hamburg. Ich spazierte damals an den Ufern der Elbe, sah in den Strom und fing eben an, darüber zu grübeln, ob dieses Wasser oder mein Leiden tiefer wäre? Der Herzog sah mich, verfolgte mich, fand heraus, wo ich wohne, warf sich mir zu Füßen und schwor, daß er mich liebe. (Sie macht unter heftiger Wallung eine Pause, dann fährt sie mit bebender Stimme fort.) Während die Zukunft schwarz wie ein offenes Grab vor mir lag, erwachten alle Bilder meiner glücklichen Kindheit jetzt mit verführerischem Schimmer wieder. Mein Herz brannte nach einem anderen Herzen, ich sank an seines. (Sie wendet sich jäh ab.) Und jetzt verdammen Sie mich!

FERDINAND innerlich sehr bewegt, eilt ihr nach und hält sie zurück : Lady! Oh Himmel! Was hör' ich! Was tat ich? Wie schrecklich fallen meine harten Worte auf mich zurück. Sie können mir nicht vergeben.

LADY hat sich wieder gefasst : Hören Sie weiter. Der Fürst überrumpelte zwar meine wehrlose Jugend, aber das Blut der Norfolk empörte sich in mir: Du, eine geborene Fürstin, Johanna, rief es, und jetzt eines Fürsten schamlose Geliebte? Stolz und Schicksal kämpften in meiner Brust, als der Fürst mich hier an den Hof brachte und auf einmal die schaudervollste Szene vor meinen Augen stand. Die Wollust der Großen dieser Welt ist eine nimmersatte Hyäne, die sich mit Heißhunger immer neue Opfer sucht. Fürchterlich hatte sie schon in diesem Lande gewütet, hatte Braut und Bräutigam zertrennt, hatte selbst der Ehen göttliches Band zerrissen. Hier das stille Glück einer Familie geschleift, dort ein junges, unerfahrenes Herz der verheerenden Pest aufgeschlossen, und sterbende Schülerinnen schäumten den Namen ihres Lehrers unter Flüchen und Zuckungen aus dem Munde hervor. Ich stellte mich zwischen das Lamm und den Tiger; nahm ihm einen fürstlichen Eid in einer Stunde der Leidenschaft ab, und dachte nur eines: diese abscheuliche Opferung muss aufhören.

FERDINAND läuft in der heftigsten Unruhe durch den Saal : Nichts mehr, Mylady! Nicht weiter!

LADY : Diese traurige Zeit hat einer noch traurigeren Platz gemacht. Hof und Damenwelt wimmelten jetzt von Italiens Schmarotzern. Flatterhafte Pariserinnen tändelten mit dem mächtigen Zepter, und das Volk blutete unter ihren Launen. Sie alle erlebten ihren letzten Tag. Ich sah sie neben mir in den Staub sinken, denn ich hatte von allem mehr als sie. Ich nahm dem Tyrannen die despotischen Zügel weg, als er wollüstig in meiner Umarmung versank. Ihr Vaterland, Walter, fühlte zum erstenmal eine menschliche Hand und näherte sich vertrauensvoll meinem Herzen. (Pause, in der sie ihn sehnsüchtig ansieht.) Oh daß der Mann, von dem allein ich nicht verkannt sein möchte, mich jetzt zwingen muss, groß zu prahlen und meine stille Tugend am Licht der Bewunderung zu versengen! Walter, ich habe Kerkertüren geöffnet, habe Todesurteile zerrissen und manche entsetzliche Ewigkeit auf Galeeren verkürzt. In unheilbare Wunden hab' ich doch wenigstens lindernden Balsam gegossen, mächtige Frevler in den Staub geschleudert und die verlorene Sache der Unschuld oft noch mit einer buhlerischen Träne gerettet. Ach, Jüngling! Wie süß war mir das! Wie stolz konnte mein Herz jeden Zweifel an meiner fürstlichen Geburt widerlegen! Und jetzt kommt der Mann, der allein mir das alles belohnen sollte, der Mann, den mein erschöpftes Schicksal vielleicht zum Gegenwert meiner vorigen Leiden schuf, der Mann, den ich mit brennender Sehnsucht im Traum schon umfasste ...

FERDINAND fällt ihr ins Wort, durch und durch erschüttert : Zuviel! Zuviel! Das ist ohne alle Rücksicht. Lady, Sie sollten sich von Anklagen reinigen, und nun machen Sie mich zu einem verleumderischen Halunken. Ich beschwöre Sie, schonen Sie mein Herz, das Beschämung und Reue zu zerreißen drohen.

LADY hält seine Hand fest : Jetzt oder nimmermehr. Lange genug hielt die Heldin stand. Das Gewicht dieser Tränen musst du noch fühlen. (im zärtlichsten Ton) Höre, Walter, wenn eine Unglückliche unwiderstehlich, allmächtig zu dir hingezogen, sich an dich presst mit einem Busen voll glühender, unerschöpflicher Liebe, Walter, und du jetzt noch das kalte Wort "Ehre" aussprichst; wenn diese Unglückliche, niedergedrückt vom Gefühl ihrer Schande, des Lasters überdrüssig, heldenmäßig emporgehoben vom Ruf der Tugend, sich so in deine Arme wirft (Sie umfasst ihn. beschwörend und feierlich), durch dich gerettet, durch dich dem Himmel wieder geschenkt sein will, oder aber (das Gesicht von ihm abgewandt, mit hohler, bebender Stimme) deiner Gegenwart entfliehend, dem fürchterlichen Ruf der Verzweiflung gehorchend, in noch abscheulichere Tiefen des Lasters wieder hinuntertaumelt ...

FERDINAND sich von ihr losreißend, in der schrecklichsten Bedrängnis : Nein, beim großen Gott! Ich kann das nicht aushalten. Lady, ich muss, Himmel und Erde liegen auf mir, ich muss Ihnen ein Geständnis machen, Lady.

LADY von ihm weg : Jetzt nicht! Jetzt nicht, bei allem, was heilig ist. In diesem entsetzlichen Augenblick nicht, wo mein zerrissenes Herz an tausend Dolchstichen verblutet. Sei's Tod oder Leben, ich darf es nicht, ich will es nicht hören.

FERDINAND : Doch, doch, beste Lady. Sie müssen. Was ich Ihnen jetzt sagen werde, wird meine Strafbarkeit mindern und eine warme Abbitte des Geschehenen sein. Ich habe mich in Ihnen getäuscht, Mylady. Ich erwartete, ich wünschte, Sie meiner Verachtung würdig zu finden. Fest entschlossen, Sie zu beleidigen und Ihren Haß zu empfangen, kam ich her. Glücklich wir beide, wenn mein Vorsatz gelungen wäre! (Er schweigt eine Weile. dann leiser und schüchterner) Ich liebe, Mylady, liebe ein bürgerliches Mädchen, Luise Miller, eines Musikus Tochter. (Die Lady wendet sich bleich von ihm weg, er fährt lebhafter fort.) Ich weiß, worein ich mich stürze, aber wenn auch Klugheit die Leidenschaft schweigen heißt, so redet die Pflicht desto lauter. Ich bin der Schuldige. Ich zuerst zerriss ihrer Unschuld goldenen Frieden, wiegte ihr Herz in vermessenen Hoffnungen und gab es verräterisch der wilden Leidenschaft preis. Sie werden mich an Stand, an Geburt, an die Grundsätze meines Vaters erinnern, aber ich liebe! Meine Hoffnung steigt um so höher, je tiefer die Natur in Vorschriften versinkt. Mein Entschluss oder das Vorurteil! Wir wollen sehen, ob die Mode oder die Menschheit auf dem Platz bleiben wird. (Die Lady hat sich unterdessen bis an das äußerste Ende des Zimmers zurückgezogen und hält das Gesicht mit beiden Händen bedeckt. Er folgt ihr dahin.) Sie wollten mir noch etwas sagen, Mylady?

LADY im Ausdruck des heftigsten Leidens : Nichts, Herr von Walter! Nichts, als daß Sie sich und mich und noch eine Dritte zugrunde richten.

FERDINAND : Noch eine Dritte?

LADY : Wir können miteinander nicht glücklich werden. Wir müssen doch der Voreiligkeit Ihres Vaters zum Opfer werden. Nimmermehr werde ich das Herz eines Mannes haben, der mir seine Hand nur gezwungen gab.

FERDINAND : Gezwungen, Lady? Gezwungen gab? Und also doch gab? Können Sie eine Hand ohne Herz erzwingen? Einem Mädchen den Mann entwenden, der die ganze Welt dieses Mädchens ist? Einen Mann von dem Mädchen reißen, das die ganze Welt dieses Mannes ist? Sie, Mylady, vor einem Augenblick noch die bewundernswürdige Britin? Sie können das?

LADY : Weil ich es muss. (mit Ernst und Stärke) Meine Leidenschaft, Walter, weicht meiner Zärtlichkeit für Sie. Meine Ehre kann das nicht mehr. Unsre Verbindung ist das Gespräch des ganzen Landes. Alle Augen, alle Pfeile des Spotts sind auf mich gerichtet. Die Beschimpfung wäre unauslöschlich, wenn ein Untertan des Fürsten mich ausschlägt. Setzen Sie sich mit Ihrem Vater auseinander. Wehren Sie sich, so gut Sie können. Ich setze alle Hebel in Bewegung. (Sie geht schnell ab. Ferdinand bleibt in sprachloser Erstarrung stehen. Pause. Dann stürzt er fort durch die Flügeltür.)



 

Personen Szenen
 
Zweiter Akt

Vierte Szene


Zimmer beim Musikanten. Miller, Frau Miller und Luise treten auf.

MILLER kommt hastig ins Zimmer : Ich hab's ja vorhergesagt!

LUISE tritt ängstlich an ihn heran : Was, Vater, was?

MILLER rennt wie toll hin und her : Meinen Staatsrock her, hurtig ich muss ihm zuvorkommen. Und ein weißes Manschettenhemd! Das hab' ich mir gleich gedacht!

LUISE : Um Gottes willen! Was?

FRAU MILLER : Was gibt's denn? Was ist denn?

MILLER wirft seine Perücke ins Zimmer : Nur gleich zum Friseur damit! Was es gibt? (Er springt vor den Spiegel.) Und mein Bart ist auch wieder fingerlang. Was es gibt? Was wird's geben, du Rabenaas? Der Teufel ist los, und dich soll das Wetter schlagen.

FRAU MILLER : Da sehe man! Über mich muss gleich alles kommen.

MILLER : Über dich! Ja, blaues Donnermaul, über wen anders? Heute früh mit deinem diabolischen Junker, hab ich's nicht sofort gesagt? Der Wurm hat geplaudert.

FRAU MILLER : Ach was! Wie kannst du das wissen?

MILLER : Wie kann ich das wissen? Da, unter der Haustüre spukt ein Kerl des Ministers und fragt nach dem Geiger.

LUISE : Ich bin des Todes.

MILLER : Du aber auch mit deinen Vergissmeinnichts-Augen! (Er lacht boshaft.) Das hat seine Richtigkeit, wem der Teufel ein Ei in die Wirtschaft gelegt hat, dem wird eine hübsche Tochter geboren. Jetzt hab ich's blank!

FRAU MILLER : Woher weißt du denn, daß es der Luise gilt? Du kannst dem Herzog empfohlen worden sein. Er kann dich ins Orchester verlangen.

MILLER springt nach seinem Rohrstock : Daß dich der Schwefelregen von Sodom! Orchester! Ja, wo du Kupplerin den Diskant wirst heulen, und mein blauer Hintern den Kontrabass vorstellt. (Er wirft sich in seinen Sessel.) Gott im Himmel!

LUISE setzt sich totenbleich nieder : Mutter! Vater! Warum wird mir auf einmal so bange?

MILLER springt wieder auf : Aber soll mir der Tintenkleckser einmal in den Schuss laufen! Soll er mir kommen! Es sei in dieser oder in jener Welt. Wenn ich ihm dann nicht Leib und Seele breiweich zusammendresche, alle zehn Gebote und alle sieben Bitten vom Vaterunser und alle Bücher Mosis und der Propheten aufs Leder schreibe, daß man die blauen Flecken bei der Auferstehung der Toten noch sehen soll.

FRAU MILLER : Ja! fluch du und polter nur! Das wird jetzt den Teufel bannen. Hilf, heiliger Herrgott! Wo ist ein Ausweg? Wie werden wir Rat schaffen? Was nun anfangen? Vater Miller? So rede doch! (Sie läuft heulend durchs Zimmer.)

MILLER : Auf der Stelle zum Minister will ich. Ich muss zuerst mein Maul auftun. Ich selbst will es anzeigen. Du hast es vor mir gewusst. Du hättest mir einen Wink geben können. Das Mädel hätte sich noch weisen lassen. Es wäre noch Zeit gewesen, aber nein! Da hat sich was makeln lassen; da hat sich was fischen lassen! Da hast du noch Holz dazugelegt! Jetzt sorg' auch für deinen Kuppelpelz. Friss aus, was du eingebrockt hast. Ich nehme meine Tochter in den Arm und marschier mit ihr über die Grenze.



 

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Zweiter Akt

Fünfte Szene


Die Vorigen. Ferdinand von Walter stürzt erschrocken und außer Atem ins Zimmer.

FERDINAND : War mein Vater da?

LUISE fährt mit Schrecken auf : Dein Vater! Allmächtiger Gott!

FRAU MILLER schlägt die Hände zusammen : Der Präsident! Es ist aus mit uns!

MILLER lacht voll Bosheit : Gottlob! Gottlob! Da haben wir die Bescherung!

FERDINAND eilt auf Luise zu und drückt sie an sich : Mein bist du, und wenn Hölle und Himmel sich zwischen uns werfen.

LUISE : Mein Tod ist gewiss. Rede weiter, du sprachst einen schrecklichen Namen aus, dein Vater?

FERDINAND : Nichts. Nichts. Es ist überstanden. Ich hab' dich ja wieder. Du hast mich ja wieder. Oh lass mich Atem schöpfen an dieser Brust. Es war eine schreckliche Stunde.

LUISE : Welche? Du tötest mich noch mit deinen Andeutungen!

FERDINAND tritt zurück und schaut sie an : Eine Stunde, Luise, wo zwischen mein Herz und dich eine fremde Gestalt sich zängte, wo meine Liebe vor meinem Gewissen erblasste, wo meine Luise aufhörte, ihrem Ferdinand alles zu sein.

Luise sinkt mit verhülltem Gesicht auf den Sessel nieder.

FERDINAND geht schnell auf sie zu, bleibt sprachlos mit starrem Blick vor ihr stehen, dann verlässt er sie plötzlich, in großer Bewegung : Nein! Nimmermehr! Unmöglich, Lady Milford! Zuviel verlangt! Ich kann Ihnen diese Unschuld nicht opfern. Nein, beim unendlichen Gott! Ich kann meinen Eid nicht verletzen, der mich laut wie des Himmels Donner aus diesen weinenden Augen mahnt. Lady, blicken Sie hierher, hierher schau, du Rabenvater! Ich soll diesen Engel quälen? Die Hölle soll ich in diesen himmlischen Busen schütten? (entschlossen auf sie zueilend) Ich will sie führen vor des Weltrichters Thron, und ob meine Liebe Verbrechen ist, soll der Ewige sagen. (Er fasst sie bei der Hand und hebt sie vom Sessel.) Fasse Mut, meine Teuerste! Du hast gewonnen. Als Sieger komme ich aus dem gefährlichsten Kampf zurück.

LUISE : Nein! Nein! Verhehle mir nichts! Sprich es aus, das entsetzliche Urteil. Deinen Vater nanntest du? Du nanntest die Lady? Schauer des Todes ergreifen mich; man sagt, sie wird heiraten.

FERDINAND stürzt wie betäubt zu Luises Füßen nieder : Mich, Unglückliche!

LUISE nach einer Pause, mit stillem, bebendem Ton und schrecklicher Ruhe : Nun, was erschrecke ich denn? Mein alter Herr dort hat mir's ja oft gesagt, ich habe es ihm nie glauben wollen. (Pause. Dann wirft sie sich dem Vater laut weinend in die Arme) Vater, hier ist deine Tochter wieder, Verzeihung, Vater, dein Kind kann ja nichts dafür, daß dieser Traum so schön war, und so fürchterlich jetzt das Erwachen ist.

MILLER : Luise! Luise! Oh Gott, sie ist außer sich. Meine Tochter, mein armes Kind. Fluch über den Verführer! Fluch über das Weib, das ihn verkuppelte!

FRAU MILLER wirft sich jammernd auf Luise : Verdien' ich diesen Fluch, meine Tochter? Vergelt's Ihnen Gott, Herr von Walter, was hat dieses Lamm getan, daß Sie es würgen?

FERDINAND richtet sich auf, voll Entschlossenheit : Aber ich will seine Kabalen durchbohren, durchreißen will ich alle diese eisernen Ketten des Vorurteils. Frei wie ein Mann will ich entscheiden, daß diese Insektenseelen am Riesenwerk meiner Liebe scheitern. (Er will fort.)

LUISE steht zitternd vom Sessel auf und folgt ihm : Bleib! Bleib! Wohin willst du? Vater, Mutter! In dieser bangen Stunde verlässt er uns?

FRAU MILLER eilt ihm nach, hängt sich an ihn : Der Präsident wird hierherkommen. Er wird unser Kind misshandeln, er wird uns misshandeln Herr von Walter, und Sie verlassen uns?

MILLER lacht wütend : Verlässt uns! Freilich! Warum nicht? Sie gab ihm ja alles hin! (mit der einen Hand den Major, mit der anderen Luise fassend) Geduld, Herr! Der Weg aus meinem Hause geht nur über diese da. Erwarte erst deinen Vater, wenn du kein Schurke bist. Erzähl es ihm, wie du dich in ihr Herz geschlichen hast, Betrüger, oder bei Gott, (ihm seine Tochter entgegenstoßend, wild und heftig) du sollst mir vorher diesen wimmernden Vogel zertreten, den Liebe zu dir so zuschanden richtete.

FERDINAND kommt zurück und geht grübelnd auf und ab : Die Gewalt des Präsidenten ist groß. Vaterrecht ist ein weites Wort. Der Frevel selbst kann sich in seinen Falten verstecken, er kann es weit damit treiben, weit! Doch bis zum Äußersten schafft's nur die Liebe. Hier, Luise! Deine Hand in die meinige (Er fasst ihre heftig.) So wahr mich Gott im letzten Hauch nicht verlassen soll! Der Augenblick, der diese beiden Hände trennt, zerreißt auch den Faden zwischen mir und der Schöpfung.

LUISE : Mir wird bange! Schau mich nicht so an! Deine Lippen beben. Deine Augen starren fürchterlich.

FERDINAND : Nein, Luise. Zitt're nicht. Es ist nicht Wahnsinn, was aus mir redet. Es ist das köstliche Geschenk des Himmels, Entschluss im gültigen Augenblick, wo die gepresste Brust nur durch etwas Unerhörtes sich Luft macht: Ich liebe dich, Luise, du sollst mir bleiben, Luise. Und jetzt zu meinem Vater! (Er eilt schnell fort und rennt - gegen den Präsidenten.)



 

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Zweiter Akt

Sechste Szene


Die Vorigen. Der Präsident mit einem Gefolge von Bedienten tritt ein.

PRÄSIDENT im Hereintreten : Da ist er schon.

Alle sind erschrocken.

FERDINAND weicht einige Schritte zurück : Im Haus der Unschuld.

PRÄSIDENT : Wo der Sohn Gehorsam gegen den Vater lernt?

FERDINAND : Lass' uns das ...

PRÄSIDENT unterbricht ihn, zu Miller : Sie sind der Vater?

MILLER : Stadtmusikant Miller.

PRÄSIDENT zur Frau : Sie die Mutter?

FRAU MILLER : Ach ja! die Mutter.

FERDINAND zu Miller : Vater, bringen Sie die Tochter weg, ihr droht eine Ohnmacht.

PRÄSIDENT : Überflüssige Sorgfalt, ich werde sie schon munter machen. (zu Luise) Wie lang kennst du den Sohn des Präsidenten?

LUISE : Darüber habe ich nie nachgedacht. Ferdinand von Walter besucht mich seit dem November.

FERDINAND : Betet sie an.

PRÄSIDENT : Erhieltest du irgendwelche Zusagen?

FERDINAND : Vor wenigen Augenblicken die feierlichste im Angesicht Gottes.

PRÄSIDENT zornig zu seinem Sohn : Zur Beichte deiner Torheit wird man dir schon das Zeichen geben. (zu Luise) Ich warte auf Antwort.

LUISE : Er schwur mir Liebe.

FERDINAND : Und wird sie halten.

PRÄSIDENT : Muss ich befehlen, daß du schweigst? (zu Luise) Nahmst du den Schwur an?

LUISE zärtlich : Ich erwiderte ihn.

FERDINAND mit fester Stimme : Der Bund ist geschlossen.

PRÄSIDENT : Ich werde das Echo hinauswerfen lassen. (boshaft zu Luise) Aber er bezahlte dich doch jederzeit bar?

LUISE aufmerksam : Diese Frage verstehe ich nicht ganz.

PRÄSIDENT mit beißendem Lachen : Nicht? Nun, ich meine nur, jedes Handwerk hat, wie man sagt, seinen goldenen Boden. Auch du, hoffe ich, wirst deine Gunst nicht verschenkt haben, oder war dir's vielleicht mit dem bloßen Verschluss gedient? Wie?

FERDINAND fährt wie rasend auf : Hölle! was soll das?

LUISE zu Ferdinand mit Würde und Unwillen : Herr von Walter, jetzt sind Sie frei.

FERDINAND : Vater! Ehrfurcht befiehlt die Tugend auch im Bettlerkleid.

PRÄSIDENT lacht lauter : Eine lustige Zumutung! Der Vater soll die Hure des Sohns respektieren.

LUISE stürzt nieder : Oh Himmel und Erde!

FERDINAND mit Luise zu gleicher Zeit, indem er den Degen nach dem Präsidenten zückt, den er aber schnell wieder sinken lässt : Vater! Sie hatten einmal ein Leben an mich zu fordern. Es ist bezahlt. (den Degen einsteckend) Der Schuldbrief der kindlichen Pflicht liegt zerrissen da.

MILLER der bis jetzt furchtsam auf der Seite gestanden, tritt hervor in Bewegung, abwechselnd vor Wut mit den Zähnen knirschend und vor Angst damit klappernd : Euer Exzellenz, das Kind ist des Vaters Arbeit, steh' Ihnen zu Diensten. Wer das Kind eine Mähre schimpft, schlägt den Vater aufs Ohr, und Ohrfeige um Ohrfeige, das ist so Gesetz bei uns, steh' Ihnen zu Diensten.

FRAU MILLER : Hilf, Herr und Heiland! Jetzt bricht auch der Alte los. Über unserm Kopf wird das Wetter zusammenschlagen.

PRÄSIDENT der es nur halb gehört hat : Regt sich der Kuppler auch? Wir sprechen uns gleich.

MILLER : Steh' Ihnen zu Diensten. Ich heiße Miller, wenn Sie ein Adagio hören wollen, bitte. Mit Buhlschaften handel ich nicht. Solang der Hof da noch Vorrat hat, kommt die Lieferung nicht an uns Bürgersleut. Steh' Ihnen zu Diensten.

FRAU MILLER : Um Himmelswillen, Mann! Du bringst Weib und Kind um.

FERDINAND : Sie spielen hier eine Rolle, mein Vater, wobei Sie sich wenigstens die Zeugen hätten ersparen können.

MILLER kommt ihm näher, herzhafter : Deutsch und verständlich. Steh' Ihnen zu Diensten. Euer Exzellenz schalten und walten im Land. Aber das ist meine Stube. Mein ergebenstes Kompliment, wenn ich dermaleins ein Promemoria bringe, aber den ungehobelten Gast werf' ich zur Tür hinaus, steh' Ihnen zu Diensten.

PRÄSIDENT vor Wut blass : Was? Was ist das? (Er tritt ihm näher.)

MILLER zieht sich sachte zurück : Das war nur so meine Meinung, Herr. Steh' Ihnen zu Diensten.

PRÄSIDENT zornentflammt : Ha, Spitzbube! Ins Zuchthaus bringt dich deine freche Meinung. Fort! Man soll Gerichtsdiener holen. (Einige vom Gefolge gehen ab. Der Präsident rennt voll Wut durch das Zimmer.) Vater ins Zuchthaus, an den Pranger die Mutter und Metze von Tochter! Die Gerechtigkeit soll meiner Wut ihre Arme borgen. Für diese Beschimpfung muss ich schreckliche Genugtuung haben. Ein solches Gesindel sollte meine Pläne zerschlagen und ungestraft Vater und Sohn aneinander hetzen? Ha, Verfluchte! Ich will meinen Hass an eurem Untergang sättigen, die ganze Brut, Vater, Mutter und Tochter, will ich meiner brennenden Rache opfern.

FERDINAND tritt gelassen und standhaft zu den Millers hin : Oh nicht doch! Seid ohne Furcht! Ich bin bei euch. (zum Präsidenten mit Unterwürfigkeit) Keine Übereilung, mein Vater! Wenn Sie sich selbst lieben, keine Gewalttätigkeit. Es gibt eine Gegend in meinem Herzen, worin das Wort Vater noch nie gehört worden ist, dringen Sie nicht bis dahin vor.

PRÄSIDENT : Nichtswürdiger! Schweig! Reize meinen Grimm nicht noch mehr.

MILLER kommt aus einer dumpfen Betäubung zu sich selbst : Schau du nach deinem Kinde, Frau. Ich laufe zum Herzog. Der Hofschneider, das hat mir Gott verschafft, der Hofschneider lernt die Flöte bei mir. Das soll mir beim Herzog nicht von Nachteil sein. (Er will gehen.)

PRÄSIDENT : Beim Herzog, sagst du? Hast du vergessen, daß ich die Schwelle bin, worüber du springen oder dir dabei den Hals brechen musst? Beim Herzog, du Dummkopf? Versuch es, wenn du, lebendig tot, eine Turmhöhe tief unter dem Boden im Kerker liegst, wo die Nacht mit der Hölle liebäugelt und Schall und Licht wieder umkehren, rassele dann mit deinen Ketten und wimmere: Mir ist zuviel Leids geschehen!



 

Personen Szenen
 
Zweiter Akt

Siebente Szene


Die Vorigen und Gerichtsdiener.

FERDINAND eilt auf Luise zu, die ihm halbtot in den Arm fällt : Luise! Hilfe! Rettung! Der Schrecken überwältigte sie.

Miller ergreift seinen Rohrstock, setzt den Hut auf und macht sich zum Angriff bereit. Frau Miller wirft sich vor dem Präsident auf die Knie.

PRÄSIDENT zu den Gerichtsdienern, seinen Orden vorzeigend : Legt Hand an im Namen des Herzogs. Weg von der Metze, Junge! Ohnmächtig oder nicht, wenn sie nur erst das eiserne Halsband um hat, wird man sie schon mit Steinwürfen aufwecken.

FRAU MILLER : Erbarmen, Eure Exzellenz! Erbarmen! Erbarmen!

MILLER reißt seine Frau hoch : Knie vor Gott, alte Heulsuse, und nicht vor Schelmen, wenn ich ja doch schon ins Zuchthaus muss.

PRÄSIDENT beißt sich auf die Lippen : Du kannst dich verrechnen, Bube. Es steht noch ein Galgen leer. (zu den Gerichtsdienern) Muss ich es noch einmal sagen?

Die Gerichtsdiener wollen Luise festnehmen.

FERDINAND springt zu ihr hin und stellt sich vor sie; grimmig : Wer will was? (Er zieht den Degen samt der Scheide und wehrt sich damit.) Wagt es, sie anzurühren, wer nicht auch die Hirnschale an die Gerichte vermietet hat. (zum Präsidenten) Hüte dich vor dir selbst. Treibe mich nicht weiter, mein Vater.

PRÄSIDENT drohend zu den Gerichtsdienern : Wenn euch euer Brot lieb ist, ihr Schlappschwänze.

Die Gerichtsdiener greifen Luise wieder an.

FERDINAND : Tod und alle Teufel! Ich sage: zurück, noch einmal. Erbarme dich um deiner selbst willen, reize mich nicht zum Äußersten, Vater.

PRÄSIDENT aufgebracht zu den Gerichtsdienern : Ist das euer Diensteifer, Schurken?

Die Gerichtsdiener greifen entschlossener an.

FERDINAND : Wenn es denn sein muss (indem er den Degen zieht und einige von den Dienern verwundet) so verzeih' mir, Gerechtigkeit!

PRÄSIDENT voll Zorn : Ich will doch sehen, ob sich dieser Degen auch gegen mich wendet. (Er fasst Luise selbst, zerrt sie in die Höhe und übergibt sie einem Gerichtsknecht.)

FERDINAND lacht erbittert : Vater, Vater, du machst hier ein beißendes Spottgedicht auf die höhere Macht, die sich so übel auf ihre Leute versteht und aus vollkommenen Henkersknechten schlechte Minister macht.

PRÄSIDENT zu den übrigen : Fort mit ihr!

FERDINAND : Vater, sie soll an dem Pranger stehen, aber zusammen mit mir, des Präsidenten Sohn. Bestehst du noch länger darauf?

PRÄSIDENT : Desto possierlicher wird das Spektakel. Fort mit ihr!

FERDINAND : Vater, ich werfe meinen Offiziersdegen auf das Mädchen, bestehst du noch darauf?

PRÄSIDENT : Das Zeichen deiner Ehre? Es soll wohl ans Prangerstehen gewöhnt werden! Fort! Fort! Ihr hört meinen Befehl.

FERDINAND drückt einen Gerichtsdiener weg, fasst Luise mit einem Arm, mit dem andern zückt er den Degen gegen sie : Vater! Bevor du meine Gemahlin beschimpfst, durchstoß ich sie, bestehst du noch darauf?

PRÄSIDENT : Tu es, wenn deine Klinge spitz genug ist.

FERDINAND lässt Luise los und blickt fürchterlich nach oben : Du, Allmächtiger, bist Zeuge! Kein menschliches Mittel ließ ich unversucht, ich muss zu einem teuflischen greifen. Ihr führt sie zum Pranger fort, unterdessen (zum Präsidenten ins Ohr rufend) erzähle ich allen Leuten der Residenz die Geschichte, wie man Präsident wird. (Er geht.)

PRÄSIDENT wie vom Blitz gerührt : Was ist das? Ferdinand. (zu den Gerichtsdienern) Lasst sie los! (Er eilt Ferdinand nach.)



 

 

Personen Szenen
 
Dritter Akt

Erste Szene


Im Saal beim Präsidenten. Der Präsident und Sekretär Wurm kommen.

PRÄSIDENT : Der Streich war verwünscht.

WURM : Wie ich befürchtete, gnädiger Herr. Zwang erbittert die Schwärmer immer, aber bekehrt sie nie.

PRÄSIDENT : Ich hatte alle meine Hoffnung in diesen Anschlag gesetzt. Ich dachte so: Wenn das Mädchen beschimpft wird, muss er, als Offizier, zurücktreten.

WURM : Ganz vortrefflich. Vorausgesetzt, es wäre auch zum Beschimpfen gekommen.

PRÄSIDENT : Und doch, wenn ich es jetzt mit kaltem Blut überdenke, ich hätte mich nicht einschüchtern lassen sollen. Es war eine Drohung, woraus er wahrscheinlich niemals Ernst machen würde.

WURM : Das denken Sie ja nicht. Der gereizten Leidenschaft ist keine Torheit zu bunt. Sie sagen, der Herr Sohn habe immer den Kopf zu Ihrer Regierung geschüttelt. Das glaub' ich. Die Theorien, die er von der Universität hierher brachte, wollten mir gleich nicht recht einleuchten. Was sollten auch die phantastischen Träumereien von Seelengröße und persönlichem Adel an einem Hof, wo die größte Weisheit diejenige ist, im rechten Tempo, auf eine geschickte Art, groß oder klein zu sein. Er ist zu jung und zu feurig, um Geschmack am langsamen, krummen Gang der Politik zu finden, und nichts wird sein Interesse entzünden, als was groß ist und abenteuerlich.

PRÄSIDENT verdrießlich : Und was, bitte schön, soll diese wohlweise Anmerkung in dieser Angelegenheit verbessern?

WURM : Sie wird Euer Exzellenz auf die Wunde hinweisen und auch vielleicht auf das Pflaster. Einen solchen Charakter, erlauben Sie, hätte man entweder nie zum Vertrauten oder niemals zum Feind machen sollen. Er verabscheut die Mittel, wodurch Sie zum Präsidenten aufgestiegen sind. Vielleicht war es bis jetzt nur der Sohn in ihm, der die Zunge des Verräters im Zaum hielt. Geben Sie ihm Gelegenheit, jenen rechtmäßig abzuschütteln. Machen Sie ihn durch wiederholte Angriffe auf seine Leidenschaft glauben, daß Sie nichts weniger als der zärtliche Vater sind, so steigen die Triebe des Patrioten in ihm auf. Ja, schon allein die seltsame Phantasie, der Gerechtigkeit ein so persönliches Opfer zu bringen, könnte reizvoll genug für ihn sein, selbst seinen eigenen Vater zu stürzen.

PRÄSIDENT ärgerlich : Wurm, was gaukeln Sie mir da für einen entsetzlichen Abgrund vor.

WURM : Ich will sie davor bewahren, gnädiger Herr. Darf ich freimütig reden?

PRÄSIDENT indem er sich niedersetzt : Wie ein Verdammter zum Mitverdammten. WURM : Also verzeihen Sie, Sie haben, dünkt mich, der schmeichlerischen Hofkunst den ganzen Präsidenten zu danken, warum vertrauen Sie ihr nicht auch als Vater? Ich besinne mich, mit welcher Offenheit Sie Ihren Vorgänger damals zu einer Partie Siebzehn und Vier beredeten und bei ihm die halbe Nacht mit freundschaftlichem Burgunder hinwegschwemmten, und das war doch dieselbe Nacht, wo die große Mine losgehen und den guten Mann in die Luft blasen sollte. Warum zeigen Sie sich Ihrem Sohn als Feind? Er hätte am besten gar nicht erfahren sollen, daß jemand wie ich über seine Liebesangelegenheit Bescheid weiß. Sie hätten die Sache von Seiten des Mädchens untergraben, und dabei das Herz Ihres Sohnes bei sich behalten. Sie hätten den klugen General gespielt, der den Feind nicht im Kern seiner Truppen angreift, sondern ihn an den Flügeln aufspaltet.

PRÄSIDENT : Wie wäre das zu machen?

WURM : Auf die einfachste Art. Und zum Glück sind die Karten noch nicht ganz vergeben. Unterdrücken Sie eine Zeit lang ihre Rolle als Vater. Messen Sie sich nicht mit einer Leidenschaft, die jede Unterdrückung nur mächtiger machen würde. Und überlassen Sie es mir, an ihrem eigenen Feuer den Wurm auszubrüten, der sie zerfrisst.

PRÄSIDENT : Ich bin begierig.

WURM : Ich müsste mich schlecht auf das Barometer der Seele verstehen, wenn der Herr Major in der Eifersucht nicht ebenso rasant wäre wie in der Liebe. Machen Sie ihm das Mädchen verdächtig. Ob es nun stimmt oder nicht. Ein Krümelchen Hefe reicht hin, um die ganze Masse in eine zerstörende Gärung zu bringen.

PRÄSIDENT : Aber woher dieses Krümchen nehmen?

WURM : Da sind wir auf dem Punkt. Zuerst, gnädiger Herr, erklären Sie sich mir bitte, wieviel bei der hartnäckigen Weigerung des Majors zur Heirat auf dem Spiel steht? Wie wichtig ist es Ihnen, die Liebschaft mit dem Bürgermädchen zu beenden und die Verbindung mit Lady Milford zustande zu bringen?

PRÄSIDENT : Können Sie das noch fragen, Wurm? Mein ganzer Einfluss ist in Gefahr, wenn die Partie mit der Lady fehlschlägt, und wenn ich meinen Sohn dazu zwinge, dann vielleicht sogar mein Hals.

WURM munter : Nun, dann haben Sie die Gnade mich anzuhören. Den Herrn Major umspinnen wir mit List. Gegen das Mädchen nehmen wir jedoch Gewalt zu Hilfe. Wir diktieren ihr ein Briefchen an eine dritte Person in die Feder und spielen das geschickt dem Major in die Hände.

PRÄSIDENT : Toller Einfall! Als ob sie sich so mir nichts dir nichts bequemen würde, ihr eigenes Todesurteil zu schreiben?

WURM : Sie muss, wenn Sie mir freie Hand lassen wollen. Ich kenne das gute Herz in und auswendig. Sie hat nicht mehr als zwei tödliche Seiten, durch welche wir ihr Gewissen bezwingen können, nämlich ihren Vater und den Major. Der letztere bleibt ganz und gar aus dem Spiel, desto härter können wir mit dem Musikanten umspringen.

PRÄSIDENT : Und wie?

WURM : Nach dem, was Euer Exzellenz mir von dem Auftritt in seinem Hause gesagt haben, wird nichts leichter sein, als den Vater mit einem Prozess zu bedrohen. Die Person des Präsidenten ist doch gewissermaßen der Schatten Seiner Majestät, des Herzogs. Beleidigungen gegen jenen sind zugleich gegen ihn gerichtet. Wenigstens will ich den armen Schächer mit diesem zusammengeflickten Kobold durch ein Nadelöhr jagen.

PRÄSIDENT : Doch wirklich ernsthaft dürfte die Aktion nicht werden.

WURM : Aber nicht doch. Nur insoweit als es nötig ist, die Familie in die Klemme zu treiben. Wir setzen also in aller Stille den Musikus fest, die Not um so dringender zu machen, könnte man auch einstweilen die Mutter mitnehmen, sprechen von peinlicher Anklage, von Schafott, von ewiger Festung, und machen den Brief für die Tochter zur einzigen Möglichkeit seiner Rettung.

PRÄSIDENT : Gut! Gut! Ich verstehe.

WURM : Sie liebt ihren Vater bis zur Leidenschaft möcht' ich sagen. Die Gefahr seines Lebens, seiner Freiheit zum mindesten, die Vorwürfe ihres Gewissens, den Anlass dazu gegeben zu haben, die Unmöglichkeit, den Major zu besitzen, schließlich die Verwirrung in ihrem Kopf, die ich auf mich nehme, es kann nicht schiefgehen, sie muss in die Falle tappen.

PRÄSIDENT : Aber mein Sohn? Wird der nicht auf der Stelle Wind davon haben? Wird er nicht noch wütender werden?

WURM : Das lassen Sie meine Sorge sein, gnädiger Herr. Vater und Mutter werden nicht eher freigelassen, bis die ganze Familie einen Eid darauf schwören, den ganzen Vorgang geheimzuhalten und den Betrug zu bestätigen.

PRÄSIDENT : Einen Eid? Was wird ein Eid nützen, Dummkopf?

WURM : Bei unsereiner nichts, gnädiger Herr. Bei diesen Leuten jedoch alles. Und sehen Sie nun, wie schön wir beide auf diese Manier zum Ziel kommen werden? Das Mädchen verliert die Liebe des Majors und den Ruf ihrer Tugend. Vater und Mutter ziehen sanftere Saiten auf, und durch und durch weich geklopft von Schicksalen dieser Art, erkennen sie's noch zuletzt für eine Wohltat, wenn ich der Tochter durch meine Hand ihr Ansehen wiedergebe.

PRÄSIDENT lacht unter Kopfschütteln : Ja, ich gebe mich Ihnen geschlagen, Sie Schurke. Das Gewebe ist satanisch fein gesponnen. Der Schüler übertrifft seinen Meister. Nun ist die Frage, an wen der Brief gerichtet sein soll? Mit wem können wir sie in Verruf bringen?

WURM : Notwendig mit jemandem, der durch den Entschluss Ihres Sohnes alles gewinnen oder alles verlieren müsste.

PRÄSIDENT nach einigem Nachdenken : Ich weiß nur den Hofmarschall.

WURM zuckt die Achseln : Mein Geschmack wäre er nun freilich nicht, wenn ich Luise Miller hieße.

PRÄSIDENT : Und warum nicht? Wunderlich! Eine blendende Garderobe, eine Atmosphäre von Kölnischwasser und Moschus, auf jedes alberne Wort eine Handvoll Dukaten, und alles das sollte die Delikatesse einer bürgerlichen Dirne nicht bestechen können? Oh mein Freund, so skrupelhaft ist die Eifersucht nicht. Ich schicke zum Marschall. (Er klingelt.)

WURM : Während Euer Exzellenz dieses und die Gefangennehmung des Geigers besorgen, werde ich hingehen und den bewussten Liebesbrief aufsetzen.

PRÄSIDENT geht zum Schreibpult : Den Er mir zum Durchlesen herauf bringt, sobald er fertig ist, verstanden. (Wurm geht. Der Präsident setzt sich zu schreiben; ein Kammerdiener kommt; er steht auf und gibt ihm ein Papier.) Dieser Haftbefehl muss ohne Aufschub ins Gericht, und bittet den Hofmarschall zu mir.

KAMMERDIENER : Der gnädige Herr sind soeben hier vorgefahren.

PRÄSIDENT : Noch besser. Und die Anstalten sollen mit Vorsicht getroffen werden, damit es kein Aufsehen gibt.

KAMMERDIENER : Sehr wohl, Eure Exzellenz!

PRÄSIDENT : Versteht Ihr? Ganz in der Stille.

KAMMERDIENER : Habe verstanden, Eure Exzellenz. (Er geht.)



 

Personen Szenen
 
Dritter Akt

Zweite Szene


Der Präsident und der Hofmarschall.

HOFMARSCHALL eilfertig : Nur en passant, mein Bester, wie geht es Ihnen? Befinden Sie sich wohl? Heute abend ist große Opera Dido, das süperbeste Feuerwerk, eine ganze Stadt brennt ab, Sie sehen es sich auch an? Was?

PRÄSIDENT : Ich habe Feuerwerk genug in meinem eigenen Hause, das meine ganze Herrlichkeit in die Luft nimmt. Sie kommen wie gerufen, lieber Marschall, mir in einer Sache zu raten, tätig zu helfen, die uns beiden förderlich ist - oder völlig zugrunde richtet. Setzen Sie sich.

HOFMARSCHALL : Machen Sie mir nicht Angst, mein Süßer.

PRÄSIDENT : Wie gesagt - fördert oder ganz zugrunde richtet. Sie kennen mein Projekt mit dem Major und der Lady. Sie begreifen auch, wie unentbehrlich es war, unser beider Glück zu garantieren. Nun kann alles zusammenfallen, Kalb. Mein Ferdinand will nicht.

HOFMARSCHALL : Will nicht, will nicht? ich hab's doch in der ganzen Stadt schon herumgesagt. Die Mariage ist ja in jedermanns Munde.

PRÄSIDENT : Sie könnten vor der ganzen Stadt als Windmacher dastehen. Er liebt eine andere.

HOFMARSCHALL : Sie scherzen. Ist das etwa wohl ein Hindernis?

PRÄSIDENT : Bei dem Trotzkopf das unüberwindlichste.

HOFMARSCHALL : Er sollte so wahnsinnig sein und sein Fortune von sich stoßen? Wie?

PRÄSIDENT : Fragen Sie ihn das und hören Sie, was er antwortet.

HOFMARSCHALL : Aber mon Dieu! Was kann er denn antworten?

PRÄSIDENT : Daß er der ganzen Welt das Verbrechen enthüllen wolle, wodurch wir aufgestiegen sind. Daß er unsere falschen Briefe und Dokumente veröffentlichen, daß er uns beide ans Messer liefern wolle. Das kann er antworten.

HOFMARSCHALL : Sind Sie von Sinnen?

PRÄSIDENT : Das hat er geantwortet. Das war er schon willens in die Tat umzusetzen. Davon hab' ich ihn kaum noch durch meine höchste Erniedrigung abgehalten. Was wissen Sie hierauf zu sagen?

HOFMARSCHALL mit einem Schafsgesicht : Mein Verstand steht still.

PRÄSIDENT : Das wäre nicht so ungewöhnlich. Aber zugleich hinterbringen mir meine Spione, daß der Oberschenk von Bock auf dem Sprunge sei, um die Lady zu werben.

HOFMARSCHALL : Sie machen mich rasend. Wer sagen Sie? Von Bock, sagen Sie? Wissen Sie denn auch, daß wir einander Todfeinde sind? Wissen Sie auch, warum wir es sind?

PRÄSIDENT : Das erste Wort, das ich höre.

HOFMARSCHALL : Bester! Sie werden hören und aus der Haut werden Sie fahren. Wenn Sie sich noch des Hofballs entsinnen, es geht jetzt ins einundzwanzigste Jahr, wissen Sie, worauf man den ersten Englischen tanzte und dem Grafen von Meerschaum das heiße Wachs von einem Kronleuchter auf den Domino tröpfelte ... Ach Gott! das müssen Sie noch wissen!

PRÄSIDENT : Wer könnte so was vergessen?

HOFMARSCHALL : Sehen Sie! Da hatte Prinzessin Amalie in der Hitze des Tanzes ein Strumpfband verloren. Alles kommt, wie begreiflich ist, in Alarm. Von Bock und ich, wir waren noch Kammerjunker. Wir kriechen durch den ganzen Redoutensaal, das Strumpfband zu suchen, endlich erblick' ichs, von Bock merkt's, er darauf zu, reißt es mir aus den Händen, hören Sie, bringt's der Prinzessin und schnappt mir das Kompliment vor der Nase weg. Was denken Sie?

PRÄSIDENT : Impertinent!

HOFMARSCHALL : Schnappt mir das Kompliment weg. Ich glaubte in Ohnmacht zu sinken. Eine solche Malice ist nie zuvor erlebt worden. Endlich ermann' ich mich, nähere mich Ihrer Durchlaucht und spreche: Gnädigste Frau! Von Bock war so glücklich, Höchstdenenselben das Strumpfband zu überreichen, aber wer das Strumpfband zuerst erblickte, belohnt sich in der Stille und schweigt.

PRÄSIDENT : Bravo, Marschall! Bravissimo!

HOFMARSCHALL : Und schweigt. Aber ich werd's dem von Bock bis zum Jüngsten Gericht noch nachtragen, der niederträchtige, kriechende Schmeichler! Und das war noch nicht genug, wie wir beide zugleich auf das Strumpfband zu Boden fallen, wischt mir von Bock an der rechten Frisur allen Puder weg, und ich bin ruiniert auf den ganzen Ball.

PRÄSIDENT : Und das ist der Mann, der die Milford heiraten und die erste Person am Hof werden wird.

HOFMARSCHALL : Sie stoßen mir ein Messer ins Herz. Wird? Wird? Warum wird er? Wo ist die Notwendigkeit?

PRÄSIDENT : Weil mein Ferdinand nicht will, und sonst keiner sich meldet.

HOFMARSCHALL : Aber wissen Sie denn gar kein einziges Mittel, Ihren Sohn zum Entschloß zu bringen? Sei's auch noch so bizarr, so verzweifelt! Was in der Welt kann so widrig sein, das uns jetzt nicht willkommen wäre, den verhassten von Bock auszustechen?

PRÄSIDENT : Ich weiß nur eines, und das steht bei Ihnen.

HOFMARSCHALL : Steht bei mir? Und das wäre?

PRÄSIDENT : Ferdinand mit seiner Geliebten zu entzweien.

HOFMARSCHALL : Zu entzweien? Wie meinen Sie das? Und wie mach' ich das?

PRÄSIDENT : Alles ist gewonnen, sobald wir ihm das Mädchen verdächtig machen.

HOFMARSCHALL : Daß sie stiehlt, meinen Sie?

PRÄSIDENT : Ach nicht doch! Wie glaubte er das? Daß sie es noch mit einem andern hat.

HOFMARSCHALL : Wer ist dieser andere?

PRÄSIDENT : Der müssten Sie sein, Baron.

HOFMARSCHALL : Ich? Ich? Ist sie von Adel?

PRÄSIDENT : Wozu denn das, welcher Einfall! Nein, eines Musikanten Tochter.

HOFMARSCHALL : Bürgerlich also? Das wird nicht angehen.

PRÄSIDENT : Was wird nicht angehen? Narrenspossen! Wem unter der Sonne wird es einfallen, ein paar runde Backen nach dem Stammbaum zu fragen?

HOFMARSCHALL : Aber bedenken Sie doch, ein Ehrenmann! Und meine Reputation bei Hofe!

PRÄSIDENT : Das ist was anders. Verzeihen Sie. Ich hab das noch nicht gewusst, daß Ihnen der Mann von unbescholtenen Sitten mehr wert ist als der von Einfluß. Wollen wir abbrechen?

HOFMARSCHALL : Seien Sie nicht so voreilig, Baron. Es war ja nicht so gemeint.

PRÄSIDENT frostig : Nein, nein! Sie haben vollkommen recht. Ich bin es auch müde. Ich lasse den Karren stehen. Dem von Bock wünsch' ich Glück zum Premierminister. Die Welt ist auch noch anderswo. Ich fordere meine Entlassung vom Herzog.

HOFMARSCHALL : Was? Und ich? Sie haben gut schwatzen, Sie! Sie sind ein Stuttierter! Aber ich, Mon Dieu! Was wird aus mir, wenn mich Seine Durchlaucht entlassen?

PRÄSIDENT : Ein Witz von vorgestern. Die Mode vom letzten Jahr.

HOFMARSCHALL : Ich beschwöre Sie, Teurer, Goldener! Ersticken Sie diesen Gedanken! Ich will mir ja alles gefallen lassen.

PRÄSIDENT : Würden Sie Ihren Namen zu einem Rendezvous hergeben, den Ihnen dieses Fräulein Miller schriftlich vorschlagen soll?

HOFMARSCHALL : Im Namen Gottes! Ich will ihn hergeben.

PRÄSIDENT : Und den Brief irgendwo ganz zufällig herausfallen lassen, wo er dem Major zu Gesicht kommen muss?

HOFMARSCHALL : Ah, zum Beispiel auf der Parade will ich ihn als von ohngefähr mit dem Schnupftuch so herausschleudern.

PRÄSIDENT : Und die Rolle ihres Liebhabers gegen den Major behaupten?

HOFMARSCHALL : Mort de ma vie! Ich will ihn schon waschen! Ich will dem Naseweis den Appetit nach meinen Amouren verleiden.

PRÄSIDENT : Nun geht's nach Wunsch. Der Brief muss noch heute geschrieben sein. Sie müssen vor Abend noch herkommen, ihn abzuholen und Ihre Rolle mit mir abzusprechen.

HOFMARSCHALL : Sobald ich sechzehn Visiten werde gegeben haben, die von allerhöchster Importance sind. Verzeihen Sie also, wenn ich mich ohne Aufschub auf den Weg mache. (Er geht.)

PRÄSIDENT ruft ihm nach : Ich zähle auf Ihre Verschlagenheit, Marschall.

HOFMARSCHALL ruft zurück : Ah, mon Dieu! Sie kennen mich.



 

Personen Szenen
 
Dritter Akt

Dritte Szene


Der Präsident und Sekretär Wurm.

WURM : Der Geiger und seine Frau sind heimlich und ohne alles Aufhebens in Haft genommen. Wollen Euer Exzellenz jetzt meinen Entwurf des Brief lesen?

PRÄSIDENT nachdem er gelesen : Herrlich! Herrlich, Herr Sekretär! Auch der Marschall hat angebissen! Ein Gift wie dieses müsste die Gesundheit selber in eitrigen Aussatz verwandeln. Nun gleich mit den Vorschlägen zum Vater, und dann zu der Tochter. (Sie gehen zu verschiedenen Seiten ab.)



 

Personen Szenen
 
Dritter Akt

Vierte Szene


Zimmer in Millers Wohnung. Luise und Ferdinand.

LUISE : Ich bitte dich, hör' auf, ich glaube an keine glücklichen Tage mehr. Alle meine Hoffnungen sind gesunken.

FERDINAND : So sind die meinigen gestiegen. Mein Vater ist aufgereizt. Er wird alle Geschütze gegen uns richten. Er wird mich zwingen, den unmenschlichen Sohn zu spielen. Ich stehe nicht mehr für meine kindliche Pflicht. Wut und Verzweiflung werden mir das schwarze Geheimnis seiner Mordtat erpressen. Der Sohn wird den Vater in die Hände des Henkers liefern. Es ist höchste Gefahr, und die höchste Gefahr musste da sein, wenn meine Liebe den Riesensprung wagen sollte. Höre, Luise, ein Gedanke, groß und vermessen wie meine Leidenschaft, drängt sich in meine Seele. Du, Luise, und ich und die Liebe! Liegt nicht in diesem Dreieck der ganze Himmel, oder brauchst du noch etwas Viertes dazu?

LUISE : Sei still. Nichts mehr. Ich erblasse über das, was du sagen willst.

FERDINAND : Haben wir an die Welt keine Forderung mehr? Warum denn ihren Beifall erbetteln? Warum wagen, wo nichts gewonnen wird und alles verloren werden kann? Wird dieses Auge nicht ebenso schmelzend funkeln, ob es im Rhein oder in der Elbe sich spiegelt oder im Baltischen Meer? Mein Vaterland ist, wo mich Luise liebt. Deine Fußspuren in wilden, sandigen Wüsten sind mir interessanter als jedes noch so erhabene Bauwerk in meiner Heimat. Werden wir die Pracht der Städte vermissen? Wo wir auch sein mögen, Luise, geht eine Sonne auf, eine unter. Schauspiele, neben welchen der üppigste Schwung der Künste verblasst. Werden wir Gott in keinem Tempel mehr dienen, so zieht die Nacht mit begeisternden Schauern auf, der wechselnde Mond predigt uns Buße, und eine andächtige Kirche von Sternen betet mit uns. Werden wir uns in Gesprächen der Liebe erschöpfen? Ein Lächeln meiner Luise ist Stoff für Jahrhunderte, und der Traum des Lebens ist aus, bis ich diese Träne ergründe.

LUISE : Und hättest du sonst keine Pflicht mehr als deine Liebe?

FERDINAND sie umarmend : Deine Ruhe ist meine heiligste.

LUISE sehr ernsthaft : So schweig' und verlass' mich. Ich habe einen Vater, der nicht mehr Vermögen hat als diese einzige Tochter, der morgen sechzig Jahre alt wird, der der Rache des Präsidenten gewiss ist.

FERDINAND fällt rasch ein : Der uns begleiten wird. Darum keinen Einwand mehr, Liebste. Ich gehe, mache meine Kostbarkeiten zu Geld, nehme Kredit auf meinen Vater. Es ist erlaubt, einen Räuber zu plündern, sind seine Schätze nicht Blutgeld des Vaterlandes? Schlag ein Uhr um Mitternacht wird ein Wagen hier anfahren. Ihr steigt ein, wir fliehen.

LUISE : Und der Fluch deines Vaters uns nach, ein Fluch, Unbesonnener, den auch Mörder nie ohne Erhörung aussprechen, den die Rache des Himmels auch dem Dieb am Galgen schenkt, der uns Flüchtlinge, unbarmherzig wie ein Gespenst, von Meer zu Meer jagen würde? Nein, mein Geliebter! Wenn nur ein Frevel dich mir erhalten kann, dann wäre ich noch stark genug, dich zu verlieren.

FERDINAND steht still und murmelt düster : Wirklich?

LUISE : Verlieren! Oh grenzenlos entsetzlich ist der Gedanke. Grässlich genug, den unsterblichen Geist zu durchbohren, und die glühende Wange der Freude zu bleichen. Ferdinand! Dich zu verlieren! Doch man verliert ja nur, was man besessen hat, und dein Herz gehört deinem Stande. Mein Anspruch war Kirchenraub, und schaudernd geb' ich ihn auf.

FERDINAND das Gesicht verzerrt und verzweifelt an der Unterlippe nagend : Gibst du ihn auf.

LUISE : Nein! Sieh mich an, lieber Ferdinand. Nicht so bitter die Zähne geknirscht. Komm! Lass mich jetzt deinen sterbenden Mut durch mein Beispiel beleben. Lass mich die Heldin dieses Augenblicks sein, einem Vater den entflohenen Sohn wiederschenken, einem Bündnis entsagen, das die Fugen der Bürgerwelt auseinandertreiben und die allgemeine ewige Ordnung zugrunde stürzen würde. Ich bin die Verbrecherin. Mit frechen, törichten Wünschen hat sich mein Busen getragen, mein Unglück ist meine Strafe, so lass mir doch jetzt die süße, schmeichelnde Täuschung, daß es mein Opfer war. Wirst du mir diese Wollust missgönnen?

Ferdinand hat in der Zerstreuung und Wut eine Violine ergriffen und auf derselben zu spielen versucht. Jetzt zerreißt er die Saiten, zerschmettert das Instrument auf dem Boden und bricht in ein lautes Gelächter aus.

LUISE : Ferdinand! Gott im Himmel! Was soll das? Ermanne dich. Fassung verlangt diese Stunde, es ist eine trennende. Du hast ein Herz, Liebster. Ich kenne es. Warm wie das Leben ist deine Liebe und ohne Schranken wie das Unermessliche. Schenke sie einer Edleren und Würdigeren, sie wird die Glücklichsten ihres Geschlechts nicht beneiden. (Tränen unterdrückend) Mich sollst du nicht mehr sehn. Das eitle betrogene Mädchen verweine seinen Gram in einsamen Mauern, um seine Tränen wird sich niemand bekümmern. Leer und erstorben ist meine Zukunft. Doch werde ich noch je und je am verwelkten Strauß der Vergangenheit riechen. (indem sie ihm mit abgewandtem Gesicht ihre zitternde Hand gibt) Leben Sie wohl, Herr von Walter.

FERDINAND springt aus seiner Betäubung auf : Ich entfliehe, Luise. Wirst du mir wirklich nicht folgen?

LUISE hat sich im Hintergrund des Zimmers niedergesetzt und hält das Gesicht mit beiden Händen bedeckt : Meine Pflicht heißt mich bleiben und dulden.

FERDINAND : Schlange, du lügst. Dich fesselt was anderes hier.

LUISE im Ton des tiefsten inneren Leidens : Bleiben Sie bei dieser Vermutung, sie macht mich vielleicht weniger elend.

FERDINAND : Kalte Pflicht gegen feurige Liebe! Und mich soll das Märchen blenden? Ein Liebhaber fesselt dich, und Weh über dich und ihn, wenn mein Verdacht sich bestätigt. (Er geht schnell ab.)



 

Personen Szenen
 
Dritter Akt

Fünfte Szene


Luise allein. Sie bleibt noch eine Zeitlang ohne Bewegung und stumm in dem Sessel liegen, endlich steht sie auf, kommt vorwärts und sieht furchtsam um sich.

LUISE : Wo meine Eltern bleiben? Mein Vater versprach, in wenigen Minuten zurück zu sein, und schon sind fünf volle fürchterliche Stunden vorüber. Wenn ihm ein Unfall ... ? Wie wird mir? Warum geht mein Atem so ängstlich? (Sekretär Wurm betritt das Zimmer und bleibt im Hintergrund stehen, ohne von ihr bemerkt zu werden.) Es ist nichts Wirkliches, es ist nichts als das schaudernde Gaukelspiel des erhitzten Gemüts. Hat unsere Seele nur einmal Entsetzen genug in sich getrunken, so wird das Auge in jedem Winkel Gespenster sehen.



 

Personen Szenen
 
Dritter Akt

Sechste Szene


Luise und Sekretär Wurm.

WURM kommt näher : Guten Abend, Fräulein Luise.

LUISE : Gott! Wer spricht da? (Sie dreht sich um, sieht den Sekretär und tritt erschrocken zurück.) Schrecklich! Schrecklich! Meiner ängstlichen Ahnung eilt schon die unglückseligste Erfüllung nach! (zum Sekretär mit einem Blick voll Verachtung) Suchen Sie etwa den Präsidenten? Er ist nicht mehr da.

WURM : Fräulein Luise, ich suche Sie.

LUISE : So muss ich mich wundern, daß Sie nicht nach dem Marktplatz gingen.

WURM : Warum eben dahin?

LUISE : Ihre Braut von der Schandbühne abzuholen.

WURM : Sie haben einen falschen Verdacht.

LUISE unterdrückt eine Antwort : Was steht Ihnen zu Diensten?

WURM : Ich komme, geschickt von Ihrem Vater.

LUISE bestürzt : Von meinem Vater? Wo ist mein Vater?

WURM : Wo er nicht gern ist.

LUISE : Um Gottes willen! Geschwind! Mich befällt eine üble Ahnung, wo ist mein Vater?

WURM : Im Gefängnis, wenn Sie es genau wissen wollen.

LUISE mit einem Blick zum Himmel : Das noch! Das auch noch! Im Gefängnis? Und warum?

WURM : Auf Befehl des Herzogs.

LUISE : Des Herzogs?

WURM : Der die Verletzung der Majestätswürde in der Person seines Stellvertreters ...

LUISE : Was? Was? Oh ewige Allmacht!

WURM : ... mit aller Strenge und auffallend zu ahnden beschlossen hat.

LUISE : Das war noch übrig! Das! Freilich, freilich, mein Herz hatte noch außer dem Major etwas Teures. Das durfte wohl nicht verschont werden. Verletzung der Majestät. Himmlische Vorsicht! Reue, o, rette meinen sinkenden Glauben! Und Ferdinand?

WURM : Wählt Lady Milford oder Fluch und Enterbung.

LUISE : Entsetzliche Freiheit! Und doch, doch ist er glücklicher. Er hat keinen Vater zu verlieren. Keinen haben ist allerdings Verdammnis genug! Mein Vater wegen Verletzung der Majestät, mein Geliebter die Lady oder Fluch und Enterbung. Wahrlich bewundernswert! Eine vollkommene Schurkerei ist auch eine Vollkommenheit. Vollkommenheit, nein, dazu fehlte noch etwas - wo ist meine Mutter?

WURM : Im Arbeitshaus.

LUISE mit schmerzvollem Lächeln : Jetzt ist es vollbracht! Vollbracht, und jetzt wäre ich frei. Frei von allen Verpflichtungen und Tränen und Freuden. Frei von der Vorsicht und Rücksicht. Ich brauche nichts mehr. (schreckliches Stillschweigen) Haben Sie vielleicht noch eine Neuigkeit? Reden Sie. Jetzt kann ich alles hören.

WURM : Was geschehen ist, wissen Sie.

LUISE : Also nicht, was noch kommen wird? (wiederum Pause, worin sie den Sekretär von oben bis unten ansieht) Armer Mensch! Du treibst ein trauriges Handwerk, wobei du unmöglich selig werden kannst. Unglücklich machen ist schon schrecklich genug, aber grässlich ist's, es ihnen zu verkündigen, ihn vorzusingen, den Eulengesang, dabeizustehn, wenn das blutende Herz am eisernen Schaft der Notwendigkeit zittert, und Christen an Gott zweifeln. Der Himmel bewahre mich! Und würde dir jeder Angsttropfen, den du fallen siehst, mit einer Tonne Gold aufgewogen, ich möchte nicht du sein. Was kann noch geschehen?

WURM : Ich weiß nicht.

LUISE : Sie wollen es nicht wissen? Diese lichtscheue Botschaft fürchtet das Geräusch der Worte, aber in der Grabesstille Ihres Gesichts zeigt sich mir das Gespenst. Was ist noch übrig? Sie sagten vorhin, der Herzog will es auffallend ahnden? Was nennen Sie auffallend?

WURM : Fragen Sie nichts mehr.

LUISE : Höre, Mensch! Du gingst beim Henker zur Schule. Wie verstündest du sonst, das Eisen erst langsam bedächtig an den knirschenden Gelenken hinaufzuführen und das zuckende Herz mit dem Streich der Erbarmung zu necken? Welches Schicksal wartet auf meinen Vater? Es ist Tod in dem, was du lachend sagst, wie mag das aussehen, was du für dich behältst? Sprich es aus. Lass mich sie auf einmal haben, die ganze zermalmende Ladung. Was wartet auf meinen Vater?

WURM : Ein Kriminalprozess.

LUISE : Was ist das? Ich bin ein unwissendes unschuldiges Ding, verstehe mich wenig auf eure fürchterliche lateinische Wörter. Was heißt Kriminalprozess?

WURM : Gericht um Leben und Tod.

LUISE standhaft : So dank ich Ihnen! (Sie eilt schnell in ein Seitenzimmer.)

WURM steht betroffen da : Wo will das hinaus? Sollte die Närrin etwa? Teufel, sie wird doch nicht ... ich eile ihr nach, ich muss für ihr Leben bürgen. (im Begriff, ihr zu folgen)

LUISE kommt zurück, einen Mantel angezogen : Verzeihen Sie, Herr Sekretär. Ich schließe das Zimmer.

WURM : Und wohin denn so eilig?

LUISE : Zum Herzog. (Sie will fort.)

WURM : Was? Wohin? (Er hält sie erschrocken zurück.)

LUISE : Zum Herzog, hören Sie nicht? Zu eben dem Herzog, der meinen Vater auf Tod und Leben will richten lassen. Nein! Nicht will, muss richten lassen, weil einige Bösewichter es wollen; der zu dem ganzen Prozess der beleidigten Majestät nichts anderes beiträgt als seinen Titel und seine fürstliche Handschrift.

WURM lacht überlaut : Zum Herzog!

LUISE : Ich weiß, worüber Sie lachen, aber ich will ja auch kein Erbarmen dort finden, Gott bewahre mich! Nur Ekel, Ekel nur an meinem Geschrei. Man hat mir gesagt, daß die Großen der Welt noch nicht belehrt sind, was Elend ist, nicht belehrt werden wollen. Ich will ihm sagen, was Elend ist, will es ihm vormalen in allen Verzerrungen des Todes, was Elend ist, will es ihm vorheulen in Mark und Bein zermalmenden Tönen, was Elend ist. Und wenn ihm jetzt über der Beschreibung die Haare zu Berge stehen, will ich ihm noch zum Schluss in die Ohren schreien, daß in der Sterbestunde auch die Lungen der Erdengötter zu röcheln anfangen und das Jüngste Gericht Majestäten und Bettler durch dasselbe Sieb rüttelt. (Sie will gehen.)

WURM boshaft freundlich : Gehen Sie, oh gehen Sie ja. Sie können wahrlich nichts Klügeres tun. Ich rate es Ihnen, gehen Sie, und ich gebe Ihnen mein Wort, daß der Herzog barmherzig wird.

LUISE steht plötzlich still : Wie sagen Sie? Sie raten mir selbst dazu? (Sie kommt schnell zurück.) Hm! Was will ich denn, etwas Abscheuliches muss es sein, weil dieser Mensch dazu rät Woher wissen Sie, daß der Fürst barmherzig sein wird?

WURM : Weil er es nicht wird umsonst tun.

LUISE : Nicht umsonst? Welchen Preis kann er auf eine Menschlichkeit setzen?

WURM : Die schöne Bittstellerin ist Preis genug.

LUISE bleibt erstarrt stehen, dann mit brechender Stimme : Allgerechter!

WURM : Und einen Vater werden Sie doch, will ich hoffen, um diese gnädige Belohnung nicht überfordert finden?

LUISE auf und ab, außer Fassung : Ja! Ja! Es ist wahr. Sie sind verschanzt, eure Großen, verschanzt vor der Wahrheit hinter ihren eigenen Niedertracht wie hinter Schwertern der Cherubim. Helfe dir der Allmächtige, Vater. Deine Tochter kann für dich sterben, aber nicht sündigen.

WURM : Das mag dem armen verlassenen Mann wohl eine Neuigkeit sein: "Meine Luise", sagte er mir, "hat mich zu Boden geworfen. Meine Luise wird mich auch aufrichten." Ich eile, Fräulein, ihm die Antwort zu bringen. (Er tut so, als ob er ginge.)

LUISE eilt ihm nach, hält ihn zurück : Bleiben Sie! Bleiben Sie! Geduld! Wie flink dieser Satan ist, wenn es gilt, Menschen rasend zu machen! Ich hab ihn niedergeworfen. Ich muß ihn aufrichten. Reden Sie! Raten Sie! Was kann ich! Was muss ich tun?

WURM : Es ist nur ein Mittel.

LUISE : Dieses einzige Mittel?

WURM : Auch Ihr Vater wünscht.

LUISE : Auch mein Vater? Was ist das für ein Mittel?

WURM : Es ist Ihnen ein Leichtes.

LUISE : Ich kenne nichts Schwereres als die Schande.

WURM : Wenn Sie den Major wieder frei machen wollen?

LUISE : Von seiner Liebe? Verspotten Sie mich? Das meiner Willkür zu überlassen, wozu ich gezwungen wurde?

WURM : So ist es nicht gemeint, liebes Fräulein. Der Major muss zuerst und freiwillig zurücktreten.

LUISE : Er wird nicht.

WURM : So scheint es. Würde man denn wohl seine Zuflucht zu Ihnen nehmen, wenn nicht Sie allein dazu helfen könnten?

LUISE : Kann ich ihn zwingen, daß er mich hassen muss?

WURM : Wir müssen es versuchen. Setzen Sie sich.

LUISE misstrauisch : Mensch! Was brütest du?

WURM : Setzen Sie sich. Schreiben Sie! Hier ist Feder, Papier und Tinte.

LUISE setzt sich in höchster Beunruhigung : Was soll ich schreiben? An wen soll ich schreiben?

WURM : An den Henker Ihres Vaters.

LUISE : Ha, du verstehst dich darauf, Seelen auf die Folter zu spannen. (Sie nimmt die Schreibfeder.)

WURM diktiert : "Gnädiger Herr"

Luise schreibt mit zitternder Hand.

WURM : "Schon drei unerträgliche Tage sind vorüber ... sind vorüber ... und wir sahen uns nicht"

LUISE stutzt, legt die Feder weg : An wen ist der Brief?

WURM : An den Henker Ihres Vaters.

LUISE : Oh mein Gott!

WURM : "Schuld daran ist der Major ... der Major, der mich den ganzen Tag wie ein Argus bewacht"

LUISE springt auf : Schurkerei, wie noch keine erhört worden! An wen ist der Brief?

WURM : An den Henker Ihres Vaters.

LUISE springt auf, die Hände ringend : Nein! Nein! Nein! Das ist tyrannisch, oh Himmel! Strafe Menschen menschlich, wenn sie dich reizen, aber warum mich zwischen zwei Torturen pressen? Warum zwischen Tod und Schande mich hin und her hetzen? Warum diesen blutsaugenden Teufel mir auf den Nacken setzen? Macht, was Ihr wollt! Ich schreibe das nimmermehr.

WURM greift nach dem Hut : Wie Sie wollen, Mademoiselle. Das steht ganz in Ihrem Belieben.

LUISE : Belieben, sagen Sie? In meinem Belieben? Geh, du Barbar! Hänge einen Unglücklichen über dem Abgrund der Hölle auf. Bitte ihn um etwas, und lästere Gott und frag ihn, ob es ihm beliebe? Oh du weißt allzu gut, daß unser Herz an natürlichen Trieben so fest wie an Ketten liegt. Nun ist alles egal. Diktieren Sie weiter. Ich denke nichts mehr. Ich weiche der überlistenden Hölle. (Sie setzt sich zum zweitenmal.)

WURM : "Den ganzen Tag wie ein Argus bewacht" Haben Sie das?

LUISE : Weiter! Weiter!

WURM : "Wir haben gestern den Präsidenten im Haus gehabt. Es war possierlich zu sehen, wie der gute Major um meine Ehre sich wehrte"

LUISE : Oh schön, schön! oh herrlich! Nur immer weiter so.

WURM : "Ich nahm meine Zuflucht zu einer Ohnmacht ... zu einer Ohnmacht ... daß ich nicht laut lachen musste"

LUISE : Oh Himmel!

WURM : "Aber bald wird mir meine Maske unerträglich ... unerträglich. Wenn ich nur loskommen könnte"

LUISE hält inne, steht auf, geht auf und nieder, den Kopf gesenkt, als suchte sie was auf dem Boden; dann setzt sie sich wiederum, schreibt weiter : "loskommen könnte"

WURM : "Morgen hat er Dienst, passen Sie ab, wenn er von mir geht, und kommen an den bewussten Ort." Haben Sie "bewussten"?

LUISE : Ich habe alles.

WURM : "An den bewussten Ort zu Ihrer zärtlichen ... Luise"

LUISE : Nun fehlt die Adresse noch.

WURM : "An Herrn Hofmarschall von Kalb."

LUISE : Ewige Vorsehung! Ein Name, so fremd meinen Ohren wie meinem Herzen diese schändlichen Zeilen. (Sie steht auf und betrachtet eine große Pause lang mit starrem Blick das Geschriebene, endlich reicht sie es dem Sekretär, mit erschöpfter, hinsterbender Stimme) Nehmen Sie, mein Herr. Es ist mein ehrlicher Name, es ist Ferdinand, ist die ganze Wonne meines Lebens, was ich jetzt in Ihre Hände gebe. Ich bin eine Bettlerin!

WURM : Oh nein doch! Verzagen Sie nicht, liebe Mademoiselle. Ich habe herzliches Mitleid mit Ihnen. Vielleicht, wer weiß? Ich könnte mich noch wohl über gewisse Dinge hinwegsetzen, wahrlich! Bei Gott! Ich habe Mitleid mit Ihnen.

LUISE blickt ihn starr und durchdringend an : Reden Sie nicht aus, mein Herr. Sie sind auf dem Wege, sich etwas Entsetzliches zu wünschen.

WURM will ihre Hand küssen : Gesetzt, es wäre diese niedliche Hand, wieso, liebes Fräulein?

LUISE groß und schrecklich : Weil ich dich in der Brautnacht erdrosseln werde, und mich dann mit Wollust aufs Rad flechten ließe. (Sie will gehen, kommt aber schnell zurück.) Sind wir jetzt fertig, mein Herr? Darf die Taube nun fliegen?

WURM : Nur noch die Kleinigkeit, Fräulein. Sie müssen mit mir kommen und den Eid darauf schwören, diesen Brief freiwillig geschrieben zu haben.

LUISE : Gott! Gott! Und du selbst musst das Siegel geben, die Werke der Hölle zu verwahren? (Wurm zieht sie mit fort.)



 

 

Personen Szenen
 
Vierter Akt

Erste Szene


Saal beim Präsidenten. Ferdinand von Walter, einen offenen Brief in der Hand, kommt stürmisch durch eine Tür, durch eine andere ein Kammerdiener.

FERDINAND : War der Marschall nicht da?

KAMMERDIENER : Herr Major, der Herr Präsident fragt nach Ihnen.

FERDINAND : Alle Donner! Ich frage, war der Marschall nicht da?

KAMMERDIENER : Der gnädige Herr sitzen oben am Kartentisch.

FERDINAND : Der gnädige Herr soll im Namen der Hölle herkommen. (Kammerdiener geht.)



 

Personen Szenen
 
Vierter Akt

Zweite Szene


Ferdinand allein, den Brief durchfliegend, bald erstarrend, bald wütend herumstürzend.

FERDINAND : Es ist nicht möglich. Nicht möglich. Diese himmlische Hülle versteckt kein so teuflisches Herz. Und doch! Doch! Wenn alle Engel herunterstiegen und für ihre Unschuld bürgten, wenn Himmel und Erde, wenn Schöpfung und Schöpfer zusammenträten und für ihre Unschuld bürgten, es ist ihre Handschrift. Ein unerhörter, ungeheurer Betrug, wie die Menschheit noch keinen erlebte! Das also war's, warum sie sich so beharrlich der Flucht widersetzte! Darum, oh Gott! Jetzt erwache ich, jetzt enthüllt sich mir alles! Darum gab sie den Anspruch auf meine Liebe mit soviel Heldenmut auf, und bald, bald hätte selbst mich die himmlische Schminke betrogen! (Er stürzt rascher durchs Zimmer, dann steht er wieder nachdenkend still.) Mich so ganz zu ergründen! Jedes kühne Gefühl, jede leise, schüchterne Regung zu erwidern, jede feurige Wallung. An der feinsten Vagheit eines schwebenden Lauts meine Seele zu fassen. Mich zu berechnen in einer einzigen Träne. Auf jeden steilen Gipfel der Leidenschaft mich zu begleiten, mir zu begegnen vor jedem schwindelnden Absturz. Gott! Gott! Und alles das nichts als Grimasse? Grimasse? Oh wenn die Lüge eine so haltbare Farbe hat, wie ginge es zu, daß sich noch kein Teufel in das Himmelreich hinein log? Da ich ihr die Gefahr unsrer Liebe entdeckte, mit welch überzeugender Täuschung erblasste die Falsche da! Mit welch siegender Würde schlug sie den frechen Hohn meines Vaters zu Boden, und in eben dem Augenblick fühlte das Weib sich doch schuldig. Was? Hielt sie nicht selbst die Feuerprobe der Wahrheit aus, die Heuchlerin sinkt in Ohnmacht. Welche Sprache wirst du jetzt führen, Empfindung? Auch Kokette sinken in Ohnmacht. Womit wirst du dich rechtfertigen, Unschuld? Auch Huren sinken in Ohnmacht. Sie weiß, was sie aus mir gemacht hat. Sie hat meine ganze Seele gesehn. Mein Herz trat beim Erröten des ersten Kusses sichtbar in meine Augen. Und sie empfand nichts? Empfand vielleicht nur den Triumph ihrer Verführungskunst? Da mein glücklicher Wahnsinn den ganzen Himmel in ihr zu umspannen wähnte? Meine wildesten Wünsche schwiegen? Vor meinem Gemüt stand kein Gedanke als die Ewigkeit und das Mädchen Gott! Da empfand sie nichts? Fühlte nichts, als daß ihr Anschlag gelungen war? Nichts, als daß ihre Reize geschmeichelt wurden? Tod und Rache! Nichts, als daß ich betrogen sei?



 

Personen Szenen
 
Vierter Akt

Dritte Szene


Der Hofmarschall und Ferdinand.

HOFMARSCHALL ins Zimmer trippelnd : Sie haben den Wunsch blicken lassen, mein Bester.

FERDINAND vor sich hin murmelnd : Einem Schurken den Hals zu brechen. (laut) Marschall, dieser Brief muss Ihnen bei der Parade aus der Tasche gefallen sein, und ich (mit boshaftem Lachen) war zum Glück der Finder.

HOFMARSCHALL : Sie?

FERDINAND : Durch den lustigsten Zufall. Schreiben Sie's der höheren Macht zugute.

HOFMARSCHALL : Sie sehen, wie ich erschrecke, Baron.

FERDINAND : Lesen Sie! Lesen Sie! (von ihm weggehend) Bin ich auch schon zum Liebhaber zu schlecht, vielleicht stelle ich mich desto besser als Kuppler an. (Während der Hofmarschall liest, tritt Ferdinand zur Wand und nimmt zwei Pistolen herunter.)

HOFMARSCHALL wirft den Brief auf den Tisch und will sich davonmachen : Verflucht!

FERDINAND führt ihn am Arm zurück : Geduld, lieber Marschall. Die Nachricht scheint mir wichtig, ich will meinen Finderlohn haben. (Er zeigt ihm die Pistolen.)

HOFMARSCHALL tritt bestürzt zurück : Sie werden vernünftig sein, Bester.

FERDINAND mit starker, schrecklicher Stimme : Mehr als zuviel, um einen Schelmen, wie du bist, in die jenseitige Welt zu schicken! (Er dringt ihm die eine Pistole auf, zugleich zieht er sein Taschentuch.) Nehmen Sie! Dieses Tuch da fassen Sie! Ich habe es von ihr.

HOFMARSCHALL : Was soll das Taschentuch? Rasen Sie? Worauf sinnen Sie?

FERDINAND : Fass dieses Ende an, sag ich. Sonst wirst du daneben schießen, Memme! Wie sie zittert, die Memme! Du solltest Gott danken, Memme, daß du zum erstenmal etwas Festes in deinen Hirnkasten kriegst. (Der Hofmarschall macht sich auf die Beine.) Sachte! Das wollen wir lieber bleibenlassen. (Er überholt ihn und riegelt die Türe ab.)

HOFMARSCHALL : Hier im Zimmer, Baron?

FERDINAND : Als ob sich mit dir ein Gang vor die Stadt lohnte? Hier knallt's desto lauter, und das ist ja doch wohl das erste Geräusch, das du in der Welt machst. Schlag an!

HOFMARSCHALL wischt sich die Stirn : Und Sie wollen Ihr kostbares Leben so aussetzen, junger hoffnungsvoller Mann?

FERDINAND : Schlag an, sag ich. Ich habe nichts mehr in dieser Welt zu tun.

HOFMARSCHALL : Aber ich desto mehr, mein Allervortrefflichster.

FERDINAND : Du, Bursche? Was? Der Notnagel zu sein, wo die anderen sich verdrücken? In einem Augenblick siebenmal kurz und siebenmal lang zu werden, wie der Schmetterling an der Nadel? Ein Register zu führen über den Stuhlgang deines Herrn, und der Mietgaul seines Witzes zu sein? Ebenso gut. Ich führe dich wie irgendein seltenes Murmeltier mit mir. Wie ein zahmer Affe sollst du zum Geheul der Verdammten tanzen, apportieren und aufwarten, und mit deinen höfischen Künsten die ewige Verzweiflung belustigen.

HOFMARSCHALL : Alles, was Sie befehlen, Herr, wie Sie belieben, nur die Pistolen weg!

FERDINAND : Wie er dasteht, der Schmerzenssohn! Dasteht, dem sechsten Schöpfungstag zum Schimpf! Als wenn ihn ein Tübinger Buchhändler dem Allmächtigen nachgedruckt hätte! Schande nur, ewig Schande für die Unze Gehirn, die so schlecht in diesem undankbaren Schädel wuchert. Diese einzige Unze hätte dem Pavian noch vollends zum Menschen geholfen, da sie jetzt nur einen Bruch von Vernunft macht. Und mit diesem ihr Herz zu teilen? Ungeheuer! Unverantwortlich! Einem Kerl, mehr dazu gemacht, von Sünden zu abzuschrecken als dazu aufzureizen.

HOFMARSCHALL : Oh Gott sei ewig Dank, er wird witzig.

FERDINAND : Ich will ihn gelten lassen. Die Toleranz, die die Raupe schont, soll auch diesem zugute kommen. Man begegnet ihm, zuckt etwa die Achsel, bewundert vielleicht noch die kluge Wirtschaft des Himmels, der auch mit Trebern und Bodensatz noch Kreaturen speist; der dem Raben am Hochgericht und einem Höfling im Schlamme der Majestäten den Tisch deckt. Zuletzt erstaunt man noch über die große Polizei der Vorsicht, die auch in der Geisterwelt ihre Blindschleichen und Taranteln zur Ausfuhr des Gifts besoldet. Aber (indem sich seine Wut erneuert) an meine Blume soll mir das Ungeziefer nicht kriechen, oder ich will es (den Marschall fassend und unsanft herumschüttelnd) so und so und wieder so durcheinanderquetschen.

HOFMARSCHALL für sich hin seufzend : Oh mein Gott! Wer hier weg wäre! Hundert Meilen von hier im Bicêtre zu Paris, nur bei dem hier nicht!

FERDINAND : Bube! Wenn sie nicht rein mehr ist? Bube! Wenn du genossest, wo ich anbetete? (noch wütender) Schwelgtest du, wo ich wie ein Gott mich fühlte? (plötzlich schweigt er, darauf fürchterlich) Für dich wär es besser, du fliehst in die Hölle zu, als daß dir mein Zorn im Himmel begegnete! Wie weit kamst du mit dem Mädchen? Sag die Wahrheit!

HOFMARSCHALL : Lassen Sie mich los. Ich will alles verraten.

FERDINAND : Oh! Es muß reizender sein, mit diesem Mädchen zu buhlen, als mit andern noch so himmlisch zu schwärmen. Wollte sie ausschweifen, wollte sie, sie könnte den Wert der Seele herunterbringen und die Tugend mit der Wollust verfälschen. (Er setzt dem Marschall die Pistole aufs Herz.) Wie weit kamst du mit ihr? Ich drücke ab, oder bekenne!

HOFMARSCHALL : Es ist nichts, ist ja alles nichts. Haben Sie nur eine Minute Geduld. Sie sind ja betrogen.

FERDINAND : Und daran mahnst du mich, Bösewicht? Wie weit kamst du mit ihr? Du bist des Todes, oder bekenne!

HOFMARSCHALL : Mon Dieu! Mein Gott! Ich spreche ja. So hören Sie doch nur: Ihr Vater, Ihr eigener, leiblicher Vater ...

FERDINAND grimmiger : Hat seine Tochter an dich verkuppelt? Und wie weit kamst du mit ihr? Ich ermorde dich, oder bekenne!

HOFMARSCHALL : Sie rasen, sie hören nicht. Ich sah sie nie. Ich kenne sie nicht. Ich weiß gar nichts von ihr.

FERDINAND zurücktretend : Du sahst sie nie? Kennst sie nicht? Weißt gar nichts von ihr? Luise ist verloren um deinetwillen, und du leugnest sie dreimal in einem Atem hinweg? Fort, schlechter Kerl. (Er gibt ihm mit der Pistole einen Schlag und stößt ihn aus dem Zimmer.) Für deinesgleichen ist kein Pulver erfunden!



 

Personen Szenen
 
Vierter Akt

Vierte Szene


FERDINAND nach einem langen Stillschweigen, worin seine Züge einen schrecklichen Gedanken entwickeln : Verloren! Ja, Unglückselige! Ich bin es. Du bist es auch. Ja, bei dem großen Gott! Wenn ich verloren bin, bist du es auch! Richter der Welt! Fordre sie mir nicht ab. Das Mädchen ist mein. Ich trat dir deine ganze Welt für das Mädchen ab, habe Verzicht getan auf deine ganze herrliche Schöpfung. Lass mir das Mädchen. Richter der Welt! Dort winseln Millionen Seelen nach dir, dorthin kehre das Auge deines Erbarmens. Mich lass allein machen, Richter der Welt! (indem er schrecklich die Hände faltet) Sollte der reiche, vermögende Schöpfer mit einer Seele geizen, die noch dazu die schlechteste seiner Schöpfung ist? Das Mädchen ist mein! Ich war einst ihr Gott, jetzt bin ich ihr Teufel! (Er verdreht die Augen.) Eine Ewigkeit mit ihr auf ein Rad der Verdammnis geflochten, Augen in Augen wurzelnd, Haare zu Berge stehend gegen Haare. Auch unser hohles Wimmern in eins geschmolzen. Und jetzt zu wiederholen meine Zärtlichkeiten, und jetzt ihr vorzusingen ihre Schwüre. Gott! Gott! Die Vermählung ist fürchterlich, aber ewig! (Er will schnell hinaus. Der Präsident tritt herein.)



 

Personen Szenen
 
Vierter Akt

Fünfte Szene


Der Präsident und Ferdinand.

FERDINAND zurücktretend : Oh! Mein Vater!

PRÄSIDENT : Sehr gut, daß wir uns sehen, mein Sohn. Ich komme, dir etwas Angenehmes zu verkünden, und etwas, lieber Sohn, das dich ganz gewiss überraschen wird. Wollen wir uns setzen?

FERDINAND sieht ihn lange Zeit starr an : Mein Vater! (Er geht mit stärkerer Bewegung zu ihm und fasst seine Hand.) Mein Vater! (Er küsst seine Hand und fällt vor ihm nieder.) Oh mein Vater!

PRÄSIDENT : Was ist mit dir, mein Sohn? Steh auf. Deine Hand brennt und zittert.

FERDINAND mit wilder, feuriger Empfindung : Verzeihung für meinen Undank, mein Vater! Ich bin ein verworfener Mensch. Ich habe deine Güte verkannt. Du meinst es mit mir so väterlich Oh! Du hattest eine weissagende Seele. Jetzt ist es zu spät. Verzeihung! Verzeihung! Deinen Segen, mein Vater!

PRÄSIDENT heuchelt eine schuldlose Miene : Steh auf, mein Sohn! Besinne dich, du sprichst in Rätseln.

FERDINAND : Diese Luise, mein Vater, oh, du kennst die Menschen besser. Deine Wut war damals so gerecht, so edel, so väterlich warm. Nur verfehlte der warme Vatereifer seine Wirkung an mir. Diese Luise!

PRÄSIDENT : Quäle mich nicht, mein Sohn. Ich verfluche meine Härte! Ich bin gekommen, um mich bei dir zu entschuldigen.

FERDINAND : Zu entschuldigen? Bei mir? Verfluchen solltest du mich! Deine Missbilligung war Weisheit. Deine Härte war himmlisches Mitleid. Diese Luise, Vater ...

PRÄSIDENT : Ist ein edles, ein liebes Mädchen. Ich widerrufe meinen übereilten Verdacht. Sie hat meine Achtung erworben.

FERDINAND springt erschüttert auf : Was? Du auch? Vater! Nicht wahr, mein Vater, ein Geschöpf wie die Unschuld? Und es ist so menschlich, dieses Mädchen zu lieben?

PRÄSIDENT : Sagen wir es so: Es wäre ein Verbrechen, sie nicht zu lieben.

FERDINAND : Unerhört! Ungeheuer! Und du schaust doch sonst durch die Herzen so hindurch! Und noch dazu mit Augen des Hasses! Heuchelei ohne Beispiel. Diese Luise, Vater ...

PRÄSIDENT : Ist es wert, meine Tochter zu sein. Ich rechne ihre Tugend für Abstammung und ihre Schönheit für Besitz. Meine Grundsätze weichen deiner Liebe, sie sei dein!

FERDINAND stürzt fürchterlich aus dem Zimmer : Das fehlte noch! Lebe wohl, mein Vater! (Er geht.)

PRÄSIDENT ihm nachgehend : Bleib! Bleib! Wohin stürmst du?



 

Personen Szenen
 
Vierter Akt

Sechste Szene


Ein sehr prächtiger Saal bei der Lady Milford. Die Lady und Sophie treten herein.

LADY : Also sahst du sie? Wird sie kommen?

SOPHIE : Jeden Augenblick. Sie war noch im Hausgewand und wollte sich nur rasch umkleiden.

LADY : Still, sage mir nichts von ihr. Wie eine Verbrecherin zittere ich, die Glückliche zu sehen, die mit meinem Herzen so schrecklich harmonisch fühlt. Und wie nahm sie die Einladung auf?

SOPHIE : Sie schien bestürzt, wurde nachdenklich, sah mich mit großen Augen an und schwieg. Ich hatte mich schon auf ihre Ausflüchte vorbereitet, als sie mit einem Blick, der mich ganz überraschte, zur Antwort gab: "Ihre Dame befiehlt, was ich mir morgen selbst erbitten wollte."

LADY sehr unruhig : Lass mich, Sophie. Beklage mich. Ich muss erröten, wenn sie nur das gewöhnliche Weib ist, und wenn sie mehr ist, verzagen.

SOPHIE : Aber, Mylady. Das ist die Laune nicht, eine Nebenbuhlerin zu empfangen. Erinnern Sie sich, wer Sie sind. Rufen Sie Ihre Geburt, Ihren Rang, Ihre Macht zu Hilfe. Ein stolzeres Herz muss die stolze Pracht Ihres Anblicks erheben.

LADY zerstreut : Was schwatzt du Närrin da?

SOPHIE boshaft : Oder es ist vielleicht Zufall, daß eben heute die kostbarsten Brillanten an Ihnen blitzen? Zufall, daß eben heute der reichste Stoff Sie bekleiden muss, daß Ihr Vorzimmer von Offizieren und Dienern wimmelt, und das Bürgermädchen im fürstlichsten Saal Ihres Palastes erwartet wird?

LADY auf und ab voll Erbitterung : Verwünscht! Unerträglich! Daß Weiber für Weiberschwächen solche Luchsaugen haben! Aber wie tief, wie tief muss ich schon gesunken sein, daß eine solche Person mich ergründet!

EIN KAMMERDIENER tritt auf : Das Fräulein Miller.

LADY zu Sophie : Hinweg du! Entferne dich! (drohend, da diese noch zaudert) Hinweg! Ich befehle es. (Sophie geht ab, die Lady macht einen Gang durch den Saal.) Gut! Recht gut, daß ich in Wallung kam. Ich bin, wie ich wünschte. (zum Kammerdiener) Das Fräulein mag eintreten. (Der Kammerdiener geht. Sie wirft sich auf das Sofa und nimmt eine vornehm-lässige Haltung an.)



 

Personen Szenen
 
Vierter Akt

Siebente Szene


Luise Miller tritt schüchtern herein und bleibt in großer Entfernung von der Lady stehen; die Lady hat ihr den Rücken zugewandt und betrachtet sie eine Zeitlang aufmerksam in dem gegenüberstehenden Spiegel.

LUISE nach einer Pause : Gnädige Frau, ich erwarte Ihre Befehle.

LADY dreht sich nach Luise um und nickt nur eben mit dem Kopf, wie fremd und zurückgezogen : Aha! Ist Sie hier? Ohne Zweifel das Fräulein, eine gewisse, wie heißt sie noch?

LUISE etwas empfindlich : Miller nennt sich mein Vater, und Ihre Gnaden riefen nach seiner Tochter.

LADY : Ganz recht! Recht! Ich entsinne mich, die arme Geigerstochter, von der neulich die Rede war. (nach einer Pause, für sich) Sehr interessant, und doch keine Schönheit. (laut zu Luise) Tritt näher, mein Kind. (wieder für sich) Augen, die sich im Weinen übten. Wie lieb' ich sie, diese Augen! (wiederum laut) Nur näher, nur ganz nah, gutes Kind, ich glaube, du fürchtest mich?

LUISE bedeutend, mit entschiedenem Ton : Nein, Mylady. Ich verachte das Urteil der Menge.

LADY für sich : Sieh an! Und diesen Trotzkopf hat sie von ihm. (laut) Man hat Sie mir empfohlen, Fräulein. Sie sollen was gelernt haben, und auch sonst zu leben wissen. Nun ja. Ich will's glauben. Auch wäre mir nichts teuer genug, einen so warmherzigen Fürsprecher Lügen zu strafen.

LUISE : Aber ich kenne niemand, Mylady, der sich Mühe gäbe, mich einer Herrin zu empfehlen.

LADY geschraubt : Mühe um das Mädchen oder um die Herrin?

LUISE : Das ist mir zu hoch, gnädige Frau.

LADY : Mehr Schelmerei, als diese offene Bildung vermuten lässt! Luise nennt Sie sich? Und wie jung, wenn man fragen darf?

LUISE : Sechzehn geworden.

LADY steht rasch auf : Nun ist's heraus! Sechzehn Jahre! Das erste Pulsieren von Leidenschaft! Auf dem unberührten Klavier der erste einweihende Silberton! Nichts ist verführerischer. Setz dich, ich bin dir gut, liebes Mädchen. Und auch er liebt zum ersten Mal. Was Wunder, wenn sich die Strahlen eines Morgenrots finden? (sehr freundlich und ihre Hand ergreifend) Es bleibt dabei, ich will dein Glück machen, meine Liebe. Nichts, nichts als die süße, frühe, verfliegende Träumerei. (Luise auf die Wange klopfend) Meine Sophie heiratet. Du sollst ihre Stelle haben. Sechzehn Jahr! Es kann nicht von Dauer sein.

LUISE küsst ihr ehrerbietig die Hand : Ich danke für diese Gnade, Mylady, als würde ich sie annehmen.

LADY in Entrüstung zurückfallend : Man sehe die große Dame! Sonst wissen sich Jungfern Ihrer Herkunft noch glücklich, wenn sie Herrschaften finden. Wo will denn Sie hinaus, meine Kostbare? Sind diese Finger zur Arbeit zu niedlich? Ist es Ihr bisschen Gesicht, worauf Sie trotzig tut?

LUISE : Mein Gesicht, gnädige Frau, gehört mir so wenig wie meine Herkunft.

LADY : Oder glaubt Sie vielleicht, das werde kein Ende nehmen? Armes Geschöpf, wer dir das in den Kopf setzte, mag er sein, wer er will, er hat euch beide zum besten gehalten. Diese Wangen sind nicht im Feuer vergoldet. Was dir dein Spiegel für echt und ewig verkauft, ist nur ein dünner, angeflogener Goldschaum, der deinem Anbeter über kurz oder lang in der Hand klebenbleiben muss. Was werden wir dann machen?

LUISE : Den Anbeter bedauern, Mylady, der einen Diamant kaufte, weil er in Gold schien gefasst zu sein.

LADY ohne darauf achten zu wollen : Ein Mädchen von Ihren Jahren hat immer zwei Spiegel zugleich, den wahren und ihren Bewunderer. Die gefällige Geschmeidigkeit des letzteren macht die rauhe Offenherzigkeit des ersteren wieder gut. Der eine rügt eine hässliche Falte. Weit gefehlt, sagt der andere, es ist ein Grübchen der Grazien. Ihr guten Kinder glaubt jenem nur, was euch dieser gesagt hat, hüpft von einem zum andern, bis ihr zuletzt die Aussagen beider verwechselt. Warum begafft Sie mich so?

LUISE : Verzeihen Sie, gnädige Frau, ich war soeben im Begriff, diesen prächtig blitzenden Rubin zu beweinen, der es nicht wissen muss, daß seine Besitzerin so scharf gegen die Eitelkeit eifert.

LADY errötend : Lenke nicht vom Thema ab, Fräulein! Wenn es nicht die Vorzüge Ihrer Gestalt sind, was in der Welt könnte Sie abhalten, einen Stand zu wählen, der der einzige ist, wo Sie Manieren und Welt lernen können, der einzige ist, wo Sie sich Ihrer bürgerlichen Vorurteile entledigen können?

LUISE : Auch meiner bürgerlichen Unschuld, Mylady?

LADY : Läppischer Einwurf! Der ausgelassenste Bube ist zu verzagt, uns etwas Schändliches zuzumuten, wenn wir ihm nicht selbst ermunternd entgegengehen. Zeige Sie mir, wer Sie ist. Gebe Sie sich Ehre und Würde, und ich spreche Ihre Jugend von aller Versuchung frei.

LUISE : Erlauben Sie, gnädige Frau, daß ich mich unterstehe, daran zu zweifeln. Die Paläste gewisser Damen sind oft die Freistätten der frechsten Ergötzlichkeit. Wer sollte der Tochter des armen Geigers den Heldenmut zutrauen, den Heldenmut, mitten in die Pest sich zu werfen und doch dabei vor der Ansteckung zu schaudern? Wer sollte sich träumen lassen, daß Lady Milford ihrem Gewissen einen ewigen Skorpion halte, daß sie viel Geld dafür verwendet, um den Vorteil zu haben, jeden Augenblick schamrot zu werden? Ich bin offenherzig, gnädige Frau, würde Sie mein Anblick ergötzen, wenn Sie einem Vergnügen entgegengingen? Würden Sie ihn ertragen, wenn Sie zurückkämen? Oh besser! Besser! Sie lassen Himmelsstriche uns trennen, Sie lassen Meere zwischen uns wogen! Sehen Sie sich vor, Mylady, Stunden der Nüchternheit, Augenblicke der Erschöpfung könnten Sie überkommen, Schlangen der Reue könnten Ihren Busen anfallen, und nun, welche Folter für Sie, im Gesicht ihres Dienstmädchens die heitere Ruhe zu lesen, womit die Unschuld ein reines Herz zu belohnen pflegt. (Sie tritt einen Schritt zurück.) Noch einmal, gnädige Frau. Ich bitte sehr um Vergebung.

LADY mit großer innerer Bewegung herumgehend : Unerträglich, daß sie mir das sagt! Unerträglicher, daß sie Recht hat! (zu Luise tretend und ihr starr in die Augen sehend) Mädchen, du wirst mich nicht überlisten. So warm sprechen Meinungen nicht. Hinter diesen Maximen lauert ein feurigeres Interesse, das dir meine Dienste besonders abscheulich ausmalt, das dein Gespräch so erhitzte, das ich (drohend) erfahren muss.

LUISE gelassen und edel : Und wenn Sie es nun erführen? Und wenn Ihr verächtlicher Fersenstoß den beleidigten Wurm aufweckte, dem der liebe Gott gegen Misshandlung einen Stachel gab? Ich fürchte Ihre Rache nicht, Lady. Die arme Sünderin auf dem berüchtigten Henkerstuhl lacht zum Weltuntergang. Mein Elend ist so groß, daß selbst Aufrichtigkeit es nicht mehr vergrößern kann. (nach einer Pause, sehr ernsthaft) Sie wollen mich aus dem Staub meiner Herkunft reißen? Ich will sie nicht weiter prüfen, diese verdächtige Gnade. Ich will nur fragen, was Mylady bewegen konnte, mich für die Törin zu halten, die über ihre Herkunft errötet? Was sie berechtigen konnte, sich zur Schöpferin meines Glücks aufzuwerfen, ehe sie noch wusste, ob ich mein Glück auch von ihren Händen empfangen wolle? Ich hatte meinen ewigen Anspruch auf die Freuden der Welt aufgegeben. Ich hatte dem Glück seine Übereilung verziehen. Warum mahnen Sie mich aufs neue daran? Wenn selbst die Gottheit dem Blick der Erschaffenen ihr Antlitz verbirgt, daß nicht ihr oberster Engel vor seiner Verfinsterung zurückschauere, warum wollen Menschen so grausam-barmherzig sein? Wie kommt es, Mylady daß Ihr gepriesenes Glück das Elend so gern um Neid und Bewunderung anbettelt? Hat Ihre Wonne die Verzweiflung so nötig zur Folie? Oh lieber! So gönnen Sie mir doch eine Blindheit, die mich allein noch mit meinem barbarischen Los versöhnt. Fühlt sich doch das Insekt in einem Tropfen Wasser so selig, als wär' es ein Himmelreich, so froh und so selig, bis man ihm von einem Weltmeer erzählt, worin Flotten und Walfische schwimmen! Aber glücklich wollen Sie mich ja wissen? (nach einer Pause plötzlich zur Lady hintretend und mit Überraschung sie fragend) Sind Sie glücklich, Mylady? (Diese verlässt sie schnell und betroffen. Luise folgt ihr und hält ihr die Hand vor die Brust.) Hat dieses Herz auch die lachende Gestalt Ihres Standes? Und wenn wir jetzt Brust gegen Brust und Schicksal gegen Schicksal auswechseln sollten, und wenn ich in kindlicher Unschuld, und wenn ich in Ihr Gewissen, und wenn ich als meine Mutter Sie fragte, würden Sie mir dann wohl zu dem Tausche raten?

LADY lässt sich heftig bewegt auf das Sofa nieder : Unerhört! Unbegreiflich! Nein, Mädchen! Nein! Diese Größe hast du nicht auf die Welt gebracht, und für einen Vater ist sie zu jugendlich. Lüg' mich nicht an. Ich höre einen andern Lehrer heraus.

LUISE sieht ihr fein und scharf in die Augen : Es sollte mich doch wundern, Mylady, wenn Sie jetzt erst diesen Lehrer errieten und doch vorhin schon eine Anstellung für mich wussten.

LADY springt auf : Es ist nicht auszuhalten! Also gut. Weil ich dir doch nicht entwischen kann. Ich kenne ihn, ich weiß alles, weiß mehr, als ich wissen will. (plötzlich hält sie inne, darauf mit einer Heftigkeit, die nach und nach bis beinahe zum Toben steigt) Aber wage es bloß, Unglückliche, wage es, ihn jetzt noch zu lieben, oder von ihm geliebt zu werden! Was sage ich. Wage es, nur an ihn zu denken oder einer von seinen Gedanken zu sein! Ich bin mächtig, Unglückliche, fürchterlich, so wahr Gott lebt! Du bist verloren!

LUISE standhaft : Ohne Rettung, Mylady, sobald sie ihn zwingen, daß er Sie lieben muss.

LADY : Ich verstehe dich, aber er soll mich nicht lieben. Ich will über diese schimpfliche Leidenschaft siegen, mein Herz unterdrücken und das deinige zermalmen, Felsen und Abgründe will ich zwischen euch werfen, wie eine Furie will ich mitten durch euren Himmel rasen, mein Name soll eure Küsse wie ein Gespenst die Verbrecher auseinander scheuchen, deine junge blühende Gestalt unter seiner Umarmung welk wie eine Mumie zusammenfallen. Ich kann nicht mit ihm glücklich werden, aber du sollst es auch nicht. Wisse das, Elende! Seligkeit zerstören ist auch Seligkeit.

LUISE : Eine Seligkeit, um die man Sie schon gebracht hat, Mylady. Lästern Sie Ihr eigenes Herz nicht. Sie sind nicht fähig, das auszuüben, was Sie so drohend auf mich herabschwören. Sie sind nicht fähig, ein Geschöpf zu quälen, das Ihnen nichts zuleide getan, das empfunden hat wie Sie. Aber ich schätze Sie um dieser Wallung willen, Mylady.

LADY die sich wieder beruhigt hat : Wo bin ich? Wo war ich? Was habe ich merken lassen? Wen habe ich's merken lassen? Oh Luise, edle, große, göttliche Seele! Vergib' einer Rasenden. Ich will dir kein Haar krümmen, mein Kind. Wünsche! Fodere! Ich will dich auf den Händen tragen, deine Freundin, deine Schwester will ich sein. Du bist arm, schau her! (einige Brillanten herunternehmend) Ich will diesen Schmuck verkaufen, meine Garderobe, Pferd und Wagen verkaufen, dein sei alles, aber entsage ihm!

LUISE tritt zurück voll Befremdung : Spotten Sie über eine Verzweifelnde, oder sollten Sie an der barbarischen Tat im Ernst keinen Anteil gehabt haben? Ha! So könnte ich mir ja noch den Schein einer Heldin geben und meine Ohnmacht zu einem Verdienst aufputzen. (Sie steht eine Weile gedankenvoll, dann tritt sie näher zur Lady, fasst ihre Hand und sieht sie starr und bedeutend an.) Nehmen Sie ihn denn hin, Mylady! Freiwillig trete ich Ihnen den Mann ab, den man mit Haken der Hölle von meinem blutenden Herzen riss. Vielleicht wissen Sie es selbst nicht, Mylady, aber Sie haben den Himmel zweier Liebenden zerstört, voneinander gezerrt zwei Herzen, die Gott aneinanderband, zerschmettert ein Geschöpf, das ihm nahe ging wie Sie, das er zur Freude schuf wie Sie, das ihn gepriesen hat wie Sie, und ihn nun nimmermehr preisen wird, Lady! Ans Ohr des Allmächtigen dringt auch der letzte Schrei des zertretenen Wurms, es wird ihm nicht gleichgültig sein, wenn man Seelen in seinen Händen mordet! Jetzt ist er Ihnen! Jetzt, Mylady, nehmen Sie ihn hin! Rennen Sie in seine Arme! Reißen Sie ihn zum Altar. Nur vergessen Sie nicht, daß zwischen Ihren Brautkuss das Gespenst einer Selbstmörderin stürzen wird. Gott wird barmherzig sein. Ich kann mir nicht anders helfen. (Sie stürzt hinaus.)



 

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Vierter Akt

Achte Szene


Lady Milford allein. Sie steht erschüttert und außer sich, den starren Blick nach der Türe gerichtet, durch welche Luise weggeeilt ist. Endlich erwacht sie aus ihrer Betäubung.

LADY : Wie war das? Wie geschah mir? Was sprach die Unglückliche? Noch, oh Himmel, noch zerreißen sie mein Ohr, die fürchterlichen mich verdammenden Worte: Nehmen Sie ihn hin! Wen, Unglückselige? Das Geschenk deines Sterberöchelns, das schauervolle Vermächtnis deiner Verzweiflung! Gott! Gott! Bin ich so tief gesunken, so plötzlich von allen Thronen meines Stolzes herabgestürzt, daß ich heißhungrig erwarte, was einer Bettlerin Großmut aus ihrem letzten Todeskampf mir zuwerfen wird? Nehmen Sie ihn hin! Und das spricht sie mit einem Ton, begleitet sie mit einem Blick ... Ha! Emilie! Bist du darum über die Grenzen deines Geschlechts weggeschritten? Musstest du darum um den prächtigen Namen des großen britischen Weibes buhlen, daß das prahlende Gebäude deiner Ehre neben der höheren Tugend einer verwahrlosten Bürgerdirne versinken soll? Nein, stolze Unglückliche! Nein! Beschämen lässt sich Emilie Milford, doch beschimpfen nie! Auch ich habe Kraft zu entsagen. (mit majestätischen Schritten auf und nieder gehend) Verkrieche dich jetzt, weiches leidendes Weib. Fahret hin, süße goldene Bilder der Liebe, Großmut allein sei jetzt meine Führerin! Dieses liebende Paar ist verloren oder ich muss meinen Anspruch vertilgen und im Herzen des Fürsten erlöschen! (nach einer Pause, lebhaft) Es ist geschehen! Beseitigt das furchtbare Hindernis, zerbrochen alle Bande zwischen mir und dem Herzog, gerissen aus meinem Busen diese wütende Liebe! In deine Arme werfe ich mich, Tugend! Nimm sie auf, deine reuige Tochter Emilie! Ah, wie mir so wohl ist! Wie ich auf einmal so leicht, so gehoben mich fühle! Groß wie eine sinkende Sonne will ich heute vom Gipfel meiner Hoheit heruntersinken, meine Herrlichkeit sterbe mit meiner Liebe, und nichts als mein Herz begleite mich in diese stolze Verbannung! (entschlossen zum Schreibpult gehend) Jetzt gleich muss es geschehen, jetzt auf der Stelle, ehe die Reize des lieben Jünglings den blutigen Kampf meines Herzens erneuern. (Sie setzt sich nieder und fängt an zu schreiben.)



 

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Vierter Akt

Neunte Szene


Lady Milford. Ein Kammerdiener. Sophie, später der Hofmarschall, zuletzt Bediente.

KAMMERDIENER : Hofmarschall von Kalb steht im Vorzimmer mit einem Auftrag vom Herzog.

LADY in der Hitze des Schreibens : Auftaumeln wird sie, die fürstliche Drahtpuppe! Freilich, der Einfall ist auch drollig genug, so eine durchlauchtige Hirnschale auseinanderzutreiben! Seine Hofschranzen werden wirbeln, das ganze Land wird in Gärung kommen.

KAMMERDIENER und SOPHIE : Der Hofmarschall, Mylady!

LADY dreht sich um : Wer? Was? Desto besser! Diese Sorte von Geschöpfen ist zum Sacktragen auf der Welt. Er soll mir willkommen sein.

Der Kammerdiener geht.

SOPHIE ängstlich näherkommend : Wenn ich nicht fürchten müsste, Mylady, es wäre Vermessenheit (Die Lady schreibt hitzig fort.) Das Fräulein Miller stürzte außer sich durch den Vorsaal. Sie glühen, Sie sprechen mit sich selbst (Die Lady schreibt immer fort.) Ich erschrecke; was muss geschehen sein?

HOFMARSCHALL tritt herein, macht dem Rücken der Lady tausend Verbeugungen. Da sie ihn nicht gleich bemerkt, kommt er näher, stellt sich hinter ihren Sessel, sucht den Zipfel ihres Kleids zu fassen und drückt einen Kuss darauf; mit furchtsamem Lispeln : Serenissimus ...

LADY indem sie Sand aufs Blatt streut und das Geschriebene überfliegt : Er wird mir schwarzen Undank zur Last legen. Ich war eine Verlassene. Er hat mich aus dem Elend gezogen. Aus dem Elend? Abscheulicher Tausch! Zerreiße deine Rechnung, Verführer! Meine ewige Schamröte bezahlt sie mit Wucher.

HOFMARSCHALL nachdem er die Lady vergeblich vor, allen Seiten umgangen hat : Mylady scheinen etwas distrait zu sein. Ich werde mir wohl selbst die Kühnheit erlauben müssen. (sehr laut) Serenissimus schicken mich, Mylady zu fragen, ob diesen Abend Vauxhall sein werde oder deutsche Komödie?

LADY lachend aufstehend : Eins von beiden, mein Engel. Unterdessen bringen Sie Ihrem Herzog diese Karte zum Dessert! (zu Sophie) Du, Sophie, befiehlst, daß man anspannen soll, und rufst meine ganze Dienerschaft in diesen Saal zusammen.

SOPHIE geht voll Bestürzung : Oh Himmel! Was ahnt mir? Was wird das noch werden?

HOFMARSCHALL : Sie sind echauffiert, meine Gnädige?

LADY : Um so weniger wird hier gelogen werden. Hurra, Herr Hofmarschall, es wird eine Stelle vakant. Gut Wetter für Kuppler. (da der Marschall einen zweifelhaften Blick auf den Zettel wirft) Lesen Sie, lesen Sie! Es ist mein Wille, daß der Inhalt nicht unter vier Augen bleibe.

HOFMARSCHALL liest, unterdessen sammeln sich die Bedienten der Lady im Hintergrund : "Gnädigster Herr, ein Vertrag, den Sie so leichtsinnig brachen, kann mich nicht mehr binden. Die Glückseligkeit Ihres Landes war die Bedingung meiner Liebe. Drei Jahre währte der Betrug. Die Binde fällt mir von den Augen; ich verabscheue Gunstbezeugungen, die von den Tränen der Untertanen triefen. Schenken Sie die Liebe, die ich Ihnen nicht mehr erwidern kann, Ihrem weinenden Lande, und lernen von einer kritischen Fürstin Erbarmen gegen Ihr deutsches Volk. In einer Stunde bin ich über der Grenze. Johanna von Norfolk."

Alle BEDIENTE murmeln bestürzt durcheinander : Über der Grenze?

HOFMARSCHALL legt das Blatt erschrocken auf den Tisch : Behüte der Himmel, meine Beste und Gnädige! Dem Überbringer müßte wohl der Hals ebenso jucken als der Schreiberin.

LADY : Das ist deine Sorge, du Goldmann. Leider weiß ich es, daß du und deinesgleichen am Nachbeten dessen, was andre getan haben, ersticken! Mein Rat wäre, man backe den Zettel in eine Wildbretpastete, so fände ihn der Serenissimus auf dem Teller.

HOFMARSCHALL : Ciel! Diese Vermessenheit! So erwägen Sie doch, so bedenken Sie doch, wie sehr Sie sich in Ungnade setzen, Lady!

LADY wendet sich zu der versammelten Dienerschaft und spricht das Folgende mit der innigsten Rührung : Ihr steht bestürzt, gute Leute, erwartet angstvoll, wie sich das Rätsel entwickeln wird? Kommt näher, meine Lieben. Ihr dientet mir redlich und warm, sahet mir öfter in die Augen als in die Börse, euer Gehorsam war eure Leidenschaft, euer Stolz, meine Gnade! Daß das Andenken eurer Treue zugleich das Gedächtnis meiner Erniedrigung sein muss! Trauriges Schicksal, daß meine schwärzesten Tage eure glücklichen waren! (mit Tränen in den Augen) Ich entlasse euch, meine Kinder. Lady Milford ist nicht mehr, und Johanna von Norfolk zu arm, ihre Schuld abzutragen. Mein Schatzmeister verteile meine Schatulle unter euch. Dieser Palast bleibt dem Herzog. Der Ärmste von euch wird reicher davongehen als seine Gebieterin. (Sie reicht ihre Hände hin, die alle nacheinander mit Leidenschaft küssen.) Ich verstehe euch, meine Guten. Lebt wohl! Lebt ewig wohl! (Sie löst sich aus ihrer Beklemmung.) Ich höre den Wagen vorfahren. (Sie reißt sich los, will hinaus, der Hofmarschall versperrt ihr den Weg.) Mann des Erbarmens, stehst du noch immer da?

HOFMARSCHALL der diese ganze Zeit über fassungslos auf den Zettel sah : Und diese Nachricht soll ich Seiner Hochfürstlichen Durchlaucht zu höchsteigenen Händen geben?

LADY : Mann des Erbarmens! Zu höchsteigenen Händen, und sollst melden zu höchsteigenen Ohren, weil ich nicht barfuß nach Loretto könne, so werde ich um den Taglohn arbeiten, mich zu reinigen von dem Schimpf, ihn beherrscht zu haben. (Sie eilt ab. Alle übrigen gehen sehr bewegt auseinander.)



 

 

Personen Szenen
 
Fünfter Akt

Erste Szene


Abends zwischen Licht in einem Zimmer beim Musikanten. Luise sitzt stumm und ohne sich zu rühren in dem finstersten Winkel des Zimmers, den Kopf auf den Arm gesunken. Nach einer großen und tiefen Pause kommt Miller mit einer Handlaterne, leuchtet ängstlich im Zimmer herum, ohne Luise zu bemerken, dann legt er den Hut auf den Tisch und setzt die Laterne nieder.

MILLER : Hier ist sie auch nicht. Hier wieder nicht. Durch alle Gassen bin ich gezogen, bei allen Bekannten bin ich gewesen, auf allen Toren hab ich gefragt, mein Kind hat man nirgends gesehen. (nach einigem Stillschweigen) Geduld, armer, unglücklicher Vater. Warte ab, bis es Morgen wird. Vielleicht kommt deine Einzige dann ans Ufer geschwommen. Gott! Gott! Wenn nicht mein Herz so abgöttisch an dieser Tochter hinge. Die Strafe ist hart, himmlischer Vater, hart! Ich will nicht murren, himmlischer Vater, aber die Strafe ist hart. (Er wirft sich gramvoll in einen Stuhl.)

LUISE spricht aus dem Winkel : Du tust recht, armer, alter Mann! Lerne beizeiten noch verlieren.

MILLER springt auf : Bist du da, mein Kind? Bist du's? Aber warum denn so einsam und ohne Licht?

LUISE : Ich bin darum doch nicht einsam. Wenn's so recht schwarz wird um mich herum, hab' ich meine besten Besuche.

MILLER : Gott bewahre dich! Nur der Gewissenswurm schwärmt mit der Eule. Sünden und böse Geister scheuen das Licht.

LUISE : Auch die Ewigkeit, Vater, die mit der Seele ohne Gehilfen redet.

MILLER : Kind! Kind! Was für Reden sind das?

LUISE steht auf und kommt vorwärts : Ich habe einen harten Kampf gekämpft. Du weißt es, Vater. Gott gab mir Kraft. Der Kampf ist entschieden. Vater, man pflegt unser Geschlecht zart und zerbrechlich zu nennen. Glaube das nicht mehr. Vor einer Spinne schütteln wir uns, aber das schwarze Ungeheuer Verwesung drücken wir im Spaß in die Arme. Dies zu deiner Beruhigung, Vater, deine Luise ist lustig.

MILLER : Höre, Tochter! Ich wollte, du heultest, das passte besser zu dir.

LUISE : Wie ich ihn überlisten will, Vater! Wie ich den Tyrannen betrügen will! Die Liebe ist schlauer als die Bosheit und kühner, das hat er nicht gewußt, der Mann mit dem traurigen Stern. Oh, sie sind pfiffig, solange sie es nur mit dem Kopf zu tun haben, aber sobald sie mit dem Herzen anbinden, werden die Bösewichter dumm. Mit einem Eid gedachte er seinen Betrug zu versiegeln? Eide, Vater, binden wohl die Lebendigen, im Tode zerschmilzt auch der Sakramente eisernes Band. Ferdinand wird seine Luise kennen. Willst du mir dies Brieflein versenden, Vater, sei so gut.

MILLER : An wen, meine Tochter?

LUISE : Seltsame Frage! Die Unendlichkeit und mein Herz haben miteinander nicht Raum genug für einen einzigen Gedanken an ihn. Wem hätte ich denn wohl sonst schreiben sollen?

MILLER unruhig : Höre, Luise, ich öffne den Brief.

LUISE : Wie du willst, aber du wirst nicht klug daraus werden. Die Buchstaben liegen wie kalte Leichname da und leben nur unter den Augen der Liebe.

MILLER liest : "Du bist verraten, Ferdinand! Ein Bubenstück ohne Beispiel zerriss den Bund unsrer Herzen, aber ein schrecklicher Schwur hat meine Zunge gebunden und dein Vater hat überall seine Spione aufgestellt. Doch wenn du Mut hast, Geliebter: ich weiß einen dritten Ort, wo kein Eidschwur mehr bindet und wohin ihm kein Spion folgen kann." (Miller hält inne und sieht ihr ernsthaft ins Gesicht.)

LUISE : Warum siehst du mich so an? Lies doch zu Ende, Vater.

MILLER : "Aber Mut genug musst du haben, eine finstere Straße zu wandeln, wo dir nichts leuchtet als deine Luise und Gott. Nur in lauter Liebe musst du kommen und daheim lassen all deine Hoffnungen und all deine brausenden Wünsche; nichts kannst du brauchen als dein Herz. Willst du, so mach dich auf, wenn die Glocke den zwölften Schlag tut. Bangt dir, so durchstreiche das Wort 'stark' vor deinem Geschlechte, denn ein Mädchen hat dich zuschanden gemacht." (Miller legt das Blatt hin, schaut lange mit einem schmerzlichen starren Blick vor sich hin, endlich wendet er sich um und sagt mit leiser, gebrochener Stimme) Und dieser dritte Ort, meine Tochter?

LUISE : Du kennst ihn nicht, kennst ihn wirklich nicht, Vater? Sonderbar! Der Ort ist zum Finden gemalt. Ferdinand wird ihn finden.

MILLER : Verflucht! Rede deutlicher.

LUISE : Ich weiß soeben kein liebliches Wort dafür. Du musst nicht erschrecken, wenn ich ein hässliches nenne. Dieser Ort, oh, warum hat die Liebe keinen Namen dafür erfunden! Den schönsten hätte sie ihm gegeben. Der dritte Ort, guter Vater, aber du musst mich ausreden lassen, ist das Grab.

MILLER zu einem Sessel hinwankend : Oh mein Gott!

LUISE geht auf ihn zu und hält ihn : Nicht doch, mein Vater! Das sind nur Schauer, die sich um das Wort herumlagern. Weg mit diesem, und es liegt ein Brautbett da, worüber der Morgen seinen goldenen Teppich breitet und die Frühlinge ihre bunte Girlanden streuen. Nur ein heulender Sünder könnte den Tod ein Gerippe schelten; es ist ein holder, niedlicher Knabe, blühend, wie sie den Liebesgott malen, aber so tückisch nicht, ein stiller, dienstbarer Geist, der der erschöpften Pilgerin namens Seele den Arm bietet über die Gräben der Zeit hinweg zu schreiten, das Feenschloss der ewigen Herrlichkeit aufschließt, freundlich nickt und verschwindet.

MILLER : Was hast du vor, meine Tochter? Du willst eigenmächtig Hand an dich legen.

LUISE : Nenn' es nicht so. Eine Gesellschaft verlassen, wo ich nicht wohlgelitten bin, an einen Ort voraus gehen, den ich nicht länger meiden kann, ist denn das Sünde?

MILLER : Selbstmord ist die abscheulichste, mein Kind, die einzige, die man nicht mehr bereuen kann, weil Tod und Missetat zusammenfallen.

LUISE bleibt erstarrt stehen : Entsetzlich! Aber so rasch wird es doch nicht gehn. Ich will in den Fluss springen, Vater, und im Hinuntersinken Gott den Allmächtigen um Erbarmen bitten.

MILLER : Das heißt, du willst den Diebstahl bereuen, sobald du das Gestohlene in Sicherheit weißt, Tochter! Tochter! Gib acht, daß du Gott nicht verspottest, wenn du ihn am nötigsten hast. Oh, es ist weit, weit mit dir gekommen! Du hast dein Gebet aufgegeben, und der Barmherzige zog seine Hand von dir.

LUISE : Ist lieben denn Frevel?

MILLER : Wenn du Gott liebst, wirst du nie bis aus Frevel lieben. Du hast mich tief niedergedrückt, meine Einzige! Tief, tief, vielleicht bis in die Grube gebeugt. Doch ich will dir dein Herz nicht noch schwerer machen. Ich sprach vorhin etwas. Ich glaubte allein zu sein. Du hast mich belauscht, und warum sollt ich's noch länger geheim halten? Du warst mein Abgott. Höre, Luise, wenn du noch Platz für das Gefühl eines Vaters hast. Du warst mein Alles. Jetzt verlierst du nichts mehr von deinem Eigentum. Auch ich habe alles zu verlieren. Du siehst, mein Haar fängt an grau zu werden. Die Zeit naht mir, wo den Vätern der Ertrag zustatten kommt aus dem, was wir im Herzen unsrer Kinder anlegten. Wirst du mich darum betrügen, Luise? Wirst du dich mit dem Hab und Gut deines Vaters auf und davon machen?

LUISE küsst seine Hand mit der heftigsten Rührung : Nein, mein Vater. Ich gehe als deine große Schuldnerin aus der Welt, und werde in der Ewigkeit den Wucher bezahlen müssen.

MILLER : Gib acht, ob du dich da nicht verrechnest, mein Kind? (sehr ernst und feierlich) Werden wir uns dort wohl noch finden? Sieh! Wie du blass wirst! Meine Luise begreift es von selbst, daß ich sie in jener Welt wohl nicht mehr einholen kann, weil ich nicht so früh dahin eile wie sie. (Luise stürzt ihm in den Arm, von Schauern ergriffen. Er drückt sie heftig an seine Brust und fährt fort mit beschwörender Stimme.) Oh Tochter! Tochter! Gefallene, vielleicht schon verlorene Tochter! Beherzige das ernsthafte Vaterwort! Ich kann nicht über dich wachen. Ich kann dir die Messer nehmen, du kannst dich mit einer Stricknadel töten. Für Gift kann ich dich bewahren, du kannst dich mit einem Strick erwürgen. Luise, Luise, nur warnen kann ich dich noch: willst du es darauf ankommen lassen, daß dein treuloses Gaukelbild auf der schrecklichen Brücke zwischen Zeit und Ewigkeit von dir weiche? Willst du dich vor des Allwissenden Thron mit der Lüge wagen: Deinetwegen, Schöpfer, bin ich da! Wenn deine strafbaren Augen ihre sterbliche Puppe suchen? Und wenn dieser zerbrechliche Gott deines Gehirns, jetzt Wurm wie du, zu den Füßen deines Richters sich windet, deine gottlose Zuversicht in diesem schwankenden Augenblick Lügen straft und deine betrogenen Hoffnungen an die ewige Erbarmung verweist, die der Elende für sich selbst kaum erflehen kann. Wie dann? (nachdrücklicher und lauter) Wie dann, Unglückselige? (Er hält sie fester, blickt sie eine Weile starr und durchdringend an, dann verlässt er sie schnell.) Jetzt weiß ich nichts mehr. (mit erhobener Hand) Stehe dir, Gott Richter! Für diese Seele nicht mehr. Tu, was du willst. Bring deinem schlanken Jüngling ein Opfer, daß deine Teufel jauchzen und deine guten Engel zurücktreten. Zieh' hin! Lade alle deine Sünden auf, lade auch diese, die letzte, die entsetzlichste auf, und wenn die Last noch zu leicht ist, so soll mein Fluch das Gewicht vollkommen machen. Hier ist ein Messer, durchstich dein Herz, und (indem er laut weinend fortstürzen will) das Vaterherz!

LUISE springt auf und eilt ihm nach : Halt! Halt! Oh mein Vater! Daß die Zärtlichkeit noch barbarischer zwingt als Tyrannenwut! Was soll ich? Ich kann nicht! Was muss ich tun?

MILLER : Wenn die Küsse deines Majors heißer brennen als die Tränen deines Vaters, so stirb!

LUISE nach einem qualvollem Kampf mit einiger Festigkeit : Vater! Hier ist meine Hand! Ich will ... Gott! Gott! Was tue ich? Was will ich? Vater, ich schwöre ... Wehe mir, wehe! Verbrecherin, wohin ich mich neige! Vater, es sei! Ferdinand ... Gott sieht herab! So vernichte ich sein letztes Angedenken. (Sie zerreißt den Brief.)

MILLER stürzt ihr freudetrunken an den Hals : Das ist meine Tochter! Blick auf! Um einen Liebhaber bist du leichter, dafür hast du einen glücklichen Vater gemacht. (unter Lachen und Weinen sie umarmend) Kind! Kind, das ich den Tag meines Lebens nicht wert war! Gott weiß, wie ich schlechter Mann zu diesem Engel gekommen bin! Meine Luise, mein Himmelreich! Oh Gott, ich verstehe wenig vom Lieben, aber daß es eine Qual sein muss aufzuhören, das begreife ich.

LUISE : Doch hinweg aus dieser Gegend, Vater, weg von der Stadt, wo die Leute über mich spotten und mein guter Name für immer dahin ist. Weg, weg, weit weg von dem Ort, wo mich so viele Spuren an meine verlorene Seligkeit erinnern, weg, wenn es noch möglich ist.

MILLER : Wohin du willst. Das Brot unseres Herrgotts wächst überall, und Ohren wird er auch meiner Geige bescheren. Ja! Lass auch alles dahingehen. Ich setze die Geschichte deines Grams auf die Laute, singe dann ein Lied von der Tochter, die, ihren Vater zu ehren, ihr Herz zerriss, wir betteln mit der Ballade von Türe zu Türe, und das Almosen wird köstlich schmecken von den Händen der Weinenden.



 

Personen Szenen
 
Fünfter Akt

Zweite Szene


Ferdinand zu den Vorigen.

LUISE bemerkt ihn zuerst und wirft sich ihrem Vater laut schreiend in die Arme : Gott! Da ist er! Ich bin verloren!

MILLER : Wo? Wer?

LUISE zeigt mit abgewandtem Gesicht auf Ferdinand und drückt sich fester an ihren Vater : Er! Er selbst! Sieh dich um. Mich zu ermorden ist er da!

MILLER erblickt ihn, fährt zurück : Was? Sie hier, Herr Baron?

FERDINAND kommt langsam näher, bleibt Luise gegenüber stehen und lässt den starren, forschenden Blick auf ihr ruhen; nach einer Pause : Überraschtes Gewissen, habe Dank! Dein Bekenntnis ist schrecklich, aber schnell und gewiss, und erspart mir die Folterung. Guten Abend, Miller.

MILLER : Aber um Gottes willen! Was wollen Sie, Herr Baron? Was führt Sie her? Was soll dieser Überfall?

FERDINAND : Ich weiß noch eine Zeit, wo man den Tag in seine Sekunden zerstückte, wo Sehnsucht nach mir sich an die Gewichte der zögernden Wanduhr hing und auf den Aderschlag lauerte, unter dem ich erscheinen sollte. Wie kommt's, daß ich jetzt überrasche?

MILLER : Gehen Sie, gehen Sie, Herr Baron, wenn noch ein Funke von Menschlichkeit in Ihrem Herzen zurückblieb. Wenn Sie die nicht erwürgen wollen, die Sie zu lieben vorgeben, fliehen Sie, bleiben Sie keinen Augenblick länger. Der Segen war fort aus meiner Hütte, sobald Sie einen Fuß hinein setzten. Sie haben das Elend unter mein Dach gerufen, wo sonst nur die Freude zu Hause war. Sind Sie noch nicht zufrieden? Wollen Sie auch in der Wunde noch wühlen, die Ihre unglückliche Bekanntschaft meinem einzigen Kinde schlug?

FERDINAND : Wunderlicher Vater, jetzt komme ich ja, deiner Tochter etwas Erfreuliches zu sagen.

MILLER : Neue Hoffnungen etwa zu einer reuen Verzweiflung? Geh, Unglücksbote! Dein Gesicht schimpft deine Ware.

FERDINAND : Endlich ist es erschienen, das Ziel meiner Hoffnungen! Lady Milford, das furchtbarste Hindernis unserer Liebe, floh in diesem Augenblick aus dem Lande. Mein Vater billigt meine Wahl. Das Schicksal lässt nach, uns zu verfolgen. Unsere glücklichen Sterne gehen auf. Ich bin jetzt da, mein gegebenes Wort einzulösen und meine Braut zum Altar abzuholen.

MILLER : Hörst du ihn, meine Tochter? Hörst du ihn sein Gespött mit deinen getäuschten Hoffnungen treiben? Oh wahrlich, Herr Baron! Es steht dem Verführer so schön, an seinem Verbrechen seinen Witz noch zu kitzeln.

FERDINAND : Sie glauben, ich scherze. Bei meiner Ehre nicht! Meine Aussage ist wahr, wie die Liebe meiner Luise, und heilig will ich sie halten, wie sie ihre Eide, ich kenne nichts Heiligeres. Noch zweifelst du? Noch kein freudiges Erröten auf den Wangen meiner schönen Gemahlin? Sonderbar! Die Lüge muss hier gängige Münze sein, wenn die Wahrheit so wenig Glauben findet. Ihr misstraut meinen Worten? So glaubt diesem schriftlichen Zeugnis. (Er wirft Luise den Brief an den Marschall zu.)

Luise faltet ihn auseinander und sinkt leichenblass nieder.

MILLER ohne das zu bemerken, zu Ferdinand : Was soll das bedeuten, Herr Baron? Ich verstehe Sie nicht.

FERDINAND führt ihn zu Luise hin : Desto besser hat sie mich verstanden!

MILLER fällt an ihr nieder : Oh Gott! Meine Tochter!

FERDINAND : Bleich wie der Tod! Jetzt erst gefällt sie mir, deine Tochter! So schön war sie nie, die fromme, rechtschaffene Tochter. Mit diesem Leichengesicht. Der Atem des Weltgerichts, der den Firnis von jeder Lüge streift, hat jetzt die Schminke verblasst, womit die Tausendkünstlerin selbst die Engel des Lichts hintergangen hat. Es ist ihr schönstes Gesicht! Es ist ihr erstes wahres Gesicht! Lass mich es küssen! (Er will auf sie zugehen.)

MILLER : Zurück! Weg! Greife nicht an das Vaterherz, Knabe! Vor deinen Liebkosungen konnte ich sie nicht bewahren, aber ich kann es vor deinen Misshandlungen.

FERDINAND : Was willst du, Graukopf? Mit dir hab ich nichts zu schaffen. Menge dich ja nicht in ein Spiel, das so offenbar verloren ist, oder bist du auch vielleicht klüger, als ich dir zugetraut habe? Hast du die Weisheit deiner sechzig Jahre zu den Buhlschaften deiner Tochter geborgt, und dies ehrwürdige Haar mit dem Gewerbe eines Kupplers geschändet? Wenn nicht, unglücklicher alter Mann, dann lege dich nieder und stirb, noch ist es Zeit. Noch kannst du in dem süßen Taumel entschlafen: Ich war ein glücklicher Vater. Einen Augenblick später, und du schleuderst die giftige Natter ihrer höllischen Heimat zu, verfluchst das Geschenk und den Geber, und fährst mit der Gotteslästerung in die Grube. (zu Luise) Sprich, Unglückselige! Schriebst du diesen Brief?

MILLER warnend zu Luise : Um Gotteswillen, Tochter! Vergiss nicht! Vergiss nicht!

LUISE : Oh dieser Brief, mein Vater

FERDINAND : Daß er in falsche Hände fiel? Gepriesen sei mir der Zufall, er hat größere Taten getan als die klügelnde Vernunft und wird besser bestehen an jenem Tag als der Witz aller Weisen. Zufall, sage ich? Oh die Vorsehung ist dabei, wenn Sperlinge fallen, warum nicht, wo ein Teufel entlarvt werden soll? Antwort will ich! Schriebst du diesen Brief?

MILLER sie beschwörend : Standhaft! Standhaft, meine Tochter! Nur noch das einzige Ja, und alles ist überwunden.

FERDINAND : Lustig! Lustig! Auch der Vater betrogen. Alles betrogen! Nun sieh, wie sie dasteht, die Schändliche, und selbst ihre Zunge nun ihrer letzten Lüge den Gehorsam aufkündigt! Schwöre bei Gott, bei dem fürchterlich wahren! Schriebst du diesen Brief?

LUISE nach einem qualvollen Kampf, worin sie durch Blicke mit ihrem Vater gesprochen hat, fest und entscheidend : Ich schrieb ihn.

FERDINAND bleibt erschrocken stehen : Luise. Nein! So wahr meine Seele lebt, du lügst. Auch die Unschuld bekennt sich auf der Folterbank zu Freveln, die sie nie beging. Ich fragte zu heftig, nicht wahr, Luise, du bekanntest nur, weil ich zu heftig fragte?

LUISE : Ich bekannte, was wahr ist.

FERDINAND : Nein sag ich! Nein! Nein! Du schriebst ihn nicht. Es ist deine Hand gar nicht. Und wäre sie es, warum sollten Handschriften schwerer nachzumachen sein als Herzen zu verderben? Rede wahr, Luise, oder nein, nein, tu es nicht, du könntest Ja sagen, und ich wäre verloren. Eine Lüge, Luise, eine Lüge, oh wenn du jetzt eine wüsstest, mir hinwirfst mit der offenen Engelmiene, nur mein Ohr, nur mein Auge überredest, dieses Herz auch noch so abscheulich täuschst. Oh Luise! Alle Wahrheit möchte dann mit diesem Hauch aus der Schöpfung wandern, und die gute Sache ihren starren Hals von nun an zu einem höfischen Bückling beugen! (mit scheuem, bebenden Ton) Schriebst du diesen Brief?

LUISE : Bei Gott! Bei dem fürchterlich wahren! Ja!

FERDINAND nach einer Pause, im Ausdruck des tiefsten Schmerzens : Weib! Weib! Das Gesicht, mit dem du jetzt vor mir stehst! Teile mit diesem Gesicht Paradiese aus, du wirst selbst im Reich der Verdammnis keinen Käufer finden. Wusstest du, was du mir warst, Luise? Unmöglich! Nein! Du wusstest nicht, daß du mir alles warst! Alles! Es ist ein armes, verächtliches Wort, aber die Ewigkeit hat Mühe, es zu umwandern. Weltsysteme vollenden ihre Bahnen darin. Alles! Und so frevelhaft damit zu spielen. Oh es ist schrecklich

LUISE : Sie haben mein Geständnis, Herr von Walter. Ich habe mich selbst verdammt. Gehen Sie nun! Verlassen Sie ein Haus, wo Sie so unglücklich waren.

FERDINAND : Gut! gut! Ich bin ja ruhig. Ruhig, sagt man ja, ist auch der schaudernde Strich Landes, wo die Pest drüber hinwegging. Ich bin es. (nach einigem Nachdenken) Noch eine Bitte, Luise, die letzte! Mein Kopf brennt plötzlich so fiebrig. Ich brauche Kühlung, willst du mir ein Glas Limonade zurechtmachen? (Luise geht.)



 

Personen Szenen
 
Fünfter Akt

Dritte Szene


Ferdinand und Miller. Beide gehen, ohne ein Wort zu reden, einige Zeit lang auf den entgegengesetzten Seiten des Zimmers auf und ab.

MILLER bleibt endlich stehen und betrachtet Ferdinand mit trauriger Miene : Lieber Herr Baron, kann es Ihren Gram vielleicht mindern, wenn ich Ihnen gestehe, daß ich Sie herzlich bedaure?

FERDINAND : Lassen Sie's gut sein, Miller. (wieder einige Schritte später) Miller, ich weiß nur kaum noch, wie ich in Ihr Haus kam, was war die Veranlassung?

MILLER : Wie, Herr Baron? Sie wollten Unterricht auf der Flöte bei mir nehmen. Das wissen Sie nicht mehr?

FERDINAND rasch : Ich sah Ihre Tochter. (wiederum nach einer Pause) Sie haben nicht Wort gehalten, Freund. Wir vereinbarten Beruhigung für meine einsamen Stunden. Er betrog mich und verkaufte mir Skorpione. (da er Millers Bewegtheit sieht) Nein! Erschrick' nur nicht, alter Mann. (Er umarmt ihn gerührt.) Du bist nicht schuldig.

MILLER sich die Augen wischend : Das weiß der allwissende Gott!

FERDINAND aufs neue hin und her, in düsteres Grübeln versunken : Seltsam, oh unbegreiflich seltsam spielt Gott mit uns. An dünnen, unmerkbaren Seilen hängen oft fürchterliche Gewichte. Wüsste der Mensch, daß er an diesem Apfel den Tod essen sollte, verflucht, wüsste er das? (heftiger auf und nieder gehend, dann Millers Hand mit Nachdruck fassend) Mann, ich bezahle dir dein bisschen Flöte zu teuer, und du gewinnst nicht einmal. Auch du verlierst, verlierst vielleicht alles. (niedergeschlagen von ihm weggehend) Unglückseliges Flötenspiel, das mir nie hätte einfallen sollen.

MILLER sucht seine Rührung zu verbergen : Das Mädchen bleibt auch gar zu lang draußen. Ich denke, ich sehe nach, wenn Sie mir's nicht für übel nehmen.

FERDINAND : Es eilt nicht, lieber Miller (vor sich hinmurmelnd) zumal für den Vater nicht, bleiben Sie nur. Was hatte ich noch fragen wollen? Ja. Ist Luise Ihre einzige Tochter? Sonst haben Sie keine Kinder mehr?

MILLER warmherzig : Habe sonst keins mehr, Herr Baron. Wünsche mir auch keins mehr. Das Mädel ist just so recht, mein ganzes Vaterherz einzustecken, hab' meine ganze Barschaft von Liebe an der Tochter schon zugesetzt.

FERDINAND heftig erschüttert : Oh! Sehen Sie doch lieber einmal nach, guter Miller. (Miller geht.)



 

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Fünfter Akt

Vierte Szene


Ferdinand allein.

FERDINAND : Das einzige Kind! Fühlst du das, Mörder? Das einzige! Mörder! Hörst du, das einzige? Und der Mann hat auf der großen Welt Gottes nichts als sein Instrument und das einzige. Du willst's ihm rauben? Rauben? Rauben den letzten Notpfennig einem Bettler? Die Krücke zerbrochen vor die Füße werfen dem Lahmen? Wie? Habe ich auch die Gewalt dafür? Wie er nun heim eilt und nicht erwarten kann, die ganze Summe seiner Freuden vom Gesicht dieser Tochter abzulesen, und hereintritt, und sie daliegt, die Blume, welk, tot, zertreten, mutwillig die letzte, einzige, überschwängliche Hoffnung Oh! Und wie er dasteht vor ihr, und dasteht, und ihm die ganze Natur den lebendigen Atem anhält, und sein erstarrter Blick die entvölkerte Unendlichkeit fruchtlos durchwandert, Gott sucht, und Gott nicht mehr finden kann, und leer zurückkommt. Gott! Gott! Aber auch mein Vater hat diesen einzigen Sohn, doch nicht den einzigen Reichtum (nach einer Pause) Doch wie? Was verliert er denn? Das Mädchen, dem die heiligsten Gefühle der Liebe nur Puppen waren, wird es den Vater glücklich machen können? Sie wird es nicht! Und ich verdiene noch Dank, daß ich die Natter zertrete, ehe sie auch noch den Vater verwundet.



 

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Fünfter Akt

Fünfte Szene


Miller, der zurückkommt, und Ferdinand.

MILLER : Gleich sollen Sie bedient sein, Herr Baron. Draußen sitzt das arme Ding und will sich zu Tode weinen. Sie wird Ihnen mit der Limonade auch Tränen zu trinken geben.

FERDINAND : Wohl, wenn's nur Tränen wären! Weil wir vorhin von der Musik sprachen, Miller (Er holt seine Geldbörse hervor.) Ich bin Ihnen noch etwas schuldig.

MILLER : Wie? Was? Gehen Sie mir, Herr Baron! Wofür halten Sie mich? Das steht ja in guter Hand, tun Sie mir doch den Schimpf nicht an, und wir sind ja, so Gott will, nicht das letztemal beieinander.

FERDINAND : Wer kann das wissen? Nehmen Sie nur. Es ist für Leben und Sterben.

MILLER lachend : Oh deswegen, Herr Baron! Auf den Fall, denke ich, kann man's wagen bei Ihnen.

FERDINAND : Man wagte wirklich. Haben Sie nie gehört, daß Jünglinge gefallen sind, Mädchen und Jünglinge, die Kinder der Hoffnung, die Luftschlösser betrogener Väter? Was Krnakheit und Alter nicht tun, kann oft ein Donnerschlag ausrichten. Auch Ihre Luise ist nicht unsterblich.

MILLER : Ich hab' sie von Gott.

FERDINAND : Hören Sie, ich sage Ihnen, sie ist nicht unsterblich. Diese Tochter ist Ihr Augapfel. Sie haben sich mit Herz und Seele an diese Tochter gehängt. Seien Sie vorsichtig, Miller. Nur ein verzweifelter Spieler setzt alles auf einen einzigen Wurf. Einen Waghals nennt man den Kaufmann, der auf ein Schiff sein ganzes Vermögen lädt. Hören Sie, denken Sie darüber nach. Aber warum nehmen Sie Ihr Geld nicht?

MILLER : Was, Herr? Die ganze Börse? Wohin denken Euer Gnaden?

FERDINAND : Auf meine Schuldigkeit. Da! (Er wirft den Beutel auf den Tisch, daß Goldstücke herausfallen.) Ich kann den Quark nicht eine Ewigkeit so halten.

MILLER bestürzt : Was, beim großen Gott? Das klang nicht wie Silbergeld! (er tritt zum Tisch und ruft mit Entsetzen:) Wie um aller Himmel willen, Herr Baron? Wo sind Sie? Was treiben Sie? Das nenn' ich mir Zerstreuung! (mit zusammengeschlagenen Händen) Hier liegt ja, oder bin ich verhext, oder Gott verdamm' mich! Da greif' ich ja das bare, gelbe, leibhaftige Gottesgold. Nein, Satan! Du sollst mich nicht dran kriegen!

FERDINAND : Haben Sie Roten oder Weißen getrunken, Miller?

MILLER grob : Donner und Wetter! Da schauen Sie nur hin! Gold!

FERDINAND : Und was nun weiter?

MILLER : Ins Henkers Namen: ich sage, ich bitte Sie um Gottes und Christi willen: Gold!

FERDINAND : Das ist nun freilich etwas Merkwürdiges.

MILLER nach einigem Stillschweigen zu ihm gehend; mit Empfindung : Gnädiger Herr, ich bin ein schlichter, gerader Mann, wenn Sie mich etwa zu einem Bubenstück anspannen wollen, denn so viel Geld lässt sich, weiß Gott, nicht mit etwas Gutem verdienen.

FERDINAND bewegt : Seien Sie ganz getrost, lieber Miller. Das Geld haben Sie längst verdient, und Gott bewahre mich, daß ich mich mit Ihrem guten Gewissen dafür bezahlt machen sollte.

MILLER wie ein Narr in die Höhe springend : Mein also! Mein! Mit des guten Gottes Wissen und Willen, mein! (zur Türe laufend, schreiend) Weib! Tochter! Viktoria! Herbei! (zurückkommend) Aber du lieber Himmel! Wie komm' ich denn so auf einmal zu dem ganzen grausamen Reichtum? Wie verdien' ich ihn? Lohn' ich ihn? Heh?

FERDINAND : Nicht mit Musikstunden, Miller. Mit dem Geld hier bezahle ich (von Schauern ergriffen, hält er inne) bezahle ich (nach einer Pause mit Wehmut) den drei Monate langen glücklichen Traum von Ihrer Tochter.

MILLER fasst seine Hand und drückt sie stark : Gnädiger Herr! Wären Sie ein schlechter, geringer Bürgersmann (rasch) und mein Mädel liebte Sie nicht, erstechen wollt' ich's, das Mädel. (wieder beim Geld; darauf niedergeschlagen) Aber da habe ich ja nun alles und Sie nichts, und da werde ich nun das ganze Gaudium wieder zurückblechen müssen? Heh?

FERDINAND : Lassen Sie sich darum nicht anfechten, Freund, ich reise ab, und in dem Land, wo ich mich zu setzen gedenke, gelten die Stempel nicht.

MILLER unterdessen mit unverwandten Augen auf das Gold hingeheftet, voll Entzückung : Bleibt's also mein? Aber das tut mir leid, daß Sie verreisen. Und warte, was ich jetzt auftreten will! Wie ich die Backen jetzt vollnehmen will! (Er setzt den Hut auf und eilt durch das Zimmer.) Und auf dem Markt will ich meine Musikstunden geben, und Numero fünfe Dreikönig rauchen, und wenn ich je wieder auf den billigen Plätzen sitze, soll mich der Teufel holen. (Er will fort.)

FERDINAND : Bleiben Sie! Schweigen Sie und stecken Sie Ihr Geld ein. (nachdrücklich) Nur diesen Abend noch schweigen Sie, und geben Sie, mir zu Gefallen, von nun an keine Musikstunden mehr.

MILLER noch hitziger und ihn hart an der Weste fassend, voll inniger Freude : Und Herr! Meine Tochter! (ihn wieder loslassend) Geld macht den Mann nicht, Geld nicht. Ich habe Kartoffeln gegessen oder ein wildes Huhn; satt ist satt, und dieser Rock da ist ewig gut, wenn Gottes liebe Sonne nicht durch den Ärmel scheint, für mich ist das Plunder. Aber dem Mädel soll der Segen bekommen, was ich ihr nur an den Augen absehen kann, soll sie haben.

FERDINAND fällt rasch ein : Still', oh still'.

MILLER immer feuriger : Und sie soll mir Französisch lernen von Grund auf, und Menuett tanzen und Singen, daß man's in den Zeitungen lesen soll; und eine Haube soll sie tragen wie die Hofratstöchter und einen Kidebarri, wie sie's heißen, und von der Geigerstochter soll man reden auf vier Meilen weit.

FERDINAND ergreift seine Hand mit der schrecklichsten Bewegung : Nichts mehr! Nichts mehr! Um Gottes willen, schweigen Sie still! Nur noch heute schweigen Sie still, das sei der einzige Dank, den ich fordere!



 

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Fünfter Akt

Sechste Szene


Luise und die Vorigen.

LUISE mit rotgeweinten Augen und zitternder Stimme, indem sie Ferdinand das Glas auf einem Teller bringt : Sie sagen, wenn sie nicht stark genug ist?

FERDINAND stellt das Glas hin und dreht sich rasch zu Miller : Oh, beinahe hätte ich das vergessen, darf ich Sie um etwas bitten, lieber Miller? Wollen Sie mir einen kleinen Gefallen tun?

MILLER : Tausend für einen! Was befehlen Sie?

FERDINAND : Man wird mich zum Essen erwarten, leider habe ich keine Lust, es ist mir ganz unmöglich, so unter Menschen zu gehen. Würden Sie einen Gang tun zu meinem Vater und mich entschuldigen?

LUISE erschrickt und fällt schnell ein : Das kann ich ja tun.

MILLER : Zum Präsidenten?

FERDINAND : Nicht zu ihm selbst. Übergeben Sie die Nachricht in der Garderobe einem Kammerdiener, zu Ihrer Legitimation ist hier meine Uhr, ich bin noch da, wenn Sie wiederkommen.

LUISE sehr ängstlich : Kann ich denn das nicht auch besorgen?

FERDINAND zu Miller, der eben fort will : Halt, und noch etwas! Hier ist ein Brief an meinen Vater, der vorhin bei mir ankam, vielleicht dringende Geschäfte, geben Sie ihn gleich mit ab.

MILLER : Schon gut, Herr Baron.

LUISE hängt sich an ihn, in der entsetzlichsten Bangigkeit : Aber mein Vater, dies alles könnt ich ja recht gut besorgen.

MILLER : Du bist allein, und es ist finstere Nacht, meine Tochter. (Er geht.)

FERDINAND : Leuchte deinem Vater, Luise. (Während sie ihn mit dem Licht begleitet, tritt Ferdinand zum Tisch und schüttet Gift in ein Glas Limonade.) Ja! Sie soll dran! Sie soll! Die oberen Mächte nicken mir ihr schreckliches Ja herunter, die Rache des Himmels unterschreibt, ihr guter Engel lässt sie fahren.



 

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Fünfter Akt

Siebente Szene


Ferdinand und Luise. Sie kommt langsam mit dem Licht zurück, setzt es nieder und stellt sich Ferdinand gegenüber, den Blick zum Boden gerichtet und nur zuweilen furchtsam und verstohlen nach ihm herüber schielend. Er steht auf der andern Seite und sieht starr vor sich hin. Großes Stillschweigen, das diesen Auftritt ankündigen muss.

LUISE : Wollen Sie mich begleiten, Herr von Walter, so spiele ich ein Stück auf dem Klavier.

Ferdinand gibt ihr keine Antwort. Pause.

LUISE : Sie sind mir auch noch eine Revanche auf dem Schachbrett schuldig. Wollen wir eine Partie wagen, Herr von Walter?

Pause.

LUISE : Herr von Walter, die Brieftasche, die ich Ihnen einmal zu sticken versprochen, ich habe sie angefangen, wollen Sie es sich ansehen?

Pause.

LUISE : Oh, ich fühle mich so elend!

FERDINAND ohne sich zu rühren : Das könnte wahr sein.

LUISE : Meine Schuld ist es nicht, Herr von Walter, daß Sie so schlecht unterhalten werden.

FERDINAND lacht beleidigend vor sich hin : Denn was kannst du für meine blöde Bescheidenheit?

LUISE : Ich hab es ja wohl gewusst, daß wir jetzt nicht gut zusammen taugen. Ich erschrak auch gleich, ich bekenne es, als Sie meinen Vater fortschickten, ich vermute, dieser Augenblick wird uns beiden gleich unerträglich sein. Wenn Sie mir erlauben wollen, so gehe ich und bitte einige von meinen Bekannten her.

FERDINAND : Oh ja doch, das tu. Ich will auch gleich gehen und welche von den meinigen bitten.

LUISE sieht ihn verdutzt an : Herr von Walter?

FERDINAND sehr hämisch : Bei meiner Ehre, der gescheiteste Einfall, den ein Mensch in dieser Lage nur haben kann. Wir machen aus diesem verdrießlichen Duett eine Lustbarkeit und rächen uns mit Hilfe gewisser Galanterien an den Grillen der Liebe.

LUISE : Sie sind so aufgedreht, Herr von Walter?

FERDINAND : Ganz außerordentlich, um die Knaben auf dem Markt hinter mir her zu jagen! Nein, in Wahrheit, Luise, dein Beispiel bekehrt mich. Du sollst meine Lehrerin sein. Toren sind es, die von ewiger Liebe schwatzen, ewiges Einerlei widersteht, Veränderung nur ist das Salz des Vergnügens. Topp, Luise! Ich bin dabei, wir hüpfen von Affäre zu Affäre, wälzen uns von Schlamm zu Schlamm, du dahin, ich dorthin. Vielleicht, daß meine verlorene Ruhe sich in einem Bordell wiederfinden lässt. Vielleicht, daß wir dann nach dem lustigen Wettlauf wie zwei modernde Gerippe mit der angenehmsten Überraschung von der Welt zum zweitenmal aufeinanderstoßen, daß wir uns da an dem gemeinschaftlichen Familienzug, den kein Kind dieser Mutter verleugnet, wie in einer Komödie wiedererkennen, daß Ekel und Scham noch eine Harmonie veranstalten, die der zärtlichsten Liebe unmöglich gewesen ist.

LUISE : Oh Jüngling! Jüngling! Unglücklich bist du schon, willst du es auch noch verdienen?

FERDINAND grimmig durch die Zähne murmelnd : Unglücklich bin ich? Wer hat dir das gesagt? Weib, du bist zu schlecht, um selbst zu empfinden, wie könntest du eines andern Empfindungen wägen? Unglücklich, sagt sie, ha, dieses Wort könnte meine Wut aus dem Grabe rufen! Unglücklich musste ich werden, das wusste sie. Tod und Verdammnis, das wusste sie und hat mich dennoch verraten. Siehe, Schlange! Das war der einzige Fleck der Vergebung. Deine Aussage bricht dir den Hals. Bis jetzt konnte ich deinen Frevel mit deiner Einfalt beschönigen, in meiner Verachtung wärst du beinahe meiner Rache entsprungen. (indem er hastig das Glas ergreift) Also leichtsinnig warst du nicht, dumm warst du nicht, du warst nur ein Teufel. (Er trinkt.) Die Limonade ist fade wie deine Seele, trink selbst!

LUISE : Oh Himmel! Nicht umsonst habe ich diesen Auftritt gefürchtet.

FERDINAND gebieterisch : Trink!

Luise nimmt das Glas etwas unwillig und trinkt. Ferdinand wendet sich, sobald sie das Glas an den Mund setzt, erblassend ab und eilt nach dem hintersten Winkel des Zimmers.

LUISE : Die Limonade ist gut.

FERDINAND ohne sich umzusehen, von Schauer geschüttelt : Wohl bekomm's!

LUISE : Oh wenn du wüsstest, Walter, wie ungeheuer du meine Seele beleidigst.

FERDINAND : Ach ja?

LUISE : Es wird eine Zeit kommen, Walter ...

FERDINAND kommt wieder näher : Oh, mit den Zeiten wären wir fertig.

LUISE : ... wo der heutige Abend schwer auf deinem Herzen lasten dürfte.

FERDINAND immer unruhiger; wirft Degen und Schärpe von sich : Gute Nacht, Herrendienst!

LUISE : Mein Gott, was ist mit dir los?

FERDINAND : Heiß und eng ist mir's.

LUISE : Trink! Es wird dich kühlen.

FERDINAND : Das wird es ganz gewiss, die Schlampe ist gutherzig, wie alle!

LUISE mit dem vollen Ausdruck der Liebe ihm in die Arme eilend : Das sagst du deiner Luise, Ferdinand?

FERDINAND stößt sie von sich : Fort! Fort! Diese sanft schmelzenden Augen weg! Ich halt' es nicht aus. Komm' in deiner ungeheuren Furchtbarkeit, Schlange, krieche an mir herauf, Wurm, strecke deinen grässlichen Borsten aus, bäume dich auf zum Himmel, so abscheulich, als dich jemals der Abgrund sah. Nur keinen Engel mehr, nur jetzt keinen Engel mehr, es ist zu spät, ich muss dich zertreten wie eine Natter, oder verzweifeln. Erbarme dich meiner.

LUISE : Oh! Daß es so weit kommen musste!

FERDINAND sieht sie von der Seite an : Dieses schöne Werk des himmlischen Schöpfers, wer kann das glauben? Wer sollte das glauben. (Er fasst ihre Hand und hält sie hoch.) Ich will dich nicht zur Rede stellen, Gott, aber warum denn dein Gift in so schönem Gefäß? Kann das Laster in diesem milden Himmelstrich weiterkommen? Oh, es ist seltsam.

LUISE : Das anzuhören und schweigen zu müssen!

FERDINAND : Und die süße melodische Stimme. Wie kann so viel Wohlklang kommen aus zerrissenen Saiten? (mit verschleiertem Blick auf sie schauend) Alles so schön, so voll Ebenmaß, so göttlich vollkommen! Überall das Werk seiner himmlischen Schäferstunde! Bei Gott, als wäre die große Welt nur entstanden, den Schöpfer für dieses Meisterstück in Laune zu setzen! Nur bei der Seele sollte Gott sich vergriffen haben? Ist es möglich, daß diese empörende Missgeburt in die Natur ohne Tadel kam? (indem er sie schnell loslässt) Oder sah er einen Engel unter seinen Händen wachsen und half dem Versehen in der Eile mit einem desto schlechteren Herzen ab?

LUISE : Was für frevelhafter Eigensinn! Ehe du einen Irrtum zugibst, klagst du lieber den Himmel an.

FERDINAND stürzt ihr heftig weinend an den Hals : Noch einmal, Luise, noch einmal, wie am Tag unseres ersten Kusses, da du meinen Namen hauchtest und das erste Du auf deine brennenden Lippen trat. Oh, eine Saat unendlicher, unaussprechlicher Freuden schien in dem Augenblick wie in der Knospe zu liegen. Da breitete sich die Ewigkeit wie ein schöner Maitag vor unsern Augen; goldne Jahrtausende sprangen wie Brautmädchen vor unsrer Seele vorbei, da war ich der Glückliche! Luise! Luise! Luise! Warum hast du mir das angetan?

LUISE : Weinen Sie, weinen Sie, Walter. Ihre Wehmut wird gerechter gegen mich sein als Ihre Entrüstung.

FERDINAND : Du betrügst dich. Das sind nicht Tränen der Wehmut. Nicht jener warme, wollüstige Tau, der in die Wunde der Seele balsamisch fließt und das starre Rad der Empfindung wieder in Gang bringt. Es sind einzelne, kalte Tropfen, das schauerliche ewige Lebewohl meiner Liebe. (furchtbar feierlich, indem er die Hand auf ihren Kopf sinken lässt) Tränen um deine Seele, Luise, Tränen um die Gottheit, die ihres unendlichen Wohlwollens hier verfehlte, die so mutwillig um das herrlichste ihrer Werke kommt. Oh, ich meine, die ganze Schöpfung sollte den Trauerflor anlegen und über das Schauspiel betroffen sein, das vor ihren Augen geschieht. Es ist etwas Gemeines, daß Menschen fallen und Paradiese verloren werden; aber wenn die Pest unter Engeln wütet, so rufe man Trauer aus über die ganze Natur.

LUISE : Treibe mich nicht aufs Äußerste, Walter. Ich habe Seelenstärke so gut wie jedermann, aber auch sie hält nur einer menschlichen Probe stand. Walter, ein Wort noch, und dann geschieden. Ein entsetzliches Schicksal hat die Sprache unsrer Herzen verwirrt. Dürfte ich reden, Walter, ich könnte dir Dinge sagen, ich könnte ... aber das harte Verhängnis bindet meine Zunge wie meine Liebe, und dulden muss ich's, wenn du mich wie eine gemeine Dirne misshandelst.

FERDINAND : Fühlst du dich wohl, Luise?

LUISE : Wozu diese Frage?

FERDINAND : Sonst sollte mir's Leid um dich tun, wenn du mit dieser Lüge gehen müsstest.

LUISE : Ich beschwöre dich, Walter!

FERDINAND unter heftigen inneren Bewegungen : Nein! Nein! Zu satanisch wäre diese Rache! Nein, Gott bewahre mich! In jene Welt hinaus will ich's nicht treiben, Luise! Hast du den Marschall geliebt? Du wirst nicht mehr aus diesem Zimmer gehen.

LUISE : Fragen Sie, was Sie wollen. Ich antworte nichts mehr. (Sie setzt sich nieder.)

FERDINAND ernster : Sorge für deine unsterbliche Seele, Luise! Hast du den Marschall geliebt? Du wirst nicht mehr aus diesem Zimmer gehen.

LUISE : Ich antworte nichts mehr.

FERDINAND fällt in fürchterlicher Bewegung vor ihr nieder : Luise! Hast du den Marschall geliebt? Ehe dieses Licht noch ausbrennt, stehst du vor Gott!

LUISE fährt erschrocken in die Höhe : Jesus! Was ist das? Mir wird übel. (Sie sinkt auf den Sessel zurück.)

FERDINAND : So rasch? Über euch Weiber und das ewige Rätsel! Die zarten Nerven halten den Frevel fest, den die Menschheit an ihren Wurzeln zernagt, und ein armseliges Gramm Arsen wirft sie um.

LUISE : Gift! Gift! Oh mein Herrgott!

FERDINAND : So fürchte ich. Deine Limonade war in der Hölle gewürzt. Du hast sie dem Tod zugetrunken.

LUISE : Sterben! Sterben! Gott allbarmherziger! Oh, meiner Seele erbarme dich!

FERDINAND : Das ist die Hauptsache. Ich bitte ihn auch darum.

LUISE : Und meine Mutter, mein Vater, Heiland der Welt! Mein armer, verlorener Vater! Ist keine Rettung mehr? Mein junges Leben und keine Rettung! Muss ich jetzt schon dahin?

FERDINAND : Keine Rettung, musst jetzt schon dahin. Aber sei ruhig, wir machen die Reise zusammen.

LUISE : Ferdinand, auch du? Das Gift? Von dir? Oh Gott, vergib es ihm, Gott der Gnade, nimm die Sünde von ihm.

FERDINAND : Sieh du auf deine eigenen, ich fürchte, sie stehen übel.

LUISE : Ferdinand! Ferdinand! Nun kann ich nicht mehr schweigen, der Tod löst alle Eide auf. Ferdinand, Himmel und Erde hat nichts Unglückseligeres als dich. Ich sterbe unschuldig, Ferdinand.

FERDINAND erschrocken : Was sagst du da? Auf diese Reise nimmt man keine Lüge mit.

LUISE : Ich lüge nicht, ich habe nur ein einziges Mal gelogen mein Leben lang. Hu! Wie das eiskalt durch meine Adern schauert. Als ich den Brief an den Hofmarschall schrieb.

FERDINAND : Ja, dieser Brief. Gott sei Dank, jetzt hab ich all meine Kraft wieder.

LUISE ihre Zunge wird schwerer, ihre Finger fangen an zu zucken : Dieser Brief, fasse dich, ein entsetzliches Wort zu hören: meine Hand schrieb, was mein Herz verdammte. Dein Vater hat ihn mir diktiert.

Ferdinand, starr und einer steinernen Säule gleich, in langer toter Pause hingewurzelt, fällt endlich wie von einem Donnerschlag nieder.

LUISE : Ach, welch klägliches Verhängnis, Ferdinand. Man zwang mich, vergib' mir. Deine Luise hätte den Tod vorgezogen, aber mein Vater, die Drohung, sie machten es listig.

FERDINAND schrecklich emporgeworfen : Gelobet sei Gott! Noch spüre ich das Gift nicht. (Er reißt den Degen heraus.)

LUISE in Schwäche niedersinkend : Weh! Was hast du vor? Es ist dein Vater.

FERDINAND im Ausdruck der unbändigsten Wut : Mörder und Mördervater! Mit muss er, daß der Richter der Welt gegen den wahren Schuldigen rase. (Er will hinaus.)

LUISE : Sterbend vergab mein Erlöser. Heil über dich und ihn. (Sie stirbt.)

FERDINAND kehrt schnell um, bemerkt ihre letzte, sterbende Bewegung und fällt in Schmerz aufgelöst vor der Toten nieder : Halt! Halt! Geh' nicht, Engel des Himmels! (Er fasst ihre Hand an und lässt sie schnell wieder los.) Kalt, kalt und feucht! Ihre Seele ist dahin. (Er springt wieder auf.) Gott meiner Luise! Gnade, Gnade dem verruchtesten der Mörder! Es war ihr letztes Gebet! Wie reizend und schön auch im Tode! Der gerührte Würger ging schonend über diese freundliche Wangen hin. Diese Sanftmut war keine Maske, sie hat auch dem Tod standgehalten. (nach einer Pause) Aber wie? Warum spüre ich nichts? Will die Kraft meiner Jugend mich retten? Undankbare Mühe! Das ist meine Absicht nicht. (Er greift nach dem Glas.)



 

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Fünfter Akt

Letzte Szene


Ferdinand. Der Präsident. Wurm und Bediente, welche alle voll Schrecken ins Zimmer stürzen; darauf Miller mit Volk und Gerichtsdienern, welche sich im Hintergrund sammeln.

PRÄSIDENT den Brief in der Hand : Sohn, was ist das? Ich soll doch nicht glauben ...

FERDINAND wirft ihm das Glas vor die Füße : So siehe, du Mörder!

PRÄSIDENT taumelt; alle erstarren; eine erschrockene Pause : Mein Sohn! Warum hast du mir das angetan?

FERDINAND ohne ihn anzusehen : Oh ja freilich! Ich hätte den Staatsmann erst hören sollen, ob der Streich auch zu seinen Karten passe? Fein und bewundernswert, ich gesteh's, war die Kabale, den Bund unserer Herzen zu zerreißen durch Eifersucht. Die Rechnung hatte ein Meister gemacht, aber schade nur, daß die zornige Liebe dem Draht nicht so gehorsam blieb wie deine hölzerne Puppe.

PRÄSIDENT sucht mit verdrehten Augen im ganzen Kreis umher : Ist hier niemand, der um einen trostlosen Vater weinte?

MILLER hinter der Szene rufend : Lasst mich hinein! Um Gottes willen! Lasst mich!

FERDINAND : Das Mädchen ist eine Heilige, für sie muss ein anderer rechten. (Er öffnet Miller die Tür, der mit Leuten und Gerichtsdienern hereinstürzt.)

MILLER in der fürchterlichsten Angst : Mein Kind! Mein Kind! Gift. Gift, schreit man, sei hier genommen worden. Meine Tochter! Wo bist du?

FERDINAND führt ihn zwischen den Präsidenten und Luises Leiche : Ich bin unschuldig. Danke diesem hier.

MILLER fällt an ihr zu Boden : Oh Jesus!

FERDINAND : Nur wenige Worten, Vater, denn sie fangen an, mir kostbar zu werden: Ich bin bübisch um mein Leben bestohlen worden, bestohlen durch dich. Wie ich mit Gott stehe, darum zittre ich, doch ein Bösewicht bin ich niemals gewesen. Mein ewiges Los falle, wie es will, auf dich falle es nicht. Aber ich habe einen Mord begangen (mit furchtbar erhobener Stimme) einen Mord, den du mir nicht zumuten wirst, allein vor den Richter der Welt hinzuschleppen, feierlich wälze ich dir hier die größte, gräßlichste Hälfte zu, wie du damit zurechtkommen magst, siehe du selber! (ihn zu Luise hinführend) Hier, Barbar! Weide dich an der entsetzlichen Frucht deines Witzes, auf dieses Gesicht ist mit Verzerrungen dein Name geschrieben, und die Würgengel werden ihn lesen. Eine Gestalt wie diese ziehe den Vorhang von deinem Bette, wenn du schläfst, und gebe dir ihre eiskalte Hand. Eine Gestalt wie diese stehe vor deiner Seele, wenn du stirbst, und dränge dein letztes Gebet weg. Eine Gestalt wie diese stehe auf deinem Grabe, wenn du auferstehst und neben Gott, wenn er dich richtet. (Er wird ohnmächtig, Bediente halten ihn.)

PRÄSIDENT eine schreckliche Bewegung des Arms gegen den Himmel : Von mir nicht, von mir nicht, Richter der Welt, fordre diese Seelen von ihm! (Er geht auf Wurm zu.)

WURM auffahrend : Von mir?

PRÄSIDENT : Verfluchter, von dir! Von dir, Satan! Du, du gabst den Schlangenrat. Über dich die Verantwortung. Ich wasche die Hände in Unschuld.

WURM : Über mich? (Er fängt grässlich an zu lachen.) Lustig! Lustig! So weiß ich doch nun auch, auf was für Art sich die Teufel danken. Über mich, dummer Bösewicht? War es mein Sohn? War ich sein Gebieter? Über mich die Verantwortung? Ha! Bei diesem Anblick, der alles Mark in meinen Gebeinen erkalten lässt! Über mich soll sie kommen! Jetzt will ich verloren sein, aber du sollst es mit mir sein. Auf! Auf! Ruft Mord durch die Gassen! Weckt die Justiz auf! Gerichtsdiener, bindet mich! Führt mich von hinnen! Ich will Geheimnisse aufdecken, daß denen, die sie hören, die Haut schauern soll. (Er will gehen.)

PRÄSIDENT hält ihn : Du wirst doch nicht, Rasender?

WURM klopft ihm auf die Schulter : Ich werde, Kamerad! Ich werde. Rasend bin ich, das ist wahr, das ist dein Werk. So will ich auch jetzt handeln wie ein Rasender, Arm in Arm mit dir zum Blutgerüst! Arm in Arm mit dir zur Hölle! Es soll mich kitzeln, Bube, mit dir verdammt zu sein! (Er wird abgeführt.)

MILLER der die ganze Zeit über, den Kopf in Luises Schoß gesunken, in stummem Schmerz gelegen hat, steht schnell auf und wirft Ferdinand die Geldbörse vor die Füße : Giftmischer! Behalt dein verfluchtes Gold! Wolltest du mir mein Kind damit abkaufen? (Er stürzt aus dem Zimmer.)

FERDINAND mit brechender Stimme : Geht ihm nach! Er verzweifelt. Das Geld hier soll man ihm retten. Es ist meine fürchterliche Erkenntlichkeit. Luise, Luise, ich komme zu dir. Lebt wohl. Lasst mich an diesem Altar sterben.

PRÄSIDENT aus einer dumpfen Betäubung, zu seinem Sohn : Sohn Ferdinand! Soll kein Blick mehr auf einen zerschmetterten Vater fallen? (Ferdinand wird neben Luise niedergelegt.)

FERDINAND : Gott dem Erbarmenden gehört dieser letzte [Blick].

PRÄSIDENT in der schrecklichsten Qual vor ihm niederfallend : Geschöpf und Schöpfer verlassen mich. Soll kein Blick mehr zu meiner letzten Erquickung fallen?

Ferdinand reicht ihm seine sterbende Hand.

PRÄSIDENT steht schnell auf : Er vergab mir! (zu den andern) Jetzt bin ich euer Gefangener! (Er geht. Gerichtsdiener folgen ihm. Der Vorhang fällt.)



 

 

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