| Giambattista Basile |
| Die Schlange und die Königstochter |
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Vor vielen Jahren lebten einmal ein Mann und eine Frau. Die waren sehr arm, und obwohl sie arm waren, wünschten sie sich doch sehnlichst ein Kind. Leider hatte es bis dahin nicht geklappt mit dem Kinderkriegen. Zwar hatten sie einander lieb und ließen keine Gelegenheit aus und nutzten jede günstige Stunde, um ein Kindlein in die Welt zu setzen, aber es half alles nichts, keine Wollust und kein Kraut, kein Gebet und keine Spende.
Bald verging kaum ein Tag, an dem die Frau nicht darüber geseufzt hätte und traurig war, so sehr, dass der Mann dachte: Ich will in den Wald gehen und Holz hauen, da komme ich aus dem Haus und muss nicht das ewige Klagen mitanhören. "Wohin willst du gehen?" fragte die Frau. "Ich gehe in den Wald." "Ach ja, geh' nur, bestimmt bist du meines Jammerns leid, ich kann dir's nicht verdenken." Der Mann dachte: Mein armes Weib, du kannst ja nichts dafür, aber ich muss einmal die Ohren frei bekommen und an etwas anderes denken, sonst werde ich noch närrisch. Er ging in den Wald und brach und sammelte den ganzen Tag Holz, und abends kam er heim mit einem großen Bündel und warf es in der Stube neben den Ofen. Dann schlief er vor Erschöpfung ein und fing an, fürchterlich zu schnarchen. Die Frau saß und strickte Socken, da kam auf einmal unter dem Holz, das der Mann aus dem Wald geholt hatte, eine kleine grüne Schlange hervorgekrochen und rief "So was! Eine Schnarcherei ist das, schlimmer als bei einem Waldschrat, wie hälst du das bloß aus, Weib?" Die Frau, als sie die Schlange gewahrte und vernahm, was sie mit ihrem feinen Schlangenstimmchen gesprochen hatte, antwortete "Ei, stört dich das, mein Schlänglein? Und dachte ich immer, es haben Schlangen keine Ohren." "Ist das ein Grund, solchen Lärm zu machen", zischte die Schlange und streckte ihre Zunge zu dem Manne hin, der in seligem Schlummer lag und von alledem nichts mitbekam. "Nun", sprach die Frau, "so schlimm ist es nicht, und schließlich hat mein guter Mann den ganzen Tag geschuftet und musste überdies auch noch mein Gejammer ertragen." "Was, Weib, gibt dir denn Grund zu jammern?" "Ach, Schlänglein fein, wie sollte ich nicht jammern, da mein und meines Mannes sehnlichster Wunsch nicht erfüllet wird." "Ah, eine Kamelhaarmatratze." "Was?" rief die Frau und schaute nach der Schlange, die schon ganz nahe an ihre Füße herangekrochen war. "Eine Kamelhaarmatratze, das wünscht ihr euch doch, oder?" "Unsinn." "Nicht? Dann ein Zierfischaquarium", lispelte die Schlange. "Ein Kind!" rief die Frau laut. "Was?" "Ein Kind wünschen wir uns so sehr." "Ein Kind. Ja, natürlich, ich wünsche mir auch ein richtiges Kind ... " "Du auch?" "... ein richtiges Kind zu sein." "Ja aber, kleine grüne Schlange, bist du denn nicht noch ein Kind? Ich habe jedenfalls schon größere Schlangen gesehen, deshalb braucht es dich auch nicht zu wundern, dass ich keine Angst vor dir habe." "Ja, freilich bin ich das, hast du nicht gehört, wie kindisch ich eben gesprochen habe." "Allerdings, neunmalunklug hast du geredet. Aber so reden Kinder eben. Schnappen irgendwas von einer Juwelhaar..." "Kamelhaar." "Na, sei's drum, schnappen's auf und plappern es gleich nach." Das Schlänglein wollte schon beleidigt tun, da schaute die Frau auf den Boden und sagte "Wo bist du denn, du putziges Ding, ich will dich einmal recht anschauen." "Hier bin ich." "Hübsch bist du, für eine Schlange. Unter deinesgleichen findest du gewiss schnell Freunde." Die Schlange schwieg eine Weile, die Frau strickte und summte ein Lied vor sich hin, und der Mann sägte im Schlaf alle Bäume, die er tagsüber stehengelassen hatte, an der dicksten Stelle durch. "Was für ein Kind wünscht ihr euch eigentlich?" fragte die Schlange von unten herauf. "Wie, was für ein Kind?" "Ich meine, ein Büblein oder ein Mägdelein?" "Ach, es sollt' mir egal sein, wenn's nur käme. Na ja, würde ich gefragt werden, so könnte es am liebsten ein Knabe sein; und der alte Knasterkopf da, der wollte natürlich auch gern einen Sohn." "Ja, aber was nützt mir das", meinte die Schlange traurig. "Was nützt dir was?" "Eben nicht." "Nun rede nicht wieder so unverständlich." "Was nützt es mir, dass ich so hübsch bin, bin ich doch allein." "Ich sage dir doch, du wirst Freunde finden, ziehe nur hinaus in die Welt, dort ..." "Da komme ich ja gerade her." "Und?" "Nichts." "Keine Freunde?" "Vielleicht, ja, die eine oder andere." "Die eine oder die andere? Dann bist du gar ein Schlangenbübchen?" "Das sieht man doch wohl." "Natürlich. Hm." "Und trotzdem fehlt mir, was ein Kind am meisten braucht." "Ein Fotoalbum?" "Was?" "Damit es all' die süßen Kinderfotos hineinkleben und sie sich später, wenn es ganz alt ist, anschauen kann." "Quatsch. Was ich brauche, sind ein Paar Eltern." "Ein Paar Eltern?" fragte die Frau und hielt inne mit dem Sockenstricken. "Ja, hast du denn keine?" Die Schlange schüttelte den Kopf und zwei kleine Tränen kullerten aus ihren Augen und der Frau genau vor die Zehen. "Ach Herrje. Eine Waisenschlange. Davon habe ich bisher nur erzählen gehört, aber noch nie eine selbst gesehen." "Da bin ich nun", sagte die Schlange und schluchzte. "So was." "Wie wär's", sagte die Schlange, "wenn wir uns zusammentun, und ich euer Kind sein soll und ihr meine Eltern." Da musste die Frau laut auflachen und rief "Du willst unser Kind sein?" "Ja." "Eine kleine grüne Schlange, das soll alles sein, was ich zur Welt gebracht hätte, das ist wahrlich ein dürftiges Geschenk, das mir der liebe Herrgott da für mein langes Hoffen und Ausharren gemacht hätte." "Na, woran fehlt mir's denn, dass du es vermissen tätest?" "Woran es dir fehlt?" fragte die Frau und suchte nach Worten, fand aber keine passenden. "Das geht einfach nicht, du bist eine Schlange, und wir sind Menschen." "Aber ich bin noch ein Kind, und ihr seid erwachsen, ihr könntet für mich sorgen, und ich könnte euch lieb haben. Du strickst mir das fein Söcklein da als mein Bettchen, darein ich mich verkriechen kann und wo ich wohne. Und jeden Morgen, wenn ich herauskomme, gibst du mir Milch und gute Essensbissen, und wir unterhalten uns miteinander und haben alle Tage Freude und keiner von uns wird es je bereuen müssen, dass wir uns zu Kind und Eltern gemacht haben." Da war die Frau beeindruckt, wie klug die Schlange gesprochen hatte und besann sich und dachte 'Je älter ich werde, umso mehr grämte ich mich, kinderlos zu bleiben, da ist es allemal besser, ein klein hübsch Schlängelchen zum Kinde zu haben denn gar keins. Und wollte ich schon eine gute Mutter sein und meine ganze Fürsorge auf es verwenden, als wär's meinem eignen Schoß entsprungen. Und sie sagte zur Schlange "Du hast Recht. Du sollst unser Kind und wir deine Eltern sein und wir wollen uns nicht mehr voneinander trennen." Da rief die Schlange "Juhu", und jauchzte vor Freude und drehte sich im Kreise. Und indem erwachte der Mann aus dem Schlaf und erschrak und rief "Ach, Frau, was für einen sonderbaren Traum ich hatte. Mir träumte, aus dem Holz, das ich mit nach Hause gebracht, sei ein Schlänglein gekrochen und während ich schlief, hat es dich überredet, es an Kindes statt anzunehmen. Als ich erwachte, war es schon geschehen." Die Frau und die Schlange, die sie auf ihren Schoß genommen hatte, nickten ihm lächelnd zu. "Häh!" rief der Mann, "was ist das?" "Das ist unser Kind", erwiderte die Frau. "Oh nein, nein", sagte der Mann, "dieses Kind ist nicht mein Kind, das weiß ich wohl besser." Da weinten die Frau und die Schlange bitterlich und wollten gar nicht wieder aufhören. Und es erbarmte den Mann, dass er sagte "Nun denn, wenn du das Schlängelchen so lieb gewonnen hast, so möge es bei uns bleiben und wir wollen es behandeln wie unser Kind." "Papa", rief die Schlange, "mein guter Papa." "Aber sage mir, Weib", flüsterte der Mann, "ist es ein Junge oder ein Mädchen?" Und die Frau machte bloß ein Zeichen, worauf der Mann erfreut war und meinte "Das kann ja eine ganz erstaunliche Geschichte werden." So blieb die Schlange bei den Leuten und sie gewöhnten sich alle aneinander und hatten sich wirklich so lieb, wie es die Schlange vorausgesagt hatte. Sie wurde auch größer und größer und nahm richtige Schlangengestalt an und hatte ein schönes Muster auf dem Rücken und funkelnde, bunte Augen und vier weiße spitze Zähnchen. Sie machte sich auch nützlich im Hause und verjagte die Mäuse und Ratten und die Hausierer und auch den Postboten, wenn er schlechte Nachrichten brachte. Und manchmal machte sie sich einen Spaß daraus, die Mutter oder den Vater zu necken und schlich sich leise von hinten heran und kroch unbemerkt an ihnen hoch und kitzelte dann mit ihrem Zünglein im Nacken, Huaah!, was erschrak sich die Frau manchmal bei diesem Streich und gab dem frechen Schlangenkind links und rechts ein paar kräftige Ohrfeigen. Weil ja aber die Schlange keine Ohren hatte, waren auch die Ohrfeigen nur halb so schlimm. Mit der Zeit und durch die gute Kost, die die Eltern ihr gegeben hatten, wurde sie ein ausgewachsener Schlangenjüngling, und nach dem Stimmbruch, der bei Schlangen naturgemäß über Nacht erfolgt, hub der Schlangenjüngling eines Morgens an und sprach: "Vater ich will freien." "Meinetwegen", sagte der Vater, der insgeheim schon darauf gewartet hatte, weil er sich ebenso wie sein gutes Weib längst ein paar Enkel wünschte. "Was tun wir da?" sagte der Vater. "Wir suchen dir ein hübsches Schlangenfräulein, das zu dir passt, und mit der kannst du Hochzeit halten." "Ach nein", entgegnete da der Schlangenjüngling, "Schlangen- und Drachenverwandtschaft sind mir zuwider, sie sind alle eingebildet und dumm, halten sich für was besseres und kriechen doch nur zwischen Sträuchern und Dornenhecken herum. Des Königs Tochter begehr' ich. Lauf hin, mein Vater, geh' zum König und halte für mich um seiner Tochter Hand an." "Ja, und wenn der König fragt, wer mein Sohn ist?" meinte der Vater. "So sage ihm, ich sei eine Schlange." "Recht hast du, mein Sohn, besser er erfährt es gleich, lange kann man's sowieso nicht verbergen, und wenn du erst mit der Königstochter ins Bettchen ..." "Nun mache dich endlich vom Acker und lauf zum König." "Bin schon unterwegs." Die Mutter rief noch "Mann, nimm für den König etwas von meinem frischgebackenen Pflaumenkuchen mit." Aber der Mann erwiderte "Deinen Pflaumenkuchen mag der König bestimmt nicht, der ist besseres gewöhnt." "Da wollte ich aber schwerlich dafürhalten", meinte die Frau und die Schlange rief dem Vater nach "Was immer der König haben will, versprich es ihm zu geben." Alsdann kam der Mann zum König in sein Königsschloss und sprach "Herr König, mein Sohn will Eure Tochter zur Braut nehmen, ich will in seinem Namen um sie werben und sie mit zu uns nach Hause führen." "Oh ha", sagte da der König und fuhr fort "Bist du nicht der Waldbauer Soundso aus dem Walddorf Soundso?" "Jawohl, mein König." "Und ist dein Weib nicht die Frau Soundso?" "Allerdings ist sie das." "Wie kommt es", sagte der König, "dass du mir nichts von dem Pflaumenkuchen mitgebracht hast, den deine Frau bäckt und den alle Welt rühmt." "Oh", sagte der Mann, "der Kuchen ist gerade erst fertig gebacken, und wenn nachher Hochzeit gefeiert wird, könnt Ihr Euch daran gütlich tun." "Damit wäre das geklärt", meinte der König. "Nun sage mir noch, wer ist dein Sohn, dass er glaubt, meine Tochter zur Braut zu nehmen." "Er ist ein Schlangenjüngling", antwortete der Vater. "Ha ha ha, ein Schlangenjüngling? Das ist gut gesprochen", sagte der König und dachte: 'Wie ist die Frau, die so guten Pflaumenkuchen backen kann, nur an einen solchen Trottel geraten, der so wirres Zeug redet'. Weil aber des Königs Hofnarr seit Wochen im Delirium lag, und weil er lange nicht mehr so herzlich gelacht hatte, sagte der König großspurig: "Wackerer Mann, noch ist die Heirat nicht beschlossen; dein Schlangensohn bekommt meine Tochter nicht eher zur Frau, als bis alle Äpfel und Birnen in meinem Obstgarten in Gold verwandelt sind, Ha ha ha." Der Mann ging nach Hause und berichtete es der Schlange, die sprach: "Ist's weiter nichts, was der König fordert? Morgen früh, Vater, wenn der Tag anbricht, so gehe auf die Gasse und sammle alles auf, was da an Obstkernen und Steinen herumliegt, nimm' sie und säe sie in des Königs Garten aus, so soll er schon sehen." Kaum warf die Sonne ihren ersten Strahl, da kam der Mann mit einer großen Kiepe auf dem Buckel und las alle Kerne und Steine von Pfirsichen, Zwetschen, Kirschen, Pflaumen, Aprikosen und Mirabellen auf, die in dem Kehricht und zwischen den Pflastersteinen lagen. Und kam gerade ein Junge daher, der im fremden Garten Kirschen geklaut und alle Hände davon voll hatte. Und wie er den Alten den Abfall auflesen sah, spuckte er ihm die Kerne vor die Füße und rief "Da hast du, Alter, wohl bekomm's", und machte sich gar noch lustig über den Mann. Der aber nahm alles und trugs zu des Königs Garten und säete es all da aus, und siehe, im Handumdrehen keimten die Kerne und trieben Blättchen, Zweige, Blüten und Früchte, und diese waren von purem Gold und glänzten und gleißten im Sonnenlicht, dass der König, der zum Fenster hinausschaute, darüber vor Vergnügen in die Hände klatschte. Dann besann er sich, was er versprochen hatte und es fuhr ihm ein jäher Schrecken durch den Leib. Die Schlange aber sagte "Vater, so gehe hin und hole meine Braut ab." Der Vater ging zum König die Braut zu holen, doch der König sagte schnell "Will der Schlangenbräutigam mein Töchterlein haben, so muss er zuvor Grund und Mauern meines Gartens in Edelstein verwandeln, ansonsten geht er leer aus." Der Vater ging hin und überbrachte es dem Schlangensohn. Der sagte daraufhin "Weiter nichts? Gehe du morgen früh und sammele alle Scherben und zerbrochenes Geschirr ein, was du finden kannst und streue es auf des Königs Grund und Boden und auf die Mauer, so wird er schon sehen." Also tat es der Mann und nahm in der Morgenfrühe einen Sack und warf darein alle Stücke und Scherben, die umherlagen. Und begegnete ihm einer, der aus dem Wirtshaus heimkam und sternhagelvoll war, den erwartete sein Weib an der Haustür schon mit Geschrei und wie er heran war, schlug sie ihm einen tönernen Krug auf den Kopf, dass er in hundert Stücke zersprang, und während dem Unglücklichen das Blut herablief, sammelte der pfiffige Vater alle Scherben rundherum vom Boden auf, und die Frau verwunderte sich sehr und meinte nicht anders, als der Bürgermeister habe den Straßenkehrern aus Sparzwang nun auch noch die Besen gestrichen. Was er in seinen Sack getan hatte, das trug er in des Königs Garten und schüttete es breit auf die Erde und auf die Mauer, und es dauerte nicht lange, da glimmerte und flimmerte es überall von den hellsten Diamanten, Rubinen, Jaspisen und Smaragden, dass es einem die Augen blendete. Wie der König zum Fenster herausschaute in den Garten voll Edelsteinen, da konnte er sich zuerst gar nicht daran sattsehen. Doch dann wurde ihm auf einmal schlimm zumute, wie er an sein Versprechen dachte, und es bedrückte ihn schwer, was er sagen sollte, wenn der Schlangenjüngling seine Tochter zur Braut abfordert. Schon rief die Schlange "Vater, eile hin und bringe mir die Braut heim." Wie sie der Bauer lösen wollte, hatte sich der König noch einmal bedacht und sprach "Dein Sohn soll meine Tochter haben, wenn er mein ganzes Schloss in reines Gold verwandelt hat." Der Vater hinterbracht' es der Schlange, die sagte "Weiter nichts? Geh, Vater, und binde zusammen allerlei Kraut mit Blättern und Stängeln und Halmen und Wurzeln, sei's wild sei's zahm, und streiche damit über die Grundmauern vom Schloss, der König soll sehen, was wird." Da ging der Vater hinaus und nahm Rauten und Kerbel, Fenchel und Nessel, Farn und Distel und machte ein Bündel draus. Das sah ein Bauer auf seinem Feld, da wucherte das Unkraut kniehoch, der sprach "Nimm' auch das hier, so du das lästige Gewächs begehrst", und der Bauer sah zu, wie ihm der Mann ganz für umsonst seinen Hafer vom Unkraut befreite und dachte 'Wie arm sind die Leute geworden, dass sie jetzt schon das Zeug ernten, dass selbst das Vieh verschmäht.' Der Vater ging hin mit dem Bündel und strich damit an der Schlossmauer entlang, und ehe man ein Wort sagen konnte, da wurde das Schloss ganz golden vom Kellerboden hoch hinauf bis an den Kamm des Wetterhahns. "Nun lauf', guter Vater und hole mir die Königstochter." Der König aber sah ihn schon von weitem kommen, und hatte keine Ausflüchte mehr und dachte auch an die Schätze und Kostbarkeiten, die ihm die Schlange verschafft hatte, und dass es vielleicht gar kein so übler Gemahl für seine Tochter wäre. Darum sagte er "Lass' deinen Sohn, den Bräutigam kommen, denn es soll Hochzeit gehalten werden." Der König ging zu seiner Tochter, welche Marianne hieß und wunderschön war und sagte "Liebste Tochter, ich habe dich einem fremden Freier zur Ehe versprochen und darf mein Wort nicht brechen." "Lieber Vater", erwiderte Marianne, "in allem, was Ihr mir befehlet, bin ich Euch treu und gehorsam." Sie hatte kaum ausgeredet, da öffnete sich das Schlosstor und eine dicke, große Schlange kroch und ringelte sich daher, dass alle Diener und Zofen zitterten wie Rohr im Wind, und dem König und der Königin wurde bang ums Herz, und sie alle flohen in großer Angst vor der Schlange davon. Marianne aber blieb mutterseelenallein stehen und dachte "Was mir widerfahren soll, das geschieht mir allemal; mein Vater hat mir diesen Bräutigam auserlesen und niemand soll dem Schicksal widerstreben." Die Schlange wälzte und wandt sich immer näher und umschlang die Königstochter und begrüßte sie gar freundlich und liebkoste sie, und dann machte sie einen Knoten in ihren eigenen Leib, dass Mariannen darauf sitzen konnte wie auf einem Höcker und sie machten sich auf und davon geradewegs ins Brautgemach. Als sie dort waren, setzte sie die Königstochter aufs Bett, schob den Türriegel vor, entknotete sich - und streifte ihre Schlangenhaut ab, und siehe, da stand auf einmal der allerschönste Jüngling, den man je gesehen hat, vor Marianne und sprach "Königstochter, du wolltest mich heiraten, als ich eine Schlange war. Willst du mich nun immer noch zum Manne nehmen?" Sie antwortete und sprach "Wie du eine Schlange warst, solltest du mein Gemahl sein; nun, da du ein schöner Jüngling bist, will ich dich erst recht heiraten." Der alte König war beinahe vor Schrecken erstarrt, als er sein liebstes und einziges Kind so mit der Schlange fortziehen sah, und wenn ihm in diesem Augenblick einer zur Ader gelassen hätte, so wäre kein Tropfen Bluts herausgeflossen. Nun gar, als er hörte, wie der Riegel vorgeschoben wurde, grauste es ihn noch mehr. "Frau", rief er, "siehe, jetzt hat der verfluchte Schlangendrachen unsere Herzenstochter ganz in seiner Gewalt und er wird sie zerdrücken wie man ein rohes Ei in der Hand zerdrückt." Es trieb ihn näher heranzugehen an die Kammertür und glaubte schon, ihre Schmerzensschreie zu vernehmen. Da war zum Glück ein kleiner Spalt, durch den er hineinsehen konnte, und was er sah, das verschlug ihm die Sprache. Der alte Schlangenbalg lag auf dem Boden, im Bett aber sah er den schönsten Jüngling mit seiner Tochter sich innig umarmen. Da konnte er vor Freude nicht an sich halten, sprengte die Türe auf, ergriff die Schlangenhaut und warf sie ins Feuer, wo sie zischend und prasselnd verbrann. Aber wie der Jüngling das sah, rief er Ach und Weh. "Was habt Ihr getan! Nun bin ich verloren." Er verwandelte sich in eine Taube, flog hinauf und wollte entfliehen, aber alle Fenster waren verschlossen. Und ehe jemand etwas unternehmen konnte, stieß er mit dem Schnäblein gegen die Scheibe, bis sie zerbrach, und er durch das Loch hindurchschlüpfen konnte. An den Glasscherben jedoch riss er sich den zarten Vogelleib auf und Tropfen Blutes fielen herab. So saß die arme junge Braut plötzlich auf dem Jammerstuhl und ihre Freude zerrann wie Wasser. Die Eltern versuchten sie auf alle erdenkliche Art zu trösten, doch nichts wollte helfen. Als die Nacht anbrach und es dunkel ward und alles schlief, stand Marianne auf, nahm mit sich, was sie an Schmuck und Geschmeide hatte, und ging durch ein heimliches Pförtlein aus dem Königsschloss, fest entschlossen, nicht eher zu ruhen noch zu rasten, bis sie ihren lieben Gemahl wiedergefunden habe. Sie ging den ganzen Tag über Wiesen und Felder, durch Wälder und Auen, an Flüssen entlang und durch Dörfer hindurch, und am Abend wurde es kühl und der Mond schien herab, da kam ein Fuchs herangeschlichen und beäugte die Königstochter. "Einen guten Abend, fein Mägdelein", sagte er. "Schönen Dank, Gevatter", erwiderte Marianne, und weil sie noch nie im Leben einen Fuchs gesehen hatte, fragte sie "Wer bist du?" "Wer ich bin? Ich bin ein Fu... ein Fu..." "Ein Fu-fu?" "Ein furchtloser Geist." "Aha, und warum zitterst du dann so?" "Vor Kälte." "Es ist wahrhaftig kühl", sagte sie, "mich friert auch." "So wollen wir ein Feuerchen anmachen und uns wärmen." sagte der Fuchs. "Kannst du das denn?" "Wäre ich anders ein Fuchs, wenn ich das nicht könnte?" "Eben hast du noch gesagt, du wärst ..." "Lass uns nicht lange palavern, sonst erfrieren wir noch vorher." Sie sammelten Reisig und Holz und machten ein Feuer und setzten sich daran. "Woher kommst du?" fragte Marianne ihn. "Aus Itzehoe", sagte der Fuchs schnell. "Und wohin willst du?" "Nach Itzehoe natürlich." Die Königstochter lachte. "Wie kann man aus Itzehoe herkommen und zugleich da hin gehen?" "Ich kann das. Ich bin heute früh aus Itzehoe fortgegangen, habe hier in der Gegend etwas erledigt, und nun kehre ich nach Itzehoe zurück." "Ach so, na phhh, das ist ja keine Kunst." "Habe ich behauptet, dass es eine Kunst wäre, für einen Tag aus Itzehoe fortzugehen?" sagte der Fuchs, der das Mädchen ziemlich töricht fand. Dabei war sie bloß ihr Lebtag nicht aus dem Schloss herausgekommen. "Uaahhh, bin ich müde", sagte der Fuchs und gähnte, "ich werde mir ein paar große Farnwedel pflücken und mich damit zudecken und schlafen." "Das werde ich auch tun", sagte Marianne und gähnte ebenfalls, und der Fuchs dachte bei sich "Sie muss mir alles nachmachen." Dann nahmen sie sich große Farnwedel, deckten sich damit zu und schliefen ein. Frühmorgens, als der Fuchs aufwachte, sah er Mariannen unter einem Baum sitzen und bitterlich weinen. "Warum weinst du an einem so herrlichen Morgen?" "Wie sollte ich nicht weinen, da mein Herz gebrochen ist." "Ach was", sagte der Fuchs, "so schlimm wird's nicht sein. So horch nur, wie fröhlich die Vöglein zwitschern und was für süße Lieder sie trällern. Du musst freilich mit deinem Geschluchze aufhören." Marianne horchte auf die munteren Vöglein, wie sie mit ihrem Gesang die Luft erfüllten und sie fand großen Gefallen daran. Als der Fuchs das sah, machte er eine gescheite Miene und sagte "Noch mehr würde dich das ergötzen, verstündest du wohl, was sie redeten." "Oh ja", sagte Marianne, "ei, verstehst du etwa die Stimmen der Vögel?" Die Königstochter war neugierig, wie die Königstöchter alle sind; aber der Fuchs war schlau und gerissen, wie alle Füchse, und ließ sich lange bitten. "Ach so sprich doch, lieber Gevatter, ich möchte gar zu gern die Geschichte erfahren, welche die Vögelein erzählen." Der sagte "Es unterredet sich dies Gevögel von einem großen Unglück, das einem Königssohn widerfahren ist. Dieser Königssohn war stolz geboren und groß und schlank wie ein junger Baum, und er war über alle Maßen schön. Eine Hexe verliebte sich in ihn, er aber wollte von der Hexe nichts wissen, da bestrafte sie ihn aus Rache und verwandelte ihn in eine Schlange." "Weiter", rief Marianne aufgeregt, "was reden die Vögel noch?" "Die Schlange wuchs heran und wurde erwachsen und verliebte sich in die Königstochter. Sie hielt Hochzeit mit ihr, und in ihrer Kammer, als beide sich liebten, wurde der Fluch gebrochen und die Schlange stand auf einmal vor der Königstochter als ..." "... Als ein schöner Jüngling." "Verstehst du jetzt auch schon, was die Vögel schwätzen?" "Ach, was geschah weiter?" "Der Vater der Braut warf hastig die Schlangenhaut ins Feuer, da war kein länger Bleiben für den Jüngling, er wurde eine Taube und flog davon, doch an der zerbrochenen Scheibe schnitt er sich den Leib auf und verletzte sich so sehr, dass alle Ärzte für sein Leben nicht ein Blatt mehr geben." Da war Marianne betrübt und froh zugleich, als sie ihre eigene Leidensgeschichte erzählen hörte. Betrübt über die schmerzvolle Pein, die ihr Geliebter erdulden muss, froh aber darüber, Kunde von ihm zu haben, dass er lebt. Sie ließ sich aber nichts anmerken und fragte, als ob es sie nichts anginge "Was für ein Königssohn ist das und wo wohnt er?" Der Fuchs gab ihr Auskunft darüber. "Es ist doch verwunderlich", sagte Marianne, "dass es gar kein Heilmittel für ihn gäbe." Da verplapperte sich der Fuchs und sagte "Ein Mittel gibt es wohl, nur die Ärzte kennen es nicht. Höre nur, die Vögel selber verraten es: Die Wunden an seinem Leib kann nichts in der Welt heilen außer der Vöglein eigenes Blut, und mit der Blutsalbe, die daraus gemacht worden, muss man die Wunden des Prinzen bestreichen, damit sie verschwinden." Marianne warf sich daraufhin auf die Knie und bat den Fuchs "Lieber Meister Fuchs, das wäre eine schöne Sache, wenn wir uns den Lohn verdienen und den Königssohn heilen. Fang' mir die Vöglein, dass wir ihr Blut ablassen, und für den Dienst sollst du's dein Lebtag gut haben." "Ha, bist du von Sinnen", rief der Fuchs. "Warum sollte ich den Königssohn retten, wo er mich doch so schlecht behandelt hat." "Was sagst du da?" Der Fuchs erwiderte schnell "Gejagt hat er mich und wollte mich totschießen." "Sicher hat er dich bloß verwechselt." "Mich bloß verwechselt? Das wäre auch nicht viel besser." "Bitte, Gevatter Fuchs, hilf mir. Und wenn du den Lohn verschmähst, so tue es mir zuliebe." "Was gibst du mir dafür?" "Was du willst, du darfst es dir wünschen, und so es in meiner Macht steht, werde ich dir den Wunsch erfüllen." Da besann sich der gierige Fuchs und sprach "Da wüsste ich schon was, das du mir geben kannst." "Bitte, dann los", rief Marianne, "fange mir zuerst die Vögelein." "Ach ja, die Vögel, wenn's denn sein muss. Sei still und warte bis heute Abend, da kommen die Vöglein geflogen zum Schlaf auf den großen Baum und lassen sich auf alle Äste nieder. So will ich hinaufklettern und sie wegfangen einen nach dem andern und sie dir herunterwerfen." Als der Abend kam, scharten sich die Vögel alle Ast bei Ast und Zweig bei Zweig auf dem Baum und schlossen die Augen, um zu schlafen. Da kam der Fuchs geschlichen leise leising, sachte sachting, kletterte auf den Baum und griff die kleinen Vögel der Reihe nach in großer Zahl: Zeiserlein und Meiserlein auf dem ersten Ast, Grasmücken und Distelfinken auf dem zweiten, Sperlinge und Hänferlinge auf dem dritten, Nachtigallen und upps! - und Goldammern auf dem vierten, auf dem fünften Lerchen und Schwälblein, und ganz oben Zaunkönige und Fliegenschnäpper, und wie er eins fasste, drehte er ihm den Kopf um und warf es hinunter. Marianne aber fing jedes Vöglein auf, hielt es über eine Flasche, stach mit einer Haarnadel drei- viermal hinein und - igitt - quetschte es aus wie eine Zitrone, aber statt Saft troff das Blut in die Flasche, und als Marianne fertig war, machte sie Freudensprünge, dass ihr das Werk so gut gelungen war. "Freue dich nicht zu früh", sagte der Fuchs, "du glaubst alles getan zu haben, und hast doch nichts ausgerichtet, denn soll dir das Vogelblut zu etwas taugen, so gehört erst mein eigenes Blut dazu und müsste damit gemischt werden." Kaum hatte der Fuchs das gesagt, lachte er und nahm den Weg unter die Beine. Marianne erschrak, rief aber sogleich "So geh' nur, du dummes Tier, als ob es hier im Wald nicht noch andere Füchse gäbe." "Aber keinen wie mich", rief der Fuchs von weitem, Marianne aber sprach wie gleichgültig "Wenn du auf das verzichten willst, was ich dir geben mag, dann bist du selber Schuld." Und sie lüpfte ihr Röcklein, drehte sich um und ging davon. Der Fuchs aber lief ihr nach und sagte "So warte, ich will dich noch ein Stück Wegs begleiten und da vorn bei dem Gebüsch, da sollst du mir zu Gefallen sein." "Ei freilich", erwiderte Marianne, "komm nur mit mir." Als sie bei dem Gebüsch waren, und der Fuchs anfing, sich seinen Wunsch zu erfüllen, da nahm Marianne den Stock, den sie bei sich hatte, holte damit aus und ließ ihn krachend auf des Fuchses Kopf niedersaußen, dass er tot umfiel und alle Viere von sich streckte. Dann zapfte sie ihm fein säuberlich sein Blut ab und vermischte es mit dem Vögleinblut, und wie das getan war, sparte sie Gehens nicht und machte nirgends Halt, sondern wanderte, bis sie zu dem Ort mit dem Schloss kam, wo der Königssohn totkrank darniederlag. Sie verkleidete sich, ging geradewegs ins Schloss und ließ sich als einen fremden Arzt melden. Und der König, der bei ihm war und dem armen Sohn die Hand hielt, dachte, was will dieser fremde Arzt an dem Leiden ausrichten, woran die größten Meister verzweifelten? Aber hilft es nichts, so schadet's auch nicht, und wäre sein Leben vielleicht noch nicht verloren. Da fragte Marianne, was ihr Lohn sei, wenn sie den Jüngling rettete, und der König sagte "Alles, was du begehrst." Daraufhin trat sie in das Zimmer, wo der Königssohn lag und bestrich seine Wunden mit der Blutsalbe aus der Flasche, und kaum war das geschehen, da machte der Jüngling die Augen auf, erhob sich aus dem Bett, sprang umher und war quicklebendig, als ob ihm nie etwas gefehlt hätte. Mariannen aber erkannte er zuerst nicht, weil sie sich verkleidet hatte. Sie aber forderte vom König ihren Lohn, und der Sohn sprach "Vater, gib' nur alles her, was verlangt wird." Marianne aber forderte den Königssohn zum Gemahl. Da war der Jüngling betrübt und sagte "Das ist unmöglich, mein Treuwort ist schon vergeben an die schönste Jungfrau auf Erden. Auf sie will ich warten und sollte ich auch darüber alt werden." Da warf Marianne ihre Verkleidung ab und gab sich zu erkennen und der Königssohn nahm sie in die Arme und da war gewaltiger Jubel und es wurde noch einmal Hochzeit gehalten, viel schöner und glänzender, und die Eltern, die den Königssohn großgezogen hatten, als er noch eine Schlange war, kamen natürlich auch herbei, und alle lebten in Glück und Frieden bis ans Ende ihres Lebens.
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