| Heinrich von Kleist |
| Der Zweikampf |
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Herzog Wilhelm von Breysach, der seit seiner heimlichen Verbindung mit einer Gräfin namens Katharina von Heersbruck aus dem Hause Alt-Hüningen, die unter seinem Range zu sein schien, mit seinem Halbbruder, dem Grafen Jakob dem Rotbart in Feindschaft lebte, kam gegen Ende des vierzehnten Jahrhunderts, da die Nacht des heiligen Remigius zu dämmern begann, von einer in Worms mit dem deutschen Kaiser abgehaltenen Zusammenkunft zurück, worin er sich von diesem Herrn, in Ermangelung ehelicher Kinder, welche gestorben waren, die Legitimation eines mit seiner Gemahlin vor der Ehe erzeugten, natürlichen Sohnes, des Grafen Philipp von Hüningen, ausgewirkt hatte.
Freudiger als während des ganzen bisherigen Laufs seiner Regierung in die Zukunft blickend, hatte er schon den Park, der bei seinem Schloss lag, erreicht, als plötzlich ein Pfeilschuss aus dem Dunkel der Gebüsche hervorbrach, und ihm dicht unter dem Brustknochen den Leib durchbohrte. Herr Friedrich von Trota, sein Kämmerer, brachte ihn, über diesen Vorfall äußerst betroffen, mit Hilfe einiger anderer Ritter in das Schloss, wo er nur noch in den Armen seiner bestürzten Gemahlin die Kraft hatte, einer Versammlung von Reichsvasallen, die schleunigst auf deren Veranlassung zusammenberufen worden war, die kaiserliche Legitimationsakte vorzulesen; und nachdem, nicht ohne lebhaften Widerstand, weil nach dem Gesetz eigentlich die Krone an seinen Halbbruder, den Grafen Jakob den Rotbart gefallen wäre, die Vasallen seinen letzten bestimmten Willen erfüllt, und unter dem Vorbehalt, die Genehmigung des Kaisers einzuholen, den Grafen Philipp als Thronerben, die Mutter aber, wegen Minderjährigkeit desselben, als Vormund und Regentin anerkannt hatten, legte er sich nieder und starb. Die Herzogin bestieg nun ohne weiteres unter einer bloßen Mitteilung, die sie durch einige Abgeordnete an ihren Schwager, den Grafen Jakob den Rotbart ergehen ließ, den Thron; und was mehrere Ritter des Hofes, welche die Gemütsart des letzteren zu durchschauen meinten, vorausgesagt hatten, das trat, wenigstens dem äußeren Anschein nach ein: Jakob der Rotbart verschmerzte in kluger Erwägung der näheren Umstände das Unrecht, das ihm sein Bruder zugefügt hatte; zum mindesten enthielt er sich aller Schritte, den letzten Willen des Herzogs umzustoßen und wünschte seinem jungen Neffen zu dem Thron, den er erlangt hatte, von Herzen Glück. Er beschrieb den Abgeordneten, die er heiter und freundlich an seine Tafel zog, wie er seit dem Tode seiner Gemahlin, die ihm ein königliches Vermögen hinterlassen habe, frei und unabhängig auf seiner Burg lebe; wie er die Weiber(!) der angrenzenden Edelleute, seinen eigenen Wein und in Gesellschaft munterer Freunde die Jagd liebe, und daß ein Kreuzzug nach Palästina, auf welchem er die Sünden seiner feurigen Jugend, die auch leider, wie er zugab, im Alter noch wachsen, abzubüßen dachte, daß dies also die letzte Unternehmung sei, auf die er es am Schluss seines Lebens noch abgesehen habe. Vergebens machten ihm seine beiden Söhne, welche in der berechtigten Hoffnung der Thronfolge erzogen worden waren, wegen der Unempfindlichkeit und Gleichgültigkeit, mit welcher er auf ganz unerwartete Weise in diese unheilbare Kränkung ihrer Ansprüche einwilligte, die bittersten Vorwürfe. Er wies sie, die noch nicht erwachsen wären, mit kurzen und spöttischen Machtsprüchen zur Ruhe, nötigte sie, ihm am Tage des feierlichen Leichenbegängnisses in die Stadt zu folgen und daselbst an seiner Seite den alten Herzog, ihren Oheim, wie es sich gebühre, zur Gruft zu bestatten. Und nachdem er im Thronsaal des herzoglichen Palastes dem jungen Prinzen, seinem Neffen, in Gegenwart der Regentin Mutter, gleich allen anderen Großen des Hofes, die Huldigung erwiesen hatte, kehrte er unter Ablehnung aller Ämter und Würden, welche die letztere ihm antrug, begleitet von den Segnungen des, ihn um seine Großmut und Mäßigung doppelt verehrenden Volks, wieder auf seine Burg zurück. Die Herzogin schritt nun nach dieser unverhofft glücklichen Auflösung drohender Schwierigkeiten zur Erfüllung ihrer zweiten Regentenpflicht, nämlich wegen der Mörder ihres Gemahls, deren man im Park eine ganze Schar wahrgenommen haben wollte, Untersuchungen anzustellen, und prüfte zu diesem Zweck gemeinsam mit Herrn Godwin von Herrthal, ihrem Kanzler, den Pfeil, der seinem Leben ein Ende gemacht hatte. Vorerst fand man an demselben nichts, das den Eigentümer hätte verraten können, außer etwa, daß er auf merkwürdige Weise zierlich und prächtig gearbeitet war. Starke, glatte und glänzende Federn steckten in einem Stiel, welcher, schlank und kräftig, aus dunklem Nußbaumholz gedrechselt war; das vordere Ende war von glänzendem Messing, und nur die äußerste Spitze, lang wie die Gräte eines Fisches, war von Stahl. Der Pfeil schien für die Rüstkammer eines vornehmen und reichen Mannes gefertigt zu sein, der entweder in Fehden verwickelt oder ein großer Liebhaber der Jagd war; und da man aus einer eingravierten Jahrszahl ersah, daß dies erst vor kurzem geschehen sein konnte, so schickte die Herzogin auf Anraten des Kanzlers den Pfeil mit dem Kronsiegel versehen in alle Werkstätten Deutschlands umher, um den Meister, der ihn gedrechselt hatte, ausfindig zu machen, und, falls dies gelang, von ihm den Namen dessen zu erfahren, der ihn in Auftrag gegeben hatte. Fünf Monate darauf lief an den Kanzler Godwin, dem die Herzogin die ganze Untersuchung der Sache übergeben hatte, die Erklärung von einem Pfeilmacher aus Straßburg ein, daß er ein Schock solcher Pfeile samt dem dazugehörigen Köcher vor drei Jahren für den Grafen Jakob den Rotbart verfertigt habe. Der Kanzler, über diese Erklärung äußerst betroffen, hielt dieselbe mehrere Wochen lang zurück; zum Teil kannte er, wie er meinte, trotz der freien und ausschweifenden Lebensweise des Grafen, den Edelmut desselben zu gut, als daß er ihn einer so abscheulichen Tat wie die Ermordung des eigenen Bruders hätte für fähig halten können; zum Teil auch, trotz vieler anderen guten Eigenschaften, die Gerechtigkeit der Regentin zu wenig, als daß er in einer Sache, die nach dem Leben ihres schlimmsten Feindes trachtete, nicht mit der größten Vorsicht hätte verfahren dürfen. Vorläufig stellte er insgeheim im Zusammenhang mit dieser bestürzenden Nachricht Untersuchungen an, und da er durch die Beamten der Stadtvogtei zufällig erfuhr, daß der Graf, der seine Burg sonst nie oder nur höchst selten zu verlassen pflegte, in der Nacht der Ermordung des Herzogs auswärts gewesen sei, so hielt er es für seine Pflicht, das Geheimnis nicht länger zurückzuhalten und die Herzogin in einer der nächsten Sitzungen des Staatsrats von dem fürchterlichen Verdacht, der durch diese beiden Anhaltspunkte auf ihren Schwager, den Grafen Jakob den Rotbart fiel, zu unterrichten. Die Herzogin, die sich glücklich pries, mit dem Grafen, ihrem Schwager, auf einem so freundschaftlichen Fuß zu stehen, und nichts mehr fürchtete, als seine Empfindlichkeit durch unüberlegte Schritte zu reizen, gab inzwischen, zum Befremden des Kanzlers, bei dieser vagen Mitteilung nicht das geringste Zeichen der Bestürzung von sich; vielmehr, als sie die Papiere zweimal mit Aufmerksamkeit überlesen hatte, äußerte sie deutlich ihr Missfallen, daß man eine Sache, die ebenso ungewiss wie folgenschwer wäre, öffentlich im Staatsrat zur Sprache bringen sollte. Sie war der Meinung, daß ein Irrtum oder eine Verleumdung vorliegen müsse und befahl, von der Anzeige vor Gericht keinen Gebrauch zu machen. Bei der außerordentlichen, fast schwärmerischen Volksverehrung, welche der Graf nach einer natürlichen Wendung der Dinge seit seiner Ausschließung vom Thron genoss, schien ihr auch schon die bloße Erwähnung im Staatsrat äußerst gefährlich; und da sie ahnte, daß ein Stadtgeschwätz darüber ihm zu Ohren kommen würde, so schickte sie, von einem wahrhaft edelmütigen Schreiben begleitet, die beiden Klagepunkte, die sie das Spiel eines sonderbaren Missverständnisses nannte, samt dem, worauf sie sich stützen sollten, zu ihm hinaus, mit der bestimmten Bitte, sie, die im Voraus von seiner Unschuld überzeugt sei, mit aller Widerlegung derselben zu verschonen. Der Graf, der gerade mit einer Gesellschaft von Freunden bei der Tafel saß, erhob sich, als der Ritter mit dem Schreiben der Herzogin eintrat, von seinem Sessel; aber kaum, während die Freunde den Boten, der sich nicht niedersetzen wollte, betrachteten, hatte er am hellen Fenster den Brief überlesen, als sein Gesicht die Farbe wechselte und er die Papiere mit den Worten den Freunden überreichte: "Brüder, seht! Welch eine schändliche Anklage auf den Mord meines Bruders gegen mich zusammengeschmiedet worden ist!" Er riss dem Ritter mit einem funkelnden Blick den Pfeil aus der Hand und setzte, die Aufwallung in seiner Seele verbergend, während die Freunde sich unruhig um ihn scharten, hinzu, daß in der Tat dieses Geschoss ihm gehöre und auch die Vermutung, daß er in der Nacht des heiligen Remigius nicht in seinem Schloss gewesen, wahr sei! Die Freunde fluchten über die hämische und niederträchtige Arglist der Ankläger und warfen den Verdacht des Mordes auf diese selbst zurück; schon waren sie im Begriff, gegen den Ritter, der die Herzogin in Schutz nahm, beleidigend zu werden, als der Graf, der die Papiere noch einmal überlesen hatte, ausrief: "Nur ruhig, meine Freunde!" Zu aller Überraschung nahm er sein Schwert und übergab es dem Ritter mit der Erklärung, daß er sein Gefangener sei! Auf die zögernde Frage des anderen, ob er recht gehört habe und ob er in der Tat die beiden Klagepunkte, die der Kanzler aufgesetzt, anerkenne, antwortete der Graf mit einem deutlichen Ja, und er meine, im Recht mit der Forderung zu sein, den Beweis wegen seiner Unschuld nicht anders als vor den Schranken eines förmlich von der Herzogin einberufenen Gerichts zu führen. Vergebens beschworen ihn die Ritter, mit solcher Feststellung höchst unzufrieden, daß er in diesem Fall keinem anderen als dem Kaiser von dem Zusammenhang der Sache Rechenschaft zu geben brauche; der Graf, der sich in einer plötzlichen sonderbaren Wandlung der Gesinnung auf die Gerechtigkeit der Regentin berief, bestand darauf, sich vor dem Landestribunal zu stellen, und noch während er sich aus ihrer Mitte losriss, rief er zum Fenster hinaus nach seinen Pferden, willens, wie er sagte, dem Boten unmittelbar in die Ritterhaft zu folgen, als die Waffengefährten ihm gewaltsam mit einem Vorschlag, den er endlich annehmen musste, in den Weg traten. Sie setzten alle zusammen ein Schreiben an die Herzogin auf, forderten als ein Recht, das jedem Ritter in solchem Fall zustehe, freies Geleit für ihn und boten ihr zur Sicherheit, daß er sich dem von ihr eingerichteten Tribunal stellen und allem, was dasselbe über ihn verhängen möge, unterwerfen würde, eine Bürgschaft von 20.000 Mark Silbers an. Die Herzogin, auf diese unerwartete und ihr unbegreifliche Erklärung hin, hielt es, bei den abscheulichen Gerüchten, die bereits über die Veranlassung der Klage im Volk kursierten, für das ratsamste, mit gänzlicher Zurückhaltung ihrer eignen Person dem Kaiser die ganze Streitsache vorzulegen. Sie schickte ihm auf den Rat des Kanzlers sämtliche den Vorfall betreffende Aktenstücke und bat ihn, in seiner Eigenschaft als Reichsoberhaupt ihr die Untersuchung in einer Sache abzunehmen, in der sie selber als Partei befangen sei. Der Kaiser, der sich wegen Verhandlungen mit der Eidgenossenschaft gerade in Basel aufhielt, bewilligte dieses Ersuchen und setzte ein Gericht von drei Grafen, zwölf Rittern und zwei Gerichtsassessoren ein; und nachdem er dem Grafen Jakob dem Rotbart, dem Antrag seiner Freunde gemäß, gegen die dargebotene Bürgschaft von 20.000 Mark Silbers freies Geleit zugestanden hatte, forderte er ihn auf, sich dem erwähnten Gericht zu stellen und demselben über die beiden Punkte, nämlich wie der Pfeil, der nach seinem eigenen Geständnis ihm gehöre, in die Hände des Mörders gekommen sei und an welchem Ort er sich in der Nacht des heiligen Remigius aufgehalten habe, Rede und Antwort zu stehen. Es war am Montag nach Trinitatis, als der Graf Jakob der Rotbart mit einem glänzenden Gefolge von Rittern der an ihn ergangenen Aufforderung gemäß in Basel vor den Schranken des Gerichts erschien und sich daselbst, mit Übergehung der ersten, ihm, wie er vorgab, gänzlich unerklärlichen Frage, in bezug auf die zweite, welche für den Streitpunkt entscheidend sei, folgendermaßen ausließ: "Edle Herren!" (Damit stützte er seine Hände auf das Geländer und schaute aus seinen kleinen blitzenden, von rötlichen Wimpern überschatteten Augen in die Versammlung.) "Ihr beschuldigt mich, der von seiner Gleichgültigkeit gegen Macht und Amt Proben genug gegeben hat, der abscheulichsten Handlung, die begangen werden kann: der Ermordung meines, mir in der Tat wenig geneigten, aber darum nicht minder teuren Bruders; und als einen der Gründe, worauf ihr eure Anklage stützt, führt ihr an, daß ich in der Nacht des heiligen Remigius, da jener Frevel verübt ward, ganz gegen meine oft beobachtete Gewohnheit aus meinem Schlosse abwesend war. Nun ist mir gar wohl bekannt, was ein Ritter der Ehre jener Damen, deren Gunst ihm heimlich zuteil wird, schuldig ist; und - wahrlich, hätte der Himmel nicht aus heiteren Lüften dies sonderbare Verhängnis über meinem Haupt zusammengebraut, so würde das Geheimnis, das in meiner Brust schläft, mit mir gestorben, zu Staub verwest und erst auf den Posaunenruf des Engels, der die Gräber sprengt, vor Gott mit mir wiedererstanden sein. Die Frage jedoch, die Eure kaiserliche Majestät an mein Gewissen richtet, macht, wie ihr wohl selbst einseht, alle Rücksichten und Bedenklichkeiten zunichte; und weil ihr denn wirklich wissen wollt, warum es weder wahrscheinlich noch auch möglich sei, daß ich an dem Mord meines Bruders, sei es nun leibhaftig oder mittelbar, teilgenommen, so vernehmt, daß ich in der Nacht des heiligen Remigius, also zur Zeit, da er verübt worden, heimlich bei der schönen, mir in Liebe ergebenen Tochter des Landdrosts Winfried von Breda, Frau Wittib Littegarde von Auerstein war." Nun muss man wissen, daß Frau Wittib Littegarde von Auerstein, so wie die schönste, so auch, bis auf den Augenblick dieser schmählichen Anklage, die unbescholtenste und makelloseste Frau des Landes war. Sie lebte, seit dem Tode des Schlosshauptmanns von Auerstein, ihres Gemahls, den sie wenige Monate nach ihrer Vermählung infolge eines ansteckenden Fieber verloren hatte, still und zurückgezogen auf der Burg ihres Vaters; und nur auf den Wunsch dieses alten Herrn, der sie gern wieder vermählt zu sehen wünschte, erschien sie dann und wann bei den Jagdfesten und Banketten, welche von der Ritterschaft der umliegenden Gegend, und hauptsächlich von Herrn Jakob dem Rotbart, angestellt wurden. Viele Grafen und Herren aus den edelsten und begütertsten Geschlechtern des Landes scharten sich mit ihren Werbungen bei solchen Gelegenheiten um sie herum, und unter diesen war ihr Herr Friedrich von Trota, der Kämmerer, der ihr einst auf der Jagd gegen den Angriff eines verwundeten Ebers tüchtiger Weise das Leben gerettet hatte, der Teuerste und Liebste. Inzwischen hatte sie sich aus Besorgnis, ihren beiden, auf die Hinterlassenschaft ihres Vermögens rechnenden Brüdern zu missfallen, aller Ermahnungen des Vaters ungeachtet, noch nicht entschließen können, ihm ihre Hand zu geben. Ja, als Rudolph, der ältere von beiden sich mit einem reichen Fräulein aus der Nachbarschaft vermählte, und ihm nach einer dreijährigen kinderlosen Frist zur großen Freude der Familie ein Stammhalter geboren ward, da nahm sie, durch manche mehr oder weniger deutliche Erklärung bewogen, von Herrn Friedrich, ihrem Freunde, in einem unter vielen Tränen abgefassten Schreiben förmlich Abschied und willigte, um die Einigkeit des Hauses zu erhalten, in den Vorschlag ihres Bruders ein, den Platz als Äbtissin in einem Frauenstift einzunehmen, das unfern ihrer väterlichen Burg an den Ufern des Rheins lag. Gerade um die Zeit, da bei dem Erzbischof von Straßburg dieser Plan betrieben ward und die Sache im Begriff war zur Ausführung zu kommen, war es, als der Landdrost, Herr Winfried von Breda durch das von dem Kaiser eingesetzte Gericht die Anzeige von der Schande seiner Tochter Littegarde sowie die Aufforderung erhielt, dieselbe zur Verantwortung gegen die von dem Grafen Jakob wider sie angebrachte Beschuldigung nach Basel zu befördern. Man nannte ihm in dem Schreiben genau die Stunde und den Ort, in welchem der Graf seinen Aussagen gemäß bei Frau Littegarde seinen Besuch heimlich abgestattet haben wollte und schickte ihm sogar den von ihrem verstorbenen Gemahl herrührenden Ring, den er beim Abschied zum Andenken an die verflossene Nacht aus ihrer Hand empfangen zu haben versicherte. Nun litt Herr Winfried eben am Tage der Ankunft dieses Schreibens an einer schweren und schmerzvollen Unpässlichkeit des Alters; er wankte, in einem äußerst gereizten Zustande, an der Hand seiner Tochter im Zimmer umher, das Ziel schon ins Auge fassend, das allem, was Leben atmet, gesteckt ist; dergestalt, daß ihn bei Überlesung dieser fürchterlichen Anzeige augenblicklich der Schlag traf, und er, indem er das Blatt fallen ließ, mit gelähmten Gliedern auf den Fußboden niederschlug. Die Brüder, die gegenwärtig waren, hoben ihn bestürzt vom Boden auf und riefen einen Arzt herbei, der in der Nähe wohnte, aber alle Mühe, ihn wieder ins Leben zurückzubringen, war umsonst; er gab, während Frau Littegarde besinnungslos in den Armen ihrer Frauen lag, seinen Geist auf. Als sie wieder zu sich kam, hatte sie auch nicht den kleinsten bittersüßen Trost, ihm ein Wort zur Verteidigung ihrer Ehre in die Ewigkeit mitgegeben zu haben. Der Schrecken der beiden Brüder über diesen heillosen Vorfall und ihre Wut über die der Schwester angeschuldigte und leider nur zu wahrscheinliche Schandtat, die ihn veranlasst hatte, war unbeschreiblich. Denn sie wussten nur zu wohl, daß Graf Jakob der Rotbart ihr in der Tat während des ganzen vergangenen Sommers gelegentlich den Hof gemacht hatte; mehrere Tourniere und Bankette waren bloß ihr zu Ehren von ihm veranstaltet, und sie auf eine schon damals sehr anstößige Weise vor allen anderen Frauen, die er zur Gesellschaft geladen hatte, von ihm bevorzugt worden. Ja, sie erinnerten sich, daß Littegarde gerade um die Zeit des besagten Remigiustages ebendiesen von ihrem Gemahl herstammenden Ring, der sich jetzt auf sonderbare Weise in den Händen des Grafen Jakob wiederfand, auf einem Spaziergang verloren zu haben vorgegeben hatte. Sie konnten daher nicht einen Augenblick an der Wahrhaftigkeit der Aussage, die der Graf vor Gericht gegen die Schwester abgeleistet hatte, zweifeln, wenn sie sich nicht selbst in ihrer Ehre angeschlagen sehen wollten. Während unter den Klagen des Hofgesindes die väterliche Leiche weggetragen ward, umklammerte sie, nur um einen Augenblick Gehör bittend, vergebens die Knie ihrer Brüder - Rudolph, vor Entrüstung flammend, fragte sie, ob sie denn einen Zeugen für die Nichtigkeit der Beschuldigung für sich aufstellen könne? Und da sie unter Zittern und Beben erwiderte, daß in der besagten Nacht die Zofe wegen eines Besuchs bei ihren Eltern abwesend gewesen sei und sie sich daher auf nichts als die Unsträflichkeit ihres Lebenswandels berufen könne, so stieß der Bruder sie mit Füßen von sich, riss ein Schwert, das an der Wand hing, aus der Scheide, und befahl ihr, rot vor Zorn und indem er Hunde und Knechte herbeirief, augenblicklich das Haus und die Burg zu verlassen. Littegarde stand bleich wie Kreide vom Boden auf und bat, seine Misshandlungen hilflos erduldend, ihr wenigstens zur Befolgung der geforderten Abreise die nötige Zeit zu lassen, doch Rudolph brüllte vor Wut schäumend weiter nichts als: "Hinaus aus dem Schloss mit dir!" Auf seine eigene Frau, die ihm mit der Bitte um Schonung und Menschlichkeit in den Weg trat, hörte er nicht, sondern warf sie durch einen Stoß mit dem Griff des Schwerts, der ihr das Blut fließen machte, auf die Seite. Die unglückliche Littegarde aber, mehr tot als lebendig, verließ das Zimmer; sie wankte, von den Blicken der Menge verfolgt, über den Hof dem Tor zu, wo man ihr ein Bündel mit Wäsche und ein paar Münzen hinausreichen ließ, und hinter ihr, unter Rudolphs gellenden Flüchen und Verwünschungen, die Torflügel ins Schloss krachten. Dieser plötzliche Sturz von der Höhe eines heiteren und fast ungetrübten Glücks in die Tiefe eines unabsehbaren und gänzlich trostlosen Elends war mehr als das arme Weib ertragen konnte. Unwissend, wohin sie sich wenden solle, wankte sie, gestützt am Geländer, den Felsenpfad hinab, um sich wenigstens für die einbrechende Nacht ein Unterkommen zu verschaffen. Doch ehe sie noch den Eingang des Dörfchens im Tal erreicht hatte, sank sie schon ihrer Kräfte beraubt auf den Boden nieder. Sie mochte, allen Erdenleiden entrückt, wohl eine Stunde so gelegen haben, und völlige Finsternis deckte schon die Gegend, als sie, umringt von mehreren mitleidigen Einwohnern des Ortes, erwachte. Denn ein Knabe, der am Felsenabhang spielte, hatte sie daselbst bemerkt und seinen Eltern von einer sonderbaren und auffallenden Erscheinung Bericht abgestattet; worauf diese, die früher von Littegarden mancherlei Wohltaten empfangen hatten, äußerst bestürzt sie in einer so trostlosen Lage zu wissen, sogleich aufbrachen, um ihr, so gut es in ihren Kräften stand, zu Hilfe zu eilen. Sie erholte sich durch die Bemühungen dieser Leute recht bald und gewann auch bei dem Anblick der Burg, die hinter ihr verschlossen worden war, ihre Besinnung wieder; sie weigerte sich aber, das Anerbieten einiger Weiber, sie wieder auf das Schloss zurück zu führen, anzunehmen und bat nur um die Gefälligkeit, ihr sogleich einen Führer beizugesellen, um ihre Wanderung fortzusetzen. Vergebens versuchten ihr die Leute klarzumachen, daß sie in ihrem Zustand keine Reise antreten dürfe; Littegarde bestand unter dem Vorwand, daß ihr Leben in Gefahr sei darauf, augenblicklich die Grenzen des Burggebiets hinter sich zu lassen; ja, sie machte, da sich der Haufen um sie, ohne ihr zu helfen, immer mehr vergrößerte, Anstalten, sich mit Gewalt loszureißen, und sich allein, trotz der Dunkelheit der hereinbrechenden Nacht, auf den Weg zu begeben; dergestalt daß die Leute notgedrungen, aus Furcht, von der Herrschaft, falls ihr ein Unglück zustieße, dafür zur Verantwortung gezogen zu werden, ihrem Wunsch nachkamen und ihr ein Fuhrwerk herbeischafften, mit dem sie, nach der wiederholt an sie gerichteten Frage, wohin sie sich denn eigentlich wenden wolle, schließlich nach Basel abfuhr. Aber schon vor dem Dorfe änderte sie, nach einer aufmerksamern Erwägung der Umstände, ihren Entschluss und befahl ihrem Führer umzukehren und sie nach der nur wenige Meilen entfernten Trotenburg zu fahren. Denn sie fühlte wohl, daß sie ohne Beistand gegen einen solchen Gegner als der Graf Jakob der Rotbart war, vor dem Gericht zu Basel nichts ausrichten würde, und niemand schien ihr des Vertrauens, zur Verteidigung ihrer Ehre aufgefordert zu werden, würdiger, als ihr wackerer, ihr in Liebe, wie sie wohl wusste, immer noch ergebener Freund, der treffliche Kämmerer Herr Friedrich von Trota. Es mochte ungefähr Mitternacht sein und die Lichter im Schlosse schimmerten noch, als sie äußerst ermüdet von der Reise mit ihrem Fuhrwerk daselbst ankam. Sie schickte einen Diener des Hauses, der ihr entgegenkam, hinauf, um der Familie ihre Ankunft anmelden zu lassen, doch ehe dieser noch seinen Auftrag vollführt hatte, traten auch schon Fräulein Bertha und Kunigunde, Herrn Friedrichs Schwestern, vor die Tür hinaus, die zufällig in Geschäften des Haushalts im unteren Vorsaal waren. Die Freundinnen hoben Littegarden, die ihnen gar wohl bekannt war, unter freudigen Begrüßungen vom Wagen und führten sie, obschon nicht ohne einige Beklemmung, zu ihrem Bruder hinauf, der in Akten, womit ihn ein Prozeß überschüttete, versenkt, an einem Tische saß. Aber wer beschreibt das Erstaunen Herrn Friedrichs, als er auf das Geräusch, das sich hinter ihm erhob, sein Antlitz wandte und Frau Littegarden, bleich und entstellt, ein wahres Bild der Verzweiflung, vor ihm auf Knien niedersinken sah. "Meine teuerste Littegarde!" rief er, indem er aufstand, und sie vom Fußboden erhob, "was ist Euch widerfahren?" Littegarde, nachdem sie sich auf einen Sessel niedergelassen hatte, erzählte ihm, was vorgefallen war und welche verruchte Anzeige der Graf Jakob der Rotbart, um sich von dem Verdacht, wegen Ermordung des Herzogs zu reinigen, vor dem Gericht zu Basel in bezug auf sie vorgebracht habe; wie die Nachricht davon ihrem alten, eben an einer Unpässlichkeit leidenden Vater augenblicklich den Nervenschlag zugezogen, an welchem er auch wenige Minuten darauf in den Armen seiner Söhne verschieden sei; und wie diese in Entrüstung darüber rasend, ohne auf das, was sie zu ihrer Verteidigung vorbringen könne, zu hören, sie mit den entsetzlichsten Misshandlungen überhäuft und zuletzt gleich einer Verbrecherin aus dem Hause gejagt hatten. Sie bat Herrn Friedrich, sie unter einer schicklichen Begleitung nach Basel zu befördern und ihr daselbst einen Rechtsgehilfen anzuweisen, der ihr bei ihrer Erscheinung vor dem von dem Kaiser eingesetzten Gericht mit klugem und besonnenem Rat gegen jene schändliche Beschuldigung zur Seite stehen könne. Sie versicherte, daß ihr aus dem Munde eines Arabers, den sie nie mit Augen gesehen, eine solche Behauptung nicht hätte unerwarteter kommen können, als aus dem Munde des Grafen Jakobs des Rotbarts, indem ihr derselbe seines schlechten Rufs sowohl als seiner äußeren Bildung wegen immer in der tiefsten Seele verhasst gewesen sei, und sie die Artigkeiten, die er sich bei den Festgelagen des vergangenen Sommers zuweilen die Freiheit genommen ihr zu sagen, stets mit der größten Kälte und Verachtung abgewiesen habe. "Genug, meine teuerste Littegarde!" rief Herr Friedrich, indem er mit edlem Eifer ihre Hand nahm, und an seine Lippen drückte, "verliert kein Wort zur Verteidigung und Rechtfertigung Eurer Unschuld! In meiner Brust spricht eine Stimme für Euch, weit lebhafter und überzeugender, als alle Versicherungen, ja selbst als alle Rechtsgründe und Beweise, die Ihr vielleicht aus der Verbindung der Umstände und Begebenheiten vor dem Gericht zu Basel für Euch aufzubringen vermögt. Nehmt mich, weil Eure ungerechten und ungroßmütigen Brüder Euch verlassen, als Euren Freund und Bruder an und gönnt mir den Ruhm, Euer Anwalt in dieser Sache zu sein; ich will den Glanz Eurer Ehre vor dem Gericht zu Basel und vor dem Urteil der ganzen Welt wiederherstellen!" Damit führte er Littegarden, deren Tränen vor Dankbarkeit und Rührung bei so edelmütigen Äußerungen heftig flossen, zu Frau Helene, seiner Mutter hinauf, die sich bereits in ihr Schlafzimmer zurückgezogen hatte; er stellte sie dieser würdigen alten Dame, die ihr mit besonderer Liebe zugetan war, als eine Gastfreundin vor, die sich wegen eines Zwistes, der in ihrer Familie ausgebrochen, entschlossen habe, ihren Aufenthalt während einiger Zeit auf seiner Burg zu nehmen. Man räumte ihr noch in derselben Nacht einen ganzen Flügel des weitläufigen Schlosses ein, füllte aus dem Vorrat der Schwestern die Schränke, die sich darin befanden, reichlich mit Kleidern und Wäsche für sie, wies ihr auch, ganz Ihrem Range gemäß, eine anständige, ja prächtige Dienerschaft an, und schon am dritten Tage befand sich Herr Friedrich von Trota, ohne sich über die Art und Weise, wie er seinen Beweis vor Gericht zu führen gedachte, auszulassen, mit einem zahlreichen Gefolge von Reisigen und Knappen auf der Straße nach Basel. Inzwischen war von den Herren von Breda, Littegardens Brüdern, ein Schreiben, den auf der Burg stattgehabten Vorfall anbetreffend, bei dem Gericht zu Basel eingelaufen, worin sie das arme Weib, sei es nun, daß sie dieselbe wirklich für schuldig hielten oder daß sie sonst Gründe haben mochten, sie zu verderben, ganz und gar als eine überführte Verbrecherin der Verfolgung der Gesetze preisgaben. Zudem nannten sie die Verstoßung derselben aus der Burg, unedelmütiger und unwahrhaftiger Weise, eine freiwillige Entweichung; sie beschrieben, wie sie sogleich, ohne irgend etwas zur Verteidigung ihrer Unschuld aufbringen zu können, auf einige entrüstete Äußerungen, die ihnen entfahren wären, das Schloss verlassen habe; und waren, bei der Vergeblichkeit aller Nachforschungen, die sie beteuerten, ihrethalb angestellt zu haben, der Meinung, daß sie jetzt wahrscheinlich an der Seite eines Abenteurers in der Welt herumirre, um das Maß ihrer Schande voll zu machen. Dabei wiesen sie zur Ehrenrettung der durch sie beleidigten Familie darauf hin, ihren Namen aus der Geschlechtstafel des Bredaschen Hauses auszustreichen und begehrten unter weitläufigen Rechtsdeduktionen, sie zur Strafe wegen so unerhörter Vergehen aller Ansprüche auf die Verlassenschaft des edlen Vaters, den ihre Schande ins Grab gestürzt, für verlustig zu erklären. Nun waren die Richter zu Basel zwar weit entfernt, diesem Antrag, der ohnehin gar nicht vor ihr Forum gehörte, zu entsprechen; da inzwischen der Graf Jakob, beim Empfang dieser Nachricht, von seiner Teilnahme an dem Schicksal Littegardens die unzweideutigsten und entschiedensten Beweise gab und heimlich, wie man erfuhr, Reiter ausschickte, um sie aufzusuchen und ihr einen Aufenthalt auf seiner Burg anzubieten: so setzte das Gericht in die Wahrhaftigkeit seiner Aussage keinen Zweifel mehr, und beschloss, die Klage, die wegen Ermordung des Herzogs über ihn schwebte, sofort aufzuheben. Ja, diese Teilnahme, die er der Unglücklichen in diesem Augenblick der Not schenkte, wirkte selbst höchst vorteilhaft auf die Meinung des in seinem Wohlwollen für ihn sehr wankenden Volks; man entschuldigte jetzt, was man früherhin missbilligt hatte, die Preisgabe einer ihm in Liebe ergebenen Frau vor der Verachtung aller Welt, und fand, daß ihm unter so außerordentlichen und ungeheuren Umständen, da es für ihn um nichts Geringeres als Leben und Ehre ging, nichts übriggeblieben sei, als rücksichtslose Aufdeckung der Ereignisse, die sich in der Nacht des heiligen Remigius zugetragen hatten. Demnach ward auf ausdrücklichen Befehl des Kaisers der Graf Jakob der Rotbart von neuem vor Gericht geladen, um feierlich bei offenen Türen von dem Verdacht, bei der Ermordung des Herzogs mitgewirkt zu haben, freigesprochen zu werden. Eben hatte der Herold in den Hallen des weitläufigen Gerichtssaals das Schreiben der Herren von Breda vorgelesen, und das Gericht machte sich bereit, dem Beschluss des Kaisers gemäß in bezug auf den ihm zur Seite stehenden Angeklagten zu einer förmlichen Ehrenerklärung zu schreiten, als Herr Friedrich von Trota vor die Schranken trat und sich, auf das allgemeine Recht jedes unparteiischen Zuschauers gestützt, den Brief auf einen Augenblick zur Durchsicht ausbat. Man willigte, während die Augen alles Volks auf ihn gerichtet waren, in seinen Wunsch ein; aber kaum hatte Herr Friedrich aus den Händen des Herolds das Schreiben erhalten, als er es, nach einem flüchtig hineingeworfenen Blick von oben bis unten zerriss und die Stücke samt seinem Handschuh, die er zusammenwickelte, dem Grafen Jakob dem Rotbart mit der Erklärung ins Gesicht warf: daß er ein schändlicher und niederträchtiger Verleumder sei, und er entschlossen ist, die Schuldlosigkeit Frau Littegardens an dem Frevel, den er ihr vorgeworfen, auf Tod und Leben vor aller Welt im Gottesurteil zu beweisen! Graf Jakob der Rotbart, nachdem er, blass im Gesicht, den Handschuh aufgehoben, sagte: "So gewiss als Gott im Urteil der Waffen gerecht entscheidet, so gewiss werde ich dir die Wahrhaftigkeit dessen, was ich Frau Littegarden betreffend, notgedrungen verlautbart habe, im ehrlichen ritterlichen Zweikampf beweisen! Erstattet, edle Herren", sprach er, indem er sich zu den Richtern wandte, "kaiserlicher Majestät Bericht von dem Einspruch, welchen Herr Friedrich getan, und ersucht sie, uns Stunde und Ort zu bestimmen, wo wir uns mit dem Schwert in der Hand zur Entscheidung dieser Streitsache begegnen können!" Demgemäß schickten die Richter nach Aufhebung der Sitzung eine Deputation mit dem Bericht über diesen Vorfall an den Kaiser ab; und da dieser durch das Auftreten Herrn Friedrichs als Verteidiger Littegardens nicht wenig in seinem Glauben an die Unschuld des Grafen irregeworden war, so rief er, wie es die Ehrengesetze erforderten, Frau Littegarden zur Beiwohnung des Zweikampfs nach Basel und setzte zur Aufklärung des sonderbaren Geheimnisses, das über dieser Sache schwebte, den Tag der heiligen Margarethe als den Termin und den Schlossplatz zu Basel als den Ort an, wo beide, Herr Friedrich von Trota und der Graf Jakob der Rotbart, einander treffen sollten. Eben ging die Mittagssonne des Margarethentages über die Türme der Stadt Basel, und eine unermessliche Menschenmenge, für welche man Bänke und Gerüste zusammengezimmert hatte, war auf dem Schlossplatz versammelt, als auf den dreifachen Ruf des vor dem Altan der Kampfrichter stehenden Herolds, Herr Friedrich und der Graf Jakob, von Kopf bis Fuß in schimmerndes Erz gerüstet, zur Ausfechtung ihrer Sache in die Schranken traten. Fast die ganze Ritterschaft von Schwaben und der Schweiz war auf der Rampe des im Hintergrund befindlichen Schlosses gegenwärtig, und auf dem Balkon desselben saß, von seinem Hofgesinde umgeben der Kaiser selbst nebst seiner Gemahlin und den Prinzen und Prinzessinnen, seinen Söhnen und Töchtern. Kurz vor Beginn des Kampfes, während die Richter Licht und Schatten zwischen den Kämpfern teilten, traten Frau Helena und ihre beiden Töchter Bertha und Kunigunde, welche Littegarden nach Basel begleitet hatten, noch einmal an die Pforten des Platzes und baten die Wächter, die daselbst standen, um die Erlaubnis, eintreten und mit Frau Littegarden, welche, einem uralten Gebrauch gemäß, auf einem Gerüst innerhalb der Schranken saß, ein Wort sprechen zu dürfen. Denn obschon der Lebenswandel dieser Dame die vollkommenste Achtung und ein ganz uneingeschränktes Vertrauen in die Wahrhaftigkeit ihrer Versicherungen zu begründen schien, so stürzte doch der Ring, den der Graf Jakob aufzuweisen hatte, und noch mehr der Umstand, daß Littegarde ihre Kammerzofe, die einzige, die ihr hätte zum Zeugnis dienen können, in der Nacht des heiligen Remigius beurlaubt hatte, ihre Gemüter in die lebhafteste Besorgnis; sie beschlossen daher, die Überzeugung der Angeklagten im Drang dieses entscheidenden Augenblicks noch einmal zu prüfen und ihr, falls wirklich eine Schuld ihre Seele drückte, die Vergeblichkeit, ja Gotteslästerlichkeit des Unternehmens auseinanderzusetzen, sich durch den heiligen Ausspruch der Waffen, der die Wahrheit unfehlbar ans Licht bringen würde, davon reinigen zu wollen. Und in der Tat hatte Littegarde alle Ursache, den Schritt, den Herr Friedrich jetzt für sie tat, wohl zu überlegen; der Scheiterhaufen wartete ihrer sowohl als ihres Freundes, des Ritters von Trota, falls Gott sich im eisernen Urteil nicht für ihn, sondern für den Grafen Jakob den Rotbart und damit für die Wahrheit der Aussage entschied, die derselbe vor Gericht gegen sie abgeleistet hatte. Frau Littegarde, als sie Herrn Friedrichs Mutter und Schwestern zur Seite eintreten sah, stand mit dem ihr eigenen Ausdruck von Würde, der durch den Schmerz, welcher über ihr Wesen verbreitet war, noch rührender ward, von ihrem Sessel auf und fragte sie, indem sie ihnen entgegenging, was sie in einem so verhängnisvollen Augenblick zu ihr führe? "Mein liebes Töchterchen", sprach Frau Helena, indem sie dieselbe auf die Seite führte, "wollt Ihr einer Mutter, die keinen anderen Trost im öden Alter, als den Besitz ihres Sohnes hat, den Kummer ersparen, ihn an seinem Grabe beweinen zu müssen; Euch, ehe noch der Zweikampf beginnt, reichlich abgefunden auf einen Wagen setzen und eins von unsern Gütern, das jenseits des Rheins liegt und Euch anständig und freundlich empfangen wird, von uns zum Geschenk annehmen?" Littegarde, nachdem sie ihr, mit einer Blässe, die ihr über das Antlitz flog, einen Augenblick starr ins Gesicht gesehen hatte, bog, sobald sie die Bedeutung dieser Worte in ihrem ganzen Umfang verstanden hatte, ein Knie vor ihr. "Verehrungswürdigste und vortreffliche Frau", sprach sie, "kommt die Besorgnis, daß Gott sich in dieser Stunde gegen meine Unschuld erklären werde, aus dem Herzen Eures edlen Sohnes?" "Weshalb wollt Ihr das wissen?" fragte Frau Helena. "Weil ich ihn in diesem Falle beschwöre, das Schwert, das keine vertrauensvolle Hand führt, lieber nicht zu zücken, und die Schranken, unter welchem schicklichen Vorwand es sei, seinem Gegner zu räumen, mich aber, ohne Gefühl des Mitleids, von dem ich nichts annehmen könnte, meinem Schicksal, das ich in Gottes Hand lege, zu überlassen." "Nein", sagte Frau Helena, "mein Sohn weiß von nichts. Es würde ihm, der vor Gericht sein Wort gegeben hat, Eure Sache zu verfechten, natürlich niemals einfallen, Euch jetzt, da die Stunde der Entscheidung schlägt, ein solches Angebot zu machen. Im festen Glauben an Eure Unschuld steht er, wie Ihr seht, bereits zum Kampf gerüstet, dem Grafen gegenüber. Es war ein Vorschlag, den wir, meine Töchter und ich, in der Bedrängnis des Augenblicks zur Berücksichtigung aller Vorteile und Vermeidung alles Unglücks erwogen haben." "Nun", sagte Frau Littegarde, indem sie die Hand der alten Dame unter einem heißen Kuss mit ihren Tränen befeuchtete, "so lasst ihn sein Wort einlösen. Keine Schuld befleckt mein Gewissen; und ginge er ohne Helm und Harnisch in den Kampf, Gott und alle seine Engel beschirmen ihn." Und damit stand sie vom Boden auf, und führte Frau Helena und ihre Töchter auf einige innerhalb des Gerüstes befindliche Sitze, die hinter dem mit rotem Tuch beschlagenen Sessel, auf dem sie sich selbst niederließ, aufgestellt waren. Hierauf blies der Herold auf den Wink des Kaisers zum Kampf, und beide Ritter mit Schild und Schwert in der Hand, gingen aufeinander los. Herr Friedrich verwundete gleich auf den ersten Hieb den Grafen, er verletzte ihn mit der Spitze seines nicht eben langen Schwertes da, wo zwischen Arm und Hand die Gelenke der Rüstung ineinander greifen. Aber der Graf, der durch die Empfindung geschreckt zurücksprang und die Wunde befühlte, fand, daß, obschon das Blut heftig floss, doch nur die Haut oberflächlich geritzt war, dergestalt, daß er auf das Murren der auf der Rampe befindlichen Ritter, über die Unschicklichkeit des Zurückweichens, wieder vordrang und den Kampf mit neuer Kraft, einem völlig Gesunden gleich, fortsetzte. Jetzt wogte zwischen beiden Kämpfern der Streit, wie zwei Sturmwinde einander begegnen, wie zwei Gewitterwolken ihre Blitze einander zusendend sich treffen, und, ohne sich zu vermischen, unter dem Gekrach häufiger Donner, getürmt umeinander herumschweben. Herr Friedrich stand, Schild und Schwert vorgestreckt, auf dem Boden, als ob er darin Wurzel fassen wollte; bis an die Sporen grub er sich, bis an die Knöchel und Waden, in das von seinem Pflaster befreite, aufgelockerte Erdreich ein, die tückischen Stöße des Grafen, der, klein und behende, gleichsam von allen Seiten zugleich angriff, von seiner Brust und seinem Haupt abwehrend. Schon hatte der Kampf, die Augenblicke der Ruhe, zu welcher die Anstrengung beide Parteien zwang, mitgerechnet, fast eine Stunde gedauert, als sich von neuem ein Murren unter den auf dem Gerüst befindlichen Zuschauern erhob. Es schien, es galt diesmal nicht den Grafen Jakob, der es an Eifer, den Kampf zu Ende zu bringen, nicht fehlen ließ, sondern Herrn Friedrichs Verharren auf ein und demselben Fleck, und seiner seltsamen, dem Anschein nach fast eingeschüchterten, jedenfalls starrsinnigen Enthaltung alles eignen Angriffs. Herr Friedrich, obschon seine Taktik auf guten Gründen beruhen mochte, gab dennoch der Forderung derer, die in diesem Augenblick über seine Ehre entschieden, nach; er trat mit einem mutigen Schritt aus seinem anfangs gewählten Standpunkt und aus der natürlichen Verschanzung, die sich um seine Füße gebildet hatte, heraus, über dem Haupt seines Gegners, dessen Kräfte schon nachzulassen schienen, mehrere derbe und rücksichtslose Streiche nieder schmetternd, die derselbe jedoch unter geschickten Seitenbewegungen mit seinem Schild aufzufangen wusste. Aber schon in den ersten Momenten dieses dergestalt veränderten Kampfs passierte etwas, das mit einer Anwesenheit höherer, über den Kampf waltender Mächte nicht eben zusammenzuhängen schien; er stolperte und stürzte, den Fußtritt in seinen Sporen verwickelnd, und während er, unter der Last des Helms und des Harnisches, die seinen Oberkörper beschwerten, mit in den Staub vorgestützter Hand in die Knie sank, stieß ihm Graf Jakob der Rotbart nicht eben auf die edelmütigste und ritterlichste Weise das Schwert in die dadurch bloßgegebene Seite. Herr Friedrich sprang mit einem Laut des augenblicklichen Schmerzes von der Erde empor. Er drückte sich zwar das Visier vor die Augen und machte, das Antlitz rasch seinem Gegner wieder zuwendend, Anstalten, den Kampf fortzusetzen, aber während er sich mit vor Schmerz gekrümmtem Leibe auf sein Schwert stützte und Dunkelheit seine Augen umfloss, stieß ihm der Graf die Klinge noch zweimal dicht unter dem Herzen in die Brust, worauf er, von seiner Rüstung umrasselt, zu Boden schmetterte und Schwert und Schild neben sich niederfallen ließ. Der Graf setzte ihm, nachdem er die Waffen über die Seite geschleudert, unter einem dreifachen Tusch der Trompeten, den Fuß auf die Brust; und während alle Zuschauer, der Kaiser selbst an der Spitze, unter dumpfen Ausrufen des Schreckens und Mitleidens von ihren Sitzen aufstanden, stürzte sich Frau Helena im Gefolge ihrer beiden Töchter über ihren teuern, sich in Staub und Blut wälzenden Sohn. "Oh mein Friedrich", rief sie, an seinem Haupt jammernd niederkniend, während Frau Littegarde ohnmächtig und besinnungslos von zwei Knappen von dem Boden des Gerüstes, auf welchen sie herabgesunken war, aufgehoben und in ein Gefängnis getragen ward. "Oh die Verruchte", setzte die Mutter hinzu, "die Verworfene, die, das Bewusstsein der Schuld im Busen, hierher zu treten und den Arm des treusten und edelmütigsten Freundes zu bewaffnen wagte, um ihr ein Gottesurteil in einem ungerechten Zweikampf zu erstreiten." Und damit hob sie den geliebten Sohn, während die Töchter ihn von seinem Harnisch befreiten, wehklagend vom Boden auf und versuchte, ihm das Blut, das aus seiner Brust drang, zu stillen. Aber Wächter traten auf Befehl des Kaisers herbei, die auch ihn, als einen dem Gesetz Verfallenen, in Verwahrsam nahmen; man legte ihn unter Beistand einiger Ärzte auf eine Bahre und trug ihn in Begleitung einer großen Volksmenge gleichfalls in ein Gefängnis, wohin Frau Helena jedoch und ihre Töchter die Erlaubnis bekamen, ihm bis an seinen Tod, an dem niemand zweifelte, folgen zu dürfen. Es zeigte sich aber gar bald, daß Herrn Friedrichs Wunden, so lebenswichtige Organe sie auch berührten, durch eine besondere Fügung des Himmels nicht tödlich gewesen waren; vielmehr konnten die Ärzte, die man ihm zugeordnet hatte, schon wenige Tage darauf die bestimmte Versicherung an die Familie geben, daß er am Leben erhalten werden würde, ja, daß er bei der Stärke seiner Natur binnen wenigen Wochen und ohne irgendeine Verstümmlung an seinem Körper zu erleiden, wiederhergestellt sein würde. Sobald ihm seine Besinnung, deren ihn der Schmerz während langer Zeit beraubte, wiederkehrte, war seine an die Mutter gerichtete Frage unaufhörlich, was Frau Littegarde mache? Er konnte sich der Tränen nicht enthalten, wenn er sich dieselbe in der Öde des Gefängnisses, der entsetzlichsten Verzweiflung zum Raube hingegeben dachte, und forderte die Schwestern, indem er ihnen liebkosend das Kinn streichelte, auf, sie zu besuchen und sie zu trösten. Frau Helena, über diese Äußerung betroffen, bat ihn, diese Schändliche und Niederträchtige zu vergessen; sie meinte, daß das Verbrechen, dessen der Graf Jakob vor Gericht Erwähnung getan, und das nun durch den Ausgang des Zweikampfs ans Tageslicht gekommen, zwar verziehen werden könne, nicht aber die Schamlosigkeit und Frechheit, mit dem Bewusstsein dieser Schuld ohne Rücksicht auf den edelsten Freund, den sie dadurch ins Verderben stürze, das geheiligte Urteil Gottes gleich einer Unschuldigen für sich anzurufen. "Ach, meine Mutter", sprach der Kämmerer, "wo ist der Sterbliche - und verfügte er selbst über die Weisheit aller Zeiten - der es wagen darf, den geheimnisvollen Spruch, den Gott in diesem Zweikampf getan hat, auszulegen?" "Wie?" rief sie, "blieb dir der Sinn dieses göttlichen Spruchs dunkel? Warst du nicht, auf eine leider nur zu bestimmte und unzweideutige Weise, dem Schwert deines Gegners im Kampf unterlegen?" "Sei's drum", versetzte Herr Friedrich "auf den Augenblick unterlag ich ihm. Aber ward ich durch den Grafen überwunden? Lebe ich nicht? Blühe ich nicht wie unter dem Hauch des Himmels wunderbar wieder empor, vielleicht in wenigen Tagen schon mit der Kraft doppelt und dreifach ausgerüstet, den Kampf, in dem ich durch einen nichtigen Zufall gestört ward, von neuem wieder aufzunehmen?" "Törichter Mensch!" rief die Mutter erschrocken. "Weißt du nicht, daß ein Gesetz besteht, nach welchem ein Kampf, der einmal nach dem Ausspruch der Kampfrichter abgeschlossen ist, nicht wieder zur Ausfechtung derselben Sache vor den Schranken des göttlichen Gerichts aufgenommen werden darf?" "Gleichviel! Was kümmern mich diese willkürlichen Gesetze der Menschen? Kann ein Kampf, der nicht bis an den Tod eines der beiden Kämpfer fortgeführt worden ist, nach jeder vernünftigen Beurteilung der Verhältnisse für abgeschlossen gehalten werden? Und dürfte ich nicht, falls mir ihn wieder aufzunehmen gestattet wäre, hoffen, das Missgeschick, das mich getroffen, ungeschehen zu machen und mir mit dem Schwert einen ganz anderen Spruch Gottes zu erkämpfen, als den, der jetzt voreilig und kurzsichtig geltend gemacht wurde?" "Gleichwohl", entgegnete die Mutter bedenklich, "sind diese Gesetze, um welche du dich nicht zu bekümmern vorgibst, die gültigen und unbedingten; sie führen, verständig oder nicht, die Kraft göttlicher Satzungen aus und überliefern dich und sie, wie ein verabscheuungswürdiges Frevlerpaar, der ganzen Strenge der peinlichen Gerichtsbarkeit." "Ach", rief Herr Friedrich, "das eben ist es, was mich Jammervollen in Verzweiflung stürzt! Der Stab ist, einer Verurteilten gleich, über sie gebrochen, und ich, der ihre Tugend und Unschuld vor der Welt beweisen wollte, bin es, der dies Elend über sie gebracht, ein heilloser Fehltritt in die Riemen meiner Sporen, durch den Gott mich vielleicht, ganz unabhängig von ihrer Sache, meiner eigenen Sünden wegen strafen wollte, gibt ihr blühendes Leben der Flamme und ihr Andenken ewiger Schande preis." Bei diesen Worten stiegen ihm die Tränen heißen Schmerzes ins Auge, er kehrte sich, indem er sein Tuch ergriff, der Wand zu, und Frau Helena und ihre Töchter knieten in stiller Rührung an seinem Bett nieder, und mischten, indem sie seine Hand küssten, ihre Tränen mit den seinigen. Inzwischen war der Turmwächter mit Speisen für ihn und die Seinigen in sein Zimmer getreten, und da Herr Friedrich ihn fragte, wie sich Frau Littegarde befinde, vernahm er in abgerissenen und nachlässigen Worten desselben, daß sie auf einem Bündel Stroh liege und noch seit dem Tage, da sie eingesperrt worden, kein Wort von sich gegeben habe. Herr Friedrich ward durch diese Nachricht in die äußerste Besorgnis gestürzt, er trug ihm auf, der Dame zu ihrer Beruhigung zu sagen, daß er durch eine sonderbare Fügung des Himmels in völliger Besserung begriffen sei, und bat sich von ihr die Erlaubnis aus, sie nach Wiederherstellung seiner Gesundheit, mit Genehmigung des Schlossvogts, in ihrem Gefängnis besuchen zu dürfen. Doch die Antwort, die der Turmwächter von ihr nach mehrmaligem Schütteln derselben am Arm, da sie wie eine Wahnsinnige, ohne zu hören und zu sehen, auf dem Stroh lag, empfangen zu haben, vorgab, war: nein, sie wolle, solange sie auf Erden sei, keinen Menschen mehr sehen, ja, man erfuhr, daß sie noch an demselben Tage dem Schloßvogt in einer eigenhändigen Notiz befohlen hatte, niemanden, wer es auch sei, den Kämmerer von Trota aber am allerwenigsten zu ihr zu lassen, dergestalt, daß Herr Friedrich, von der heftigsten Bekümmernis über ihren Zustand getrieben, an einem Tage, an welchem er seine Kraft besonders lebhaft wiederkehren fühlte, mit Erlaubnis des Schlossvogts aufbrach, und sich, ihrer Verzeihung gewiss, ohne bei ihr angemeldet worden zu sein, in Begleitung seiner Mutter und beiden Schwestern, nach ihrem Kerker verfügte. Aber wer beschreibt das Entsetzen der unglücklichen Littegarde, als sie sich bei dem an der Tür bemerkbaren Geräusch mit halb offener Brust und aufgelöstem Haar von dem Stroh, das ihr untergeschüttet war, erhob und statt des Turmwächters, den sie erwartete, den Kämmerer, ihren edlen und vortrefflichen Freund, mit manchen Spuren der ausgestandenen Leiden eine wehmütige und rührende Erscheinung, an Berthas und Kunigundens Arm bei sich eintreten sah. "Hinweg!" rief sie, indem sie sich mit dem Ausdruck der Verzweiflung rückwärts auf die Decken ihres Lagers warf und die Hände vor ihr Antlitz drückte. "Wenn dir ein Funken von Mitleid im Busen glimmt, hinweg!" "Meine teuerste Littegarde", sagte Herr Friedrich. Er neigte sich in unaussprechlicher Rührung über sie, um ihre Hand zu ergreifen. "Hinweg!" rief sie abermals, mehrere Schritt weit auf Knien vor ihm auf dem Stroh zurückbebend, "wenn ich nicht wahnsinnig werden soll, so berühre mich nicht! Du bist mir ein Greuel; loderndes Feuer ist mir minder schrecklich, als du!" "Ich dir ein Greuel?" versetzte Herr Friedrich betroffen. "Womit, meine edelmütige Littegarde, hat dein Friedrich diesen Empfang verdient?" "Oh Jesus!" rief jene, indem sie sich in der entsetzlichsten Angst, das Antlitz ganz auf den Boden gesenkt, vor ihm niederwarf. "Verlasse diesen Ort, mein Geliebter und fliehe mich! Ich umfasse in heißer Inbrunst deine Knie, ich wasche deine Füße mit meinen Tränen, ich flehe dich wie ein Wurm vor dir im Staube gekrümmt um die einzige Erbarmung an: verlasse, mein Herr und Gebieter, fliehe mich auf der Stelle!" Herr Friedrich stand durch und durch erschüttert vor ihr da. "Ist dir mein Anblick so unerfreulich Littegarde?" fragte er, indem er ernst auf sie niederschaute. "Entsetzlich, unerträglich, vernichtend", antwortete Littegarde, ihr Gesicht mit verzweifelt vorgehaltenen Händen an seinen Füßen bergend. "Die Hölle mit allen Schauern und Schrecknissen ist süßer mir und lieblicher anzuschauen, als der Frühling deines mir in Huld und Liebe zugekehrten Angesichts!" "Gott im Himmel!" rief der Kämmerer, "was soll ich von dieser Zerknirschung deiner Seele denken? Sprach das Gottesurteil, Unglückliche, die Wahrheit und bist du des Verbrechens, dessen dich der Graf vor Gericht geziehen hat, bist du dessen schuldig?" "Schuldig, überwiesen, verworfen, in Zeitlichkeit und Ewigkeit verdammt und verurteilt!" rief Littegarde, indem sie sich den Busen, wie eine Rasende schlug. "Gott ist wahrhaftig und untrüglich. Geh, meine Sinne bersten und meine Kraft bricht. Lass mich mit meinem Jammer und meiner Verzweiflung allein!" Bei diesen Worten fiel Herr Friedrich in Ohnmacht; und während Littegarde sich mit einem Schleier das Haupt verhüllte und, wie in gänzlicher Verabschiedung von der Welt, auf ihr Lager zurücksank, stürzten Bertha und Kunigunde jammernd über ihren entseelten Bruder, um ihn wieder ins Leben zurückzurufen. "Oh sei verflucht!" rief Frau Helena, da der Kämmerer wieder die Augen aufschlug, "verflucht zu ewiger Reue diesseits des Grabes, und jenseits desselben zu ewiger Verdammnis; nicht wegen der Schuld, die du jetzt eingestehst, sondern wegen der Unbarmherzigkeit und Unmenschlichkeit, sie eher nicht, als bis du meinen schuldlosen Sohn mit dir ins Verderben herabgerissen, einzugestehn! Ich Törin!" fuhr sie fort, indem sie sich verachtungsvoll von ihr abwandte, "hätte ich doch einem Wort, das mir noch kurz vor Eröffnung des Gottesgerichts der Prior des Augustinerklosters anvertraut, bei dem der Graf, in frommer Vorbereitung zu der entscheidenden Stunde, die ihm bevorstand, zur Beichte gewesen, Glauben geschenkt! Ihm hat er, auf die heilige Hostie, die Wahrhaftigkeit der Angabe, die er vor Gericht in bezug auf die Elende, niedergelegt, beschworen; die Gartenpforte hat er ihm bezeichnet, an welcher sie ihn, der Verabredung gemäß, bei Einbruch der Nacht erwartet und empfangen, ihm das Zimmer, ein Seitengemach des unbewohnten Schlossturms, beschrieben, worin sie ihn, von den Wächtern unbemerkt, hereingelassen, das Lager, von Polstern bequem und prächtig unter einem Thronhimmel aufgestapelt, worauf sie sich in schamloser Schwelgerei heimlich mit ihm gebettet! Ein Eidschwur in einer solchen Stunde getan, enthält keine Lüge! Und hätte ich Verblendete meinen Sohn nur in dem Augenblick des ausbrechenden Zweikampfs davon unterrichtet, so würde ich ihm die Augen geöffnet haben, und er vor dem Abgrund an welchem er stand, zurückgebebt sein. Aber komm!" rief sie, indem sie Herrn Friedrich sanft umschloss und ihm einen Kuss auf die Stirne drückte, "Entrüstung, die sie der Worte würdigt, ehrt sie bloß; unsern Rücken mag sie erschauen und, vernichtet durch die Vorwürfe, womit wir sie verschonen, verzweifeln!" Damit wandten sie sich zum Gehen. "Wartet", rief Littegarde, durch diese Worte aus ihrer Reglosigkeit erweckt. Sie stützte ihr Haupt schmerzvoll auf ihre Knie, und indem sie heiße Tränen auf ihr Tuch niederweinte, sprach sie leise, aber mit klaren Worten: "Ich erinnere mich, daß meine Brüder und ich drei Tage vor jener Nacht des heiligen Remigius auf seinem Schlosse waren; er hatte, wie er oft zu tun pflegte, ein Fest mir zu Ehren veranstaltet, und mein Vater, der den Reiz meiner aufblühenden Jugend gern gefeiert sah, mich bewogen, die Einladung in Begleitung meiner Brüder anzunehmen. Spät nach Beendigung des Tanzes, da ich mein Schlafzimmer besteige, finde ich einen Zettel auf meinem Tisch liegen, der von unbekannter Hand geschrieben und ohne Namensunterschrift, eine förmliche Liebeserklärung enthielt. Es traf sich, daß meine beiden Brüder gerade wegen Verabredung unserer Abreise, die auf den kommenden Tag festgesetzt war, in dem Zimmer gegenwärtig waren; und da ich keine Geheimnisse vor ihnen zu haben gewohnt war, so zeigte ich ihnen, von sprachlosem Erstaunen ergriffen, den sonderbaren Fund, den ich soeben gemacht hatte. Diese, welche sogleich des Grafen Handschrift erkannten, schäumten vor Wut, und der ältere war willens, sich augenblicks mit dem Papier in dessen Gemach zu verfügen; doch der jüngere machte ihm deutlich, wie bedenklich dieser Schritt sei, da der Graf die Klugheit gehabt, den Zettel nicht zu unterschreiben; worauf beide in der tiefsten Entwürdigung über eine so beleidigende Aufführung sich noch in derselben Nacht mit mir in den Wagen setzten und mit dem Entschluss, seine Burg nie wieder mit ihrer Gegenwart zu beehren, auf das Schloss unseres Vaters zurückkehrten. Dies ist die einzige Verbindung", setzte sie hinzu, "die ich jemals mit diesem Nichtswürdigen und Niederträchtigen hatte!" "Wie?" sagte der Kämmerer, indem er sich auf Knien vor ihr niederließ und sie bei den Schultern fasste, "sag' das nochmal! Hast du mich, um jenes Elenden willen, nicht verraten, und bist du rein von der Schuld, deren er dich vor Gericht geziehen?" Alle starrten sie wie fassungslos an. "Liebster", flüsterte Littegarde und drückte seine Hand an ihre Lippen. "Bist du's?" rief er, "bist du's?" "Das ist die Wahrheit", sagte sie und blickte voll unendlicher Demut in die Augen der anderen, die ihre Rührung jetzt kaum noch verbergen konnten. "Oh Gott, der Allmächtige!" rief Herr Friedrich, ihre Knie umfassend, "habe Dank! Deine Worte geben mir das Leben wieder; der Tod schreckt mich nicht mehr, und die Ewigkeit, soeben noch wie ein Meer unabsehbaren Elends vor mir ausgebreitet, geht wieder, wie ein Reich voll tausend glänzender Sonnen, vor mir auf!" "Du Unglücklicher", sagte Littegarde, indem sie sich ihm entzog, "wie kannst du dem, was dir mein Mund sagt, noch Glauben schenken?" "Niemals mehr als jetzt", sagte Herr Friedrich glühend. "Wahnsinniger! Rasender!" rief Littegarde, "hat das geheiligte Urteil Gottes nicht gegen mich entschieden? Warst du dem Grafen nicht in jenem verhängnisvollen Zweikampf unterlegen, hat nicht die Wahrhaftigkeit dessen, was er vor Gericht gegen mich vorgebracht, obsiegt?" "Oh meine teuerste Littegarde", rief er, "bewahre deine Sinne vor Verzweiflung. Türme das Gefühl, das in deiner Brust lebt, wie einen Felsen empor. Halte dich daran und wanke nicht, und wenn Erde und Himmel unter dir und über dir zugrunde gingen! Lass uns von zwei Erwägungen, die die Sinne verwirren, die bessere und begreiflichere wählen, und ehe du dich schuldig glaubst, lieber glauben, daß in dem Zweikampf, den ich für dich gefochten, ich siegte! Gott, Herr meines Lebens", setzte er in diesem Augenblick hinzu, indem er seine Hände vor sein Antlitz legte, "bewahre meine Seele selbst vor Verwirrung! Ich meine, so wahr ich selig werden will, vom Schwert meines Gegners nicht überwunden worden zu sein, da ich, schon unter den Staub seines Fußtritts hingeworfen, wieder ins Dasein zurückgekommen bin. Worin liegt die Verpflichtung der höchsten göttlichen Weisheit, die Wahrheit im Augenblick der glaubensvollen Anrufung selbst anzuzeigen und auszusprechen?" Er umschloss ihre Hand zwischen den seinigen und sagte "Oh Littegarde, im Leben lass uns auf den Tod und im Tode auf die Ewigkeit hinaus sehen, und des festen, unerschütterlichen Glaubens sein: deine Unschuld wird, und sie wird durch den Zweikampf, den ich für dich gefochten, zum hellen, heiteren Licht der Sonne gebracht werden!" Bei diesen Worten trat der Schlossvogt ein, und da er Frau Helena, welche weinend an einem Tisch saß, daran erinnerte, daß so viele Gemütsbewegungen ihren Sohn zu sehr mitnehmen könnten, so kehrte Herr Friedrich auf das Zureden der Seinigen, nicht ohne das Bewußtsein, unermesslichen Trost gegeben und empfangen zu haben, wieder in sein Gefängnis zurück. Inzwischen war vor dem zu Basel von dem Kaiser eingesetzten Tribunal gegen Herrn Friedrich von Trota sowohl als seine Freundin, Frau Littegarde von Auerstein, die Klage wegen sündhaft angerufenen göttlichen Schiedsurteils eingeleitet, und beide dem bestehenden Gesetz gemäß verurteilt worden, auf dem Platz des Zweikampfs selbst den schmählichen Tod der Flammen zu erleiden. Man schickte eine Deputation von Räten ab, um es den Gefangenen anzukündigen, und das Urteil wäre auch gleich nach Gesundung des Kämmerers an ihnen vollstreckt worden, wenn es nicht des Kaisers Wille gewesen wäre, den Grafen Jakob den Rotbart, gegen den er eine Art von Misstrauen nicht unterdrücken konnte, dabei gegenwärtig zu sehen. Aber dieser lag, auf eine in der Tat sonderbare und merkwürdige Weise, an der kleinen, dem Anschein nach unbedeutenden Wunde, die er zu Anfang des Zweikampfs von Herrn Friedrich erhalten hatte, noch immer krank darnieder und ein äußerst verderbter Zustand seiner Leibessäfte verhinderte von Tage zu Tage und von Woche zu Woche die Heilung derselben; die ganze Kunst der Ärzte, die man nach und nach aus Schwaben und der Schweiz herbeirief, vermochte nicht, sie zu schließen. Ja, ein ätzender der ganzen damaligen Heilkunst unbekannter Eiter fraß auf eine krebsartige Weise bis auf den Knochen hinein in seiner Hand um sich, dergestalt, daß man zum Entsetzen aller seiner Freunde genötigt gewesen war, ihm die ganze schadhafte Hand und bald hernach, da auch hierdurch dem Eiterfraß kein Ziel gesetzt ward, den Arm selbst zu amputieren. Aber auch diese radikale Maßnahme vergrößerte nur, wie man heutzutage leicht nachvollziehen könnte, statt ihm abzuhelfen, das Übel; und die Ärzte, da sich sein ganzer Körper nach und nach in Eiterung und Fäulnis auflöste, erklärten, daß keine Rettung für ihn sei, und er wahrscheinlich noch vor Ende der laufenden Woche sterben müsse. Vergebens forderte ihn der Prior des Augustinerklosters, der in dieser unerwarteten Wendung der Dinge die untrügliche Fügung Gottes zu erblicken glaubte, auf, im bezug auf den zwischen ihm und der Herzogin Regentin bestehenden Streit, die Wahrheit einzugestehen; der Graf nahm, durch und durch zerrüttet, noch einmal das heilige Sakrament auf die Wahrhaftigkeit seiner Aussage, und gab, unter allen Zeichen der entsetzlichsten Angst, falls er Frau Littegarden verleumderischer Weise angeklagt hätte, seine Seele der ewigen Verdammnis preis. Nun hatte man, trotz der Sittenlosigkeit seines Lebenswandels, doppelte Gründe, an die innerliche Redlichkeit dieser Versicherung zu glauben. Einmal, weil der Kranke in der Tat von einer gewissen Frömmigkeit war, die einen falschen Eidschwur, in solchem Augenblick getan, nicht zu gestatten schien, und dann, weil sich aus einem Verhör, das mit dem Turmwächter des Schlosses derer von Breda angestellt worden war, welchen er, behufs eines heimlichen Eintritts in die Burg, bestochen zu haben vorgegeben hatte, bestimmt ergab, daß dieser Umstand begründet und der Graf wirklich in der Nacht des heiligen Remigius im Innern des Bredaschen Schlosses gewesen war. Demnach blieb dem Prior fast nichts übrig, als an eine Täuschung des Grafen selbst durch eine dritte ihm unbekannte Person zu glauben; und noch hatte der Unglückliche, der bei der Nachricht von der wunderbaren Wiederherstellung des Kämmerers selbst auf diesen schrecklichen Gedanken geriet, das Ende seines Lebens nicht erreicht, als sich dieser Glaube schon zu seiner Verzweiflung vollkommen bestätigte. Man muss nämlich wissen, daß der Graf schon lange, ehe seine Begierde auf Frau Littegarden fiel, mit Rosalien, ihrer Kammerzofe, auf einem nichtswürdigen Fuß lebte; fast bei jedem Besuch, den ihre Herrschaft auf seinem Schlosse abstattete, pflegte er dies Mädchen, welches ein leichtfertiges und sittenloses Geschöpf war, zur Nachtzeit auf sein Zimmer zu ziehen. Da nun Littegarde, bei dem letzten Aufenthalt, den sie mit ihren Brüdern auf seiner Burg nahm, jenen zärtlichen Brief, worin er ihr seine Leidenschaft erklärte, von ihm empfing, so erweckte dies die Empfindlichkeit und Eifersucht dieses seit mehreren Wochen schon von ihm vernachlässigten Mädchens. Sie ließ bei der bald darauf erfolgten Abreise Littegardens, welche sie begleiten musste, im Namen derselben einen Zettel an den Grafen zurück, worin sie ihm mitteilte, daß die Entrüstung ihrer Brüder über den Schritt, den er getan, ihr zwar keine unmittelbare Zusammenkunft gestattete, ihn aber zugleich einlud, sie zu diesem Zweck in der Nacht des heiligen Remigius in den Gemächern ihrer väterlichen Burg zu besuchen. Jener, voll Freude über das Glück seiner Unternehmung, fertigte sogleich einen zweiten Brief an Littegarden ab, worin er ihr seine bestimmte Ankunft in der besagten Nacht meldete und sie lediglich bat, ihm zur Vermeidung aller Zwischenfälle einen treuen Führer, der ihn nach ihren Zimmern geleiten könne, entgegenzuschicken. Und da die Zofe, in jeder Art der Ränke geübt, auf eine solche Nachricht rechnete, so glückte es ihr, dies Schreiben abzufangen und ihm in einer zweiten gefälschten Antwort zu sagen, daß sie ihn selbst an der Gartenpforte erwarten würde. Darauf, am Abend vor der verabredeten Nacht, bat sie sich unter dem Vorwand, daß ihre Schwester krank sei, und daß sie dieselbe besuchen wolle, von Littegarden einen Urlaub aufs Land aus; sie verließ auch, da sie denselben erhielt, wirklich spät am Nachmittag mit einem Bündel Wäsche unterm Arm das Schloss und begab sich unter Zeugen nach der Gegend, wo jene Frau wohnte, auf den Weg. Statt aber diese Reise zu vollenden, fand sie sich bei Einbruch der Nacht mit der Behauptung, daß ein Gewitter heranziehe, wieder auf der Burg ein und wählte sich, um, wie sie sagte, ihre Herrschaft nicht zu stören, indem es ihre Absicht sei, in der Frühe des kommenden Morgens sich abermal aufzumachen, ein Nachtlager in einem der leerstehenden Zimmer des verödeten und wenig besuchten Schlossturms. Der Graf, der sich bei dem Turmwächter durch Geld den Eingang in die Burg zu verschaffen wusste und in der Stunde der Mitternacht, der Verabredung gemäß, von einer verschleierten Person an der Gartenpforte empfangen ward, ahnte, wie man leicht begreift, nichts von dem ihm vorgespielten Betrug; das Mädchen drückte ihm flüchtig einen Kuss auf den Mund und führte ihn über mehrere Treppen und Gänge des menschenleeren Seitenflügels in eines der prächtigsten Gemächer des Schlosses selbst, dessen Fenster vorher sorgsam von ihr verschlossen worden waren. Hier, nachdem sie, seine Hand haltend, auf geheimnisvolle Weise an den Türen umhergehorcht und ihm mit flüsternder Stimme, unter dem Vorwand, daß das Schlafzimmer des Bruders ganz in der Nähe sei, Schweigen geboten hatte, ließ sie sich mit ihm auf dem zur Seite stehenden Ruhebette nieder; der Graf, durch ihre Gestalt und ihr Gebaren getäuscht, schwamm im Taumel des Vergnügens, in seinem Alter noch eine solche Eroberung gemacht zu haben; und als sie ihn beim ersten Dämmerlicht des Morgens entließ und ihm zum Andenken an die verflossene Nacht einen Ring, den sie Littegarde am Abend vorher zu diesem Zweck entwendet hatte, an den Finger steckte, versprach er ihr, sobald er zu Hause sei, zum Gegengeschenk einen anderen, der ihm am Hochzeitstage von seiner verstorbenen Gemahlin verehrt worden war. Drei Tage darauf hielt er auch Wort und sandte diesen Ring, den Rosalie wieder geschickt genug war abzufangen, heimlich auf die Burg; ließ aber, wahrscheinlich aus Furcht, daß dies Abenteuer ihn zu weit führen könne, weiter nichts von sich hören, und wich unter mancherlei Vorwänden einer zweiten Zusammenkunft aus. Späterhin war das Mädchen eines Diebstahls wegen, wovon der Verdacht mit ziemlicher Gewissheit auf ihr lastete, verabschiedet und in das Haus ihrer Eltern, welche am Rhein wohnten, zurückgeschickt worden, und da nach Vollendung der natürlichen Frist die Folgen ihres Beischlafs an ihr sichtbar wurden und die Mutter sie mit großer Strenge verhörte, gab sie den Grafen Jakob den Rotbart unter Entdeckung der ganzen geheimen Geschichte, die sie mit ihm gespielt hatte, als den Vater des Kindes an. Glücklicherweise hatte sie den Ring, der ihr von dem Grafen übersendet worden war, aus Furcht, für eine Diebin gehalten zu werden, nur sehr zögernd zum Verkauf angeboten, auch in der Tat, seines großen Werts wegen, niemand gefunden, der ihn zu erstehen Lust gezeigt hätte; dergestalt, daß die Wahrhaftigkeit ihrer Aussage nicht in Zweifel gezogen werden konnte, und die Eltern, auf dies augenscheinliche Zeugnis gestützt, bei Gericht gegen den Grafen Jakob wegen Unterhalt des Kindes einkamen. Das Gericht, welches von dem sonderbaren Rechtsstreit, der in Basel anhängig gemacht worden war, schon gehört hatte, beeilte sich, diese Entdeckung, die es für den Ausgang desselben von größter Wichtigkeit hielt, zur Kenntnis des Tribunals zu bringen; und da eben ein Ratsherr in öffentlichen Geschäften nach dieser Stadt abging, so gaben sie ihm zur Auflösung des fürchterlichen Rätsels, das ganz Schwaben und die Schweiz beschäftigte, einen Brief mit der eidesstattlichen Aussage des Mädchens, dem sie den Ring beifügten, für den Grafen Jakob den Rotbart mit. Es war eben an dem zur Hinrichtung Herrn Friedrichs und Littegardens bestimmten Tage, welche der Kaiser, ohne Kenntnis der Zweifel, die sich in der Brust des Grafen selbst erhoben hatten, nicht mehr aufschieben zu dürfen glaubte, als der Ratsherr zu dem Kranken, der sich in jammervoller Verzweiflung auf seinem Lager wälzte, mit diesem Schreiben ins Zimmer trat. "Es ist genug!" rief dieser, da er den Brief gelesen und den Ring gesehen hatte, "ich bin das Licht der Sonne zu schauen müde. Verschafft mir", wandte er sich zum Prior, "eine Bahre und tragt mich Elenden, dessen Kraft zu Staub versinkt, auf den Richtplatz hinaus: ich will nicht ohne eine Tat der Gerechtigkeit verübt zu haben sterben!" Der Prior, durch diesen Vorfall tief erschüttert, ließ ihn sogleich wie er begehrte durch vier Knechte auf ein Traggestell heben; und zugleich mit einer unüberschaubaren Menschenmenge, welche das Glockengeläut um den Scheiterhaufen, auf welchen Herr Friedrich und Littegarde bereits festgebunden waren, heribeigelockt hatte, kam er mit dem Unglücklichen, der ein Kruzifix in der Hand hielt, daselbst an. "Halt!" rief der Prior, indem er die Bahre dem Altan des Kaisers gegenüber niedersetzen ließ. "Bevor ihr das Feuer an jenen Scheiterhaufen legt, vernehmt ein Wort, das euch der Mund dieses Sünders zu eröffnen hat." "Wie?" rief der Kaiser, indem er sich leichenblass von seinem Sitz erhob, "hat das geheiligte Urteil Gottes nicht für die Gerechtigkeit seiner Sache entschieden, und ist es, nach dem was vorgefallen, auch nur zu denken erlaubt, daß Littegarde an dem Frevel, dessen er sie geziehen, unschuldig sei?" Bei diesen Worten stieg er sichtlich betroffen vom Altan herab; und mehr denn tausend Ritter, denen alles Volk, über Bänke und Schranken herab, folgte, drängten sich um das Lager des Kranken zusammen. "Unschuldig", versetzte dieser, indem er sich, gestützt auf den Prior, halb darauf emporrichtete, "wie es der Spruch des höchsten Gottes an jenem verhängnisvollen Tage vor den Augen aller versammelten Bürger von Basel entschieden hat. Denn er, von drei Wunden, jede offenbar tödlich, getroffen, blüht, wie ihr seht, in Kraft und Lebensfülle; indessen ein Hieb von seiner Hand, der kaum die äußerste Hülle meines Lebens zu versehren schien, in langsam fürchterlicher Fortwirkung den Kern desselben getroffen und meine Kraft wie der Sturmwind eine Eiche gefällt hat. Aber hier, falls ein Ungläubiger noch Zweifel nähren sollte, sind die Beweise: Rosalie, ihre Kammerzofe, war es, die mich in jener Nacht des heiligen Remigius empfing, während ich Elender in der Verblendung meiner Sinne sie selbst, die meine Anträge stets mit Verachtung zurückgewiesen hat, in meinen Armen zu halten meinte." Der Kaiser stand erstarrt wie zu Stein bei diesen Worten da. Er schickte, indem er sich nach dem Scheiterhaufen umkehrte, einen Ritter ab mit dem Befehl, auf die Leiter zu steigen und den Kämmerer sowohl als die Dame, welche letztere bereits nahe der Ohnmacht war, loszubinden und zu ihm heranzuführen. "Jedes Haar auf eurem Haupt beschützt ein Engel", rief er, da Littegarde an der Hand Herrn Friedrichs, ihres Freundes, dessen Knie selbst unter dem Gefühl dieser wunderbaren Rettung wankten, durch den Kreis des in Ehrfurcht und Erstaunen zurückweichenden Volks, zu ihm herantrat. Er küsste beiden, die vor ihm niederknieten, die Stirn; und nachdem er sich den Hermelin, den seine Gemahlin trug, erbeten, und ihn Littegarden um die Schultern gehängt hatte, nahm er vor den Augen aller versammelten Ritter ihren Arm in der Absicht, sie selbst in die Gemächer seines kaiserlichen Schlosses zu führen. Er wandte sich, während der Kämmerer gleichfalls statt des Sünderkleids, das ihn deckte, mit Federhut und ritterlichem Mantel geschmückt ward, gegen den auf der Bahre jammervoll sterbenden Grafen zurück, und von einem Gefühl des Mitleidens bewegt, da derselbe sich doch in den Zweikampf, der ihn zugrunde gerichtet, auf keine frevelhafte und gotteslästerliche Weise eingelassen hatte, fragte er den ihm zur Seite stehenden Arzt, ob keine Rettung für den Unglücklichen sei? "Lasst mich", sagte Jakob der Rotbart, indem er unter schrecklichen Zuckungen seinen Leib zu beherrschen suchte, "ich habe den Tod, den ich erleide, verdient. Denn wisst, weil mich doch der Arm der weltlichen Gerechtigkeit nicht mehr ereilen wird, ich bin der Mörder meines Bruders, des edlen Herzogs Wilhelm von Breysach, der Bösewicht, der ihn mit dem Pfeil aus meiner Rüstkammer niederwarf, war sechs Wochen vorher zu dieser Tat, die mir die Krone verschaffen sollte, von mir gedungen!" Bei dieser Erklärung sank er auf die Bahre zurück und hauchte seine Seele aus. "Hah, die Ahnung meines Gemahls, des Herzogs, selbst", rief die an der Seite des Kaisers stehende Regentin, "die er mir noch im Augenblick des Todes mit gebrochenen Worten, die ich damals nur unvollkommen verstand, kundgetan." Der Kaiser sagte voll Zorn "So soll der Arm der Gerechtigkeit noch seine Leiche ereilen! Nehmt ihn und übergebt ihn gleich, gerichtet wie er ist, den Henkern, er möge, zur Brandmarkung seines Andenkens, auf jenem Scheiterhaufen verderben, auf welchem wir eben um seinetwillen im Begriff waren, zwei Unschuldige zu opfern!" Und damit, während die Leiche des Elenden in gierigen Flammen aufprasselnd und die Asche von der Böe des Nordwindes in alle Lüfte verstreut und verweht ward, führte er Frau Littegarden im Gefolge aller seiner Ritter auf das Schloss. Er setzte sie durch einen kaiserlichen Beschluss wieder in ihr väterliches Erbe ein, von welchem die Brüder in ihrer unedelmütigen Habsucht schon Besitz genommen hatten; und schon nach drei Wochen ward auf dem Schlosse zu Breysach die Hochzeit der beiden trefflichen Brautleute gefeiert, bei welcher die Herzogin Regentin, über die ganze Wendung, die die Sache genommen hatte, sehr erfreut, Littegarden einen großen Teil der Besitzungen des Grafen, die dem Gesetz verfielen, zum Brautgeschenk machte. Der Kaiser aber hing Herrn Friedrich nach der Trauung eine Gnadenkette um den Hals; und sobald er, nach Vollendung seiner Geschäfte in der Schweiz wieder in Worms angekommen war, ließ er in die Statuten des geheiligten göttlichen Zweikampfs überall da, wo vorausgesetzt wird, daß dadurch die Schuld unmittelbar ans Tageslicht komme, die Worte einrücken: "wenn es Gottes Wille ist".
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