| Heinrich von Kleist |
| Die Verlobung in Santo Domingo |
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Zu Port au Prince, auf dem französischen Teil der Insel Santo Domingo, lebte zu Anfang des 19. Jahrhunderts, als die Schwarzen die Weißen ermordeten, auf der Pflanzung des Herrn Guillaume von Villeneuve ein fürchterlicher alter Neger namens Congo Hoango.
Dieser von der Goldküste von Afrika herstammende Mensch, der in seiner Jugend von treuer und rechtschaffener Gemütsart schien, war von seinem Herrn, weil er ihm einst auf einer Überfahrt nach Cuba das Leben gerettet hatte, mit unendlichen Wohltaten überhäuft worden. Nicht nur, daß Herr Guillaume ihm auf der Stelle seine Freiheit schenkte, und ihm bei seiner Rückkehr nach Santo Domingo Haus und Hof anwies; er machte ihn sogar einige Jahre darauf, gegen die Gewohnheit des Landes, zum Aufseher seiner beträchtlichen Besitzung, und gab ihm, weil er nicht wieder heiraten wollte, an Weibes statt eine alte Mulattin namens Babekan aus seiner Pflanzung zur Seite, mit welcher er durch seine erste verstorbene Frau weitläuftig verwandt war. Als der Neger sein sechzigstes Jahr erreicht hatte, setzte er ihn mit einem ansehnlichen Gehalt in den Ruhestand und krönte seine Wohltaten noch damit, daß er ihm in seinem Vermächtnis sogar ein Legat bestimmte; und doch konnten alle diese Beweise von Dankbarkeit Herrn Villeneuve vor der Wut dieses grimmigen Menschen nicht schützen. Congo Hoango war, bei dem allgemeinen Taumel der Rache, der auf die unbesonnenen Schritte des National-Konvents in diesen Pflanzungen aufloderte, einer der ersten, der die Büchse ergriff, und, eingedenk der Tyrannei, die ihn seinem Vaterlande entrissen hatte, seinem Herrn eine Kugel durch den Kopf jagte. Er steckte das Haus, wohin die Gemahlin desselben mit ihren drei Kindern und die übrigen Weißen der Niederlassung sich geflüchtet hatten, in Brand, verwüstete die ganze Pflanzung, worauf die Erben, die in Port au Prince wohnten, hätten Anspruch machen können, und zog, als sämtliche zur Besitzung gehörige Gebäude dem Erdboden gleichgemacht waren, mit den Negern, die er um sich versammelt und bewaffnet hatte, in der Nachbarschaft umher, um seinen Mitbrüdern in dem Kampfe gegen die Weißen beizustehen. Bald lauerte er den Reisenden auf, die in bewaffneten Haufen das Land durchkreuzten; bald fiel er am hellichten Tage die in ihren Niederlassungen verschanzten Pflanzer selbst an, und ließ alles, was er darin vorfand, über die Klinge springen. Ja, er forderte in seiner unersättlichen Rachsucht sogar die alte Babekan mit ihrer Tochter, einer jungen Mestize namens Toni auf, bei diesem grimmigen Krieg, bei dem er sich ganz verjüngte, mitzumachen; und weil das Hauptgebäude der Pflanzung, das er jetzt bewohnte, einsam an der Landstraße lag und sich häufig während seiner Abwesenheit weiße oder kreolische Flüchtlinge einfanden, welche darin eine Mahlzeit oder ein Unterkommen suchten, so schärfte er den Weibern ein, diese weißen Hunde, wie er sie nannte, mit Hilfe und Gefälligkeiten bis zu seiner Wiederkehr hinzuhalten. Babekan, welche in Folge einer grausamen Strafe, die sie in ihrer Jugend erhalten hatte, an der Schwindsucht litt, pflegte in solchen Fällen die junge Toni, die wegen ihrer ins Gelbliche gehenden Gesichtsfarbe zu dieser perfiden List besonders brauchbar war, mit ihren besten Kleidern herauszuputzen; sie ermunterte dieselbe, den Fremden keine Liebkosung zu versagen, bis auf die äußerste, die ihr bei Todesstrafe verboten war. Und wenn Congo Hoango mit seinem Negertrupp von den Streifzügen, die er in der Gegend gemacht hatte, wiederkehrte, war unmittelbarer Tod das Los der Armen, die sich durch diese Künste hatten täuschen lassen. Nun weiß man, daß im Jahr 1803, als der General Dessalines mit 30.000 Negern gegen Port au Prince vorrückte, alles, was helle Hautfarbe hatte, sich an diesem Ort einfand, um ihn zu verteidigen. Denn er war der letzte Stützpunkt der französischen Macht auf dieser Insel, und wenn er fiel, waren alle Weißen, die sich darauf befanden, sämtlich ohne Rettung verloren. Demnach traf es sich, daß gerade in der Abwesenheit des alten Hoango, der mit den Schwarzen, die er um sich hatte, aufgebrochen war, um dem General Dessalines mitten durch die französischen Posten eine Ladung von Pulver und Blei zu liefern, in der Finsternis einer stürmischen und regnerischen Nacht jemand an die hintere Tür seines Hauses klopfte. Die alte Babekan, welche schon im Bette lag, erhob sich, öffnete, einen bloßen Rock um die Hüften geworfen, das Fenster, und fragte, wer da sei? "Bei Maria und allen Heiligen", sagte der Fremde leise, indem er sich unter das Fenster stellte, "beantwortet mir, ehe ich Euch das verrate, eine Frage." Und damit streckte er durch die Dunkelheit der Nacht seine Hand aus, um die Hand der Alten zu ergreifen. "Seid Ihr eine Negerin?" Babekan sagte "Nun, Ihr seid gewiss ein Weißer, daß Ihr lieber dieser stockfinsteren Nacht ins Antlitz schaut, als einer Negerin! Kommt herein", setzte sie hinzu, "und fürchtet nichts; hier wohnt eine Mulattin, und die einzige, die sich außer mir noch im Hause befindet, ist meine Tochter, eine Mestize." Und damit machte sie das Fenster zu, als wollte sie hinabsteigen und ihm die Tür öffnen; schlich aber, unter dem Vorwand, daß sie den Schlüssel nicht sogleich finden könne, mit einigen Kleidern, die sie schnell aus dem Schrank zusammenraffte, in die Kammer hinauf und weckte ihre Tochter. "Toni", sprach sie, "Toni." "Was gibt's, Mutter?" "Geschwind", sprach sie, "aufgestanden und dich angezogen. Hier sind Kleider, weiße Wäsche und Strümpfe. Ein Fremder, der verfolgt wird, ist vor der Tür und begehrt eingelassen zu werden." Toni fragte, indem sie sich halb im Bett aufrichtete, "Ein Weißer?" Sie nahm die Kleider, welche die Alte in der Hand hielt und sprach "Ist er allein? Haben wir auch nichts zu befürchten, wenn wir ihn einlassen?" "Nichts, nichts", versetzte die Alte, indem sie Licht anmachte, "er ist ohne Waffen und allein und fürchtet, daß man über ihn herfallen könnten; er zittert in allen Knochen." Und damit, während Toni aufstand und sich Rock und Strümpfe anzog, zündete sie die große Laterne an, die in dem Winkel des Zimmers stand, band dem Mädchen geschwind das Haar nach der Landesart über dem Kopf zusammen, bedeckte sie, nachdem sie ihr das Kleid zugeschnürt hatte, mit einem Hut, gab ihr die Laterne in die Hand und befahl ihr, auf den Hof hinabzugehen und den Fremden hereinzuholen. Inzwischen war auf das Gebell einiger Hofhunde ein Knabe namens Nanky, den Hoango auf unehelichem Wege mit einer Negerin erzeugt hatte und der mit seinem Bruder Seppy in den Nebengebäuden schlief, erwacht; und da er beim Schein des Mondes einen einzelnen Mann auf der hinteren Treppe des Hauses stehen sah, so eilte er sogleich, wie er in solchen Fällen angewiesen war, nach dem Hoftor, durch welches derselbe hereingekommen war, um es zu verschließen. Der Fremde, der nicht begriff, was diese Anstalten zu bedeuten hatten, fragte den Knaben, in dem er mit Entsetzen, als er ihm nahe stand, einen Negerknaben erkannte, wer in dieser Niederlassung wohne? Und schon war er auf die Antwort desselben, daß die Besitzung seit dem Tode Herrn Villeneuves dem Neger Hoango anheimgefallen, im Begriff, den Jungen niederzuwerfen, ihm den Schlüssel der Hofpforte, den er in der Hand hielt, zu entreißen und das Weite zu suchen, als Toni, die Laterne in der Hand, vor das Haus hinaustrat. "Geschwind", sprach sie, indem sie seine Hand ergriff und ihn nach der Tür zog, "hier herein." Sie trug Sorge, indem sie dies sagte, das Licht so zu halten, daß der volle Strahl davon nicht auf ihr Gesicht fiel. "Wer bist du", rief der Fremde sträubend, indem er, um mehr als einer Ursache willen, betroffen, ihre junge liebliche Gestalt betrachtete. "Wer wohnt in diesem Haus, in dem ich, wie du behauptest, meine Rettung finden kann?" "Niemand, beim Licht der Sonne", sprach das Mädchen, "als meine Mutter und ich." Und damit versuchte sie, ihn mit hereinzuziehen. "Niemand" versetzte der Fremde, indem er mit einem Schritt rückwärts seine Hand losriss. "Hat mir dieser Knabe nicht eben gesagt, daß ein Neger namens Hoango hier zuhause sei?" "Ich sage, nein", sprach das Mädchen, indem sie, mit einem Ausdruck von Unwillen mit dem Fuß aufstampfte. "Und wenngleich einem Manne, der diesen Namen führt, das Haus gehört, in diesem Augenblick ist er abwesend und auf zehn Meilen weit weg." Und damit zog sie den Fremden mit fester Hand in das Haus hinein, befahl dem Knaben, keinem Menschen zu sagen, wer angekommen sei, und führte ihn die Treppe hinauf, nach dem Zimmer ihrer Mutter hin. "Nun", sagte die Alte, welche das ganze Gespräch vom Fenster herab mit angehört und bei dem Schein des Lichts bemerkt hatte, daß er ein Offizier ist, "was bedeutet der Degen, den Ihr so schlagfertig unter Euerm Arme tragt? Wir haben Euch", fügte sie hinzu, indem sie die Brille aufsetzte und ihn genauer musterte, "mit Gefahr unseres Lebens eine Zuflucht in unserm Hause gestattet; seid Ihr hereingekommen, um diese Wohltat nach der Unsitte Eurer Landsleute mit Undank und Gewalt zu vergelten?" "Behüte der Himmel" erwiderte der Fremde, der dicht vor ihren Sessel getreten war. Er ergriff die Hand der Alten, drückte sie gefühlvoll, und indem er, nach einigen im Zimmer schüchtern umhergeworfenen Blicken, den Degen, den er an der Hüfte trug, ablegte, sprach er "Ihr seht den elendesten Menschen, aber keinen undankbaren und schlechten vor Euch." "Wer seid Ihr?" fragte die Alte; und damit schob sie ihm mit dem Fuß einen Stuhl hin und befahl dem Mädchen, in die Küche zu gehen, und ihm, so gut es sich auf die Schnelle tun ließ, ein Abendbrot zu bereiten. Der Fremde erwiderte "Ich bin ein Offizier von der französischen Armee, obschon, wie Ihr wohl selbst erkennt, kein Franzose; mein Vaterland ist die Schweiz und mein Name Gustav von der Ried. Ach, hätte ich es niemals verlassen und gegen dies unselige Eiland vertauscht! Ich komme von Fort Dauphin, wo, wie Ihr wisst, alle Weißen ermordet worden sind, und meine Absicht ist, Port au Prince zu erreichen, bevor es dem General Dessalines noch gelungen ist, es mit den Truppen, die er anführt, einzuschließen und zu belagern." "Von Fort Dauphin", rief die Alte, "und es ist Euch mit Eurer Haut geglückt, diesen gefährlichen Weg mitten durch ein in Aufruhr begriffenes Negerland zurückzulegen?" "Gott und alle Heiligen", erwiderte der Fremde, "haben mich beschützt. Und ich bin nicht allein, gutes Mütterchen; in meinem Gefolge, das ich zurückgelassen, befindet sich ein ehrwürdiger alter Greis, mein Onkel, mit seiner Gemahlin und fünf Kindern sowie mehrere Bediente und Mägde, die zur Familie gehören, ein Tross von zwölf Menschen, den ich mit Hilfe zweier erbärmlicher Maulesel in unsäglich mühevollen Nachtmärschen, da wir uns bei Tage auf der Heerstraße nicht zeigen durften, mit mir fortgeführt habe." "Um Himmels Willen", rief die Alte, indem sie unter mitleidigem Kopfschütteln eine Prise Tabak nahm. "Wo befindet sich denn in diesem Augenblick Eure Reisegesellschaft?" "Euch", versetzte der Fremde, nachdem er sich ein wenig besonnen hatte, "Euch kann ich mich anvertrauen, aus der Farbe Eures Gesichts schimmert mir ein Strahl von der meinigen entgegen. Die Familie befindet sich eine Meile von hier, nahe eines Möwenweihers, in der Wildnis der angrenzenden Gebirgswaldung. Hunger und Durst zwangen uns vorgestern, diese Zuflucht aufzusuchen. Vergebens schickten wir in der verflossenen Nacht unsere Bedienten aus, um ein wenig Brot und Wein bei den Einwohnern des Landes aufzutreiben; Furcht, ergriffen und getötet zu werden, hielt sie ab, sich zu weit von unserem Versteck zu entfernen, dergestalt, daß ich mich selbst heute unter Lebensgefahr habe aufmachen müssen, um mein Glück zu versuchen. Der Himmel, wenn mich nicht alles trügt", fuhr er fort, indem er abermals die Hand der Alten drückte, "hat mich barmherzigen Menschen zugeführt, die jene grausame und unerhörte Erbitterung, welche alle Einwohner dieser Insel ergriffen hat, nicht teilen. Habt die Gefälligkeit, mir für reichliches Entgelt einige Körbe mit Lebensmitteln und Erfrischungen zu füllen; wir haben nur noch fünf Tagereisen bis Port au Prince, und wenn ihr uns die Mittel verschafft, diese Stadt zu erreichen, so werden wir euch ewig als die Retter unseres Lebens ansehen." "Ja, diese rasende Erbitterung", heuchelte die Alte, "ist es nicht, als ob die Hände eines Körpers, oder die Zähne eines Mundes gegeneinander wüten wollten, weil das eine Glied nicht geschaffen ist wie das andere? Was kann ich, deren Vater aus Santiago auf der Insel Cuba stammt, für den Schimmer von Helligkeit, der mein Antlitz, wenn es Tag wird, überzieht? Und was kann meine Tochter, die in Europa empfangen und geboren ist, dafür, daß die lichte Färbung jenes Kontinents von dem ihrigen widerscheint?" "Wie?" rief der Fremde. "Ihr, die Ihr nach Eurem ganzen Aussehen eine Mulattin und mithin afrikanischen Ursprungs seid, Ihr wäret samt der lieblichen jungen Mestize, die mir die Tür öffnete, mit uns Europäern in der gleichen Verdammnis?" "Beim Himmel", erwiderte die Alte, indem sie die Brille von der Nase nahm, "meint Ihr, daß das kleine Eigentum, das wir uns in mühseligen und jammervollen Jahren durch die Arbeit unserer Hände erworben haben, dieses grimmige, aus der Hölle stammende Räubergesindel nicht reizt? Wenn wir uns nicht durch List und den ganzen Inbegriff jener Künste, die die Notwehr dem Schwachen in die Hände gibt, vor ihrer Verfolgung zu sichern wüssten; der Schatten von Verwandtschaft, der über unsere Gesichter ausgebreitet ist, der, könnt Ihr sicher glauben, tut es nicht." "Ist das die Möglichkeit", verwunderte sich Gustav. "Und wer auf dieser Insel verfolgt euch?" "Der Besitzer dieses Hauses", antwortete die Alte, "der Neger Congo Hoango! Seit dem Tode Herrn Guillaumes, des vormaligen Eigentümers dieser Pflanzung, der durch seine grimmige Hand beim Ausbruch der Empörung fiel, sind wir, die wir ihm als Verwandte die Wirtschaft führen, seiner ganzen Willkür und Gewalttätigkeit preisgegeben. Jedes Stück Brot, jeden Labetrunk, den wir aus Menschlichkeit einem oder dem andern der weißen Flüchtlinge, die hier zuweilen auf der Straße vorüberziehen, gewähren, rechnet er uns mit Schimpfwörtern und Misshandlungen an; und nichts wünscht er mehr, als die Rache der Schwarzen über uns weiße und kreolische Halbhunde, wie er uns nennt, hereinbrechen zu sehen, teils um unserer überhaupt, die wir seine Rohheit gegen die Weißen tadeln, loszuwerden, teils, um das kleine Eigentum, das wir hinterlassen würden, ganz an sich zu reißen." "Ihr Unglücklichen" sprach er, "ihr Bejammernswürdigen. Und wo befindet sich in diesem Augenblick dieser Wüterich?" "Bei dem Heer des Generals Dessalines", antwortete die Alte, "dem er mit den übrigen Schwarzen, die zu dieser Pflanzung gehören, einen Transport von Pulver und Blei zuführt, dessen der General bedürftig war. Wir erwarten ihn, falls er nicht auf weitere Unternehmungen auszieht, in zehn oder zwölf Tagen zurück; und wenn er alsdann, was Gott verhüten wolle, erführe, daß wir einem Weißen, der nach Port au Prince unterwegs ist, Schutz und Obdach gegeben, während er aus allen Kräften an dem Geschäft teilnimmt, das ganze Geschlecht derselben von der Insel zu vertilgen, wir wären alle, das könnt Ihr glauben, Kinder des Todes." "Der Himmel, der Menschlichkeit und Mitleid liebt", antwortete Gustav, "wird Euch in dem, was Ihr einem Unglücklichen gönnt, beschützen! Und weil Ihr Euch", setzte er, indem er näher an die alte Frau heranrückte, hinzu, "einmal in diesem Falle des Negers Unwillen zugezogen haben würdet, und der Gehorsam, wenn Ihr auch dazu zurückkehren wolltet, Euch fürderhin zu nichts helfen würde; könnt Ihr Euch wohl für jede Belohnung, die Ihr nur verlangen mögt, entschließen, meinem Onkel und seiner Familie, die durch die Reise aufs äußerste geschwächt sind, auf einen oder zwei Tage in Eurem Hause Obdach zu geben, damit sie sich ein wenig erholten?" "Junger Herr", sprach die Alte betroffen, "was verlangt Ihr da? Wie ist es in einem Haus, das an der Landstraße liegt, möglich, einen Tross von solcher Größe als der eurige ist, zu beherbergen, ohne daß er den Leuten hier verraten würde?" "Warum nicht?" versetzte er eindringlich. "Was würdet Ihr dazu sagen, wenn ich sogleich selbst zu unserm Versteck zurück schliche und die Gesellschaft noch vor Anbruch des Tages hierher führte; wenn man alle miteinander, Herrschaft und Diener, in ein und demselben Zimmer des Hauses unterbrächte und für den schlimmsten Fall vielleicht noch zur Sicherheit alle Türen und Fenster desselben sorgfältig verschließt?" Die Alte meinte, nachdem sie einen Moment geschwiegen hatte, "Ich würde darauf sagen, daß er, wenn er in der heutigen Nacht unternehmen wollte, den Tross aus dem Wald auf unsere Besitzung zu führen, er auf dem Rückweg unfehlbar auf einen Trupp bewaffneter Neger stoßen würde, der durch einige vorausgeschickte Schützen auf der Heerstraße gemeldet worden ist." "Wohlan", versetzte Gustav, "so begnügen wir uns für diesen Augenblick, den Unglücklichen einen Korb mit Lebensmitteln zu bringen und heben den Plan, sie in die Niederlassung zu führen, für die nächstfolgende Nacht auf. Wollt Ihr das tun, gutes Mütterchen?" "Nun", sprach die Alte, während Gustav vor ihr niederkniete und ihre Hand für einen dankbaren Kuss an seine Lippen hielt, "um des Europäers, meiner Tochter Vater willen, will ich euch, seinen bedrängten Landsleuten, diese Gefälligkeit erweisen. Setzt Euch beim Anbruch des morgigen Tages hin und gebt den Eurigen in einer Nachricht Bescheid, sich zu uns in die Niederlassung zu verfügen. Der Knabe, den Ihr im Hofe gesehen, mag ihnen das Schreiben mitsamt einigen Lebensmitteln hinbringen, die Nacht über zu ihrer Sicherheit dort am Möwenweiher verweilen und ihnen übermorgen, falls sie die Einladung annehmen, auf dem Weg hierher zum Führer dienen." Inzwischen war Toni mit einem Mahl, das sie in der Küche bereitet hatte, wiedergekehrt und fragte die Alte mit einem Blick auf den Fremden schelmisch, während sie den Tisch deckte: "Nun, Mutter, sagt an, hat sich der Herr von dem Schreck, der ihn vor der Tür ergriff, erholt? Hat er sich überzeugt, daß weder Gift noch Dolch auf ihn warten, und daß der Neger Hoango wirklich nicht zu Hause ist?" Die Mutter sagte mit einem Seufzer "Mein Mädchen, das gebrannte Kind scheut, nach dem Sprichwort, das Feuer. Der Herr würde wohl töricht gehandelt haben, wenn er sich eher in das Haus hineingewagt hätte, als bis er von den Leuten, die ihm die Tür geöffnet haben, einen verlässlichen Eindruck gewonnen hat." Das Mädchen stellte sich vor die Mutter und erzählte ihr, wie sie vergeblich versucht habe, im Schein der Laterne ihr Gesicht zu verbergen, er hatte es dennoch gesehen. "Aber seine Einbildung", fügte sie hinzu, "war ganz von Mohren und Negern verzerrt; und wenn ihm eine Dame aus Paris oder London die Tür geöffnet hätte, er würde auch sie für eine Negerin gehalten haben." Gustav erhob sich und entgegnete, ohne seine Verlegenheit ganz verbergen zu können, daß der Hut, den sie aufgehabt, ihr Gesicht halb verdeckt habe. "Hätte ich dir", fuhr er fort, indem er seine Hand auf ihre Schulter legte, "ins Auge sehen können, so wie ich es jetzt kann, so hätte ich weiß Gott, auch wenn alles übrige an dir schwarz gewesen wäre, aus einem vergifteten Becher trinken wollen, wenn du ihn mir angeboten hättest." Die Mutter, die bemerkte, wie das Mädchen bei diesen Worten errötete, nötigte beide, sich zu setzen, worauf Toni sich ihm gegenüber an der Tafel niederließ und ihn, während Gustav aß, aufmerksam und zugleich nachdenklich ansah. Er fragte sie, wie alt sie wäre und wo sie geboren sei, worauf die Mutter statt ihrer erklärte, daß Toni vor fünfzehn Jahren auf einer Reise, welche sie mit der Frau des Herrn Villeneuve, ihres vormaligen Prinzipals, nach Europa gemacht hätte, in Paris von ihr empfangen und dort zur Welt gekommen wäre. Sie setzte hinzu, daß der Neger Komar, den sie nachher geheiratet, Toni zwar an Kindes Statt angenommen hat, daß ihr leiblicher Vater aber eigentlich ein reicher Marseiller Kaufmann namens Bertrand wäre, weshalb sie auch Toni Bertrand hieße. Toni fragte ihn, ob er vielleicht einen solchen Herrn in Frankreich kenne, und Gustav schüttelte den Kopf, das Land wäre groß, und während des kurzen Aufenthalts, den er bei Antritt seiner Reise nach Westindien dort verbracht habe, sei ihm keine Person dieses Namens bekannt geworden. Die Alte meinte daraufhin, daß Herr Bertrand auch nach ziemlich sicheren Erkundigungen, die sie angestellt habe, nicht mehr in Frankreich sei. "Sein ehrgeiziges und aufstrebendes Gemüt fühlte sich im behäbigen Kaufmannsmilleu nicht wohl. Er mischte sich beim Ausbruch der Revolution in die Politik und ging im Jahre fünfundneunzig mit einer französischen Gesandtschaft an den türkischen Hof, von wo er meines Wissens bis heute nicht zurückgekehrt ist." Gustav sagte scherzhaft zu Toni, daß sie ja in diesem Falle ein vornehmes und reiches Mädchen wäre. Er munterte sie auf, diese Vorteile zu nutzen und meinte, daß sie hoffen könne, einmal an der Hand ihres Vaters in glänzendere Verhältnisse, als in denen sie jetzt lebe, eingeführt zu werden. "Das dürfte schwerlich geschehen", versetzte die Alte mit kaum unterdrücktem Zorn. "Herr Bertrand leugnete mir während meiner Schwangerschaft aus Scham vor einer jungen und reichen Braut, die er heiraten wollte, die Vaterschaft zu diesem Kind vor Gericht ab. Ich werde den Eidschwur, den er die Frechheit hatte mir ins Angesicht zu leisten, niemals vergessen, ein Gallenfieber war die Folge davon und bald darauf noch sechzig Peitschenhiebe, die mir Herr Villeneuve geben ließ und in deren Folge ich noch bis auf diesen Tag an der Schwindsucht leide." Toni, welche den Kopf gedankenvoll auf beide Hände aufgestützt hatte, fragte ihn nun ihrerseits darüber aus, wer er denn wäre, woher er käme und wohin zu gehen er gedenke, worauf bei ihm die Verlegenheit wich, worin ihn die verbitterte Rede der Alten gebracht hatte, und er berichtete, daß er mit Herrn Strömlis, seines Onkels Familie, die er unter dem Schutze zweier junger Vettern in der Bergwaldung am Möwenweiher zurückgelassen, von Fort Dauphin herkomme. Er schilderte auf ihre Bitte hin, mehrere Einzelheiten der in dieser Stadt ausgebrochenen Revolte; wie um Mitternacht, da alles geschlafen, auf ein meuchlings verabredetes Zeichen das Gemetzel der Schwarzen gegen die Weißen losgebrochen wäre; wie der Kommandeur der Neger, ein Sergeant beim französischen Pionierkorps, die Bosheit gehabt, sogleich alle Schiffe im Hafen in Brand zu stecken, um den Weißen die Flucht unmöglich zu machen; wie die Familie kaum Zeit gehabt, sich mit einigen Habseligkeiten vor die Tore der Stadt zu retten, und wie ihr bei dem gleichzeitigen Auflodern der Empörung in allen Küstenplätzen nichts übriggeblieben wäre, als mit Hilfe zweier Maulesel, die sie aufgetrieben, den Weg quer durch das ganze Land nach Port au Prince einzuschlagen, das allein noch, von einem starken französischen Heer beschützt, der überhandnehmenden Macht der Neger in diesem Augenblick Widerstand leiste. Toni fragte ihn, wodurch sich denn die Weißen daselbst so verhasst gemacht hätten, und er erwiderte betroffen: "Durch das allgemeine Verhältnis, das sie als Herren der Insel zu den Schwarzen hatten und das ich, die Wahrheit zu gestehen, mich nicht unterfangen will, zu verteidigen, das aber schon seit vielen Jahrhunderten auf diese Weise besteht. Der Wahnsinn der Freiheit, der alle diese Pflanzungen ergriffen hat, trieb die Neger und Kreolen, die Ketten, die sie gefangen halten, zu brechen und an den Weißen wegen vielfacher und tadelnswürdiger Misshandlungen, die sie von einigen schlechten Mitgliedern derselben erlitten, Rache zu nehmen. Besonders", fuhr er nach einem kurzen Stillschweigen fort, "war mir die Tat eines jungen Mädchens schauderhaft und merkwürdig. Dieses Negermädchen lag gerade zur Zeit, als die Revolte ausbrach, am gelben Fieber, das wie zur Vergrößerung des Elends in der Stadt ausgebrochen war, krank darnieder. Sie hatte drei Jahre zuvor einem weißen Pflanzer als Sklavin gedient, der sie aus Rachsucht darüber, daß sie sich seinen Wünschen nicht willfährig gezeigt hatte, hart behandelt und nachher an einen Kreolen verkauft hatte. Da nun das Mädchen an dem Tag des allgemeinen Aufruhrs erfuhr, daß sich der Pflanzer, ihr ehemaliger Herr, vor dem Gewaltausbruch der Neger, die ihn verfolgten, in einen nahegelegenen Lagerschuppen geflüchtet hatte, so schickte sie bei Anbruch der Dämmerung ihren Bruder zu ihm, mit der Nachricht, bei ihr fände er sicheren Unterschlupf. Der Unglückliche, der natürlich nicht wusste, daß das Mädchen krank war, kam und schloss sie voll Dankbarkeit, da er sich gerettet glaubte, in seine Arme. Doch kaum hatte er eine halbe Stunde unter Liebkosungen und Zärtlichkeiten in ihrem Bett zugebracht, als sie sich plötzlich mit dem Ausdruck kaltblütigen Hasses aufrichtete und rief: 'Eine Pestkranke, die den Tod in der Brust trägt, hast du geküsst! Geh und bringe das gelbe Fieber allen denen, die dir gleichen!" Während die Alte offensichtlich ihren Abscheu hierüber zu erkennen gab, fragte er Toni, ob sie wohl einer solchen Tat fähig wäre? "Nein", sagte das Mädchen, indem es verwirrt zu Boden schaute. Gustav, während er beide abwechselnd ansah, meinte, daß nach dem Gefühl seiner Seele keine Tyrannei, die die Weißen je verübt, einen so niederträchtigen und abscheulichen Verrat rechtfertigen könnte. "Die Rache des Himmels", sprach er, indem er sich mit einem leidenschaftlichen Ausdruck erhob, "würde dadurch verkehrt werden, denn die Engel selbst, durch solche Vergeltung empört, stellen sich auf die Seite derer, die eigentlich im Unrecht sind und müssen, zur Aufrechthaltung menschlicher und göttlicher Ordnung, ihre Pflicht tun." Er trat bei diesen Worten an das Fenster und sah in die Nacht hinaus, die mit stürmischen Wolken über den Mond und die Sterne vorüberzog; und da es ihm schien, als ob Mutter und Tochter einander ansähen, obschon er auf keine Weise bemerkte, daß sie sich Zeichen gegeben hätten, so überkam ihn dennoch ein ungutes Gefühl; er wandte sich um und bat, daß man ihm den Platz zeigen möge, wo er schlafen könne. Die Mutter sagte, indem sie nach der Wanduhr sah, daß es überdies nahe an Mitternacht sei, nahm ein Licht in die Hand und forderte ihn auf, ihr zu folgen. Sie führte ihn durch einen langen Gang in das für ihn bestimmte Zimmer; Toni trug den Überrock des Fremden und die anderen Sachen, die er abgelegt hatte; die Mutter wies ihm ein von Polstern bequem aufgestapeltes Bett, worin er schlafen sollte, und nachdem sie Toni noch beauftragt hatte, dem Herrn ein Fußbad zu bereiten, wünschte sie ihm eine gute Nacht und empfahl sich. Gustav stellte seinen Degen in die Ecke und legte ein Paar Pistolen, die er bis dahin verborgen im Gürtel getragen hatte, auf den Tisch. Er sah sich, während Toni das Bett vor schob und ein frisches Laken darüber breitete, im Zimmer um; und da er schnell aus der Pracht und dem Geschmack, mit denen es eingerichtet war, schloss, daß es dem vormaligen Besitzer der Pflanzung gehört haben müsse, so legte sich ein Gefühl der Unruhe wie eine Zange um sein Herz und er überlegte, ob er nicht lieber hungrig und durstig wie er gekommen war, wieder in den Wald zu den Seinigen zurückkehren sollte. Das Mädchen hatte mittlerweile aus der Küche ein Gefäß mit warmem Wasser, von wohlriechenden Kräutern duftend, geholt und forderte ihn, der noch immer unschlüssig dastand, auf, sich darin zu stärken. Gustav setzte sich, während er sich schweigend von der Halsbinde und der Weste befreite, auf den Stuhl und schickte sich an, seine Füße frei zu machen; und während das Mädchen vor ihm kniend die kleinen Vorkehrungen zum Bade besorgte, betrachtete er ihre anmutige Gestalt. Ihr Haar, in dunklen Locken schwellend, war auf ihren jungen Busen herabgerollt; ein Zug von Sanftmut spielte um ihre Lippen, und ihre langen, über die gesenkten Augen hervorsprießenden Wimpern glänzten im Kerzenschein; er hätte schwören mögen, daß er nie etwas Schöneres gesehen. Dabei fiel ihm eine entfernte Ähnlichkeit, er wusste selbst nicht recht mit wem, auf, die er schon gleich zu Anfang bemerkt hatte, als er das Haus betrat, die seine Angst auflöste und seine Seele mehr und mehr für sie einnahm. Er fasste sie, als sie sich erhob, bei der Hand, und da er meinte, daß es nur ein Mittel gebe, zu prüfen, was in ihr vorgeht, so zog er sie auf seinen Schoß nieder und fragte sie geradeheraus, ob sie denn schon einem Bräutigam verlobt wäre. "Nein", erwiderte sie leise, indem sie ihre großen dunklen Augen in lieblicher Verschämtheit zu Boden richtete. Sie setzte, ohne sich im geringsten gegen seine Berührung zu wehren, hinzu, Konelly, der junge Neger aus der Nachbarschaft, hätte zwar vor einger Zeit um sie angehalten, sie habe ihn aber, weil sie noch zu jung wäre, ausgeschlagen. Gustav, der mit seinen Armen ihren schlanken Leib umfasst hielt, sagte, in seinem Vaterlande wäre nach einem dort weit verbreiteten Spruch ein Mädchen von vierzehn Jahren und sieben Wochen reif genug, um zu heiraten. Er fragte, während sie ein kleines goldenes Kreuz, das er auf der Brust trug, zwischen die Finger nahm und aufmerksam betrachtete, ob es diesem jungen Mann etwa an Vermögen fehle, um sich wie sie es sich wünsche, mit ihr häuslich einzurichten. Toni ließ das Kreuz los und erwiderte, ohne ihn anzusehen: "Ach nein, im Gegenteil. Konelly ist seit den letzten Ereignissen ein reicher Mann geworden, seinem Vater ist die ganze Niederlassung, die früher dem Pflanzer, seinem Herrn, gehörte, zugefallen." "Warum lehnst du dann seinen Antrag ab?" fragte er und strich ihr sanft das Haar aus der Stirn, "gefiel er dir etwa nicht?" Toni lachte, indem sie kurz den Kopf zurückwarf, und auf seine Frage, ihr scherzhaft ins Ohr geflüstert, ob es vielleicht ein Weißer sein solle, der ihre Gunst davontragen würde, drückte sie sich nach einem flüchtigen, träumerischen Bedenken und mit einem überaus reizenden Erröten, das sich über ihr Gesicht breitete, an seine Brust. Von ihrer Anmut und Lieblichkeit überwältigt, nannte er sie ein liebes Mädchen und schloss sie, wie durch göttliche Hand von jeder Sorge erlöst, in seine Arme. Es kam ihm nicht in den Sinn, daß ihre Worte und die Art, die er an ihr wahrnahm, der bloße elende Ausdruck einer kalten und grässlichen Verräterei sein könnten. Die Gedanken, die ihn beunruhigt hatten, wichen, wie ein Schwarm schauerlicher Vögel, von ihm; er grollte sich selbst, ihr Wesen auch nur einen Augenblick verkannt zu haben, und während er sie auf seinen Knien hielt und ihren süßen Atem einfing, drückte er, gleichsam zum Zeichen der Aussöhnung und Vergebung, einen Kuss auf ihre Stirn. Inzwischen hatte sich das Mädchen, unter einem sonderbar plötzlichen Aufhorchen, als ob jemand von dem Gange her der Tür nahte, emporgerichtet; sie rückte gedankenvoll und träumerisch das Tuch, das sich über ihrer Brust verschoben hatte, zurecht; und erst als sie sah, daß sie von einem Irrtum getäuscht worden war, wandte sie sich mit einigem Ausdruck von Heiterkeit wieder dem Manne zu und erinnerte ihn, daß sich das Wasser, wenn er nicht bald Gebrauch davon machte, abkühlen würde. "Nun?" fragte sie betreten, da er schwieg und sie gedankenvoll betrachtete, "was seht Ihr mich so aufmerksam an?" Sie versuchte, indem sie sich mit ihren Haaren beschäftigte, die Verlegenheit, die sie ergriffen, zu verbergen, und rief lachend: "Wunderlicher Herr, was fällt Euch in meinem Anblick so auf?" Gustav, der sich mit der Hand über die Stirn gefahren war, sagte, einen Seufzer unterdrückend, indem er sie von seinem Schoß herunterhob: "Eine merkwürdige Ähnlichkeit zwischen dir und einer Freundin." Toni, welche bemerkte, daß sich seine Heiterkeit zerstreut hatte, nahm ihn freundlich und teilnehmend bei der Hand und fragte, wer das sei, worauf er nach einer kurzen Besinnung erwiderte: "Ihr Name war Mariane Congreve und ihre Vaterstadt Straßburg. Ich hatte sie in dieser Stadt, wo ihr Vater Kaufmann war, kurz vor dem Ausbruch der Revolution kennengelernt und war überglücklich gewesen, ihr Jawort und auch ihrer Mutter Zustimmung zu erhalten. Ach, es war die treuste Seele unter der Sonne, und die schrecklichen und berührenden Umstände, unter denen ich sie verlor, werden mir, wenn ich dich ansehe, so gegenwärtig, daß ich mich vor Wehmut der Tränen nicht enthalten kann." "Wie", sagte Toni, indem sie sich herzlich und innig an ihn drückte, "sie lebt nicht mehr?" "Sie starb", antwortete Gustav, "und ich lernte den Wert aller Güte und Vortrefflichkeit erst mit ihrem Tod kennen. Gott weiß", fuhr er fort, indem er seinen Kopf an ihre Schulter lehnte, "wie ich die Unbesonnenheit so weit treiben konnte, mir eines Abends an einem öffentlichen Ort Äußerungen über das eben errichtete furchtbare Revolutionstribunal zu erlauben. Man verklagte, man verfolgte mich; ja, in Ermangelung meiner, der Glück genug gehabt, sich in die Vorstadt zu retten, lief die Rotte meiner rasenden Verfolger, die ein Opfer haben musste, nach der Wohnung meiner Braut, und durch ihre wahrhaftige Versicherung, daß sie nicht wisse, wo ich sei, erbittert, schleppte man sie, unter der Anklage, daß sie mit mir im Bunde sei, statt meiner ohne Rücksicht auf den Richtplatz. Kaum war mir diese entsetzliche Nachricht hinterbracht worden, als ich sogleich aus dem Schlupfwinkel, in welchen ich mich geflüchtet hatte, hervortrat, und indem ich, die Menge durchbrechend, nach dem Richtplatz eilte, laut ausrief: "Hier, ihr Unmenschlichen, hier bin ich!" Doch sie, die schon auf dem Gerüst der Guillotine stand, antwortete auf die Frage einiger Richter, denen ich unglücklicherweise ganz fremd war, indem sie sich mit einem Blick, der mir unauslöschlich in die Seele geprägt ist, von mir abwandte: 'Diesen Mann kenne ich nicht.' Worauf unter Trommeln und Lärmen, von den blutrünstigen Barbaren angezettelt, das Beil wenige Augenblicke nachher herabfiel und ihr Haupt vom Leib trennte. Wie ich gerettet worden bin, das weiß ich nicht; ich befand mich eine Weile später in der Wohnung eines Freundes, wo ich aus einer Ohnmacht in die andere fiel, und halbwahnsinnig gegen Abend auf einen Wagen geladen und über den Rhein geschafft wurde." Bei diesen Worten trat Gustav, indem er das Mädchen losließ, an das Fenster; und da sie sah, daß er sein Gesicht sehr gerührt in ein Tuch drückte, so überkam sie, von manchen Motiven geweckt, ein menschliches Gefühl; mit einer plötzlichen Bewegung sprang sie zu ihm, fiel ihm um den Hals und mischte ihre Tränen mit den seinigen. Was nun geschah, brauchen wir nicht zu berichten, weil jeder, der bis hierhin alles mitbekommen, es von selbst errät. Gustav, als er sich wieder gesammelt hatte, wusste nicht, wohin ihn das soeben Geschehene führen würde; vorläufig sah er soviel ein, daß er gerettet, und von den Leuten in dem Hause, in welchem er sich befand, für ihn nichts zu befürchten war. Er versuchte, da er Toni mit Händen vorm Gesicht auf dem Bett weinen sah, alles nur Mögliche, um sie zu beruhigen. Er nahm das kleine goldene Kreuz, ein Geschenk der teuren Mariane, seiner einstigen Braut, von der Brust; und, indem er sich unter unendlichen Liebkosungen über sie neigte, hing er es ihr als ein Brautgeschenk, wie er es nannte, um den Hals. Er setzte sich, da sie in Tränen beinahe zerfloss und auf seine Worte nicht hörte, auf den Rand des Bettes nieder, und sagte ihr, indem er ihre Hand bald streichelte, bald küsste, daß er bei ihrer Mutter am Morgen des nächsten Tages um sie anhalten wolle. Er beschrieb ihr, welch kleines Eigentum, frei und unabhängig, er an den Ufern der Aar besitze; eine Wohnung, bequem und geräumig genug, sie und auch ihre Mutter, wenn ihr Alter die Reise zulasse, darin aufzunehmen. Felder, Gärten, Wiesen und Weinberge - und einen alten ehrwürdigen Vater, der sie dankbar und liebreich daselbst, weil sie seinen Sohn gerettet, empfangen würde. Er schloss sie, da ihre Tränen ohne Ende auf das Kissen niederflossen, in seine Arme und fragte sie, von Rührung selber ergriffen, was er ihr zuleide getan und ob sie es ihm nicht vergeben könne? Er schwor ihr, daß die Liebe für sie nie aus seinem Herzen weichen würde, und daß nur im Taumel wunderbar verwirrter Sinne eine Mischung von Begierde und Angst, die sie ihm eingeflößt, ihn zu einer solchen Handlung habe hinreißen können. Er erinnerte sie zuletzt, daß die Morgensterne funkeln, und daß, wenn sie länger im Bette liegen bliebe, die Mutter kommen und sie darin überraschen würde; er forderte sie, ihrer Schonung wegen, auf, sich zu erheben und noch einige Stunden auf ihrem eignen Lager auszuruhen. Er fragte sie, durch ihren Zustand in die entsetzlichsten Besorgnisse gestürzt, ob er sie vielleicht in seine Arme nehmen und in ihre Kammer tragen solle; doch da sie auf alles, was er vorbrachte, nicht antwortete, und, ihr Haupt stilljammernd, ohne sich zu rühren, in ihre Arme gedrückt, auf den zerwühlten Kissen des Bettes dalag, so blieb ihm zuletzt, hell wie der Morgen schon durch die Fenster schimmerte, nichts übrig, als sie ohne weitere Erklärungen hochzuheben. Er trug sie, die wie eine Leblose von seiner Schulter herabhing, die Treppe hinauf in ihre Kammer, und nachdem er sie auf ihr Bett niedergelegt und ihr unter vielen Zärtlichkeiten noch einmal alles, was er ihr schon gesagt, wiederholt hatte, nannte er sie noch einmal seine liebe Braut, drückte einen Kuss auf ihre Wangen, und eilte in sein Zimmer zurück. Sobald der Tag völlig angebrochen war, begab sich die alte Babekan zu ihrer Tochter hinauf, und eröffnete ihr, indem sie sich an ihr Bett niedersetzte, welchen Plan sie mit dem Fremden als auch mit seinen Freunden vorhabe. Sie meinte, daß, da der Neger Congo Hoango erst in zwei Tagen wiederkehre, alles darauf ankäme, den Fremden während dieser Zeit in dem Hause hinzuhalten, ohne die Familie seiner Begleiter, deren Gegenwart, ihrer Menge wegen, gefährlich werden könnte, darin zuzulassen. Zu diesem Zweck, sprach sie leise, habe sie erdacht, dem Fremden vorzuspiegeln, daß, einer soeben eingetroffenen Nachricht zufolge, der General Dessalines sich mit seinem Heer in diese Gegend wenden werde, und daß man mithin, wegen allzugroßer Gefahr, erst am dritten Tage, wenn er vorüber wäre, würde möglich machen können, die Familie seinem Wunsch gemäß, in dem Hause aufzunehmen. Die Gesellschaft selbst, so entschied die Alte, müsse inzwischen, damit sie sich nicht fort bewege, mit Lebensmitteln versorgt, und gleichfalls, um sich ihrer späterhin zu bemächtigen, in dem Wahn, daß sie eine Zuflucht in dem Hause finden werde, hingehalten werden. Sie betonte, daß die Sache wichtig sei, weil die Familie wahrscheinlich beträchtliche Habseligkeiten mit sich führe, und sie forderte die Tochter auf, sie aus allen Kräften in dem Vorhaben, das sie ihr mitgeteilt, zu unterstützen. Toni, halb im Bett aufgerichtet, indem die Röte des Unwillens ihr Gesicht überflog, versetzte, daß es schändlich und niederträchtig wäre, das Gastrecht an Personen, die man in das Haus gelockt, so zu verletzen. Sie meinte, daß ein Verfolgter, der sich ihrem Schutz anvertraut, doppelt sicher bei ihnen sein sollte und versicherte, daß, wenn sie den blutigen Anschlag, den sie ihr geäußert, nicht aufgäbe, sie auf der Stelle hingehen und dem Fremden anzeigen würde, welch eine Mördergrube das Haus sei, in welchem er geglaubt habe, seine Rettung zu finden. "Toni?" rief die Mutter, indem sie die Arme in die Seiten stemmte und sie mit großen Augen ansah. "Jawohl", erwiderte Toni trotzig, indem sie die Stimme senkte: "was hat uns dieser Jüngling, der von Geburt gar nicht einmal ein Franzose, sondern, wie wir erfahren haben, ein Schweizer ist, zuleide getan, daß wir nach Art der Räuber über ihn herfallen, ihn töten und ausplündern wollen? Gelten die Angriffe, die man hier gegen die Pflanzer führt, auch in der Gegend der Insel, aus welcher er herkommt? Ist nicht vielmehr offenkundig, daß er der edelste und vortrefflichste Mensch ist und gewiss das Unrecht, das die Schwarzen seiner Gattung vorwerfen mögen, auf keine Weise teilt?" Die Alte, während sie den sonderbaren Ausdruck des Mädchens betrachtete, sagte bloß mit bebenden Lippen, daß sie darüber erstaunt sei. Sie fragte, was denn der junge Portugiese verschuldet, den man unter dem Torweg kürzlich mit Keulen zu Boden geworfen habe? Sie fragte, was die beiden Holländer verbrochen, die vor drei Wochen durch die Kugeln der Neger im Hofe gefallen wären? Sie wollte wissen, was man den drei Franzosen und so vielen anderen hilflosen weißen Flüchtlingen zur Last gelegt habe, die mit Büchsen, Spießen und Dolchen, seit dem Ausbruch der Empörung, im Hause hingerichtet worden wären? "Beim Licht der Sonne", sagte die Tochter, indem sie aufsprang, "du hast sehr unrecht, mich an diese Greueltaten zu erinnern! Die Unmenschlichkeiten, an denen ihr mich teilzunehmen zwingt, empören längst mein innerstes Gefühl; und um, Gottes Rache wegen, alles, was vorgefallen, zu sühnen, so schwöre ich dir, daß ich eher zehnfachen Todes sterben als zugeben werde, daß diesem Jüngling, solange er sich in unserm Hause befindet, auch nur ein Haar gekrümmt werde." "Wohlan", sagte die Alte, mit einem plötzlich veränderten Ausdruck von Nachgiebigkeit, "so mag der Fremde reisen. Aber wenn Congo Hoango zurückkommt", setzte sie im Hinausgehen hinzu, "und erfährt, daß ein Weißer in unserm Hause übernachtet und es mit heiler Haut wieder verlassen hat, so magst du das Mitleid, das dich bewog, ihn gegen das ausdrückliche Gebot wieder abziehen zu lassen, verantworten." Auf diese Äußerung, bei welcher, trotz aller scheinbaren Milde, der heimliche Ingrimm der Alten durchbrach, blieb das Mädchen in nicht geringer Bestürzung im Zimmer zurück. Sie kannte den Hass der Alten gegen die Weißen zu gut, als daß sie hätte glauben können, sie werde eine solche Gelegenheit, ihn zu sättigen, ungenutzt vorübergehen lassen. Furcht, daß sie sogleich in die benachbarten Pflanzungen schicken und die Neger zur Überwältigung des Fremden herbeirufen möchte, bewog sie, sich anzukleiden und ihr unverzüglich in das untere Wohnzimmer zu folgen. Sie stellte sich, während die Alte stumm von dem Speiseschrank, an welchem sie irgendetwas zu hantieren hatte, zum Spinnrocken ging und sich daran niedersetzte, vor das an der Tür angeschlagene Gebot, nach welchem allen Schwarzen bei Lebensstrafe untersagt war, den Weißen Schutz und Obdach zu geben; und gleichsam als ob sie, von Schrecken ergriffen, das Unrecht, das sie begangen, einsähe, wandte sie sich plötzlich um und fiel der Mutter, die sie, wie sie wohl wusste, von hinten beobachtet hatte, zu Füßen. Sie bat, ihre Knie umklammernd, ihr die übereilten Äußerungen, die sie sich zugunsten des Fremden erlaubt, zu vergeben; entschuldigte sich mit dem Zustand, halb träumend, halb wachend, in welchem sie von ihr mit den Vorschlägen zu seiner Überlistung, da sie noch im Bette gelegen, überrascht worden sei, und meinte, daß sie ihn ganz und gar der Rache der bestehenden Landesgesetze, die seine Vernichtung einmal beschlossen, preisgäbe. Die Alte, nach einer Pause, in der sie das Mädchen unverwandt betrachtete, sagte: "Beim Himmel, deine Erklärung rettet ihm für heute das Leben! Denn die Speise, da du ihn in deinen Schutz zu nehmen drohtest, war schon vergiftet, die ihn der Gewalt Congo Hoangos, seinem Befehl gemäß, wenigstens tot überliefert haben würde." Und damit stand sie auf und schüttete einen Topf mit Milch, der auf dem Tisch stand, aus dem Fenster. Toni, welche ihren Sinnen nicht traute, starrte, von Entsetzen ergriffen, die Mutter an. Die Alte, während sie sich wieder niedersetzte und das Mädchen, das noch immer auf den Knien dalag, vom Boden aufhob, fragte, was denn im Lauf einer einzigen Nacht ihre Gedanken so plötzlich verwirrt haben könnte. Ob sie gestern, nachdem sie ihm das Bad bereitet, noch lange bei ihm gewesen wäre? Und ob sie viel mit dem Fremden gesprochen hätte. Doch Toni, der das Herz bis zum Halse schlug, antwortete darauf nur ausweichend. Die Augen niedergeschlagen, stand sie, indem sie sich den Kopf hielt, und berief sich auf einen Traum; ein Blick jedoch ins Antlitz ihrer unglücklichen Mutter, sprach sie, indem sie sich rasch bückte und ihre Hand küsste, rufe ihr die ganze Unmenschlichkeit der Gattung, zu der dieser Fremde gehöre, wieder ins Gedächtnis zurück; und beteuerte, indem sie sich umkehrte und das Gesicht in ihre Schürze drückte, daß, sobald der Neger Hoango eingetroffen wäre, sie sehen würde, was sie an ihr für eine Tochter habe. Babekan saß noch in Gedanken versenkt und erwog, woraus wohl die sonderbare Leidenschaftlichkeit des Mädchens entspringe, als Gustav mit einem in seinem Schlafgemach geschriebenen Zettel, worin er seine Begleiter aufforderte, sich ebenfalls zu der Pflanzung des Negers Hoango zu begeben, in das Zimmer trat. Er grüßte sehr heiter und freundlich Mutter und Tochter und bat, indem er der Alten den Zettel übergab, daß man sogleich in die Waldung schicken und zur Rettung der anderen, dem ihm gegebenen Versprechen gemäß, alles Nötige in die Wege leiten möge. Babekan stand auf und sagte mit einem Ausdruck von Unruhe, indem sie den Zettel in den Wandschrank legte: "Herr, wir müssen Euch bitten, Euch sogleich in Euer Schlafzimmer zurück zu verfügen. Die Straße ist voll von einzelnen Negertrupps, die vorüberziehen und uns anmelden, daß sich der General Dessalines mit seinem Heer in diese Gegend wenden werde. Dies Haus, das jedem offensteht, gewährt Euch keine Sicherheit, falls Ihr Euch nicht in Eurem, auf den Hof hinausgehenden Schlafgemach verbergt und die Türen sowohl als auch die Fensterläden auf das sorgfältigste verschließt." "Wie?" sagte Gustav betroffen, "General Dessalines rückt hierher an?" "Fragt nicht", unterbrach ihn die Alte, indem sie mit dem Stock dreimal auf den Fußboden pochte, "in Eurem Schlafgemach, wohin ich Euch folgen werde, will ich Euch alles erklären." Von der Alten mit ängstlichen Gebärden aus dem Zimmer gedrängt, wandte er sich noch einmal an der Tür um und rief: "Aber wird man der Familie, die auf mich wartet, nicht wenigstens einen Boten zusenden müssen, der sie ..." "Es wird alles besorgt werden", fiel ihm die Alte ins Wort, während, durch ihr Klopfen gerufen, der Knabe vom Vorabend hereinkam; und damit befahl sie Toni, die, dem Fremden den Rücken zukehrend, vor den Spiegel getreten war, einen Korb mit Lebensmitteln, der in dem Winkel stand, aufzunehmen; und Mutter, Tochter, Gustav und der Knabe begaben sich in das Schlafzimmer hinauf. Hier erzählte die Alte, indem sie sich auf sonderbar gemütliche Weise auf dem Sessel niederließ, wie man die ganze Nacht über auf den Bergen am Horizont die Feuer des Generals Dessalines schimmern gesehen, ein Umstand, der in der Tat bedenklich war, obschon sich bis zu diesem Augenblick noch kein einziger Neger von seinem Heer, das südwestlich gegen Port au Prince anrückte, in dieser Gegend gezeigt hatte. Es gelang ihr, den Fremden dadurch in einen Wirbel von Unruhe zu stürzen, den sie jedoch nachher wieder durch die Versicherung, daß sie alles Mögliche, selbst in dem schlimmen Fall, daß sie Einquartierung bekäme, zu seiner Rettung beitragen würde, zu stillen wusste. Sie nahm, auf die wiederholte inständige Erinnerung desselben, unter diesen Umständen seiner Familie wenigstens mit Lebensmitteln auszuhelfen, der Tochter den Korb aus der Hand, und indem sie ihn dem Knaben gab, sagte sie ihm, er solle an den Möwenweiher in den nahgelegenen Wald hinausgehen und ihn der daselbst befindlichen Familie des fremden Offiziers überbringen. Der Offizier selbst, so solle er ihnen ausrichten, befinde sich wohl, Freunde der Weißen, die selbst viel der Partei wegen, die sie ergriffen, von den Schwarzen erdulden müssten, hätten ihn in ihrem Hause mitleidig aufgenommen. Sie schloss, daß sobald die Landstraße von den bewaffneten Negerhaufen, die man erwartete, befreit wäre, man sogleich Anstalten treffen würde, auch ihr, der Familie, ein Unterkommen in diesem Hause zu verschaffen. "Hast du verstanden?" fragte sie, da sie geendet hatte. Der Knabe, indem er den Korb auf seinen Kopf setzte, antwortete, daß er den ihm beschriebenen Möwenweiher, an dem er zuweilen mit seinen Kameraden zu fischen pflege, gut kenne, und daß er alles, wie man es ihm aufgetragen, an die daselbst befindliche Familie des fremden Herrn bestellen würde. Gustav zog, auf die Frage der Alten, ob er noch etwas hinzuzusetzen hätte, einen Ring vom Finger und händigte ihn dem Knaben aus, mit dem Auftrag, ihn zum Zeichen, daß es mit den überbrachten Meldungen seine Richtigkeit habe, dem Oberhaupt der Familie, Herrn Strömli, zu übergeben. Hierauf traf die Mutter mehrere, die Sicherheit des Fremden, wie sie sagte, bezweckende Maßnahmen, befahl Toni, die Fensterläden zu verschließen und zündete selbst, um die Dunkelheit, die dadurch im Zimmer entstanden war, aufzuheben, an einem auf dem Kaminsims befindlichen Feuerzeug, nicht ohne Mühseligkeit, indem der Zunder nicht fangen wollte, ein Licht an. Gustav benutzte diesen Augenblick, um sanft den Arm um Tonis Leib zu legen und ihr ins Ohr zu flüstern, wie sie geschlafen habe und ob er die Mutter von dem, was vorgefallen, unterrichten solle? Auf die erste Frage antwortete Toni nicht und auf die andere zischte sie zurück, indem sie sich aus seinem Arm loswand: "Nein, wenn Ihr mich liebt, kein Wort davon." Sie unterdrückte die Angst, die alle diese heimtückischen Anstalten in ihr erweckten, und unter dem Vorwand, dem Fremden ein Frühstück zu bereiten, lief sie eilig die Treppe in das untere Wohnzimmer hinab. Sie nahm aus dem Schrank der Mutter den Brief, worin der Fremde in seiner Arglosigkeit die Familie herbeordert hatte, um dem Knaben in die Niederlassung zu folgen, und auf die Gefahr hin, wenn die Mutter ihn vermissen würde, entschlossen, im schlimmsten Falle den Tod mit ihm zu leiden, rannte sie damit dem schon auf der Landstraße wandernden Knaben nach. Denn sie sah den Jüngling vor Gott und ihrem Herzen nicht mehr als einen bloßen Gast, dem sie Schutz und Obdach gewährt, sondern als ihren Verlobten und Gemahl an und war willens, sobald nur seine Freunde im Hause gegenwärtig sein würden, dies der Mutter, mit deren Bestürzung sie unter diesen Umständen allerdings rechnete, ohne Rückhalt zu erklären. "Nanky", sprach sie atemlos, als sie den Knaben auf der Landstraße eingeholt hatte, "die Mutter hat ihren Plan, die Familie Herrn Strömlis anbetreffend, geändert. Nimm diesen Brief! Er lautet an Herrn Strömli, das Oberhaupt der Familie, und enthält die Aufforderung, so schnell als möglich mit allem, was zu ihnen gehört, in unsere Niederlassung zu kommen. Sei klug und trage selbst alles Mögliche dazu bei, diesen Plan zu fördern; Congo Hoango wird, wenn er wiederkommt, es dir lohnen." "Gut, liebe Toni", antwortete der Knabe. Er fragte, indem er den Brief sorgsam in seiner Tasche versteckte: "Und ich soll dem Zug auf seinem Wege hierher zum Führer dienen?" "Allerdings", versetzte Toni, "das versteht sich, weil sie die Gegend nicht kennen, von selbst. Doch wirst du, möglicher Truppenmärsche wegen, die auf der Landstraße stattfinden könnten, die Wanderung nicht eher als um Mitternacht antreten; aber dann dieselbe auch so beschleunigen, daß ihr vor der Dämmerung des Morgens hier eintrefft. Kann man sich auf dich verlassen?" "Verlasst euch auf Nanky", antwortete der Knabe und fügte in vertraulichem Ton hinzu: "ich weiß, warum ihr diese weißen Flüchtlinge in die Pflanzung lockt, und der Neger Hoango soll mit mir zufrieden sein." Hierauf trug Toni dem Gast das Frühstück auf; und nachdem es wieder abgenommen war, begaben sich Mutter und Tochter ihrer häuslichen Geschäfte wegen in das vordere Wohnzimmer zurück. Es konnte nicht ausbleiben, daß die Mutter einige Zeit darauf an den Schrank trat und natürlich den Brief vermisste. Sie legte die Hand, sich mühsam besinnend, einen Augenblick an den Kopf und fragte Toni, wo sie den Brief, den ihr der Fremde gegeben, wohl hingelegt haben könne? Toni antwortete nach einer kurzen Pause, in der sie auf den Boden niedersah, daß ihn der Fremde doch ihres Wissens wieder eingesteckt und oben im Zimmer in ihrer beider Gegenwart zerrissen habe. Die Mutter schaute das Mädchen mit großen Augen an; sie meinte, sich bestimmt zu erinnern, daß sie den Brief aus seiner Hand empfangen und in den Schrank gelegt habe; doch da sie ihn nach vielem vergeblichen Suchen darin nicht fand und ihrem Gedächtnis, mehrerer ähnlicher Vorfälle wegen, misstraute, so blieb ihr zuletzt nichts übrig, als der Auskunft, die ihr die Tochter gegeben, Glauben zu schenken. Daraufhin konnte sie ihr lebhaftes Missvergnügen über diesen Umstand nicht unterdrücken und meinte, daß der Brief dem Neger Hoango, um die Familie in die Pflanzung hereinzubringen, von der größten Wichtigkeit gewesen sein würde. Am Mittag und Abend, da Toni den Jüngling mit Speisen bediente, nahm die Mutter, zu seiner Unterhaltung mit am Tisch sitzend, mehrmals Gelegenheit, ihn nach dem Brief zu fragen, doch Toni war geschickt genug, das Gespräch, sooft es auf diesen gefährlichen Punkt kam, abzulenken oder zu verwirren, dergestalt, daß die Mutter durch die Erklärungen des Fremden über das wahre Schicksal des Briefes auf keine Weise ins reine kam. So verfloss der Tag; die Mutter verschloss nach dem Abendessen aus Vorsicht, wie sie sagte, des Fremden Zimmer; und nachdem sie noch mit Toni überlegt hatte, durch welche List sie sich von neuem, am folgenden Tage, in den Besitz eines solchen Briefes setzen könne, begab sie sich zur Ruhe und befahl dem Mädchen gleichfalls, zu Bett zu gehen. Sobald Toni, die diesen Augenblick mit Sehnsucht erwartet hatte, ihre Schlafkammer erreicht und sich überzeugt hatte, daß die Mutter entschlummert war, stellte sie das Bildnis der heiligen Jungfrau, das neben ihrem Bett hing, auf einen Sessel und ließ sich mit verschränkten Händen auf Knien davor nieder. Sie flehte den Erlöser, ihren göttlichen Sohn, in einem Gebet voll unendlicher Inbrunst, um Mut und Standhaftigkeit an, dem Jüngling, dem sie sich zu eigen gegeben, das Geständnis der Verbrechen, die ihren jungen Busen beschwerten, abzulegen. Sie gelobte, diesem, was es ihrem Herzen auch kosten würde, nichts, auch nicht die Absicht, erbarmungslos und hinterhältig, in der sie ihn gestern ins Haus gelockt, zu verbergen; doch um der Schritte willen, die sie bereits zu seiner Rettung getan, wünschte sie, daß er ihr vergeben und sie als seine treue Frau mit sich nach Europa führen möchte. Durch dies Gebet wunderbar gestärkt, ergriff sie, indem sie aufstand, den Hauptschlüssel, der an allen Zimmern des Hauses passte, und schritt damit langsam im Dunkeln über den schmalen Gang, der durch das Gebäude führte, dem Schlafgemach Gustavs zu. Sie öffnete das Zimmer leise und trat vor sein Bett, wo er in schwerem Schlaf versenkt ruhte. Der Mond schien auf sein blühendes Antlitz, und der Nachtwind, der durch die geöffneten Fenster eindrang, spielte mit dem Haar auf seiner Stirn. Sie neigte sich sanft über ihn und rief ihn, seinen süßen Atem einsaugend, beim Namen; aber ein tiefer Traum, in dem wohl sie selbst der Gegenstand zu sein schien, hielt ihn in Bann; wenigstens hörte sie zu wiederholten Malen von seinen glühenden zitternden Lippen das geflüsterte Wort Toni. Unbeschreibliche Wehmut ergriff sie, kaum konnte sie sich nicht entschließen, ihn aus den Himmeln lieblicher Einbildung in die Tiefe einer gemeinen und elenden Wirklichkeit herabzureißen; und in der Gewißheit, daß er ja früher oder später von selbst erwachen müsse, kniete sie an seinem Bette nieder und überdeckte seine teure Hand mit Küssen. Aber wer beschreibt das Entsetzen, das wenige Augenblicke darauf ihren Busen ergriff, als sie plötzlich im Innenhof ein Geräusch von Menschen, Pferden und Waffen hörte und darunter ganz deutlich die Stimme des Negers Congo Hoango erkannte, der unvermuteter Weise mit seinem ganzen Tross aus dem Lager des Generals Dessalines zurückgekehrt war. Sie stürzte, dem Mondschein, der sie zu verraten drohte, geschickt ausweichend, hinter die Vorhänge des Fensters und hörte auch schon die Mutter, welche dem Neger aufgeregt darüber, was unterdessen vorgefallen war, so auch von der Anwesenheit des europäischen Flüchtlings im Hause Nachricht gab. Der Neger befahl den Seinigen mit gedämpfter Stimme, im Hofe still zu sein. Er fragte die Alte, wo der Fremde in diesem Augenblick befindlich sei, worauf sie ihm das Zimmer bezeichnete und sogleich auch noch des sonderbaren und auffallenden Gesprächs erwähnte, das sie, den Flüchtling betreffend, mit der Tochter gehabt hatte. Sie versicherte dem Neger, daß das Mädchen gewiss eine Verräterin und der ganze Anschlag, desselben habhaft zu werden, in Gefahr sei zu scheitern. Wenigstens sei die Spitzbübin, wie sie bemerkt, heimlich beim Einbruch der Nacht an sein Bett geschlichen, wo sie noch bis diesen Augenblick befindlich sei; und wahrscheinlich, wenn er nicht schon entflohen sei, werde der Fremde eben jetzt gewarnt und die Mittel, wie seine Flucht zu bewerkstelligen sei, mit ihm verabredet. Der Neger, der die Treue des Mädchens schon in ähnlichen Fällen erprobt hatte, entgegnete, das wäre wohl unmöglich. "Kelly!" rief er wütend. "Omra! Nehmt eure Büchsen!" Und damit, ohne weiter ein Wort zu sagen, stieg er, im Gefolge aller seiner Neger, die Treppe hinauf und begab sich in das Zimmer des Fremden. Toni, vor deren Augen und Ohren sich während weniger Minuten dieser ganze Auftritt abgespielt hatte, stand, gelähmt an allen Gliedern, als ob sie der Schlag getroffen hätte, da. Sie dachte einen Augenblick daran, Gustav zu wecken; doch teils war wegen der Leute im Hof keine Flucht für ihn möglich, teils auch sah sie voraus, daß er zur Waffe greifen und somit bei der Überlegenheit der Neger, der Tod unmittelbar sein Los sein würde. Ja, die entsetzlichste Erkenntnis, die sie anzunehmen genötigt war, war diese, daß der Unglückliche, wenn er sie in dieser Stunde an seinem Bette fände, sie selbst für eine Verräterin halten und er, statt auf ihren Rat zu hören, in der Raserei eines so heillosen Wahns, dem Neger Hoango völlig besinnungslos in die Hände fallen würde. In dieser unaussprechlichen Angst fiel ihr ein Strick in die Augen, welcher, der Himmel weiß durch welchen Zufall, an einem Haken der Wand hing. Gott selbst, meinte sie, indem sie ihn herabriss, hätte ihn zu ihrer und des Freundes Rettung dahin gehängt. Sie umschlang den Jüngling, vielfache Knoten schürzend, an Händen und Füßen damit; und nachdem sie, ohne darauf zu achten, daß er erwachte und sich dagegen sträubte, die Enden angezogen und an das Gestell des Bettes festgebunden hatte, drückte sie, froh, des Augenblicks mächtig geworden zu sein, einen Kuss auf seine Lippen und eilte dem Neger Hoango, der schon auf der Treppe polterte, entgegen. Der Neger, der dem Bericht der Alten, Toni anbetreffend, immer noch keinen Glauben schenkte, hielt, als er sie aus dem Zimmer herausstürzen sah, überrascht im Korridor mit seinem Tross von Bewaffneten und Fackelträgern inne und rief wutentbrannt: "Du Treulose! Du Verräterin!" Und indem er sich zu Babekan wandte, welche bereits einige Schritte zur Tür geeilt war, fragte er: "Ist der weiße Hund entflohen?" Babekan, als sie bloß die weit geöffnete Tür sah, rief: "Die niederträchtige Hure! Sie hat ihn entwischen lassen! Eilt und besetzt die Ausgänge, ehe er das weite Feld erreicht!" "Was soll das?" fragte Toni, indem sie mit dem Ausdruck des Erstaunens den Alten und die Neger, die ihn umringten, ansah. "Was das soll?" erwiderte Hoango und damit packte er sie am Arm und schleppte sie nach dem Zimmer hin. "Seid ihr rasend?" rief Toni, indem sie den Neger, der bei dem Anblick des Gefesselten erstarrte, von sich stieß. "Da liegt der Fremde, von mir in seinem Bette festgebunden; und, beim Himmel, es ist nicht die schlechteste Tat, die ich in meinem Leben getan!" Bei diesen Worten kehrte sie ihm den Rücken zu, und setzte sich, als ob sie weinte, auf einen Stuhl nieder. Hoango wandte sich gegen die in Verwirrung zur Seite stehende Mutter und sprach: "Oh Babekan, mit welchem Märchen hast du mich getäuscht?" "Dem Himmel sei Dank", antwortete die Mutter, indem sie die Stricke, mit welchen der Fremde gebunden war, aufmerksam untersuchte, "der Fremde ist da, obschon ich nicht begreife, wie das vor sich gegangen ist." Der Neger trat, das Schwert in die Scheide steckend, an das Bett und fragte den Fremden, wer er sei, woher er komme und was er vorhabe. Doch da dieser unter krampfhaften Anstrengungen sich loszuwinden, nichts hervorbrachte, als auf jämmerlich schmerzhafte Weise: "Oh Toni! Oh Toni!" so nahm die Mutter das Wort und erklärte, daß er ein Schweizer namens Gustav von der Ried sei, und daß er mit einer ganzen Sippe europäischer Hunde, welche sich in diesem Augenblick im Wald am Möwenweiher versteckt halte, von dem Küstenplatz Fort Dauphin komme. Hoango, der das Mädchen, den Kopf schwermütig gesenkt, dasitzen sah, trat zu ihr und nannte sie sein liebes Mädchen; tätschelte ihr die Wangen und forderte sie auf, ihm den übereilten Verdacht, den er gegen sie geäußert, zu vergeben. Die Alte, die gleichfalls vor das Mädchen hingetreten war, stemmte die Arme kopfschüttelnd in die Seiten und fragte hämisch, weshalb sie denn den Fremden, der doch von der Gefahr, in der er sich befunden, gar nichts geahnt, mit Stricken in dem Bette festgebunden habe? Toni, vor Schmerz und Wut weinend, versetzte ihr ins Angesicht: "Weil du keine Augen und Ohren hast! Weil er die Gefahr, in der er schwebte, gar wohl begriff! Weil er entfliehen wollte; weil er mich gebeten hatte, ihm zu seiner Flucht behilflich zu sein; weil er einen Anschlag auf dein eigenes Leben gefasst hatte und sein Vorhaben bei Anbruch des Tages ohne Zweifel, wenn ich ihn nicht schlafend gebunden hätte, in Ausführung gebracht haben würde." Hoango streichelte und beruhigte das Mädchen und befahl Babekan, den Mund zu halten. Er rief ein paar Schützen mit Gewehren vor, um das Gesetz, dem der Fremdling verfallen war, augenblicklich an demselben zu vollstrecken; aber Babekan beschwor ihn: "Nein, um Himmelswillen, Hoango!" Sie nahm ihn auf die Seite und erklärte, der Fremde müsse, bevor er hingerichtet werde, eine Aufforderung schreiben, um vermittelst derselben die Familie, anstatt sie daselbst im Wald zu überfallen, was viel beschwerlicher wäre, in die Pflanzung zu locken." Hoango, in Erwägung, daß die Leute wahrscheinlich bewaffnet sind, gab diesem Vorschlag seinen Beifall; er stellte, weil es zu spät war, den Brief verabredetermaßen schreiben zu lassen, zwei Wachen bei dem weißen Flüchtling auf; und nachdem er noch, der Sicherheit wegen, die Stricke untersucht, auch, weil er sie zu locker befand, ein paar Leute herbeigerufen hatte, um sie noch straffer zusammenzuziehen, verließ er mit seinem ganzen Tross das Zimmer, und nach und nach begab sich alles zur Ruh. Aber Toni, welche nur scheinbar dem Neger, der ihr noch einmal die Hand gereicht, gute Nacht gesagt und sich zu Bett gelegt hatte, stand, sobald sie alles im Hause still fand, wieder auf, schlich sich durch eine Hinterpforte des Hauses auf das freie Feld hinaus, und lief, die wildeste Verzweiflung im Herzen, auf dem die Landstraße durchkreuzenden Wege der Gegend zu, aus welcher die Familie Herrn Strömlis zu erwarten war. Denn die Blicke voll Verachtung, die Gustav von seinem Lager aus auf sie geworfen hatte, waren ihr schmerzvoll wie Messerstiche durchs Herz gedrungen; es mischte sich ein Gefühl heißer Bitterkeit in ihre Liebe zu ihm, und sie frohlockte fast bei dem Gedanken, in dieser zu seiner Rettung unternommenen Aktion zu sterben. Sie stellte sich, in der Besorgnis, die Familie zu verfehlen, an den Stamm einer Pinie, bei welcher, falls sie der Aufforderung gefolgt waren, die Gruppe vorbei kommen musste, und kaum hatte auch die Dämmerung ihre ersten Strahlen über den Horizont geworfen, als Nankys Stimme, der dem Tross verabredungsgemäß zum Führer diente, ganz in der Nähe zwischen den Bäumen hörbar ward. Der Zug bestand aus Herrn Strömli und seiner Gemahlin, welche letztere auf einem Maulesel ritt; fünf Kindern desselben, deren zwei, Adelbert und Gottfried, Jünglinge von siebzehn und achtzehn Jahren, neben dem Maulesel hergingen; drei Dienern und zwei Mägden, wovon die eine, einen Säugling an der Brust, auf dem andern Maulesel ritt; in allem aus zwölf Personen. Er bewegte sich langsam über die den Weg durchflechtenden Kienwurzeln, dem Stamm der Pinie zu, wo Toni, so geräuschlos, als niemand zu erschrecken nötig war, aus dem Schatten des Baums hervortrat, und den Leuten zurief: "Halt." Der Knabe erkannte sie sogleich, und auf ihre Frage, wo Herr Strömli sei, während Männer, Weiber und Kinder sie umringten, stellte dieser sich selbst und die anderen Mitglieder der Familie vor. "Edler Herr", sagte Toni, indem sie die Begrüßungen desselben mit fester Stimme unterbrach, "der Neger Hoango ist völlig überraschend mit seinem ganzen Tross in die Niederlassung zurückgekommen. Ihr könnt jetzt nicht ohne die größte Lebensgefahr dahin kommen; ja, euer Vetter, der zu seinem Unglück eine Aufnahme dort fand, ist verloren, wenn ihr nicht zu den Waffen greift, und mir zu seiner Befreiung aus der Lage, in welcher ihn der Neger Hoango gezwungen, in die Pflanzung folgt." "Gott im Himmel!" riefen, von Schrecken erfasst, die Flüchtlinge; und die Mutter, die krank und von der Reise erschöpft war, sank von dem Maultier ohnmächtig auf den Boden nieder. Toni, während auf den Ruf Herrn Strömlis die Mägde herbeieilten, um ihrer Frau zu helfen, führte, von den Jünglingen mit Fragen bestürmt, Herrn Strömli und die übrigen Männer, aus Furcht vor dem Knaben Nanky, auf die Seite. Sie erzählte den Männern, ihre Tränen der Scham und Reue nicht zurückhaltend, alles, was vorgefallen; wie die Verhältnisse, in dem Augenblick, da der Fremde eingetroffen, im Hause bestanden; wie das Gespräch, das sie unter vier Augen mit ihm gehabt, dieselben auf ganz unbegreifliche Weise verändert; was sie bei der Ankunft des Negers, fast wahnsinnig vor Angst, getan, und wie sie nun Tod und Leben daran setzen wolle, ihn aus der Gefangenschaft, worin sie ihn selbst gestürzt, wieder zu befreien. "Meine Waffen", rief Herr Strömli, indem er zu dem Maultier eilte und sein Gewehr herabnahm. Er sagte, während auch Adelbert und Gottfried, seine rüstigen Söhne, und die drei wackeren Diener sich bewaffneten, "Vetter Gustav hat uns mehr als einmal das Leben gerettet; jetzt ist es an uns, ihm den gleichen Dienst zu tun." Und damit hob er seine Frau, welche sich erholt hatte, wieder auf das Maultier, ließ, auf Tonis Geheiß und aus Vorsicht, er könnte sie verraten, dem Knaben Nanky als eine Art von Geißel die Hände binden; schickte den ganzen Zug, Weiber und Kinder, unter dem bloßen Schutz seines dreizehnjährigen, gleichfalls bewaffneten Sohnes Ferdinand an den Möwenweiher zurück. Und nachdem er noch Toni, welche selbst einen Helm und einen Spieß genommen hatte, über die Stärke der Neger und ihre Verteilung in Haus und Hof ausgefragt und ihr versprochen hatte, Hoangos sowohl, als ihrer Mutter, soweit es möglich wäre, bei dieser Unternehmung zu schonen, stellte er sich mutig und auf Gott vertrauend an die Spitze seines kleinen Haufens und brach, nun von Toni geführt, in die Niederlassung auf. Toni, sobald der Trupp durch die hintere Pforte eingeschlichen war, zeigte Herrn Strömli das Zimmer, in welchem Hoango und Babekan ruhten; und während Herr Strömli geräuschlos mit seinen Leuten in das Haus eintrat und sich sämtlicher beiseitegelegter Gewehre der Neger bemächtigte, schlich sie zur Seite ab in den Stall, in welchem Seppy, der fünfjährige Halbbruder des Nanky, schlief. Denn Nanky und Seppy, Kinder des alten Hoango, waren diesem, besonders der letzte, dessen Mutter kürzlich gestorben war, sehr teuer; und da, selbst in dem Fall, daß man den gefangenen Jüngling befreite, der Rückzug an den Möwenweiher und die Flucht von dort nach Port au Prince, der sie sich anzuschließen gedachte, noch mancherlei Schwierigkeiten ausgesetzt waren, so dachte sie wohlweislich, daß der Besitz beider Knaben als einer Art von Unterpfand den Flüchtigen bei etwaiger Verfolgung der Neger von großem Vorteil sein würde. Es gelang ihr, den Knaben vorsichtig aus seinem Bett zu heben und ihn, halb schlafend, halb wachend, auf Armen in das Hauptgebäude hinüberzutragen. Inzwischen war Herr Strömli, so heimlich, als es sich tun ließ, mit seinen Leuten in Hoangos Stube eingetreten, aber statt ihn und Babekan, wie er glaubte, im Bett zu finden, standen beide, durch das Geräusch geweckt, obschon halbnackt und verdutzt, in der Mitte des Zimmers da. Herr Strömli, indem er sein Gewehr in Anschlag nahm, rief, sie sollten sich ergeben oder sie wären des Todes! Doch Hoango, statt aller Antwort, langte nach einer Pistole neben dem Bett und feuerte, wobei die Kugel Herrn Strömli am Kopf streifte, in die Menge. Die anderen, auf diese Gegenwehr hin, fielen wildentschlossen über ihn her, Hoango, nach einem zweiten Schuss, der einem von ihnen die Schulter durchbohrte, ward durch einen Säbelhieb an der Hand verwundet, und beide, Babekan und er, wurden niedergeworfen und mit Stricken an zwei Stühle gefesselt. Mittlerweile waren, durch die Schüsse geweckt, die Kumpane des Hoango, zwanzig und mehr an der Zahl, von ihrem Lager aufgesprungen, und drangen, da sie die alte Babekan im Hause schreien hörten, wütend in dasselbe ein, um sich ihrer Waffen wieder zu bemächtigen. Vergebens postierte Herr Strömli, dessen Wunde nicht schlimm war, seine Leute an die Fenster des Hauses, und ließ, um die Kerle im Zaum zu halten, aus allen Gewehren auf sie feuern. Die Neger achteten ihrer Genossen nicht, die getroffen auf dem Hof zusammenbrachen, und waren im Begriff, Äxte und Brechstangen zu holen, um die Haustür, welche Herr Strömli verriegelt hatte, aufzusprengen, als Toni, zitternd und bebend, den Knaben Seppy auf dem Arm, in Hoangos Zimmer trat. Herr Strömli, der über ihr Auftreten äußerst erfreut war, riss ihr den Knaben vom Arm; er wandte sich, indem er sein Messer zog, zu Hoango, und schwor, daß er den Jungen augenblicklich töten würde, wenn er den Negern nicht Einhalt gebiete. Hoango, dessen Kraft durch den Hieb über die drei Finger der Hand gebrochen war, und der sein eigenes Leben im Fall einer Weigerung ausgesetzt haben würde, erwiderte nach einigem Bedenken, daß er dies tun wolle; ließ sich vom Stuhl lossbinden und stellte sich, von Herrn Strömli von hinten mit der Waffe bedroht, ans Fenster, und mit einem Tuch, das er in die unversehrte Hand nahm, über den Hof hinauswinkend, rief er den Negern zu, daß sie die Tür, da es sein Leben zu retten keiner Hilfe bedürfe, unberührt lassen sollten und an ihre Plätze zurückkehren möchten. Hierauf beruhigte sich der Kampf ein wenig; Hoango schickte auf Verlangen Strömlis einen im Haus eingefangenen Neger mit der ausdrücklichen Wiederholung dieses Befehls zu dem im Hof noch verweilenden und sich beratschlagenden Haufen hinab; und da die Schwarzen, sowenig sie auch von der Sache begriffen, dem Willen ihres Anführers Folge leisten mussten, so gaben sie ihren Anschlag, zu dessen Ausführung schon alles in Bereitschaft war, auf, und verfügten sich nach und nach, obschon murrend und schimpfend, in den Stall zurück. Herr Strömli, indem er dem Knaben Seppy vor den Augen Hoangos die Hände binden ließ, sagte diesem, daß seine Absicht keine andere sei, als den Offizier, seinen Vetter, aus der in der Pflanzung über ihn verhängten Haft zu befreien, und daß, wenn seiner Flucht nach Port au Prince keine Hindernisse in den Weg gelegt würden, weder für sein, Hoangos, noch für seiner Kinder Leben, die er ihm wiedergeben würde, etwas zu befürchten sein würde. Babekan, welcher Toni sich näherte und zum Abschied in einer Rührung, die sie nicht unterdrücken konnte, die Hand geben wollte, stieß das Mädchen heftig von sich. Sie nannte Toni eine niederträchtige Hure und Verräterin und meinte, indem sie voller Verachtung neben sich auf den Boden spuckte, die Rache Gottes würde sie, noch ehe sie ihrer Schandtat froh geworden sei, einholen. Toni antwortete: "Ich habe euch nicht verraten; ich bin eine Weiße und dem Jüngling, den ihr gefangen haltet, verlobt. Ich gehöre zu dem Geschlecht derer, mit denen ihr im offenen Krieg liegt und werde mich allein vor Gott dafür, daß ich mich auf ihre Seite stellte, zu verantworten haben." Hierauf gab Herr Strömli dem Neger Hoango, den er zur Sicherheit wieder hatte fesseln und an die Pfosten der Tür festbinden lassen, eine Wache; er ließ den Diener, der, mit zersplittertem Schulterknochen, ohnmächtig am Boden lag, aufheben und wegtragen; und nachdem er dem Hoango noch gesagt hatte, daß er beide Kinder, den Nanky sowohl als den Seppy, nach Verlauf einiger Tage, in Sainte Lüze, wo die ersten französischen Vorposten stünden, abholen lassen könne, nahm er Toni, die, von mancherlei Gefühlen bestürmt, sich nicht enthalten konnte zu weinen, bei der Hand und führte sie, unter den Flüchen Babekans und des alten Hoango aus dem Zimmer fort. Inzwischen waren Adelbert und Gottfried, Herrn Strömlis Söhne, schon nach Ende des Handgemenges und Schusswechsels auf Befehl des Vaters in das Zimmer ihres Vetters Gustav geeilt, wo es ihnen gelungen war, die beiden Schwarzen, die diesen bewachten, nach einem hartnäckigen Widerstand zu überwältigen. Der eine lag tot im Zimmer; der andere hatte sich mit einer schweren Schusswunde bis auf den Korridor hinausgeschleppt. Die Brüder, deren einer, der ältere, dabei selbst, obschon nur leicht, am Bein verwundet worden war, banden den teuren lieben Vetter los. Sie umarmten und küssten ihn und forderten ihn, indem sie ihm Gewehr und Pistolen gaben, auf, ihnen nach dem vorderen Zimmer, in welchem, da der Sieg entschieden, Herr Strömli wahrscheinlich alles schon zum Rückzug anordne, zu folgen. Aber Vetter Gustav, halb im Bett aufgerichtet, drückte ihnen freundlich die Hand; im übrigen war er still und wie abwesend, und statt die Pistolen, die sie ihm darreichten, zu ergreifen, hob er die Rechte und strich sich mit einem unaussprechlichen Ausdruck von Gram über die Stirn. Die Jünglinge, die sich bei ihm niedergesetzt hatten, fragten, was ihm fehle, und schon, da er sie mit seinem Arm umschloss und sich mit dem Kopf schweigend an die Schulter des Jüngeren lehnte, wollte Adelbert sich erheben, um ihm in der Annahme, daß ihn eine Ohnmacht anwandle, einen Trunk Wasser herbeizuholen, als Toni, den Knaben Seppy auf dem Arm, an der Hand Herrn Strömlis in das Zimmer trat. Gustav erblasste bei diesem Anblick; er hielt sich, indem er aufstand, als ob er umzufallen drohte, an den Armen der Freunde fest; und ehe die Jünglinge noch wussten, was er mit der Pistole, die er dem einen jetzt aus der Hand nahm, anfangen wollte, drückte er dieselbe schon, mit irrem Blick, gegen Toni ab. Der Schuss war ihr mitten durch die Brust gegangen; und da sie, mit einem gebrochenen Laut des Schmerzes, noch einige Schritte auf ihn zu ging und sodann, indem sie den Knaben in Herrn Strömlis Arme fallen ließ, vor Gustav niedersank, schleuderte er die Waffe gegen sie, stieß sie mit einem Fußtritt von sich und sank, indem er sie eine gottlose Hexe nannte, wieder auf das Bett nieder. "Du Wahnsinniger", riefen Herr Strömli und seine beiden Söhne. Die Jünglinge warfen sich über das Mädchen und riefen, indem sie es aufhoben, einen der alten Diener herbei, der ihnen schon in manchen ähnlichen, verzweiflungsvollen Fällen die Hilfe eines Arztes geleistet hatte; aber das Mädchen, das sich mit der Hand krampfhaft die Wunde hielt, drückte die Freunde hinweg. "Sagt ihm ...", stammelte sie röchelnd, auf ihn, der sie erschossen, hindeutend, "Sagt ihm ..." "Was sollen wir ihm sagen?" fragte Herr Strömli, da der Tod ihr schon die Sprache raubte. Adelbert und Gottfried standen auf und riefen dem unbegreiflich heimtückischen Mörder zu, ob er denn nicht wisse, daß das Mädchen seine Retterin sei, daß sie ihn liebe und daß es ihre Absicht gewesen sei, mit ihm, dem sie alles, Eltern und Eigentum, aufgeopfert, nach Port au Prince zu entfliehen? Sie donnerten ihm "Gustav!" in die Ohren und ob er nichts höre und schüttelten ihn und packten ihn beim Schopfe, da er, ohne auf irgendetwas zu reagieren, auf dem Bett lag. Da richtete er sich auf, warf einen Blick auf das in seinem Blut liegende Mädchen; und die Wut, die diese Tat veranlasst hatte, machte auf natürliche Weise einem Gefühl reinen Mitleidens Platz. Herr Strömli, heiße Tränen auf sein Tuch niederweinend, fragte: "Warum, Unglücklicher, hast du das getan?" Gustav, der sich vom Bett erhoben hatte und das Mädchen, das mit letzter Kraft gegen den Tod ankämpfte, betrachtete, erwiderte, daß sie ihn schändlicher Weise des Nachts gebunden und dem Neger Hoango übergeben habe. "Ach", hauchte Toni und streckte, mit einem unbeschreiblichen Blick, ihre Hand nach ihm aus, "dich, liebsten Freund, band ich nur, weil ..." Aber sie konnte nicht weiterreden und ihn auch mit der Hand nicht erreichen; sie fiel, mit einer plötzlichen Erschlaffung der Kraft, wieder auf ihren Schoß zurück. "Weshalb?" fragte Gustav blass, indem er zu ihr niederkniete. Herr Strömli, nach einer langen, nur durch das Röcheln Tonis unterbrochenen Pause, in welcher man vergebens auf eine Antwort von ihr gehofft hatte, nahm das Wort und erklärte: "Weil, nach der Ankunft Hoangos, dich zu retten, kein anderes Mittel war, als deine Gefangennahme vorzutäuschen; weil sie den Kampf, den du unfehlbar eingegangen wärest, vermeiden, weil sie Zeit gewinnen wollte, bis wir, die wir schon vermöge ihrer Veranstaltung herbeieilten, deine Befreiung mit den Waffen in der Hand erzwingen konnten." Gustav schlug die Hände vors Gesicht. "Oh nein!" schrie er und meinte, die Erde versänke unter seinen Füßen. "Ist das, was ihr sagt, wahr?" Er legte seine Arme auf ihren Leib und sah ihr mit jammervoll zerrissenem Herzen ins Gesicht. "Ach", sagte Toni, und dies waren ihre letzten Worte: "du hättest mir vertrauen müssen." Und damit hauchte sie ihre junge Seele aus. Gustav raufte sich die Haare. "Gewiss", schluchzte er, während ihn, da er sich untrennbar an ihr festklammern wollte, die andern von der Leiche wegrissen, "ich hätte dir vertrauen sollen; denn du warst mir durch einen Eidschwur verlobt, obschon wir keine Worte darüber gewechselt hatten." Herr Strömli öffnete Tonis Kleid über der tödlichen Wunde und bat den Diener, der mit einigen behelfsmäßigen Instrumenten neben ihnen stand, die Kugel, die, wie er meinte, in dem Brustknochen stecken müsse, herauszuziehen. Aber alle Bemühung war vergebens, das Blei war tief in ihren Leib gedrungen und ihre Seele schon zu einer besseren Welt entflohen. Inzwischen war Gustav ans Fenster getreten; und während Herr Strömli und seine Söhne unter stillen Tränen beratschlagten, was mit der Leiche anzufangen sei, und ob man nicht zuerst die Mutter herbeirufen solle, jagte Gustav sich die Kugel, mit der die andere Pistole geladen war, durch den Schädel. Dieser zweite Schuss raubte den Verwandten völlig alle Besinnung. Die Hilfe wandte sich jetzt auf ihn; aber des Ärmsten Haupt war ganz zerschmettert, und hing, da er sich die Waffe direkt aufgesetzt hatte, in Fetzen an den Wänden umher. Herr Strömli war der erste, der sich wieder fasste. Denn da der Tag schon ganz hell durch die Fenster schien, und auch Nachrichten einliefen, daß weitere Neger sich auf dem Anmarsch befänden, so blieb nichts übrig, als unverzüglich an den Rückzug zu denken. Man legte die beiden Leichen, die man nicht der mutwilligen Gewalt der Neger überlassen wollte, auf zwei Bretter und wickelte sie in Tücher, und nachdem die Gewehre von neuem geladen waren, brach der traurige Zug nach dem Möwenweiher auf. Herr Strömli, den Knaben Seppy auf dem Arm, ging voran; ihm folgten die beiden stärksten Diener, welche auf ihren Schultern die Leichen trugen; der Verwundete schwankte an einem Stabe hinterher; und Adelbert und Gottfried gingen mit vorgehaltenen Waffen dem langsam fortschreitenden Leichenzuge zur Seite. Die Neger, da sie den Haufen so schwächlich fanden, traten mit Spießen und Gabeln aus ihren Verstecken hervor und schienen drauf und dran zu sein, die Flüchtlinge angreifen zu wollen, aber Hoango, dem man aus gutem Willen die Fesseln abgenommen hatte, trat ans Fenster und gebot ihnen, sich zurückzuhalten. "In Sainte Lüze bekomme ich meine Kinder zurück" rief er Herrn Strömli zu, der schon mit den Seinigen am Hoftor war. "In Sainte Lüze", antwortete dieser, worauf der Zug, ohne verfolgt zu werden, auf das Feld hinauskam und bald darauf den Wald erreichte. Am Möwenweiher, wo man die Zurückgelassenen wohlauf fand, grub man, unter vielen Tränen, den Leichen ein Grab; und nachdem man noch die Ringe, die sie an der Hand trugen, gewechselt hatte, senkte man sie unter stillen Gebeten in die Wohnungen des ewigen Friedens ein. Herr Strömli hatte das Glück, fünf Tage später mit seiner Frau und seinen Kindern Sainte Lüze zu erreichen, wo er die beiden Negerknaben, seinem Versprechen gemäß, zurückließ. Er traf kurz vor Anfang der Belagerung in Port au Prince ein, wo er noch in den vordersten Linien für die Sache der Weißen focht; und als die Stadt nach einer hartnäckigen Gegenwehr an den General Dessalines überging, rettete er sich mit dem französischen Heer auf die englische Flotte, von wo die Familie nach Europa überschiffte und ohne weitere Zwischenfälle ihr Vaterland, die Schweiz, erreichte. Herr Strömli kaufte sich daselbst mit dem Rest seines Vermögens in der Gegend des Rigi ein kleines Anwesen; und noch im Jahr 1807 war unter den Büschen seines Gartens das Denkmal zu sehen, das er Gustav, seinem Vetter, und der Verlobten desselben, der treuen Toni, hatte setzen lassen.
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