Kallimachos

Hymnus auf Artemis


Kein minderes Vergehen ist's
mit der zierlichen Schwester Lied
zu zögern;
sie zu vergessen gar!
Artemis!
Mit dem Bogen,
sich dem Hasenjagen widmend.

Wenn schon droben nicht
auf den Bergeshöhen
am sonnigen Hang,
wo ihr den fröhlichen Reigen tanzt,
oder im schattigen Wald euer Chor geheimnisvoll raunt;
wenn ich daselbst nicht singen kann,
so soll hier, nah der Behausung,
mein Gesang dich preisen.

Geneigt warst du ja stets
(doch nicht begierig)
zu hören, was man von dir erzählt.

Einst (es gab einen Anfang)
auf den Schenkeln von Vater Zeus
saß das quirlige Kind und sprach:
Papa, lass ewig mich Jungfräulichkeit wahren
und zahllose Namen tragen,
daß Phoibus, mein Bruder, darin
im Wetteifer verliert.
Und Pfeil und Bogen erbitt' ich,
und Köcher - ach nein -
besser können die Zyklopen
den schön geschwungnen Bogen mir schaffen.
Doch die Fackel verleih' mir
und erlaube, bis zu den Knien
den gesäumten Chiton zu schürzen,
damit ich flinker dem fliehenden Wild
zu folgen vermag.
Und sechzig Okeanostöchter,
die mit mir tanzen;
neunjährig jede, Kinder noch, gürtellos.
Zwanzig Nymphen als Dienerinnen,
von den Ufern des Amnisos,
die mein ledernes Schuhwerk pflegen,
meine Hunde,
wenn sie von der Jagd auf Luchs und Hirsch vorauseilend
heimkehren,
vortrefflich versorgen.
Verleihe nur eine der Städte mir,
welche dir einfällt.
Dafür alle Berge. Mir gehören die Berge.
Nur äußerst selten nämlich, teurer Papa,
wird es passieren, daß deine Artemis
in eine Stadt sich bemüht.
Auf den Bergen werde ich wohnen,
fern den Sterblichen. Unters Stadtvolk
misch' ich mich höchstens,
wenn eine Gebärende vor Schmerzen mich ruft.
Denen beizustehen
haben, wie du weißt, die Schicksalsgöttinnen mir bestimmt,
als meine Mutter mich ohne Mühe und Not
aus ihrem Schoß entließ.

So sprach das Mädchen,
mehrmals vergeblich nach dem Barte des Vaters
die Hände ausstreckend, wollte ihn zupfen.
Der wich lachend zurück,
streichelte sie und sagte:
Wenn mir doch mehr solche Kinder
die Göttinnen schenkten,
wie wenig kümmerte mich dann Hera's Groll.
Nimm' alles, mein Kind, was du forderst,
und mehr noch will ich dir geben,
Größeres dazu.
Nicht nur eine Burg,
vielmehr dreimal zehn Städte seien dein Eigen,
dreimal zehn Städte,
die nie darauf sinnen,
eine andere Göttin zu ehren als dich.
Artemisstädte allein.
Ganz zu schweigen von jenen,
wo du die Heiligtümer teilst mit den Unsrigen,
auf dem Land und den unzähligen Inseln
mit ihren Altären und göttlichen Grotten;
über ihre Straßen und Häfen wachst du.

Sprach's und wiegte zufrieden das Haupt.

Darauf ging sie zum Leukos, dem kretischen Gebirge,
wo dicht und dunkel der Wald steht.
Und von dort zum Okeanus.
Wählte sich aus die Nymphen
nach ihrem Geschmack, neunjährig, gürtellos.
Und es freute den Fluss Kairatos,
die Tethys auch,
daß ihre Töchter fortan
der Artemis Gefährtinnen sind.

Dann zu den Zyklopen
auf der Insel Lipare.
Die stehn an Hephaistos Amboss,
hämmern das rotglühende Eisen im Wechsel.
Ein gewaltiges Werk zu vollenden trieb sie:
die eherne Tränke für Poseidons Rosse.
Aber die Nymphen, als sie die Riesen sahen,
erfasste die Angst.
Glichen diese doch den schroffen Felsen am Ossa.
Ein jeder hatte unter der Braue
ein funkelndes Auge nur,
groß wie ein Schild der Achäer vor Troja,
aus Leder in vierfacher Lage gesteppt
und mit sengendem Blick aus der Mitte.
Der Ambosse Dröhnen,
das Zischen der Bälge,
das Ächzen der Riesen,
sie machten die Mädchen bang.
Da hallt es vom Ätna wider,
es hallt davon Trinakien, dem Sitz der Sikaner,
Italien nebenan hallt;
und bei jedem Schlag schickt Kyrnos ein Echo zurück,
wenn aus schwindliger Höhe herab
der Hammer aufs glühende Erz kracht.
So brachten's die Nymphen nicht fertig,
dorthin zu schauen, zu hören.
Nicht zu verargen ist's ihnen,
blicken doch oft der Unsterblichen Töchter,
erwachsener zwar,
dennoch mit Grausen auf die Zyklopen.
Aber wehe, wenn so ein Mädchen
der Mutter Ärger macht;
gleich ruft die Zyklopen sie her,
den Argos oder den Steropes.
Dann erscheint
(aus einem Winkel des Hauses)
Hermes!
Beschmiert mit schwarzglänzender Asche
erschreckt er die Tochter.
Die aber fasst nach der Schürze der Mutter,
bedeckt mit den Händen die Äuglein
und stellt sich blind.

Ja, Artemis!
Mit drei schon hast du,
als Leto dich auf dem Arm hielt,
den Hephaistos geneckt,
der kam,
ihr Brautgeschenke zu bringen.
Und aus Brontes gewaltiger Brust
hast du büschelweis' Haare gerupft.
Kahl blieb die Stelle bis heute,
wie wenn die Pelade verödet
die Schläfe beim Mann.

Mit der Keckheit
knöpftest du die Zyklopen dir vor:
Auf denn! Schafft mir
den kydonischen Bogen
mit Köcher und Pfeilen darin.
Ich bin nämlich auch,
wie Apollon,
der Leto rechtmäßiges Kind.
Euch aber,
wenn ich künftig ein Wild erlege,
sei die Beute als Speise der Lohn.
Und sie erfüllten den Wunsch.
Seitdem, jungfräuliche Göttin, führst du die Waffen.

Schon eiltest du weiter,
die Hunde zu suchen
und kamst zum Gehöft des Pan,
auf arkadischem Boden.
Der zerlegte gerade das Fleisch
des mainalischen Luchses,
davon seine Hündin
wieder käme zu Kräften
nach zehrendem Wurf.
Dir schenkte der Bärtige zwei weiße,
drei rote und eine gescheckte,
die einen Löwen wohl
an der Kehle,
lebend noch,
schleifen zum Hof.
Hündinnen sieben aus Sparta,
schnell wie der Wind
bei der Hatz auf das Reh
und den Hasen,
der seine Augen nie schließt.

An des Anauros Ufer,
der mit schwarzen Kieseln herab
vom Berge Parrhasion fließt,
ästen fünf weibliche Hirsche,
größer als Stiere,
mit goldnem Gehörn.
Die bannte dein Blick:
Wahrhaft! Das ist
die Erstlingsbeute,
würdig der jagenden Göttin.
Vier fingst du
ohne die Hunde,
im schnellen Lauf,
vorgespannt soll'n sie
deinen Wagen dir ziehen.
Eine aber,
nach dem Willen der Hera,
schaffte es übern Keladon.
Die nahm Keryneas felsige Gegend auf,
damit Herakles später
im Kampf sie bezwingt.

Artemis! Jungfrau! Tityostöter!
Von Gold deine Waffen und Gürtel,
im goldenen Wagen,
den ziehen mit goldenem Zaumzeug
die weiblichen Hirsche.
Wo hat zuerst mit dir in den Himmel
er sich erhoben?
Dort auf dem thrakischen Haimos,
woher mit beißendem Frost
die Sturmbö des Nordwinds
den Mann ohne Mantel erwischt.
Wo hast du die Fichte geschnitten?
An welcher Flamme entzündet?
Auf dem mysischen Olymp,
mit der Glut unauslöschbaren Feuers,
wovon ja die Blitze des Vaters zeugen.
Wie oft schnellte der Pfeil vom Bogen?
Zuerst auf die Ulme,
dann auf die Eiche,
beim dritten Mal aber
da traf's schon ein Tier.

Und dann hast du nicht mehr gespielt,
sondern die Waffe
gegen die Frevler gerichtet.
Die Unglückseligen,
welche dein Zorn vernichtet.
Ihre Herden schlingt die Seuche hinunter,
die Ernte frisst auf der Frost.
Väter scheren sich trauernd die Haare
am Todestag ihrer Söhne;
Frauen erheben sich nimmer
vom Wochenbett,
oder die Krankheit rafft sie dahin.
Aber geht's nochmal gut,
dann gebären sie,
was sich nicht aufrecht
auf seinen Knöcheln zu halten vermag.

Jedoch, wem du freundlich und gnädig gesonnen,
dem sprießen die Ähren vom Acker,
dem weidet das Vieh auf der Wiese;
es mehrt sich der Hausstand
um Habe und Kind.
Nie tragen, welche du schützest,
etwas zu Grabe, es sei denn Hochbetagtes.
Und keine Zwietracht spaltet das Volk,
wenngleich vordem
ihre Häuser verheerte der Krieg.
Des Hausherrn Schwestern
und die Frauen der Brüder,
sie scharen sich um einen Altar.
Herrin!
Wenn doch zu denen zählte,
wer wirklich mein Freund;
ich selber es wäre. Herrscherin!
Möge stets mein Gesang mir gelingen.
Darin kommt Leto's, deiner Mutter Hochzeit, vor
und du, und zwar oft.
Darin auch Apollon und all deine Taten,
die Hunde, Pfeil und Bogen und
der goldene Wagen, der dich
weithin sichtbar,
fährt zu des Vaters Palast.

In den Vorhallen empfangen sie dich,
Hermes Akakesios
nimmt dir die Waffen ab,
Apollon die Beute,
was immer du mitbringst;
jedenfalls früher,
vor der Ära des starken Atriden.
Dann aber nahm Phoibos
dies Ehrenamt nicht mehr wahr,
so treu nämlich stand
der Tirynthier [Herakles],
ein Mann wie ein Amboss,
vor den Toren in froher Erwartung,
daß du heimkehrst
mit etwas Fettem zu essen dabei.
Die Götter, sie lachen andauernd
über den Helden,
Hera am meisten,
wie er wuchtet den Ochsen vom Wagen,
oder den riesigen Eber,
der noch zuckt.
Mit belehrenden Worten, Göttin,
erteilt er dir Rat:
Schieß' nur auf die furchtbaren Tiere,
daß die Menschen zu Hilfe
dich ebenso rufen wie mich.
Lass' die Rehe und Hasen in Ruhe,
denn was könnten Schlimmes sie tun?
Die Schweine verwüsten die Wälder; die Felder
die wilden Stiere,
die dem Menschen ein Graus.
Bringe vor allen diese zur Strecke.
So sprach er und machte sich
hastig nebenbei her
über das grade verblutete Tier.
Denn sogar
als unter phrygischer Eiche
der Held transmutierte zum Gott,
verschwand nicht der Wanst,
mit dem er Theiodamas,
dem pflügenden Fürst der Dryoper,
versperrte den Weg.

Dir aber striegeln
die Amnisostöchter
der Hirschkühe glänzendes Fell,
wenn aus dem Joch sie befreit;
und schneiden mit silbernen Sicheln,
von Heras Wiese,
reichliches Futter, das Gras,
schnellwüchsigen Klee,
den auch die Pferde des Zeus
nicht verschmäh'n.
Sie füllen die ehernen Tröge mit Wasser
zum kühlenden Trank.
Selbst gehst du in Vaters Haus,
die drinnen rufen dich
alle an ihre Seite,
doch neben Apollon
lässt du dich nieder.

Wenn die Nymphen im Kreis um dich tanzen,
nahe dem Ort,
wo Ägyptens Inopos entspringt;
in Pitane,
das dir auch wohl gehört;
auch in Limnai; selbst dort,
wo du, Gottheit,
Halai Araphenides zu bewohnen,
aus Skythien kamst
(enttäuscht von den Bräuchen der Taurer),
dann hoffentlich pflügen
meine Rinder mir nicht
für Pachtzins dem fremden Eigner
die spärliche Brache.
Denn lahm und müde,
gebeugt in den Staub,
kehrten sie heim,
selbst wenn es Rinder aus Stymphai wären,
neunjährige Hornschlepper,
die ja bei weitem die besten,
um die Furche tief zu ziehn.
Auch Helios geht niemals vorüber
an jenem entzückenden Reigen,
ohne zu zu rasten und zuzuschaun;
verlängert doch so
sich der sonnige Tag!

Verrate mir,
welche der Inseln, welcher Berg
gefällt dir am besten?
Welcher Hafen und welche Stadt?
Welche der Nymphen ist dir die liebste,
und welche Heroin
soll deine Gefährtin dir sein?
Sage mir's Göttin,
ich will davon singen.
Ist es die Insel Doliche?
Perga, die Stadt?
Der Taygetos unter den Bergen?
Der Hafen Euripos bei Aulis am Meer?
Die Gortyn hast du vor allen geschätzt.
Britomartis,
deren Pfeil als erster
oft erlegte den Hirsch.
Zu ihr lief einst Minos,
von Liebe verstört,
irrend durch Kretas Gebirge.
Doch sie versteckte sich
unterm Laub der Eichen,
dann in der Flussaue Schilf.
Neun Monde durchwanderte er
stürmische Höhen und steinige Täler,
gab doch die Verfolgung nie auf.
Bis die Nymphe, beinahe gefasst,
sprang von der Klippe ins Meer;
im Netz der Fischer verfangen
ward lebend sie geborgen.
Deswegen nennen,
nach der Nymphe Diktyna,
Diktaion die Kydoner den Berg.
Dort schlachten sie Opfer auf den Altären
und flechten täglich den Kranz.
Mastix und Fichte sind dafür gebräuchlich.
An die Myrte dagegen rührt keine Hand.
Denn ein Zweig dieses Strauchs
hielt damals,
als sie vor Minos floh,
das Mädchen fest am Gewand.
Daher grollt man mächtig der Myrte.
Übrigens, dir auch, Oupis,
Herrscherin mit holdem Gesicht,
Fackelträgerin,
geben die Kreter den Namen der Nymphe.

Kyrene machtest, Artemis, du
dir zur Gefährtin.
Der hast du selbst einst zwei Hunde geschenkt,
mit denen die Tochter des Hypreus
bei den Gräbern in Iolkos
einen Kampfpreis errang.
Und des Kephalos blonde Gemahlin
war jagende Gesellin dir.
Schließlich, so sagt man,
hast du die schöne Antikleia
wie ein eigenes Kind zärtlich umsorgt.
Diese alle trugen zuerst
den treffsicheren Bogen, den Köcher
auf den Rücken geschnallt.
Unbedeckt war ihre Schulter und
hell schimmerte ihre Brust.
Ferner hast du Atalante gelobt,
die flinke,
ebertötende Tochter des Iasios;
und hast sie die Kunst
mit Hunden zu jagen
und die ruhige Hand beim Zielen gelehrt.
Nichts fanden die Jäger
des Kalydonischen Ebers
zu tadeln an ihr. In Arkadien,
wohin sie gelangten,
bestaunt man die Zeichen des Sieges:
seine mächtigen Hauer seitdem.
Weder Hylaios noch
der hirnlose Rhoikos,
nicht einmal die, die sie hassen,
dürften - so mein' ich -
im Hades
verspotten das Kind.

Herrin über unzählige Tempel und Städte,
sei gegrüßt Chitone,
die man verehrt in Milet.
Dich hat ja Neleus
zur Führerin erkoren,
als er in See stach
von Kekropia her.
Oh, Chesias Imbrasia,
die du obenauf thronst,
dir legte, als die Flaute ihn hemmte,
Agamemnon das Steuer im Tempel
zur Besänftigung nieder.
Du hattest die Winde gebunden,
als die achäischen Schiffe
nach Troja aufbrachen,
zu vernichten die Burg.
Proitos wahrhaftig hat sogar
zwei Tempel erbauet:
einen der Artemis Koria,
weil du seine Töchter wiedervereintest,
die sich verliefen in Azeniens Bergen.
In Lousoi den andern,
der Freundlichen Artemis gewidmet,
nachdem seine Kinder vom Wahnsinn erlöst.

Amazonen haben dir,
die dem Krieg Verfallenen,
an Ephesos' Küste
unterm Eichbaum ein Kultbild geweiht.
Das Heiligtum aber hat Hippo vollendet.
(Dann zog er sich unter Tränen zurück.)
Da herum tanzen sie selber
mit ihren Waffen und Schilden.
Durchdringend klingt
mit schrillem Ton die Syrinx,
damit den Takt sie halten -
noch hatte den Hirschknochen keiner durchbohrt,
den Athene später erfand
(Pech für den Hirsch) -
Das Echo rollt bis hin nach Sardes
und in den Distrikt Berekynthien.
Heftig stampfen die Füße den Boden,
es klappern die Pfeile im Köcher.
Viel später erst kam der größere Tempel,
kein stolzeres Bauwerk die Morgenröte erhellt.
Leicht könnte es Delphi übertreffen,
was Lygdamis, den Frevler,
in seiner Wut
es zu brandschatzen trieb.
Mit ihm kam ein Heer von Stutenmelkern,
Kimmerier,
dem Sand gleich an Zahl,
die nahe der Rinderfurt wohnen.
Ach, der Banause,
wie hat er geschändet!
Ich wünschte, er fände,
noch irgendein andrer von denen
aus dem Lager beim Kaystrios,
niemals zur Heimat zurück.
Ephesos aber, oh Göttin,
verteidigen ewig
deine Geschosse.

Schließlich sei mir gegrüßt,
Pheraia!
Niemand soll der Artemis
verweigern die Ehre,
niemand sich mit ihr messen
bei der Jagd
noch versuchen,
besser zu treffen das Ziel.
(Selbst der Atride prahlte
um keinen geringen Preis.)
Niemand soll um die Jungfrau werben.
(Weder Otos noch Otarion
taten's mit Anstand.)
Niemand soll sich
dem jährlichen Reigen entziehn.
Sei gegrüßt mir, du Mächtige!
Nimm gnädig stets auf
mein Lied.



Kallimachos