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Die Angehörigen des früher wegen seiner Angriffslust berüchtigten Stammes der Auca (heute Waorani) in Ecuador können jetzt die biblische Friedensbotschaft in ihrer Muttersprache lesen. Sie haben eine Übersetzung des Neuen Testamentes erhalten. Das teilte die Evangelische Allianz in Wetzlar mit. 1956 hatten Indianer dieses Stammes fünf amerikanische Missionare getötet, die den Ureinwohnern die christliche Botschaft bringen wollten. Angehörigen der Getöteten gelang einige Jahre später der erste friedliche Kontakt.
Diese Kontaktaufnahme war gründlich vorbereitet worden, denn man wollte vermeiden, dass die Angehörigen der Jahre zuvor Getöteten von den Angehörigen des Stammes auch noch getötet werden. Man musste sehr behutsam vorgehen und sich zunächst die Frage stellen, ob es ratsam wäre, sich als Angehörige der Getöteten zu erkennen zu geben. Es gab zwar Informationen über die Hintergründe des Massakers an den Missionaren, aber niemand wusste, ob diese Informationen der Wahrheit entsprachen und wenn ja, ob die Hintergründe hinter den Informationen der Wahrheit entsprachen. Die Indianer hatten den Vorfall nicht dokumentiert, es gibt bei ihnen ja keine Zeitungen oder Nachrichten oder etwas ähnliches, und die einzigen, die sich dort über größere Entfernungen verständigen, sind die Vögel. Das wenige, was man als dokumentierte Informationen bezeichnen kann, sind ein paar geheime Rezepturen mit Heilpflanzen, die der Medizinmann Sok Hauo Tumbakna in seiner Buschhütte unter der Matratze aufbewahrt.
Man wusste eigentlich nur, dass die Indianer angriffslustig waren. Das geht aus einem Geheimbericht der CIA hervor, der nach dem Verschwinden der Missionare verfasst wurde und in der Sektion 14 der Abteilung A309 aufbewahrt wird. Darin fällt auch zum erstenmal das Wort "berüchtigt", merkwürdigerweise als Übersetzung der Bezeichnung, die die Indianer ihrem Stamm selber geben. Diese Information ging ursprünglich aus einem Brief hervor, den einer der Missionare nach Amerika geschrieben hatte, in dem es heißt "Sie nennen sich 'Auca kuatkomba', der berüchtigte Stamm". Frank Daniel Liebschitz, Sprachwissenschaftler an der St.James University, der sich seit Jahren mit der Muttersprache der Auca beschäftigt, hat darauf hingewiesen, dass das Wort "kuatkomba" mehrere Bedeutungen haben kann, je nachdem, in welcher es vorrangig gebraucht wird. Dabei kann es sogar gegensätzliche Bedeutungen haben, wie zum Beispiel "weise" oder "unwissend". Neben "berüchtigt" kann es daher auch "berühmt" und "behende" heißen.
In dem erwähnten Brief steht auch, dass die Indianer die Missionare als "wapalores" bezeichnen, was wörtlich übersetzt "Weiß-Kittel-Männer" heißt. Es handelte sich jedoch um Augustinermönche, und deshalb wird angenommen, dass sich "wapalores" auf ihre weiße Haut bezog. Dass sie gefoltert wurden, bevor man sie an Baumstämme gefesselt oberhalb der Sukunga-Stromschnellen in den Fluss warf, ist nirgends belegt außer in dem Bericht der CIA. Dort wird Bezug genommen auf ein Rezept des Medizinmannes Sok Hauo Tumbakna für einen Trank, der angeblich schwere innere Verätzungen bewirkt, ohne aber zu töten. Dieses Gebräu geben die Indianer unliebsamen Gästen als Begrüßungstrunk, weil er äußerlich angenehm duftet und zuerst auch herrlich erfrischend ist.
Es musste also damit gerechnet werden, dass die Angehörigen der Getöteten, die sich zu den Auca vorwagten, mit diesem Begrüßungstrunk bewirtet würden. Vorausgesetzt, die Auca kannten deren wahre Identität und hatten die Absicht, auch die Angehörigen der Getöteten beiseite zu schaffen, denn - so stellt auch der CIA Bericht fest - in den Augen der Angehörigen des Stammes sind die Angehörigen der Getöteten Mitwisser und sozusagen Zeugen der Morde. Jetzt, da ich dies schreibe, kommt mir eine hervorragende Idee. Die Indianer glauben doch an Wiedergänger aus dem Jenseits! Man hätte die Angehörigen einfach als die Getöteten verkleiden müssen, dann hätten die Auca geglaubt, ihnen wäre bei der Tötung irgendein Fehler unterlaufen und ihre Opfer kehrten nun zurück, um grausame Rache zu nehmen. Die Auca hätten sich vor den scheinbar Getöteten in den Staub geworfen und um Gnade gebettelt, ihr ganzes Gold und ihre Töchter und so weiter angeboten, damit sie verschont würden. Das hatte ja schon einmal bei Pizzaro und Cortez einwandfrei geklappt, warum sollte es nicht ein zweites Mal klappen, zumal die Auca keine Zeitung und Nachrichten haben, aus denen sie hätten erfahren können, wer Pizarro und Cortez wirklich waren.
Aber es kam alles anders. Die Evangelische Allianz arbeitete nämlich schon seit Jahren an einer Übersetzung des Neuen Testamentes in die Muttersprache der Auca. Das war auch der CIA bekannt, die meinte, es gebe einige Gründe, die es rechtfertigen, einen Bericht darüber zu verfassen. Dieser Bericht wurde seinerzeit in der Sektion 3 der Abteilung 11 aufbewahrt, geriet aber schnell in Vergessenheit, weil die Übersetzung nicht recht vorankam, was wiederum daran lag, dass die Muttersprache der Auca sich nicht in geeigneter Weise entwickelte, um den Inhalt des Neuen Testamentes adäquat wiederzugeben.
Einige Jahre nach der Ermordung der Missionare geschah etwas Merkwürdiges. Obwohl die Evangelische Allianz angedeutet hatte, dass ihre Übersetzung kurz vor dem Abschluss stünde, wurde bei der CIA die Sektion 3 der Abteilung 11 aufgelöst, weil, wie es hieß, es keinen Bedarf an Ermittlungen mehr gebe. Damals arbeitete in der Sektion 3 ein junger Assistent, der seinen Harvard-Abschluss in der Tasche hatte und am Beginn einer glänzenden Karriere stand. Sein Name war Daniel Liebschitz, und er wechselte kurzerhand zur St.James University an den Lehrstuhl für Linguistik der indogenen Aucasprachen, von dem bis dahin niemand an der Universität wusste, dass es ihn überhaupt gibt.
Als den Angehörigen der Getöteten später der erste friedliche Kontakt zu den Auca gelang, stellten sie fest, dass neben dem Neuen Testament in der Auca-Sprache noch ein weiteres Buch vorhanden war, das sich lediglich "Die biblische Friedensbotschaft" nannte und im wesentlichen eine Sammlung von demokratischen Grundsätzen war, die inhaltlich an die amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776 angelehnt war. (Außerdem wurde darin in einer Fußnote der Staat Israel anerkannt.) Das Ungewöhnlichste an diesem Buch war jedoch, dass es im Anhang mehrere leere Seiten hatte, die alle mit "Notizen" überschrieben waren. Dort hatte der Medizinmann der Auca, jener Sok Hauo Tumbakna (was übrigens wörtlich übersetzt "Der-die-Zusammensetzung-kennt" heißt) begonnen, seine Rezepturen aufzuschreiben. Als erstes stand da das Rezept für den Begrüßungstrunk. Dann folgten einige Arzneien gegen Krankheiten, wie es sie den Symptomen nach zu urteilen auch in zivilisierten Ländern gibt.
Es kursierten unter den Auca sogar noch zwei weitere Bücher. Das eine kursierte genaugenommen nicht, sondern lag ständig unter Sok Hauo Tumbaknas Matratze und war eine lateinische Ausgabe der okkulten Schriften von Paracelsus. Das andere war kein Buch, sondern eine Zeitschrift, und zwar die Juniausgabe des "Playboy" von 1956. Trotz aller Verdammnis, mit der Sok Hauo Tumbakna dieses Heft unermüdlich geißelte, war es ihm bisher nicht gelungen, es im Auca-Dorf ausfindig zu machen, denn es kursierte unter den Stammesangehörigen so schnell, dass der Medizinmann gar nicht hinterher kam, und angeblich wurde es zu bestimmten Zeiten sogar an einer Stelle im Busch deponiert, die selbst Sok Hauo Tumbakna verborgen blieb.
Die Evangelische Allianz wusste davon natürlich nichts und glaubte, dass das Neue Testament, das sie den Angehörigen mitgab, bei den Auca mit großem Interesse aufgenommen würde. Die Angehörigen der Getöteten wählten den Weg durch das Mingusch-Tal und dann den Oberlauf des Raksa-Flusses entlang, dessen weitverzweigtes Quellgebiet bereits an die Jagdgründe der Auca grenzte. Es war eine strapaziöse Reise, und einige Male waren die Angehörigen drauf und dran umzukehren. Aber die Hoffnung, endgültige Aufklärung über das Schicksal ihrer getöteten Angehörigen zu erhalten und vielleicht sogar deren sterbliche Überreste zu finden, ließ sie unter äußerster Kraftanstrengung zum Ziel gelangen.
Die Auca, die sich inzwischen aus irgendeinem Grund in Waorani umbenannt hatten, empfingen die Angehörigen ziemlich freundlich und entgegen allen Befürchtungen friedlich. Auch Sok Hauo Tumbakna hatte sich umbenannt und hieß nun "Lightnin' Bill", aber die Angehörigen redeten ihn lieber weiter mit dem alten Namen an, denn in dem CIA Bericht hatten sie gelesen, dass die Auca sich manchmal solche Namen geben, um daraus Fremden den Vorwurf der Beleidigung zu machen, wenn sie ihn gebrauchten. In den folgenden Tagen sahen sich die Angehörigen im Dorf um, studierten die Bräuche und den Alltag der Waorani (früher Auca) und notierten alte überlieferte Lieder und Erzählungen von Dämonen.
Was das Neue Testament anging, stellten sie fest, dass die Waorani es wirklich als sehr unterhaltsame Lektüre aufnahmen. Sie konnten sich geradezu ausschütten vor Lachen, wenn sie sich in fröhlicher Runde einen Übersetzungsfehler nach dem anderen vorlasen. Lightnin' Bill, alias Sok Hauo Tumbakna fragte die Angehörigen nach einer neueren Ausgabe des "Playboy", die er angeblich benötige, um ein neues Rezept für ein potenzsteigerndes Mittel zu erproben. Bei diesen Worten wurde einer der Angehörigen hellhörig, der sich bis dahin immer abseits der anderen gehalten und die meiste Zeit geschwiegen hatte. Tatsächlich hatten die Angehörigen erst im Quellgebiet des Raksa überhaupt bemerkt, dass dieser Mann dabei war. Daraufhin stellte er sich als Fjodor Danilow Libuschkin vor und blieb auch weiterhin sehr wortkarg.
Jetzt aber, als Lightnin' Bill von seinen Arzneien sprach, wurde Libuschkin auf einmal redselig und wollte dem Medizinmann seine Aufzeichnungen abkaufen. Aber Lightnin' Bill war ja auf etwas anderes scharf. Libuschkin machte das Angebot, ihm die neueste "Playboy" Ausgabe detailliert zu beschreiben, soweit sie ihm in Erinnerung geblieben war. Aber Lightnin' Bill konnte das Angebot ablehnen, ja mehr noch. Mit einem Augenzwinkern berichtete er, dass ihm sein Arzneibuch vollständig verbrannt sei, als kürzlich der Blitz in seine Buschhütte eingeschlagen, die Matratze, als sei sie mit einem Brandbeschleuniger getränkt gewesen, entzündet und ihm selbst im Anschluss an das Unglück seinen neuen Namen eingegeben habe.
Die übrigen Angehörigen fahndeten natürlich auch nach den Getöteten und waren schließlich auf Hinweise gestoßen, denen zufolge sich unweit des Dorfes einige namenlose Gräber befinden sollten. Aber die Zeit war schon weit fortgeschritten und der Etat der Expedition ging zur Neige. So mussten sie die weitere Suche für den nächsten friedlichen Kontakt mit den Waorani aufschieben. Immerhin nahm die Reise noch ein bequemes Ende. Als nämlich die Angehörigen gestiefelt und gespornt wieder den Oberlauf des Raksa flussabwärts marschieren wollten, schlug einer der Indianer vor, lieber die zehn Meilen nordöstlich bis zur nächsten Tankstelle zu laufen und dann mit dem Bus, der dort hält, nach Guayaquil zum Flughafen zu fahren. Die Angehörigen waren darüber so erfreut, dass sie sich noch mehrmals umwandten und winkten.
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