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Dass die Öffentlichkeit erst jetzt von dem neuen Klonbaby erfuhr, hat einen simplen Grund, nämlich die weiten Wege in China. Wenn zum Beispiel in der Provinz Siauchang eine Hungersnot ausgebrochen ist oder ein Meteorit eingeschlagen hat, dann kann es bis zu fünf Wochen dauern, bis ein Bote mit der Nachricht von diesem Ereignis bis in den nächsten Ort gelangt ist, der an ein Kommunikationsnetz angeschlossen ist. Und dabei hat Siauchang in der offiziellen Liste der abgelegenen Provinzen lediglich eine Klassifikation von 16, was besagt, dass es daneben auch (mindestens eine) inoffizielle Liste gibt, auf der Siauchang als noch weiter weg eingestuft ist.
Um diese Jahreszeit führen die meisten Nachrichtenwege über den Fu To Ming Pass, der auf einer Höhe von 4720 Metern liegt, wozu noch eine 5 Meter hohe Schneedecke kommt. Man kann sich leicht vorstellen, welchen Schwierigkeiten ein Bote mit der Nachricht von einem neuen Klonbaby begegnet, bis er zum nächsten Telegrafenamt gelangt. Außerdem ist der Fu To Ming Pass im Winter geschlossen, der Weg ist nicht geräumt, geschweige denn gestreut, und das Tor ist verriegelt und verrammelt. Es grenzt also schon an ein kleines Wunder, dass uns die Nachricht von der Geburt überhaupt erreicht hat.
Aber nicht umsonst ist das angebliche Klonbaby um diese Zeit in China zur Welt gekommen, denn im Frühling, wenn der Schnee geschmolzen ist, versinken die Wege in einer 5 Meter tiefen Schlammschicht, so dass der Fu To Ming Pass in Wirklichkeit eine veränderliche Höhe hat, Wissenschaftler sprechen auch von einer "variablen" Höhe. Während er im Winter 4725 Meter hoch ist, fällt er in der warmen Jahreszeit auf 4715 Meter herab. Das ist auch einer der Gründe dafür, warum die Höhenangabe auf der Landkarte nicht vermerkt ist, denn man kann sie nicht jedes halbe Jahr ändern.
In dem Schlamm wäre es dem Boten mit Sicherheit unmöglich gewesen durchzukommen und er hätte womöglich das Schicksal vieler Flüchtlinge geteilt, die auf dem Pass ihr Leben gelassen haben. Doch man sieht, dass es vielleicht voreilig ist, den Chinesen eine mangelhafte Geburtenplanung zu unterstellen, denn der Zeitpunkt der Geburt des neuen Klonbabys war offensichtlich gut gewählt. Der Winter erwies sich als das kleinere Übel, wenn man in diesem Zusammenhang von "klein" oder sogar von "kleiner" sprechen darf. Trotz ausgeklügelter Planung der Geburt, trotz erfolgreichem Verlauf und trotz der mühevollen Vorarbeit hing über der Sache wie ein Damoklesschwert immer noch die Frage: Wird die Nachricht die Öffentlichkeit erreichen?
Nach glaubwürdigen Zeugenberichten verdanken wir das zwei Hauptumständen. Zum einen war das Passtor so tief verschneit, dass es unter dem Schnee regelrecht verschwunden war. Deshalb brauchte es (zum Glück!) nicht geöffnet zu werden, was ohnehin unmöglich gewesen wäre, weil man nach den dortigen Jahrtausende alten Bestimmungen den Schlüssel immer mit einschneien lässt. Der Bote konnte demnach auf der Schneeoberfläche über das Tor hinweg marschieren. Dann gab es aber immer noch die Schwierigkeit des völlig verschneiten Weges, wohin sollte sich der Bote mit der Nachricht von dem neuen Klonbaby denn wenden? Das fragte er sich natürlich auch selbst.
Und während in Rom Leute wie der Gynäkologe Severino Antinori noch ahnungslos auf die Nachricht der außergewöhnlichen Niederkunft warteten, geschah in der schwindelerregenden Höhe des Fu To Ming Passes etwas ganz Merkwürdiges. Dem Boten erschien nämlich am Himmel ein leuchtender Stern, der ihm den Weg wies. Um was für eine Erscheinung es sich dabei genau handelte, wird momentan noch untersucht, und es wird damit gerechnet, dass nähere Einzelheiten in einem vorläufig nicht genannten Fachjournal erscheinen werden. Es kann also ein wirklicher Stern gewesen sein oder auch, einigen nicht bestätigten Zeugenberichten zufolge, eines der Leuchtspurgeschosse, wie sie die chinesische Armee in dieser Gegend bei der Verfolgung von Flüchtlingen einsetzt. In diesem Fall müsste es aber ein Irrläufer gewesen sein, denn aus Sicht der chinesischen Truppen wies es in die falsche Richtung.
Eine Tatsache blieb bisher unerwähnt: der Bote wollte in Wahrheit gar nicht zum nächstgelegenen Telegrafenamt, sondern geradewegs nach Rom, denn erst in Rom konnte der Gynäkologe Severino Antiori die Nachricht vom neuen Klonbaby der Öffentlichkeit mitteilen, wie es ja dann auch geschehen ist. Auch das hat seinen Grund, den man mit einiger Überlegung leicht selbst herausfinden kann. Man darf dabei nicht oberflächlich denken, sondern muss die Sache genauer hinterfragen. In welcher Form hat der Bote die Nachricht transportiert? In schriftlicher natürlich. Die Chinesen sind bekanntlich die Erfinder des Papiers, also nutzen sie es auch und schreiben jede wichtige Nachricht auf. Außerdem konnte man sich nicht darauf verlassen, dass der Bote die Nachricht mündlich im Gedächtnis behalten würde, denn es war ja ungewiss, wie lange er bis nach Rom brauchte. Es hätte gut und gerne so lange dauern können, dass er darüber alt geworden wäre und vergesslich. Er wäre als Greis in Rom beim Gynäkologen Antinori angekommen, mit schlohweißem Haar bis an die Hüften, ohne Zähne und ohne sich an den Wortlaut der Nachricht erinnern zu können. Es hätte passieren können, dass als er dort eintraf, das angebliche Klonbaby selbst schon erwachsen gewesen und nach Rom gereist war, um sich persönlich bei Antinori vorzustellen und von seinem Schicksal zu berichten. Das musste verhindert werden. Jeder, der schon einmal in Rom war, kennt den höllischen Straßenverkehr in der Stadt. Kein chinesisches Klonbaby wird die gentechnischen Voraussetzungen haben, in Rom eine Straße zu überqueren, ohne sofort von einem Fiat überfahren zu werden, oder gar vom Papamobil. Alle Mühe wäre umsonst gewesen.
Also trug der Bote die Nachricht auf einem Zettel mit sich. Nachrichten dieser Art, also sozusagen von ebenso großer Dringlichkeit wie Geheimhaltungsstufe, werden auch in China gewöhnlich verschlüsselt, und es ist anzunehmen, dass der Bote selbst nicht wusste, wie die Nachricht im Klartext lautete. Vielleicht wunderte er sich sogar, dass da von Kranichen und Zedern, von Morgentau und von Ying und Yang die Rede war. Das ist nicht überliefert. Doch es gab ein weiteres Problem, und zwar bei der Verschlüsselung. Es gab nämlich noch kein chinesisches Schriftzeichen für "Klonbaby", das man hätte verschlüsseln können, und die beste Verschlüsselung nützt nichts, wenn es keinen Klartext dazu gibt, das leuchtet ja ein. Man hätte das Wort aus einer anderen Sprache entnehmen können, aber dann hätte man dem Empfänger (der Gynäkologe Severino Antinori) den Namen der Sprache mitteilen müssen, und schon wäre jeder X-beliebige auf das Wort gekommen.
Es blieb also keine andere Wahl, als die Nachricht dem Boten doch mündlich anzuvertrauen. Das war ein großes Risiko, und es hätte auch schiefgehen können, wie es vormals schiefgegangen war. Denn das angebliche neue Klonbaby ist angeblich nicht das erste. Es heißt, dass es zuvor schon andere angebliche Klonbabys gegeben habe, mindestens jedoch eins. Jenes angebliche Klonbaby sollte noch leibhaftig nach Rom zur Veröffentlichung gebracht werden, aber der Transport war auf dem Fu To Ming Pass in den Kugelhagel der chinesischen Truppen auf eine Flüchtlingsgruppe geraten, und dabei ist das Klonbaby tödlich verletzt worden. Zum Gedenken an es setzten seine angeblichen Eltern (?) ihm auf dem Pass einen Gedenkstein, auf dem steht "Bote, kommst du nach Rom, berichte dort, du habest mich hier liegen gesehen, obwohl es Gesetze gibt, gegen die es verstößt." Dieser Gedenkstein ist schwer zu finden, denn einen großen Teil des Jahres ist er von hohem Schnee bedeckt und einen anderen großen Teil im Schlamm versunken.
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