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Im Jahr 2000 wird Jesus den größten Einfluß in der Sowjetunion haben, ergab eine Meinungsumfrage. Er bekam 58%, Sacharow 48%, Lenin 36%, Gorbatschow 26% und Stalin 9% der Stimmen.

Dieses Ergebnis überrascht nur diejenigen, die lange Zeit geglaubt haben, Jesus hätte seinen Einfluß in der Sowjetunion verloren. Stalin versuchte nach der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution erst den Einfluß Lenins zurückzudrängen, Lenin war immerhin der Revolutionsführer und hatte auch über die Grenzen der Sowjetunion hinaus großen Einfluß. Lenins Parole "Kommunismus ist gleich Sowjetmacht plus Elektrifizierung des Landes" fand besonders bei den Proletariern und Bauern großen Anklang. Selbst heute, Jahre nach der Jahrtausendwende, halten viele seine Theorie noch für aktuell und glauben, dass er im Jahr 2000 Stalin endgültig an Einfluß überragen wird. Das kann allerdings erst die Geschichte zeigen.

Stalin konnte Lenin nicht selbst in die Konzentrationslager stecken, die er nach dem Sieg der Revolution errichtet hat, auch wenn er das gern tun würde. Aber Lenin hat ein zu großes Ansehen im Ausland. Deshalb ging Stalin anders vor. Wenn er auch Lenin nicht gefangennehmen konnte, so gelang es ihm doch, dass Lenin nicht verhindern konnte, dass er, Stalin, Lenins engste Kampfgefährten ins Konzentrationslager steckte, wo die meisten umkamen. Hätte Lenin nicht Stalin fälschlicherweise vertraut, wäre Stalin wahrscheinlich selbst in eins seiner Lager gekommen. So aber konnte Stalin die Sowjetmacht an sich reißen, während alle seine Feinde vor der charismatischen Erscheinung des Pfeife rauchenden Georgiers erstarrten und vor seinen Repressalien nicht fliehen konnten. Nur der Überfall Hitlers auf die Sowjetunion verhinderte, dass Stalin alle Leninisten ins Lager stecken und den Kommunismus vollständig zu einer Lagerangelegenheit machen konnte.

Denn Stalin ist ein undurchschaubarer Mann, ein Georgier, der vielleicht im Grunde seines Herzens nur den georgischen Tee von den Südhängen des Großen Kaukasus für Wert hält, die Zeiten zu überdauern. Vieles deutet darauf hin, dass er den Kommunismus am liebsten nur zum Morgenappell im Konzentrationslager hätte stattfinden lassen, sozusagen bei der gemeinschaftlichen Auspeitschung der Häftlinge, die Kameradendiebstahl begangen und damit das Privateigentum zementieren wollten. Denn darin ist der Georgier hart und es heißt, dass nicht einmal die Pfeife, aus der er den geheimnisvollen kaukasisch-georgischen Tabak raucht, sein privates Eigentum ist, höchstens sein persönliches. Diese kaukasisch-georgisch-spartanische Härte wird ihm im Jahr 2000 einen insgesamt erheblichen Stimmenanteil sichern.

So wie sich Lenin in Stalin täuschte, so täuschte sich Stalin in Hitler (der sich wiederum selber täuschte). Denn Stalin dachte, Hitler gehe es um Polen und er wolle verhindern, dass Polen im Jahr 2000 einen zu großen Einfluß erringen könnte. Doch um was es Hitler wirklich ging, kann wahrscheinlich nur die Geschichte zeigen. Jedenfalls staunte er nicht schlecht, als er sah, dass Stalin unabhängig von ihm und doch ziemlich zur selben Zeit auch Konzentrationslager errichtet hat. (So etwas passiert in der Geschichte oft, man denke nur an die Entdeckung der Infinitesimalrechnung durch Leibniz und Newton.) Natürlich fraß in Hitler der Neid auf Stalins Konzentrationslager, die an Erbärmlichkeit nicht zu überbieten waren. Das war auch der Grund, warum Hitler so wütend war, als die 6. Armee kapitulierte, er gönnte Stalin seine Soldaten nicht als Gefangene in dessen Lagern.

Sie alle haben sich natürlich in Jesus getäuscht, der die ganze Zeit nicht in der Öffentlichkeit erschienen war. Jesus hatte keine Revolution angezettelt, hatte nicht Polen besetzt, auch keinen Krieg geführt, und seine letzte Predigt zu einem Morgenappell lag auch schon länger zurück. Da kam er im Jahr 2000 plötzlich wieder auf die Bühne und bekam auf Anhieb den größten Einfluß. Allerdings in der Sowjetunion, das macht die Sache erst delikat. Nicht etwa im Vatikan, wo sie über viele Jahrhunderte in seinem Namen gesprochen hatten, weil sie ihn für tot hielten. Und auch nicht in Israel, wo sie ihn für tot hielten, nachdem sie ihn gekreuzigt hatten. Und auch nicht in Lateinamerika, wo sie ihn endgültig für tot hielten, als sie Che Guevara erwischt hatten.

Nein, er hat seinen größten Einfluß in der Sowjetunion, in dem Land, das er wahrscheinlich selbst am meisten hasst, wegen dem irrationalen Charakter der russischen Seele und wegen der Trunksucht, die damit in einem mysteriösen Zusammenhang steht. Denn nicht einmal Lenin hat es bis jetzt geschafft, aus Russland eine Sowjetunion zu machen; und er wird es auch nicht mehr schaffen. Das zeigt schon die Tatsache, dass es die Sowjetunion nicht mehr gibt und Lenin im Mausoleum in vornehmer Gefangenschaft gehalten wird, außerhalb der Mauern des Kreml. Lenin sah sich selbst als einen Atheisten, doch darin täuschte er sich ebenso, wie er in Stalin einen Gefährten gesehen hatte. Ein russischer Atheist - das ist in Wahrheit der orthodoxeste aller Strenggläubigen. Vielleicht hat Jesus das nicht vergessen, als er die ganze Zeit nicht in der Öffentlichkeit erschien und sich auch nicht an Meinungsumfragen beteiligte, als Gemeinter selbstverständlich. 'Denn wie auch immer sie in Russland über mich gedacht haben', denkt Jesus, 'sie haben mich niemals verraten.'

Jesus' Verhältnis zu Lenin war ähnlich dem Lenins zu Jesus. Das klingt paradox, und das ist es ja auch, weil alle russischen Verhältnisse von unbegreiflicher Irrationalität durchdrungen sind. Nichts gründet sich auf den gesunden Menschenverstand, alle Rechnungen und alle Berechenbarkeit werden zur aberwitzigen Komödie. Menschenleben zählen nicht, in Meinungsumfragen tauchen 177% abgegebene Stimmen auf. Es ist nicht einmal die Tatsache, dass die Prozentrechnung in Russland den Wert von 100 ignoriert. Das lässt sich immerhin noch damit begründen, dass hier die 100 als Maß für die Wodkagläser benutzt wird, dem einzigen festen Maß, auf dem die Gesellschaft gegründet ist. Es ist vielmehr die eigentümliche Tatsache, dass es genau 177 sind, deren Ursache man auch im Jahr 2000 nicht kennen wird.

Sacharow und Gorbatschow gehören zu einer jüngeren Generation als Lenin und Jesus und auch Stalin. Sie reichen an diese nicht heran, auch wenn Sacharow mehr Einfluß hat als Lenin, und Gorbatschow mehr als Stalin. Wenn ein Vergleich erlaubt sei, dann ist Gorbatschow so etwas wie der Samariter, der Sacharow aus dem Dreck aufhebt, nachdem ihn der Pope und der Jude haben liegen gelassen. Stalin selber hatte Sacharow ins Lager gesteckt und Lenin hat nichts dagegen unternommen. Aus welchem Grund er stillhielt, das weiß vielleicht nur Jesus, der ihn am besten kennt.

Oder - ein anderer Vergleich - Gorbatschow ist eine Art Hauptmann von Kapernaum. Auch Sacharow ist eine Art Hauptmann von Kapernaum, aber beide können es nicht gleichzeitig sein, deshalb kämpfen sie auch um ihren Einfluß. Aber dieser Kampf ist im Grunde irrational, und sie hätten ebensogut die Stimmen umgekehrt erhalten können. Auch der Kampf der Arbeiterklasse war irrational, obwohl sie überhaupt keinen Einfluß mehr hat. Sacharows Ansehen resultiert aus dem Ansehen, das alle Wissenschaftler in Russland genießen, es hätte deshalb auch Ziolkowski oder Lomonossow treffen können, die Stalin auch ins Lager stecken wollte. Oder auch Puschkin wegen des Ansehens der russischen Dichter. Puschkin wurde bekanntlich in einer Kommandosache von einem als Duellant getarnten KGB Mann um die Ecke gebracht, der danach natürlich selber um die Ecke gebracht wurde.

Gorbatschows Einfluß ist nur deshalb vergleichsweise gering, weil er nicht wirklich echt russisch ist. Er führte seinen Feldzug nicht gegen Hitler, sondern gegen die Trunksucht. Er würde niemals zu einer Figur in einem Roman von Dostojewski werden können, wohl aber zu einer in einem Stück von Tschechow, eine Art Onkel Wanja der Antialkoholismuskampagne. Gorbatschow hat sich zu wenig Gedanken darüber gemacht, wo Jesus steckt. Doch der Gerechtigkeit halber muss man sagen, dass Lenin dafür im Mausoleum auch mehr Muße hat, obwohl es nur ein paar Schritte von Gorbatschows Arbeitszimmer im Kreml entfernt ist.

Sacharow dagegen sitzt in Sibirien, weit weg von Moskau. Selbst die Entfernungsverhältnisse sind nur ein Teil der irrationalen Verhältnisse in Russland. Um die Vergleiche abzuschließen: Wenn Jesus er selbst ist, dann sind Gorbatschow und Sacharow beide seine Lieblingsjünger, unreif und verblendet zwar, doch auf dem richtigen Weg. Lenin ist einer der Evangelisten (wer die anderen sind, wird die Geschichte zeigen). Und Stalin? Stalin ist vielleicht Petrus. Auch er hat Jesus verleugnet, aber nicht verraten. In manchen Nächten zieht der Georgier ins Gebirge, erklimmt die Felsenwände des Kaukasus und besucht Prometheus, der dort angekettet ist. Er versucht längst nicht mehr, Prometheus zu überreden, seinen Platz gegen den in einem Konzentrationslager zu tauschen, wo es immerhin Gesprächspartner gäbe. Prometheus leidet an ewiger Leberzirrhose, ein schlechter Scherz eines russischen Obergottes, die Prognose ist schlecht, aber die Leber wächst immer wieder nach.


 

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