Edition Gothaer Hefte  



Jelena Oberpart : Iphigenie  

Zwei epische Szenen
 


Das Sommerhaus der Königsfamilie. Weißer, heller, Schatten spendender Raum. An den Seiten große offene Fensterbögen, durch die der Blick auf eine sonnenüberflutete Landschaft fällt. Sparsame und anmutige Einrichtung. NIKOSTRATOS und TIMEAS am Eingang. Die DIENERIN tritt ihnen entgegen.

DIENERIN: Was wünschen Sie?

NIKOSTRATOS: Ich möchte zur Herrin des Hauses.

DIENERIN: Worum handelt es sich?

NIKOSTRATOS: Ich komme von hier, aus Lyrcea, ich möchte ...

TIMEAS: Sie ist bestimmt dort drüben.

NIKOSTRATOS: Wirst du still sein und stehenbleiben. Es geht um meinen Sohn Timeas und um das hier. Er deutet auf ein zusammengefaltetes Tuch, das er bei sich hat.

DIENERIN: Ich werde meiner Herrin Bescheid geben, wartet hier.

TIMEAS: Eben hat sie noch Sie zu uns gesagt.

NIKOSTRATOS: Ich bitte dich, verhalte dich ruhig und rede nur, wenn du gefragt wirst.

TIMEAS: Ja Vater. Schau mal, da drüben die Vase, die sieht genauso aus wie ...

NIKOSTRATOS: Wirst du wohl hierbleiben!

KLYTAIMESTRA: Seid gegrüßt, Besucher meines Hauses.

NIKOSTRATOS: Klytaimestra, ähm, Verehrteste ...

KLYTAIMESTRA: Lassen Sie das, so war es schon richtig. Aber sagen Sie mir, wer Sie sind und was Sie herführt. Und dies ist?

TIMEAS: Ich bin Timeas. Und das ist mein Vater Nikostratos. Oh, Verzeihung.

NIKOSTRATOS: Ich bin ... wir sind hier, um Ihnen dieses Tuch zurückzubringen.

KLYTAIMESTRA: Mein Tuch? Ah, das ist Iphigenies Tuch.

TIMEAS: Ja.

NIKOSTRATOS: Es ist gewaschen.

Klytaimestra schnuppert daran: Gewaschen und ...

NIKOSTRATOS: Das ist etwas Blütenessenz, von unserer Nachbarsfrau, sie ist Wäscherin.

KLYTAIMESTRA: Ja, aber sagen Sie, was hat es mit diesem Tuch auf sich, daß Sie es so sorgfältig behandeln und extra zu uns hier hinaus kommen, um es zurückzugeben.

TIMEAS: Ach, wir wohnen gar nicht so weit entfernt, hinter dem Setakes Hügel ist unser Haus, man kann sogar ein paar Dächer von hier aus sehen.

KLYTAIMESTRA: In Lyrcea? Wo auch dieser Seemann seinen Weinberg hat?

NIKOSTRATOS: Molossos? Ja, richtig. Er fährt schon seit Jahren nicht mehr zur See.

KLYTAIMESTRA: Ich weiß, aber ich kenne seinen Namen, weil ihn mein Mann früher erwähnt hat, er hielt große Stücke auf seine seemännischen Fähigkeiten.

NIKOSTRATOS: Ja, und nun rühmt man ihn wegen seines Weines.

KLYTAIMESTRA: Nun, den habe ich noch nicht probiert.

TIMEAS: Wir können Ihnen mal einen Schlauch vorbeibringen. Oder auch mehr, wenn Sie wünschen.

KLYTAIMESTRA: Vielen Dank, ich trinke keinen Wein. Obwohl der des Molossos wirklich hervorragend sein soll. Aber wenn ich es recht bedenke, bin ich ja auch nie auf seinem Schiff gefahren, als er noch Seemann war.

NIKOSTRATOS: Und was das Tuch betrifft, Iphigenie hatte es meinem Sohn Timeas freundlicherweise geborgt.

KLYTAIMESTRA: Meine Tochter hat es ihm selbst gegeben?

NIKOSTRATOS: Es war vorgestern, als uns alle das fürchterliche Unwetter überrascht hat.

KLYTAIMESTRA: Oh ja, denken Sie nur, das Zimmer auf der Südseite stand völlig unter Wasser, also knöcheltief. Es kam dort in Bächen vom Abhang herunter, das hatten wir noch nie zuvor. Und in Lyrcea hat, wie ich hörte, der Blitz eingeschlagen?

NIKOSTRATOS: Ja, er hat eine der alten Pinien gefällt, sie ist auf den Dionysos-Tempel gestürzt.

KLYTAIMESTRA: Auf den am Gelben Garten?

NIKOSTRATOS: Nein, auf den alten am Markt, glücklicherweise; und es sind auch keine Menschen zu Schaden gekommen, nur ein Opferlamm hat es getroffen, das dort angebunden war.

TIMEAS: Einer der Dachbalken ist heruntergekracht und hat es erschlagen. Aber meinen Rindern ist nichts passiert.

KLYTAIMESTRA: Deine Rinder? Im Tempel?

NIKOSTRATOS: Nein, nein, sie sind auf dem Grasland oben bei den Höhlen. Das ist so: Timeas hilft den Viehzüchtern beim Weiden der Rinder, er verdient sich etwas nebenbei oder erhält mal ein gutes Stück Fleisch oder etwas Käse von den Ziegenhirten.

KLYTAIMESTRA: Das er dann mit nach Hause bringt.

NIKOSTRATOS: Ja, sozusagen. Vorgestern war er auch draußen, als das Gewitter losging.

KLYTAIMESTRA: Und was hast du unternommen? Du konntest die Tiere doch nicht so schnell in Sicherheit bringen.

TIMEAS: Musste ich aber.

NIKOSTRATOS: Es hätte dumm ausgehen können.

TIMEAS: Wieso? Ich habe das schon mal erlebt, und da war auch nichts passiert, ich weiß genau, was ich zu tun habe.

KLYTAIMESTRA: Zweifeln Sie daran, Nikostratos?

NIKOSTRATOS: Kein bisschen. Aber die Lage war zusätzlich erschwert dadurch, daß Timeas sich nicht in unmittelbarer Nähe der Rinder befand.

TIMEAS: Es sind nur höchstens hundert Schritte bis zur Höhle.

KLYTAIMESTRA: Du bist vor dem Unwetter in die Höhle geflüchtet?

TIMEAS: Im Gegenteil, ich habe die Höhle verlassen.

KLYTAIMESTRA: Das verstehe ich nicht.

NIKOSTRATOS: Nun ja. Iphigenie hat ...

TIMEAS: Ich musste die Rinder zusammentreiben, in den Graben hinein, da sind sie geschützt, da ist sogar ein Unterstand. Also musste ich raus in den strömenden Regen.

KLYTAIMESTRA: Strömend? Es war ein peitschender Regen. Und dann waren die Tropfen so groß, daß man würde von Steinen getroffen.

TIMEAS: Iphigenie, ich meine, Ihre Tochter hat mir ihr Tuch gegeben, damit ich es mir über Kopf und Schultern hängen kann.

KLYTAIMESTRA: Wo hat sie dir das Tuch gegeben?

TIMEAS: Na, oben ... in der Höhle.

KLYTAIMESTRA: Ha! Hast du sie vielleicht verwechselt mit einem anderen Mädchen? Ach was, nein, es ist ja tatsächlich ihr Tuch.

TIMEAS: Glauben Sie, man könnte Iphigenie mit jemand anderem verwechseln?

KLYTAIMESTRA: Nein. Da hast du Recht, das ist schwerlich möglich. Also wart ihr zusammen da in der Höhle?

NIKOSTRATOS: Timeas ist nämlich nicht nur ein fähiger Rinderhirte, sondern auch bewandert in der Gesteinskunde.

KLYTAIMESTRA: In der Gesteinskunde?

TIMEAS: Wussten Sie, daß man in der Höhle Steine mit grünen Kristallen finden kann? Man nennt sie "Augen der Phykopis", das ist eine göttliche Katze, die gibt es sonst nur in Lydien.

KLYTAIMESTRA: Die Katze?

TIMEAS: Sie wissen schon, die Kristalle. Mein Vater sagt, daß man sie in Lydien für königlichen Schmuck verwendet hat, sie sind sehr kostbar, ein einziger solcher grüner Kristall ist soviel wert wie eine ganze Schale aus Gold.

KLYTAIMESTRA: Das klingt sehr bedeutsam. Aber ich kann kaum glauben, daß das Iphigenie beeindruckt, sie macht sich so gar nichts aus Schmuck von Gold und Edelstein.

TIMEAS: Das ist wahr, und das schätze ich an ihr.

KLYTAIMESTRA: So, das schätzt du an ihr?

TIMEAS: Mich faszinieren die Steine auch nicht wegen ihres Wertes, den man in Gold aufwiegen könnte, sondern wegen ihrer Schönheit und wegen ihres verlockenden Reizes, den sie haben, obwohl sie tief in der Erde vergraben sind, doch eigentlich im Dreck liegen.

KLYTAIMESTRA: Bei den Göttern, Nikostratos, Ihr Sohn ist ja ein wahrer Philosoph.

NIKOSTRATOS: Nun, ich weiß nicht recht, von mir hat er das nicht. Aber ich muss zugeben, manches von dem, was er so redet, gefällt mir.

KLYTAIMESTRA: Und wahrscheinlich auch Iphigenien. Da habt ihr also gemeinsam in der Höhle nach dem grünen Kristall gesucht?

TIMEAS schon ein wenig gelangweilt vom Herumstehen: Hm.

KLYTAIMESTRA: Und dann kam das Unwetter.

TIMEAS: Hm.

KLYTAIMESTRA: Es hat euch sicher überrascht.

TIMEAS: Na ja, so so. Es kam von Osten, die Richtung kann man nicht überblicken von der Höhle aus.

KLYTAIMESTRA: Hat dir das Tuch wenigstens etwas genützt?

TIMEAS: Oh ja, ich glaube, die Rinder haben mich besser gesehen.

NIKOSTRATOS: Im Vertrauen gesagt, er hat es sogar selbst gewaschen und hat sich von der Nachbarin ...

TIMEAS: Vater, das gehört doch nicht zur Sache.

NIKOSTRATOS: Ich hielt es für besser, wenn wir es gleich wieder zurückbringen, damit Sie, Klytaimestra, womöglich nichts Falsches denken.

KLYTAIMESTRA: Was meinen Sie?

NIKOSTRATOS: Nun, daß das Tuch vielleicht gestohlen worden sei.

KLYTAIMESTRA: Aber da brauche ich doch nur Iphigenie selber zu fragen, sie hat keine Geheimnisse vor mir und warum sollte sie etwas erfinden.

NIKOSTRATOS: Oder, daß wir, ich meine, Timeas das Tuch behalten wollte.

TIMEAS: Ich hätte es ihr auch gleich zurückgeben. Natürlich bin ich, nachdem die Rinder im Graben waren, sofort wieder hoch zur Höhle, das Gewitter hatte sich verzogen und der Regen nachgelassen. Ich habe Iphigenie ein Stück hierher begleitet, aber sie hat dann gesagt, ich sollte besser selbst erst nach Hause eilen, weil ich völlig durchnässt war, und da haben wir beide nicht an das Tuch gedacht.

KLYTAIMESTRA: Also kein Grund zur Beunruhigung. Weißt du was, Timeas? Ich denke, du gibst ihr selbst das Tuch, sie ist ... Asteria! Wo ist Iphigenie? Wahrscheinlich ist sie im Garten, ihre Literaturstunde ist gerade zu Ende. Geh' gleich dort entlang, du siehst schon die Terrasse. Timeas geht. Klytaimestra reicht ihm das Tuch nach. Timeas, das Tuch. Und Sie, Nikostratos, seien Sie noch einen Augenblick mein Gast, wenn es Ihre Geschäfte erlauben.

NIKOSTRATOS: Verehrteste, ich weiß nicht, ob es mir zusteht, noch länger im königlichen Haus mich aufzuhalten. Ich habe meiner väterlichen Pflicht Genüge getan, und Timeas findet allein den Weg zurück.

KLYTAIMESTRA: Das will ich meinen. Jedoch bedarf es, damit er nach Hause kommt, vielleicht erst eines neuen Unwetters.

NIKOSTRATOS: Sie haben Recht, ich bin unverschämt, ich werde ihn gleich wieder mitnehmen.

KLYTAIMESTRA: Das war ein Scherz, Nikostratos. Von mir aus kann er so lange hierbleiben, wie es ihm gefällt.

NIKOSTRATOS: Und wie es Iphigenie gefällt.

KLYTAIMESTRA: Das stimmt. Daher halte ich es für angebracht, wenn Sie mir etwas Näheres ... ich meine, Sie wissen doch bestimmt schon länger, daß die beiden ...

NIKOSTRATOS: Oh, ich glaube, da kann ich Sie nicht zufriedenstellen, auch ich habe davon erst kürzlich erfahren.

KLYTAIMESTRA: Nun kommen Sie mit herein. Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?

NIKOSTRATOS: Etwas Erfrischendes vielleicht, es ist schon wieder heiß geworden an diesem Morgen.

KLYTAIMESTRA: Asteria, bringe uns einen Krug Zitronenwasser. Ja, Helios brennt unbarmherzig vom Himmel herab; die Trockenheit macht den Bauern in Lyrcea zu schaffen?

NIKOSTRATOS: Es ist nur halb so schlimm wie sie klagen. Die Brunnen sind noch voll, und das Weidegras steht saftig. Hier ist es auch angenehm kühl, sollte man nicht meinen, hier oben auf dem Hügel.

KLYTAIMESTRA: Das macht der leichte Wind, der von Südost kommt.

NIKOSTRATOS: Vom Meere wohl.

KLYTAIMESTRA: Ja, kann sein. Und das Haus ist so klug gebaut, daß er ungehindert durch die Räume streichen kann. Dagegen liegt der Garten meistens in der prallen Sonne.

NIKOSTRATOS: Zur Freude Ihrer Tochter.

KLYTAIMESTRA: Nun ja, sie sitzt im Schatten, sonst würde sie es wohl auch nicht lange aushalten. Ihr Lieblingsplatz ist weiter unten bei den Olivenbäumen. Streng genommen gehören die nicht zu unserem Grundstück, aber es ist ein verwilderter Fleck; wissen Sie, Nikostratos, wem dieser Olivenhain eigentlich gehört?

NIKOSTRATOS: Keine Ahnung. Nein.

KLYTAIMESTRA: Agamemnon sagt, manche der Bäume wären über dreihundert Jahre alt.

NIKOSTRATOS: Das ist gut möglich. Ich hatte selbst einen hinterm Haus stehen, der so alt war. Aber er ist morsch geworden, ich glaube, ein Pilz oder ein Käfer hatte ihn befallen, und ich musste ihn fällen. Allerdings von dem Öl habe ich etwas aufbewahrt, schätze, man kann es nicht mehr genießen, aber wer weiß, wozu es noch gut ist. Und Olivenkerne habe ich jede Menge, vielleicht gebe ich sie irgendwann in die Erde, wenn ich eine günstige Stelle gefunden habe.

KLYTAIMESTRA: Wie Sie so reden, scheint mir, daß Timeas Ihnen ähnlicher ist, als Sie selbst meinen. Er hat die Steine, Sie die Olivenkerne.

NIKOSTRATOS: Ja, mag sein.

KLYTAIMESTRA: Trinken wir. Darauf, daß unsere Kinder ein Unwetter glücklich überstanden haben.

NIKOSTRATOS: Es wird das letzte nicht gewesen sein. Sie wohnen den ganzen Sommer über hier auf dem Lande, Klytaimestra? Oh, es geht mich natürlich nichts an, ich wollte keineswegs ...

KLYTAIMESTRA: Das macht nichts. Fragen Sie nur. Es sieht sowieso jeder, und es ist auch nichts Besonderes dabei.

NIKOSTRATOS: Nein. Die Leute in Lyrcea und in den anderen Orten leben ja auch gern hier, man schätzt dieses Stück Erde sehr und dankt den Göttern dafür, daß man hier geboren ist. Und wenn man ein so prächtiges Landhaus besitzt, sollte man es auch nutzen.

KLYTAIMESTRA: Es ist nicht so, daß unsere Burg in Mykene verwaist wäre, sie steht unter der Führung des Glaukos, und er erfüllt seine Aufgabe tadellos, ich kann mich völlig auf ihn verlassen, er genießt mein vollstes Vertrauen. Möchten Sie noch etwas trinken?

NIKOSTRATOS: Das ist bewundernswert, wenn man bedenkt, daß er eigentlich ein Dichter ist.

KLYTAIMESTRA: Woher wissen Sie das, Nikostratos?

NIKOSTRATOS: Das weiß eigentlich jeder.

KLYTAIMESTRA: Ach so? Und daß Glaukos, bevor er Dichter wurde, ein Ingenieur war, das weiß man auch?

NIKOSTRATOS: Das ist den Wenigsten bekannt. Aber womöglich liegt das daran, weil seine Ingenieurswerke weniger Beifall gefunden haben als seine dichterischen. Ich persönlich kann leider weder die einen noch die anderen beurteilen. Jedenfalls ist der König anscheinend glücklich über die Verbindung mancherlei Fähigkeiten in Glaukos' Person.

KLYTAIMESTRA: Das ist er in der Tat, und es sind mehr als Fähigkeiten, die Glaukos besitzt, es sind Tugenden.

NIKOSTRATOS: Das freut mich.

KLYTAIMESTRA: Bitte?

NIKOSTRATOS: Oh, ich meine, sind solche Menschen, welche die oft dumpfen und primitiven Arbeiten, zu denen sie das Leben nötigt, mit Verstand, Geschick und Umsicht meistern, und darüber hinaus auch noch die Muße haben, über sich und das Leben eigene Gedanken zu bilden und in schöne Worte zu fassen, sind solche Menschen nicht selten geworden?

Heutzutage wird oft der Lohn für Arbeit nur nach deren Wert gemessen, und andererseits, und was viel bedauerlicher ist, der Wert der Arbeit nur nach dem Lohn, den man für sie verlangen kann. Kaum einer leistet noch etwas, ohne von vornherein sich der Gegenleistung zu vergewissern. Oder aber, weil naturgemäß nicht jeder dafür taugt, sich Reichtum und Verdienst zu erringen, so fällt er zurück und hinab auf die dunkle Seite des Lebens, bettelt um Almosen oder verfällt dem Trunk.

KLYTAIMESTRA: Das Bild, das sie da zeichnen, Nikostratos, deckt sich gar nicht mit dem des Lobes, das Sie eben noch über dieses Land und seine Bewohner spendeten.

NIKOSTRATOS: Nicht über dieses Land, Klytaimestra, sondern über diese Landschaft. Schauen Sie genau hin, dann sehen Sie, daß immer mehr Bauern hier ihre Felder aufgeben, immer mehr Viehhirten ihre Herden verkaufen und nach den Städten ziehen, weil sie hoffen, dort besser leben zu können und sogar zu Wohlstand zu kommen. Wächst nicht Mykene Tag für Tag um etliche Einwohner an? Verbreitern sich nicht jede Woche die Märkte, eröffnen nicht ständig neue Handwerker ihre Werkstätten in den Straßen und Gassen?

KLYTAIMESTRA: Allerdings, so ist es. Und das finden Sie bedauerlich? Ist es nicht besser, wenn es von zehn Menschen dreien gut geht, als wenn es allen zehn schlecht ginge?

NIKOSTRATOS: Ich kann die Leute, die in die Stadt ziehen, nicht aufhalten, und ich will es auch nicht. Ich versuche, mein und meines Sohnes Gedeihen hier zu finden, das heißt, solange Timeas noch in meinem Hause wohnt.

KLYTAIMESTRA: Na, das dürfte ja noch eine gute Weile sein.

NIKOSTRATOS: Sagen Sie das nicht so leichtfertig. Einer seiner Kameraden, im selben Alter, ist vor zwei Wochen von zu Hause fortgelaufen.

KLYTAIMESTRA: Zu uns nach Mykene?

NIKOSTRATOS: Nein, man sagt, er wäre nach Aulis gegangen.

KLYTAIMESTRA: Nach Aulis? Zum Heer der Griechen?

NIKOSTRATOS: Ja. Denn das erwähnte ich vorhin nicht: viele auch suchen ihr Glück und Heil im Krieg. Die Unternehmung ist ebenso leicht zu bewerkstelligen wie sie erfolgversprechend ist. Auf einmal ist man jede Verpflichtung los; keine Sorge bedrückt einen mehr, auch nicht die, wie man am nächsten Tag seinen Hunger stillen werde. Und dazu kommt die Aussicht auf Beute und auf Ruhm, was will man mehr? Und was kann man mehr, wenn man jung ist?

KLYTAIMESTRA: Agamemnon würde niemals Kinder im Heer dulden, selbst wenn sie wünschten, aufgenommen zu werden.

NIKOSTRATOS: Zweifellos, der König und Anführer der Griechen ist über jede Anfechtung seines Ethos erhaben.

KLYTAIMESTRA: Sie sagen das so ... so offiziell. Ich kenne Agamemnon natürlich besser als jeder andere, ich kenne ihn als Mensch, und ich sage, er ist ein guter Mensch. Dieser Krieg und das Oberkommando, das ihm die Völker von Hellas übertragen haben, ist bestimmt die schwerste Bürde und Prüfung, die ihm je auferlegt wurde.

NIKOSTRATOS: Nichts ist so schwer, daß es nicht noch beschwerlicher werden könnte. Und selbst wenn Agamemnon verbietet, Kinder im Heer zuzulassen, ein einzelner hat nicht den Überblick über diese unvorstellbar große Zahl von Kriegern, die in Aulis versammelt sind.

Den allermeisten hat Agamemnon nie ins Angesicht geschaut, woher sollte er wissen, wie viele halbwüchsige Knaben unter ihnen sind. Ein jeder von ihnen brennt darauf, Trojas Mauern zu stürmen, ein jeder fühlt sich als Held und handelt so; was für eine Rolle spielt das Alter, wenn man die Gelegenheit hat, einen Feind zu bezwingen?

KLYTAIMESTRA: Aber die Lieben zu Hause verlassen ohne ein Wort? Kann man das mit jugendlichem Übermut oder Leichtsinn entschuldigen, oder auch nur begreifen?

NIKOSTRATOS: Ich weiß nicht. Ich denke, Klytaimestra, Sie haben selbst schon darüber nachgedacht ...

KLYTAIMESTRA: Worüber?

NIKOSTRATOS: Über das, was man Familie nennt und über jenes eigenartige, mysteriöse und oftmals dem Verständnis so ganz sich entziehende Geflecht, das zwischen den Menschen, die ihr angehören, gewebt ist.

KLYTAIMESTRA: Oh ja, da treffen Sie einen empfindlichen Nerv an mir. Ich nehme an, Sie kennen meine Herkunft, Nikostratos?

NIKOSTRATOS: Klytaimestra, die Tochter des Tyndareos und der Leda, das weiß die Welt.

KLYTAIMESTRA: Mein Vater hat viel Mühe und Vorsicht und vor allem unnachgiebige Strenge darauf verwendet, uns, ich meine mich und meine Schwestern, in, wie es heißt, in wohlbehütete Häuser zu geben, als Frauen und Gemahlinnen von Männern, die mit uns zufrieden sind, uns und unserer Kinder ernähren, und niemals vergessen, daß wir als Frauen mit Würde und Stolz an ihrer Seite stehen.

NIKOSTRATOS: Mit anderen Worten, jede der Töchter des Tyndareos ist ein, kann man sagen: göttliches Geschenk? für einen Mann, der ihr erst einmal gewachsen sein muss.

KLYTAIMESTRA: Das sollten Sie Agamemnon nicht hören lassen.

NIKOSTRATOS: Er hört es ja auch gerade nicht.

KLYTAIMESTRA: Aber im Grunde stimmt es wohl. Ich selbst habe die Ansichten meines Vaters, nun ja, für ziemlich verschroben gehalten. Heute leben die Frauen viel freier und entscheiden viel mehr selbst über ihr Leben; aber auch zu meiner Zeit, ich meine, in meiner Kindheit und als ich erwachsen wurde, war ich der Überzeugung, ich sollte mir meinen Mann selbst aussuchen.

Das habe ich auch getan, ob es mein Vater nun erfahren hat oder nicht; und ich muss sagen, die Sucherei hat mich manchmal an den Rand der Erschöpfung gebracht. Oh, ich glaube, ich werde schwatzhaft, oder gar ungenierlich. Schließlich kennen wir uns ja so gut wie nicht.

NIKOSTRATOS: Ich denke, ich bin nicht hier, um Dinge über Sie zu erfahren, Klytaimestra, die Sie in ein schlechtes Licht stellen könnten. Und ich bin sicher, daß es solche Dinge auch niemals zu erfahren gäbe.

KLYTAIMESTRA: Da haben Sie auch wieder Recht. Was für ein Menschenkenner Sie sind, Nikostratos. Gewiss, mein Papa wollte immer nur das Beste für mich und meine Schwestern, aber was die Eltern für das Beste halten ist oft der Kinder Graus.

Ich weiß gar nicht, warum die Eltern stets auf ihre Weisheit in Fragen der Erziehung ihrer Kinder vertrauen, obwohl diese sie so verabscheuen. Ich kenne aus meiner eigenen Verwandtschaft und unter den Bekannten nur ganz wenige Familien, wo die Kinder ihre Eltern um Rat fragen und sich in den Angelegenheiten des eigenen Lebens von der Meinung der Eltern oder sogar von deren Vorbild leiten lassen.

Jedenfalls, Ihnen kann ich es ja sagen, fand ich meine Eltern schrecklich. Das Dumme war nur, dass, um mich gegen sie abzugrenzen, mein ganzes Handeln nur darauf gerichtet war, dem Willen meines Vaters zuwiderzulaufen, und dadurch eigentlich weniger dem entsprach, was ich für mich selbst erreichen wollte.

Verstehen Sie, Nikostratos, das ist, wie wenn man eine Straße rückwärts baut. Man will nur demonstrieren, wie selbstbewusst man ist, und daß man den eigenen Weg eingeschlagen hat, der ach so deutlich von dem abweicht, den die Alten für einen vorgezeichnet hatten. Aber in Wirklichkeit versäumt man darüber, nach vorn zu blicken, in die Zukunft.

Man ist nur mit alten, uralten, urururalten ungelösten Problemen befasst, die sich anscheinend in den Eltern personifizieren und manifestieren, und man findet nicht Gelegenheit, Neues und Unbekanntes für sich zu entdecken und auszuprobieren. Nun ja, ich spreche nur von mir, und rede doch in der allgemeinen Form, einem jeden anderen ergeht es wahrscheinlich anders.

NIKOSTRATOS: Ihrer Schwester zum Beispiel.

KLYTAIMESTRA: Helena? Bei den Göttern, Nikostratos, ich wollte nicht über sie reden.

NIKOSTRATOS: Sie müssen es nicht tun, Klytaimestra, und schon gar nicht zu mir.

KLYTAIMESTRA: Vielleicht doch gerade zu Ihnen, denn Sie haben mit alledem nichts zu tun. Wollen Sie jetzt hören, daß ich sage: Helena wäre an dem ganzen Unglück schuld, das gegenwärtig auf uns lastet? Das ist es doch, was alle denken.

NIKOSTRATOS: Ich würde mich nie unterstehen das zu behaupten; tatsächlich geht mich das auch nichts an. Ich kämpfe in keinem Krieg, gegen niemanden. Ich denke, an einem so großen Unglück, in das ganze Völker hineinverwickelt werden, ist niemals nur eine einzige Person schuld. Wie war sie denn früher?

KLYTAIMESTRA: Helena? Genauso. Sie war schon immer so. Eine Prinzessin - und ein Luder. Oh, Verzeihung, Nikostratos. Das bleibt doch alles unter uns. Sie war natürlich ein liebes Mädchen, sie konnte unendlich brav sein, so brav, daß sie damit auch nur den geringsten Anflug von Misstrauen oder gar Zorn gegen sie im Keime ersticken konnte.

Sogar der Neid auf sie, der uns andere befiel, verschwand vor ihrem Angesicht, spätestens vor ihrem Lächeln, wie Raureif im Sonnenschein. Und schön war sie, schön ist ist. Mich hat es nicht gewundert, daß die Göttin diesem Phrygierburschen ausgerechnet Helena versprach und keine andere; und schöne Mädchen gibt es in Hellas genug.

NIKOSTRATOS: Oh ja, wie wahr.

KLYTAIMESTRA: Nein, mich hat es nicht gewundert, aber eins können Sie mir glauben: darum habe ich sie auch nicht beneidet, damals nicht, und na ja, jetzt erst nicht. Freilich, anfangs verband uns gemeinsames Schicksal, wie es bei Geschwistern natürlicherweise der Fall ist. Nur meine Brüder machten da eine Ausnahme, aber die sind nun wieder ganz etwas Anderes.

Wir Mädchen hielten zusammen, und wenn ich vorhin so allgemein von allen sprach, dann hatte das vielleicht doch seine Berechtigung, denn Helena tat es mir gleich, oder ich ihr, wie auch immer, wenn es darum ging, uns unter keinen Umständen dem Willen der Eltern und besonders des Vaters zu beugen. Ha, wir haben sie sogar gegeneinander ausgespielt, die Alten, darin waren wir einfallsreich, raffiniert und manchmal auch skrupellos.

Nicht selten geschah es, daß wir mit unseren Theatervorstellungen, bei denen die so mühselig geplanten Erziehungsmaßnahmen der Eltern in einem heillosen Desaster endeten, unsere anderen Schwestern aufs Herrlichste unterhielten. Einmal, das weiß ich noch genau, applaudierte sogar Timandra der Helena bei einem besonders heftigen Wortgefecht, das sie sich mit der Mutter lieferte; das brachte der Ärmsten allerdings eine gehörige Bestrafung ein.

Was für eine schöne Zeit war das. Hören Sie, nun nehme ich alles zurück, was ich eben gesagt habe. daß da ein Missverhältnis bestanden hätte? Oder höchste Unzufriedenheit, gar Hass, Verzweiflung und Leid. Nein nein, es war so, und war doch nicht so.

NIKOSTRATOS: Ihr Vater hat jedenfalls, wie es scheint, seinen Willen schließlich durchgesetzt.

KLYTAIMESTRA: Für unseren Vater war alles viel komplizierter als für uns. Er musste allerdings auch den Überblick behalten. Wir Mädchen waren eine eingeschworene Truppe, wenn es darum ging, gegen die Eltern standzuhalten oder gegen sie aufzubegehren, aber jede von uns versuchte, für sich den größtmöglichen Vorteil zu gewinnen.

Und, stellen Sie sich das vor, Nikostratos, wie es auf uns wirkte, als unsere Brüder scheinbar mir nichts dir nichts völlig aus eigenem Entschluss handelten, sich nichts, von niemandem vorschreiben ließen, im Gegenteil selber bestimmten, was zu tun und was zu unterlassen sei. Ich hatte ja manchmal Angst, sie würden den Eltern selbst ein Leid antun.

NIKOSTRATOS: Aber ich bitte Sie, so weit wäre es doch nie gekommen.

KLYTAIMESTRA: So weit wäre es nicht gekommen, sagen Sie. Und schließen es damit doch nicht völlig aus. Ein Mädchen hat in der Familie ja oft doppelt zu leiden, oder, na ja, leiden ist vielleicht zu hart ausgedrückt.

Aber wenn ein älterer Bruder da ist, dann steht er immer zwischen dem Vater und der jüngeren Schwester, ob er sich nun von selbst dorthin stellt oder nicht. Er ist das verkleinerte Abbild des Vaters, und alles, was sich zwischen Vater und Tochter abspielt, das geht über seine Person.

Manchmal traute sich der Vater nicht, irgendeine seiner Erziehungsmaßnahmen seinen Töchtern direkt zu verabreichen, dann nahm er den Bruder als Mittler, oder als Vollstrecker, wenn ihm zu streng erschien, was er für nötig hielt. Und selbst wenn eine von uns sich ein Lob verdient hatte, ließ er es über den Bruder ausrichten.

Andererseits schickten wir Mädchen ihn immer nach vorn, wenn es darum ging, vom Vater eine Zustimmung zu erbetteln für eines unserer ausgefallenen Vorhaben; oder wenn eine von uns etwas angestellt hatte und es dem Vater beichten wollte, bevor er es aus anderem Munde erfahren würde. Alles das hatte der Bruder zu vermitteln.

NIKOSTRATOS: Sie haben zwei Brüder, Klytaimestra. Welcher übernahm diese Rolle? Oder taten sie's beide?

KLYTAIMESTRA: Das war eben das Gute daran, sie waren beide so perfekt, daß sie diese Spielchen mit links erledigten, sie hörten nicht einmal richtig zu, denn für sie war das alles belangloses Zeug, familiäre Nichtigkeiten, die man abstreift und hinwirft wie ein beschmutztes Kleidungsstück, das gewaschen werden muss.

Und sie hatten ja Recht, was für ein albernes Wirrwar: ein Vater gegen vier Mädchen, und dazu eine, nun ja, Frau und Mutter, die es verstand, sich alle Streitereien vom Hals zu schaffen. Darin ähnelten ihr wiederum die Söhne. Ja, perfekt, das sind sie bis heute, Kastor und Polydeukes.

Wenn man solche zu Brüdern hat, Nikostratos, weiß man nicht, ob man vor Traurigkeit verzweifeln sollte darüber, daß man selber nicht als einer von ihnen auf die Welt kam, oder ob man von unendlichem Stolz erfüllt sein möchte, daß sie das reinste der Bänder, welche die Natur knüpft, mit einem selbst unwiderruflich und ewig verbindet.

NIKOSTRATOS: Diesen Zwiespalt meinten Sie wohl, als Sie sagten, Sie hätten ebenso darunter gelitten, daß die Brüder in der Familie waren?

KLYTAIMESTRA: Nein, es war wirklich der falsche Ausdruck. Aber diese beiden waren Helden von Geburt an, und deshalb hielt es sie nicht lange im elterlichen Haus. Sie hätten eher in der Wildnis aufwachsen können, wo sie ihre Stärke und ihren Mut tagtäglich beweisen konnten, als in unserem Hause.

NIKOSTRATOS: Immerhin ein Königshaus.

KLYTAIMESTRA: Ja, aber sehr provinziell. Meines Vaters Königreich konnte man in drei Tagen mit dem Esel durchqueren. Sein Ruf war bedeutender als sein Land, und sein größter Besitz waren seine Gemahlin und seine Kinder.

Aber solche Söhne, solche Männer brauchen die Weite, das Meer, den Horizont, um ihn beständig vor sich her zu treiben; die wittern den Wind, der aus den entferntesten Gegenden herweht, und sie entnehmen ihm sogar die Kunde von dem, was dort gerade geschieht, sie hören überall und von überall her den Ruf, der ihnen gilt, der den Helden gilt, die zu Lebzeiten nichts anderes tun, als über die Erde zu brausen und große Taten zu vollbringen. So waren sie weg, noch bevor ihnen zu ersten Mal der Bart sprießte.

Kein Vater kann solche Söhne aufhalten, es sei denn mit Gewalt, und davor schreckte er verständlicherweise zurück. Tja, und wir, die Töchter, standen wieder direkt dem Vater gegenüber, der sich natürlich noch viel mehr abmühte, unseren Weg zu ebnen.

NIKOSTRATOS: Meinen Sie nicht, daß er aus seinem Verantwortungsgefühl heraus nach vorn blickte und Sie und Ihre Schwestern einfach nur in gesicherten Verhältnissen wissen wollte? Kann man ihm daraus einen Vorwurf machen?

KLYTAIMESTRA: Die Götter mögen mich davor bewahren, ihm einen Vorwurf zu machen. Heute weiß ich selbst zu gut, daß es das ist, was die Kinder oft missverstehen, wenn sich die Eltern um ihre Zukunft Gedanken machen.

NIKOSTRATOS: Weil kein Kind an morgen denkt, ein Gedanke daran ist viel zu abwegig in seinem gegenwärtigen Treiben, das ja ein Spiel ist, und jedes Spiel findet hier und jetzt statt, selbst sein Ausgang liegt immer so nahe, daß man nicht darauf warten oder ihn auf morgen verschieben muss.

Jedes Kind empfindet es als Zwang und Dummheit, wenn es auf Verhältnisse vorbereitet werden soll, in die es irgendwann eingebunden werde und die angeblich ach so andersartig sind als das, was man jetzt erlebt. Das ist irgendwie komisch: eine Kindheit hat man immer erst, wenn man erwachsen ist, wenn man alt wird. Sie kommt mit der Erinnerung.

KLYTAIMESTRA: Genauso ist es, Nikostratos. Und dann fängt man an, in das Leben der eigenen Kinder einzugreifen und daran herumzupfuschen, wie ein Gärtner, der einen Garten übernimmt, den er nicht selbst angelegt hat. An allem hat er etwas auszusetzen; dieser Strauch steht auf der falschen Seite, jener Baum ist zu hoch gewachsen, der Weg mitten durch die Wiese ergibt keinen Sinn, diese Blumen blühen zur falschen Zeit und so weiter und so fort.

Er glaubt, alles nach seinen Vorstellungen umwandeln zu können und hat ständig den phantastischen Anblick vor Augen, der sich ihm bieten wird, wenn alles nach seinem Plan vollbracht ist. Oh, wie klug durchdacht und wie beeindruckend wird es aussehen. Oh, was für prächtige Kinder werden das, wenn sie durch meine, durch unsere Schule gegangen sind, wenn sie alles artig befolgen, worin wir sie unterweisen.

NIKOSTRATOS: Und dabei, um im Bilde zu bleiben, gedeiht jeder Garten auf seine Weise. Schauen Sie den Olivenhain an, von dem Sie vorhin sprachen, und in dem Ihre Tochter sich so gern aufhält. Mancher fachkundige Landwirt würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn er sieht, wie heruntergekommen und verwildert er ist.

Und doch birgt er nicht nur edle Oliven in seinen Bäumen, sondern diese Bäume spenden überdies auch Schatten und bieten mindestens der Iphigenie einen Ort der Ruhe, der Besinnung und Muße. Vielleicht kann er dies nur deshalb leisten, weil so viele Jahre kein Mensch in sein stilles Dasein eingegriffen hat, und er nur dem Lauf der Natur und den Jahreszeiten folgte.

KLYTAIMESTRA: Ganz bestimmt ist es deswegen so; nur, ein Menschenkind wird niemals alleingelassen wie ein Baum, und es gibt immer jemanden, der sich darum kümmert. Natur und Menschengeist sind nun einmal nicht eins, was jene hervorbringt, kann dieser oft nicht verstehen; und was der Mensch ersinnt und schafft, das muss die Natur nicht dulden.

Genausogut könnten wir uns vollständig den Göttern unterwerfen. Wozu hat der Mensch überhaupt einen eigenen Willen, wenn die Götter sein Geschick lenken? Er könnte sich selbst und sein Leben ganz in ihre Hände legen; was würde geschehen?

NIKOSTRATOS: Er würde sterben. Die Götter sind keine Menschen, und ich glaube, es liegt ihnen gar nichts am Leben und Streben der Menschen. Sie mischen sich nur dann in ihre Angelegenheiten ein, wenn es um einzelne geht, Menschen, die ein außergewöhnliches Schicksal haben, im Guten wie im Schlechten.

KLYTAIMESTRA: Dann hat sich wohl bei mir noch kein Gott oder Göttin eingemischt.

NIKOSTRATOS: Wer weiß, manchmal bemerkt man es nicht.

KLYTAIMESTRA: Ich wüsste auch gar nicht zu sagen, ob mein Schicksal nun, wie Sie es nennen, zum Guten oder zum Schlechten hin sich neigte.

NIKOSTRATOS: Diese Ungewissheit ist immerhin selbst kein schlechtes Zeichen.

KLYTAIMESTRA: Ja, wir müssen ohnehin mit ihr leben, denn was immer die Götter mit uns vorhaben, sie verraten es uns nicht.

NIKOSTRATOS: Andererseits kann man sich noch so sehr bemühen, nach eigenem Willen zu entscheiden; alles, was man tut, wird letztlich doch von ihnen bestimmt.

KLYTAIMESTRA: Dann wäre auch meines Vaters wohlweisliche Entscheidung, Helena und mich den Atridenbrüdern zu Gemahlinnen zu geben, gar nicht seinem eigenen Verstande entsprungen? Dabei hatte er sich darauf so viel eingebildet, es war wirklich die Krönung seiner väterlichen Fürsorge.

Tatsächlich, es klingt vielleicht arrogant, aber wenn nicht Helena und ich dort auf diesem Flecken in Sparta gelebt hätten, wahrscheinlich wäre niemals auch nur irgendeine Nachricht über einen Tyndareos in die Außenwelt gedrungen. In der Politik haben wir jedenfalls nie von uns reden gemacht, geschweige im Krieg.

NIKOSTRATOS: Bereits Ihre Mutter Leda rühmte man schon wegen ihrer Schönheit.

KLYTAIMESTRA: Oh ja, viel von ihrem Wesen gab sie den Söhnen, von ihrem Äußern das meiste uns Töchtern. Es ist keineswegs übertrieben, Nikostratos, wenn ich sage, daß eine Zeit lang vor den Toren unserer Burg die Freier scharenweise ihre Zelte aufschlugen und anfingen, um uns zu werben.

NIKOSTRATOS: Ich weiß, ich hörte das mehrfach aus glaubwürdigem Munde.

KLYTAIMESTRA: Diese Hitzköpfe! Jeder einzelne glaubte, der schönste, stärkste und reichste Jüngling in ganz Hellas zu sein, und ein einziger Auftritt vor dem König Tyndareos würde genügen, eine seiner Töchter zu gewinnen.

Als sie vor dem Eingang standen, erkannten sie sich unter ihresgleichen selber nicht wieder. Alle waren sie den Beschreibungen von der unvergleichlichen Anmut dieser Mädchen erlegen, waren der unwiderstehlichen Verlockung gefolgt, angetrieben von ihrer entflammten Leidenschaft; alle hatten sie sich mit der gleichen Zuversicht auf den Weg gemacht, alle hatten Geschenke mitgebracht, von denen keines um ein Deut geringer war als das andere.

Doch die meisten hatten nicht bedacht, daß die Schwierigkeit, den königlichen Herrn und Vater von der eigenen Größe und Vortrefflichkeit zu überzeugen noch gepaart war mit der Herausforderung all' der anderen, die dasselbe erheischten. Wollte einer bis zum König vordringen, so musste er zuerst die anderen aus dem Feld schlagen. Was für Wettkämpfe haben die veranstaltet, Nikostratos, Sie machen sich keine Vorstellung davon!

Die Wiese vor unserer Burg glich dem Stadion bei den Pythischen Spielen in der Ebene von Krissa. Kaum daß frühmorgens die Sonne über dem Horizont erschien, übten sich schon die ersten im Lauf und in gymnastischen Übungen; ihr Atem und der Schweiß entströmte noch sichtbar in der Morgenkühle ihren athletischen Körpern. In der Mittagshitze, in der Helios mit unerträglicher Gewalt sein Feuer vom Himmel schleuderte, da setzten diese übermütigen Recken die schwersten und wildesten der Wettstreite an; hetzten die Pferde vor ihren Wagen wieder und wieder um die Wendemarken, rannten keuchend, wenn die Tiere erschöpft waren, eilenden Fußes in endlosen Runden so rasch dahin, daß ihr Schatten wie vom Stab einer Sonnenuhr im Kreise umlief.

Sie rangen im abgegrenzten Viereck einander nieder, wälzten sich im Staub, fluchten und brüllten vor Zorn und Schmerz, bejubelten manchen Sieg und erlitten ebenso viele Niederlagen. Die Kräftigsten maßen sich, wenn den anderen längst die Arme ermattet herabhingen, im Bogenschießen und im Speerwerfen.

Und abends, im Schein der Feuer und Fackeln pflegten sie ihre Prellungen und Schürfwunden; saßen und lagen beisammen in Gruppen, wo die Sänger das Lied anstimmten und manche Sage von Helden, Göttern und furchtbaren Ungeheuern den Geist bereicherte und das Herz stärkte.

Ich verrate Ihnen was, Nikostratos, Helena und ich, wir schlichen uns oft im Schutze der Dunkelheit aus unseren Gemächern zum Lager und gesellten uns unerkannt zu den Sklaven und Dienstmägden, die im Gefolge der Freier waren, und die sich ganz in der Nähe ihrer Herren aufhalten durften. Über manchen, dem eine von uns womöglich als seine Zukünftige versprochen werden sollte, entschied bereits dort unten unser unwiderrufliches Urteil.

Noch schöner aber war es, wenn wir beide oben an der Mauer lehnten; Helena setzte sich, waghalsig wie sie war, sogar auf den Mauerrand und ließ die Beine herabbaumeln. Über uns war der Sternenhimmel mit seiner unüberschaubaren Zahl glitzernder Pünktchen. Unten vor uns war das Lager der Jünglinge, in dem es niemals ganz still wurde, und wo manchmal an den Zeltwänden aus dem Innern die Schatten von Personen zu sehen waren, die sich so komisch in die Länge und Breite dehnten, daß wir bei dem Anblick kichern mussten.

NIKOSTRATOS: War es überhaupt möglich, aus dieser Zahl beeindruckender Männer mit kühlem Verstand die richtigen für Sie beide auszuwählen?

KLYTAIMESTRA: Unserem Vater wurde es himmelangst, mit jedem Tag wuchs seine Unruhe, seine Unentschlossenheit. Und das hasste er an sich selbst am meisten. Indem er die Wahl hinauszögerte, drängten ihn jedoch ihrerseits die Freier zu einer Entscheidung, schließlich konnte man nicht endlos lange warten. Aber diese Männer waren herrschsüchtig und rücksichtslos.

Da trat einer auf und hielt eine Rede, die an Tyndareos gerichtet war. Eigentlich keine Rede, denn was er sagte, war ebenso unüberlegt wie anmaßend. Er stellte Tyndareos vor die Wahl, entweder er würde ihm eine Tochter zur Frau geben oder, falls ein anderer sie bekäme, würde er diesen Rivalen töten. Dieser Bursche, ich sehe den noch genau vor mir, so ein Klotz, solche Oberarme, von irgendwo aus Aetolien. Er war wie besessen, und in seinen Augen loderte es wie Feuer, das die anderen mit entzündete. Sie jubeltem ihm zu, so widersinnig das war, drohte er ihnen doch mit dem Tod.

Und im Nu machte ein jeder sich die Forderung dieses Barabaren zu eigen, jeder wollte eins der Mädchen für sich, jeder wollte anderenfalls den Erwählten erschlagen. So oder so, auf diese Weise hätten sie sich gegenseitig ausgerottet.

Der Vater wollte nicht nur das Blutbad verhindern, es wäre ihm vielleicht sogar egal gewesen, wenn sich die Dummköpfe selber aus der Welt schafften, aber ihm war klar, daß er seine Töchter sehr wahrscheinlich an diejenigen verlieren würde, die ihm am allerwenigsten gefielen. Und diese hatte er für sich bereits ausgesondert. Für ihn kamen nur die Atridensöhne in Frage, Agamemnon und sein Bruder Menelaos.

Eines Abends hatte er Helena und mich, denn allein um uns ältere Schwestern ging es, zu sich gerufen, um mit uns darüber zu sprechen, wie eine Entscheidung herbeizuführen sei, die alle zufriedenstellen könnte, zumindest alle, die es verdienten.

Und ich muss sagen, in diesem Augenblick habe ich gesehen, was für ein außergewöhnlicher Mensch mein Vater war, welche Klugheit er wirklich besaß, und wie tief und grenzenlos seine Liebe zu uns, seinen Kindern, war, und wie unbezwingbar sein Willen, stets alles Unheil von der Familie abzuwehren und ausschließlich für das Wohl der Seinen zu leben und zu handeln.

Und er kannte uns, uns Mädchen, besser als wir glaubten. Denn Agamemnon und Menelaos, denen er insgeheim den Vorzug gegeben hatte, waren auch uns aufgefallen von der Stunde an, als sie zuerst vor unserem Tor erschienen waren. Als Tyndareos nun ihre Namen nannte, da wechselten Helena und ich einen verstohlenen Blick, und was waren wir erleichtert, als wir es hörten.

Mehr als einmal schon hatten wir über die beiden gesprochen, Helena hatte natürlich damit angefangen, und es waren jene glückseligen Momente, in denen sich Geschwister so nahe sein können wie keine zwei Menschen sonst in dieser Welt; wenn sie sich gegenseitig ihr Herz öffnen und das eine, geteilte Blut, das ihre Adern durchfließt, ihre innersten Gefühle, Wünsche, Sehnsüchte, ihre noch unangetastete Liebe in Bewegung bringt, sie aufwallen und hin und her strömen, in schwindelige Höhen treiben und in ungeahnte Tiefen fallen lässt. Wir sagten davon kein Sterbenswort dem Vater, doch muss er auch dies bemerkt haben, denn er fragte nicht danach, welcher denn nun, Agamemnon und Menelaos für welche von uns der Richtige sei.

Wir hatten längst entschieden, und zwar ohne auch nur einen Augenblick abzuwägen oder gar darüber zu verhandeln. Wir wussten einfach, daß Agamemnon zu mir, Helena zum Menelaos gehörte, genau so wie wir und sie jeweils die Hälften eines Ganzen waren.

Und nun ging der König in die Offensive und er verfügte jenen weisen Entschluss, demzufolge jeder Gemahl jeder seiner Töchter, wenn ihm oder seiner Ehefrau Gefahr drohe oder wenn sich irgendeiner aus der Familie in Bedrängnis befinde, die anderen ihm beistehen oder zu Hilfe eilen müssen. Und er ließ dies durch Schwur bekräftigen. Dann gab er mich, Klytaimestra, dem Agamemnon, und Helena dem Menelaos zur Frau.

NIKOSTRATOS: Ich verstehe. Viele der Freier sind wahrscheinlich vor dem Schwur zurückgeschreckt, weil unter ihnen Zwietracht herrschte und sie gegeneinander auf Kriegsfuß standen. Der Krieg ist älter als Familienbande, und er ist auch stärker. Womöglich hätten sie's als Schmach empfunden, wegen eines Weibes ihren Feinden gegenüber klein beizugeben. Da waren die Atridensöhne natürlicherweise im Vorteil. Andererseits verfügten diese auch über genügend Macht und Stärke, Agamemnon hier in Argolis, Menelaos in Lakonien, um es gemeinsam mit jedem Feind aufzunehmen, der sie etwa bedrohte.

KLYTAIMESTRA: So war es, und unser Vater musste dies alles vorausgesehen haben. Allerdings ...

NIKOSTRATOS: Allerdings hatte er nicht voraussehen können, daß ein ganz anderer Feind erscheinen werde, der die Brüder zwingt, sich zum Kampf zu rüsten und in den Krieg zu ziehen.

KLYTAIMESTRA: Nein, das wussten wohl wiederum nur die Götter, und manchmal scheint mir schon, daß sie daran nicht ganz unbeteiligt waren.

NIKOSTRATOS: Ich frage mich, ob die Völker von Hellas, all' die Könige und Fürsten, die jetzt mit ihren Soldaten in Aulis zum großen Heer sich versammelt haben, ob diese Männer so etwas wie eine späte Genugtuung, ich will nicht sagen Rache verspüren, indem sie den Brüdern in den Krieg folgen, indem sie Agamemnon zu ihrem Befehlshaber gemacht haben?

KLYTAIMESTRA: Wie meinen Sie das, Nikostratos?

NIKOSTRATOS: Nun, ich kann mir nicht vorstellen, daß alle diese Kämpfer einzig das Motiv in den Krieg treibt, das den Menelaos treibt und seinen Bruder durch ebenjenen Schwur an sich bindet, nämlich die geraubte Helena aus Troja zurückzuholen. Die meisten kennen Ihre Schwester gar nicht, und von denen, die sie kennen, sind sicher einige, die damals vor den Toren Ihrer Burg vergeblich um sie gefreit hatten.

Verzeihen Sie, Klytaimestra, wenn ich das so sage, aber ich könnte mir denken, daß mancher von denen ein hämisches Lächeln nicht unterdrücken mag, da es dem Menelaos mit seiner Frau so ergangen ist wie sich das kein Mann wünscht.

KLYTAIMESTRA: Na ja, sicher, nichts ist für diese Leute schwerer zu ertragen als von einem Weib abgewiesen zu werden, auch wenn dies weder Helena noch ich noch eine unserer Schwestern getan zu haben sich vorwerfen müssten. Im Kampf zwischen Männern kann man geschlagen werden und sterben, aber es ist immer ein ehrenvoller Tod. Die unerwiderte Liebe zu einem Weib kann einen qualvoll zu Grunde gehen lassen, und sie bringt zudem nichts als Hohn und Vorwurf ein.

NIKOSTRATOS: Wie gut Sie das kennen.

KLYTAIMESTRA: Auch darüber habe ich mit Agamemnon viele viele Stunden geredet, er hat mich diese Einsichten gelehrt, so wie ich ihm anderes offenbart habe, das er nicht wusste. Und deshalb, Nikostratos, sagte ich auch vorhin, daß dieser Krieg und der Oberbefehl über ihn, der Agamemnon übertragen wurde, eine so schwere Bürde für ihn ist.

Denn im Grunde ist er ein sehr lieber, lieber Mensch und ein friedliebender Mann, der immer eher Streit schlichtet als welchen vom Zaun bricht. Ich flehe zu den Göttern, daß Agamemnon von den edelmütigsten und treuesten Kameraden umgeben ist, die ihm in jeder Stunde zur Seite stehen.

NIKOSTRATOS: Oh, da gibt es einige, von denen man bisher schon wahre Heldengeschichten gehört hat. außer Ihrem Schwager Menelaos ist da Aias, des Königs Telamos von Salamis Sohn, man schreibt ihm Riesenkräfte zu. Und auch der andere Aias, des Oileus Sohn, ist ein kühner Kämpfer. Und da ist Palamedes, der Enkel des Poseidon, Meriones und Diomedes. Kalchas dient Ihrem Mann mit seiner Seher- und Weissagungsgabe, und der listenreiche Odysseus mit seiner Unerschrockenheit und seinem Erfindungsreichtum.

Und zwischen diesen, die jeder für sich genommen mit ihren Taten schon ganze Gesänge anfüllen können, steht Achilleus, wahrlich der größte unter allen und mit seinen gefürchteten Myrmidonen, deren Pfeile, wie man sagt, nie ihr Ziel verfehlen, eine verlässliche Streitmacht im ganzen Heer der Achaier.

KLYTAIMESTRA: Sie wissen ja so gut Bescheid, Nikostratos, als wären Sie selbst dabei. Ich muss Ihnen einmal den Brief zu lesen geben, den Agamemnon geschickt hat, er beschreibt darin die ganze Flotte, wie sie in der Bucht von Aulis liegt, es muss sehr beeindruckend sein, interessiert Sie das?

NIKOSTRATOS: Ja, sehr. Ich kenne die Gegend dort, da kann ich es mir anhand der Beschreibung bestimmt gut vorstellen.

KLYTAIMESTRA: Jetzt habe ich die ganze Zeit von mir erzählt, nun möchte ich auch etwas über Sie erfahren; schließlich sind Sie der Vater des Jungen, mit dem meine Tochter sich in einer Höhle versteckt.

NIKOSTRATOS: Sie haben Schutz gesucht vor dem Gewitter.

KLYTAIMESTRA: Ja ja, ich verstehe. Oh, ich habe auch gar nichts dagegen, wenn sie hier ein paar Freunde findet. Letztes Jahr war es ein Mädchen aus ... na ich habe vergessen, wie das Dorf heißt, das war wirklich eine liebreizende Person. Sie hatte eine riesige Familie, etliche Geschwister und Tanten und Onkel und all das; sie haben Iphigenie aufgenommen, als gehöre sie wie selbstverständlich dazu. Sie hat manche Nächte dort geschlafen.

NIKOSTRATOS: Wie lange sind Sie eigentlich schon hier in Ihrem Landhaus?

KLYTAIMESTRA: Das ist jetzt der zweite Sommer. Ich muss sagen, ich war ganz schön froh, daß Iphigenie gleich jemanden gefunden hatte, mit dem sie etwas unternehmen konnte, und daß sie sich von Anfang an hier wohlfühlte. Wir wollten erst nach Nauplia gehen, Glaukos hatte uns dazu geraten, weil es so schön am Meer liege. Aber irgendein Erdrutsch oder etwas ähnliches hatte das Gebäude beschädigt, und es musste erst wiederhergestellt werden.

Das war sicher ein glücklicher Zufall; ich kenne Nauplia zwar nicht, bin aber gewiss, daß es nirgends angenehmer sein kann als hier. Schon wieder reden wir nur über mich! Jetzt wechseln wir sofort das Thema: Nikostratos, woher stammen Sie? Ich meine, sie hätten nicht ganz den Zungenschlag dieses Landstrichs? Oder irre ich mich da?

NIKOSTRATOS: Vollkommen richtig, wenngleich ich nun schon seit zwölf Jahren hier lebe. Ich komme aus der Gegend von Ephesus.

KLYTAIMESTRA: Ephesus? Sie meinen das Ephesus in Lydien?

NIKOSTRATOS: Am Cayster gelegen, ja.

KLYTAIMESTRA: Du liebe Güte, das ist ja ganz auf der anderen Seite des Meeres. Agamemnon war auch mal dort stationiert, er hat da eine kleine Einheit befehligt.

NIKOSTRATOS: Ich weiß, einige der Soldaten kenne ich sogar persönlich.

KLYTAIMESTRA: Tatsächlich? Agamemnon hat immer geschwärmt von dem Ort, eine herrliche Lage, gesunde Luft, bekömmliches Essen, geistreiche Kultur. Ich dachte bei mir, da sieht man, was für ein Mensch er in Wahrheit sein kann, der die Ruhe und Behaglichkeit liebt, ohne jedoch träge und müßig zu sein, Sie verstehen.

NIKOSTRATOS: Das Militär hatte tatsächlich nicht viel zu tun, jedenfalls nicht zu jener Zeit. Der Posten wurde mehr aus Prestige gehalten, weil man einen Fuß auf das Lande König Kroisos setzen wollte, obwohl dessen Reich längst zerfallen war. Die Soldaten haben sogar bei den Baumaßnahmen der Tempelanlagen mitgeholfen; ich kenne welche, die niemals gegen einen Feind gekämpft haben. Genaugenommen bin ich in Mostene geboren.

KLYTAIMESTRA: Das sagt mir nun nichts.

NIKOSTRATOS: Nein, das ist kein Wunder, ich meine, das liegt daran, daß Mostene nur jemand kennen kann, der mal dort gewohnt hat oder da geboren ist. Obwohl es damals auch kein schlechter Ort war, nur eben nicht gerade mit Reichtum gesegnet, Gaia war, wenn überhaupt, über diese Landschaft hinweggegangen, ohne ihre Schätze in die Erde fallen zu lassen. Und es lag auch nicht an einem wichtigen Handelsweg oder dergleichen. Aber das Wetter war herrlich, in meiner Kindheit hatten wir zwei Drittel des Jahres Sonnentage. Und dennoch immer reichlich Wasser aus den Quellen; der Boden war außerordentlich fruchtbar.

KLYTAIMESTRA: Also doch ein Schatz.

NIKOSTRATOS: Ja, wenn Sie so wollen. Und das muss in früheren Zeiten noch glanzvoller gewesen sein. Es gibt Berichte, wonach Dionysos selbst nach Mostene kam, um den hiesigen Wein zu verkosten, und natürlich um den Mädchen zu huldigen.

Aber so hoher Besuch konnte Mostenes schleichenden Niedergang nicht aufhalten. Die alten Bauern erkannten untrügliche Anzeichen dafür, daß sich das Klima gründlich verschlechterte. Die Wärme schwand, die Wolken mehrten sich und verdeckten die Sonne, die kalte Jahreszeit zog sich hin, und an den Frühlingsfesten fiel immer öfter Regen. Dazu wehte ein wirklich hässlicher Wind von Osten, manche sagten, er käme aus den persischen Steppen, andere meinten gar, er würde über die schneebedeckten Berge des Eislandes zu uns dringen.

Wie auch immer, die Viehzüchter trieben ihre Herden immer weiter nach Westen, sie waren bald so weit von zu Hause weg, daß es sich nicht lohnte, abends zurückzukehren, sie blieben wochenlang draußen, und irgendwann wanderten sie ganz fort. Die Bauern folgten ihnen, einer nach dem anderen. Die großen Grundbesitzer waren die ersten, sie zogen zahlreiche kleinere mit sich.

Und in den frühen Jahren waren die Preise für das Land an der Küste noch günstig. Ephesus verdankt sein blühendes Wachstum nicht nur dem Zustrom vom Meere her und von Hellas, sondern auch der Entvölkerung des Hinterlandes. Und die sorgte zudem dafür, daß es eine Stadt im Lydierland geblieben ist. In Mostene leben heute nur noch ein paar Dutzend Menschen, meist alte oder solche, die wegen ihrer Gebrechen nicht vom Fleck kommen.

KLYTAIMESTRA: Sie selber sind auch bald schon nach Ephesus gegangen?

NIKOSTRATOS: Als ich so alt war wie Timeas jetzt.

KLYTAIMESTRA: Was haben Sie gearbeitet? Sind Sie selber Soldat gewesen?

NIKOSTRATOS: Mein Bruder war Soldat, ich war als Kind und Jüngling etwas schwächlich, ja, doch, man sieht mir das vielleicht nicht mehr an, es gab eine Zeit, da wuchs ich und wurde kräftig wie ein junger Hirsch, aber vorher schaffte ich kaum irgendwelche anstrengende Tätigkeiten. Ich habe lange Zeit nur Hilfsarbeiten ausgeführt in den Häusern und Gärten der Städter, ich stand auf einer Stufe mit den Sklaven, nur daß ich keinen Herrn hatte, der für mich sorgt.

KLYTAIMESTRA: Ihre Familie war auch nach Ephesus gegangen?

NIKOSTRATOS: Mein Bruder, ja. Und später folgte meine Mutter uns nach, als unser Vater gestorben war, der sehr krank gewesen war und Mostene nicht verlassen wollte. Ich war fleißig und geschickt, und ich konnte mir alles gleich beim ersten Mal merken, ich habe mich hochgearbeitet. Ich wurde Verwalter im größten Badehaus von Ephesus und hatte auch mit der Wasserversorgung der ganzen Stadt zu tun.

Ich kannte jeden Winkel und jede Einzelheit, ich wusste, welche Brunnen und Quellen es gab und woher sie ihr Wasser bekamen; ich kannte die unterirdischen Verhältnisse, die Karsthöhlungen an der Nordwestseite und die Gefahr, daß dort etwas zusammenstürzen könnte, die Notwendigkeit, an bestimmten Stellen, Hohlräume mit Steinen und Sand aufzufüllen.

Ich kannte auch die uralten Grabanlagen mit ihren Gewölben und labyrinthischen Gängen, ich war meines Wissens der einzige, der davon eine zuverlässige Karte besaß, die ich mir selber angefertigt hatte. Und oben, auf der Erde, wusste ich ebenfalls bestens Bescheid.

Es ging mich zwar nichts an, und ich mischte mich natürlich auch nicht in fremde Angelegenheiten ein, aber ich kannte, ich weiß selbst nicht wie, nicht nur die Familienverhältnisse zumindest der bedeutenden Einwohner der Stadt, sondern auch ihre Geschäfte, ich wusste, wieviel Wolle der Polybos von seinen Schafen geschert hat und warum es so unwahrscheinlich mehr war als im vorigen Jahr; ich kannte den wahren Grund, weshalb die schöne Glyceria zur Überraschung aller einen altersschwachen ausländischen Fürsten geheiratet hat; ich wusste, mit wie viel Schiffen der Teukros unterwegs auf Handelsreise war. Das wussten andere freilich auch, aber ich kannte die Ladung und sogar die Namen seiner Geschäftspartner in Abdera oder in Tarent.

KLYTAIMESTRA: Haben Sie daraus nicht Ihren Nutzen ziehen können? Wenn ich daran denke, wie viel und über was in Mykene getratscht und geklatscht wird, und wie sich manche, die die letzte Neuigkeit wissen oder zu wissen vorgeben, damit einen Vorteil verschaffen, obwohl sich dann herausstellt, daß es um die betreffende Sache ganz anders bestellt ist.

Manche wandeln die Tatsachen einfach ab, lassen hier etwas weg, verdrehen da einen Zusammenhang, dichten dort etwas Unerhörtes dazu, oder sie denken sich die Vorfälle einfach aus und streuen sie als Gerücht in die Öffentlichkeit.

Und jetzt, da wir Argolier im Krieg stehen, dessen Verlauf ziemlich ungewiss ist, der aber andererseits zu weit weg geschieht, als daß man irgendwie eingreifen könnte, da sind solche Gerüchte, und seien es selbst Lappalien, eine willkommene Gelegenheit, sich in die Ereignisse des Tages einzumischen, und sich einen Anschein von Wichtigkeit zu geben.

NIKOSTRATOS: Ich habe von meinem Wissen niemals derartigen Gebrauch gemacht.

KLYTAIMESTRA: Oh, Nikostratos, wie dumm von mir! Das habe ich selbstverständlich nicht auf Sie bezogen. Bitte glauben Sie mir. Ich habe nur immer einen Argwohn gegen diese Leute in meiner Umgebung, ja, ich bin manchmal regelrecht wütend auf sie, wenn ich ihr Geschwätz höre. Nein, Nikostratos, ich bin mir sicher, daß Sie genau das Gegenteil eines vorlauten, oberflächlichen und eigennützigen Menschen sind.

NIKOSTRATOS: Das denken Sie von mir?

KLYTAIMESTRA: Ganz bestimmt. Ich liege mit meinem Urteil fast immer richtig, vor allem, wenn es ... ich meine, ich habe schon manchen getroffen, der mir etwas weismachen oder mich täuschen wollte, aus diesem oder jenem Grund. Sie sind kein solcher. Aber sagen Sie mir, warum sind Sie von Ephesus weggegangen?

NIKOSTRATOS: Das ist eine etwas komplizierte und jedenfalls ganz persönliche Geschichte, die ich hier nicht ausbreiten kann.

KLYTAIMESTRA: Oh, das müssen Sie auch nicht. Haben Sie sich etwa was zuschulden kommen lassen?

NIKOSTRATOS: Sie meinen, ob ich ein Unrecht begangen habe, dessentwegen ich fliehen musste?

KLYTAIMESTRA: Ach nein, bei den Göttern, ich bin jetzt wirklich ganz untauglich im Gespräch.

NIKOSTRATOS: Aber nicht doch. daß Sie fragen, zeigt lediglich ihr Interesse am Schicksal anderer, selbst an einem so unbedeutenden Menschen wie ich es bin. Ihr treffliches Urteil kommt auch daher, weil sie gewiss sehr einfühlsam sind.

KLYTAIMESTRA: Meinen Sie?

NIKOSTRATOS: Wie anders hätten Sie mich wohl so lange in Ihrem Haus geduldet. Aber keine Sorge, Klytaimestra, ich bin kein Verbrecher, der seine Haut retten wollte. Ich bin aus freien Stücken von Ephesus weggegangen. In den letzten Jahren dort war ich bei dem großen Artemistempel beschäftigt gewesen, jener berühmte Opfertempel, von dem Sie sicher gehört haben.

KLYTAIMESTRA: Natürlich. Auch Agamemnon, der wie gesagt, einige Zeit in Ephesus weilte, erzählte von dem Heiligtum. Welche Stellung haben Sie dort bekleidet?

NIKOSTRATOS: Nun ja, ich erwähnte vorhin meine Entwicklung, ich verstehe von allem etwas, bin bewandert in manchem Handwerk, doch zu einer Berufung auf einen richtigen Posten hat es nie gereicht. Im Artemistempel war ich ein Mann für alles.

Ich hatte die alten, teilweise verfallenen oder zerstörten Gebäude wieder mit aufgebaut und war ebenso an der Planung der neuen beteiligt. Ich sorgte für den reibungslosen Ablauf der Opferprozessionen und für die Ordnung und die Sauberkeit im Tempel, wofür mir wie schon im Badehaus eine Sklaventruppe unterstellt war. Die Vorschläge zur Verbesserung der Organisation und übrigens auch zur Verschönerung des Tempel, die ich machte, wurden alle umgesetzt.

Ohne Anmaßung kann ich behaupten, daß ich dazu beigetragen habe, den guten Ruf des Artemistempels von Ephesus zu verbreiten, auf den hin jedes Jahr mehr Menschen zu uns kamen, die an unseren Festlichkeiten teilnehmen wollten. Man hatte sogar erwogen, ein Orakel einzurichten, nach dem großen Vorbild der Delphischen Pythia, die bekanntlich dem Apollon geweiht ist, dem Bruder unserer Artemis. Doch eben aus diesem Grunde riet ich davon ab.

KLYTAIMESTRA: Das verstehe ich nicht. Weshalb? Es hätte doch den Ruhm des Heiligtums noch gefördert.

NIKOSTRATOS: Ja, möglicherweise. Und über diesen Streit, nein, es war kein Streit, denn ich hätte mich niemals zu falschem Eifer oder Jähzorn hinreißen lassen, wenn es um die Göttin ging - was ist unser ganzes Denken und Trachten gegen das unendliche Dasein der Götter? Es ist weniger als wenn ein Staubkorn von einem harmlosen Windstoß aufgewirbelt wird.

Und die Artemis, ich weiß nicht warum, war mir unter den Himmlischen stets die liebste gewesen, schon als Kind und noch unschuldiger Knabe, noch bar jeder deutlichen oder gründlichen Vorstellung von ihr, fühlte ich mich der Artemis sehr nahe. Und diese reine Zuneigung blieb, zu meiner Freude, auch erhalten, als ich die Schwelle zum Mann überschritt.

Ihre Anmut und Güte, ihre Tugendhaftigkeit und Strenge, ihre Lieblichkeit und Eleganz, sie strömten mir zu wie das klare Wasser einer dauernd sprudelnden Quelle. Nein, wie hätte ich über sie ein schroffes Wort, einen aufbrausenden Satz äußern können. Ich hätte ihr den größten Tempel geweiht, den man sich denken kann, doch für mich gab es diesen Tempel schon, nämlich in meinem Herzen.

Der Göttin, die gewiss ihrem strahlenden Bruder ebenbürtig ist, auf Erden ein Haus aus Stein zu errichten, das ein Tempel nun einmal ist, und darin ein Orakel weissagen zu lassen, ganz so wie es für den Apollon geschieht, das schien mir, bei aller edlen und ehrfürchtigen Absicht letztlich doch nur ein Versuch, mit dem Heiligtum in Delphi und den Leuten, die es im Auftrag der Götter verwalten, in Wetteifer darüber zu geraten, wer dem Gott oder seiner göttlichen Schwester besser diene.

Dies jedoch halte ich für einen Streit unter Sterblichen, bei dem der wahrhaftige Glauben, mit dem man versucht, die Verbindung zu den Himmlischen einzugehen, leicht zu einer Nebensächlichkeit verkommen kann. Freilich, ich konnte meine Meinung dazu äußern, eine Entscheidung in der Angelegenheit treffen konnte ich nicht.

KLYTAIMESTRA: So wurde es Ihnen schwer, weiter ihre Arbeit dort auszuüben?

NIKOSTRATOS: Ein neuer Opferpriester hatte im Tempel seinen Dienst angetreten, er stammte aus dem Norden, manche sagten, er käme von den Tauriern, ich meine jene hoch oben bei den Skythen. Nach allem, was ich über dieses Volk gehört hatte, schien er mir jedoch keine Ähnlichkeit mit denen zu haben, und es stellte sich heraus, daß er selbst dort als ein Fremder, aber als sehr angesehener Priester gewirkt hatte.

Weshalb er nun nach Ephesus gekommen war, das blieb ein Geheimnis. Er erlangte auch hier sogleich eine gehobene Stellung, erwarb sich Vertrauen ebenso wie Autorität und hatte Einfluss auf die stimmgebende Versammlung. Er führte neue Regeln und Bräuche ein, veränderte den Ablauf der Zeremonien, verteilte die Aufgaben und Zuständigkeiten neu und anders. Dies alles hätte ich hingenommen, wenn mir auch bei Vielem der Sinn oder die Richtigkeit schleierhaft blieb.

Aber ich konnte meinen Verdacht nicht zerstreuen, daß dieser Priester einen heimlichen Groll gegen mich hegte, den offen zutage treten zu lassen er sich immer häufiger hinreißen ließ, bis ich irgendwann das Gefühl hatte, von ihm schikaniert zu werden.

Dazu kam eine Art von Verachtung, die tatsächlich einem Mann in einer solchen Position unwürdig ist, er, der selbst, wie man wusste, zuvor ein Fremder in einem fremden Land gewesen und es hier ebenfalls war, verspottete mich wegen meiner Herkunft.

KLYTAIMESTRA: Aber wie das? Ihr Heimat ist Lydien, Sie sind ein Einheimischer.

NIKOSTRATOS: Er hielt Mostene, wo ich geboren war, für den schmutzigsten und rückständigsten Ort des ganzes Landes. Er verspottete nicht nur mich, sondern alle Leute von dort wegen ihrer angeblichen Dummheit, Habgier und Liederlichkeit.

KLYTAIMESTRA: Das hat er sich erdreistet, Ihnen zu unterstellen?

NIKOSTRATOS: Das waren seine Worte.

KLYTAIMESTRA: Kannte er denn Mostene überhaupt? Vielleicht verbanden ihn irgendwelche grässlichen Erinnerungen damit?

NIKOSTRATOS: Das habe ich mich auch gefragt, konnte aber diesbezüglich nie Näheres in Erfahrung bringen.

KLYTAIMESTRA: Jedenfalls haben Sie recht daran getan, daß Sie fortgegangen sind, obwohl es Ihnen sicher schwergefallen ist.

NIKOSTRATOS: Nicht so sehr. Zu dieser Zeit lernte ich meine spätere Frau und Timeas Mutter kennen, sie stammte von Hellas und hielt sich vorübergehend in Ephesus auf. So packte ich zu Hause alle meine Sachen zusammen und ging mit ihr zurück hierher.

KLYTAIMESTRA: Ich wollte Sie schon die ganze Zeit nach Ihrer ... nach Timeas Mutter fragen, ich habe mich bloß nicht getraut.

NIKOSTRATOS: Sie war ein wundervoller Mensch, mit einer Seele, wie es sie in dieser Welt nur einmal gibt, und ich hatte das unvorstellbare Glück sie zu finden. Und sie war eine schöne Frau. Den Göttern sei Dank, Timeas hat viel von ihrer Schönheit geschenkt bekommen.

KLYTAIMESTRA: Entnehme ich aus Ihren Worten, daß Ihre Frau ...

NIKOSTRATOS: Nicht mehr auf der Erde weilt. Vor fünf Jahren ist sie von uns gegangen.

KLYTAIMESTRA: Woran ist sie gestorben? War sie krank?

NIKOSTRATOS: Nein, sie war immer das gesündeste, munterste, fröhlichste Geschöpf, das man sich denken kann. Und sie starb von einem Moment auf den nächsten, wie mitten in einem Atemzug. Sie starb so, als hätte der Tod sie aus Versehen getroffen, als habe er eigentlich einem ganz anderen Menschen gegolten.

KLYTAIMESTRA: Sie meinen, es gab keinen Grund, daß sie so plötzlich sterben musste.

NIKOSTRATOS: Einen Grund? Wahrscheinlich gibt es immer einen. Ich suchte nach einer Erklärung, und so habe ich es mir erklärt. Meiner Meinung nach lag der Grund nicht in ihr selbst.

KLYTAIMESTRA: Das hieße, Sie erlauben, wenn ich das mit meinen eigenen Worten formuliere, sie hätte einen Tod erlitten, der gar nicht zu ihrem Leben gehörte. Das klingt mysteriös.

NIKOSTRATOS: Ja, das mag sein. Meine Erklärung hilft mir auch zu verstehen, weshalb sie in meinem Geiste so leibhaftig ist, als würde sie darin fortleben, sie ist in jenem unheilvollen Moment gewissermaßen in mein Inneres übergetreten und ist nun, mehr noch als vorher, ein Teil von mir.

KLYTAIMESTRA: Nun ja, Nikostratos, es gibt verschiedene Ansichten über den Tod und darüber, wohin wir nach dem Leben gehen. Und übrigens auch darüber, woher wir kommen und weshalb wir, ich meine, jeder einzelne von uns genau diesem anderen Menschen begegnen.

Manchmal denke ich, daß lange vorher feststeht, welchen Menschen wir treffen, welcher unser Freund sein wird, welcher ein Feind, welchen wir lieben, welchen wir hassen, welcher uns liebt oder von welchem wir verstoßen werden oder gar umgebracht werden.

Denn wenn unser eigenes Leben einem verborgenen, verschlüsselten, überirdischen Gesetz unterliegt und folgt, dann muss darin ebenso alles eingeschlossen sein, was uns auch nur andeutungsweise berührt, alles was wir wahrnehmen und erleben, ohne daß es uns tatsächlich und spürbar betrifft. Selbst unsere Träume und Gedanken müssen ihren Ursprung lange vor uns haben.

Ich schaue auf das Meer und sehe weit draußen ein Segelboot vorbeischwimmen. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, um was für ein Boot es sich handelt. Ich kenne nicht den Besitzer, ich kenne nicht den Namen, mit dem er sein Boot geschmückt hat. Ich weiß nicht, woher er kommt und wohin er will. Und doch ist mein Leben in diesem Moment ausgefüllt von dem Anblick des Bootes auf dem Wasser in der Ferne; wenn ich nichts anderes tue als hinzuschauen, dann ist dieser Anblick mein Leben, für eine, zwei Minuten, für eine bestimmte Dauer, für ein bestimmtes Stück Dasein ist dies mein vollständiges Leben, nichts davon liegt außerhalb dieses Moments, alles ist eingeschlossen, alles gehört dazu.

NIKOSTRATOS: Und also auch das ansonsten völlig unbekannte Boot.

KLYTAIMESTRA: Das ich niemals wiedersehen werde.

NIKOSTRATOS: Es sei denn, es ist im Lauf Ihres Lebens vorgeschrieben. Wenn Sie morgens von Lyrcea aus in die Bucht schauen, sehen Sie immer dieselben Boote der Fischer, sogar immer an denselben Stellen. Und ich kannte einen Mann, den ich zum ersten Mal in Mostene getroffen habe, der meinen Weg immer wieder gekreuzt hat.

Überall wo ich war, hörte oder las ich irgendwann seinen Namen, erzählte mir jemand eine Begebenheit mit ihm. Ich dachte, bei den Göttern, was für eine Rolle ist das, die dieser Mensch in deinem Leben spielt? Sollst du es herausfinden? Diese Geschichten, die ich über ihn hörte, waren, je weiter ich von Mostene wegging, immer verschiedener, ja widersprüchlicher.

Bis ich eines Tages erkannte, daß es gar nicht ein und derselbe Mann war, sondern nur immer derselbe Name, auf den ich stieß wie auf ein altes Lied aus Kindertagen. Aber immerhin, ich muss dazu sagen, es war ein sehr ungebräuchlicher, ein seltener Name.

KLYTAIMESTRA: Ach, Nikostratos, das gefällt mir an Ihnen, Sie sind ein lebensfroher Mensch, Sie haben so eine unbeschwerte Art, trotzdem Sie gewiss allerhand freudlose Erlebnisse ertragen mussten.

NIKOSTRATOS: Und überstanden habe. Das ist sicher kein sehr üppiger Lohn, aber ein beseligender. Nun, Klytaimestra, ist es jedenfalls höchste Zeit, daß ich mich verabschiede.

KLYTAIMESTRA: Aber Timeas bleibt doch noch, oder?

NIKOSTRATOS: Man hat in der vergangenen Stunde keine Vase klirren gehört, die Hunde sind still, und Ihre Bediensteten haben sich auch noch nicht über ihn beschwert, also scheint er sich artig zu betragen.

KLYTAIMESTRA: Aber ich bitte Sie, auf mich macht er einen ganz lieben Eindruck. Ich bin sehr froh, daß Iphigenie Umgang mit einem so netten Jungen hat, der übrigens auch einen guten Vater hat.

NIKOSTRATOS: Ich fasse das als Anerkennung auf und gebe meinem Wohlgefallen an Ihnen und Ihrer werten Tochter gern Ausdruck, indem ich Ihnen für unser Gespräch danke und im voraus auch schon dafür, daß mein Sohn in Ihrem Hause gern gesehen ist. Auf Wiedersehen, Klytaimestra.

KLYTAIMESTRA: Auf Wiedersehen, Nikostratos.




IPHIGENIE und TIMEAS sitzen auf einer Wiese auf einem Hügel. Man hat den Blick auf das Meer. Sonniges Wetter. IPHIGENIE hat eine Malplatte auf den Knien und allerlei Malutensilien; sie porträtiert TIMEAS, der ihr im Abstand gegenüber sitzt. In seiner Reichweite steht ein Korb mit Sachen.

IPHIGENIE: Halte still.

TIMEAS: Wird es was? Ich glaube, meine andere Seite wäre besser gewesen.

IPHIGENIE: So ist es gut. Du darfst bloß nicht rumwackeln, dann kann ich nämlich nicht richtig zeichnen. Andere können das.

TIMEAS: Was?

IPHIGENIE: Die können Sachen zeichnen, die sich bewegen, Tiere zum Beispiel. Die können eine Gazelle im Sprung zeichnen, oder ein Vögelchen, das sein Gefieder in einer Wasserpfütze putzt. Hast du das schon mal beobachtet? Das verändert ständig seine Haltung, und dann hüpft es sogar, mal so rum, mal so rum.

TIMEAS: Das soll man dann zeichnen. Bestimmt könntest du das auch.

IPHIGENIE: Nein, nein, so gut bin ich nicht.

TIMEAS: Klar, du musst nur noch ein bisschen üben, dann klappt es. Soll ich mal flattern?

IPHIGENIE: Halte still, es ist gleich fertig.

TIMEAS: Das war eine gute Idee, diese Maltafel von dem Kritias zu besorgen.

IPHIGENIE: Ja, großartig. Wie macht der das?

TIMEAS: Das ist so ein Zeug aus Schlämmkreide, also eigentlich in Wasser aufgelöste Kreide, wie dünner Brei. Das streicht er dann da drauf.

IPHIGENIE: Das wird richtig fest, man kann es nicht mehr abwaschen.

TIMEAS: Er mischt auch noch irgendwelche anderen Sachen hinein, das verrät er nicht. Ich schätze, irgendwas Harziges.

IPHIGENIE: Du hast auch ganz schön Ahnung von diesen Dingen.

TIMEAS: Es geht so. Vieles habe ich von meinem Vater gelernt, der weiß alles Mögliche von seiner Arbeit früher. Frage mich manchmal, was der noch nicht gemacht hat.

IPHIGENIE: Deswegen sieht es bei euch zu Hause auch so aus. Ich meine, wie in einer Werkstatt; liegt überall so Kram herum, wovon man nicht weiß, wozu es gut sein soll.

TIMEAS: Das sieht man oft erst später.

IPHIGENIE: Mir gefällt das.

TIMEAS: Was? Mein Porträt?

IPHIGENIE: So eine Unordnung. Oder nicht direkt Unordnung.

TIMEAS: Freilich ist es eine Unordnung, für einen Fremden sieht es aus wie im Schweinestall.

IPHIGENIE: Na ja, aber doch viel ... geheimnisvoller.

TIMEAS: Was? Da kennst du wohl nicht das Schwein Kephalion?

IPHIGENIE: Nein, was ist mit dem?

TIMEAS gibt sich viel Mühe beim Erzählen: Das ist eine Geschichte. Einst hatte Poseidon eine Meeresnymphe erspäht, die ihm gefiel. Und wie er ihr so nachjagte, entschlüpfte sie ihm immer wieder und machte sich einen großen Spaß daraus. Poseidon wurde immer wilder und aufdringlicher und wollte die Nymphe unbedingt fassen, aber sie schwamm hierhin und dorthin und war immer schneller als er.

Das beobachtete ein Fischer, der gerade mit seinem Boot auf dem Meer war. Und wie er den kolossalen Poseidon sah, der von der schlanken Nereide an der Nase herumgeführt wurde, da musste er lauthals lachen, denn dieses Betragen ähnelte so gar nicht dem eines Gottes.

Na ja, und nicht genug, daß sich die Nymphe über ihn lustig machte, so ärgerte ihn auch noch ein gewöhnlicher Fischer, der aber auch überhaupt keine Achtung vor ihm hatte. Und so verwandelte Poseidon in seiner Wut ihn in ein Schwein, damit er erstens aufhört zu lachen und zweitens nicht weitererzählen kann, was er gesehen hatte.

IPHIGENIE: Und die Meeresnymphe?

TIMEAS: Ausgerechnet in ein Schwein, verstehst du. Das mit dem Meer nichts zu schaffen hat und nur in der Erde mit seinem Rüssel wühlt und Eicheln frisst, aber keine Muscheln oder so etwas. Was soll mit der Meeresnymphe sein?

IPHIGENIE: Hat Poseidon sie gekriegt?

TIMEAS: Wo war nun das Geheimnisvolle? Das Schwein hatte eine Stelle am Rücken, da trug es auf der Haut statt Borsten Schuppen wie ein Fisch. Ein Schwein mit Schuppen, das hatte noch niemand gesehen, und man rätselte, woher das kommen könnte. Es berichtete auch wieder und wieder, was es gesehen hatte, aber keiner verstand es, denn es war ja nur so ein Grunzen, was es von sich gab. Nicht einmal den Namen Poseidons konnte es verständlich herausbringen.

IPHIGENIE: Er wird ihr aber doch nicht endlos nachgejagt sein?

TIMEAS: Wer?

IPHIGENIE: Jetzt frag' nicht so dumm. Entweder du erzählst die ganze Geschichte, oder ich muss annehmen, du hast sie erfunden.

TIMEAS: Und wenn ich sie erfunden hätte, wäre das so schlimm?

IPHIGENIE: Überhaupt nicht. Vielleicht bist du ja ein großer Geschichtenerfinder. Aber der erzählt nicht nur die halbe Geschichte. Ich höre auch nicht beim halben Gesicht auf zu zeichnen.

TIMEAS: Oh doch, du zeichnest mich im Profil, also nur die eine Hälfte meines Gesichts. Man sieht bestimmt nur ein Auge und ein Ohr, obwohl ich zwei davon habe.

IPHIGENIE: Nun redest du so spitzfindig wie mein Lehrer Philolaos. Vielleicht kannst du dir den Teil nicht ausdenken.

TIMEAS: Den Teil, was mit Poseidon und der Meeresnymphe geschah?

IPHIGENIE: Eben den.

TIMEAS: Da gibt es nicht viel zu erzählen. Sie schwamm noch eine Weile vor ihm davon, und er verfolgte sie noch eine Weile.

IPHIGENIE: Und hat er denn eingeholt?

TIMEAS: Ja. Hat er.

IPHIGENIE: Und dann? Was geschah dann? Er hat sie umfasst.

TIMEAS: Ja.

IPHIGENIE: Wie?

TIMEAS: Na so. Mit seinem Dreizack. Ne, den hat er natürlich beiseite gelegt.

IPHIGENIE: Hat sie sich gewehrt? Oder hat sie sich's gefallen lassen.

TIMEAS: Mehr gefallen lassen kann man sagen.

IPHIGENIE: Sie war auch schon ziemlich geschwächt.

TIMEAS: Genau, sie war ganz außer Atem, und ihr Herz klopfte.

IPHIGENIE: Ihr klopfte das Herz? Vor Aufregung?

TIMEAS: Vor Erschöpfung. Sie hatte ihr Spiel zu weit getrieben, sich völlig verausgabt. Sie hat sich an ihn geklammert. Poseidon musste sie erst mal beruhigen.

IPHIGENIE: Hat er sie geküsst?

TIMEAS: Woher soll ich das wissen, ich war nicht dabei.

IPHIGENIE: Dein Glück auch.

TIMEAS: Wieso? Ach du meinst, sonst wäre ich jetzt das Schwein mit den Schuppen.

IPHIGENIE: Nein, ich meine, sonst müsstest du auch erzählen, wie sie sich geküsst haben. Und das ...

TIMEAS: Und was das?

IPHIGENIE: Nichts. Schätze, das kann man nur schwer beschreiben, wenn man sich's ausdenken muss, als Geschichtenerfinder.

TIMEAS: Also, ich will dir mal was sagen: was so ein richtiger Geschichtenerzähler ist, wenn der eine Geschichte erzählt, dann ist ein Teil davon erfunden, und ein anderer Teil, den hat er wirklich erlebt. Verstehst du, er vermischt immer Ausgedachtes und Wirkliches miteinander.

IPHIGENIE: Warum sollte ich das nicht verstehen. Und die Kunst besteht darin, daß man beides nicht mehr auseinanderhalten kann, stimmt's?

TIMEAS: Genau.

IPHIGENIE: Mal angenommen, du würdest mir eventuell doch noch erzählen, wie sich die beiden geküsst haben, wie würdest du das machen?

TIMEAS: Wie? Wie würde ich das machen?

IPHIGENIE: Na mehr so, daß man merkt, du hast dir das bloß ausgedacht wie es sein könnte, oder so, daß man denkt, der hat das bestimmt selber schon erlebt?

TIMEAS: Ja.

IPHIGENIE: Was ja? Wie nun?

TIMEAS: Es muss glaubwürdig sein. Sonst könnte man irgendwas erzählen, von dem man überhaupt keine Ahnung hat.

IPHIGENIE: Das würde ein echter Geschichtenerzähler nie tun.

TIMEAS: Nein, das ist gegen seine Kunstehre.

IPHIGENIE: Du würdest mir nicht erzählen, wie sie sich geküsst haben, wenn du's nicht selber schon mal gemacht hättest.

TIMEAS: Nein.

IPHIGENIE: Also deswegen muss ich darauf verzichten das Ende der Geschichte zu hören.

TIMEAS: Ich habe noch keine Meeresnymphe geküsst.

IPHIGENIE: Verstehe. Ich bin auch noch nie von Poseidon verfolgt worden.

TIMEAS: Was soll das denn jetzt heißen? Ich glaube, Iphigenie, es war dumm von mir, diese Geschichte zu erzählen, sie ist nicht gut.

IPHIGENIE: Aber wieso?

TIMEAS: Sie stiftet mehr Verwirrung als Vergnügen beim Erzählen.

IPHIGENIE: Finde ich nicht. Aber na ja, so ein wahrer Geschichtenerzähler ist sicher nur selten mit seiner Geschichte zufrieden. Was lachst du?

TIMEAS: Ich stelle mir gerade vor, wie du von Poseidon verfolgt wirst.

IPHIGENIE: Das findest du lustig?

TIMEAS: Man muss bestimmt ganz schön gut schwimmen können.

IPHIGENIE: Ich kann hervorragend schwimmen. Letztes Jahr waren wir in Hermione, da habe ich jeden Tag im Meer gebadet. Manchmal war ich fast eine Stunde lang im Wasser. Ich kann sogar auf dem Rücken schwimmen und tauchen.

TIMEAS: Tauchen? Wie lange kannst du die Luft anhalten?

IPHIGENIE: Um bis auf den Grund und wieder hoch zu kommen.

TIMEAS: Na ja, das besagt nichts. Wenn einem das Wasser bis zu den Knien geht, kann wahrscheinlich jedes Kind auf den Grund tauchen.

IPHIGENIE: Mensch, da wo man längst nicht mehr stehen kann, meine ich. Da muss man erst ewig lange hinausschwimmen, und dann taucht man ab. Die Jungen da rudern mit dem Boot raus, und dann tauchen sie nach Muscheln und Seesternen und manche sogar nach Perlen. Einer hat mal eine richtige Perle gefunden.

TIMEAS: Als du dort warst?

IPHIGENIE: Ja, er hat sie mir selber gezeigt; eine schwarze Perle.

TIMEAS: Eine schwarze? Die sind ganz selten.

IPHIGENIE: Eben, da hatte ich großes Glück, daß ich gerade da war, als der Junge sie gefunden hat.

TIMEAS: Bist du jedes Jahr in Hermione?

IPHIGENIE: So die letzten drei oder vier Jahre, weiß nicht mehr so genau. Das macht unglaublich Spaß, man erlebt so viel. Manche Sachen, wenn ich mich daran erinnere, dann weiß ich oft nicht, war das in dem Jahr oder in dem andern?

TIMEAS: Gehst du da allein hin?

IPHIGENIE: Allein! Quatsch!

TIMEAS: Mit deiner Mutter?

IPHIGENIE: Das erste Mal war sie die ganze Zeit dabei, aber sonst kommt sie bloß zwischendurch, um zu sehen, wie's mir geht. Oder manchmal besucht uns auch die Mutter von meiner Freundin, das ist meine beste Freundin in Mykene, durch die bin ich erst da drauf gekommen, mit nach Hermione zu gehen. Die hat da Verwandtschaft, einen Bruder und eine Tante, und bei der wohnen wir dann. Mann, der Bruder, das ist vielleicht ein komischer Kerl. Stell' dir vor, der schläft nie.

TIMEAS: Was?

IPHIGENIE: Ja, der braucht kein bisschen Schlaf. Der ist auch Fischer, dort sind sie alle Fischer, und der fährt frühmorgens mit seinem Boot hinaus aufs Meer und arbeitet den ganzen Tag, und spätabends kommt er zurück, da ist er immer schon der letzte, da kommt sein Boot mit 'ner Laterne am Ufer an. Die anderen Fischer sind todmüde und gehen nach Hause und schlafen, da geht er in die Schänke und vergnügt sich und tanzt und singt die ganze Nacht durch. Und dann steigt er wieder in sein Boot und fährt hinaus. Ich sage dir, der schläft überhaupt nie.

TIMEAS: Vielleicht schläft er draußen im Boot.

IPHIGENIE: Er bringt aber immer ein riesenvolles Netz mit Fischen mit, die kann man ja schlecht fangen, wenn man schläft.

TIMEAS: Das ist wahr. Oder er ist so einer, der nur ganz ganz kurz schlafen muss. So einmal die Augen zugemacht und mal kurz weggewesen, und schon ist er wieder hellwach und ausgeruht, solche gibt's.

IPHIGENIE: Kann sein. Und wenn der singt, das klingt auch sehr seltsam, so: Sie ahmt seinen Gesang nach.

TIMEAS: Oh, das ist ja fürchterlich.

IPHIGENIE: Aber den Leuten gefällt das.

TIMEAS: Haben die nie mal ordentliche Musik gehört?

IPHIGENIE: Den Leuten gefällt das. Die wollen jeden Abend seine Lieder hören.

TIMEAS: Ist kein Wunder, daß er nicht zum Schlafen kommt.

IPHIGENIE: Und essen muss der auch ganz wenig.

TIMEAS: Und sonst, die andern, mit denen du da zusammen bist? Wie sind die so?

IPHIGENIE: Alles richtig nette Leute. Na ja, bei manchen merkst du schon, daß die nie aus ihrem Fischerdorf rausgekommen sind, wissen eben nicht viel von der Welt. Als ich erzählt habe, daß mein Vater jetzt gegen Troja Krieg führt, haben sie mich groß angeguckt und gefragt, wo Troja eigentlich liegt.

TIMEAS: Hast du's ihnen beschrieben?

IPHIGENIE: Klar doch. Und einer hat gemeint, jetzt würde er ohne weiteres den Weg da hin finden. Und dann haben sie alle auf Agamemnon und seine Soldaten getrunken.

TIMEAS: Hast du mitgetrunken?

IPHIGENIE: Mussten wir ja. Meine Freundin und ich. Bloß gut, daß meine Mutter nicht plötzlich dazukam, die wäre wahrscheinlich vor Schreck aus dem Kleid gerutscht. War aber nur ein ganz kleiner Schluck.

TIMEAS: Hat bestimmt gereicht.

IPHIGENIE: Wieso?

TIMEAS: Mädchen vertragen sowieso weniger.

IPHIGENIE: Ach ja? Jedenfalls sind wir dann noch baden gegangen.

TIMEAS: Wer?

IPHIGENIE: Wir Mädchen mit den Jungens.

TIMEAS: Am Strand?

IPHIGENIE: Hast du schon mal bei Vollmond gebadet?

TIMEAS: Nö. Geht das gut?

IPHIGENIE: Das ist wundervoll. Das Wasser glänzt und ist schwarz zugleich. Es trägt dich, du denkst, du liegst auf Metall und du kannst doch hineinsinken. Und durch das Licht wirst du ganz irre, du weißt nicht, ob du dich verbergen oder dich zeigen sollst.

TIMEAS: Wie, dich zeigen?

IPHIGENIE: Deinen Körper. Im Mondlicht sieht alles ganz anders aus, und es wirkt auch anders auf die Augen. Wenn man im hellen Sonnenschein nackt ist, dann ist das was ganz anderes als wenn man im Mondlicht nackt ist.

TIMEAS: Ist es eigentlich fertig?

IPHIGENIE: Was?

TIMEAS: Mein Porträt.

IPHIGENIE: Ja, gleich, nur noch ein paar Feinheiten. Ohne mich selber zu loben, aber ich glaube, es ist mir gelungen.

TIMEAS: Kann ich's sehen?

IPHIGENIE: Gleich.

TIMEAS deutet auf den Korb: Was für Täfelchen sind das hier eigentlich?

IPHIGENIE: Ach, das sind solche Andenkentafeln. Besitzt du so was nicht?

TIMEAS: Nein. Woher bekommt man die?

IPHIGENIE: Jeder, der dich kennt oder mit dem du mal zusammen warst, in der Schule zum Beispiel, schreibt einen schönen Spruch darauf und schenkt es dir, zur Erinnerung sozusagen.

TIMEAS schaut es sich genauer an: Tatsächlich, da stehen überall die Namen drauf. Meine Güte, hast du viele davon.

IPHIGENIE: Das sind nicht alle, zu Hause habe ich noch welche. Wollte bloß nicht so viele mitschleppen.

TIMEAS: Kann ich mal lesen?

IPHIGENIE: Klar.

TIMEAS nimmt ein Tontäfelchen heraus und liest laut:

Ehrlich und wohlmeinend, frei von Zorn sei deine Rede.
Was tief dem Herzen entspringt, schweigsam behalt' es für dich.

IPHIGENIE: Was ist?

TIMEAS: Das soll heißen, daß man seine inneren Gefühle am besten verbirgt?

IPHIGENIE: Wahrscheinlich, ja.

TIMEAS: Wieso sagst du nur wahrscheinlich.

IPHIGENIE: Ich habe den Spruch nicht geschrieben; vielleicht bin ich anderer Meinung.

TIMEAS: Ach so, ja, da hast du Recht. Ich lese mal noch ein anderes.

Suchen wirst du im Leben und finden die besten Freunde.
Lass' dich erinnern an mich; fröhlich war einst unser Spiel.

Weißt du, wer das geschrieben hat?

IPHIGENIE: Das war der Manethon.

TIMEAS: Stimmt genau, steht drunter. Wer war das?

IPHIGENIE: Ein Freund.

TIMEAS: Guter Freund?

IPHIGENIE: Von schlechten Freunden kriegst du nicht solche Sprüche.

TIMEAS: War ja bloß eine Frage.

IPHIGENIE: Kann es sein, daß du neugierig bist?

TIMEAS: Zu wissen, wen du als Freund hast?

IPHIGENIE: Ja.

TIMEAS: Ach, ist mir eigentlich egal.

IPHIGENIE: Ist dir das egal oder bin ich dir egal?

TIMEAS: Deine Freunde. Na ja, ich will nichts gegen sie sagen; wer einem so schöne Sprüche widmet, ist bestimmt ganz in Ordnung. Vielleicht kannst du dir was drauf einbilden, daß du ihn kennst.

IPHIGENIE: Solche Sprüche kann man irgendwo abschreiben.

TIMEAS: Na und. Aber man kann sie nicht jedem beliebigen unbekannten Mädchen schenken. Vielleicht bildet er sich was drauf ein, daß er dich kennt.

IPHIGENIE: Manethon? Das ist doch schon ewig her, daß wir zusammen waren.

TIMEAS: Und jetzt?

IPHIGENIE: Was jetzt?

TIMEAS: Bist du jetzt mit jemandem zusammen?

IPHIGENIE: Ich denke, es interessiert dich nicht? Also rate mal!

TIMEAS: Das ist aber ...

IPHIGENIE: Wenn du richtig rätst, dann kriegst du ... dann gebe ich dir ... hm ... hier das Bild.

TIMEAS: Mein Porträt? Ich denke, das bekomme ich sowieso.

IPHIGENIE: Ist noch nicht raus. Ein Künstler hängt manchmal sehr an seinen Werken. Also rate!

TIMEAS: Um was ging es noch mal?

IPHIGENIE: Timeas! Bist du so langsam im Begreifen? Sag', ob ich einen Freund habe oder nicht.

TIMEAS: Dann kriege ich mein Bild?

IPHIGENIE: Wenn du Recht hast.

TIMEAS: Jemand wie du ... das ist doch klar wie Quellwasser, daß du einen Freund hast.

IPHIGENIE: Leider falsch geraten! Tut mir wirklich Leid für dich.

TIMEAS: Das soll ich dir glauben?

IPHIGENIE: Ich lüge doch nicht. Schon gar nicht bei so was.

TIMEAS: Wie kommt das?

IPHIGENIE: Meine Mutter hat mich zur Ehrlichkeit erzogen.

TIMEAS: Ich meine das andere.

IPHIGENIE: Du solltest eben nicht glauben, du wüsstest immer alles.

TIMEAS: Hast du damit irgendwelche Probleme?

IPHIGENIE: So kann man sich irren. Probleme? Ich habe keine Probleme. Sehe ich so aus?

TIMEAS: Überhaupt nicht, deshalb wundert es mich.

IPHIGENIE: Ich stelle hohe Ansprüche an jemanden, der mein Freund sein will.

TIMEAS: Ach du Schreck! So eine.

IPHIGENIE: Oder nein, warte, das war nicht ganz korrekt. Ich meine, bevor ich mich jemandem anvertraue, will ich wissen, ob ... ob ...

TIMEAS: Na? Ob er es verdient?

IPHIGENIE: Ja. Nein. Verdienen klingt auch nicht besonders, oder?

TIMEAS hat inzwischen ein weiteres Täfelchen herausgenommen: Ah, schau an, da haben wir gleich das Passende:

Was du verschmähst, das dienet oft einem andern zum Nutzen.
Nennst du verdorben die Frucht; nährt sie erquicklich den Wurm.

IPHIGENIE: Wie soll das passen?

TIMEAS: Wen du verschmähst - das ist der, den du abweist, wenn er dich fragt. Und dann macht er genau das Richtige und nimmt eine andere.

IPHIGENIE: Also, da sieht man, daß du keine eigene Sprüchesammlung besitzt; du bist völlig ungeübt, sie richtig zu deuten. Das trifft vielleicht auf viele andere Mädchen zu, aber nicht auf mich. Ich würde nie jemanden einfach so aus Übermut abweisen, der es ernst meint. Und überhaupt: er nimmt sich eine andere, das findest du richtig?

TIMEAS: Das habe ich schon erlebt, so geschieht es oft.

IPHIGENIE: Da hat es bei der, in die du dich verliebt hast, nicht geklappt, und schwupp nimmst du die nächstbeste andere. Warum sagst du nichts zu deiner Verteidigung? Timeas? Habe ich dich jetzt gekränkt? Ach, ich verstehe, oh, das wollte ich wirklich nicht. Du bist selber der Wurm gewesen?

TIMEAS: Doch nicht der Wurm.

IPHIGENIE: Die Frucht, die wurmstichige?

TIMEAS: Kann man so sagen.

IPHIGENIE: Erzähle! Wie war das?

TIMEAS: Damit du dich weidest an meinem Seelenschmerz.

IPHIGENIE hält inne mit dem Zeichnen und schwärmt: Du hast dich verliebt in sie, eine Schönheit, so schön, wie sie kein Künstler erschaffen könnte, und wenn die Muse selbst sein Handwerk übernähme. Sie hat langes, helles Haar, das über ihre Schultern wallt und das der Wind, der vom Meer kommt, auf ihre Stirn legt wie einen Schleier, der ihr Antlitz schützt vor dem Staub und dem Salz. Wenn sie sich fein macht, flechtet sie es zu Zöpfen, die windet sie kunstvoll um das Haupt und krönt es mit einer Blüte des Hibiskus.

Sie hat dunkle, feurige Augen, voller Leidenschaft und unergründlicher Tiefe. Sie hat einen Mund mit Lippen von der Farbe der Himbeeren und ihre Wangen glänzen wie Robinienhonig. Ihre Figur gleicht der Aphrodites selbst, sie geht, als würden ihre Schritte durch Luft erzeugt werden, sie bewegt sich wie der Wind zu Beginn des Sommers, sie spricht, als hätten Flöte und Leier sich zu einem wundersamen Instrument vereinigt.

Und ihre Hände, ihre Finger - ein Wink nur davon im rechten Moment, und du würdest in einen ewig währenden Traum sinken; eine Berührung nur von ihr, und du würdest dich in einen Gott verwandelt fühlen, der sich mit allen seinen himmlischen Gaben ihr zu Füßen wirft als ein Sklave und Verwirklicher ihrer geheimsten Wünsche. Zu Timeas, der völlig in Gedanken versunken ist: Timeas? Timeas! Hallo!

TIMEAS sich besinnend: Woher weißt du das?

IPHIGENIE: Aber oh weh! Sie hat ihren Liebhaber schon gewählt, ihren Sklaven bestimmt, den Erfüllungsgehilfen ihrer Wünsche beordert. Ein Nichts, ein kindischer, alberner Geck, ein lächerliches Großmaul und in Wahrheit ein Feigling, zu feige für alles, was einen anderen zu verwegenster Tat, zum höchsten Glück anspornte. Und doch ist er es, der Jammerlappen, der ihr Freund sein darf.

TIMEAS: Allerdings. Und er begreift nicht einmal, was ihm da geschenkt wurde.

IPHIGENIE: Natürlich nicht. Sie hat eine Freundin.

TIMEAS: Sie hatte eine Freundin.

IPHIGENIE: Sagte ich ja, eine gute Freundin. Und als die Freundin sah, daß die Schöne den Jungen verschmäht hatte, ihn wahrscheinlich ... nicht einmal wahrgenommen ... geschweige seine Zuneigung bemerkt hatte, da sagte sie zu sich selber: 'Nun, dann werde ich ihn für mich gewinnen.

Wenn er einsehen muss, daß sie ihn nicht nimmt, so kann er froh sein und zufrieden, mein kleiner, süßer Geliebter genannt zu werden. Ich werde mit Freuden entgegennehmen, was ihn verlangte, ihr zu geben.' Übrigens Timeas, da ist auch noch ein anderer Spruch dabei, der ist sozusagen das Gegenstück zu diesem. Er fängt an mit: Was du begehrst ...

TIMEAS sucht und findet das Täfelchen:

Was du begehrst, das bringt oft einen andern zu Schaden.
Brichst du die Blume am Stiel, welkt sie leblos dahin.

IPHIGENIE: Ist das nicht auch schön?

TIMEAS: Aus dir wird man nicht so leicht schlau.

IPHIGENIE: Da gilt es, einige Hindernisse zu überwinden.

TIMEAS: Die hast du wohl selbst aufgestellt? Um besonders Aufdringliche fernzuhalten.

IPHIGENIE: Die erste Verhaltensregel, um den Zugang zu einem Menschen zu finden, ist es, seine Abwehr zu respektieren.

TIMEAS: Was? Das klingt paradox.

IPHIGENIE: Und wenn schon. Ich sage das, und wenn du mich besser kennen würdest, könntest du an mir den lebendigen Beweis dafür erkennen, ach was, mehrere Beweise.

TIMEAS: Dann sage mir eines, Iphigenie, möchtest du denn, daß ich dich besser kennenlerne? Warte, antworte nicht gleich. Und wenn ja, auf wie viele solcher Widerstände würde ich noch stoßen, die du parat hälst, um eigentlich genau das zu verhindern?

IPHIGENIE: Was verstehst du von der Seele eines Mädchens?

TIMEAS: Wahrscheinlich nichts.

IPHIGENIE: Oder alles.

TIMEAS: Also nichts. Und was verstehst du von deiner eigenen Seele?

IPHIGENIE: Frage abgelehnt.

TIMEAS: Warum?

IPHIGENIE: Der Ton missfällt mir.

TIMEAS: Also gut, ich bin ... bereit dazuzulernen. Was im Innern eines Mädchens vorgeht.

IPHIGENIE: Oh, da bin ich wahrscheinlich ungeeignet, dir Auskunft zu geben. Ich habe nämlich manchmal, nein häufig, das Gefühl, daß ich anders bin als andere.

TIMEAS: Das würde mich nicht abschrecken.

IPHIGENIE: Na, ein Ungeheuer bin ich auch nicht. Kann mich jedenfalls nicht erinnern, je einen Jungen gefressen zu haben.

TIMEAS: Die schlimmsten Ungeheuer fressen ihr Opfer nicht, sondern quälen es, solange es lebendig ist und fühlen kann. Aber ich glaube dir. Ich finde, ehrlich gesagt, auch nicht, daß du anders bist.

IPHIGENIE: Ich meine nicht anders, wie man es von jemandem sagt, der irgendwie, na, der zum Beispiel blind ist. Ne, auch kein treffender Vergleich. Ich kannte ein Mädchen, das war blind. Wie ich es das erste mal erfahren habe, da dachte ich schon, oh, das arme Mädchen, sie sieht nichts von der Welt, ihr Leben liegt in ewiger Dunkelheit und so. Die war aber ganz in Ordnung, sogar lustig, lebenslustig, man konnte richtig Klasse mit ihr zusammen spielen, sie hatte immer gute Einfälle.

Und auch sonst, es war erstaunlich, was für Gedanken sie hatte. Als wir uns länger kannten, hat sie nämlich manchmal etwas davon erzählt. Und ich dachte, vielleicht hat sie gerade deshalb so gute Ideen, weil sie sich die Dinge besser vorstellen kann, nicht so wie sie wirklich sind, das musste man ihr ja alles beschreiben, aber wenn sie dann einen Begriff davon hatte, konnte sie sich alles mit ihrer eigenen Phantasie ausmalen. Oder sie dachte viel mehr darüber nach als manche, die die Dinge ständig vor Augen haben.

Einmal hat sie mich gefragt, welche Farbe Wasser hat. Ich antwortete: gar keine. Denn mein Lehrer Philolaos hat gesagt, die Farbe der Gegenstände wird durch das Sonnenlicht erzeugt, wenn es auf ihre Oberfläche auftrifft. Und das Wasser ist so klar, daß das Licht hindurchscheint, also gibt es keine Farbe. 'Wasser ist also durchsichtig?' hat sie mich gefragt. 'Ja', habe ich gesagt.

Und dann wollte sie es überprüfen, ich musste mir die Augen zuhalten, und sie hat ein paar kleine Gegenstände in ein Wasserbecken fallen lassen, und dann sollte ich sagen, was es war. Ich habe die Sachen auf dem Boden liegen sehen, es hat alles gestimmt.

Für mich war die Frage eigentlich erledigt. Nach ein paar Tagen kam sie und sagte: 'Wenn das Licht durch das Wasser hindurchscheint, dann hat Wasser wohl auch keinen Schatten?' 'Einen Schatten? Weiß ich nicht, habe ich noch nicht drüber nachgedacht.' 'Was? Du kennst doch Pindars berühmten Vers: Der Mensch ist der Traum eines Schattens. Wie kannst du so etwas Bedeutendes wie den Schatten einfach vergessen! Und das Wasser ist genauso bedeutend, ebenso bedeutend wie der Mensch.' 'In Ordnung, erwiderte ich, wir probieren es aus.' Man sieht es am besten, wenn man im hellen Licht einen Strahl Wasser auf die Erde gießt, aus einem Krug oder einem Lederschlauch: das Wasser wirft tatsächlich einen Schatten. Erstaunt dich das nicht, Timeas?

TIMEAS: Vielleicht glaubst du's mir ja nicht, aber ich habe mir das mal ganz ähnlich überlegt, und auf den Wasserstrahl bin ich genauso gekommen und dann habe ich den Schatten entdeckt, allerdings war mein Experiment ein anderes.

IPHIGENIE: Wie war deins?

TIMEAS: Ich habe es entdeckt, als ich mal pullern musste.

Sie lachen beide.

IPHIGENIE: Siehst du. Nein, ich wollte eigentlich damit sagen, daß man nicht etwa blind sein muss, um zu irgendwelchen Erkenntnissen zu gelangen. Aber, es hindert auch nicht daran.

TIMEAS: Trotzdem bin ich froh, daß ich nicht blind bin. Und ich bin auch froh, daß du es nicht bist, sonst könntest du nicht mein Porträt zeichnen.

IPHIGENIE: Ob das heute noch fertig wird. Ich glaube, ich muss es mit nach Hause nehmen und dort vollenden.

TIMEAS: Wie schade.

IPHIGENIE: Ach, du hast dich doch ohnehin jeden Tag selbst, und dein Vater sieht dich auch ständig. Aber wenn wir nicht zusammen sind, da ... da ist es gut, wenn ich ein Bild von dir habe. Na ja, außerdem ist es irgendwie misslungen, das kann man keinem zeigen.

TIMEAS: Vorhin hast du gesagt, es wäre gut geworden.

IPHIGENIE: Ja, vorhin. Ein Kunstwerk kann jederzeit misslingen, auch kurz vor dem Abschluss, ja sogar noch danach.

TIMEAS: Wenn es in den Regen kommt und aufweicht.

IPHIGENIE: Oder wenn es herunterfällt und man latscht aus Versehen mit dreckigen Füßen drüber.

TIMEAS: Oder wenn man heiße Holundersuppe darauf schüttet.

IPHIGENIE: Oder wenn eine Feuersbrunst es erfasst.

TIMEAS: Oder ein Vulkan ausbricht und glühende Lava und schwarze Asche darüber niedergehen.

IPHIGENIE: Dann würde ich es retten.

TIMEAS: Du bist das Wasser!

IPHIGENIE: Wie bitte?

TIMEAS: Du bist das Wasser. Alles, was du eben gesagt hast, mit der Abwehr und dem Widerstand, die du dem entgegenhälst, was dich bloßstellen könnte; das Licht, das durch dich hindurchdringt wie durch etwas Helles, Klares, durch nichts Getrübtes; und der Schatten, den was auch immer in deiner Seele wirft; das entspricht alles dir selbst.

IPHIGENIE: Findest du?

TIMEAS: Ich habe noch nie jemanden kennengelernt, bei der mir jede Kleinigkeit ihres Wesens so anmutig und unermesslich wertvoll vorkommt.

IPHIGENIE: Oh, unermesslich. Übertreibst du jetzt nicht ein bisschen? Oder willst du mir schmeicheln.

TIMEAS: Übertreiben auf keinen Fall. Und ich bin auch nur ein armer Junge, der allenfalls Rinder, Schafe und Ziegen hüten kann.

IPHIGENIE: Dafür kannst du aber erstaunlich schöne Worte finden. Was du sagst gefällt mir. Ich meine, wie du es zu mir sagst.

Sie schweigen eine Weile. Dann nimmt Timeas noch ein Täfelchen aus dem Korb.

TIMEAS: Und das letzte:

Laune der Liebe: erscheint sie wohl nie zur rechten Stunde.
Entweder kommt sie zu spät oder zu früh sie enteilt.

Hm.

IPHIGENIE: Ach, von wem ist das?

TIMEAS buchstabiert: Oinopides.

IPHIGENIE: Kenne ich nicht. Gib' mal her. Sie zerbricht das Täfelchen.

TIMEAS: Was machst du?

IPHIGENIE: Siehst du doch. So eine Sprüchesammlung muss man von Zeit zu Zeit ausmisten.

TIMEAS: Ich könnte dir einen neuen schenken.

IPHIGENIE: Aber nur einen selbstverfassten.

TIMEAS: Ja. Der einzige, den es nur zwischen dir und mir gibt.

IPHIGENIE: Da bin ich sehr gespannt, wie der lautet.

TIMEAS: Das wirst du sehen.

IPHIGENIE: Wollen wir baden gehen? Es ist so schrecklich heiß. Wir lassen alles hier liegen.

Sie stehen beide auf. Iphigenie reckt sich.

TIMEAS: Ich weiß eine gute Stelle, da ist fast keine Strömung, und der Grund ist schön sandig. Du kannst wirklich auf dem Rücken schwimmen?

IPHIGENIE: Wie ein Fisch.

TIMEAS: Ich kenne keinen Fisch, der auf dem Rücken schwimmt.

IPHIGENIE: Kein Wunder, er ist äußerst selten zu sehen.


 


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