Alexander Fuchs


Die Anstalt



Der Bürgermeister erwachte mit dem Nachhall seines letzten Traumbildes: der aufgedunsene Körper der Wasserleiche trieb im Uferschlamm des Hammerteichs, das bleiche Gesicht eine Hand breit unter der Oberfläche wie der ins Wasser gefallene Vollmond. Seit einigen Nächten immer dieselbe Szene. Der Bürgermeister hatte sich beinahe daran gewöhnt, und es wirkte längst nicht mehr mit dem Schrecken des ersten Mals. Es war keine wirre Phantasie oder die Begleiterscheinung einer schlecht verdauten Speise, sondern die bloße Erinnerung an das Ereignis, das nun fast drei Wochen zurück lag.

Dabei hätte das Hammerteichfest des Jahres 1796 so schön werden können. Es wäre ein weiterer der Höhepunkte gewesen, die sich in ansehnlicher, fast schon geregelter Folge in seine Amtszeit einfügten. In gewisser Weise war es das ja auch, und bis zu dem fatalen Zwischenfall, der Gott sei Dank erst nach dem offiziellen Abschluss sich ereignete, hatte dieses Fest die vorherigen an Pracht und Freude übertroffen, wie übrigens jedes Hammerteichfest alle anderen Hammerteichfeste übertraf.

Unterm großen Jubel des Publikums war bei hereinbrechender Dunkelheit das Feuerwerk gezündet worden, mit sprühenden und zischenden Funken, Böllern wie aus Kanonen und Blitzen in allen Farben. Das hatte er sich auch etwas kosten und extra aus Schlesien liefern lassen, wo, wie es hieß, das Knallpulver sonst zur Sprengung in den Kohlengruben eingesetzt wurde.

Die Menge hatte sich bereits zerstreut und nur einige ausgelassene Grüppchen vergnügten sich noch im Park, als der Gehilfe des Bürgermeisters mit einem wackligen Eselskarren anrückte und begann, die Lichter zu löschen und einzusammeln. Da hörte man plötzlich von der Mitte des Teiches her Geschrei. Wenig später kam ein Ruderboot heran, das mit einem halben Dutzend Männern und Frauen völlig überladen war. Sie jammerten alle durcheinander und auf ihren halb beleuchteten Gesichtern flackerte das Entsetzen.

Wie sich herausstellte, war die übermütige Truppe mit dem Kahn hinaus gerudert und dort dermaßen in Stimmung geraten, dass das Boot zu schaukeln anfing und nicht eher damit aufhörte, bis einer über Bord gegangen war. Das Wasser schluckte ihn und die Nacht verdunkelte die Stelle. (Wäre die Leiche, wie es später üblich wurde, genauer untersucht worden, hätte man festgestellt, dass der Mann infolge eines Herzanfalls umgekippt war und deshalb sofort verstummte.)

Der Gehilfe des Bürgermeisters teilte Lichter und Fackeln an die Freiwilligen aus und mit mehreren Booten wurde der Teich abgesucht - vergeblich. Auch die nächsten Tage brachten keinen Erfolg. Warum die Leiche erst eine Woche später wieder auftauchte, oder besser gefragt, warum sie eine Woche lang untergetaucht war, konnte nie geklärt werden. Die Angelegenheit war nicht nur für den Ertrunkenen äußerst nachteilig, sondern schadete auch dem Ruf Georgenrodas, dessen erholsame Idylle gerade im Begriff stand, über die Landesgrenzen hinaus bekannt zu werden.

Die Leute auf dem Kahn waren Auswärtige, und der Bürgermeister sah sich mit einem detaillierten Bericht über das Unglück im Amtlichen Anzeiger konfrontiert, in dem mit spitzer Feder moniert wurde, dass das Wasser zu tief, das Boot zu klein (oder zu groß) und die Beleuchtung zu früh verloschen war. Insgeheim verschaffte es ihm eine kleine Genugtuung, dass das Opfer kein Einheimischer war, sondern aus Büsum stammte; nichts anderes als das unabwendbare Schicksal hatte einen Küstenbewohner im Hammerteich zwischen den Bergen ertrinken lassen können.

Das schwammige Gesicht verfolgte ihn noch etliche Nächte, aber es verlor schon allmählich seine Züge, und als der Bürgermeister an diesem Morgen erwachte, hätte er beinahe einen hämischen Spruch losgelassen, wenn nicht seine Haushälterin Gertrud erschienen wäre. "Wo ist die gnädige Frau?" fragte er am Frühstückstisch und Gertrud sagte: "Sie ist heute schon ganz in der Frühe zur Fußpflege geeilt." "Geeilt?" "Allerdings, Herr Bürgermeister, wie jeden Mittwoch in letzter Zeit." "Ach ja, heute ist Mittwoch", stellte er hocherfreut fest. Mittwoch war Bagatelltag, an dem sich der Bürgermeister ausschließlich mit geringfügigen Angelegenheiten befasste. Das waren zum Beispiel Akten ordnen und abheften, den Schrank aufräumen, die Schreibfedern erneuern und das Tintenfass auffüllen lassen und ähnliche nicht eben bedeutende aber doch dringende Arbeiten.

Einmal hatte er einen halben Mittwoch damit verbringen müssen, etwas eingetrockneten Lack vom Amtssiegel zu entfernen und darüber vergessen, die Holzstifte auf der Kalendertafel an der Wand in das nächste Loch zu stecken. Überdies fiel jener Mittwoch auf den Ersten des neuen Monats, so dass am Donnerstag eine nicht geringe Verwirrung über das aktuelle Datum entstanden war. Denn schließlich handelte es sich um den offiziellen Kalender des Ortes, und wer hätte nun mit Gewissheit sagen können, wie viele Tage seit dem letzten Umstecken vergangen waren? Dieser Vorfall brachte den Bürgermeister auf die grandiose Idee, jede Aktualisierung des Kalenders in einem Heft zu vermerken, sozusagen als doppelte Kalenderführung. Eine ausführliche Beschreibung dieser Idee schickte er sogar an den Hof in Gotha, von wo allerdings noch keine Antwort gekommen war.

Natürlich wusste der Bürgermeister, dass es in Georgenroda noch andere Kalender gab, zum Beispiel hatte der Pfarrer einen und der Vogt namens Oschmann. Aber jener stammte noch aus der Zeit vor der Kalenderreform und dieser hatte schwer verständliche Angaben speziell für den Landmann. Immerhin half ihm der Vogt damals aus der Bredouille. Dennoch bildete sich der Bürgermeister zu Recht etwas ein auf seine übersichtliche Tafel bloß mit Zahlen und Buchstaben. Der schön verzierte Rahmen machte sie auch noch ansehnlich, "Carpe diem - hora ruit" stand da geschrieben, und das galt natürlich auch für einen Tag wie den heutigen.

Gutgelaunt machte sich der Bürgermeister auf den Weg zum Amtshaus. Dass er selbst nicht dort wohnte, hatte seinen Grund in der Erneuerung des Bürgermeisterhauses, das unmittelbar ans Amtsgebäude anschloss und wegen des baufälligen Zustands seines Untergeschosses renoviert wurde. Auch das gehörte zu seinen, wenn auch inoffiziellen Beschäftigungen an Bagatelltagen: den Fortgang der Bauarbeiten zu verfolgen, und gelegentlich erschien dabei auch die gnädige Frau, die natürlich ihre Vorstellungen über die künftige Einrichtung berücksichtigt wissen wollte.

Auf halbem Wege traf der Bürgermeister auf Barthel, der wie immer an einer seiner bevorzugten Stellen an der Hauptstraße stand und von leisem Singsang begleitet seinen Oberkörper hin und her wiegte. Barthel war so etwas wie eine Originalfigur des Ortes und aus dem Straßenbild nicht wegzudenken. Fremde betrachteten ihn als den Dorftrottel und machten sich über ihn lustig. Er war ein Mensch, der, wie sich die Doktoren vorsichtig ausdrückten, geistig zurückgeblieben und nicht entwicklungsfähig war. Wie so oft bei solchen bedauernswerten Personen konnte niemand sagen, auf welchem geistigen Niveau genau er stehengeblieben war, und also wusste auch keiner, in welche Richtung seine Entwicklung denn verhindert worden sei.

Jenen geistig Armen aber, über die man nichts Gewisses, ja nicht einmal nichts Ungewisses feststellen kann, haben mitunter das Glück, in einem gewissen Freiraum der Gesellschaft eine Art von gewohnheitsrechtlicher Schutzwürdigkeit zu genießen, unter welcher sie nicht nur geduldet, sondern sogar geschätzt werden, und sei es auch nur, damit sie im Wirtshaus bei fröhlicher Runde einen ihrer blödsinnigsten Einfälle zum Besten geben. So hieß es, dass Barthel, der übrigens viel jünger schien als er wirklich war, letztens bei der Schützenvereinsfeier zu vorgerückter Stunde und vor aller Augen in einen Bierkrug uriniert und denselben ausgetrunken habe. Und einige der - allerdings stockbesoffenen - Schützen behaupteten sogar, er hätte danach gerülpst, dass die Wände wackelten.

Natürlich war die Geschichte auch dem Bürgermeister zu Ohren gekommen. Doch hier zeigte sich eben wieder einmal, welche Bedeutung der Barthel für die Erhaltung einer durchaus Lebens bejahenden Einstellung der Einwohner von Georgenroda hatte, und nachdem der Bürgermeister mit peinlichster Befragung der Beteiligten (außer Barthel selbst natürlich) festgestellt hatte, dass bei besagtem Vorfall keine Frauen und erst recht keine jungen Mädchen anwesend waren, behandelte er die Sache für erledigt. Und nichts anderes hatten die Georgenröder von ihrem werten Bürgermeister erwartet.

Man konnte von Barthel, wenn man sich an seine eigentümliche Erscheinung erst einmal gewöhnt hatte, auch nichts Schlimmes oder gar Böses denken, im Grunde war er ja, wie man so sagt, ein armer Teufel. Dass sein Alter unbestimmt war, bemerkten wir schon, und er hatte noch ein weiteres typisches Kennzeichen, nämlich seine Puppe, die er nur aus der Hand legte, wenn er dazu gezwungen war. Es handelte sich um eine Puppe aus einer porzellanähnlichen Masse mit beweglichen Gliedmaßen und einem recht hübsch gemalten Gesicht. Angeblich hatte sie ein Waltershäuser Puppenfabrikant dem Barthel geschenkt, als der noch ein Kind war, doch die Vorstellung, dass Barthel jemals ein Kind und nicht immer schon Barthel gewesen sei, machte die Herkunft der Puppe wenig glaubwürdig. Man muss eher annehmen, dass er eben dazu gekommen war wie Barthel zum Kinde.

Sommer wie Winter stand Barthel von Sonnenauf- bis –untergang an der Straße. Er wohnte bei einem alten Weib in einer der letzten Hütten hinter der Bleiche, also schon nahe am Waldrand. Und "wohnen" konnte man es nicht nennen, er übernachtete dort in einem stallähnlichen Bretterverhau, den noch niemand außer ihm betreten hatte und um dessen Inneres sich daher die tollsten Gerüchte rankten. Wie die seiner Puppe lag auch seine eigene Herkunft im Dunkeln, und eine Zeitlang hatte man angenommen, er sei ein Findelkind. Aber diese Vermutung musste rasch wieder aufgegeben werden, weil es ja niemanden gab, der ihn gefunden hatte.

Die Puppe war übrigens namenlos. Irgendwann, so erzählte man, habe ihm mal jemand, mehr zum Spaß, vorgeschlagen, die Puppe Bartholine zu nennen, genauer gesagt, jener Schlaumeier hatte sie so angeredet: Guten Tag Barthel, guten Tag Bartholine - so in der Art. Es war das einzige Mal, dass man Barthel zornig gesehen haben will. Er war so zornig darüber, dass er versuchte, dem anderen einen Kinnhaken zu verpassen, was ihm freilich misslang.

Trotzdem musste er dafür drei Tage in der Rathauszelle absitzen. Während dieser Zeit brachten viele Einwohner ihm jede Menge Sachen zu essen ins Rathaus und manche hatten sogar Kuchen für ihn gebacken. Es war so viel, dass man den größten Teil nach Gotha an die Armenspeisung abgeben musste, bevor alles verdarb. Der Kläger, der sich den Puppennamen ausgedacht hatte, wurde fortan von den Einheimischen derart verächtlich behandelt, dass er sich entschloss wegzuziehen.

Wie alle, die ihn sahen, grüßte auch der Bürgermeister an diesem Mittwochvormittag den Barthel im Vorbeigehen, und dieser grüßte zurück in seiner nuscheligen Sprache und ohne seine wiegenden Bewegungen zu unterbrechen. Von Zeit zu Zeit meinte aber der Bürgermeister, dass es nötig wäre, dem Barthel wieder mal ein bisschen Achtung einzuflößen. So blieb er einen Moment stehen und fummelte mit der Spitze seines Gehstocks an Barthels unordentlicher Kleidung herum. "Wie sieht er denn heute wieder aus, Barthel", sagte er streng, "in diesem Aufzug ist er eine Schande für unseren Ort. Bringe er unverzüglich sein Wams in Ordnung, oder der Sankt Lederus wird ein Tänzchen auf seinem Buckel machen."

Der Sankt Lederus (auf dem zweiten e betont) war nichts anderes als der Lederriemen, den des Bürgermeisters Gehilfe zur Bestrafung kleinerer Delikte verwendete und auch zum Dorfschullehrer brachte, wenn dieser ihn anforderte. Auf die Bekanntschaft des Sankt Lederus legte Barthel keinen Wert und so stopfte er sich mit einer freien Hand schleunigst das Hemd in die Hose und rückte die Kappe zurecht. Der Bürgermeister war schon weitergegangen, drehte sich noch einmal um und rief: "Und wasche er sich in Herrgotts Namen wieder einmal." Barthel nickte heftig und nuschelte irgendetwas. Wenn man bei ihm auch über vieles im Unklaren blieb, so stand doch fest, dass er Waschwasser noch mehr als den Sankt Lederus fürchtete.

Der Bürgermeister hatte es sich in seiner Amtsstube gerade gemütlich gemacht und schickte sich an, ein Pfeifchen zu stopfen mit dem kräuseligen Tabak, den ihm ein Händler aus Brandenburg geschenkt hatte, der am Ort Geschäfte machen wollte, als der Sekretär Wieland mit einer Mappe unterm Arm eintrat und ihm einen guten Morgen wünschte. Der Sekretär Wieland war ein sehr dünner Mann mit fettigem schwarzen Haar, das er in eine Richtung zu kämmen und zu legen pflegte, in die es naturgemäß nicht wuchs und niemals wachsen würde. Anders als sonst, da er stets um diese Zeit zu einer Plauderei aufgelegt war, behelligte er den Bürgermeister mit einer Sache, die er völlig vergessen hatte.

"Herr Bürgermeister hatten das Wohlwollen, heute vormittag dem Herrn Doktor Hakemann einen Termin zur höflichen Vorsprache gewährt zu haben." Der Bürgermeister konnte sich weder an den Namen noch an seine Zusage erinnern, doch in letzter Zeit hatte er schon ein paar mal etwas vergessen, und das machte ihn allmählich stutzig. Sollten seine geistigen Kräfte nachlassen? Da traf es sich doch günstig, dass er für die außerordentliche Belästigung an einem Bagatelltage mit dem Besuch eines Arztes entschädigt würde, den er, natürlich nur ganz unverfänglich, über solche Sachen konsultieren könnte. "Ich weiß, ich weiß", sagte er zu Wieland, "wann war noch gleich der Termin?" "Um zehn Uhr", erwiderte der Sekretär.

Er schaute auf die alte große Kuckucksuhr, ebenfalls ein Geschenk, deren Türchen allerdings zugenagelt war, seitdem der Kuckuck angefangen hatte verrückt zu spielen und den Bürgermeister zum widerholten Male aus dem Mittagsschlummer gerissen hatte, so dass er ihn kurzerhand in Dunkelhaft sperrte. Die Uhr zeigte halb zwölf. "Ist er schon da?" fragte er und Wieland antwortete, das Wort "warten" geflissentlich vermeidend: "Er ist seit anderthalb Stunden anwesend."

Der Bürgermeister verschob das Pfeiferauchen, und der Doktor wurde herein gebeten. Doktor Josua Hakemann war von mittlerer Statur und hatte eine erstaunlich gesunde Gesichtsfarbe. Er drückte dem Bürgermeister zur Begrüßung so kräftig die Hand, dass sie weiße Stellen bekam und schaute ihm dabei mit einem eigenartig bohrenden Blick in die Augen. Der erste Eindruck des Bürgermeisters war nicht berauschend und so beschloss er, auf Distanz zu bleiben.

Er setzte sich in den großen Lehnstuhl hinter seinem Schreibtisch, wo er sich immer am sichersten fühlte und ließ den Gast ein paar Sekunden länger als üblich stehen. Doch der Doktor war wenig zurückhaltend und ergriff mit einem "Ich darf doch?" einen der Polsterstühle an der Wand, um sich ihm gegenüber zu setzen. Dass ein Fremder irgendeinen der Einrichtungsgegenstände so mir nichts dir nichts anfasste, und ihn gar von der Stelle zu rücken sich erdreistete, das trieb dem Bürgermeister die Zornesröte ins Gesicht.

Er sprang so heftig auf, dass seine Perücke verrutschte und etwas Puder abschüttelte, der ihm einen Niesanfall verursachte. Als er seine tränenden Augen getrocknet hatte, bemerkte er, dass der Doktor ihn aufmerksam beobachtete. "Es ist ...", krächzte der Bürgermeister und rang nach Luft, "es ist dieser fatale Heuschnupfen." Und dann kam ihm der vortreffliche Gedanke, hinzuzufügen: "Deswegen habe ich Sie auch hergebeten." Damit war wohl geklärt, worauf sich diese Unterredung, ja die Begegnung überhaupt, beschränken würde.

"Das ist interessant", meinte der Doktor und holte ein in Leder gebundenes Büchlein hervor, das er ziemlich in der Mitte aufschlug, um etwas zu notieren. "Was ist denn der Auslöser dieser Anfälle?", fragte er. Das Wort missfiel dem Bürgermeister erheblich, der nie im Leben irgendwelche Beschwerden gehabt hatte, abgesehen von den selbstverständlichen Gallenattacken nach den Schlachtfesten. Aber nun hatte er ja selbst damit angefangen.

"Na dieses weiße Zeug, was so weiß blüht", sagte er und schneuzte lautlos ins Taschentuch. "Sie meinen den Holunder?" "Ach was, ich kenne doch Holunder. Nein, so ein kleines unscheinbares Gewächs auf der Wiese, Sie müssen es doch wissen." "Es wächst auf der Wiese?" "Das sagte ich bereits. Auf der Wiese an der Schafstrift, wo seinerzeit schon die frommen Brüder ihr Zeug hergeholt haben." Der Doktor wirbelte gelassen den Bleistift zwischen den Fingern und an seinem nachsinnenden Blick erkannte der Bürgermeister, dass die Sache erst ihren Anfang nahm. "In der Tat, ich kenne eine ganze Menge von Phytogenen und ihre Repräsentanten, um so mehr bin ich für jede neue Erkenntnis dankbar." Der Bürgermeister nickte wohlgefällig.

Der Doktor ließ nicht locker. "Sind die Blüten groß oder klein?" "Eher klein." Er machte eine Notiz so kurz wie eine Silbe. "Und die Blätter, verehrter Herr Bürgermeister, sind sie herzförmig oder mehr pfeilförmig." "Sie sind grün." Der Doktor schmunzelte, machte aber trotzdem eine Notiz. Vielleicht macht er sich Notizen über mich und nicht über dieses imaginäre Kraut, dachte der Bürgermeister, dem der Besuch schon viel zu lange dauerte. "Es wächst auf einer entfernten Wiese", murmelte der Doktor, als würde er ein Rätsel nachsprechen. Er hält mich für einen Simulanten, glaubte der Bürgermeister und nickte so nachdrücklich, dass ihm der Puder noch einmal ein Niesen bescherte.

"In der Tat", stellte der Doktor fest, "wissen Sie was, verehrtester Herr Bürgermeister?" "Was?" fragte der barsch. "Dieser Fall bestätigt meine Theorie von der virtuellen Wirkung des Einen auf das Andere ohne alles Materielle oder Mechanische. Es ist sehr wahrscheinlich eine Emanation des geistartigen Lebensprinzips." "Wir hier nennen es jedenfalls Heuschnupfen", sagte der Bürgermeister, der fest entschlossen war, die Sache zu beenden. "Ich schlage vor, Herr Doktor Hakemann, Sie nennen mir den Grund Ihres Besuchs, denn meine Zeit ist gerade heute eng bemessen."

"Selbstverständlich", antwortete der Doktor sehr gehorsam, ergriff aber sofort wieder die Initiative. "In Anbetracht Ihrer Zeitnot werde ich Ihnen diese Schriftstücke zur freundlichen Einsichtnahme hier lassen. Sie erfahren daraus alles Nötige über meine Person und meine Qualifikation als Arzt, außerdem sind einige Referenzen beigelegt." Der Bürgermeister wies widerwillig auf eine Stelle des Schreibtisches, wo er die Papiere hinlegen sollte. "Ich werde Sie baldigst mit meinem Plan bekannt machen, hier in Ihrem Ort eine Heilanstalt einzurichten."

"Eine was?" "Eine Heilanstalt für geisteskranke Personen." Unwillkürlich warf der Bürgermeister einen Blick aus dem Fenster und sah Barthel, der direkt vor dem Rathaus seinen Posten bezogen hatte. "Wie kommen Sie darauf, dass es gerade hier solche Personen gibt?", fragte er bang. "Oh nein, meine Patienten werden von außerhalb kommen, es wird eine Art Sanatorium im Walde." Der Bürgermeister starrte ihn eine Weile an und sagte dann: "Gut, gut, Sie werden mir beizeiten mehr davon berichten, für heute muss ich Sie leider entlassen."

Der Doktor wandte sich zum Gehen, da fiel sein Blick auf die Kalendertafel. "Ist heute schon der Vierzehnte?" Der Bürgermeister ließ keinen Zweifel aufkommen. "Allerdings." Er schob den Doktor sachte mit der Hand in Richtung Tür, aber der trat noch einen Schritt vor den Kalender und meinte: "Ein schönes Stück." "Ich werde Ihnen den Gebrauch demnächst erläutern, wenn Sie möchten", erwiderte der Andere und drängte ihn hinaus. "Wenn Sie sich für Kalender interessieren", sagte der Doktor, "ich habe einen sogenannten Immerwährenden Kalender."

Das ließ den Bürgermeister noch einmal aufhorchen. "Wie meinen Sie das?" "Nun, damit kann man für jedes beliebige Datum den entsprechenden Wochentag feststellen, in der Vergangenheit ebenso wie in der Zukunft." "Ich könnte voraussagen, auf welchen Wochentag der dreiundzwanzigste November des nächsten Jahres fällt?" "Exakt. Und sogar den Wochentag des dreiundzwanzigsten Novembers im Jahre Eintausendneunhundertsechsundachtzig." Er ist ein Scharlatan, dachte der Bürgermeister und schloss hinter ihm die Tür.

Doktor Josua Hakemann hatte bereits halb Europa durchquert, als er in Georgenroda ankam. Aus einem kunstgewerblichen Hause stammend, war er Zögling der Fürstenschule zu St. Afra im sächsischen Meißen gewesen, einer Stätte, die einige kluge Köpfe hervorgebracht oder zumindest gefördert hat. Er studierte Medizin in Leipzig und arbeitete danach im Spital der barmherzigen Brüder in der Leopoldstadt von Wien. Der bekannte Professor Quarin, nachmals Leiter im angesehensten Hospital Europas, nahm sich seiner an. Später folgte Hakemann dem Ruf des Barons von Bruckenthal nach Hermannstadt in Siebenbürgen, wo sich die Sachsen nahe der Grenze des abendländischen Kulturkreises angesiedelt hatten. Von dort kam er zurück nach Erlangen und bekam hier die Doktorwürde verliehen für seine Abhandlung über krampfartige Affektionen.

Doch alle seine Erfahrungen und Verdienste mochten ihm nicht dazu verhelfen, einen Platz zu finden, wo er seiner Heilkunst in Ruhe und Ansehen frönen konnte. Nicht nur, dass er von Hamburg bis Dresden gut zwei Dutzend mal die Orte wechselte, er warf sich auch mit ungeheurem Fleiß und Eifer auf andere Gebiete der Wissenschaft, die Chemie, Pharmazie, Hygiene, ja sogar die Pädagogik. Er übersetzte Werke aus dem Französischen, Englischen und Italienischen, die er fließend sprach. Bedenkt man zudem, dass Hakemann in dieser Zeit, allerdings in Arbeitsteilung mit seiner Ehefrau, die Familie um zehn Kinder vermehrte, so wird vielleicht ein kleiner Eindruck von seiner starken und stets auf nachhaltige Wirkung bedachten Persönlichkeit deutlich.

Am meisten jedoch schien Doktor Josua Hakemann damit beschäftigt, die jahrhundertealte Heilkunst der herkömmlichen Art, die man auch halb ergeben halb skeptisch die "Schulmedizin" nannte, über den Haufen zu werfen und ihre, wie er glaubte, nötige Wiedergeburt zu betreiben. Nach und nach errichtete er sein Gebäude einer neuen Heillehre und verteidigte es gegen alle Feinde, deren es ihm Zeit Lebens nicht mangelte.

Alle die einfachen, probaten Mittel, mit denen die ganze Zunft des Äskulap über Generationen hinweg die Kranken kuriert hatte, sie überantwortete Hakemann dem Feuer seiner Kritik. Die üblichen Brech- und Abführkuren fand er nutzlos, Temperiermittel und laue Bäder lächerlich. Verdünnende Getränke und ermattende Diäten, Blutreinigungen und ewige Laxanzen waren nur Verzweiflungstaten hilfloser Ärzte, die von den wahren Ursachen der Krankheit soviel wussten wie vom Goldmachen.

Besonders aber den Aderlass, das Allheilmittel gegen jedes diffuse Leiden, das sich der trefflicheren Diagnose entzog, erklärte er geradezu zum Verbrechen am Patienten. Mit welcher Begründung, so wetterte er, verordnete man einen zweiten Aderlass, wenn der erste schon nicht geholfen hatte? Wie konnte man einer abgemagerten und durch die Tortur wiederholten und langwierigen Durchlaufs völlig entkräfteten Person drei- gar viermal in vierundzwanzig Stunden den Lebenssaft abzapfen. Woher nahmen diese Ärzte die Prinzipien ihrer Behandlungen, wenn nicht aus einem verdorbenen Pfuhl von Halbwahrheiten und fehlerhaft überlieferten Beispielen.

Wenn auch der äußere Anschein seines Charakters es nicht auf den ersten Blick offenbarte, so war Doktor Josua Hakemann radikal im Denken und rücksichtslos im Beschreiten unbekannter Pfade der Wissenschaft, rücksichtslos nicht zuletzt gegen sich selbst, indem er oft genug nahe daran war, seine eigene Reputation und Glaubwürdigkeit aufs Spiel zu setzen. Vielleicht redeten ihm dabei die Vorahnungen großer Revolutionen und Reformen in Europa an der Wende zum neuen Jahrhundert das Wort, vielleicht besaß er auch in seinem Innern jene unerschütterliche Gewissheit bedeutender Menschen, dass die Misserfolge zu Lebzeiten sich auf frappierende Weise in geniale Fortschritte für die Nachwelt wandeln können. Doch so weit war es noch nicht, als er den Plan einer Irrenanstalt im beschaulichen Tale des Apfelbachs fasste.

Der Bürgermeister hatte Hakemanns Besuch schnell wieder vergessen, und da sich der Umbau seines Diensthauses der Vollendung näherte, hatte er andere Sorgen als die Abschaffung pathologischer Geistes- und Gemütszustände in der Welt. Erst als zwei Wochen nach dem Umzug in die neue Wohnung die gnädige Frau durch eine Unachtsamkeit bei der wöchentlichen Fußpflege eine Verletzung an der rechten Großzehe erlitt, die sich anschließend sehr schmerzhaft entzündete, fiel dem Bürgermeister wieder der Arzt ein. Jedoch nahm er Abstand davon, ihn um Hilfe zu ersuchen und kutschierte seine Gemahlin in die Residenzstadt, wo ihr der dasige Medicus Warnholz Erleichterung verschaffte. Gelegentlich dieser Erinnerung beschloss der Bürgermeister, dem Doktor Hakemann seine Unterlagen zurückzuschicken nebst einem Schreiben, in dem er dessen Ersuchen aus mancherlei Gründen, die keinesfalls in der Person Hakemanns zu suchen seien, abschlägig beschied.

An einem Vormittag, als die Frühsommersonne ihre warmen Strahlen durchs geöffnete Fenster der Amtsstube schickte und der Gesang der Vögel die Stimmung des Bürgermeisters wohltuend inspirierte, war er gerade dabei, den Brief an den Doktor zu versiegeln, als der Hotelier Steinlen anklopfte und sofort das Zimmer betrat. Friedrich Steinlen hatte das Privileg, unangemeldet vorzusprechen, seitdem er dem Bürgermeister einen großen Dienst erwiesen hatte, über den jedoch absolutes Stillschweigen herrschte und von dem deshalb hier weiter nichts berichtet werden kann.

Steinlen, ein gebürtiger Schwabe, war erst vor einigen Jahren nach Thüringen gekommen und hatte die Sägemühle am Steingrund aufgekauft, die sich in schlechter baulicher wie ökonomischer Verfassung befand. Er brachte den Betrieb auf Hochtouren und als das Geschäft florierte, verpachtete er die Mühle samt allen Kontrakten über den Bezug von Rohholz aus dem Wald und die Abnahme von Bau- und Möbelholz vor allem durch Erfurter Werkstätten. Den Gewinn daraus investierte er zunächst nach dem gleichen Muster in die marode Herberge am Herrenhügel, in der wie es hieß, zuletzt nur noch Wilddiebe und Räuber gehaust hatten. Steinlen beschränkte sich auf eine reine Gastwirtschaft und sein umtriebiges Wesen sowie zwei, drei wetterfreundliche Jahre machten das Haus zum beliebtesten Ausflugslokal am Ort.

Dann strebte er nach Größerem. Er erwarb ein Brachland hinter dem ehemaligen Kloster und baute darauf ein Hotel "Zum Adler" mit zwei Etagen, zwölf Zimmern, einer Sommerterrasse und einem Garten mit Rosenbeeten und Buchsbaumhecken. So prächtig das Haus auch war, erwies es sich doch als eine Nummer zu groß für einen Ort, der lediglich durch ein verlassenes Kloster und eine Pferdezucht von sich Reden gemacht hatte. Die Gäste blieben fern, die Zimmer unbewohnt. Es drückte zwar nicht merklich auf Steinlens Bilanzen, doch wie der Anblick einer nagelneuen modernen Maschine, die stillsteht, so stach ihm als echtem Geschäftsmann der Anblick der leeren Seiten des Gästebuches ins Herz.

Als Doktor Josua Hakemann bei ihm abstieg, hatte der Hotelier sofort ein gutes Gefühl, und das bedeutete bei ihm die Aussicht auf ein glänzendes Geschäft. Ohne auch nur das Mindeste vom Grund seines Besuches gehört zu haben, ließ ihn das Auftreten und die Ausstrahlung des Doktors eine vielversprechende Unternehmung wittern. Kein gestandener Mann von solchem Format würde nach Georgenroda kommen, wenn er den Ort nicht zum Schauplatz seines professionellen Erfolges erkoren hätte. Und weil er spürte, dass er diesem Gast nicht einfach für die Dauer seines Aufenthalts das Geld aus der Tasche ziehen durfte so gut es ging, sondern versuchen musste, eine echte Geschäftsbeziehung zu ihm aufzubauen, gab er ihm ein kompfortables, aber nicht das teuerste Zimmer, immerhin mit Blick auf den Garten.

Hakemanns Familie logierte einstweilen in Gotha und er selbst fuhr häufig abends dorthin zurück oder ritt auf einem geliehenen Pferd. Steinlen ging auf alle Wünsche des Doktors ein und stellte zum Beispiel ein großes Schreibpult mit Leselampe, einen Schrank und eine Chaiselongue ins Zimmer. Außerdem brachte er Vorhänge am Fenster an, um ihm auch am Tag das nötige Dämmerlicht für eine Ruhepause zu verschaffen. Beide respektierten sich mit Achtung und auch einer gewissen Erwartung. Steinlen war der einzige, der ziemlich früh im Geiste schon jene Gedenktafel für Josua Hakemann sah, die dann später tatsächlich angebracht wurde, allerdings nicht am Hotel "Zum Adler" wie sein Besitzer es gern gehabt hätte.

Freilich wäre Friedrich Steinlen nicht der Hans Dampf in allen Gassen gewesen, wenn er nicht als einer der ersten von Hakemanns Plan einer Heilanstalt erfahren hätte. Und zwar über den Sekretär Wieland, der eine Stelle in der Tür zur Bürgermeisterstube kannte, die für darin geäußerte Worte besonders durchlässig war. Jeden Freitag traf sich im Herrenzimmer des "Adler" eine Runde wackerer Männer zum Kartenspiel und einer Flasche Portwein. Außer dem Sekretär Wieland waren das der Dorfschullehrer, der Kerzenfabrikant im Ruhestand Albrecht, ein Ohrdrufer Hauptmann, der bei Wind und Wetter kam, und der Vogt Oschmann. Steinlen wohnte der Runde bei, spielte aber nicht mit und ließ die Herren von seiner Magd, der Jungfer Schneegaß bewirten. Man hatte eine Kasse, aber Steinlen war sehr konziliant bei der Bezahlung, die Neuigkeiten der Leute waren ihm mehr wert als ihre bescheidene Zeche.

Wie immer bei diesen zwanglosen Gesprächen gab sich Steinlen nicht übermäßig interessiert, denn er hatte in seinem bisherigen Leben die Erfahrung gemacht, dass man von anderen schnell ausgenutzt werden kann, wenn man zuviel Wert auf ihr Geschwätz legt, und sei es nur, weil sie froh sind, dass sich jemand zum Zuhören gefunden hat. So zeigte er sich auch wenig beeindruckt, als die ungewöhnlichen Worte "Heilanstalt" und "Geisteskranke" fielen. Der Ohrdrufer Hauptmann gab sogleich eine Anekdote aus dem Schlesischen Krieg zum Besten, wo ein Offizier angesichts der vielen grässlich verstümmelten Leichen durchgedreht und sich eine Kugel in den Kopf gejagt habe.

Der Hauptmann schloss sich dann jedoch der einhelligen Meinung an, dass diese Tat kein Beispiel für einen geistigen Defekt war, als vielmehr für Charakterschwäche. Der Sekretär Wieland wollte die Geschichte mit des Bürgermeisters Kuckucksuhr anbringen, als einen Fall gewissermaßen, wo selbst ein seelenloses, mit exakter Mechanik angetriebenes Wesen urplötzlich und ohne Grund die geregelte Bahn verlassen kann, aber da bekam er ein gewinnträchtiges Blatt in die Hand und musste sich ganz aufs Spiel konzentrieren.

Mit dem, was er jetzt wusste, beschloss Steinlen, den Bürgermeister aufzusuchen, um mit ihm über die Sache zu sprechen, und er traf ihn eben in dem Moment an, als er das Schreiben an Hakemann versiegelt hatte. Der Bürgermeister sagte zunächst nichts über seine Entscheidung und erzählte dem Hotelier nur, dass der Doktor ein Sanatorium zu eröffnen beabsichtige. Steinlen machte eine vielsagende Miene. "Ein Sanatorium also, nicht bloß eine Heilanstalt."

Der Bürgermeister, dem der Unterschied nicht so gravierend vorkam, klärte Steinlen darüber auf, dass der Doktor nur auswärtige Patienten aufzunehmen gedenke. Einen Moment lang erwog er zu behaupten, Hakemann hätte seinen Plan sowieso schon wieder zurückgezogen, aber Steinlen hatte ja auch zum Doktor inzwischen einen guten Draht und seine, des Bürgermeisters, Ablehnung wäre womöglich zu früh publik geworden.

"Warum interessieren Sie sich überhaupt dafür?", fragte er. Steinlen schüttelte den Kopf, als würde er irgendetwas nicht ganz verstehen. "Es ist doch eigenartig, verehrter Herr Bürgermeister. Gerade letzte Woche weilte ich geschäftlich in Friedrichthal, und was glauben Sie, worüber die Leute dort gesprochen haben?" "Was weiß denn ich, worüber die Leute in Friedrichthal reden, es geht mich nur etwas an, was sie hier reden." "Sie sprachen von einem Doktor, der am Ort eine Heilanstalt eröffnen will."

Der Bürgermeister, der wirklich leicht aufbrauste, fuhr hoch. "Das gibt es doch nicht, er ist ein Scharlatan, ich habe es gewusst, er schwatzt überall was von seinem Plan und denkt, die Leute würden ihm auf den Leim gehen, ein Betrüger ist es." "Beruhigen Sie sich, Herr Bürgermeister, es ist nicht ganz so wie Sie denken. In Friedrichthal sagten sie, der Doktor habe gesagt, er sei in Georgenroda sehr freundlich und zuvorkommend behandelt und sein Plan sei mit dem größten Wohlwollen angehört worden." Der Bürgermeister setzte sich wieder und sagte "So ist es."

"Aber..." "Was aber?" "Aber, so der Doktor, er wolle sich nur streng wissenschaftlich an die Voraussetzungen halten, die für sein Geschäft, ich meine für seine Anstalt am günstigsten erscheinen." "Soll das etwa heißen, die Friedrichthäler hätten die besseren Idioten?" "Wie auch immer, es könnte jedenfalls heißen, dass uns die Friedrichthäler einen fetten Bissen wegschnappen, so wie im vergangenen Jahr das große herzogliche Rotwildgehege."

Damit hatte Steinlen einen wunden Punkt berührt. Ungern erinnerte sich der Bügermeister der Anstrengungen, die er weiland unternommen hatte, um jenes Wildgehege in Georgenroda einzurichten. Ein vorzüglich geeignetes Gelände im Paulfeldgrund war erschlossen, teils gerodet, teils für Jagd und Hege präpariert und sogar schon mit allerhand Wild aus dem Tambacher Forst bestückt worden. Eine große Treibjagd sollte den Herzog und seinen Oberforstmeister vollends von dem Standort überzeugen.

Und es wäre wohl auch geglückt, wenn nicht einer dieser Bauerntölpel, die dem Herzog das Wild aus dem Busch vor die Flinte treiben sollten, sich verirrt hätte und weit aus dem Gehege hinaus gelaufen war. Dabei hatte er einen kapitalen Sechzehnender aufgebracht und mit Hilfe von drei Hunden tatsächlich so lange hingehalten, bis die hohen Herren, dem Hornsignal folgend, zur Stelle waren. Der Herzog streckte den Hirsch nieder, nachdem man ihn am Hinterlauf lahm geschossen hatte.

Zum Gedenken an diesen Jagderfolg stiftete der herzogliche Oberforstmeister einen Stein. Das geschah aber bereits so tief auf Friedrichthaler Gebiet, dass die örtliche Bürgerschaft ihrerseits den Vorschlag unterbreitete, den Gedenkstein zum Mittelpunkt des geplanten Geheges zu machen und dieses im Übrigen mit weiteren solchen erstaunlichen Hirschen aus dem eigenen Bestand zu füllen. So bekam Friedrichthal sein Wildgehege und der Bürgermeister hatte das Nachsehen.

"Ich kann nicht erkennen, was ein Sanatorium mit einem Wildgehege zu tun hat", meinte der Bürgermeister, "außer vielleicht, dass in beiden die Insassen eingesperrt sind." Da begann Steinlen, seinem Gegenüber klar zu machen, wie eine solche Einrichtung sich günstig auf die Entwicklung des Ortes auswirken würde und er gebrauchte dabei das Wort "Fremdenverkehr". "Gesetzt den Fall", erläuterte er weiter, "der Doktor erzielt mit seiner Behandlung beachtliche Heilerfolge, deren Nachricht sich verbreitet. Andere Patienten werden angelockt, die Anstalt erweitert ihren Betrieb, wird vergrößert, umständlichere Verfahren werden erprobt, kostspielige Mittel verordnet." Steinlen, der überhaupt keine Ahnung von Medizin hatte, begleitete seine Worte mit weit ausholenden und anhäufenden Handbewegungen.

Der Bürgermeister, der wirklich leicht zu verunsichern war, machte eine ungläubige Miene. "Lieber Herr Steinlen, wie Sie so reden, könnte man befürchten, dass eines Tages ganz Georgenroda eine einzige Heilanstalt ist. Haben Sie vielleicht darin auch schon eine Rolle für mich vorgesehen?" Steinlen blieb ernsthaft und durchaus loyal und versuchte unbeirrt, dem Bürgermeister die Sache schmackhaft zu machen, wobei er diesmal das Wort "profitieren" gebrauchte.

Und dann holte er ein kleines in Leder gebundenes Notizbuch hervor, schlug es etwa in der Mitte auf und unterbreitete eine "Kalkulation", wie er es nannte. Wenn nur fünf Patienten für neun Monate sich am Ort aufhielten und alle Leistungen in Anspruch nähmen, die mit dem Aufenthalt unbedingt verknüpft sind (bis hin zur An- und Abreise), "dann", so meinte Steinlen, "würde es ziemlich genau diese Summe in die Georgenrodaer Verwaltungskasse spülen." Und er hielt dem Bürgermeister die aufgeschlagene Seite vor die Augen.

"Mit jedem weiteren Patienten erhöht sich dieser Betrag nicht etwa einfach nur um ein Fünftel, sondern man muss, vorausgesetzt man kalkuliert richtig, keine lineare, sondern vielmehr eine progressive Steigerung errechnen." Dabei ließ sein Ausdruck keinen Zweifel daran, dass er selbst derjenige war, der diese Art der Berechnung beherrschte. Der Bürgermeister hatte ihm das Büchlein aus der Hand genommen und sich hinter seinen Schreibtisch gesetzt. "Ich weiß nicht recht", sagte er dann, und es klang schon ein wenig wie etwas, das man dabei berücksichtigen sollte, "ob die Hakemann'sche Heilkunst wirklich dazu angetan ist zu florieren. Wenn ich es Ihnen sage, er hat ganz seltsame Ansichten, er sprach letztlich etwas von einem dynamischen Lebensprinzip, das ganz ohne Materia wirke. Ich meine, wenn jemand mit einer Geistesverwirrung hierher kommt, ob dem mit einem anderen wirren Geist geholfen werden kann?" "Aber selbstverständlich", rief Steinlen überzeugt, "gerade diese Ähnlichkeit, diese Gemeinsamkeit wird die Kranken anziehen, denn nach all den erfolglosen und nur verschlimmernden Behandlungen werden sie in der Hakemann'schen Anstalt ihre letzte Rettung sehen. Und, mein verehrter Herr Bürgermeister, sie werden keine Kosten scheuen, um geheilt zu werden. Jeder Tag, den sie auf unserem idyllischen Fleckchen Erde erleben dürfen, wird ein glücklicher Tag sein, für den sie bereit sein werden, ihr ganzes Hab und Gut zu verpfänden."

Der Bürgermeister war erstaunt über sich selbst, als er sagte: "Es wird eine lange Behandlung nötig sein, um die Kranken zu kurieren, eine ganze, umfangreiche Kur." Steinlen sah in fasziniert an. "Das ist es! Wir werden einen Kurbetrieb eröffnen. Der Wald, die Luft, das Wasser, die Erde, der Gesang der Vögel im Frühling, das Röhren der Hirsche im Herbst, alles womit uns der Herrgott hier so reichlich gesegnet hat, werden wir in den Dienst der Medizin stellen. Damit tun wir der Menschheit etwas Gutes und es nützt uns zugleich selber."

Er sprang auf und nahm mit einem "Sie erlauben" das Notizbuch wieder an sich, in dem der Bürgermeister gerade angefangen hatte herumzublättern. "Ich werde unverzüglich beginnen, die nötigen Vorermittlungen zu führen. Ich verbleibe in der Gewissheit, baldigst wieder bei Ihnen vorsprechen zu dürfen." Im Vorbeigehen fiel sein Blick auf den Kalender. "Ist heute erst der Dreiundzwanzigste?" "Allerdings", meinte der Bürgermeister noch halb in Gedanken. "Großartig, je früher desto besser." Damit verließ er so eilig das Zimmer, dass dem Sekretär Wieland die Tür gegen den Kopf prallte.

Der Bürgermeister erhob sich und ging grübelnd auf und ab. Dann betrachtete er den Kalender und suchte nach der unzweifelhaften Bestätigung, dass heute der Dreiundzwanzigste war. Doch zu seiner großen Enttäuschung fand er sie nicht, und er dachte wieder an den Doktor, der irgendetwas von einem immerwährenden Kalender erzählt hatte. Immerwährend, das hieß doch nichts anderes, als dass er völlig unbehelligt von mehr oder weniger fehlerhaften Eingriffen von außen funktionierte, dass man ihn seinem Gang überlassen konnte, ihn weder aktualisieren noch korrigieren musste und sich dennoch absolut darauf verlassen konnte. Was für ein beruhigendes Gefühl muss einem die Betrachtung jenes Kalenders vermitteln, dachte er. Daraufhin ging er zum Schreibtisch, nahm das Schreiben an Doktor Josua Hakemann und zerbrach das Siegel.

Die erste Patientin, die in Doktor Josua Hakemanns neueröffneter "Anstalt für wahnsinnige Standespersonen" aufgenommen wurde, war die Witwe Sassenhof aus Königsberg. An einem Dienstag war sie von der Station in Gotha mit der Kutsche abgeholt worden, die der Hotelier Steinlen angeschafft hatte und unter anderem an die Hakemann'sche Anstalt vermietete. Es war ein nagelneues Gefährt mit zwei strammen Rappen, das nach Steinlens Maßgaben gebaut worden war und dessen Inneres außer auf dem Boden mit dicken Polstern ausgekleidet war, über die sich ein dunkelroter und einigermaßen elastischer Gummibezug spannte. Außerdem gab es eine Tür, die von außen verriegelt werden konnte.

So schlau sich Steinlen das hoteleigene Verkehrsmittel auch ausgedacht hatte, es erwies sich gleich bei der ersten Fahrt als unbrauchbar. Die Witwe Sassenhoff kam nämlich in ihrem eigenen Lehnstuhl sitzend an und war auch nach eindringlichem Zureden nicht bereit, ihn zu verlassen, sondern bestand darauf, in diesem Habitus in Hakemanns "Praxis" wie sie sagte, befördert zu werden. Wie er das anstellen solle, hatte der Kutscher gefragt, obwohl er aus jahrelanger Arbeit beim Fortrücken gefällter Baumstämme über nicht geringe Erfahrung im Transport verfügte. Das sei doch nicht ihr Problem, habe die Witwe höhnisch erwidert, schließlich habe sie für die Behandlung gezahlt, und zwar "toto inclusivo".

Der Kutscher, dem es ziemlich gleichgültig war, wie die Bezeichnung der Fuhre lautete, war viel mehr verwirrt über die Tatsache, dass an dem Lehnstuhl vier kleine Räder angebracht waren und durch einen Bügel- und Federmechanismus das Möbel wahlweise zum Rollen gebracht oder hingestellt werden konnte. (Übrigens hat dieser eigentümliche Gegenstand später den Ohrdrufer Fabrikanten Julius Meyer auf die Idee gebracht, dem Doktor einige Schaukelpferde in Erwachsenengröße anzubieten, was dieser jedoch als Affront gegen seine Tätigkeit verstand.)

Jedenfalls passte die Witwe nicht zusammen mit ihrem fahrbaren Untersatz in die Kutsche, und so bugsierte er die ehrenwerte Patientin zunächst über den Marktplatz zum Bäcker Leonhart, der in seinem Laden auch ein kleines Café betrieb, bestellte ihr, natürlich auf Anstaltskosten, Kaffee und Gebäck und machte sich auf die Suche nach einem geeigneten Fahrzeug.

Er fand nichts anderes als einen Leiterwagen, der gerade eine Ladung Stroh nach Boilstedt gebracht hatte und nun auf Leerfahrt wieder die Stadt passierte. Der zugehörige Bauer war über eine unvorhergesehene Einnahme natürlich hocherfreut und berechnete wegen des Umweges den doppelten Preis, den der Kutscher aufs Anderthalbfache herunterhandeln konnte. Die beiden Männer hievten die Witwe samt Sitz wie eine steinerne Brunnenfigur auf die Ladefläche und befestigten den Stuhl mit Stricken am Wagen.

Trotz des hochsommerlichen Wetters trug die Witwe Sassenhof einen Pelzmantel, schwarze Seidenhandschuhe und eine elegante Mütze aus Silberfuchsfell. Der etwas ungewöhnliche Aufzug verwunderte den Kutscher wiederum gar nicht und verleitete ihn zu der Bemerkung: "Gnädige Frau kennen auch die alte Weisheit unserer Bauernweiber: Was gegen Kälte schützt, schützt auch gegen Hitze." Worauf ihn die Witwe angiftete, er möge sich unterstehen, mit ihr in diesem Ton zu sprechen.

So lud er ihr Gepäck auf seine Kutsche und fuhr vorneweg, während die Witwe auf dem Leiterwagen durch ein Spalier neugieriger Leute in Richtung Georgenroda hinterherholperte.

Der Bürgermeister hatte, auf Steinlens Idee hin, eine Art kleinen Empfang für den ersten Kurgast organisiert, denn von dem guten Gelingen des Auftakts hing viel ab, wenn man sich einen positiven Ruf schaffen wollte, und das wollten alle.

Selbst Hakemann willigte nach anfänglicher Skepsis ein; zuerst gab er nämlich zu bedenken, dass es sich bei der Witwe Sassenhof nicht um eine gewöhnliche Touristin handelte, sondern um eine Person, die ärztlicher Hilfe bedürfe.

Nun, meinte der Bürgermeister und wollte Hakemanns medizinischem Kauderwelsch nicht nachstehen, wenn es kein Fall von echtem Tourismus wäre, dann sollte man die Witwe wie eine Gesunde behandeln, solange nicht das Gegenteil erwiesen sei.

Beweise, so erwiderte Hakemann, gäbe es in der Medizin ohnehin nicht, allenfalls Bilder, Krankheitsbilder.

Sich ein solches zu machen, so der Bürgermeister darauf, habe er, Hakemann, ja nun Gelegenheit, und dazu gehöre doch auch die erste Begegnung mit dem Patienten.

"Empfangen Sie sie meinetwegen, wie es Ihnen gefällt", sagte Hakemann, "aber ich möchte darauf hinweisen, dass manche gemüts- und geisteskranken Menschen in ihren Reaktionen unberechenbar sind." "Papperlapapp", schnitt ihm Steinlen das Wort ab, der bemerkte, wie die Kutsche auf der Fahrstraße am Ortseingang auftauchte ...





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