Alexander Fuchs : Edition Gothaer Hefte
Eleonore Junipher

 
 
Los días de la buena muerte

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Ich war acht oder neun Jahre alt, als sich die Unruhen unter den Bauern auch in unserem Ort bemerkbar machten. Mein Vater kannte einen Mann namens Michael Hutter. Der kam eines Tages zu uns und gab sieben Fahnen in Auftrag. Meine Mutter und meine ältere Schwester waren Näherinnen. Die Fahnen sollten als Zeichen ein Kruzifix, einen Vogel, einen Hirsch, einen Fisch und drei Bäume für einen Wald tragen; das waren die Symbole, auf die sich die Bauern verständigt hatten.

Sie sollten rasch fertig sein, und meine Schwester, die noch gesunde, gute Augen hatte, hantierte sogar nachts beim schwachen Licht von Kerzen und einer Ölfunzel. Sie war sehr stolz auf ihre Arbeit. Der Hutter war auch sehr zufrieden damit. Mein Vater und er redeten lange hinter verschlossener Tür miteinander. Dann bekam ich mit, daß der Hutter meinen Vater wegen der Bezahlung vertröstet hatte, und meine Mutter war sehr wütend auf den Hutter, und meine Schwester schimpfte über ihn, als er aus dem Haus war.

Bald darauf hörte man, daß der Bauernhaufen die Frauenklöster in Allendorf und in Breitungen überfallen, ausgeraubt und niedergebrannt hatte; man erzählte sich die schrecklichsten Einzelheiten darüber, was sie mit den Nonnen angestellt hätten. Dann hieß es, sie lagerten auf der Beichlinger Wiese vor Salzungen, und die Stadtherren mussten ihnen Braten und Brot hinausbringen und Bier, soviel sie verlangen.

Sie machten dann die Gegend zu beiden Ufern der Werra unsicher, und schließlich waren sie wieder bei uns in Schmalkalden, am unteren Tor, unter freiem Himmel, denn es war im August, es herrschte schon lange eine Trockenheit, und die Nächte waren warm.

Der Hutter kam in die Stadt und verhandelte mit den Ratsherren, und der Abt vom Georgenstift, so wurde gemunkelt, gab den Bauern eine beträchtliche Menge Geld, angeblich, damit sie sich besser ausrüsten konnten, denn sie hatten vor, die Werra hinab zu ziehen und dann nach Mühlhausen hinüberzuschwenken, wo so etwas wie eine Entscheidungsschlacht stattfinden sollte.

Und als der Michael Hutter noch in der Stadt war, ging mein Vater zu ihm hin und verlangte den Lohn für die Näherei. Aber irgendwie schaffte es dieser Saukerl, meinen Vater davon zu überzeugen, daß er noch weit mehr Geld bekommen könnte, und daß sich meine Mutter und die Schwester künftig überhaupt nicht mehr mit solcher Plackerei abmühen müssten, wo sie doch nur Gefahr laufen, sich vollends die Augen zu verderben.

Mein Vater kam nach Hause, schnürte ein Bündel mit ein paar Sachen zusammen, sprach eine Weile mit meiner Mutter, die eine Stunde danach immer noch weinte, und verließ uns, um sich den Bauern anzuschließen, obwohl er sein Lebtag keinem Bauern auch nur die Hand gereicht hatte. Danach blieb er verschwunden.

Es kam noch schlimmer: Irgendwann verbreitete sich die Nachricht, die Bauern hätten bei Mühlhausen einen grandiosen Sieg errungen, und zwei Tage später hieß es, das Blatt habe sich nochmal gewendet, aber der Sieg stünde kurz bevor, und es sei jetzt nötig, daß alle, die aus ihrer Familie jemanden haben, der dort für sie kämpft, ihm beistehen sollen, um Christi Willen und damit sie dereinst ins Himmelreich kämen.

Ich weiß noch, wie ich mich gefragt habe, wer denn nun genau ins Himmelreich kommen und auf welche Weise man seinen Angehörigen beistehen solle; und statt eine Antwort zu finden, ertappte ich mich bei dem Gedanken, nein, kein echter Gedanke, sondern vielmehr ein guter Rat, den ich mir selbst gab (und der mich seitdem in solchen, ähnlichen Situationen stets wieder geleitet hat): Daß ich nämlich erst einmal abwarten sollte, was geschehen wird ohne mein Zutun.

Von außen mag dies Verhalten wenig hilfreich erscheinen, vielleicht auch herzlos oder feige. Aber ich konnte nicht anders; und offengestanden: mit der Zeit stellte sich heraus, daß ich auf diese Weise eine größere Aussicht hatte, heil durch Gefahren hindurch und letztlich mit dem Leben davonzukommen. Aus einem unbewussten Beweggrund wurde so etwas wie eine Maxime zum Handeln (was ich damals freilich noch nicht erkannte), und sie war mir bei den Erlebnissen, von denen ich berichten will, von größerem Nutzen als jede noch so überzeugende Prophezeiung dessen, was angeblich unweigerlich geschehen werde und worauf man daher vorbereitet sein müsse.

So stand ich damals beinahe teilnahmslos dabei, als meine Mutter und meine Schwester sich aufmachten, um meinem Vater beizustehen. Immerhin zwang mich meine Mutter nicht, mit ihnen mitzukommen. Sie sagte "Eleonore, du und Johannes (das war mein kleiner Bruder), ihr bleibt bei euerm Onkel, bis wir alle wieder zusammen sind."

Mein Onkel hatte ein Fuhrunternehmen und einen Gasthof, in dem auch Reisende übernachten konnten und der einen guten Ruf hatte. Ich half ihm in der Wirtschaft, ging den Küchenmägden zur Hand, machte sauber, schaffte die Wäsche auf die Wiese vor dem Stiller Tor, wo sie gewaschen wurde, und holte sie auch wieder ab. Der Onkel gab mir für solche Arbeiten einen Esel mit Karren, und auf diesem Esel lernte ich zu reiten, und als ich mich längere Zeit um die Pferde kümmerte, konnte ich ganz nebenbei meine Reitkünste vervollkommnen. Ich wohnte mit meinem Bruder in einer Dachkammer neben dem Taubenschlag, und aus dem Fenster hatte man eine Aussicht über die Dächer und die Hinterhöfe der Häuser in der Grünen Gasse.

Einmal war ich unterwegs, da spielte der Esel plötzlich verrückt und biss den Ratsherrn Binder, der gerade vorbei ging, in den Arm. Der rief sofort einige Wachtleute, und unser Esel wurde abgeführt und in Gewahrsam genommen, weil irgendjemand aus der gaffenden Menge gerufen hatte, ob er womöglich tollwütig sei. Aber er hatte bloß schlechte Laune gehabt.

Ich stand da mit dem Karren voll Wäsche, die zum Stiller Tor auf Wiese sollte, und ich band mir die Riemen um die Schultern und nahm die Deichsel in die Hand und zog den Karren mit Leibeskräften selber weg. Die meisten der Leute machten sich über mich lustig, aber dann sprang ein Junge herzu, um mir zu helfen, und gemeinsam brachten wir die Fuhre bis vor die Stadt.

Ich bedankte mich bei dem Jungen. "Keine Ursache", erwiderte er und fügte hinzu "ich kenne dich, du bist die Tochter von dem Wirt Matthes in der Grünen Gasse." "Seine Nichte." "Ich heiße Thomas, ich arbeite beim Buchdrucker Hieronymus Hartmann." Das beeindruckte mich sehr, und obwohl dieser Junge ziemlich hübsch war, und ich damals in das Alter kam, wo man Gefallen an solchen Burschen findet, fragte ich ihn nicht aus über all den Kram, den man beredet, wenn man, na ja, wenn man sich füreinander interessiert, sondern ich fragte nur, ob er lesen kann.

"Lesen und schreiben, und sogar leidlich rechnen", sagte er etwas vollmundig, aber keineswegs prahlerisch. "Kannst du's mir beibringen?" "Was?" "Am besten alles." Er überlegte. Dann sagte er "Wenn ich dich küssen darf." Ich wurde rot im Gesicht. "Wie, jetzt?" "Auf der Stelle." Ich schaute mich um, da waren nur ein paar Wäscherinnen mit ihrer Arbeit beschäftigt. "Also gut, aber schnell." Er drückte seinen Mund auf meinen, und ich merkte, daß er wenig Erfahrung darin hatte. Er hielt ganz still und wartete darauf, daß irgendwas passiert. "Das reicht", quetschte ich zwischen unseren Lippen hervor. "Wann fangen wir an?" Ich befürchtete, daß er alles nur so dahergesagt hatte, aber er antwortete "Mit dem Lesen? Von mir aus heute." "Dann komm' um sechs zu mir." "Gut."

Thomas kam wirklich, er brachte ein Buch aus der Druckerei mit. Ich schlug die erste Seite auf und fand es abstoßend. Ich legte den Finger unter das erste Wort und ging die Zeile entlang und spürte dabei, wie die Leere in meinem Kopf immer größer wurde, als würden die Wörter nur lauter Löcher, aber keinen Sinn ergeben. Ich wurde richtig wütend. Thomas lachte. Ich schlug das Buch zu und schickte ihn wieder fort. Er war aber nicht beleidigt, er sagte "Ich lasse es da, ich komme morgen wieder." "Morgen habe ich keine Zeit." "Dann übermorgen." "Auch nicht."

In der Nacht versuchte ich beim Licht einer Ölfunzel die Schrift zu entziffern und wenigstens ein Wort zu finden, das ich kenne. Dann fand ich einen Namen, den der Onkel auf einen Zettel geschrieben hatte, als ebenjene Person in unserem Gasthof übernachtete: Doktor Martin Luther.

Ich sprach die drei Wörter unzählige Male vor mich hin und zerlegte sie, die Augen fest auf die Buchstaben gerichtet, in einzelne Laute. Ich fand das o und merkte es mir, das m, das a, das i und das u; das e hatte sich zu gut versteckt, das r war mir vollkommen schleierhaft und ich hasste es.

Dann pickte ich mir ein anderes Wort heraus, von dem ich meinte, es wäre ein Name; er fing genauso an wie Martin, und es dauerte gar nicht lange, bis ich ihn verstand: Maria. Ich dachte, es sei die Jungfrau Maria gemeint, und das war ganz richtig, aber das Wort Jungfrau sah überhaupt nicht so aus, und dabei musste ich vorerst aufgeben.

Wenn meine Schwester sich womöglich beim Nähen im Licht einer Ölfunzel die Augen verdorben hatte, so drohte mir das gleiche beim Lesenlernen. Aber ich machte beharrlich weiter, und der Onkel, der meine Bemühungen zwar belächelte, gab mir eine Schiefertafel und ein Stück Kreidestein, und als ich das n und das verdammte r erbeutet hatte, vermochte ich etwas zu tun, das mich noch heute freudig stimmt, wenn ich daran denke. Ich schrieb meinen Namen auf die Tafel: e l e o n o r e.

Ich bat Thomas, wieder zu mir zu kommen. Ich zeigte ihm meine Schriftkünste, er schrieb darunter die Großbuchstaben, und es sah noch viel besser aus: E L E O N O R E - sogar das verdammte r gefiel mir. "Warum druckt ihr nicht alles in Großbuchstaben?" fragte ich ihn. Er zuckte mit den Schultern. "Das weiß ich auch nicht, ist wohl nicht der Brauch. Obwohl ja das Latein auch nur mit Großbuchstaben geschrieben wurde", fügte er klug hinzu. "Ach ja? Kannst du Latein auch lesen?" "Nur ein paar Wörter."

"Was für ein Buch ist das überhaupt?" "Das sind die Schmalkaldischen Artikel, sie sind im Moment sehr gefragt, und wir verkaufen jede Menge davon. Wir drucken fast rund um die Uhr, denn der Herzog Johann drängt darauf, daß sie ausgeliefert werden. Wir haben eine große Auflage davon gemacht, und sie ging sofort weg; aber in der Eile haben sich Fehler eingeschlichen, so daß wir eine zweite, verbesserte, und dann noch eine dritte Auflage nachgereicht haben."

Ich zeigte auf ein Wort, das mir aufgefallen war. "Aber hier habt ihr euch immer noch verdruckt." "Wo?" "Hier, dieses Atha-na-si ..." "Athanasianisches Symbol?", meinte Thomas, nachdem er kurz draufgeschaut hatte, "nö, das heißt so." "Das heißt so? Das kann doch kein Mensch aussprechen." Er lachte. "Wahrscheinlich hast du recht, aber diese gelehrten Leute halten es für richtig und gut, und man darf den Teufel tun, irgendetwas dagegen einzuwenden." "Na gut, nehmen wir's mal so hin", sagte ich.

Thomas erzählte allerhand Dinge aus seiner Werkstatt und über seinen Meister, den Hieronymus Hartmann, der ihm alles beigebracht hatte.

Als der Doktor Luther anfing, die Heiligen Schriften zu übersetzen, wollten sie natürlich auch damit Geld verdienen. Leider hatten ein paar Drucker in Sachsen ein Privileg darauf, und der Kaiser hatte mit dem Gesetz, daß bei jedem Buch anzugeben sei, wo und bei wem es gedruckt wurde, solche Privilegien noch gefestigt. "Denn die meisten anderen Drucker haben ein gutes Geschäft mit Raubdrucken gemacht", erklärte mir Thomas.

Über den Doktor Luther war die Reichsacht verhängt worden, weshalb er nicht mehr öffentlich auftreten durfte. Ich erinnere mich, daß sich sogar das Gerücht verbreitete, er wäre unterwegs in Tambach, mitten im Wald, gestorben; aber er hatte sich nochmal erholt.

Der Philipp Melanchthon führte den öffentlichen Streit mit den Päpstlichen, und er machte seine Sache gut und war wegen seiner scharfen Reden bei seinen Gegnern ebenso gefürchtet wie er bei seinen eigenen Leuten geschätzt war. Die Fürsten, welche sich auf die Seite Luthers geschlagen hatten, wählten glücklicherweise Schmalkalden zu ihrem Versammlungsort, und alle ihre Pamphlete wurden in Hartmanns Offizin gedruckt.

"Am Anfang hatte ich natürlich keine Ahnung von der ganzen Sache", erzählte Thomas, "wie die Lettern, also die Buchstaben, gesetzt werden, wie die Druckerschwärze hergestellt und aufgetragen wird, wie eine Presse funktioniert und so weiter. Aber ich habe schnell gelernt, und es fehlt nicht mehr viel, daß ich als Buchdrucker selber mein Glück versuchen könnte." Ich nickte bei seinen Worten, ich war davon überzeugt, daß Thomas ein guter und erfolgreicher Buchdrucker werden könnte. Ich bewunderte ihn im stillen, und dann dachte ich daran, daß er seit jenem ersten Mal noch nicht wieder versucht hatte, mich zu küssen.

Nächtelang lernte ich mit den "Schmalkaldischen Artikeln" das Lesen, und ich bin heute noch der Meinung, daß es dafür das schlechteste Buch ist, das man sich aussuchen kann. Aber ich konnte es mir ja nicht aussuchen, und wenn man bei den Mitteln, die einem helfen sollen, seinen Geist zu schulen, keine Wahl hat, dann muss man das Schlechte für nützlich und das Schwierige für unumgänglich erachten, solange, bis man seinen Gewinn daraus gezogen hat.

Diese Worte sind, das gestehe ich, nicht von mir, sondern von dem Hieronymus Hartmann. Thomas hatte mich mit in die Druckerei genommen, mir alles gezeigt und mich seinem Meister vorgestellt, der nicht wenig darüber erstaunt war, daß ein junges Mädchen von solcher Wissbegierde erfüllt ist. Er versuchte auch unentwegt, mir den Inhalt dieser bedeutsamen Schrift zu erklären, die angeblich in unserem Land gegenwärtig so viel Furore machte.

Die "Artikel" hingen mir bald schon zum Halse heraus, aber Meister Hartmann wurde nicht müde, seine Begeisterung darüber zu bekunden. Daß die heilige Messe in der Kirche der größte und schrecklichste Greuel wäre, ein Drachenschwanz, welcher Abgötterei wie Ungeziefer und Geschmeiß erzeugt. Daß es völlig nutzlos und unnötig sei, die Heiligen und Engel im Himmel anzurufen und von ihnen Erlösung zu erbitten, denn Christus allein sollte uns dafür genügen. Daß das Fegefeuer reines Teufelsgespinnst wäre, und bei Augustinus kein Wort davon stünde.

Ich habe daraufhin sogar das Buch von Augustinus zur Hand genommen, um es zu lesen (Hartmann hatte es natürlich in seinem Magazin vorrätig), aber es war quälend langweilig und es erinnerte mich irgendwie an das Gegreine eines Mannes, der früher in unserer Nachbarschaft wohnte und bei uns immer sein Herz ausschüttete, weil ihn seine Frau ständig betrog.

Das hatte alles nichts mehr mit dem zu tun, was ich eigentlich erlernen wollte, und ich musste feststellen, wie schnell aus Worten und Sätzen, die man formuliert, um sich daran zu erfreuen, weil man einen schönen Gedanken oder ein Gefühl oder einfach eine Beobachtung festgehalten hat, wie schnell aus diesem Vermögen die Absicht erwächst, andere Menschen zu beeinflussen, womöglich sogar gegen ihre eigene Überzeugung.

Nun muss ich aber sagen, daß ich jemand bin, die oft nicht die Geduld hat, sich länger als nötig mit einer Sache zu beschäftigen. Als ich merkte, daß ich Lesen und Schreiben beherrschte, konnten mich die Theorien des Doktor Luther und seiner evangelischen Fürsten nicht mehr länger fesseln. Ich fragte den Hieronymus Hartmann, ob er denn auch ein Rechenbuch habe!

Und das war nun wirklich ein glücklicher Zufall. (Oder auch kein bloßer Zufall) Gerade zu der Zeit hatte sich ein Rechenmeister aus Franken in Erfurt niedergelassen und ein Rechenbuch für Kaufleute verfasst. Hartmann wusste natürlich davon. Wir - Hartmann, Thomas und ich - sprachen darüber, und Hartmann meinte, es wäre gewiss von Vorteil, wenn man ein Exemplar davon besorgen würde. Damit ich rechnen lernen kann! Aber er dachte bestimmt nicht zuletzt auch daran, es "nachzudrucken", wie Thomas mir leise verriet.

Und dann gab es eine Reihe merkwürdige Ereignisse, die letztlich zu all dem führten, worüber ich hier berichten werde.

Zuerst kam eine Gruppe von spanischen Edelleuten zu uns. Sie waren Gäste des Grafen von Henneberg, der in irgendeiner verwandtschaftlichen Beziehung zu dem einen oder andern stand.

Einer von ihnen hieß Juan López Talavan, und ich verliebte mich sofort in ihn, obwohl er dem Alter nach mein Vater hätte sein können. (Vielleicht habe ich mir damals einen so schönen und stolzen Mann als Vater gewünscht, wo ich meinen eigenen doch auf so erbärmliche Weise verloren hatte, ja, ihn für tot hielt.)

Wie ich überhaupt in seine Nähe kam? Im Schloss des Grafen hatte es eine Woche zuvor gebrannt, und im Westflügel waren einige Zimmer unbewohnbar. Weil der Gasthof meines Onkels einen guten Ruf hatte, und weil früher schon Gäste des Grafen (freilich waren das nur Bedienstete oder Pferdeknechte der Herrschaften gewesen) untergekommen waren, so mietete man gleich das ganze Haus für die Spanier an, jedenfalls für die, welche nicht im Schloss beherbergt werden konnten.

Ich hatte die Aufgabe, na ja, ich sage, ich hatte die Ehre, in Juan López Talavans Stube (es waren zwei Zimmer und das seines Dieners) für Ordnung und Sauberkeit zu sorgen und mich um das Wohlergehen der Gäste zu kümmern, das heißt, ich musste ihnen jeden Wunsch von den Lippen ablesen und an meinen Onkel weiterleiten.

Aber dieser Spanier machte es einem nicht leicht, denn anders, als ich es erwartet hatte, trat er äußerst bescheiden, beinahe zurückhaltend auf. Und während ich ihm ständig auflauerte, um seine Weisungen entgegenzunehmen, grüßte er mich nur freundlich, lächelte mir zu oder fragte mich sogar, wie es mir geht. "Como estas, Seņorita?" Ehrlich, ich wäre fast vor Scham im Boden versunken.

Und dabei machte mich sein Anblick furchtbar nervös und unsicher. Ich fühlte, wie ich rot anlief und meine Handflächen feucht wurden. Ich wollte aus Höflichkeit etwas erwidern, aber das wäre natürlich unverschämt gewesen, und so senkte ich den Kopf und brabbelte nur irgendetwas Unverständliches vor mich hin, was freilich einen noch viel schlimmeren Eindruck machen musste.

Ich lief zu meinem Onkel und sagte, es wäre mir schlechterdings unmöglich, diesen Herrn zu bedienen, und auf seine Frage "Weshalb?" antwortete ich "Ich komme mir so dumm vor." Mein Onkel entgegnete, daß diese Annahme wahrscheinlich auch durchaus begründet sei, aber er sagte es mit seinem ihm eigentümlichen Lachen, tätschelte mir dann die Wange und meinte "Eleonore, du brauchst dich vor niemandem zu schämen. Und auch nicht zu verstellen. Gib dich einfach so, wie du bist, ein nettes, hübsches, kluges Mädchen."

Das stärkte mich auf eine Weise, aber gleichzeitig grämte es mich auch. Einem Mann wie diesem Juan López Talavan war ich noch nie begegnet, aber ich fühlte im ersten Augenblick, daß ich so etwas wie Würde besitze - ja, ich habe mich nicht versprochen - ich besaß diese Würde, die mir die Gewissheit gab, daß ich jedem Menschen, und sei es ein Fremder von irgendeinem Ort dieser Erde, ohne Furcht und Tadel gegenübertreten kann.

Und das war mehr als ein "nettes, hübsches Mädchen" zu sein, wie es der Onkel bezeichnet hatte. Aber zugleich (oh, ich weiß, ich falle immer von einem Extrem ins andere) zugleich lief ich Gefahr, mir auf meine Klugheit zuviel einzubilden, denn die Hochnäsigkeit hatte ich von unserer Mutter geerbt und mich dagegen immer erfolglos gewehrt.

Ich beschloss, mich an Seņor Talavans Diener zu halten und über ihn, sozusagen als Mittelsmann, meinen Pflichten nachzukommen. Aber dieser Sanchez, wie er hieß, war ein ungehobelter Bursche und überdies, wie mir schien, ein Faulpelz, und ich fragte mich, wie er diese Stellung erlangt haben konnte. Er lungerte den ganzen Tag herum, meistens in der Küche bei den Mägden, die ihn toll fanden und sich über seine Geschichten, die er erzählte, und mehr noch über seine Manieren köstlich amüsierten.

Juan López Talavan sprach deutsch, und schließlich nahm ich mir ein Herz, und auch auf die Gefahr hin, daß ich bei meinem Onkel oder gar beim Grafen in Verruf gerate und sogar dafür bestraft werde, war ich so kühn, den Spanier anzusprechen. Es war bestimmt furchtbar töricht, aber bei der verzweifelten Suche nach einem Gesprächsthema fiel mir nichts besseres ein, als die "Schmalkaldischen Artikel", die ich in- und auswendig kannte, und von denen ich annahm, daß sie einem "Mann von Welt" geläufig sein mussten.

Ich hatte freilich damals nicht die geringste Ahnung, was in dieser Welt wirklich gerade vor sich ging und in welchem Zusammenhang diese Sache mit den großen Ereignissen stand, und in Wahrheit (wer hätte das nicht längst bemerkt) wollte ich doch nur seine Aufmerksamkeit für mich gewinnen.

Ich passte einen günstigen Zeitpunkt ab, klopfte an des Spaniers Tür, und das "Adelante!", das er mir von drinnen zurief, klang in meinen Ohren wie eine Zauberformel. "Euer Exzellenz", stammelte ich, mich tief verbeugend, "ich wollte ... ich habe ... in der untertänigsten Absicht ... mir ... Euch ..." Ich kam nicht weiter und blieb mit gekrümmtem Rücken und das Buch im schlaffen Arm stehen. "Was gibt es? Sprich nur", sagte er, indem er sich erhob und mir entgegenkam. Ich richtete mich auf.

"Wie ist dein Name?" "Ich heiße Eleonore." "Ein schöner Name. Du arbeitest hier als Zimmermädchen?" "Ja", sagte ich und konnte mich nicht beherrschen hinzuzufügen "ich bilde mich fort", was vollkommen unsinnig war. Er verstand nicht gleich, was ich damit meine, und er sah mich fragend an.

"Mein Freund ist Buchdrucker, das heißt, er ist ein Buchdruckerlehrling, aber er ist ... na egal, sie haben hier dieses Buch gerade neu gedruckt (dabei bog ich die Eselsohren, die es schon hatte, flüchtig gerade) ich dachte, vielleicht interessiert es Euch." Und ich reichte es ihm unter einer weiteren Verbeugung.

"Das sind ..." "Die Schmalkaldischen Artikel, sehr wohl, ein Buch, das hierzulande viel Aufsehen erregt hat. Ich würde es Euer Exzellenz gern überlassen." Ich schaute ihn an, er lächelte und zog seine linke Augenbraue in die Stirn.

"Das ist sehr freundlich von dir, Eleonore." Wie er meinen Namen aussprach, das versetzte mir tatsächlich einen wohligen Schauer. Aber das Buch lehnte er dankend ab. Er meinte nämlich, man würde ihn unzweifelhaft vor die Inquisition bringen, wenn irgendjemand herausfände und verriete, daß er diesen "Aufruf zum Sturz des Katholizismus", wie er sich ausdrückte, besitzt. Und dann fügte er zu meiner Verwirrung hinzu "Du und dein Freund, ihr solltet euch glücklich schätzen, daß ihr nicht nur den Nutzen daraus zieht, es zu drucken und zu verkaufen, sondern auch die Freiheit habt, es ungestraft lesen zu dürfen."

"Was ist die Inquisition?" "Ein Gericht, welches darüber wacht, daß unsere Heilige Kirche nicht in Gefahr gerät und unser Glauben seine Unerschütterlichkeit bewahrt." "Dann seid Ihr ein rechter Katholik?" "Ich bin ein Diener meines Herrn", erwiderte er, und diese Antwort gab mir zu denken. Sie ließ den Spanier in meinen Augen noch bewundernswürdiger erscheinen. Der Tonfall, in dem er es äußerte, schien mir zu bekräftigen, daß er sich zugleich als sein eigener Herr verstand. Er hatte so etwas Überlegenes an sich, das aus seiner Natürlichkeit entsprang, und das war wohl auch ein Geheimnis seiner Männlichkeit.

Nach dieser kurzen Unterhaltung, und obwohl sie wiederum anders als erwartet verlaufen war, verliebte ich mich noch mehr in ihn. Aber - damit ihr mich nicht falsch versteht - das war keine Liebe aus Lust, kein sinnliches Begehren, sondern eher eine Liebe, wie man sie sich zwischen einem Lehrer und seinem Schüler vorstellt, wenn es sich um ein sehr gutes Verhältnis handelt. Nur, daß er kein richtiger Lehrer, sondern ein Edelmann war, und ich war eine Schülerin, ein Mädchen. Und für Mädchen gab es zu dieser Zeit keine Schulen, abgesehen von ein paar Dorfklassen, wo sie das Vaterunser lernen.

Natürlich sprach ich auch mit Thomas über ihn (ich verschwieg allerdings die Sache mit dem Buch), und mein Onkel war ebenfalls beeindruckt von Seņor Talavan. "Was für ein Mann!" sagte er anerkennend. "Gewiss ist er ein Graf oder ein Ritter, vielleicht gar ein Grande des Kaisers." "Woran wollen Sie das erkannt haben?" fragte ihn Thomas. "An seinem Augenaufschlag." "Wie bitte?"

Er hätte genausogut sagen können: an seinen Stiefelspitzen, aber der Onkel versicherte uns "Das ist die Art, wie jemand die Augenlider über die Pupillen gleiten lässt, so ... so gelassen, beinahe behäbig. Ich kenne das, man findet es nur bei Menschen in außergewöhnlicher Stellung. Es ist ganz egal, wohin sie kommen, sie vertreten immer ihren Herrn." Da war wieder das Wort, das auch Talavan selber gebraucht, und wovon ich nicht genau wusste, wen er damit gemeint hatte. "Gott?"

"Nicht doch Gott, Eleonore! Den König! Das unterscheidet sie ja gerade von dem elenden Pfaffengeschmeiß. Wenn so ein Pfaffe von Gott redet, dann senkt er den Blick, faltet die Hände und flüstert wie ein Eingeweihter. Nein! Diese Leute müssen sich nicht den Anschein geben, als hätten sie eine Verbindung zu Höherem. Sie erlangen ihre Größe ganz mühelos, sie wird ihnen schon bei ihrer Geburt verliehen. Und weißt du, wie man das nennt?" "Wie?" "Adel. Das ist der echte Adel, die wahre Herrschaft des Menschen auf Erden."

Ein Ritter! Ja, das war er, wie der Onkel es gesagt hatte. Aber für mich bekam dieser Titel noch einen zusätzlichen Sinn. Seit meinen Kindheitstagen wusste ich, daß zu jedem Ritter eine Dame gehört, die sein Herz und sein Leben erfüllt, und die im Grunde das Motiv für alle seine Taten ist. Dieser Zusammenhang erschien mir höchst willkommen, denn er verband diesen herrlichen Mann auf eine sehr reizvolle und doch unschuldige Weise mit meiner zweifellos immer noch kindlichen Seele, die ich längst so gern gewandelt gesehen hätte.

Ich tat einen Freudenschrei, als mir einfiel, daß es in unserer Stadt ein Gebäude gibt, in dessen Kellergewölbe an den Wänden Malereien waren, welche die Geschichte von dem Ritter Ywain erzählten, eine Geschichte, von der ich schon als Kind gehört hatte, aber nichts näheres wusste.

Ich überredete Thomas, daß er mit mir in das Gewölbe hinabsteigt, damit ich herausfinde, wer dieser Ywain war und vor allem, wer die Dame war, die es dabei unbedingt gegeben haben muss. Das Haus gehörte den Stadträten, und es war den einfachen Leuten nicht zugänglich. Wir mussten uns also unbemerkt Zugang verschaffen. Thomas erkundete die Lage, und zwei Tage später hatte er einen Plan, wie man durch ein Kellerfenster, das sich nach dem ziemlich verwilderten Garten an der Südseite hin befand, einsteigen konnte.

Die Rittergeschichte interessierte ihn weniger, aber das Abenteuer reizte ihn, und ich bemerkte zum erstenmal, daß etwas Verwegenes in ihm steckte, das er freilich in seiner Druckerei nicht ausleben konnte. Er sagte zu mir "Zieh das an!", und warf mir eine von seinen Hosen hin, "in dem Rock kannst du dich nicht bewegen, da bleibst du gleich irgendwo hängen." Ich war verblüfft, aber er hatte recht. Ich fand es lustig. Sie war mir zu groß, ich krempelte sie unten um, und in den Gürtel brannte er für den Dorn mit glühendem Nagel ein Loch, das weit hinter den anderen lag. Dann gab er mir einen Schlapphut, und ich band meine Haare zusammen und versteckte sie darunter.

In der Abenddämmerung machten wir uns ans Werk. Thomas brach das Fenster, das eher eine Luke war, mit einem Eisen auf, und wir gelangten in einen leeren Raum, von dem zwei Türen abgingen. Wir zündeten zwei Kerzen an und tasteten uns vorwärts, und nach kurzer Suche fanden wir tatsächlich jenes Gewölbe, wo im Schein unserer Lichter überraschend bunte Bilder zum Leben erwachten.

Man konnte einzelne Szenen unterscheiden: eine an einem Brunnen, den ein zotteliger Waldmensch bewacht; einen Kampf zwischen Ywain und einem anderen Ritter; zwei Riesen; Ywain, wie er einen Drachen tötet, während daneben schon ein Löwe auf ihn lauert; und dann war da die Dame, oh nein, es waren zwei, mit denen er offensichtlich ein Verhältnis gehabt hat. Wir versuchten, das Geschehen aufzuklären.

Wir hatten sowohl die Luke als auch die Türen offengelassen, um den Weg zurück leichter zu finden, und plötzlich ging ein heftiger Luftzug durch das Gewölbe, der unsere Kerzen ausblies. Indem rief eine Stimme hinter uns "Rührt euch nicht von der Stelle, oder wir erschlagen euch!" Wir waren zu Tode erschrocken. Dann war es einen Moment still, anscheinend wusste keiner, was er tun soll.

Ich rief "Wir sind keine Einbrecher. Wir wollen uns bloß was anschauen." Keine Antwort. Dann flammte eine Kerze auf, und in ihrem Schein erkannten wir das Gesicht eines alten Mannes, der auf uns zukam. Er war allein. Er musterte uns im Kerzenlicht. "Hör auf zu zittern, Junge", sagte er zu mir. Tatsächlich war mir ganz schön mulmig zumute, aber seine Worte wirkten wie ein Befehl.

"Wartet", brummte er, drehte sich um und schritt zur gegenüberliegenden Wand, wo er drei Fackeln entzündete, die den Raum viel mehr erhellten. Thomas schaute zur Decke, wo sich ein Abzug befand, ich aber wandte mich gleich wieder den Bildern zu, und da ich annahm, daß er Alte darüber Bescheid wissen könnte, deutete ich auf die Szene und fragte ihn geradeheraus "Welche von den Damen ist Ywains Geliebte?"

Die Frage gefiel ihm gar nicht. "Bist du noch ganz gescheit?" versetzte er streng. "Ritter Ywain war ein Ehrenmann, der die höchste Achtung vor dem weiblichen Geschlecht hatte. So einer hat keine 'Geliebte'." Er sprach es aus wie etwas Unanständiges. "Seine Minnefrau war Laudine, diese hier zu seiner Linken." "Und wer ist die andere?" "Ihre Kammerjungfer Lunete. Sie hat ihm viele Dienste erwiesen, und ohne ihre Hilfe ... na, ich weiß nicht, was ohne sie aus ihm geworden wäre."

Thomas sagte "Dann war er wohl doch nicht der alles bezwingende Held, wenn er auf den Beistand einer Zofe angewiesen war?" Ich warf ihm einen finsteren Blick zu. "Wie du redest!" "Na was? Ich sage doch nicht, daß das ein Zeichen von Schwäche wäre. Ein Mann hat es gut, wenn er sich auf eine Frau verlassen hat." Der Alte fragte "Wie alt bist du denn, daß du solche Sprüche klopfst?" "Was hat das damit zu tun?" entgegnete Thomas beinahe grob.

"Waren sie sich ähnlich?" "Was?" "Ich meine Laudine und Lunete, vielleicht musste er sich zwischen ihnen entscheiden." Der Alte schüttelte den Kopf. "Beides nicht. Sie waren völlig verschieden", er stockte und fuhr dann umständlich fort, "man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß in dieser Geschichte Lunete eine weitaus wichtigere Rolle spielt als ihre Herrin." "Aber wieso?" "Um das zu ergründen, müsste man wohl am besten den Dichter fragen." Das war nun eine Antwort, die ich albern fand. "Nein, man müsste Ywain fragen." "Sie war äußerst einfallsreich, man könnte sagen: verschlagen. In den gefährlichsten Situationen fand sie immer einen Ausweg für ihn."

"Ich gehe mal davon aus", sagte Thomas, "daß Ywain und Laudine am Ende den Bund geschlossen haben." "Sicher", murmelte der Alte, aber wie mit Vorbehalt. "Und was hat Lunete für ihre treuen Dienste bekommen", erkundigte sich Thomas weiter, und ich hatte dieselbe Frage. "Darüber ist nichts bekannt."

Der Alte erklärte uns noch einige Einzelheiten, zum Beispiel, daß der Löwe von dem Drachen bedroht und von Ywain befreit ward, woraufhin er dessen Begleiter wurde. Er sagte dann, er lässt uns durch die Tür hinaus, und Thomas verschwand kurz, um die Luke von innen wieder dichtzumachen. "Warum wollt ihr das alles wissen?" fragte mich der Alte. "Nur so. Warum wissen Sie's denn?" Er winkte ab. "Das ist eine ganz andere Geschichte."

So richtig zufrieden war ich nicht. Ich beobachtete Seņor Talavan mit verstohlenen Blicken, ich wollte prüfen, wie er sich Frauen gegenüber verhält. Die Frauen seiner Gesellschaft waren natürlich oben im Schloss beim Grafen, und ich konnte ihm ja nicht auch noch nachlaufen.

Dann war kurz darauf Jahrmarkt in der Stadt. Es sollte auch ein neuer Bürgermeister gewählt werden, weil der vorherige gestorben war. Und so bestand die Hoffnung, daß der Graf von Henneberg sich mit seinem Gefolge auch blicken lässt. Da die Spanier sich noch hier aufhielten, würden sie ebenfalls dabeisein.

Mit aller Zurückhaltung machte ich Seņor Talavan auf das bevorstehende Fest aufmerksam, er war bereits darüber informiert, und dann fragte er mich doch tatsächlich, ob man mich, die "Seņorita Eleonore" auch dort antreffen würde. Ich wurde wieder puderrot (immer noch) und sagte dann schnell und ein wenig übermütig "Gewiss Euer Exzellenz, ich komme in Begleitung meines Freundes." Er musste ein Lächeln unterdrücken, und das machte mich schon wieder wütend.

Der Jahrmarkt war bei uns immer ein richtiges Volksfest, und in diesem Jahr war alles noch viel schöner und turbulenter. (Nebenbei gesagt, hatte diesmal auch die Nürnberger Handelsgesellschaft des Jakob Welser eine Abordnung von Kaufleuten hergeschickt. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, daß wir später drüben in Amerika mit Jakob Welsers Leuten aneinandergeraten würden.)

Beim Jahrmarkt hatte ich die Aufgabe, für meinen Onkel und seine Gastwirtschaft alles einzukaufen, was benötigt wurde, weil die alten Gerätschaften zum Teil kaputt oder unbrauchbar waren, oder weil es irgendetwas Neuartiges gab, das die Arbeit erleichterte. Freilich kümmerte ich mich nur um die kleineren Sachen, wie beispielsweise das Geschirr, Töpfe und Krüge oder die Messer, von denen diesmal sehr gute dabei waren.

Der Onkel hatte den Knecht Markert abkommandiert, damit er mir behilflich sei, das ganze Zeug fortzutragen. Denn ein bisschen hatte ich López Talavan beschwindelt, als ich sagte, Thomas werde mich begleiten. Thomas musste natürlich selber bei Meister Hartmann mithelfen, der ein Sortiment seiner neuesten Bücher feilbot.

Was mir aber noch mehr Spaß machte, waren die lustigen Vorführungen des fahrenden Volks, die Musikanten, Schauspieler, Zauberkünstler und sonstwelche komische Vögel, die manchmal wirklich erstaunliche Dinge darboten. Über den Kalten Markt hatte einer ein Seil gespannt, und in einem buntscheckigen Kostüm mit einer Schellenkappe und nur mit einer dünnen hölzernen Stange für die Balance stolzierte er von einem Ende zum andern und wieder zurück. Er zog eine Leine hinter sich her, an der bunte Fähnchen aufgereiht waren, die sich entlang des Seils entfalteten. Und er hängte sich einen Korb vor die Brust, aus dem er Rosenblüten hinab in die Menge warf.

Die Spanier kamen auch. Sie gingen paarweise, vornehme Frauen an der Seite galanter Männer. Der Graf von Henneberg hatte alles aufgeboten, was in seinen Kreisen an weiblicher Schönheit zu finden war. Christine von Hessen, eine Nichte des Landgrafen, übertraf sie alle, sie besaß einen bezaubernden Charme. Sie wurde begleitet von einem älteren Spanier, der ein wenig wie ihr Beichtvater wirkte; sie lächelte den Leuten zu, von denen manche sogar den Saum ihres Kleides küssten.

López Talavan führte auch ein deutsches Fräulein, die beiden achteten weniger auf die Menge, sie unterhielten sich angeregt, und bei ihrem Anblick fragte ich mich, worüber, in aller Welt er mit ihr sprach, was er nicht ebensogut mit mir bereden konnte. Aber er bemerkte mich natürlich nicht, und ich drängte mich auch nicht nach vorn, es wäre ja lächerlich gewesen, ihm zuzuwinken.

Obwohl mir der Knecht Markert viel Arbeit abnahm, war ich am Abend ganz schön erledigt. Zwischendurch waren wir beim Onkel im Gasthaus, das sonst zum Jahrmarkt immer von den Kaufleuten belegt war. Aber diesmal hatte ja der Graf und sein spanischer Besuch für ein volles Haus gesorgt; der Onkel musste nicht übermäßig schuften und machte trotzdem ein gutes Geschäft. Er war so gutgelaunt, daß er mir etwas zusteckte. Ich sagte "Markert hat mir sehr geholfen." "Ja ja, der kriegt auch was."

Von dem Geld kaufte ich eins von den guten Messern, in einer festen Lederhülle. Das schenkte ich Thomas und er freute sich wie ein Kind. "Bekomme ich jetzt ein Küsschen?" "Alles, was du willst", sagte er, aber dann gab er mir bloß eines auf die Wange. Wir gingen ins "Rote Ross", wo die Musikanten zum Tanz aufspielten, und bei der ausgelassenen Stimmung fühlte ich mich so wohl, daß ich noch die ganze Nacht hätte durchmachen können.

Dort trafen wir auch Sanchez, Talavans Diener, der in einer Ecke den Leuten Geschichten erzählte, mit Händen und Füßen und einem Kauderwelsch aus Deutsch und Spanisch. In unserer Gegend trinken die Männer Bier, aber das war nicht nach Sanchez Geschmack, er verabscheute es geradezu und hielt sich an den Main-Fränkischen, den die Händler zum Markt mitgebracht hatten. Das war nur ein schwacher Ersatz für seinen geliebten spanischen Rotwein.

Dennoch hatte er ihm schon reichlich zugesprochen, und man muss sagen, seine Geschichten wurden mit jedem Becher nicht nur spannender, sondern auch verständlicher. Die Leute staunten und klatschten Beifall, manchmal ging ein Raunen durch die Reihen, dann, an einer gruseligen Stelle, hörte man einen Aufschrei, oder ein andermal brach ein Gelächter aus, wenn Sanchez irgend jemanden nachahmte.

Ich hatte, wie schon beiläufig erwähnt, zu diesem Sanchez kein besonders gutes Verhältnis, aber so wie jetzt hatte ich ihn auch noch nicht erlebt. Als er uns bemerkte, winkte er uns heran. "Leonora! Thomasius!", rief er, "kommt her, ich will euch meine neuen Freunde vorstellen." Natürlich kannte ich die meisten davon, denn sie waren ja von hier. Aber es schmeichelte mir jetzt nicht wenig, daß er mich kannte und vor den anderen ansprach.

"Was wollt ihr hören? Soll ich die Geschichte erzählen, wie wir in Porto Cabello bei Nacht und Nebel eins von Pizarros Schiffen geentert haben? Oder wie wir am Cap de la Vela gegen den Meeresdrachen kämpften?" "Die kennen wir schon", rief einer von den Zuhörern. "Die kennst du schon?", fuhr ihn Sanchez an und nahm einen Schluck vom Wein. "Die kennst du garantiert noch nicht! Oder habe ich etwa schon erwähnt, daß der riesige Schädel dieses Drachens, nachdem wir ihn abgeschlagen und an Deck gehievt hatten, wieder zum Leben erwachte und anfing, nach uns zu schnappen?" "Oh Gott, nein!" riefen da die anderen. Und daraufhin gab er diese Variante zum Besten, die schließlich darin gipfelte, daß dem Drachenkopf hintendran wieder ein ganzer Rumpf anwuchs, mit einem Schwanz, dessen Ende eine Funken sprühende glühende Schleuder war, die über das Schiffsdeck hinweg fegte wie ein Kugelblitz.

Später, nachdem wir bei den Musikanten pausenlos im Kreis herumgewirbelt waren, bis mir die Fußsohlen brannten, gesellten wir uns wieder zu Sanchez, der nach seiner Vorstellung das Kleingeld, das ihm die Leute zum Schluss in seine Mütze geworfen hatten, in Main-Fränkischen verflüssigte. Es saßen immer noch einige um ihn herum, vielleicht auch deshalb, weil er die eine und andere Runde spendierte.

"Ist das wahr, daß Ihr Francisco Pizarro begegnet seid?" fragte ihn Thomas. "So wahr, wie ich hier sitze", sagte Sanchez und legte die Hand auf sein Herz. "Was für ein Mensch ist er?" "Ein Schweinehund, der es nicht verdient hat", sagte Sanchez voller Überzeugung. "Der was nicht verdient hat?" "Ein Schweinehund zu sein." "Das verstehe ich nicht", meinte Thomas, während ich ihm zuflüsterte "Wer ist dieser Francisco Pizarro?", denn ich hatte den Namen zuvor nicht gehört. Sanchez erwiderte "Das musst du auch nicht verstehen. Niemand versteht das, am allerwenigsten die, die ihn kennengelernt haben."

"Dann haben Sie keine gute Meinung von diesem Mann?", fragte ich, um Thomas dabei zu helfen, etwas mehr als diese vagen Andeutungen aus Sanchez herauszuholen. Er schaute mich prüfend an, wie jemanden, der ihm ein zweifelhaftes Angebot gemacht hat. "Ich behalte meine Meinung lieber gern für mich." "Aber Sanchez", entgegnete ich, "was ist dann mit all den Geschichten, die Sie den Leuten erzählen und die Sie angeblich selber erlebt haben? Damit halten Sie doch auch nicht hinterm Berg?"

"Was bedeutet 'hinterm Berg halten'?" fragte er Thomas. "Es für sich behalten." "Jesus und Maria! Leonora, ich bin nur ein einfacher Bauernsohn aus Murcia, mit mir kannst du nicht so geschwollen reden." Da sagte Thomas, und zwar in die ganze Runde, daß ich erst vor einem Jahr Lesen und Schreiben gelernt habe. Das sollte wie Bewunderung klingen, aber es war mir peinlich. Sanchez sagte nur "Unsinn."

Dann meinte er "Was man erlebt hat, ist das eine. Darüber kann man erzählen wie über etwas, das geschehen ist, aus und vorbei. Meine Geschichten haben einen Anfang und ein Ende und vielleicht ein paar hübsche Einzelheiten. Die Leute können sagen 'Das ist ja unglaublich', und ich kann darauf erwidern 'Ja, aber es ist wahr, ich habe es erlebt, und ich kann euch mindestens drei andere nennen, die es bezeugen können'. Wenn man eine Meinung äußert, dann sind die meisten Leute schnell dabei zu sagen 'Unerhört! Wie kannst du so etwas behaupten, das ist ganz falsch, willst du uns betrügen?' Eine Meinung kann gefährlich sein, sie kann einen ... wie sagt man hier?" "In Teufelsküche bringen", ergänzte ich. Sanchez lachte. "In Teufelsküche? Das ist großartig."

Dann fuhr er fort "Die Menschen haben von Natur aus einen Hang zur Besserwisserei. Wenn ich erzähle, daß ich mit eigenen Augen gesehen habe, wie Pizarro und seine Brüder über einer Karte beraten haben, auf der das Eldorado eingezeichnet war, dann bleibt den Leuten der Mund offen stehen und sie murmeln 'Oh, wenn man diese Karte doch hätte. Oh, wenn man wüsste, wo dieses sagenhafte Eldorado liegt'. Aber wenn ich meine, daß die Kirche auch ohne den Papst eine gute Kirche sei, dann rufen sie gleich 'Ergreift ihn, bindet ihn, er hat unsern heiligen Vater beleidigt.'

Und deshalb erzähle ich nur, was ich erlebt habe, aber nicht, was ich denke." "Dann war das gerade eine seltene Ausnahme", sagte ich. Er lachte wieder. "Leonora, du bist ein kluges Kind." Er schwenkte den Becher zum Wirt hin, und der brachte noch mehr zu trinken. Man stieß an auf Spanien und den Main-Fränkischen, auf den Papst und auf das Schmalkalder Bier und - damit ich mittrinke - auf die Frauen.

Und wie ich gerade mit dem schweren Bierhumpen kämpfte, erschien López Talavan in Begleitung einer Garde, die ihm der Graf persönlich an die Seite gegeben hatte. "Buenas tardes, Seņores", sagte er freundlich. Ich verschluckte mich und spuckte das Bier auf mein Kleid, ich sprang auf, verbeugte mich tief vor ihm und sagte "Zu Euern Diensten, Exzellenz." Einige Lacher der anderen verstummten sofort.

Er reichte mir die Hand. "Seņorita, bitte, heute nicht diese Förmlichkeit. Ich möchte die fröhliche Runde nicht stören." "Ihr stört uns keineswegs", sagte ich. Und dann geschah etwas sehr Bewegendes. Einer von den Männern hatte sich halblaut bei Thomas erkundigt, wie der Spanier heißt, und plötzlich erhoben sich alle und einer sagte "Seņor Juan López Talavan, Euer Exzellenz, es ist uns eine Ehre, Euch als unseren Gast willkommen zu heißen." Ich bemerkte, wie er tatsächlich etwas verlegen wurde, und da verliebte ich mich aufs heftigste in ihn.

Er machte eine Geste, daß sie ruhig wieder Platz nehmen sollten und sagte "Ich würde gern verweilen, aber ich muss morgen früh aufstehen. Sanchez!" Er gab ihm ein Zeichen, und Sanchez trat zu ihm hin, sie wechselten ein paar Worte, und dann verabschiedete Talavan sich, indem er sagte, er werde eine Runde Bier ausgeben, das auf unser aller Wohl zu trinken wir die Gefälligkeit haben mögen. Hurra- und Hochrufe schallten ihm nach.

Wie sehr war ich beseelt von dem Gedanken, ich könnte seine Laudine sein. Hatte der Alte in dem Gewölbe nicht gesagt, zwischen ihr und Ywain habe lange Zeit ein Verhältnis schwelender Liebe bestanden, von dem gar nicht so sicher war, daß es in ein ernsthaftes, festes übergehen werde? Oder bildete ich mir jetzt bloß ein, das gehört zu haben?

Und war ich nicht überhaupt besser zu einer Lunete geeignet? Zu der, welche den Ywain aus jeder Gefahr rettet, aus der er - warum auch immer - sich nicht selber retten kann? Oh, wenn ich nur mehr über Lunete erfahren hätte, als es mir die Malereien und der karge Bericht des Alten verraten hatten. So aber war ich dabei, Lunete mir anzupassen, anstatt umgekehrt sie als mein Vorbild zu betrachten.

In einer Hinsicht jedenfalls waren wir uns gleich: der Lohn für meine Liebe wäre - na sagen wir mal - eher praktischer Natur gewesen. Und das will heißen: das Gegenteil von himmlisch - also überirdisch, wovon ich insgeheim träumte. Im Grunde war ja auch niemand anderer da, der Ywain hätte helfen können, denn alle waren vom Grunde ihres Herzens aus gegen ihn, einmal abgesehen von dem Löwen, der aber als Liebhaber nun wirklich nicht in Betracht kam.

Dieser Sanchez blieb mir weiterhin unangenehm. Am Tag nach dem "Roten Ross" war er mir gegenüber ebenso knurrig und abweisend wie am Anfang, und ich war überzeugt, daß ihm dort bloß der Wein zu Kopf gestiegen war. Auch Thomas war missmutig, und ich überlegte schon, ob ich vielleicht doch irgendwie Anstoß erregt habe.

Aber mit mir hatte es nichts zu tun. Als ich ihn fragte, erklärte er, daß ihn das Gerede über Francisco Pizarro und über dieses gewisse Eldorado aufgeregt hätte, und ich musste beinahe eingestehen, daß Sanchez mit dem, was er übers Meinungäußern gesagt hatte, recht behielt. Um Thomas aufzumuntern, sagte ich "Gib nichts drauf. Wahrscheinlich hat er sich doch alles nur ausgedacht, aus dem wird man nicht schlau."

Aber nach einer Weile merkte ich, wie mich die Sache selber beschäftigte, und ich fragte ihn, was es mit Pizarro und Eldorado auf sich habe. Daraufhin hielt er mir einen langen Vortrag darüber, wie die Spanier Westindien entdeckt und erobert haben, angefangen von jenem legendären Cristóbal Colón, der mit nur drei Schiffen, die überdies auch noch halbmorsch waren, den großen Ozean überquert und die Insel Hispaniola erreicht hatte.

Er gab mir das Buch "De Insulis Inventis" zu lesen (die "Baseler Ausgabe" wie er betonte), und ich sagte "Ich kann doch kein Latein lesen." "Du brauchst dir bloß die Bilder anzugucken."

Und wirklich, es gab darin etliche Holzschnitte, auf denen ganz wundersame - und auch scheußliche - Dinge zu sehen waren. Wie Colón und seine Mannen das fremde Eiland betreten, das von dichtem Urwald bedeckt ist, mit Schlangen, Affen, Löwen (da war der Löwe!) und anderen gefährlichen wilden Tieren; wie die Spanier, in Helm und Harnisch, auf die Insulaner treffen, nackte Männlein und Weiblein mit seltsamen Frisuren und bemalten Körpern; wie sie venezianische Perlen gegen Gold (Thomas erklärte mir, daß es sich dabei um Gold handelt) tauschen; und wie sie schließlich unter den Eingeborenen ein schreckliches Blutbad anrichten, ihnen Hände und Füße abhacken und sie dann noch eine Weile so herumzappeln lassen, daß ihnen das Blut aus den Stümpfen spritzt, bis sie die Verstümmelten dann auf einem Scheiterhaufen verbrennen.

Nach einer Weile konnte ich es mir nicht mehr ansehen. "Warum", fragte ich ihn, um meiner Bestürzung Herr zu werden, "haben sie denn erst mit ihnen gehandelt, wenn sie sie doch hinterher töten?" "Die Indianer haben ihre eigenen Gesetze", erklärte Thomas. "Sie wissen eigentlich nicht, was Handel bedeutet, sie fühlten sich dadurch verunsichert. Und schließlich haben sie sich gegen die neuen Herren aufgelehnt, wollten sie fortjagen. Da mussten sich die Spanier verteidigen."

Wir kamen diesmal nicht mehr dazu, über Pizarros Eldorado zu sprechen, weil mein Onkel erschien, er hatte ein kleines Problem. Es war seit dem Jahrmarkt ein Nürnberger Kaufmann dageblieben, der nach Erfurt wollte. Der kürzeste Weg ging über den Thüringer Wald, aber den konnte man nicht ohne einen kundigen Führer nehmen. Der Nürnberger mietete beim Onkel Pferde und war bereit, ein hübsches Sümmchen dafür zu zahlen, daß ihn jemand begleitet. Aber er hätte natürlich abgelehnt, wenn es ein Mädchen sein sollte.

Da fiel mir ein, daß Meister Hartmann ohnehin eins von den neuen Rechenbüchern haben will, die in Erfurt gedruckt werden. Thomas und ich könnten also zusammen den Kaufmann hinüberbringen. "Ich ziehe mir einfach wieder deine Hosen an und bin dein Bruder." "Wieso wieder?" fragte der Onkel. "Ähm, ach das war nur mal so'n Spaß gewesen."

Meister Hartmann stimmte zu, nur sollte Thomas schnellstmöglich zurückkehren. Der Nürnberger heuerte uns beide an, wobei der Onkel das meiste für die Pferde verlangte. Dann tauchte auf einmal einer auf, der so etwas wie sein Leibwächter war, ein Hühne von einem Mann, zu dem ich aufschauen musste.

Er hatte strohblonde Stoppelhaare und Hände so groß wie Brotschieber. Er hieß Faffner, und er trug am Gürtel zwei Steinschlosspistolen, die Thomas sehr beeindruckten. Er hatte Stiefel an, in die ich bis zur Hüfte hineingepasst hätte, ehrlich. Was sehr merkwürdig war: er hatte einen Schmalkalder Dialekt, er musste hier aus der Gegend stammen.

Wir machten uns frühmorgens auf den Weg. Vorneweg der Riese, dann Thomas mit dem Nürnberger, und ich hinterdrein. Der Nürnberger sprach kein Wort. Der Riese tat so, als wüsste er, wo entlang es geht, aber schon bei der nächsten Weggabelung rief Thomas "Wir müssen nach rechts." Faffner knurrte, als hätte ihm jemand das Essen weggenommen. Der Nürnberger sagte "Na was denn nun?" Thomas bestand auf seiner Entscheidung.

Als wir eine Rast gemacht gemacht hatten und weiter wollten, nahm Faffner wieder den falschen Weg, und Thomas war dagegen. Der Riese wurde richtig rot vor Zorn, er legte die Hand an eine seiner Pistolen, und ich befürchtete schon Schlimmes, aber das war, wie ich bald feststellte so eine Angewohnheit von ihm, um sich zu beruhigen. Dennoch schien er mir unberechenbar.

Beim dritten Mal wollte er doch tatsächlich in die Richtung weiterreiten, aus der wir eben gekommen waren. Und da meinte der Nürnberger "Er kann sich nicht orientieren. Sonst hätte ich auch auf euch verzichten können." Meine Güte, war das ein ungehobeltes Paar. "Haben Sie es schon mal mit einem Kompass versucht?" fragte Thomas den Riesen. Der warf wiehernd den Kopf empor und rief "Wart's ab, Bürschchen, dir werde ich gleich was mit dem Kompass geben!" Thomas drehte sich fragend zu mir um, ich zuckte nur mit den Schultern. Beim Gehirn hatte es der liebe Gott wohl bei Faffner fehlen lassen.

Ich machte mir weiter keine Gedanken darüber, denn eigentlich musste ich ja die ganze Zeit an López Talavan und die Spanier denken, die nicht mehr da sein würden, wenn wir zurückkommen. Ich versuchte, alles, was ich in den vergangenen Tagen erlebt hatte, so ungerührt wie möglich zu betrachten. Aber ich musste ständig mit den Tränen kämpfen.

Das war der Mann, der mich in meinem bisherigen Leben am meisten beeindruckt hatte. Und wenn mir auch vollkommen bewusst war, daß meine Liebe zu ihm kindisch war (ich hatte ja selber über mich lachen müssen), so hatte ich doch keinen Zweifel daran, daß sie zugleich für mich die einzige Möglichkeit ist, einen Mann zu gewinnen. Das würde mir gelingen, wenn ich erstens noch ein bisschen älter und erfahrener bin, und wenn zweitens jener Auserwählte sich zu mir hingezogen fühlt. Beides hing untrennbar zusammen.

Und López Talavan hatte mich - ob mit Absicht oder nicht - darin sogar bestärkt. Als ich zuletzt zu ihm ging, um mich von ihm zu verabschieden, sprachen wir noch über dies und jenes, und er sagte, Sanchez habe ihm erzählt, wie gut ich mich ausdrücken kann, und er fragte, wo ich dies gelernt habe. "Das habe ich mir selbst beigebracht." Er spitzte die Lippen und sagte "Chapó! Alle Achtung." Ich setzte noch eins drauf und meinte, ich würde bald auch noch rechnen können.

Dann wusste ich nicht, worauf er hinauswollte, als er sagte "Seine Majestät, der Kaiser Karl, ist ein Habsburger, wie du vielleicht weißt." "Ja. Nein. Nicht so genau." "Die Habsburger sind Österreicher, also von Haus aus Deutsche." "Ja, das weiß ich. Hier hat mal ein Österreicher logiert, aber ehrlich gesagt, konnte man ihn kaum verstehen." López Talavan lachte. "Ja, und der Kaiser stammt aus Flandern." "Wo liegt das nun wieder?" "In den Niederlanden." "Ah." "Er ist schon einige Zeit König von Spanien. Und bei der weitläufigen Verwandtschaft der Habsburger kommt es am spanischen Hof immer mal wieder vor, daß deutsch gesprochen wird. Erst kürzlich hat man ein Kindermädchen für die Prinzessin Elisabeth von ich weiß nicht wo gesucht, oder für eine ihrer Kusinen. Was ich sagen will (mir stockte der Atem) ist: ein Mädchen wie du würde gewiss an unserem Hof eine gute Anstellung finden, wenn sich jemand dafür verwendet." "Ihr meint, Exzellenz, daß ich ...?" "Nun ja, warum nicht? Es ist nur ein Angebot, das ich dir mache, du solltest darüber nachdenken." Und dann fiel mir genau die richtige Erwiderung ein, ich sagte "Euch zuliebe werde ich darüber nachdenken."

 
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Wir überquerten bei Tambach den Kamm des Thüringer Waldes, und bei einem Felsen machten wir Halt, weil der Nürnberger angeblich die Aussicht genießen wollte, die man von dort über das nördliche Land hatte. Ich sagte, ich kenne das schon und blieb mit Faffner bei den Pferden, und nachdem wir sie angebunden hatten, setzten wir uns nieder, und im nächsten Moment fing der Riese an zu schnarchen, daß die Erde zitterte. Aber ich war auch müde und schloss die Augen, und das sanfte Wummern ließ mich gleich einnicken.

Nach dem Stand der Sonne zu urteilen, war mindestens eine Stunde vergangen, als Thomas mich wachrüttelte und rief "Eleonore, weiter geht's." "Eleonore?" fragte der Kaufmann überrascht. "León", verbesserte sich Thomas, "er sieht seiner Schwester so ähnlich." "Ich denke, ihr seid Brüder." "Ja, ich meine, unserer Schwester." "Lauschige Gegend hier", brummte da Faffner, "jede Menge Wald. Kein Aas würde einen hier finden."

"Ja, aber es gibt auch Räuber", sagte ich schnell, als würde man sich darauf verlassen können. Er lachte wie einer, der beim Kartenspiel haushoch gewonnen hat. "Was, Räuber! Siehst du das hier, Junge!", und er zog eine Pistole aus dem Gürtel, "soll nur einer kommen und was von uns wollen." Von da an hatte ich meinen falschen Namen für alle Fälle weg: León. Und - mal ehrlich - das war doch eine gute Wahl.

"Was für eine Art Handel betreibt Ihr?" fragte ich den Nürnberger. "Pelze", antwortete er kurz. "Pilze?" "Pelze, Junge! Wasch dir mal die Ohren." "Also von Tieren?" "Was glaubst du? Von Großvätern?" So viel Witz hätte ich ihm gar nicht zugetraut. "Ich meine, von welchen Tieren? Mir fallen da ein paar ein." "Schön", sagte er.

In Erfurt angekommen, machten sich der Nürnberger und Faffner sogleich aus dem Staub. Da standen wir mit vier Pferden, und es war schon ziemlich spät. Thomas sagte "Wir wollen zuerst sehen, wo wir die Pferde lassen können." Jemand sagte uns, es gebe hinter dem Markt einen Stall, wo man sie für ein paar Kreutzer unterbringen könnte. Das taten wir.

Nun mussten wir für uns selbst was suchen. Für einen Gasthof reichte das Geld nicht. Wie wir da standen, lief ein kleiner Junge vorbei, er war barfuß und hatte einen großen Korb mit Äpfeln dabei. Thomas rief ihm zu, er blieb stehen. "Verkaufst du uns zwei davon?" "Warum nicht. Such' dir welche aus." "Weißt du, wo man hier übernachten kann?" "Klar, bei uns", sagte der Junge. "Kommt mit."

Er wohnte in einer Seitengasse in einem schmalen Haus, das aber nach hinten einen Schuppen hatte. "Mama! Wir haben Gäste", rief der Junge in den dunklen Flur. Es war keiner zu sehen. Dann hörte man eine schrille Stimme. "Fort mit ihnen! Ich will niemand sehen!" "Hier lang", sagte der Junge. Er führte uns in den Schuppen. Da war ein Strohlager mit ein paar gefüllten Säcken und einigen Decken. "Habt ihr Hunger?" "Was gibt's denn?" fragte ich, aber Thomas unterbrach mich "Was soll die Nacht kosten?" Der Junge überlegte, dann rief er zur Tür hinaus "Mama! Was sollen sie bezahlen?" "Für wie lange?" rief es zurück. "Nur eine Nacht." "Zwanzig Kreutzer. Und jetzt sollen sie verschwinden!" "Was ist nun?" "Ihr habt's gehört, zwanzig Kreutzer. Es gibt Bohnensuppe." "Nee danke", sagte Thomas, "da muss ich so viel furzen." Ich verzichtete ebenfalls, obwohl ich noch was vertragen hätte.

Am nächsten Morgen suchten wir die Druckerei, wo es das Rechenbuch geben sollte. Wir fanden sie auch, aber es war alles verschlossen. Wir pochten an die Tür, da öffnete sich oben ein Fenster und eine Frau schaute heraus. "Der Meister ist auf Reisen", sagte sie. "Wir wollten ein Buch kaufen." "Kommt nächste Woche wieder." "Wir sind extra aus Schmalkalden hergekommen, wir können nicht länger bleiben." "Es ist ein Rechenbuch", sagte ich, "vielleicht gibt's das sonst noch irgendwo?" "Das von dem Meister Adam?" "Ja." "Versucht es bei ihm selbst." Sie gab uns die Adresse, und wir gingen hin.

Meister Adam war dick und hatte einen weißen Kittel an. Er hatte einen langen weißen Bart, in dem Brotkrümel hingen, und eine knallrote Kappe auf. "Für heute muss ich Schluss machen", sagte er, ohne uns näher anzusehen, "was kann ich dafür, daß ihr Gören immer zu spät kommt." Wir liefen ihm nach. "Meister, wir wollen ein Rechenbuch kaufen."

Wir folgten ihm in einen Raum, in dem ein halb Dutzend Kinder saßen, jedes mit einem Rechenbrett vor sich, auf dem kleine Spielsteine hin- und hergeschoben wurden. In der Ecke waren noch mehr, aber jüngere Kinder. Ich dachte mir, daß Meister Adam hier seine Unterweisungen abhält, und wie mein Blick auf die Rechenbretter fiel, war ich ganz fasziniert davon.

"Die Übung ist beendet", rief er den Kindern zu, und die legten erleichtert alles beiseite. "Aber erst noch aufräumen. Die Steine in die Säckchen, die Bretter dort ins Regal. Moritz, heb' das da unten auf. Und sag' deiner Mutter, sie soll dir beim nächsten Mal das Geld mitgeben, sonst schicke ich dich wieder heim." Dann rannten sie lärmend hinaus. "Welches Rechenbuch wollt ihr haben?"

"Wie geht das?" fragte ich und nahm eins von den Brettern zur Hand. Meister Adam war zu den Kindern an der Seite gewatschelt (er hatte einen Gang wie eine Ente) und hatte eines auf den Arm gehoben. "Na, mein Lieschen, mein kleines süßes Mäuschen", sagte er und gab ihm ein Küsschen. Lieschen vergrub ihre Finger in seinem Bart.

Dann wandte er sich zu uns um. "Ihr könnt meine nächste Unterweisung besuchen, zehn mal zwei Stunden drei Franken, da lernt ihr zu rechnen." "Wir haben nicht die Zeit dafür", sagte Thomas. "Tja, anders geht's nicht. Alle möchten es am liebsten mit dem Trichter direkt in den Kopf eingeflößt bekommen, ohne Umweg, ohne Anstrengung." "Wir wollen es nicht eingetrichtert bekommen, wie haben nur leider nicht die Zeit dafür, weil wir nämlich arbeiten müssen."

"Hm. Was macht ihr denn?" "Ich bin Buchdrucker ... Geselle." "Oh, das ist eine sehr ehrenwerte Arbeit", sagte Meister Adam mit echtem Wohlwollen. Und genauso unverblümt fügte er hinzu "Und da wollt ihr mein Buch nachdrucken, was?" "Das entscheide nicht ich", sagte Thomas. Meister Adam lachte. "Glaub' mir, das Buch allein nützt euch gar nichts. Man muss es auch beherrschen. Und du?"

Ich hatte nicht richtig zugehört, weil ich immer noch mit dem Rechenbrett beschäftigt war, auf dem mehrere waagerechte Linien aufgezeichnet waren. "Was ist mit mir?" "Was machst du?" "Ich ... ich arbeite bei meinem Onkel in der Gastwirtschaft." Keine Ahnung, was mich antrieb zu sagen: "Ich werde vielleicht bald an den spanischen Hof gehen."

Thomas sah mich fragend an, der Meister überlegte. "Der Spanische Hof? Kenne ich nicht, ich gehe immer in den 'Erfurter Keller', ist das ein neuer Gasthof in der Stadt?" "Ähm, nein, ich meine den spanischen Hof, das ... das Königshaus." Er schaute zu Thomas, der sagte "Sie ist ein Mädchen." "Aaaahhh", meinte der andere, als würde das keineswegs etwas erklären. "Möglicherweise kann ich da den Kindern etwas beibringen", sagte ich und bemühte mich, bescheiden zu klingen.

Meister Adam sah mich prüfend an, dann meinte er "Gewiss. Kindern kann man überall auf der Welt etwas beibringen, warum nicht auch in Spanien." "Ich möchte ihnen auch rechnen lehren." "Hm. Und dazu ..." "... Brauchen wir Eure Hilfe", ergänzte Thomas, "Ihr seht, wir würden Euch keine Konkurrenz machen." Der Meister lachte aus vollem Hals, und Lieschen wich erschrocken vor seinem Gesicht zurück. "Da bin ich euch aber dankbar."

Er setzte die Kleine wieder zu den anderen Kindern und fragte mich dann "Hast du das schon mal gemacht?" "Rechnen? Bei meinem Onkel mache ich manchmal die Strichliste, wieviel Bier die Männer trinken." "Hm."

Er legte ein Rechenbrett auf den Tisch und nahm eine Handvoll Steine, sie waren aus Ton gebrannt und sahen aus wie dicke kleine Münzen. "Meine Methode nennt sich 'Rechnung auf den Linien'", sagte er und legte eine Reihe auf. "Was bedeutet 'Methode'?" wollte ich wissen. "Das kommt aus dem Griechischen und heißt soviel wie: der richtige Weg zur Lösung." Ich lachte. "Das gefällt mir."

"Aufgabe: Wir haben fünf. Wir geben acht dazu." Während er sprach, schob er die Steinchen von einer Linie auf eine andere, nahm welche weg, ordnete sie neu. "Ergibt dreizehn." "Aber da liegen nur vier." "Der hier zählt zehn." "Weil er auf dieser Linie liegt." "Richtig." "Aufgabe: Wir haben sieben. Wir geben neun dazu ... Aufgabe: Wir haben fünfzehn. Wir ziehen sechs ab ... Aufgabe: Wir haben neunundzwanzig. Wir geben achtzehn dazu ..."

So ging das hintereinander weg, eine Aufgabe nach der andern, bis eins von den Kindern, die offenbar seine eigenen waren, anfing zu schreien. Er watschelte zu ihnen hin. "Ach, meine Lieben! Hätte ich euch doch beinahe vergessen. Ihr habt Hunger, nicht wahr? Ich bringe euch sofort hinunter zu Tante Marthe, da gibt es schönes Hamham."

"Können wir Euch helfen?" fragte ich. "Sicher." Wir brachten die Kinder hinunter in die Küche, wo die besagte Marthe das Essen zubereitet hatte. "Ich habe schon gerufen", sagte sie, "aber da oben hört mich ja nie einer." Dann erklärte der Meister "Meine liebe Frau liegt krank darnieder, und ich muss mich um die Kleinen kümmern, bis sie wieder gesund ist." "Möchten Sie auch etwas essen?" fragte uns Marthe. "Gern", sagte Thomas, und ich nickte.

Die Kinder bekamen Brei, für die Großen hatte Marthe Eierkuchen in der Pfanne gebacken, mit einer Füllung aus Geflügelfleisch und Pilzen. Thomas sagte "Hm, lecker, mit echtem Pelz." Wir mussten lachen. "Bitte?" fragte Marthe, und wir erzählten die Geschichte von dem Nürnberger, worauf Meister Adam mit vollem Mund so lachen musste, daß ihm was von dem Eierkuchen in seinen Bart fiel.

Wir kauften ein Buch, das hatte den Titel "Rechnung auf den Linien. Für allerlei Hantierung gemacht." Es war teurer als Thomas dachte. Er musste noch Geld aus einem Beutel drauflegen, den er in der Hose versteckt hatte. Meister Adam gab uns ein Rechenbrett und ein Säckchen mit Steinen dazu, obwohl ich mir schon überlegt hatte, daß es mit Münzen wahrscheinlich noch besser geht.

Es war um die Mittagszeit, und wir beschlossen, uns schleunigst wieder auf den Heimweg zu machen. Wir würden mindestens bis Tambach kommen. Wir holten die Pferde in dem Stall am Markt ab. Da war ein Mann, der laut herumkrakeelte. Er war offenbar betrunken. Seine Kleidung war gar nicht ärmlich, der Mantel war aus gutem Stoff, und die Stiefel wie neu, abgesehen davon, daß jetzt überall Pferdemist dranklebte.

Er stand mitten im Eingang, als wir kamen, und ließ uns nicht rein. "Doktor", redete der Pferdeknecht auf ihn ein, "so gehen Sie doch zur Seite und lassen die Leute durch." "Ich denke nicht dran", gab der Doktor empört zurück, "ich bleibe stehen, wo es mir gefällt." Er stand wirklich mit einem Fuß in einem Haufen dampfender Pferdeäpfel, den der Knecht gerade beseitigen wollte.

"Guten Tag, schönes Kind", sagte er zu mir. Ich muss dazu sagen: ich hatte mir morgens mein Kleid wieder angezogen, bevor wir zu dem Rechenmeister gingen, und jetzt wollte ich mich hier irgendwo in einem Winkel des Pferdestalls umkleiden. "Schönen Dank, Gevatter", antwortete ich. Er lachte aus vollem Hals. "Gestatten Sie?" sagte Thomas, weil wir vorbei wollten. "Hej, du Lümmel, fass mich nicht an!" brüllte er, aber er wich dennoch zur Seite, wobei er mich anstarrte wie einen Mondhasen. Er verfolgte mich mit seinem aufdringlichen Blick, bis wir bei unseren Pferden waren.

"Wer ist das denn?" fragte ich den Knecht. "Das ist der Doktor Faust", meinte er, "ein Gelehrter." Dabei verdrehte er die Augen und legte vielsagend den Finger an den Kopf. "Er hat gestern abend mit irgendwelchen Spaniern gezecht, dann hat er sich mitten in der Nacht hierher verlaufen und ist vorhin erst aufgewacht." "Mit Spaniern?" sagte ich und dachte 'Meine Güte! Wir sind nicht halb so gebildet wie der und haben mit Spaniern doch einen besseren Umgang.'

Thomas bezahlte für die Unterbringung. Der Doktor war uns nachgeschlichen, er stand ein paar Schritte abseits bei einem Stallburschen, der die Pferde mit Hafer fütterte. Ich hörte, wie er zu ihm sagte "Du musst mir die Dirne beschaffen!" "Welche?" fragte der Bursche, ohne seine Arbeit zu unterbrechen. "Diese!" "Die da?" Er warf einen flüchtigen Blick zu uns hinüber. "Die kenn' ich nicht, die ist nicht von hier. Außerdem, Herr Doktor", fügte er hinzu, "ist die ein bisschen zu jung für Euch."

Der Doktor geriet außer sich vor Zorn. Er packte den Stallburschen am Kragen und schüttelte ihn durch. "Zu jung? Zu jung? Du dämlicher Trottel. Was weißt du denn, was zu jung für mich ist!" "Hoho, heda!", rief unser Knecht und sprang hinzu, "schön friedlich bleiben, Doktor, sonst rufen wir die Stadtwache. Wenn ich mich nicht irre, habt Ihr noch vom letzten Mal eine Schuld abzutragen."

Mit einem angewiderten Ächzen stieß der Doktor den Burschen von sich. Dann fiel sein Blick auf seine Stiefel. "Zum Teufel, wie sehen die nur aus!" "Kommt mit", meinte der Knecht versöhnlich, "ich werde sie putzen, und Euern Mantel auch, dann könnt Ihr wieder auf die Straße." Er machte uns mit dem Kopf ein Zeichen, daß wir schnell verschwinden sollen, und führte den Doktor weg wie einen vergesslichen alten Mann.

Als wir ans Stadttor kamen, mussten wir alles vorzeigen, was wir bei uns hatten. Neben uns stand ein Kaufmann, der fürchterlich schimpfte, weil sie seine ganze Ladung auseinandernahmen. "Was suchen Sie eigentlich?" fragte ich den Zöllner. "Das geht dich einen Dreck an." Dann ließen sie uns hinaus. "Diese Stadt ist voll von komischen Käuzen", meinte Thomas. "Na, dieser Doktor war der einzige, den wir getroffen haben." "Hm. Ich möchte jedenfalls nicht da leben, es ist alles so ... so geregelt."

Ich sah, wie Thomas innerlich vor Wut kochte, als die Zöllner in unsern Bündeln herumwühlten. So etwas konnte er nur schwer ertragen, und ich sah, wie er sich zusammenreißen musste, um nicht ausfällig zu werden, zumal er das mit dem betrunkenen Doktor schon widerwillig geschluckt hatte.

In Tambach fanden wir ein Quartier bei einem Hufschmied. Bis in die Nacht hämmerte es da beinahe ununterbrochen auf den Amboss. Ein kleiner, dicker Mann in einer Ordenstracht war ebenfalls hier abgestiegen. Als er uns sah, sagte er bloß "Der Herr sei mit euch", dann vertiefte er sich ins Gebet und murmelte leise vor sich hin. Thomas sagte, es sei einer von den Augustinern, wegen der schwarzen Kutte. "Dann ist er ein Evangelischer?" "Frag ihn doch." Später fanden wir ihn unten in der Küche, wo man etwas essen und trinken konnte. Er hatte ein wachsames Auge auf seinen Reisesack, in dem irgendein kastenähnliches Ding steckte.

Ich hatte schon bemerkt, daß Thomas etwas beschäftigte, und schließlich fing er damit an. "Was war das eigentlich, was du da über den spanischen Hof erzählt hast?" "Daß ich da hin gehen will? Das war nur ein Scherz." "Nein. Ich kenne dich, ich weiß, wann du was im Scherz sagst und wann nicht. Das war ernst gemeint. Wie kommst du darauf?"

Ich gab das wieder, was López Talavan zu mir gesagt hatte und war ein bisschen überrascht, als Thomas meinte "Das hört sich nicht schlecht an." "Findest du? Aber was, wenn er es nur so dahergesagt hat?" "Warum sollte er das tun?" Ich zuckte mit den Schultern. "Na ja, vielleicht wollte er ..." "Dir damit schmeicheln?"

Ich wurde rot, und man sah es trotz des schwachen Lichtscheins in der Kammer. Der Augustiner rappelte sich von seinem Lager auf, vergewisserte sich, daß mit seinem Reisesack alles in Ordnung war, schaute zu uns herüber und sagte "Der Herr sei mit euch", dann kniete er sich hin und betete.

"Das war doch nicht zu übersehen, welchen Eindruck er auf dich gemacht hat", sagte Thomas. "Ach was." "Du hast ihn geradezu angehimmelt." Der Augustiner räusperte sich. Ich flüsterte "Es ist ganz unmöglich. Wie soll ich denn nach Spanien kommen?" "Man kann alles schaffen, wenn man es nur richtig anstellt."

"Und du? Was du mir über Pizarro und dieses Eldorado erzählt hast, das kam doch auch nicht von ungefähr?" "Ich habe dir gar nichts darüber erzählst." "Aber du wolltest, das heißt, du hast wahrscheinlich schon viel drüber nachgedacht." Er schwieg. Der Augustiner hatte sein Gebet beendet und sich wieder hingelegt. "Das stimmt", gab Thomas dann zu. "Was ist denn nun eigentlich genau damit?" "Lass uns morgen weiterreden, ich bin hundemüde." "Gut." Ich sah, daß er noch eine ganze Weile dalag und mit offenen Augen an die Decke starrte.

Bei dieser, wie auch bei anderen Gelegenheiten, war aus ihm über das Eldorado nicht viel herauszubringen, es schien mir manchmal, daß er sogar mir gegenüber nicht alles sagen wollte, was er darüber wusste oder dachte. Es war ein sagenhaftes Goldland, el reino maravilloso de oro y preciosa, so hatte Sanchez es genannt. Ja, ich habe noch nicht erwähnt, daß ich auch ihn darüber befragt hatte.

Aber Sanchez war genauso verschlossen, wenn man ihn daraufhin ansprach. Trotzdem hatte ich bemerkt, daß er natürlich viel besser darüber Bescheid wusste als Thomas, der es nur aus ein paar Berichten kannte, die er bei Meister Hartmann gefunden hatte.

Und auch den hatte ich, hinter Thomas' Rücken, darum gebeten, mir die Bücher zu zeigen, die davon handeln. Es gab da eine Schilderung eines gewissen Pedro Moncayo, der mit einem von den Konquistadoren (so nennen sich, wie ich erfuhr, die spanischen Militärführer, welche im Auftrag ihrer Majestät den Neuen Kontinent erobern) von der Küste aus ins Innere des Landes vorgedrungen war, wo sie auf ein Reich stießen, das unter der Herrschaft eines Königs stand, der sich "der Inka" nennt und der göttlicher Abstammung ist.

Und in der Hauptstadt dieses Inka-Reichs, die mitten in einem großen See liegt und als uneinnehmbar gilt, in dieser Stadt also wäre alles aus purem Gold, angefangen von den Pflastersteinen auf den Straßen, den Türklinken an den Häusern bis hin zu den Einrichtungen im Innern und allem Hab und Gut der Einwohner. Ihre Teller und Becher, Löffel und Tintenfässer - alles ist aus Gold; ihre Kleider sind mit Goldfäden durchwirkt, die Männer tragen goldene Ringe und Ketten, das Haar der Frauen ist mit Goldstaub gepudert, und sogar die Pferde saufen Wasser aus goldenen Trögen.

Sanchez hatte mir eine Geschichte erzählt, die dort sehr beliebt sein soll und die von einem Mädchen handelt, das (ganz unverschuldet) in große Armut gerät und schon nahe daran ist, vor Hunger zu sterben, als plötzlich vom Himmel herab lauter Goldstücke auf sie fallen, die sie bloß aufzuheben braucht, und ihre Not damit für immer ein Ende hat.

"Manche glauben", meinte Sanchez, "daß dieses Mädchen eine Tochter der Coya war, der Königin von Tahuantin-Suyu, die ihrerseits die Gemahlin des himmlischen Sonnengottes ist. Das arme Ding kannte seine Abstammung bloß nicht, und ein paar niederträchtige Dämonen haben sie ins Unglück gestürzt, bevor sie dann auf so wohltätige Weise errettet wurde."

"Aber das ist ja das Märchen von den Sternentalern", sagte ich und erklärte Sanchez, daß diese Geschichte auch bei uns erzählt wird. (Er war stark beeindruckt, und das war wohl auch ein Grund dafür, daß er López Talavan von meinem angeblich so erstaunlichen Wissen berichtete.) Aber Sanchez nahm an, ich hätte die Geschichte schon vorher von irgend jemandem erfahren und gut im Gedächtnis behalten.

"Dann weißt du auch", fuhr er fort, "daß damals so viel Gold auf die Erde fiel, daß sich die Kleine in eine Höhle flüchten musste, um nicht unter dem Berg von Gold lebendig begraben zu werden." Das kam mir gleich merkwürdig vor, aber ich schwieg und ließ ihn ausreden. "Und als die Coya es genug Gold hatte regnen lassen, da machte sich das Mädchen daran, alles in die Höhle zu schaffen und dort gut zu verstecken. Nur einen kleinen Teil steckte sie ein, um sich zuerst das Nötigste zu beschaffen, Essen und Sachen zum Anziehen und so weiter.

Und mit Hilfe eines Riesendrachens, der aus Neugier hinzugekommen war, schoben sie einen großen Felsbrocken vor den Höhleneingang." "Lassen Sie mich raten, Sanchez", sagte ich da, "dieser Felsbrocken kann nur mit einem Zauberspruch wieder beiseite bewegt werden, stimmt's?" "Aber ja! Leonora, das hast du dir gut gemerkt. Und weißt du nun vielleicht auch, wie dieser Spruch lautet?" Ich schüttelte den Kopf. "Nein, woher denn."

Sanchez schlug mit der Faust auf den Tisch, daß ich glaubte, er würde zusammenkrachen, und er lachte wie einer, der schon mal sein ganzes Glück in Händen gehalten hatte, dem es aber im nächsten Augenblick wieder entglitten war. "Das hätte mich auch sehr gewundert", sagte er und beugte sich nahe an mein Gesicht heran. "Dann, meine liebe Leonora, hätte ich dich sofort zu meiner Braut gemacht und wir wären so schnell es nur ginge, dorthin gereist, damit du diesen verfluchten Felsbrocken zur Seite schiebst, ha ha ha."

"Moment mal, Sanchez! Erstens, wer sagt Ihnen, daß ich Sie zum Mann nehmen würde? Und zweitens würde es vielleicht genügen, wenn Sie den Zauberspruch von mir erfahren und es allein tun würden." (Auf meinen ersten Einwand ging er nicht weiter ein.) "Das hat seinen Grund darin, daß dies nur jemandem gelingt, der unschuldig ist und ein reines Herz hat." Bei dem Wort "unschuldig" wurde ich schamrot, denn ich wusste, was damit gemeint war. "Und ich", beschloss er seine Rede, "bin ein Mann, der - zum Teufel nochmal - beides längst nicht mehr besitzt."

Abgesehen davon, daß ich den Spruch natürlich nicht kannte, hätte ich mich niemals mit diesem Sanchez darauf eingelassen. Ich nahm das alles auch nicht für bare Münze, so wie er es anscheinend tat. Aber ich ertappte mich dabei, daß ich Thomas für denjenigen hielt, der am ehesten dafür in Frage kommt.

Mal angenommen, in dieser phantastischen Geschichte steckte ein Fünkchen Wahrheit, wie das immer bei solchen Geschichten der Fall ist (davon war ich fest überzeugt), warum hätte ich dann nicht, wie jeder andere dieser unerschrockenen Männer auch, den Versuch unternehmen können, die Höhle mit dem Goldschatz zu finden? Nur weil ich eine Frau bin? Nur weil ich keine Rüstung trage und keine Waffen? Nur weil ich keine Männer befehlige, die mir gehorchen und folgen?

Dann hätte ich - oh, was für eine Vorstellung! - als reiches (und schönes!) Mädchen López Talavan wieder gegenübertreten und ihn überzeugen können, daß ich zu ihm gehöre und er zu mir gehört und wir auf diesem Umweg, den das Schicksal uns vorbehielt, endlich zueinander gefunden hätten. Er wäre mein Ywain gewesen, und ich seine Laudine und Lunete in einer Person!

Ganz in der Frühe schreckte ich kurz hoch, als der Augustiner die Schlafkammer verließ, er flüsterte mir im Vorbeigehen ein "Der Herr sei mit dir" zu. Thomas war unter der Zudecke vergraben, und ich fiel auch noch mal für ein Weilchen in einen dämmerigen Halbschlaf.

Drei Stunden später kamen wir mitten im Wald an eine Wegekreuzung, und am Rand, auf einem Fleckchen mit weichem Gras saß unser Augustiner und starrte vor sich hin. "Der Herr sei mit euch", sagte er, als er uns gewahrte. Thomas fragte, ob er ihm helfen könne, wenn er nicht wüsste, wo entlang es geht. "Oh doch doch, das weiß ich", erwiderte er, "ich musste mich halt nur ein wenig ausruhen."

Er erkundigte sich, wohin wir wollen und meinte daraufhin "Würde es euch etwas ausmachen, wenn ich euch begleite?" "Nun, eigentlich ..." Thomas drehte sich um und schaute auf die Pferde. "Oh, ich habe mein eigenes Reittier", sagte der Augustiner schnell und pfiff auf zwei Fingern. Daraufhin kam - allerdings nicht sofort - ein großer dunkler Esel hinter den Büschen hervorgetrabt; es war einer von den sogenannten Waldeseln, welche manche Leute bei uns halten.

"Ihr könnt mich übrigens Bruder Bernward nennen, denn das ist mein Name. Und dies ist Apollon, mein treues Reittier." Wir stellten uns ebenfalls vor und Thomas sagte, daß wir uns schon in Tambach in der Herberge begegnet wären. "Ach, dann wart ihr das", sagte er.

Bruder Bernward war nicht gerade groß, dafür aber um so dicker, und die Kordel, die um seinen Leib gebunden war, maß bestimmt vier oder fünf Ellen. Daran hingen etliche prallgefüllte Beutelchen, was seine Korpulenz noch verstärkte. Er trug einfache Schuhe, die aber recht neu und fest aussahen, und huckepack hatte er diesen Sack, der mir schon aufgefallen war, und der jetzt wie ein großer Schild auf seinem Rücken hing.

Er hatte über dem Doppelkinn ein feistes Gesicht mit roten Flecken und einer Stupsnase und flinken Augen; sein Blick hatte, wie ich im Laufe der Zeit bemerkte, meistens einen Ausdruck von Zufriedenheit, selbst dann, wenn er von etwas Tieftraurigem sprach.

"Sie sind Augustiner, nicht wahr?" sagte Thomas, als wir weiterritten. "Richtig. Aber noch nicht immer gewesen." "Was waren Sie denn vorher?" fragte ich. "Angefangen habe ich als Benediktiner, also genau gesagt als Zisterzienser, die kommen ja von den Benediktinern her." "Tatsächlich." "Ja", sagte er. Auf seinem Esel schwankte er beim Reiten sanft hin und her, und das gab seinem Redefluss manchmal eine Art Singsang, bis er es bemerkte und sich bemühte, wieder normal zu sprechen.

"Ich bin in Weißensee geboren, meine Eltern waren arme Leute, ich hatte sechs weitere Geschwister, drei davon leben noch." "Und Ihre Eltern?" "Die schickten mich in das Kloster. In Weißensee gab es seit den Zeiten der Landgrafen ein Kloster, aber das war schon ziemlich heruntergekommen, alles arme Leute. Die Ländereien und die Teiche hatten sich größtenteils schon irgendwelche Junker unter den Nagel gerissen, und die Mönche wussten selber nicht mehr so genau, was sie da noch tun sollen. Na, und nach einer Weile waren sie alle entweder gestorben oder fortgegangen. Und ich bin dann auch nach Eisenach gegangen, zu den Franziskanern, die gab es da auch schon seit einer Ewigkeit, übrigens keine armen Leute."

"Und war es da besser?" "Teils teils", sagte er und musste plötzlich mehrmals ganz heftig niesen, wobei die Flecken auf seinem Gesicht nochmal so groß und tiefrot wurden. "Ist alles in Ordnung?" fragte Thomas. "Ja, ja, kein Grund zur Sorge, das überfällt mich manchmal. Es ist nicht ansteckend", setzte er schnell hinzu. "Ich dachte auch bloß an Ihre Gesundheit." "Oh, der Herr sei allezeit mir dir." Als er sich erholt hatte, sprach er weiter.

"Also einerseits haben die Franziskaner ja hohe Ideale, was die Nächstenliebe und die Barmherzigkeit angeht, das ist etwas, dem ich mich durchaus anschließen kann. In Weißensee hatten sie sich darüber eigentlich keine Gedanken mehr gemacht, sie waren sozusagen auch im Geiste völlig veramt."

"Aber Sie sind nicht bei Franziskanern geblieben?" "Bin ich nicht. Gott hat mir, außer ein paar anderen Eigenschaften, die ich jetzt nicht ausbreiten möchte, eine gewisse Demut gegeben, mit der ich - ich möchte fast sagen: überall unter den Menschen gut gelitten bin. Aber er hat mir auch etwas mitgegeben, ich möchte es mal: Leichtfertigkeit nennen, mit der man leicht aneckt, an-eckt, ihr versteht?" "Ja, ja." "Bei Leuten, die übereifrig sind und alles furchtbar genau nehmen und die zornig werden, wenn man sich mit dem zufrieden gibt, was einem halbwegs gut und gelungen scheint; denn es könnte ja noch viel besser und doppelt und dreifach haltbarer sein, wenn man sich nur die Mühe machte, es dahin zu bringen." Er hatte sich bei diesen Worten in Rage geredet und gestikulierte wild mit den Armen.

"Das ist doch eher mangelnder Ehrgeiz?" "Bitte? Ehrgeiz? Mit diesem Wort wusste ich noch nie was anzufangen. Ich nenne es Leichtfertigkeit, ich bevorzuge es, wenn man leicht mit irgendeiner Sache fertig wird und bin's zufrieden. Kurz und gut, von den Franziskanern ging ich nach Erfurt zu den Predigern, weil ich dachte, eigentlich kann ich mit Worten ganz trefflich umgehen und weil ich die Predigten von Meister Eckhart gelesen hatte, der ja auch Dominikaner war. Aber da erlebte ich eine böse Überraschung, als ich feststellte, daß dieselben Predigten in Erfurt ganz anders lauteten."

"Wie denn das?" "Ja, wie denn das? Das habe ich mich auch gefragt. Die hatten sie einfach umgeschrieben oder jedenfalls so nach ihren eigenen Vorstellungen bearbeitet, daß von dem guten Meister Eckhart ungefähr soviel übriggeblieben ist wie von Salomos Sandalen. Der Meister war ja auch schon ein paar hundert Jährchen tot, und dem konnte das egal sein. Aber mir hat das überhaupt nicht behagt, und da konnte man auch mit Demut nicht mehr viel ausrichten."

Er machte eine Pause, holte tief Luft und sprach "Nun begab es sich aber, daß der Doktor Martin Luther eine ganz neue Bewegung ins Leben rief, die auch eine Erneuerung bedeutete. Was er gegen den Papst wetterte, das kümmerte mich eigentlich weniger, weil ich mit den Papisten nichts zu schaffen habe. Aber ich fühlte mich noch nicht so alt, als daß ich nicht selber meinem Leben noch mal neuen Schwung geben könnte, ihr versteht?"

"Ja doch", sagte ich, und Thomas meinte "Ab einem bestimmten Alter stellt sich wahrscheinlich jeder diese Frage." Das fand Bruder Bernward nun weniger schmeichelhaft, deshalb fragte ich schnell "Und nun sind Sie auf einer Missionsreise?" Er bekam einen weiteren Niesanfall, diesmal nicht ganz so schlimm, dann druckste er ein bisschen herum und sagte schließlich "Bin ich nicht. Es ist eher eine Pilgerreise." "Ah so." Er hatte das wie einen Schlussatz geäußert, und so ritten wir eine Weile schweigend dahin.

Dann durchschoss ein Gedanke meinen Kopf. "Aber Bruder Bernward, wenn Sie ein Anhänger Luthers sind, dann ist mir nicht ganz klar, weshalb Sie sich auf Pilgerreise befinden, denn Luther hat in den Schmalkaldischen Artikeln die Pilgerreisen verurteilt." "Wo?" "In den Schmalkaldischen Artikeln, der berühmten Streitschrift der Protestanten." "Vorsicht, sie kennt das in- und auswendig", erklärte ihm Thomas, "sie hat damit das Lesen gelernt."

"Ach ja. Das will ich durchaus nicht widerlegen, und wenn der Doktor Luther das sagt, dann schließe ich mich dem voll und ganz an. Nur, es ist so: um meine jetzige Handlungsweise zu verstehen, muss man wissen, daß ich dieses Versprechen zu einer Pilgerreise schon gegeben habe, bevor ich zu den Augustinern kam." "Dann ist das sozusagen eine offene Rechnung, die Sie begleichen wollen", meinte Thomas. "Das ist es."

Ich fand seine Erklärung einleuchtend und fragte "Und wo soll die Reise hingehen?" "Nach Santiago de Compostela, das liegt in Spanien." "Spanien?", rief ich aus und wäre beinahe vom Pferd gefallen, "das kann doch nicht wahr sein!" "Aber Mädel, was hast du gegen Spanien, es soll ein schönes Land sein."

Ich sagte "Seit Wochen und Monaten dreht sich bei mir alles um Spanien." "Na, bei mir nicht minder. Eine solche Reise will schließlich gut vorbereitet sein. Deswegen habe ich mir auch vorher noch ein paar Pfündchen angespeist, denn man weiß ja nie, ob man nicht irgendwo mal darben muss. Und außerdem ist es nicht sicher, daß einem das Essen in der Fremde auch bekommt."

Ich war immer noch völlig davon erschüttert, daß mir selbst in der Person dieses zufällig am Wegesrand sitzenden Mannes nichts anderes als ein Zeichen gegeben wurde, wohin mein Leben sich wenden soll, und ich hörte nicht mehr richtig zu, wie Bruder Bernward und Thomas darüber sprachen, auf welchem Weg man am besten dahin käme.

Irgendwie war das alles zuviel für mich gewesen. Als wir in Schmalkalden ankamen, und nachdem Thomas meinem Onkel einen kurzen Bericht erstattete, den ich nur mit mechanischem Kopfnicken bestätigte, verschwand ich in meiner Kammer, warf mich, wie ich war, aufs Bett und im nächsten Moment rannen heiße Tränen aus meinen Augen und mein zarter Körper wurde durchgeschüttelt wie ein Pflaumenbaum im Herbststurm.

Dazu muss ich sagen, daß mich solche Weinkrämpfe nur sehr selten packen und zwar dann, wenn ich wirklich nicht mehr ein noch aus weiß. Vielleicht mag sich jetzt mancher darüber wundern, denn von außen betrachtet, hatten alle bisherigen Ereignisse nicht nur einen Sinn, sondern auch einen Zusammenhang.

Aber auf einmal hatte ich Angst vor dem, was da auf mich zukommt. Auf schmerzliche Weise wurde aus den Träumen, den Träumereien, die mir bis dahin höchstens Herzklopfen und manchen wonnigen Schauer versetzt hatten, eine dumpfe, aber nichtsdestoweniger deutliche Ahnung, daß ich einem fatalen Irrtum unterlegen bin und daß mein Leben engegen allen falschen Hoffnungen und trügerischen Zeichen geradewegs in den Abgrund führen wird.

Da wuchs - oh wie ich es fühlte, wie es mir die Kehle zuschnürte, die Brust zusammenpresste - da wuchs jene Eigenschaft in meiner Seele mit unwiderstehlicher Kraft empor, die seit meinen frühesten Kindheitstagen darin eingegraben schien: eine fast animalische Angst belogen und betrogen zu werden, von allen guten Geistern verlassen und ein leichtes Opfer des Teufels zu sein.

Ich gebe zu (aber das ist keine Beichte!), ich halte die Macht des Teufels bis auf den heutigen Tag für mindestens ebenso stark wie die eines Gottes, in manchen Zeiten sogar für größer.

Anfangs war das nur eine unbestimmte Befürchtung, so wie sie ein Kind vor einem Fremden hat, der irgendwie seltsam auf einen herabschaut. Aber indem mein Verstand und mein Gemüt sich ausprägten und ich mir über alles, was ich sah und erfuhr, meine eigenen Gedanken machte, erkannte ich, natürlich nicht ohne Bestürzung, daß das Böse und die Schlechtigkeit oft mehr Gewalt über die Menschen haben, als die Liebe und die Selbstlosigkeit.

Und aus dieser Bestürzung wurde bei mir eben Angst, so wie bei anderen aus Vertrauen Festigkeit im Handeln werden kann. Es ist mir heute klar, daß diese Angst zu einem gut Teil durch die Geschehnisse in meiner Familie, durch das Schicksal meiner Eltern, durch die ebenso verständliche wie aussichtslose Handlungsweise meines Vaters und die ebenso bereitwillige wie unüberlegte Reaktion unserer Mutter darauf geschürt wurde.

Aber ich verurteile sie deshalb nicht, so wie ich niemandem die Schuld für etwas gebe, womit ich selber nicht klarkomme. Es ist nur so: wenn man niemanden für die eigene Lage verantwortlich machen will außer sich selbst, dann ist man auch alleingelassen damit, sie zu bewältigen. Und eins bestätigt sich immer wieder: Alleinsein und Angst sind wie zwei unzertrennliche Geschwister, wo das eine auftaucht, ist das andere nicht weit weg.

Was wäre, wenn die große Unternehmung, die ich mir in den vergangenen Tagen in Gedanken so großartig ausmalte, schon nach dem Beginn kläglich scheiterte? Wenn meine Reise nach Spanien ein paar Meilen hinter Schmalkalden zu Ende wäre? Wenn ich vom Pferd stürze, mich lebensgefährlich verletze, für den Rest meines Lebens ein Krüppel bin? Oder wenn ich überfallen, vergewaltigt, verstümmelt und überdies zum Gespött aller werde? Dann wird es heißen "Das ist die, die nach Spanien gehen wollte und die man halbtot auf der Wiese vorm Stiller Tor gefunden hat."

Und das waren ja nur die nächstliegenden Befürchtungen. Was wäre, wenn ich, gesetzt den Fall, ich erreichte Spanien, López Talavan dort niemals finden würde, wenn man mir, jedesmal, wenn ich nach ihm fragte, antwortet "Juan López Talavan? Nie gehört. Nein einen Mann dieses Namens kennen wir nicht."

Ritter Ywain, seine schöne Dame und seine großmütige und kluge Helferin waren Gestalten aus einem Sagenreich; aber ich versuchte in meiner Naivität, sie in die Wirklichkeit herüberzuholen, in eine Welt, in der sie lange, lange schon keinen Platz mehr hatten und haben. Ich versuchte, an einem Trugbild festzuhalten, anstatt mich um das zu kümmern, was mich hier tagtäglich umgibt. Und nun, da ich erkannte, daß es nichts als ein Trugbild war, überfielen mich die Angst und Verzweiflung und ließen mich heftige Tränen vergießen. Oh, arme Eleonore, schluchzte ich, was soll nur aus dir werden!

Ich rappelte mich auf, und in den nächsten Tagen stürzte ich mich in die Beschäftigung mit meinem neuen Rechenbuch, denn ich hatte die Idee, daß ich, wenn ich das Rechnen leidlich gut beherrsche, die Kinder aus der Nachbarschaft darin unterweisen könnte, für Geld natürlich; und vielleicht könnte ich so meinen Lebensunterhalt verdienen, denn auf Dauer würde ich es bei meinem Onkel in der Wirtschaft auch nicht aushalten, so gut er es auch bisher mit mir und meinem Bruder gemeint hatte.

Wieder begriff ich rasch und leicht, was der Meister aus Erfurt da demonstrierte. Er gab viele anschauliche Beispiele, und obwohl es von Seite zu Seite schwieriger wurde, konnte ich alle Rechnungen nachvollziehen.

Übrigens war der Titel "Rechnung auf den Linien" ein bisschen irreführend, oder er sollte womöglich einen lernenden Leser nicht verschrecken. Und auch die Personen auf den Bildern machten durchweg vergnügliche Mienen, wie sie da die Steine umherschieben. Jedoch waren nur die ersten Aufgaben mit dieser "Methode", wie er es genannt hatte, leicht zu lösen.

So einfach sie zuerst schien, so sollte sie sich doch bald als unzulänglich erweisen, wenn es nämlich darum ging, zu multiplizieren oder zu dividieren, und es konnten einem dabei schnell die Mundwinkel herabfallen und die Falten auf die Stirn treten, was auf den Bildern wohlweislich weggelassen wurde.

Ich benutzte des Onkels große Schreibtafel und den Kreidestein, mit welchen er sonst die Zeche mit Strichen notierte. Ich prägte mir das kleine Einmaleins ein und entwickelte ein gutes Gefühl fürs überschlägige Rechnen und das Abschätzen dafür, ungefähr wie oft eine Zahl in einer andern enthalten ist, was hilft, wenn man die größere Zahl durch die kleinere teilen soll. Ich vertiefte mich so sehr in die Rechnerei, daß ich alles um mich her vergessen konnte, und das war in diesen Tagen für mich geradezu heilsam.

Aber im weiteren Verlauf des Buches wurden die Aufgaben - wie soll ich sagen - sie führten immer weiter hinaus aus der trauten Zahlenwelt, und man musste einsehen, daß der größte Teil dieser Übungen für Kaufleute gedacht und gemacht war, die sich frank und frei in allen möglichen Gegenden Europas herumtreiben.

"Wenn 7 Pfund von Padua 5 Pfund in Venedig entsprechen, und 10 Pfund von Venedig 6 Pfund in Nürnberg, und wiederum 100 Pfund von Nürnberg 73 Pfund in Köln - wieviel Pfund in Köln entsprechen dann 1000 Pfund von Padua?" (Ich dachte immer, 1 Pfund ist 1 Pfund, aber offenbar war hier gar nicht das Gewicht gemeint, sondern irgendwelches Geld, von dem ich noch nie gehört hatte.) Oder: "Eine Fuhre von 3 Zentnern kostet für eine Strecke von 24 Meilen 1 ungarischen Floren. Wieviel kostet eine Fuhre von 11 Zentnern für eine Strecke von 120 Meilen?"

In dieser Art ging es über viele Seiten hinweg. Eine Lösung stand dabei, und man konnte sie auch nachrechnen, aber ich verstand nicht, warum es so ist. Es war, wie wenn man eine Farbe vorgesetzt bekommt und ihren Namen erfährt, aber nicht, aus welchen anderen Farben sie zusammengemischt worden ist. Und weil ich immer alles ganz genau wissen wollte, regte mich das auf, anstatt mir das Gefühl zu geben, ich wüsste was.

Was mich aber ebenso beunruhigte, waren die Orte, die da genannt wurden: Nürnberg, Padua, Venedig, Köln, Ungarn, Breslau, bei den meisten wusste ich nicht mal, wo sie liegen. Und dann tauchte auch der Name Flandern auf, und plötzlich stand López Talavan gleichsam leibhaftig vor mir, wie er mir erklärte, daß der König von Spanien aus Flandern stammt, und da war es wieder vorbei mit meiner innigen Beschäftigung mit der Rechenkunst und ich musste nur noch an ihn denken, und ich verliebte mich neuerlich aufs Brennendste in ihn.

Seit einer Woche hatte ich Thomas nicht gesehen. Eines Nachmittags kam er zu mir und sagte, er will mir etwas zeigen, und ich soll in einer Stunde in die Druckerei kommen. Dort führte er mich nach hinten in einen Bretterverhau, wo Meister Hartmann allerlei Gerätschaften und Material gelagert hatte, die er momentan nicht benötigte.

Ich dachte, Thomas will mich verführen, und auf die schnelle versuchte ich, zu entscheiden, wie ich mich verhalten werde, und um noch etwas Zeit zu gewinnen, meinte ich scheinbar ahnungslos "Ich denke, du wolltest mir was zeigen?" "Ja, das hier", erwiderte er, und ich war zunächst enttäuscht, daß er wirklich nichts anderes im Sinn hat.

Ich sah eine Menge Sachen auf einem Leinentuch ausgebreitet, darunter ein dickes, neues Hanfseil, eine Eisenpfanne, zwei Löffel, einen breiten Ledergürtel, das Messer, das ich ihm geschenkt hatte, ein paar feste Schuhe zum Schnüren, auch zwei Hosen und mehrere Hemden sowie baumwollene Unterwäsche, Strümpfe, einige in Ölpapier gewickelte kleinere Gegenstände, den Geldbeutel, den er sich an einer Schnur um den Bauch binden und unauffällig in der Hose verstecken konnte, und noch ein paar Utensilien, deren Zweck mir nicht gleich klarwurde.

Alles war ordentlich hingelegt, als hätte es seine Mutter gemacht, aber Thomas' Mutter war eine kranke, halbblinde Frau, die sich an nichts mehr erinnern kann. "Was soll das sein?" fragte ich ihn und fasste das Hanfseil an, das blond und dick war wie ein Mädchenzopf, aber rauh und ungeschmeidig. "Meine Ausrüstung." "Wofür?" "Für die Fahrt in die Neue Welt." "Nach Neu-Indien?" "Ja."

Ich zwang mich, gleichgültig zu bleiben, aber ich spürte, wie mir der Puls an den Schläfen pochte. "Wozu brauchst du zwei Löffel?" Er zuckte mit den Schultern. "Es ist noch nicht endgültig." "Daß du fährst?" "Doch. Das steht fest. Ich meine die Ausrüstung, es ist auch noch zu viel, zu schwer." "Weiß Hartmann davon." "Natürlich, sonst hätte ich's ja nicht hier hingelegt."

Ich schaute in den Gang zur Druckerei und rief "Meister Hartmann?" "Was ist?" "Wissen Sie, daß Thomas nach Neu-Indien fahren will?" Hartmann kam nach hinten. "Ja. Ich konnte es ihm nicht ausreden." "Und?" "Was und?" "Wie finden Sie das?" "Na, ja, er muss sich wahrscheinlich erst in der Fremde die Hörner abstoßen, bevor er merkt, wie gut er es hier hatte."

"Was denn für Hörner?" ereiferte sich Thomas. "Ihr habt letztens selbst mit Begeisterung davon gesprochen, daß in Venezuela die erste Buchdruckerei auf dem neuen Kontinent eröffnet wurde." "Ja freilich, aber dort drucken sie die Bücher in Spanisch." "Ich kann Spanisch", entfuhr es mir vorlaut, "ein bisschen." Die beiden schauten mich mitleidig an, dann sagte Thomas "Ist doch egal, ob ich nun deutsche oder spanische Lettern setze, Hauptsache an der richtigen Stelle; wenn die Vorlage stimmt, dann stimmt auch der Druck."

Hartmann lachte und ging wieder nach vorn. "Jugendlicher Übermut! Fall' nur mal richtig aufs Maul und lass' dir die Knochen breit schlagen, dann kommst du schon wieder." Zum erstenmal hatte ich in Hartmanns Stimme so etwas wie Boshaftigkeit gehört. Thomas schwieg, und ich sah, wie er die Lippen aufeinanderpresste, wie immer, wenn er etwas nur schwer ertragen kann.

"Soll ich dir beim Packen helfen?" fragte ich, als würde er morgen aufbrechen wollen. "Ja, das wäre gut. Eine Frau hat dafür manchmal den besseren Instinkt." Ich zog die Brauen hoch und wollte etwas sagen, da rief Hartmann "Ich mache Feierabend für heute, schließ' alles ab, wenn du gehst, verstanden?" "Ja, Meister."

Er brachte einen riesigen Sack herbei, eher ein Schlauch, aus Leinwand, Jute und Leder mit doppelten Nähten zusammengesetzt und mit Trageriemen und mehreren Außentaschen, Schlaufen und dergleichen. Wann hatte er sich das alles nur besorgt? "Da muss alles reinpassen, und wenn's geht, soll auch noch Platz bleiben."

"Die Wäsche am besten ganz unten", sagte ich, und reichte ihm die Hosen und das andere Zeug. Er bückte sich und Arme und Kopf verschwanden in dem Sack. Ich musste lachen, aber da merkte ich, wie mir die Tränen in die Augen stiegen.

"Wann soll's denn eigentlich losgehen?" "Sobald wie möglich. Meister Hartmann soll mich auszahlen. Ich brauche noch ein paar Werkzeuge." "Willst du etwa zu Fuß losgehen?" "Irgendjemand wird immer in meine Richtung unterwegs sein, da lasse ich mich mitnehmen, für ein bisschen Fahrgeld."

"Aber du weißt auch, daß man in Ungarn mit Floren bezahlt, und in Padua mit Pfund?" "Was?" "Ich hab's in dem Rechenbuch gelesen, in anderen Ländern haben sie anderes Geld." "Silbermünzen nehmen sie überall."

"Hast du keine Angst, ausgeraubt zu werden?" "Dann hol' ich mirs zurück." Ich hatte nicht den Eindruck, daß er jetzt vor mir den starken Mann spielen will, er hatte sicher alles Mögliche bedacht, aber es war, wie Hartmann gesagt hatte, er ließ sich nicht von seinem Entschluss abbringen.

Wir packten alles ein und wieder alles aus, weil zu viele Zwischenräume waren. Wir sortierten alles neu, nutzten jede Handbreit aus, wendeten manches dreimal um, bis es die richtige Lage hatte und drückten von außen und innen gegen den Sack, und als er voll war, schnürten wir ihn zu, kippten ihn um und setzten uns nebeneinander drauf.

"Aber wenn du noch was besorgen willst, müssen wir ihn ja wieder aufmachen." "Das ist schnell getan", meinte Thomas und klopfte mit der Hacke dagegen. "Das ist erstmal geschafft, davor hatte ich ein bisschen Bammel." Dann sah er mir ins Gesicht und sagte "Danke."

Und dann küssten wir uns, und ich fühlte seine Hand auf meiner Schulter und am Hals, und dann lag sie auf meiner Brust, und mein Herz fing wie wild an zu klopfen, und ich zerrte sein Hemd aus dem Gürtel und zog es ihm über, und wir kullerten von dem Sack herab auf den Boden, und Thomas streifte mein Kleid über die Hüften und ich öffnete seine Hose, und im nächsten Augenblick spürte ich sein Glied in meiner kleinen Höhle, und es durchzuckte ihn wild, und ich presste mich dagegen und ließ mich fallen und bäumte mich auf und sank zurück, und dann spürte ich, wie ein heißer Schwall von seinem Saft in mich schoss wie feuriger Honig, und ich schrie auf und krallte meine Finger in seine Lenden, und er hechelte wie ein Hund in der Sommerhitze. Und dann wälzten wir uns zur Seite, und er starrte nach oben ins Leere, und ich legte meinen Arm auf die Augen und schluchzte vor Wonne und Schmerz.

In der Nacht in meiner Kammer hörte ich die Tauben nebenan leise gurren, als würden sie ein Geheimnis besprechen, aber am Morgen waren sie ganz aufgeregt und ungehalten und flatterten im Schwarm eine um die andere Runde über die Dächer in der Grünen Gasse.

Da fiel mir etwas Wichtiges ein. Eilig ging ich zu Thomas und sagte "Du brauchst eine Legitimation, irgendein Dokument, das besagt, wer du bist, wie du heißt und woher du kommst. Andernfalls bist du ein Niemand, vogelfrei, jedermann könnte dir Schaden zufügen, ohne daß er gegen den Landfrieden verstößt." Er sah mich halb verunsichert halb bewundernd an, daran hatte er offenbar nicht gedacht.

"Woher soll ich so ein Dokument bekommen?" Das wusste ich auch nicht, und wir überlegten lange. "Vielleicht könnte Meister Hartmann beim Grafen vorsprechen und für dich darum bitten." "Ja, man müsste ihn fragen", meinte er, aber es klang wenig zuversichtlich, er hatte sich mit Hartmann schon wegen des Lohns gestritten. Ich sah, wie er mutlos wurde, und ich grübelte darüber nach, ob es nur wegen des Dokuments war oder wegen dem, was zwischen uns vorgefallen war. Am nächsten Tag hatte er sogar den Reisesack in die hinterste Ecke gestellt.

Und da geschah etwas Unglaubliches. Als ich am Mittag bei meinem Onkel aushalf, sagte der nebenbei "Dieser Spanier lässt dich übrigens schön grüßen, er wäre wieder wohlauf." Ich ließ vor Schreck die Schüssel fallen. "Welcher Spanier?" "Sanchez heißt er, glaube ich. Ach, hatte ich vergessen, euch das zu berichten, als ihr aus Erfurt zurückkamt? Er war bei der Abreise vom Pferd gestürzt und hatte sich das Bein gebrochen, er lag bis jetzt im Spital und ..." "Ist er da noch?" unterbrach ich den Onkel. "Was weiß ich." "In welchem Spital?" "Am Weidebrunner Tor." Ich band meine Schürze ab und rannte fort.

"Leonora, mein Sterntaler-Mädchen, wie schön, dich zu sehen?" begrüßte mich Sanchez. "Sanchez, ich wusste nicht, daß Sie hier sind. Geht es Ihnen gut?" Er saß an einem schmalen Tisch in dem halboffenen Gang, der zum Hintergebäude führte, und spielte mit einem Mann Karten, dessen Kopf fast völlig verbunden war.

"Oh ja, alles in Ordnung, ich war bloß vom Pferd gefallen. Meine Leute mussten mich hier solange zurücklassen. Aber nun bin ich wiederhergestellt, sieh nur, mein Bein, alles wie vorher." Er streckte es aus und wackelte damit herum wie ein Kind.

"Darf ich dir meinen neuen Freund vorstellen", sagte er und wies auf seinen Gegenüber; aus dem kleinen Loch, das man im Verband für seinen Mund gelassen hatte, kamen die abweisenden Worte "Bitte, Seņor Sanchez, nicht noch mehr von diesem Völkchen." "Was meint er damit?" "Ach, er ist ein bisschen wunderlich, ich glaube, es kommt von seiner Kopfverletzung." "Wenigstens kann er noch Karten spielen", sagte ich. "Nicht so richtig. Ich versuche seit drei Wochen, es ihm beizubringen. Aber es sind auch nicht die richtigen Karten." "Wie bedauerlich."

Dann fragte ich ihn, wie lange er noch hier bleibt. "Oh, nur noch ein paar Tage." Er beugte sich nahe zu mir heran und flüsterte "Bis Schwester Magdalena wieder da ist, damit ich mich von ihr verabschieden kann." "Schwester Magdalena?", sagte ich lachend, "die haben Sie wohl ins Herz geschlossen?" "Herz ist Trumpf", murmelte der andere und warf eine Karte ab. "Nicht doch! Nimm die wieder zurück." "Zum Teufel, dieses ewige Hin und Her", knurrte der Mann widerwillig und steckte die Karte wieder in sein Blatt.

"Seņor Sanchez, vielleicht können Sie mir einen großen Gefallen tun." "Aber immer, Sterntaler, worum geht es denn?" "Eigentlich nicht um mich, sondern um meinen Freund." "Den Thomas?" "Ja." "Famoser Bursche." "Ja. Er will ..."

Da kam eine der Pflegerinnen heran." "Sanchez! Sie spielen jetzt schon wieder seit zwei Stunden, Sie wissen, daß es Herrn Karolus zu sehr anstrengt." "Oh, ja, Schwester Magdalena, das ist die letzte Runde, ich lasse ihn gewinnen." Sie warf ihm einen strengen Blick zu und ging weiter, ich sagte verwundert "Ich denke, Schwester Magdalena ist nicht da?" Sanchez wurde sehr verlegen. "Ähm. Das hattest du vielleicht falsch verstanden." "Er will sich aus dem Staub machen", sagte der Kopfverband und schüttelte sich vor Lachen.

"Halt die Klappe, Karolus, und bring deinen Kopf nicht noch mehr durcheinander." "Ah, ich verstehe, Sie meinten genau das Gegenteil: Sie warten, bis Schwester Magdalena weg ist; Sie sind ein ganz Schlimmer, Sanchez." "Solche Abschiedsszenen fallen mir immer so schwer, ich bin vielleicht ein guter Liebhaber, aber ganz sicher ein schlechter Mensch."

Da schleuderte Herr Karolus plötzlich alle Karten in die Luft und rutschte vom Stuhl. Ich sprang erschrocken zur Seite. Sanchez rief "Das ist nur einer von seinen Anfällen, hilf mir mal." Wir zogen ihn wieder hoch, seine Beine zuckten, und sein Fuß schlug wie ein Hammer gegen mein Schienbein. "Aua", schrie ich, und Sanchez meinte "Er macht das nicht mit Absicht", aber jetzt bemerkte ich, daß er sich selbst weit vorgebeugt hatte, um nicht getroffen zu werden.

"Lass uns gehen, Leonora." "Wohin?" "Da hinüber. Schwester!" rief er, und Magdalena kam herbeigeeilt. "Ich habe alles gesehen", sagte sie und kümmerte sich um den anderen. "Ja, er hat wieder falsch gespielt, und das unter frommen Menschen", sagte Sanchez und ließ unauffällig seine Hand über Magdalenas Schulter gleiten. "Was soll das, Sanchez, sind Sie verrückt geworden!" Er wich brav zurück. "Komm' Leonora." "Nehmen Sie mal ein bisschen Einfluss auf diesen Wilden", sagte sie zu mir. "Sehen wir uns nachher in der Wäschekammer, mein Engel?" Sie machte eine entschiedene Handbewegung. "Verschwinden Sie jetzt."

Ich schilderte Sanchez die Angelegenheit, und er stimmte mir zu, daß solch ein Dokument für Thomas unerlässlich sei. Dann kratzte er sich mal hinter dem linken, mal hinterm rechten Ohr und murmelte "Wenn ich nur wüsste ... wenn ich nur wüsste." "Was?" "Wie man das regeln könnte. Wenn nur Don Juan noch hier wäre." Mich durchfuhr es wie ein heißer Strahl. "Sie meinen Seņor Talavan?" Er hob den Kopf und schaute mich an wie einen unartigen Hund. "Wen sonst?", sagte er beinahe grob, "er könnte bei Euerm Grafen ohne weiteres irgend so einen Wisch verlangen." Ich fühlte mich plötzlich ganz elend.

"Sanchez, warum haben Sie mich eben so angesehen?" "Was? Wie habe ich dich denn angesehen?" "So ... so strafend." Er verstand nicht. "Und jetzt nennen Sie dieses wichtige Dokument einen Wisch." "Was ist denn auf einmal mit dir, Leonora? Du heulst ja gleich los, dein Kinn zittert schon wie Pappellaub." "Überhaupt nicht!" "Ich sage zu allem 'Wisch', das hat nichts zu bedeuten, es ist ..." "Hat er mich noch irgendwann erwähnt?" "Wer? Don Juan?" Jetzt lachte er, und ich hätte ihm am liebsten eine Ohrfeige verpasst, er war wirklich ein ungehobelter Kerl. "Oh ja! Er hat sogar mehrmals im Traum deinen Namen gerufen." Ich sprang auf. "Tut mir leid, Seņor Sanchez, daß ich Sie belästigt habe, leben Sie wohl." Ich wandte mich ab und lief schnell davon.

Abends ging ich zu Thomas, er war immer noch sehr niedergeschlagen. Ich redete ihm gut zu, aber ich war wie wild darauf, mit ihm zu schlafen. Er war lustlos wie ein Kranker. Ich küsste ihn heftig, er ließ es geschehen, endlich schaffte ich es, ihn ein wenig in Fahrt zu bringen, und schließlich wälzten wir uns wieder auf dem harten Fußboden herum, und abends im Bett tat mir nicht nur mein Schienbein weh, sondern auch die Ellenbogen, mit denen ich mich abgestützt hatte, während Thomas seine Lenden gegen meinen Schoß presste.

Als ich tags darauf in der Wirtschaft saubermachte, kam Sanchez herein und setzte sich schweigend an einen Tisch. "Wir haben noch nicht geöffnet, mein Herr", sagte ich, ohne meine Arbeit zu unterbrechen. "Ich kann warten."

Es vergingen einige Minuten, da erschien mein Onkel, die beiden begrüßten sich und unterhielten sich miteinander. "Wie soll ich hier saubermachen, wenn mir ständig einer in die Quere kommt", knurrte ich. "Ho ho, Mädel, welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen? Das ist Seņor Sanchez, der Spanier, du erinnerst dich doch an ihn." "Nicht daß ich wüsste."

Sanchez wandte sich an mich, seine Stimme klang ehrlich mitfühlend. "Wie? Eine Laus ist über deine Leber gelaufen? War das der Grund, weshalb du gestern so gereizt warst." Der Onkel schaute uns fragend an.

"Stellen Sie sich nicht so dumm." "Was ist denn hier eigentlich los?" "Sie hat mich um Rat gefragt, und als ich ihr helfen wollte, ist sie aufgesprungen und davongelaufen." "Soviel ist sicher", rief ich, "Sie sind nicht nur ein erbärmlicher Liebhaber, sondern auch ein miserabler Ratgeber." "Eleonore! Vielleicht erklärst du mir mal, was zwischen euch vorgefallen ist!"

"Er hat mir etwas verschwiegen." "Wer? Ich?" "Was?" "Ja, was soll ich verschwiegen haben?" "Etwas, das Juan López Talavan über mich gesagt hat." "Seine Exzellenz, Seņor Talavan?" "Ja." "Warum nennt ihr ihn immer Exzellenz", sagte Sanchez, "er ist keine Exzellenz, er ist nicht einmal ein Hidalgo." "Ein was?" "Ein spanischer Ritter aus dem alten Adel", sagte da Thomas, der, ohne daß es einer von uns bemerkt hätte, hereingekommen war.

"Was machst du denn hier?" "Ich will mich von euch verabschieden." Der Onkel war sehr verwundert. "Du gehst weg?"

Ich weiß nicht, was in mich fuhr, aber ich klatschte den Scheuerlappen in den Wassereimer, drehte mich um und lief weg. Sanchez kannte das schon an mir. "Na bitte, so macht sie das dauernd." "Wo willst du hin?" rief mein Onkel. "Eleonore!" Ich blieb stehen. "Wenn mir nicht sofort jemand erzählt, was hier gespielt wird, schmeiß ich euch alle raus."

"Ihr Freund will nach Neu-Indien gehen", erklärte Sanchez. "Ihr Freund? Wer ist das?" "Na, dieser hier." Er zeigte auf Thomas. "Ach so. Und darüber bist du traurig?" sagte der Onkel herzlich. "Komm' her, meine Kleine." Ich kam zurück, ich musste sehr mit den Tränen kämpfen. Am liebsten hätte ich gesagt, was der wahre Grund für meine Zerknirschung ist, aber ich schämte mich so sehr. Und außerdem konnte ich es selber nicht in Worte fassen. Ich wischte mit der Hand über die Augen und blickte zu Boden. Keiner sagte was.

Sanchez brach endlich das Schweigen. "Also, ich habe eine Idee, wie Thomas zu seinem Dokument kommen kann." "Was für ein Dokument?" "Das brauche ich nicht." "Und doch brauchst du das!" rief ich laut. "Oder glaubst du, ich würde es hier aushalten, wenn mich ständig die Vorstellungen martern, was dir zustoßen könnte!"

"Sie hat recht", sagte der Onkel, "wir sind alle deine Freunde, in gewisser Weise. Wenn du da drüben auf dem Kontinent umherreist, wollen wir zumindest die Gewissheit haben, daß es dir gut geht. Was willst du überhaupt da machen? Etwa nach Gold suchen wie all die andern törichten Christen?" Er sah Sanchez kurz an, der zeigte keine Regung.

"Ich werde arbeiten, vielleicht etwas Handel betreiben, bis ich genug Geld habe, um mir ein Stück Land zu kaufen oder ein Grundstück in der Stadt, und dann eröffne ich eine Druckerei." "Das ist ein bisschen viel auf einmal." "Eins nach dem andern." "Alles ist machbar", sagte Sanchez, "wenn man nur lange genug lebt." Der Onkel atmete tief durch. "Na ja, wenn ich es jemandem zutraue, dann dir."

"Was für eine Idee ist das?" fragte ich Sanchez. "Also hört mal, Kinder! Ich meine, Männer! Ähm, Freunde! Eigentlich dürfte ich nicht darüber sprechen. Ein Grund für unseren Besuch war, daß wir von dem Kurfürsten Johann ein Horoskop für König Karl besorgen sollten." "Sie meinen, für den Kaiser?" "Für den Kaiser, ja, aber für uns ist er der König von Spanien."

"Ich wusste gar nicht, daß der Kurfürst auch in solchen Dingen bewandert ist." "Nein, nein, er hat das Horoskop nicht selber gemacht, das war ein gewisser Doktor Faust in Erfurt." "Wer? Etwa dieser besoffene geile Bock?" "Eleonore! Zügel deine Zunge!" sagte der Onkel.

"Dann wart ihr in Erfurt? Und ihr wart das, mit denen er gezecht hat?" "Er hat uns nicht eher gehenlassen, als bis wir alles bezahlt hatten." "Was für ein mieser Kerl." "Das ist wahr, bei uns würde man keinen Deut auf sein Geschwätz geben. Aber der König hat nun mal ganz erstaunliche Sachen über ihn gehört, und also hat er ihn mit seinem Horoskop beauftragt."

"Glaubt denn der König an so etwas? Als strenggläubiger Katholik?" "Wenn es darum geht, Gottes Willen zu erfahren, ist dem Menschen jedes Mittel recht. Und Aberglaube kann manchmal mehr beweisen als die Offenbarung." (Ich will einfügen, daß es solche Worte waren, die mir Sanchez bis zu dem Tage, als ich ihn aus den Augen verlor, als einen unergründlichen Mann erscheinen ließen.)

"Um zur Sache zu kommen: das Horoskop hat Don Juan entgegengenommen, und ich vermute, daß es längst beim König und seinen Beratern angekommen ist. Der Kurfürst hat uns auch einen Begleitbrief ausgestellte, eine Art Schutzbrief für unsere Reise. Alles das hat sich der Kurfürst natürlich einiges kosten lassen, jedermann weiß ja, in welchem Verhältnis die beiden Fürsten in Wahrheit zueinander stehen.

Kurz und gut, diesen Schutzbrief hatte ich an mich genommen. Als ich nun diesen kleinen Unfall hatte und meine Leute sich nicht länger aufhalten konnten, hat keiner daran gedacht, und daher - er holte das Schreiben aus seiner Tasche hervor - habe ich diesen Wisch, ich meine, dieses unschätzbare Dokument noch bei mir." "Und nun?" "Und nun müssen wir bloß zu euerm Grafen gehen und noch einen weiteren Namen eintragen lassen."

Ich war begeistert von Sanchez' Vorschlag. Ich fiel Thomas um den Hals. "Am besten sofort, nicht wahr." "Wenn ihr meint, daß das klappt." "Selbstverständlich. Aber Sanchez, in diesem Aufzug können Sie nicht zum Grafen." "Was ist denn damit?" "Sehen Sie sich doch an, hier, die Jacke schmutzig, da, die Hose zerrissen." "Das ist in der Wäschekammer passiert, als Schwester ..." "Das will jetzt gar keiner wissen. Ziehen Sie's aus, ich mache es heil." "Wie? Jetzt? Hier?" Thomas musste grinsen, der Onkel sagte "Ich gebe der Magd Bescheid, daß Sie ein Bad nehmen, Seņor Sanchez."

Als ich oben in meiner Kammer Sanchez' Sachen in Form brachte, so gut ich konnte, klopfte es an der Tür. "Herein." Es war Thomas. Er setzte sich auf die Bettkante und sagte erst nichts. Nebenan gurrten die Tauben. "Also ist es jetzt soweit", meinte ich. Er nickte und sah aus dem Fenster. "Weißt du, Leonore, worauf ich die ganze Zeit gewartet habe?" "Nee", sagte ich möglichst gleichgültig und fädelte einen neuen Faden ins Nadelöhr, aber meine Hände zitterten.

"Daß du auf den Gedanken kommen würdest, mit mir zu gehen." Ich stach mich voll mit der Nadel in den Finger, ich steckte ihn in den Mund und biss darauf, damit es noch mehr schmerzte. "Wenigstens bis nach Spanien", sagte er ungerührt, und es klang, als wollte er mich dafür bezahlen.

"Du willst von Spanien aus lossegeln?" "Man muss zuerst nach Sevilla, wenn man nach Neu-Indien reisen will, dort befindet sich eine Art Auswanderungsbehörde, man braucht eine Erlaubnis." Ich biss verzweifelt auf meinem Finger herum. "Von Sevilla aus gelangt man auf einem Fluss, ich komm' jetzt nicht drauf wie er heißt, bis an die Küste."

"Warum denkst du denn plötzlich, daß ich mitkommen soll? Du hast doch sowieso alles für dich allein geplant." "Ich habe Löffel für zwei eingepackt", sagte er ganz im Ernst. Ich musste laut loslachen, und Thomas lachte mit. "Löffel für zwei! Du bist manchmal der größte Idiot, der mir begegnet ist." "Ja, aber nur manchmal."

Es klopfte wieder, es war Sanchez. "Darf man eintreten?" "Ich bin gleich fertig." Er hatte frische weiße Unterwäsche an, die ihm mein Onkel gegeben hatte. Mein Blick fiel unwillkürlich auf seinen Schritt, da war eine riesenhafte Wölbung unter dem Stoff. Ich wurde knallrot. Thomas fragte "Seņor Sanchez, wie heißt der Fluss von Sevilla zum Ozean?" "Der Guadalquivir." "Ja, richtig."

"Wie oft waren Sie eigentlich selbst schon in Neu-Indien?" fragte ich ihn. "Dreimal." "Und wollen Sie wieder hin?" "Es gibt ein paar Dinge, die ich dort angefangen habe." "Das beantwortet nicht meine Frage." "Leonora, ich weiß, daß man dir nichts vormachen kann, aber ich spreche niemals zu niemandem über meine Pläne und, auch wenn dies wie eine Beleidigung klingt, schon gar nicht zu einer Frau." "Ich bin nicht beleidigt." "Um so besser."

Thomas sagte "Ich versuche, Eleonora zu überreden ..." "Halt die Klappe." Er schreckte zurück. "Hier, ziehen Sie's an, Sanchez. Und dann gehen Sie zum Grafen und erledigen sie das mit dem Begleitbrief." "Jawohl, Doņa Leonora." "Und du verschwindest jetzt auch, ich will allein sein." Sie gehorchten beide, und ich sah, wie Sanchez Thomas über irgendetwas ausfragte - wahrscheinlich über mich. Dann steckte er nochmal den Kopf zur Tür hinein und sagte "Dein Onkel hat uns alle für heute Abend zu einem Abschiedsessen eingeladen."

Ihr habt sicher gemerkt, wie ich hin- und hergerissen war und wie schwer es mir fiel, mich noch normal zu verhalten. Was ich Sanchez vorgeworfen hatte, war natürlich Unsinn, aber ich war fast besessen von dem Gedanken, daß Juan López etwas für mich empfunden hat - und immer noch empfindet, wie immer das aussehen möge.

Ich wurde beinahe eifersüchtig auf Thomas, sogar auf Sanchez, daß sie bald Gelegenheit hätten, ihn zu sehen, mit ihm zu sprechen. Was würden sie berichten, falls er sich nach mir erkundigt? Falls er es tut! Die Gewissheit, ihm nicht selbst alles mitteilen zu können, was mir auf dem Herzen lag, war wie eine unterträgliche Folter. Wenn ich mich in meiner Kammer einschließe, würde es bloß noch schlimmer werden.

Wir warteten bis zum Abend auf Sanchez' Rückkehr vom Grafen. Der Onkel hatte tatsächlich einen Tisch für uns eindecken lassen (diesmal musste ich nicht dabei helfen), und es waren nur ein paar Gäste da, so daß wir fast unter uns waren. Aber Sanchez kam und kam nicht wieder. "Er wird doch wohl nicht einfach auf und davon sein und hat uns sitzenlassen", meinte der Onkel und ging allenthalben vor die Tür, um Ausschau zu halten.

Endlich kam er, mit Sack und Pack, und ich dachte bei mir, daß er sich womöglich so lange von Schwester Magdalena "verabschiedet" hatte. "Und?", fragten Thomas und ich wie aus einem Munde, "hat es geklappt mit dem Begleitbrief?" "Der Graf war nicht da, er ist wohl nie da, außer wenn hoher Besuch kommt?" Der Onkel murmelte etwas.

Sanchez schob uns beiseite und sagte "Lasst uns erstmal hinsetzen, Tío Matthes, kann ich einen Becher Wein bekommen." Der Onkel winkte der Magd, die schenkte ihm ein, Sanchez leerte ihn auf einen Zug. "Oh ja, noch ein wenig länger, und ich würde mich daran gewöhnen." "Senor Sanchez, was ist mit dem Schreiben?"

"Der Graf war nicht da." "Sagten Sie schon." "Bin ich zu seinem Kanzleischreiber hin." "Dem Weißhaupt?" fragte der Onkel. "Kann sein, ja." "Und? Der hat gleich die Hand aufgehalten." "Ja, daß ich überhaupt mein Anliegen vortragen konnte." "Hat er's gemacht?"

Sanchez holte das Papier hervor und hielt es hoch, der Onkel schnappte es zuerst, faltete es auseinander und las. "... hm hm hm ... werden hiermit die untengenannten Personen ... hm hm hm ... unter höchst kurfürstlichen Schutz gestellt ... hm hm hm ... genießen in allen Provinzen des Heiligen Römischen Reichs ... hm hm hm ... Thomas Benedikt Weidener und ... wer ist denn León Marian Paulin?" "Na, dieser hier", sagte Sanchez wie nebenbei und gab der Magd mit seinem Becher ein Zeichen zum Nachschenken.

"Wer?" rief ich. Heiße und kalte Schauer liefen über meinen Rücken. Der Onkel schaute uns fragend an. Thomas lachte. "Das ist sie! León Marian Paulin ist Eleonore Maria Paulin." "Aber ..." "Wir haben das früher schon mal ausprobiert, es ist keinem aufgefallen." Er rüttelte mich an der Schulter wie einen alten Kumpan.

Ich riss dem Onkel das Schreiben aus der Hand und starrte auf die Namen und auf das Siegel darunter. "Sanchez!" Er schaute tief in seinen Becher. "Was haben Sie getan?" Der Onkel schenkte sich selbst ein. "Das ist ja ... warum sagt mir das denn keiner?" "Wir haben es nicht gewusst, Onkel, ehrlich. Das war Sanchez Idee." "Meine Idee! Was für eine billige Unterstellung. Jedermann weiß, daß du mit nach Spanien willst." "Ich nicht", sagte der Onkel und schaute mich an. "Ist das wahr?"

Sanchez kleiner Streich stellte mich sozusagen vor vollendete Tatsachen, und dafür bin ich ihm immer dankbar gewesen, wenn es mich auch nicht davon zurückhielt, ihn oftmals zu verabscheuen. Dem Onkel kamen wahrhaftig die Tränen, als wir ihn über unser Vorhaben aufklärten, aber er billigte meinen Entschluss aus vollem Herzen. (Wahrscheinlich dachte er, ich würde nach einiger Zeit zurückkommen, was nun vielleicht auch geschieht.) Er gab mir ein Paar nagelneue Schuhe, ich weiß nicht, für wen sie ursprünglich bestimmt waren, die mir einwandfrei passten.

Den ganzen nächsten Tag verbrachte ich mit den nötigen Reisevorbereitungen, und in der darauffolgenden Nacht schlief ich nur wenige Stunden. Aber ich fühlte mich gut, als wir frühmorgens aufbrachen. Sanchez hatte bei einem Pferdehändler eine Stute und einen Wallach für uns erstanden, wir versprachen, ihm das Geld zurückzugeben, sobald wir es haben.

"Oh je", sagte er mit gespielter Enttäuschung, "da werden die Mauren wohl eher Granada zurückerobern, als bis ihr Blauschnäbel soviel Geld zusammenhabt." "Es heißt 'Grünschnäbel' und nicht 'Blauschnäbel', Senor Sanchez, und im übrigen spricht nichts dagegen, daß zwei junge Thüringer wie wir wo auch immer in der Welt zu Ansehen und Wohlstand kommen können." "Na, wir werden sehen."

Wir waren drei oder vier Stunden unterwegs und hatten gerade ein Dorf hinter uns gelassen, als wir durch ein lichtes Wäldchen kamen. Der Weg ging über eine Anhöhe hinweg, und ein Stück weiter hatte man einen schönen Ausblick auf ein weites Tal.

Da saß am Wegesrand in sich zusammengesunken ein Mann, der offenbar eingeschlummert war. Wir beachteten ihn nicht weiter und wir waren schon fast vorbei, als er aufschreckte und rief "Der Herr sei mit euch!"




Der ganze Roman erscheint im Frühjahr 2011.




 Alexander Fuchs

Entkommen 

 
Der deutsche Ingenieur Paul Kelling arbeitet im Auftrag seiner Firma in einem Land im Innern Südamerikas. Die Kupfermine, in der Paul für die Technik verantwortlich ist, hat große wirtschaftliche Bedeutung für die Region und für die Stadt Santa Rosa. Laut einem Gutachten wird in dem Gebiet eine mächtige Erzader vermutet. Aber mit diesen Voraussagen scheint etwas nicht zu stimmen.

In Europa läuft der Krieg, den Deutschland entfesselt hat, auf Hochtouren, Frankreich ist besetzt, die Sowjetunion zu weiten Teilen erobert. Für die Juden in Deutschland hat die nächste Phase der Vernichtung begonnen. Josef Waldstein ist Teilhaber von Pauls Firma "Schmitt & Waldstein" und außerdem sein Schwiegervater. Pauls Frau Esther wartet zu Hause in Dresden auf die Rückkehr ihres Mannes.

Während einer nächtlichen Schießerei hilft Paul dem Eingeborenen Ansit, einem Waldbauern, der mit seiner Familie und seinen Kameraden aus ihrem Dorf vertrieben wurde. Paul und Ansit werden Freunde. Ein alter Ex-General will eine paramilitärische Truppe aufbauen und versucht, Paul dafür auszunutzen.

Durch einen Zufall lernt Paul eine junge Frau kennen, die in Santa Rosa einen Laden mit Waren aller Art betreibt. Lydia ist eine attraktive, selbstbewusste, aber offenbar etwas schwierige Persönlichkeit.

Als Esther Kelling von einer Reise zurückkommt, findet sie in Dresden das Haus ihres Vaters Josef ausgeraubt, er selbst ist verschwunden. Verzweifelt macht sie sich auf die Suche nach ihm. Schließlich gerät sie in die Fänge des SS Hauptsturmführers Heinrich Francken, der ihr das Leben zur Hölle macht.

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