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Theseus, König von Athen
Phädra, seine Gemahlin
Hippolyt, Sohn von Theseus u. von der Amazonenkönigin Antiope
Aricia, Prinzessin aus dem Geschlecht der Pallantiden
Theramenes, Erzieher des Hippolyt
Oenone, Amme u. Vertraute der Phädra
Ismene, Vertraute der Aricia
Panope, vom Gefolge der Phädra
Erster Aufzug
Hippolyt teilt dem Theramenes seinen Entschluss mit, dass er fortgehen will, um den Vater Theseus zu suchen, von dem keine Nachricht kommt. Theramenes deutet an, dass Theseus womöglich schon wieder auf Brautschau ist, bei der er nicht gestört werden will, aber Hippolyt weist solche Unterstellung ab. Der wahre Grund (so stellt sich im Verlauf der Unterhaltung heraus) weshalb Hippolyt fort will, ist die Prinzessin Aricia. Sie stammt aus dem königlichen Geschlecht der Pallantiden (ein altes eingeborenes athenisches Geschlecht, das auf einen Onkel Theseus' zurückgeht). Sie sind bei Theseus nicht wohlgelitten und er hatte die Söhne des Pallas ermordet, als er nach Athen kam und dort König wurde. Aricia lebt mehr oder weniger als Gefangene unter seiner Herrschaft. Sollte aber Hippolyt von einer Liebe zu Aricia befallen sein? Sie ist jedenfalls das Objekt seiner Aufmerksamkeit.
Es ist Aricia, ich will's gestehen,
Die letzte jenes unglücksel'gen Stamms,
Der gegen uns feindselig sich verschworen.
Theramenes findet sie weit weniger verdächtig, doch Hippolyt hält dagegen:
Verwirft sie nicht mein Vater? Wehrt mir nicht
Ein streng Gesetz, das feindlich denkende
Geschlecht der Pallantiden fortzupflanzen?
Theramenes sieht wohl, wie Hippolyt zwischen der Weisung des Vaters und seiner eigenen Zuneigung zu Aricia zerrissen ist.
Ja, ja, du liebst, du glühst von Liebe!
Dich verzehrt ein Feuer, Herr, das du
verheimlichst! Gesteh's, du liebst Aricien!
Oenone und Phädra treten auf und Oenone ist sehr beunruhigt über den Gemütszustand ihrer Herrin. Phädra benimmt sich schon fast wie eine Verrückte, wird von ständig wechselnden Einfällen und Affekten geplagt, trifft irgendeine Entscheidung und weiß schon im nächsten Augenblick nicht mehr, was sie eigentlich wollte.
Ach, ich bin
von Sinnen, was hab' ich gesagt? Oenone
Ich weiß nicht, was ich wünsche, was ich sage;
Ein Gott hat die Besinnung mir geraubt.
Sie hat nächtelang nicht geschlafen, nicht gegessen und sie wird sich zu Tode hungern, klagt Oenone und warnt sie zugleich davor, denn es würde böse Folgen für ihre leiblichen Kinder haben, besonders für den Sohn, der der potentielle Nachfolger auf dem Königsthron ist:
Der Tag, der ihre Mutter ihnen raubt,
Bedenk' es, Königin, er gibt dem Sohn
Der Amazone seine Hoffnung wider,
Dem stolzen Feinde deines Blutes, ihm,
Dem Fremdling, diesem Hippolyt.
Als Oenone Hippolyts Namen ausspricht, wird Phädra erneut von Verzweiflung erfasst und als die neugierige Oenone nicht locker lässt, gesteht Phädra ihre heimliche Liebe zu dem Stiefsohn, über die sie selbst so unglücklich ist, dass sie daran zugrundegehen wird.
Schon früher fing mein Unglück an. Kaum war
Dem Sohn des Aegeus [ Theseus ] meine Treu' verpfändet,
Mein Friede schien so sicher mir gegründet,
Mein Glück mir so gewiss, da zeigte mir
Zuerst Athenae meinen stolzen Feind.
Ich sah ihn, ich errötete, verblasste
Bei seinem Anblick, meinen Geist ergriff
Unendliche Verwirrung, finster ward's
Vor meinen Augen, mir versagte die Stimme,
Ich fühlte mich durchschauert und durchflammt,
Der Venus furchtbare Gewalt erkannt' ich,
Und alle Qualen, die sie zürnend sendet.
Durch fromme Opfer hofft' ich sie zu wenden,
Ich baut' ihr einen Tempel, schmückt' ihn reich,
Ich ließ der Göttin Hekatomben fallen,
Im Blut der Tiere sucht' ich die Vernunft,
Die mir ein Gott geraubt - ohnmächtige
Schutzwehren gegen Venus' Macht! Umsonst
Verbrannt' ich köstlich Rauchwerk auf Altären;
In meinem Herzen herrschte Hippolyt,
Wenn meine Lippe zu der Göttin flehte.
Ihn sah ich überall und ihn allein;
Am Fuße selbst der rauchenden Altäre
War er der Gott, dem ich die Opfer brachte.
Was frommte mir's, dass ich ihn überall
Vermied - Oh unglückseliges Verhängnis!
In des Vaters Zügen fand ich ihn ja wieder.
Mit Ernst bekämpft' ich endlich mein Gefühl;
Ich tat Gewalt mir an, ihn zu verfolgen.
Stiefmütterliche Launen gab ich mir,
Den allzu teuren Feind von mir zu bannen.
Ich ruhte nicht, bis er verwiesen ward;
In den Vater stürmt' ich ein mit ew'gem Dringen,
Bis ich den Sohn aus seinem Arm gerissen.
Ich atmete nun wieder frei, Oenone,
In Unschuld flossen meine stillen Tage,
Verschlossen blieb in tiefer Brust mein Gram,
Und unterwürfig meiner Gattinpflicht
Pflegt' ich die Pfänder unsrer Unglücksehe!
Verlorne Müh'! Oh Tücke des Geschicks!
Mein Gatte bringt ihn selbst mir nach Troizene;
Ich muss ihn wiedersehn, den ich verbannt,
Und neu entbrennt die nie erstickte Glut.
Kein heimlich schleichend Feuer ist es mehr;
Mit voller Wut treibt mich der Venus Zorn.
Ich schaudre selbst vor meiner Schuld zurück,
Mein Leben hass' ich und verdamme mich,
ich wollte schweigend zu den Toten gehn,
Im tiefen Grabe meine Schuld verhehlen.
Dein Flehn bezwang mich, ich gestand dir alles,
Und nicht bereuen will ich, dass ich's tat,
Wenn du fortan mit ungerechtem Tadel
Die Sterbende verschonst, mit eitler Müh'
Mich nicht dem Leben wieder geben willst.
Noch bevor Oenone etwas darauf erwidern kann, erscheint Panope mit der schrecklichen Nachricht, dass Theseus in der Ferne umgekommen ist, ohne dass man genaues weiß. In Athen, so sagt sie, bereitet man sich schon auf die Königswahl vor, und es stehen drei Kandidaten zur Auswahl: Phädras Sohn (der nicht mit Namen genannt wird), Aricia und Hippolyt, der die wankelmütigen Herzen an sich reißen könnte. Nun beschwört Oenone die Phädra, sie müsse sich zusammennehmen und am Leben bleiben, um ihres Sohnes willen.
Zweiter Aufzug
Ismene teilt Aricia mit, dass Hippolyt sie sehen und sprechen will. Während Aricia zuerst verwundert darüber ist, sieht Ismene Aricias Glücksstern aufgehen und ihr alle Herzen entgegenfliegen sehen, die bis jetzt die Scheu vor Theseus ferngehalten haben. Aricia hat noch gar nicht ganz begriffen, dass Theseus tot ist und sie bezweifelt auch, ob Hippolyt anders handeln wird als sein Vater. Ismene hingegen meint Hippolyt schon mit zärtlichem Blick nach Aricia ertappt zu haben. Aricia gesteht auch ein gewisses Interesse an seiner Person, das aber kaum Liebe genannt werden kann.
Nein, denke nicht, dass seine Wohlgestalt
Mein leicht betrognes Aug' verführt, der Reiz,
Der ihn umgibt, den Jeder an ihm preiset,
Die Gaben einer gütigen Natur,
Die er verschmäht und nicht zu kennen scheint.
Ganz andre herrlichere Gaben lieb' ich,
Schätz' ich in ihm! - Die hohen Tugenden
Des Vaters, aber frei von seinen Schwächen,
Den edeln Stolz der großen Seele lieb' ich,
Der unter Amors Macht sich nie gebeugt.
Hippolyt kommt, um sich verabschieden. Er entlässt Aricia aus des Vaters Gewahrsam.
Eins tröstet mich in meinem tiefen Leid,
Ich kann dich einem harten Joch entreißen;
Den schweren Bann, der auf dir lag, vernicht' ich;
Du kannst fortan frei schalten mit dir selbst,
Auch verzichtet er zu ihren Gunsten auf den Kampf um die Königskrone.
Dir tret' ich ab, vielmehr ich geb' dir wieder
Den Thron, den deine Väter von Erechtheus,
Der Erde Sohn, dem Mächtigen, ererbt.
Und ermutigt sie, die Wahl, wenn sie auf Aricia fällt, anzunehmen. Aricia ist erstaunt.
Zu meiner Gunst willst du dich selbst berauben?
War es nicht schon genug, mich nicht zu hassen?
Da gesteht ihr Hippolyt seine Liebe und offenbart zugleich seinen inneren Kampf.
Ja, Königin, du siehst mich vor dir stehen,
Ein warnend Beispiel tief gefallnen Stolzes.
Ich, der der Liebe trotzig widerstand,
Der ihren Opfern grausam Hohn gesprochen,
Und wenn die Andern kämpften mit dem Sturm,
Stets von dem Ufer hoffte zuzusehn,
Durch eine stärk're Macht mir selbst entrissen,
Erfahr' auch ich nun das gemeine Los.
Ein Augenblick bezwang mein kühnes Herz;
Die freie stolze Seele, sie empfindet.
Theramenes kommt und sagt Hippolyt, dass Phädra ihn sprechen möchte, Hippolyt fragt sich, was sie will. Aricia meint, er sei ihr, trotzdem sie nicht gut zueinander stehen, ein wenig Mitleid schuldig. Hippolyt erwartet eigentlich noch Aricias Reaktion auf sein Geständnis, doch sie fordert ihn ihrerseits auf, den Königsthron zu gewinnen, nicht allein für sich, sondern für sie beide.
Erringe mir den Thron Athens! Ich nehme
Aus deinen Händen jegliches Geschenk;
Doch dieser Thron, wie herrlich auch, er ist
Mir nicht die teuerste von deinen Gaben!
Hippolyt und Phädra treten sich gegenüber. Phädra befürchtet, Hippolyt werde zornig auf sie sein und ihr und ihrem Sohn schaden wollen, und sie würde es sogar verstehen, aber Hippolyt weist jede Niederträchtigkeit von sich.
Es eifert jede Mutter für ihr Kind;
Dem Sohn der Fremden kann sie schwer vergeben.
Indem Phädra dem dahingegangen Theseus scheinbar nachtrauert, verrät sie Hippolyt zugleich, dass sie in ihm, dem Sohn, das Ebenbild des Vaters erblickt, nur frei von dessen Fehlern und viel edler, jünger und liebreizender als jenen.
Ja, Herr, ich schmachte, brenne für den Theseus,
Ich liebe Theseus, aber jenen nicht,
Wie ihn der schwarze Acheron gesehn,
Den flatterhaften Buhler aller Weiber,
Den Frauenräuber, der hinunterstieg,
Des Schattenkönigs Bette zu entehren.
Ich seh' ihn treu, ich seh' ihn stolz, ja selbst
Ein wenig scheu - Ich seh' ihn jung und schön
Und reizend alle Herzen sich gewinnen.
Wie man die Götter bildet, so wie ich
- Dich sehe!
Hippolyt glaubt, sie missverstanden zu haben, er entschuldigt sich sogar, ihre Worte falsch gedeutet zu haben und will schnell weggehen. Aber Phädra ruft ihm zu:
Grausamer, du verstandest mich nur zu gut.
Genug sagt' ich, die Augen dir zu öffnen.
So sei es denn! So lerne Phädra kennen
Und ihre ganze Raserei! Ich liebe.
Und denke ja nicht, dass ich dies Gefühl
vor mir entschuld'ge und mir selbst vergebe,
Dass ich mit feiger Schonung gegen mich
Das Gift genährt, das mich wahnsinnig macht.
Dem ganzen Zorn der Himmlischen ein Ziel,
Hass' ich mich selbst noch mehr, als du mich hassest.
Zu Zeugen des ruf' ich die Götter an,
Sie, die das Feuer in meiner Brust entzündet,
Das all' den Meinen so verderblich war,
Die sich ein grausam Spiel damit gemacht,
Das schwache Herz der Sterblichen zu verführen.
Ruf' das Vergang'ne dir zurück! Dich fliehen
War mir zuwenig. Ich verbannte dich!
Gehässig, grausam wollt' ich dir erscheinen;
Dir desto mehr zu widerstehn, warb ich
Um deinen Hass - Was nützte mir's! Du haßtest
Mich desto mehr, ich - liebte dich nicht minder,
Und neue Reize nur gab dir dein Unglück.
In Glut, in Tränen hab' ich mich verzehrt;
Dies zeigte dir ein einz'ger Blick auf mich,
Wenn du den einz'gen Blick nur wolltest wagen.
- Was soll ich sagen? Dies Geständnis selbst,
Das schimpfliche, denkst du, ich tät's mit Willen?
Die Sorge trieb mich her für meinen Sohn;
Für ihn wollt' ich dein Herz erfleh'n - Umsonst!
In meiner Liebe einzigem Gefühl
Konnt' ich von nichts dir reden als dir selbst.
Auf, räche dich und strafe diese Flamme,
Die dir ein Gräu'l ist! Reinige, befreie,
Des Helden wert, der dir das Leben gab,
von einem schwarzen Ungeheu'r die Erde!
Des Theseus Witwe glüht für Hippolyt!
Nein, lass sie deiner Rache nicht entrinnen.
Hier treffe deine Hand, hier ist mein Herz!
Voll Ungeduld, den Frevel abzubüßen,
Schlägt es, ich fühl' es, deinem Arm entgegen.
Triff! Oder bin ich deines Streichs nicht wert,
Missgönnt dein Hass mir diesen süßen Tod,
Entehret deine Hand so schmählich Blut,
Leih mir dein Schwert, wenn du den Arm nicht willst.
In letzter Sekunde kann Oenone ihre Herrin davor bewahren, sich selbst zu töten. Sie reißt sie mit sich fort, Phädra lässt es geschehen, sie hält noch Hippolyts Schwert in ihrer Hand. Theramenes tritt auf und meldet, dass das Schiff abfahrtbereit steht. In Athen haben sie Phädras Sohn zum neuen König gewählt. Aber es geht ein Gerücht um, dass Theseus noch am Leben sei. Hippolyt will dem nachgehen.
Dritter Aufzug
Oenone versucht, ihrer Herrin Phädra zu helfen, doch weder den Rat, selbst das Königszepter in die Hand zu nehmen noch, ganz im Gegenteil, zu fliehen, kann Phädra befolgen.
Hilf meiner Leidenschaft, nicht meiner Tugend!
entgegnet sie Oenone. Aber sie hat eine Idee.
Der Liebe widersteht sein Herz. Lass' sehn,
Ob wir's bei einer andern Schwäche fassen!
Die Herrschaft lockt' ihn, wie mir schien; es zog
Ihn nach Athen; er konn es nicht verbergen.
...
Behaupten kann ich meine Macht doch nicht;
Nehm' er sie hin, er lehre meinen Sohn
Die Herrscherkunst und sei ihm statt des Vaters!
Mutter und Sohn geb' ich in seine Macht.
Sie beauftragt Oenone, Hippolyt zu überreden, die Königskrone anzunehmen. Aber Oenone kehrt sogleich zurück und berichtet, dass Theseus wohlbehalten angekommen ist. Phädra befürchtet, dass Hippolyt dem Vater ihre Beichte verraten werde. Aber sie fürchtet nicht um ihr Leben, sondern ist bereit, für ihre Schuld einzustehen.
Und glaubst du wohl, er, so voll Zartgefühl,
So eifersüchtig auf des Vaters Ehre -
Er werde meiner schonen? den Verrat
An seinem Vater, seinem König dulden?
Wird er auch seinem Abscheu gegen mich
Gebieten können? Ja, und schwieg' er auch!
Oenone, ich weiß meine Schuld, und nicht
Die Kecke bin ich, die, sich im Verbrechen
In sanfte Ruh' einwiegend, aller Scham
Mit eh'rner Stirne, nie errötend, trotzte.
Mein Unrecht kenn' ich, es steht ganz vor mir.
Da entwickelt Oenone auf einmal einen gemeinen Plan. Sie will offenkundig Phädras Leben, vor allem aber ihre eigene Haut retten, denn sie würde unweigerlich mit ihrer Herrin untergehen. So soll Phädra ihrerseits vor Theseus den Hippolyt verleumden und behaupten, er habe sich ihr unzüchtig genähert. Und hat sie nicht noch sein Schwert, als Zeichen seiner Gewaltanwendung? Oenone erklärt sich bereit, in ihrem Auftrag den Theseus darüber zu unterrichten. Sie vergisst auch nicht, Phädra zu beruhigen, die Strafe des Vaters wird so hart nicht ausfallen, er wird ihn allenfalls verbannen.
Warum den leichten Sieg ihm also lassen?
Du fürchtest ihn - So wag' es, ihn zuerst
Der Schuld, die er dir vorwirft, anzuklagen.
Wer kann dich Lügen strafen? Alles verdammt ihn.
...
Die vorgefasste Meinung seines Vaters,
Und deine frühern Klagen über ihn,
Auch dies, dass du schon einmal ihn verbannt -
Phädra darauf:
Tu, was du willst! Dir überlass' ich mich;
In meiner Angst kann mir selbst nicht raten.
Als Theseus seine Gemahlin begrüßen will, weicht sie ihm aus.
Du bist beschimpft. Das neidische Glück verschonte,
Seitdem du fern warst, deine Gattin nicht.
Dies kann man nun so oder so verstehen, je nachdem, ob Phädra Opfer der Nötigung gewesen war oder selbst die Ehe gebrochen hat, wie es ja in Wahrheit geschehen ist. Theseus ist denn auch über ihre Reaktion fassungslos, um so mehr, als auch Hippolyt in Rätseln spricht.
Phädra mag das Geheimnis dir erklären.
Doch wenn mein Flehn was über dich vermag,
Erlaub' o Herr, dass ich sie nicht mehr sehe.
Lass' den erschrock'nen Hippolyt den Ort,
Wo deine Gattin lebt, auf ewig meiden.
Das ist das Falscheste, was Hippolyt tun kann. In ihrer beider Absicht, den anderen nicht zu verraten, überlassen sie sich gegenseitig die Verantwortung, aber für einen, der die Wahrheit nicht kennt, kann es auch so aussehen, als würde Hippolyt versuchen, der Offenlegung und der Anklage zu entgehen. So schöpft Theseus Misstrauen.
Sprich! Phädra klagt, dass ich beleidigt sei.
Wer verriet mich? Warum bin ich nicht gerächt?
...
Du gibst mir nichts zur Antwort. Solltest du's
Mein eigner Sohn, mit meinen Feinden halten?
...
Von diesem Schrecken, den sie blicken lässt,
Soll Phädra endlich Rechenschaft mir geben.
Hippolyt ist sich überhaupt nicht im klaren, was er tun soll. Und auch Phädras Verhalten macht ihn stutzig.
Was wollte sie mit diesen Worten sagen,
Die mich durchschauerten? Will sie vielleicht,
Ein Raub jedwedes äußersten Gefühls,
Sich selbst anklagen und sich selbst verderben?
...
Mir trüben schwarze Ahnungen den Geist;
Doch Unschuld hat ja Böses nicht zu fürchten.
Vierter Aufzug
Zwischen dem dritten und vierten Aufzug hat Oenone ihren Plan ausgeführt und Hippolyt bei Theseus verleumdet. Daher beginnt der vierte Aufzug mit dem empörten Ausruf Theseus':
Was hör' ich! Götter! Solchen Angriff wagte
Ein Rasender auf seines Vaters Ehre!
Auch die Geschichte mit dem Schwert nimmt Theseus der Oenone ab, und sie macht ihm auch klar, dass Phädras schroffe Haltung gegenüber dem Stiefsohn in der Vergangenheit nur ihre Reaktion auf seine frevelhafte Annäherung war. Es kommt zur Auseinandersetzung zwischen Theseus und Hippolyt, der sich zunächst ganz arglos erkundigt:
Herr, darf ich fragen, welche düstre Wolke
Dein königliches Angesicht umschattet?
Darfst du es deinem Sohne nicht vertrau'n?
Wutentbrannt entgegnet Theseus.
Darfst du, Verräter, mir vors Auge treten?
Ungeheuer, das der Blitz zu lang verschont.
...
Nachdem sich deine frevelhafte Glut
Bis zu des Vaters Bette selbst verwogen,
Zeigst du mir frech noch dein verhasstes Haupt?
...
Entflieh, Verräter! Reize nicht den Grimm,
Den ich mit Müh' bezwinge
...
Gib acht, dass dich das himmlische Gestirn,
Das uns erleuchtet, den verweg'nen Fuß
Nie mehr in diese Gegend setzen sehe!
Entfliehe, sag' ich, ohne Wiederkehr!
Hippolyt vermag sich zu beherrschen, er hat ein reines Gewissen und appelliert an den Vater. Sein Edelmut, Phädra nicht zu verraten, schadet ihm umso mehr.
Mit Recht entrüstet von so schwarzer Lüge,
Sollt' ich die Wahrheit hier vernehmen lassen;
Doch, Herr, ich unterdrücke ein Geheimnis,
Das dich betrifft, aus Ehrfurcht unterdrück' ich es.
Hippolyt pocht auf seine Keuschheit, sie kommt nicht von ungefähr. Wie könnte er, der sich im ganzen Land den Ruf des unverdorbenen Jünglings erworben hat, so plötzlich eine so schlimme Tat begehen?
Wie die Tugend, hat das Laster seine Grade;
Nie sah man noch unschuld'ge Schüchternheit
Zu wilder Frechheit plötzlich übergehn.
Ein Tag macht keinen Mörder, keinen Schänder
Des Bluts aus einem tugendhaften Mann.
Aber Theseus bleibt hart, und selbst, als Hippolyt ihm seine Liebe zu Aricia offenbart, meint er, es sei ein Trick, um ihn zu täuschen. Hippolyt gibt auf.
Beladen mit so grässlichem Verdacht,
Wo find' ich Freunde, die mir Mitleid schenken,
Wenn mich ein Vater von sich stößt?
Theseus darauf höhnisch:
Geh, such' dir Freunde, die den Ehbruch ehren,
Blutschande loben, schändliche, pflichtlose
Verräter ohne Schamgefühl und Ehre,
Wert, einen Schändlichen, wie du, zu schützen!
Hippolyt geht, und Theseus schickt ihm einen Rachedämon hinterher. (Er hat bei Poseidon / Neptun, seinem göttlichen Vater noch drei Wünsche offen.)
Große Götter,
Ihr seht den Schmerz, der mich zu Boden drückt!
Konnt' ich ein Kind so schlimmer Art erzeugen?
Phädra fleht Theseus an, er möge Hippolyt verschonen.
Erspare mir den Gräuel,
Dass es um Rache schreie wider mich.
O gib mich nicht dem ew'gen Schmerz zum Raub,
Dass ich den Sohn durch Vaters Hand gemordet.
Von Theseus erfährt sie nun, dass Hippolyt angeblich Aricia liebt. Im Unterschied zu Theseus glaubt es Phädra.
Ihr Götter, da der Undankbare sich
Mir gegenüber mit dem stolzen Blick,
Mit dieser strengen Stirn bewaffnete,
Da glaubt' ich ihn der Liebe ganz verschlossen,
Gleich unempfindlich für mein ganz Geschlecht,
Und eine Andre doch wusst' ihn zu rühren!
...
O nie gefühlter Schmerz!
Zu welcher neuen Qual spart' ich mich auf!
Was ich erlitten bis auf diesen Tag,
Die Furcht, die Angst, die Rasereien alle
Der Leidenschaft, der Wahnsinn meiner Liebe,
Des innern Vorwurfs grauenvolle Pein,
Die Kränkung selbst, die unerträgliche,
Verschmäht zu sein, es war ein Anfang nur
Der Folterqualen, die mich jetzt zerreißen.
Oenone, die von dem Verhältnis zwischen Hippolyt und Aricia wusste, es Phädra aber verschwieg, beruhigt sie, die beiden werden sich ja doch nie wiedersehen. Aber Phädra sinnt unter dem Schmerz betrogen worden zu sein auf Aricias Verderben, sie soll sterben.
Sie werden
Sich ewig lieben! Jetzt, indem ich rede,
Verlachen sie - o tödlicher Gedanke -
Den ganzen Wahnsinn meiner Liebeswut!
Umsonst verbannt' man ihn; sie schwören sich's
Mit tausend Schwüren, nie sich zu verlassen.
Nein, ich ertrag's nicht, dieses Glück zu sehn,
Oenone, das mir Hohn spricht - Habe Mitleid
mit meiner eifersücht'gen Wut! Aricia
muss fallen! Man muss den alten Hass des Königs
Erregen wider dies verhasste Blut!
Nicht leicht soll ihre Strafe sein; die Schwester
Hat schwerer sich vergangen als die Brüder.
In meiner Eifersucht, in meiner Wut
Erfleh' ich's von dem König!
Doch da besinnt sich Phädra plötzlich.
Was will ich tun?
Wo reißt die Wut mich hin? Ich eifersüchtig!
Und Theseus ist's, den ich erflehen will!
Mein Gatte lebt und mich durchrast noch Liebe!
Für wen? Um welches Herz wag' ich zu buhlen?
Es sträubt mir grausend jedes Haar empor;
Das Maß des Grässlichen hab' ich vollendet.
Blutschande atme ich und Betrug zugleich;
Ins Blut der Unschuld will ich, racheglühend,
Die Mörderhände tauchen - Und ich lebe!
Ich Elende! Und ich ertrag' es noch,
Zu dieser heil'gen Sonne aufzublicken,
Von der ich meinen reinen Ursprung zog.
Den Vater und den Oberherrn der Götter
Hab' ich zum Ahnherrn; der Olympus ist,
Der ganze Weltkreis voll von meinen Ahnen.
Wo mich verbergen? Flieh ich in die Nacht
Des Totenreichs hinunter? Wehe mir!
Dort hält mein Vater des Geschickes Urne;
Das Los gab sie in seine strenge Hand;
Der Toten bleiche Scharen richtet Minos.
Wie wird sein ernster Schatten sich entsetzen,
Wenn seine Tochter vor ihn tritt, gezwungen,
Zu Freveln sich, zu Gräueln zu bekennen,
Davon man selbst im Abgrund nie vernahm!
Was wirst du, Vater, zu der grässlichen
Begegnung sagen? Ach, ich sehe schon
Die Schreckensurne deiner Hand entfallen;
Ich sehe dich, auf neue Qualen sinnend,
Ein Henker werden deines eignen Bluts.
Vergib mir! Ein erzürnter Gott verderbte
Dein ganzes Haus; der Wahnsinn deiner Tochter
Ist seiner Rache fürchterliches Werk!
Ach, von der schweren Schuld, die mich befleckt,
Hat dieses traur'ge Herz nie Furcht geerntet!
Ein Raub des Unglücks bis zum letzten Hauch,
End' ich in Martern ein gequältes Leben.
Oenone versucht, Phädra ein letztes Mal zu besänftigen und umzustimmen, aber Phädra hört nicht mehr auf sie, und Oenone sieht sich nun selbst am Ende.
Fünfter Aufzug
Hippolyt hat Aricia über die Tatsachen aufgeklärt. Aricia beschwört Hippolyt, Theseus die Wahrheit zu sagen, um sein Leben zu retten.
Geh hin, verlass' mich, trenne dich von mir,
Doch sichre wenigstens zuvor dein Leben!
Verteidige deine Ehre! Reinige dich
Von einem schändlichen Verdacht! Erzwing's
Von deinem Vater, seinen blut'gen Wunsch
Zu widerrufen!
Hippolyt versucht, Aricia zu überreden, mit ihm gemeinsam zu fliehen.
Verlass' die Knechtschaft, unter der du seufzest!
Wag's, mir zu folgen! Teile meine Flucht!
Entreiß' dich diesem unglücksel'gen Ort,
Wo Unschuld eine schwere Giftluft atmet!
Aber Aricia zögert, Hippolyt drängt sie, ihn bindet offenkundig nichts mehr an den Vater, nichts an sein Zuhause. (Von der drohenden Vernichtung, die über ihm schwebt, ahnt er nichts.)
Flieh deinem Feind und folge deinem Gatten!
Frei macht uns unser Unglück. Wir sind Niemands. [ Untertanen ]
Frei können wir jetzt Herz und Hand verschenken,
Die Fackeln sind's nicht, die den Hymen weihen.
Unfern dem Tor Troizens, bei jenen Gräbern,
Wo meiner Ahnherrn alte Male sind,
Stellt sich ein Tempel dar, furchtbar dem Meineid.
Hier wagt man keinen falschen Schwur zu tun:
Denn schnell auf das Verbrechen folgt die Rache;
Das Graun des unvermeidlichen Geschicks
Hält unter fürchterlichem Zaum die Lüge.
Dort lass' uns hingehn und den heil'gen Bund
Der ew'gen Liebe feierlich geloben!
Den Gott, der dort verehrt wird, nehmen wir
Zum Zeugen; beide flehen wir ihn an,
Dass er an Vaters Statt uns möge sein!
Die heiligsten Gottheiten ruf' ich an,
Die keusche Diana, die erhab'ne Juno,
Sie alle, die mein liebend Herz erkannt,
Sie ruf' ich an zu meines Schwures Bürgen!
Noch ehe Aricia sich entscheiden kann, kommt Theseus, und Hippolyt muss verschwinden. Aricia flüstert der Ismene zu, sie soll alles für eine Flucht vorbereiten.
Theseus spricht schlecht von seinem Sohn.
Er schwur dir ew'ge Liebe;
Doch baue nicht auf dieses falsche Herz!
Auch andern schwur er eben das.
...
Du hättest ihn beständ'ger machen sollen!
Wie ertrugst du diese grässliche Gemeinschaft?
Aricia klagt Theseus ohne Scheu an.
Und wie erträgst du, dass die grässliche
Beschuldigung das schönste Leben schmäht?
Kennst du sein Herz so wenig? Kannst du Schuld
Von Unschuld denn so gar nicht unterscheiden?
Muss ein verhasster Nebel deinem Aug'
Allein die hohe Reinigkeit verbergen,
Die hell in aller Augen strahlt? Du hast
Zu lang ihn falschen Zungen preisgegeben.
Beinahe will Aricia Theseus sagen, was es mit Phädra auf sich hat, aber mit Rücksicht auf Hippolyts Verschwiegenheit bricht sie ab und geht. Theseus ist beunruhigt.
Was kann sie meinen? Was verhüllen mir
Die halben Worte, die man nie vollendet?
...
Trotz meines schweren Zornes, welche Stimme
Des Jammers ruft in meiner tiefsten Seele?
Ein heimlich Mitleid rührt mich wundersam.
Er beschließt, Oenone noch einmal auszufragen, um all' die Andeutungen zu verstehen. Aber Panope, die Dienerin Phädras, berichtet, dass Oenone sich im Meer ertränkt hat, man kenne den Grund nicht. Und Phädra ist anscheinend völlig dem Wahnsinn verfallen.
Bald stürzt sie sich im heftigen Gefühl
Auf ihre Kinder, badet sie in Tränen,
Als brächt' es Lindrung ihrem großen Schmerz,
Und plötzlich stößt sie sie mit Grauen weit
Von sich, das Herz der Mutter ganz verleugnend.
Sie schweift umher mit ungewissem Schritt,
Ihr irrer Blick scheint uns nicht mehr zu kennen;
Theseus spürt plötzlich das Verhängnis.
Ruft meinen Sohn zurück! Er komme, spreche,
Verteidige sich! Ich will ihn hören! Eilt!
Da kommt Theramenes zurück und teilt Theseus mit, dass Hippolyt tot ist.
Kaum sahen wir Troizene hinter uns,
Er war auf seinem Wagen, um ihn her
Still, wie er selbst, die traurigen Begleiter,
Tief in sich selbst gekehrt folgt' er der Straße,
Die nach Mycenä führt, die schlaffen Zügel
Nachlässig seinen Pferden überlassend.
Die stolzen Tiere, die man seinem Rufe
Mit edler Hitze sonst gehorchen sah,
Sie schienen jetzt, starr blickend und das Haupt
Gesenkt, in seine Schwermut einzustimmen.
Plötzlich zeriss ein schreckenvoller Schrei,
Der aus dem Meer aufstieg, der Lüfte Stille,
Und schwer aufseufzend aus der Erde Schoß
Antwortet eine fürchterliche Stimme
Dem grausenvollen Schrei. Es trat uns allen
Eiskalt bis an das Herz hinan; aufhorchten
Die Rosse, und es sträubt' sich ihre Mähne.
Indem erhebt sich aus der flüss'gen Ebne
Mit großem Wallen hoch ein Wasserberg,
Die Woge naht sich, öffnet sich, und speit
Vor unsern Augen, unter Fluten Schaums,
Ein wütend Untier aus. Furchtbare Hörner
Bewaffnen seine breite Stirne; ganz
Bedeckt mit gelben Schuppen ist sein Leib;
Ein grimm'ger Stier, ein wilder Drache ist's;
In Schlangenwindungen krümmt sich sein Rücken.
Sein hohles Brüllen macht das Ufer zittern,
Das Scheusal sieht der Himmel mit Entsetzen,
Auf bebt die Erde, weit verpestet ist
Von seinem Hauch die Luft, die Woge selbst,
Die es heran trug, springt zurück mit Grausen.
Alles entflieht, und sucht, weil Gegenwehr
Umsonst, im nächsten Tempel sich zu retten.
Nur Hippolyt, ein würd'ger Heldensohn,
Hält seine Pferde an, fasst sein Geschoss,
Zielt auf das Untier, und, aus sichrer Hand
Den mächt'gen Wurfspieß schleudernd, schlägt er ihm
tief in den Weichen eine weite Wunde.
Auf springt das Ungetüm vor Wut und Schmerz,
Stürzt vor den Pferden brüllend hin, wälzt sich,
Und gähnt sie an mit weitem flammendem Rachen,
Der Rauch und Blut und Feuer auf sie speit.
Sie rennen scheu davon, nicht mehr dem Ruf
Der Stimme, nicht dem Zügel mehr gehorchend.
Umsonst strengt sich der Führer an; sie röten
Mit blut'gem Geifer das Gebiss; man will
Sogar in dieser schrecklichen Verwirrung
Einen Gott gesehen haben, der den Stachel
In ihre staubbedeckten Lenden schlug.
Quer durch die Felsen reißt die Furcht sie hin,
Die Achse kracht, sie bricht; dein kühner Sohn
Sieht seinen Wagen morsch in Stücke fliegen,
er selbst stürzt und verwirrt sich in den Zügeln.
O Herr, verzeihe meinen Schmerz! Was ich
Jetzt sah, wird ew'ge Tränen mir entlocken.
Ich sahe deinen heldenmüt'gen Sohn,
sah ihn geschleift, o Herr, von diesen Rossen,
Die er gefüttert mit der eignen Hand.
Er will sie stehen machen; seine Stimme
erschreckt sie nur; sie rennen umso mehr.
Bald ist sein ganzer Leib nur eine Wunde.
Die Ebne hallt von unserm Klaggeschrei;
Ihr wütend Ungestüm lässt endlich nach;
Sie halten still, unfern den alten Gräbern,
Wo seine königlichen Ahnen ruhn.
Ich eile seufzend hin, die Andern folgen,
Der Spur nachgehend seines edeln Bluts;
Die Felsen sind davon gefärbt; es tragen
Die Dornen seiner Haare blut'gen Raub.
Ich lange bei ihm an, ruf ihn mit Namen;
Er streckt mir seine Hand entgegen, öffnet
Ein sterbend Aug', und schließt es alsbald wieder:
"Der Himmel", spricht er, "entreißt mir mit Gewalt
Ein schuldlos Leben. O, wenn ich dahin,
Nimm, teurer Freund, der ganz verlassenen
Aricia dich an! Und kommt dereinst
Mein Vater zur Erkenntnis, jammert er
Um seinen fälschlich angeklagten Sohn,
Sag' ihm, um meinen Schatten zu versöhnen,
Mög' er an der Gefangnen gütig handeln,
Ihr wiedergeben, was ..." Hier hauchte er
Die Heldenseele aus; in meinen Armen
Blieb ein entstellter Leichnam nur zurück,
Ein traurig Denkmal von der Götter Zorn,
Unkenntlich selbst für eines Vaters Auge!
...
Aricia kam jetzt, entschlossen kam sie,
Vor deinem Zorn zu fliehn, im Angesicht
Der Götter ihn zum Gatten zu empfangen.
Sie nähert sich, sie sieht das Gras gerötet
Und dampfend noch, sie sieht, sieht Hippolyt
O welch ein Anblick für die Liebende!
Dahin gestreckt, gestaltlos, ohne Leben!
Sie will noch jetzt an ihrem Unglück zweifeln;
Ihr Aug' erkennt nicht mehr die teuren Züge;
Sie sieht ihn vor sich, und sie sucht ihn noch.
Doch als es endlich schrecklich sich erklärt,
Da klagt ihr Schmerzensblick die Götter an,
Und mit gebroch'nem Seufzer, halb entseelt,
Entsinkt sie bleich zu des Geliebten Füßen.
Ismene ist bei ihr und ruft sie weinend
Zum Leben, ach! zum Schmerz vielmehr, zurück.
Und ich, das Licht der Sonne hassend, kam,
Den letzten Willen dieser Heldenseele
Dir kund zu tun, o Herr, und mich des Amts,
Das er mir sterbend auftrug, zu entladen.
Phädra, dem Tod nahe, erscheint, und Theseus schleudert ihr noch seine ohnmächtige Verzweiflung entgegen.
Lass' mich, weit, weit von dir und diesem Ufer
Das Schreckbild fliehen des zerriss'nen Sohns!
Heraus fliehn möcht' ich aus der ganzen Welt,
Um dieser Qual-Erinn'rung zu entweichen.
Phädra bekennt noch ihre ganze Schuld, und sie meint oder hofft, durch dies Geständnis wenigstens alle Lügen und falschen Vorwürfe ausräumen zu können.
Mein Schicksal würde längst ein schneller Stahl
Geendigt haben; doch dann schmachtete
Nur unter schimpflichem Verdacht die Tugend.
Um meine Schuld dir reuend zu gestehn,
Wählt' ich den langsameren Weg zum Grabe.
Ein Gift flößt' ich in meine glühenden Adern,
Das einst Medea nach Athen gebracht;
Schon fühl ich es zu meinem Herzen steige;
Mich fasst ein fremder, nie gefühlter Frost.
Schon seh' ich nur durch einer Wolke Flor
Den Himmel und das Angesicht des Gatten,
Den meine Gegenwart entehrt. der Tod
Raubt meinem Aug' das Licht und gibt dem Tag,
Den ich befleckte, seinen Glanz zurück.
So stirbt Phädra.
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