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Siebzehnte Szene
Schauplatz wie zuvor. Hahn kommt mit Baba Jaga.
BABA JAGA : Was soll das? Wer hatte die blöde Idee, mich einzusperren?
ESEL, HUND, KATER bezichtigen sich gegenseitig : Der war's.
BABA JAGA : Ihr Knallköpfe! Ich sollte euch alle zusammen zu Griebenschmalz verarbeiten, wenn nicht meine Zeit dafür zu schade wäre.
HUND : Ja, und wenn wir dafür nicht zu schade wären.
BABA JAGA : Du räudiger Köter! Du bist der größte Nichtsnutz von allen, wahrscheinlich hast du die anderen angestiftet.
HAHN der sich wieder zu den anderen gesellt hat : Aber Baba Jaga, wir haben dir doch nichts zuleide getan. Und außerdem musst du zugeben, dass es ohne unsere Streiche ziemlich langweilig wäre.
ESEL : Ja, wir tragen zur allgemeinen Erheiterung bei, wie sich das für echte Künstler gehört.
KATER : Wir hatten jedenfalls unseren Spaß. Von rechts wegen müsstest du uns eine hübsche Gage zahlen.
BABA JAGA : Von rechts wegen müsste ich dir den Schwanz stückweise abhacken. Komm' nur her, du Dachhase! Wo ist mein Besen? (Puppe greift den Besen, der in einer Ecke steht und gibt ihn ihr.) Danke. So, jetzt werde ich euch zeigen, wer hier die Hexe im Haus ist, ihr elenden Missgeburten, ihr Drückeberger, Arbeitsscheuen, Schmarotzer, Nachtasylanten. (Sie verprügelt die Tiere, die sich jaulend verdrücken.)
PUPPE applaudiert : Bravo, bravo, das ist die Baba Jaga, wie man sie kennt und fürchtet.
BABA JAGA : Und wer seid ihr? Etwa Freunde von denen?
PUPPE : Gott bewahre, nein.
WASSILISSA : Liebe Hexe ...
BABA JAGA : Rede nicht so mit mir, ich bin nicht deine Großmutter.
WASSILISSA : Ich möchte dich um einen Gefallen bitten.
Baba Jaga geht umher und schaut nach dem Rechten. Wassilissa bleibt an ihr dran.
BABA JAGA : Zwecklos.
WASSILISSA : Aber es geht um ein Menschenleben.
BABA JAGA schaut kurz in den Topf von vorhin : Ha ha ha. Das ist ein guter Witz. (in Richtung der Tiere:) Hört ihr, ihr stinkendes Gesindel, das war ein Witz, nicht solche abgeschmackten Zoten, wie ihr sie reißt.
WASSILISSA : Es ist kein Witz, meine Schwester ...
PUPPE stellt richtig : Allenfalls Stiefschwester.
WASSILISSA : Sie liegt im Sterben.
BABA JAGA : Ja und, was kann ich dafür?
WASSILISSA : Du könntest sie retten, genauer gesagt, das Blaue Licht, welches ...
BABA JAGA betrachtet die Puppe genauer : Sag mal, kennen wir uns nicht?
PUPPE nicht ganz sicher : Kaum möglich.
WASSILISSA : Das Blaue Licht ...
BABA JAGA : Lüg' mich nicht an, ich kenne dich.
PUPPE : Wie soll ich das wissen, wenn du es selbst nicht genau weiß.
WASSILISSA bemüht sich vergeblich : Ich brauche es nur ganz kurz, um Olga damit ...
BABA JAGA : Wer ist Olga?
WASSILISSA : Meine Stiefschwester.
BABA JAGA betrachtet die Puppe eingehend, zupft an ihr etc. : Und was hat die damit zu tun?
WASSILISSA : Das habe ich dir doch gerade erklärt.
BABA JAGA beschnuppert die Puppe : Wie riechst du? So ... so nach ...
WASSILISSA das aufgreifend : Vielleicht nach Lavendel, ich habe ein Säckchen mit Lavendel in der Kiste, wo er auch immer drin liegt.
BABA JAGA betroffen : Du bist in einer Kiste eingesperrt?
WASSILISSA : Na was denn? Normalerweise ist er eine Puppe, und sie ... er ... wohnt in der Puppenkiste. (zur Puppe:) Was bist du eigentlich? Ein Er oder eine Sie? Das fällt mir jetzt erst auf.
BABA JAGA : Ein Er natürlich, das ist doch ganz eindeutig.
WASSILISSA : Für mich nicht. Für mich war er ... sie immer beides, oder ge nauer gesagt, keins von beiden. Mensch, jetzt habt ihr mich ganz davon abgebracht, was ich eigentlich wollte.
BABA JAGA nachdenklich : Wie lange bist du schon mit ihr zusammen?
WASSILISSA : Die Puppe? Och, die habe ich seit ...
BABA JAGA : Ich habe ihn gefragt.
PUPPE : Ich habe erst ihrer Mutter gehört, sie ist gestorben und kurz vor ihrem Tod hat sie mich Wassilissa vermacht.
BABA JAGA : Wassilissa? Die schöne Wassilissa?
WASSILISSA : Ja, das bin ich.
Baba Jaga wendet sich Wassilissa zu, als wenn ihr etwas klar würde.
BABA JAGA : Lass dich ansehen, mein Täubchen. Das ist also das Mädchen, das mir meinen ...
PUPPE : Was denn?
BABA JAGA ausweichend : Das mir mein Blaues Licht stehlen will.
WASSILISSA : Aber nicht doch, niemand spricht von stehlen, ich will es mir ausborgen, nur für einen Tag oder höchstens zwei. Ich lasse es auch nicht unnötig brennen.
BABA JAGA : Ich habe es nicht hier, es ist bei Nathan Silberbaum, der es für irgendwelche alchemistischen Experimente braucht.
PUPPE : Beim Juden Silberbaum?
WASSILISSA : Kennst du den? Können wir's dort holen?
BABA JAGA erstaunt : Du kennst Silberbaum?
PUPPE besinnt sich : Ich weiß nicht, es scheint mir, ich hätte ... Hat er nicht einen goldenen Ohrring und so einen krummen, verwachsenen rechten Zeigefinger?
BABA JAGA : Das war sein Urgroßvater.
WASSILISSA : Den kennst du auch?
BABA JAGA : Sag', wie bist du seinerzeit zu Wassilissas Mutter gekommen?
WASSILISSA : Das habe ich sie auch immer gefragt, aber sie wollte es mir nicht verraten.
PUPPE : Ich weiß nicht, ich erinnere mich nur ... ich war in einem Haus im Wald, es war ein sonniger Nachmittag im Herbst ...
BABA JAGA : Es war September.
PUPPE : Könnte sein. (Sie/Er schildert alles so anschaulich, wie es ihr/ihm in Erinnerung ist.) Die Sonne schien auf die bunten Blätter draußen, und manche fielen schon herab. Ich weiß noch, wie ich dachte: jetzt müsstest du so ein Blatt sein, du kommst auf die Erde. Solange musstest du am Baum festhängen und musstest Wind und Wetter ertragen, und nun kommst du auf der Erde an und du bist frei, du kannst fortlaufen.
BABA JAGA schüttelt den Kopf : Du wolltest fort, du kleiner Schlingel.
PUPPE : Nein. Ja. Eigentlich nicht. Aber ich war neugierig, was da draußen in der Welt so vor sich geht. Ich war ja immer nur in diesem Haus, und ich fühlte mich so einsam. (geht zum Fenster usw.) Und wie ich so aus dem Fenster schaute, da ... da kam auf einmal eine heftige Windböe und riss das Fenster auf und im nächsten Moment stand ein ... ein, na ich hatte gedacht, es ist ein stattlicher Zauberer, nach diesem Wirbelwind und den zerbrochenen Fensterscheiben, aber ich war ein bisschen enttäuscht, dass es nur ein alter hutzeliger Zwerg war. Ich fragte ihn: wer bist du? Und er erwiderte: Das sag' ich dir später. Dann fragte er mich: Willst du mit mir kommen? Ich fragte: Wohin? Er sagte: Hinaus, ins Offene. Ins Offene? Was ist das? Die Welt, das Leben, die Menschen, alles ich kann es dir zeigen. Ich sagte: Da muss ich erst meiner Mutter Bescheid sagen, und er sagte: Das habe ich schon getan. Und das war natürlich gelogen, aber ich habe mich täuschen lassen und bin mit ihm gegangen, und er packte mich und zog mich mit hoch in die Lüfte, über den Bäumen, fast an den Wolken flogen wir dahin, und ich sah noch das Haus, klitzeklein, dann war es verschwunden, und es kamen Wälder, Wiesen und Flüsse, Dörfer und Städte und ... mein Gott, jetzt fällt mir alles wieder ein. Dieser Zwerg ...
BABA JAGA erläuternd zu Wassilissa, die sehr aufmerksam zuhört : Es war Alberich, einer meiner Todfeinde.
PUPPE : Er hat mich ...
Baba Jaga hat sich auf einen Stuhl gesetzt, die Puppe, die sich alles gefallen lässt, auf den Schoß genommen und beginnt, mit einer Schere, an ihrem Puppenkostüm zu schnippeln.
WASSILISSA : Was machst du? Hör auf, ihre Nähte aufzutrennen, ich habe sie überall mit großer Mühe zusammengeflickt. (zur Puppe:) Jetzt lass dir das nicht gefallen, wehr dich! Wir müssen fort von hier ... das Blaue Licht ... Olga, hast du das vergessen?
PUPPE zufrieden mit dem was geschieht : Ach was, Olga geht es gut, sie wollte dich bloß loswerden. (vertraulich zur Baba Jaga:) Vorsichtig mit der Schere.
WASSILISSA : Was redest du da? Baba Jaga, lass ihn in Ruhe!
PUPPE : Hi hi hi, das kitzelt. (nebenbei zu Wassilissa:) Olga hat sich nur verstellt, sie ist gar nicht krank. Sie und Nastassja ... hier hängt noch ein Faden fest ... sie wollen den Zarewitsch für sich haben. Und dich ...
BABA JAGA : Halte mal still.
PUPPE : Aua!
BABA JAGA hält ein verknotetes Stück Faden hoch : Das war's, das war der böse Knoten.
PUPPE : Und dich wollten sie umbringen, indem sie dich hierher schickten. (Baba Jaga lässt den Fadenknoten in einem zischenden Flämmchen verglühen. Puppe springt auf, sie ist ein schöner, blonder Jüngling geworden.) Oh, ich fühle mich so wohl, wie neugeboren.
WASSILISSA : Heiliger Strohsack, wie siehst du aus?
PUPPE vergnügt : In Wahrheit bin ich gar keine Puppe.
BABA JAGA : Nein, beim Luzifer, du bist ein wunderschöner, blonder Iwanuschka.
PUPPE und WASSILISSA zugleich : Iwanuschka?
BABA JAGA herzt ihn : Ja mein Lieber, du bist wieder der, der du immer gewesen bist. Du bist mein Sohn, mein allerliebster, entzückender Iwanuschka. Das Haus, in dem du als Kind lebtest, es war dieses Haus. Alberich hatte dich entführt und in eine Puppe verwandelt, die ihm seine Wünsche erfüllt. So viele Jahre musstest du als Puppe halb lebendig halb leblos dahinvegetieren, armer Iwanuschka.
IWANUSCHKA : Ich konnte von ihm fliehen.
BABA JAGA : Aber den Weg nach Hause konntest du allein nicht finden, bis dich das Schicksal in die Hände Wassilissas gab, die dich vielleicht ohne es recht zu wissen in dein wahres Dasein und zu mir zurückführte.
PUPPE : Nun weiß ich, was mich die ganze Zeit insgeheim hierhergetrieben hat.
WASSILISSA : Das ist ja ... wie im Märchen.
Im Hintergrund tauchen Esel, Hund, Kater und Hahn wieder auf und verfolgen beeindruckt das Geschehen. Ganz links steht Esel, der nach rechts wie in die Bühnenseite guckt, wo ein Arm erscheint, ihm ein Zeichen gebend. Esel vergewissert sich, ob er gemeint sei und folgt dann dem Wink nach draußen, ohne dass die anderen es bemerken. Einen Moment später kommt (ein) Esel wieder an seinen Platz.
IWANUSCHKA singt :
..........................Ein Knabe war ich, unberührt;
..........................Im Hexenhaus, da wuchs ich auf.
..........................Ein böser Zwerg hat mich entführt,
..........................Da nahm das Unheil seinen Lauf.
BABA JAGA singt :
..........................Nur einen kurzen Augenblick
..........................Ließ ich das Kind für sich allein.
..........................Es kam nicht mehr nach Haus zurück,
..........................So traurig sollt' ich fortan sein.
WASSILISSA singt :
..........................Von dieser Hexe hörte man
..........................Bislang nur scheußliche Geschicht'.
..........................Dass eine Mutter sie sein kann,
..........................geglaubt hätt' ich das vorher nicht.
ALLE DREI singen :
..........................Doch du! Verliere nicht den Mut;
..........................Das Leben ist kein Reimgedicht,
..........................Für jede Überraschung gut,
..........................Begegne ihr mit Zuversicht.
IWANUSCHKA singt :
..........................So kam es, dass ich jahrelang
..........................Als Puppe ging von Hand zu Hand.
..........................Und musste dienen unter Zwang,
..........................Bis ich zu diesem Mädchen fand.
BABA JAGA singt :
..........................Zu ihr zu führen meinen Sohn,
..........................Wand auf ich alle Hexerei.
..........................Fast schwanden meine Kräfte schon,
..........................Fast brach mein Hexenherz entzwei.
WASSILISSA singt :
..........................Ich ahnte nicht, weshalb 's geschieht,
..........................Die Wirklichkeit oft täuschen kann.
..........................Doch wendet sich, wie man hier sieht,
..........................Zum Guten, was schrecklich begann.
ALLE DREI singen :
..........................Du bleib standhaft, werd' nicht träge,
..........................Fördernd ist Beharrlichkeit.
..........................Denn keiner kennt des Lebens Wege,
..........................Du wirst belohnt zur rechten Zeit.
Die Szene geht über in die Achtzehnte Szene.
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