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Dreizehnte Szene
Schauplatz wie zuvor.
NASTASSJA : Ach ja? (Zu Rippenfell und Kopekowitsch) Ich hätte erwartet, Sie verhindern es, dass sich Alexander Nikitowitsch von einer Dienstmagd auf's Kreuz legen lässt.
KOPEKOWITSCH : Noch liegen sie gar nicht.
NASTASSJA : So weit würden Sie es also kommen lassen. Pfui, welche Niedrigkeit, denkt man so in Petersburg?
RIPPENFELL : In Petersburg denkt man gar nicht darüber, weil man es nicht erfahren wird.
OLGA wie von einer Verblendung befreit : Oh, da täuschen Sie sich mal nicht. Man wird es erfahren, und zwar deshalb, weil ich jetzt gleich einen Brief an den Zaren schreibe und ihn über alle Geschehnisse unterrichte. (Sie nimmt Briefpapier und Feder und setzt sich hin.) So! Sehr geehrter Zar, nein, Sehr geehrte Majestät! Sicher werden Sie neugierig sein, was hier bei uns in Belomorskoje mit Ihrem Sohn, dem Zarewitsch geschehen ist.
RIPPENFELL : Was ist denn mit ihm geschehen?
OLGA : Na. Er ist ... verschwunden.
RIPPENFELL : Eben. Und weißt du, wo er ist?
OLGA zunehmend unsicher : Nein.
RIPPENFELL : Du willst also schreiben: Sehr geehrter Zar, Ihr Sohn ist verschwunden, und ich weiß nicht wo er ist.
OLGA : Ja.
KOPEKOWITSCH : Weißt du, was dann passieren wird? Der Zar wird seine Spezialtruppe in Marsch setzen, die kommen hierher und suchen den Zarewitsch. Und die suchen solange, bis sie ihn gefunden haben. Hast du schon einmal die Spezialtruppe des Zaren im Einsatz gesehen?
OLGA : Wie sollte ich? Bis jetzt hatten wir noch keinen Zarewitsch hier.
KOPEKOWITSCH : Die stellen jedes Haus auf den Kopf, da bleibt kein Stein auf dem anderen.
NASTASSJA : Um Gottes Willen, da müssen wir hinterher aufräumen, bevor die Mutter wiederkommt. Schreibe lieber, der Zar soll sich keine Sorgen machen, wir wüssten schon, wo der Zarewitsch ist.
OLGA : Aber das stimmt doch nicht. Oder weißt du's etwa?
NASTASSJA : Nein.
RIPPENFELL : Wir wissen es.
NASTASSJA : Sie?
KOPEKOWITSCH : Olga, überlege mal.
NASTASSJA : Ich bin Nastassja, das ist Olga.
KOPEKOWITSCH : Nastassja, wir sind hier, um auf den Zarewitsch aufzupassen, nicht wahr?
NASTASSJA : Ja. Und das haben Sie ...
KOPEKOWITSCH : Lass mich ausreden. Würden wir den Zarewitsch auch nur eine Minute aus den Augen verlieren? Und Gefahr laufen, vom Zaren für zwanzig Jahre ins Lager geschickt zu werden? Doktor Rippenfell und ich, wir haben beide Familie, wir müssen für sie sorgen, wir müssen unsere Arbeit gut machen und den Zarewitsch rund um die Uhr beschützen.
NASTASSJA : Ja und was wollen Sie nun eigentlich sagen?
RIPPENFELL zu Nastassja : Olga.
OLGA : Nastassja.
RIPPENFELL : Nastassja, der Zarewitsch ist gar nicht verschwunden. Er ist die ganze Zeit bei uns.
NASTASSJA : Nastassja! Ich meine, Olga! Hast du das gehört?
OLGA : Ich fasse es nicht. Der Zarewitsch ist einer von uns?
NASTASSJA : Wer ist es? (erleuchtet:) Ah! Olga!
OLGA : Mir war gleich schon so.
NASTASSJA : Ich hatte von Anfang an das Gefühl, diese Manneskraft, unglaublich, übermenschlich, zaristisch!
KOPEKOWITSCH : Höchstpersönlich.
NASTASSJA : Weiß es Wassilissa?
RIPPENFELL : Wir haben es ihr nicht gesagt.
NASTASSJA : Gut. Olga, wir müssen reden. Herr Kopekowitsch, Doktor Rippenfell, Sie entschuldigen uns einen Moment.
RIPPENFELL : Bitte sehr.
Olga und Nastassja beraten sich, während Rippenfell und Kopekowitsch den angefangenen Brief beseitigen.
NASTASSJA : Wir müssen sie wegschaffen.
OLGA : Wen?
NASTASSJA : Na, wen? Wer steht uns hier unserem Glück im Wege? Wassilissa natürlich. Wenn Sie weg ist, haben wir Alexander Nikitowitsch ganz für uns allein. Überlege doch, was wir an ihm haben.
OLGA : Jede Menge Spaß.
NASTASSJA : Und wenn er dann auch noch Zarewitsch ist, dann werden wir ... oh, Olga! Wir werden mit ihm nach Petersburg gehen, wir werden seine Hofdamen, ein Leben in Saus und Braus führen. Geld, Männer, Parties, Sekt ... Sex ... (verhaspelt sich:) Sekxst.
OLGA : Hör auf, ich kann es kaum noch aushalten, ach Nastassja, was für ein goldenes Leben steht uns bevor. Wie fangen wir es am besten an?
NASTASSJA : Zuerst müssen die beiden ruhiggestellt werden.
OLGA : Sollen wir sie umbringen?
NASTASSJA : Ach was, wir werden uns den Weg nach Petersburg nicht mit Leichen pflastern. In der Kommode, neben Vaters Pistole liegt ein Fläschchen mit einem Pulver, das mischen wir ihnen in die Limonade, dann schlafen sie wie zwei Bären.
OLGA : Das mache ich. (Sie geht an die Kommode und sucht ohne jede Verheimlichung in der Schublade.) Wo ist das Pulver, Nastassja, ich kann es nicht finden?
RIPPENFELL nähert sich Olga und fasst sie väterlich an : Was suchst du denn, mein Täubchen?
OLGA plump : Sie wollen mich doch jetzt nicht anbaggern, Herr Doktor, wo der Zarewitsch nicht da ist.
RIPPENFELL zutraulich : Wir müssen uns schließlich ein wenig die Zeit vertreiben, bis er wieder da ist.
KOPEKOWITSCH leise zu Rippenfell : Doktor Rippenfell, was fällt Ihnen ein, beherrschen Sie sich.
RIPPENFELL ebenso leise : Ich habe den Verdacht, Kopekowitsch, die planen etwas. Wir müssen Sie daran hindern.
Olga nimmt aus der Schublade das Pulver und gibt es Nastassja, die ihr ein Zeichen gibt, dass sie die Herren ablenken soll und es schnell in ihre Limonadengläser schüttet.
OLGA : Mein Hintern? Der gefällt Ihnen wohl? Der kann auch wackeln. (Sie wackelt ziemlich ungalant mit dem Hintern.)
RIPPENFELL wie ein Arzt bei der Visite : Schauen Sie sich das an, Kopekowitsch, ein echter Podex vacillans.
NASTASSJA : So, nun wollen wir darauf trinken.
OLGA : Auf meinen Arsch?
NASTASSJA : Auf die große Überraschung vom verkleideten Zarewitsch, er lebe hoch, und es möge ihm hier bei uns wohl ergehen.
Kopekowitsch und Rippenfell betrachten misstrauisch die Gläser.
KOPEKOWITSCH : Wir stoßen mit Limonade an statt mit Sekt?
NASTASSJA : Alkohol ruiniert. Nun trinken Sie schon, meine Herren.
OLGA : Trinken Sie, es wird ja wohl nicht vergiftet sein, ha ha.
Nastassja wirft Olga einen finsteren Blick zu und tippt an den Kopf. Sie trinken, nichts passiert, alle stehen schweigend.
OLGA gespielt : Uaaah, bin ich müde.
Nastassja erschrickt, schnuppert an ihrem Glas.
KOPEKOWITSCH wankend : Doktor Rippenfell ...
NASTASSJA u. OLGA zugleich : Was ist denn?
RIPPENFELL ebenfalls den Halt verlierend : Kopekowitsch ...
Kopekowitsch und Rippenfell fallen zu Boden.
OLGA : Wohin mit ihnen?
NASTASSJA : In den Keller.
OLGA : In den Keller, klar. Zu der Gans, ha ha. (Sie fasst Kopekowitsch.) Heiliger Strohsack, ist der schwer.
NASTASSJA mit Rippenfell schon nahe der Tür : Was ist, wo bleibst du?
OLGA müht sich : Er hat sich verkantet.
NASTASSJA : Jetzt mach schon, reiß ihn los.
OLGA : So schwer wie der ist, reißt er mich eher los. Hilf mir.
NASTASSJA : Oh, Olga! (Sie zerrt grob an Kopekowitsch.)
Die Szene geht über in die Vierzehnte Szene.
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