|
Elfte Szene
Im Haus. Pjotr Zarewitsch, Nastassja und Olga beim Mensch-Ärgere-Dich-Nicht Spiel. Olga ist sehr angespannt, während die beiden anderen ihren Spaß dabei haben.
NASTASSJA nachdem sie gewürfelt hat : Und fünf weiter rücken.
OLGA streng : Es war eine vier, du hast eine vier gewürfelt, keine fünf.
NASTASSJA : Es war eine fünf. Wann gehen wir wieder ins Bett?
OLGA : Nein, es war eine vier.
NASTASSJA : Na und? Jetzt habe ich gerückt. Berührt geführt, so heißt es.
OLGA : Du betrügst, du Miststück. Alexander Nikitowitsch, sagen Sie es, es war eine vier.
PJOTR versöhnlich : Ja, Nastassja, es war eine vier.
NASTASSJA : Na gut, war es eben eine vier. Da! Eins zurück. Zufrieden?
PJOTR : Zufrieden, Olga?
OLGA regt sich auf : Was heißt zufrieden? Glaubt ihr, ihr müsstet mir einen Gefallen tun oder mich nachsichtig behandeln? Ich brauche eure Hilfe nicht, ich gewinne auch so. Du Natter, ich sehe genau, wenn du betrügst.
PJOTR : Aber nun hat sie's ja wieder zurückgenommen.
OLGA schon beinahe hysterisch : Alexander Nikitowitsch, ich bitte Sie sehr, sich nicht in meine Angelegenheiten einzumischen. Ich kann das allein.
NASTASSJA : Du bist ja vollkommen fertig. Du solltest dich mal wieder im Bett abreagieren.
OLGA schreit : Würfel! Vorlaute Ziege!
NASTASSJA gehässig : Aber da kommst du nicht zum Zug. Tja, Glück im Spiel ... oder wie heißt das? Von Tuten und Blasen keine Ahnung?
PJOTR : Nastassja, lassen Sie ihre hämischen Reden.
NASTASSJA : Bin ja schon still. Doch davon wird es auch nicht besser. (Sie würfelt.) Sechs! Haben es alle gesehen? (Sie setzt.) Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs. Gewonnen!
OLGA verzweifelt, den Tränen nahe : Alexander Nikitowitsch, zum letzten Mal, hören Sie auf, mich zu verteidigen.
NASTASSJA : Ich habe schon wieder gewonnen! Ich darf mir was wünschen. Ich wünsche mir, dass wir wieder ins Bett gehen. Sei nicht traurig, Olga. Du darfst auch mitkommen.
OLGA aufs Äußerste angespannt, wie kurz vor einem Ausbruch : Ich - tue - was - ich - für - richtig - halte.
NASTASSJA besorgt : Oh oh.
PJOTR : Was ist?
NASTASSJA : Das kenne ich. Ich glaube, es ist besser, wir gehen in Deckung.
Olga fängt innerlich an zu kochen.
PJOTR : Olga, beruhigen Sie sich!
Olga springt auf und schlägt wild um sich, schmeißt alles herunter usw.
NASTASSJA schnell : Halten Sie sie fest.
PJOTR : Wie denn? Sie ist wie eine wildgewordene Hyäne.
Pjotr und Nastassja versuchen, Olga zu bändigen; die kratzt und beißt und schreit eigenartig.
NASTASSJA : Geben Sie ihr eine Ohrfeige.
PJOTR : Das kann ich nicht, ich schlage keine Frauen.
NASTASSJA : Dann tue ich es in Ihrem Namen. (Sie schlägt Olga ins Gesicht.) Bist du jetzt ruhig?
PJOTR : Benehmen Sie sich wieder normal?
Olga ist die Schwächere und unterliegt; ist anscheinend erschöpft und erhebt sich wieder.
OLGA schmeißt eine Vase auf den Boden : Niemals! Ihr habt mich verlieren lassen!
NASTASSJA : Du wolltest es so.
OLGA : Du hast es sechsmal mit ihm gemacht, ich nur fünfmal.
NASTASSJA hämisch : Du weißt ja nichts von der Nummer in der Besenkammer.
PJOTR : Nastassja, seien Sie still, Sie reizen sie nur noch mehr.
OLGA : Oh, ihr Tiere! Einen von euch muss ich töten. Oder beide. Oder mich selbst. Wo ist Vaters Pistole? (Sie läuft zur Kommode und reißt das Schubfach auf.)
NASTASSJA springt ihr nach : Olga, bleib' von der Kommode weg!
OLGA : Ha! Lass mich, niemand kann mich mehr aufhalten, gleich wird es hier ein fürchterliches Blutbad geben.
Olga hat die Pistole aus der Kommode genommen; Nastassja versucht, sie ihr zu entreißen, die beiden ringen stehend miteinander.
PJOTR : Ja also, meine Lieben, ich verlasse euch dann.
Ein Schuss geht in die Luft. Pjotr bleibt wie versteinert stehen, dann vergewissert er sich, dass er selbst nicht verletzt ist. Olga hat die Pistole sinken lassen und gibt nach. Nastassja nimmt sie ihr schnell weg.
OLGA seufzt : Alexander Nikitowitsch!
NASTASSJA gespielt erstaunt : Was ist denn?
PJOTR : Ach wisst ihr, es ist herrlich mit euch, man hat seinen Spaß, vor allem im Bett. Aber nehmt's mir nicht übel, diese ewige Streiterei, die geht mir auf den Sack! Ich habe genug davon. Ich gehe.
KOPEKOWITSCHs Stimme von draußen : Denken Sie an den Koffer!
NASTASSJA albern lachend und mit der Pistole herumfuchtelnd, während Olga sich Haar und Kleid ordnet : Alexander Nikitowitsch! Was ist passiert? Gar nichts. Eine kleine Auflockerung, sonst nichts. (Sie steckt die Pistole in die Schublade zurück.) Ich glaube, wir brauchen erst einmal etwas zur Abkühlung, ein Glas schöne, kühle Limonade. Im Keller stehen ein paar Flaschen davon, ich werde sogleich eine holen. Das heißt, Olga, vielleicht gehst du besser.
OLGA : Wieso ich?
NASTASSJA : Die Abwechslung wird dir gut tun, ein wenig Treppensteigen. Wir werden inzwischen hier aufräumen.
OLGA : Das könnte dir so passen. Sehe ich gar nicht ein. Außerdem will ich die dumme Gans nicht sehen.
PJOTR : Wen?
NASTASSJA schnell : Ach, Olga meint ... unsere Gans.
PJOTR : Eine Gans im Keller?
NASTASSJA : Ähm, ja, es ist eine besondere Sorte, eine finnische Kellergans, sie liebt es feucht und dunkel.
PJOTR : Was frisst die denn da unten?
OLGA : Was sie frisst? Na, sie frisst unsere Vorräte.
PJOTR : Das ist ja der größte Schmarren, den ich je gehört habe, Gänse im Keller, die die Vorräte auffressen.
NASTASSJA : Es ist nur eine, und außerdem kommt sie gar nicht an alles ran, nur was so runterfällt.
PJOTR : Das muss ich mir ansehen.
NASTASSJA hält ihn auf : Um Gottes Willen! Nein!
PJOTR : Wieso nicht?
NASTASSJA : Sie ... sie reagiert panisch auf jeden Fremden. Dann macht sie so und so und so. (Sie macht wilde Gesten.) Schlimmer als Olga.
OLGA : Wer holt denn nun die Limonade?
NASTASSJA ratlos : Tja.
Die Szene geht über in die Zwölfte Szene.
|