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Zehnte Szene

Rippenfell und Kopekowitsch gelangen zu einem Bauernhof. Das Haus ist einigermaßen prächtig, jedoch alt und schadhaft. An der Seite ist eine Terrasse, zu der ein paar Stufen hinaufführen; mit Glastüren und weißen Vorhängen usw. zum Zimmer hin. Um das Gebäude herum ist die Wirtschaft eines Bauernhofs erkennbar.

RIPPENFELL : Hallo, ist jemand zu Hause?

KOPEKOWITSCH : Na Rippenfell, wenn Sie so zaghaft anfragen, werden wir wohl übermorgen noch nach Arbeit suchen. He, ihr da, wie sieht es denn hier aus! Wie nach einem Mongolensturm. Müsste mal kräftig aufgeräumt werden. Hier findet man ja bald nicht mal mehr den Weg zum Brunnen.

STIMME von drinnen durch die offene Verandatür : Was quatscht du da draußen von Brunnen.

KOPEKOWITSCH : Im Stall murren die Kühe, sie müssen gemolken werden, sicher habt ihr kleine Kinder im Haus, die frische Milch trinken wollen.

STIMME : Hier gibt es keine kleinen Kinder.

RIPPENFELL : Können Sie denn melken, Kopekowitsch?

KOPEKOWITSCH : Ich musste schon aus ganz anderem Viehzeug etwas herauspressen, als es darum ging, neue Geldquellen zu erschließen. (zum Haus hin:) Wir würden sofort anfangen, Ordnung zu schaffen, für ... sagen wir, für einen Rubel am Tag.

STIMME : Wie viele seid ihr?

RIPPENFELL : Zu zweit.

Es entsteht eine Pause; die beiden machen sich Hoffnung, dass sie Anstellung finden. Da erscheint Pjotr Zarewitsch auf der Terrasse; mit offenem Hemd und zerzausten Haaren, eine Zigarre zwischen den Lippen und eine Sektflasche in der Hand.

RIPPENFELL : Pjotr Zarewitsch! Was machen Sie hier?

PJOTR : Sssst, nicht so laut, ich bin Alexander Nikitowitsch.

KOPEKOWITSCH : Wie konnten Sie uns nur allein lassen. Gott sei Dank, jetzt wird alles gut.

PJOTR : Ich brauche euch nicht mehr.

NASTASSJA erscheint hinter Pjotr, umarmt ihn und streichelt seine Brust : Wer ist denn da, liebster Alexander?

OLGA von drinnen : Etwa der Zarewitsch, ha ha ha.

PJOTR : Och, nur zwei Landstreicher, die um ein Almosen betteln.

OLGA von drinnen : Wir geben nichts.

KOPEKOWITSCH : Pjotr ... Alexander Nikitowitsch, Sie müssen uns die Arbeit geben, wir brauchen das Geld. Wir kommen sonst nicht zurück nach Petersburg.

RIPPENFELL vertraulich, eindringlich : Kopekowitsch, sind Sie verrückt? Ich erinnere Sie daran, dass Sie der Finanzminister des Zaren sind.

KOPEKOWITSCH : Ja und, was nützt mir das hier?

PJOTR : Seid ihr abgebrannt?

KOPEKOWITSCH : Völlig. Unser ganzes Geld ist uns gestohlen worden.

PJOTR : Gestohlen?

KOPEKOWITSCH : Der Koffer ist weg.

RIPPENFELL bestürzt : Kopekowitsch, um Himmels Willen! Verraten Sie doch dem Zarewitsch nichts davon, er könnte uns dafür hinrichten lassen.

NASTASSJA : Was reden die da so heimlich? Sind das nicht Ihre Freunde?

PJOTR : Pah, mit denen bin ich fertig. Glaubst du, Nastassja, mein Täubchen, dass die den Koffer des Zarewitsch gestohlen haben.

NASTASSJA : Was? Den braunen Koffer? Mit dem ganzen Geld drin?

KOPEKOWITSCH : Wir haben ihn nicht gestohlen, sondern er ist uns gestohlen worden.

PJOTR : Und? Hattet ihr nicht die verdammte Pflicht, auf ihn aufzupassen. Sich in so einer verantwortungsvollen Position bestehlen zu lassen, ist beinahe noch schlimmer als selbst zu stehlen.

OLGA steckt den Kopf heraus : Kommen Sie wieder rein, Alexander Nikitowitsch, wir wollen weiterspielen, Sie sind am Zug.

RIPPENFELL : Aber, Alexander Nikitowitsch, Sie können uns hier nicht einfach stehenlassen.

PJOTR stippt die Asche von seiner Zigarre zu ihnen hin : Kann ich wohl, ihr habt doch gehört, ich bin am Zug, und hier herrscht Zugzwang. Aber ich will nicht so sein, Olga, bring' mir den Koffer her.

OLGA : Den ganzen?

PJOTR : Zum Teufel, mach' schon, sonst liegen uns diese Schnorrer noch länger auf den Taschen.

Olga bringt den Koffer.

KOPEKOWITSCH : Rippenfell, der Koffer! Er ist gar nicht weg. Der Zarewitsch hat ihn.

RIPPENFELL : Das ist so gut wie weg.

PJOTR wühlt im Koffer herum : Verdammt, ist denn kein Kleingeld da drin.

RIPPENFELL zu Kopekowitsch : Aber sich über meine Reiseapotheke aufregen. (zu Pjotr:) Alexander Nikitowitsch, wie kommen Sie denn an den Koffer?

PJOTR erzürnt : Was soll die Frage, du Laus! Ich erweise mich großmütig gegen dich, und du unterstehst dich, mich zu fragen, wie ich ... willst du, dass ich dir ... (Er schleudert die Sektflasche gegen Rippenfell; sie verfehlt ihn knapp.)

KOPEKOWITSCH : Vorsicht, Doktor! Warum provozieren Sie den Zarewitsch auch bloß mit Dingen, die Sie gar nichts angehen.

PJOTR betroffen : Hat er was abgekriegt?

KOPEKOWITSCH beruhigt Rippenfell; nach oben : Ist noch mal gutgegangen.

OLGA wirft nach Rippenfell mit einem Sektglas, trifft aber Kopekowitsch am Kopf : Dann soll er eben das hier abkriegen. Wenn eurer tapferer Freund Alexander Nikitowitsch nicht kurz entschlossen den Koffer an sich genommen hätte, wäre er nämlich wirklich gestohlen worden. Nichts kriegen diese Lumpen, keine Kopeke. Und jetzt los, es wird weitergespielt, ich will gewinnen.

Olga und Nastassja gehen hinein.

PJOTR : Da habt ihr's, ihr Schwachköpfe. Ihr könnt beten, dass Olga gewinnt, denn wenn sie schon wieder verliert, dann ist hier der Teufel los, dann wird es hier erst wirklich aussehen wie nach einem Mongolensturm. Am besten, ihr geht in die Kirche und spendet der Jungfrau ein Licht und bittet sie, dass Olga gewinnt, anstatt hier dumm rumzustehen.

OLGA von drinnen : Jetzt würfeln Sie endlich, Alexander!

RIPPENFELL : Pjotr Zarewitsch!

KOPEKOWITSCH drückt auf seine Beule : Er ist unter ganz ganz schlechten Einfluss geraten. Diese Mädchen verdrehen ihm den Kopf und nehmen ihn aus wie eine Weihnachtsgans. Die heilige Jungfrau bitten, dass die Hure Glück im Spiel hat, das kann er doch nicht ernst gemeint haben.

RIPPENFELL : Ich habe den Zarewitsch nicht in Religion unterrichtet.

KOPEKOWITSCH : Nein, natürlich nicht! Sie werden ja nur dafür bezahlt, seine Wehwehchen zu kurieren. Sie werden sich noch umgucken, Doktor, wenn ihm erst mal die Latte anfängt zu brennen.

RIPPENFELL : Wie reden Sie über Seine Hoheit.

KOPEKOWITSCH : Genau so, wie es die Verhältnisse erfordern.

RIPPENFELL : Was für ein Haus ist das eigentlich?

KOPEKOWITSCH : Es sind zwei Schwestern, Olga und Nastassja, haben mir die Bauern gestern erzählt. Sie sind sehr launisch und glauben, schön zu sein.

RIPPENFELL : Nun ja, gerade hässlich kann man sie nicht nennen.

KOPEKOWITSCH : Doktor! Jetzt, wo Sie Ihre Praxis verlassen haben, werden Sie plötzlich geil.

RIPPENFELL : Unsinn! Und hören Sie auf, in diesem vulgären Ton zu sprechen. Wohnen die allein da?

KOPEKOWITSCH : Eigentlich gehört alles der Mutter, die ein furchtbarer Drachen sein soll. Die ist aber für drei Tage in die Stadt gefahren zu ihrem Vetter, der Tierarzt ist und ...

RIPPENFELL : Jetzt verlieren Sie sich mal nicht in Nebensächlichkeiten.

KOPEKOWITSCH : Ich dachte, das würde Sie interessieren, von wegen Kollegen und so.

RIPPENFELL : Immerhin, Sie sind gut informiert, Kopekowitsch, man merkt, dass Sie früher beim Geheimdienst waren.

KOPEKOWITSCH : Es gibt noch eine dritte, eine Stiefschwester, die nach dem Tod ihrer Mutter hierher gekommen ist.

KOPEKOWITSCH : Ich weiß nicht, eben sah es nicht danach aus. Die beiden sind gar nicht gut auf sie zu sprechen. Möglich, dass sie sie irgendwohin geschickt haben.

RIPPENFELL : Wohin soll man denn hier jemanden schicken außer ins Dorf zum Krämer. Dann müsste sie ja bald zurückkommen, und wir können mit ihr sprechen. Sie steht bestimmt auf unserer Seite, wenn es darum geht, den Zarewitsch dort herauszuholen.

KOPEKOWITSCH : Hm. Was aber, wenn sie nicht beim Krämer ist? Vielleicht haben sie sie auch hier irgendwo eingesperrt. Wir sollten uns mal ein bisschen umsehen.

RIPPENFELL : Gut.

KOPEKOWITSCH : Aber wir dürfen das Gartentor nicht aus den Augen lassen, falls sie doch kommt. Ich gehe dort hinüber zu dem Stall.

RIPPENFELL : Und ich werde mir mal das Hinterhaus ansehen.


 

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