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Neunte Szene

Rippenfell und Kopekowitsch im Wald vor dem Dorf.

KOPEKOWITSCH : Oh, Doktor Rippenfell, mir brummt der Schädel! Haben Sie nicht irgendeine Arznei dagegen?

RIPPENFELL : Irgendeine? Ich könnte Ihnen ein Abführmittel geben.

KOPEKOWITSCH : Sie machen sich auch noch lustig. Ich sagte: gegen die Kopfschmerzen.

RIPPENFELL : Nun, ich kann in meiner Reiseapotheke nachschauen, ob ich etwas finde. (Er öffnet seine Reisetasche und kramt darin herum.)

KOPEKOWITSCH : Tun sie nicht so, als wüssten Sie nicht, was Sie da drin haben.

RIPPENFELL : Ich habe hier ein paar Tropfen.

KOPEKOWITSCH : Nein, keinen Tropfen mehr, nicht heute. Dieser Aprikosenschnaps, ich weiß nicht, ob der nicht doch selbstgebrannt war. Ich kann auf dem linken Auge nur noch ganz schwach sehen, nur so neblige Umrisse. Das sieht nach einer Ethanolvergiftung aus. (Er tappt wie halbblind umher und ertastet dabei den Doktor.)

RIPPENFELL : Lassen Sie das!

KOPEKOWITSCH : Ach, Sie sind's, da bin ich beruhigt. Ich dachte schon, einer dieser Dorfbauern stünde da. So gastfreundlich die sind, vor ihnen muss man sich in Acht nehmen. Die laden einen ein, machen ihn besoffen, und dann rauben sie ihn aus bis auf die Unterhose.

RIPPENFELL : Glauben Sie im Ernst, Kopekowitsch, dass es jemand auf Ihre Unterhose abgesehen hätte.

KOPEKOWITSCH : Na, aber auf meinen Koffer.

RIPPENFELL : Was ist da drin, etwa auch Unterhosen?

KOPEKOWITSCH : Sehr witzig. Sie wissen schon, was da drin ist, nämlich Pjotr Zarewitsch's und unsere Reisekasse. Deshalb muss ich wie mit Argusaugen darauf achtgeben. Und nun, gerade jetzt macht mein Auge schlapp, es ist schon wieder schlechter geworden. Doktor, ich brauche Ihre Medizin.

RIPPENFELL : Brandsalbe, Schnellspritze, Jodtinktur, Zäpfchen ...

KOPEKOWITSCH : Zum Kuckuck, irgendeine Tablette, die man einfach hinunterschluckt, und die einen wieder aufrichtet, so was gibt es wohl nicht mehr.

RIPPENFELL : Viagra? Die kann ich Ihnen nur auf Rezept geben. Haben Sie ein Rezept, Kopekowitsch?

KOPEKOWITSCH : Woher soll ich ein Rezept haben?

RIPPENFELL : Von Ihrem Hausarzt natürlich.

KOPEKOWITSCH : Ich habe noch nicht mal einen Hausarzt, geschweige ein Rezept.

RIPPENFELL : Was? Keinen Hausarzt? Und dann sind Sie mit uns unterwegs? Das ist unverantwortlich. Womöglich sind Sie auch nicht geimpft.

KOPEKOWITSCH : Geimpft?

RIPPENFELL : Sie haben hoffentlich Ihren Impfausweis dabei.

KOPEKOWITSCH : Jetzt ist es aber genug mit dem Quatsch. Erst Rezept, dann Impfausweis, was wollen Sie denn als nächstes sehen? Vielleicht meine Geburtsurkunde?

RIPPENFELL : Was soll ich mit Ihrer Geburtsurkunde, ich bin nicht die Einwanderungsbehörde.

KOPEKOWITSCH : Sie sind unausstehlich, Doktor Rippenfell. Sobald Sie auch nur einen Schritt aus Ihrer Praxis heraustreten, kann man kaum noch vernünftig mit Ihnen reden.

RIPPENFELL : Dann lassen Sie's doch.

nach einer Pause ...

KOPEKOWITSCH : Was für ein Arzt sind Sie eigentlich?

RIPPENFELL : Zweifeln Sie an meiner Qualifikation?

KOPEKOWITSCH : Nur nicht gleich so empfindlich. Ich meine, sind Sie ein Allgemeinmediziner oder ein Chirurg, oder vielleicht ein (betont:) Onkologe, irgendwas Spezielles müssen Sie doch sein.

RIPPENFELL : Ich bin Internist.

RIPPENFELL : Das ist der Facharzt für Innere Krankheiten.

KOPEKOWITSCH : Ah so, verstehe. Dann behandelt der Externist die äußeren Krankheiten.

RIPPENFELL : Wie Sie meinen.

KOPEKOWITSCH : Sagen Sie Doktor Rippenfell, eine Fachfrage: Wozu gehört eigentlich das Auge? Zu den inneren oder den äußeren Organen? Es liegt ja in der Augenhöhle, und die ist drin im Kopf. Zugleich blickt das Auge aber auch nach draußen. Kommt ihr Mediziner da nicht manchmal in die Zwickmühle? Ich meine, wenn es um die Zuständigkeit geht.

RIPPENFELL : Für das Auge ist selbstverständlich der Augenarzt zuständig, da gibt es überhaupt keinen Streit.

KOPEKOWITSCH : Ah so, verstehe. Ihr teilt euch den Menschen hübsch säuberlich untereinander auf, die Augen für den Augenarzt, die Ohren für den Ohrenarzt, die Innereien für den Internisten. Und den Kopf? Da wo man Kopfschmerzen hat? Im Gehirn, nicht wahr? Gibt es einen Gehirnarzt?

RIPPENFELL : Natürlich, das ist der Neurologe.

KOPEKOWITSCH : Uii, den gibt es wohl noch nicht so lange.

RIPPENFELL : Sie haben keinen blassen Schimmer.

KOPEKOWITSCH : Eben doch, das ist ja mein Malheur, nur noch ein ganz blasser Schimmer auf meinem Auge. Doktor? Könnten Sie nicht mein Hausarzt sein?

RIPPENFELL : Es spricht nichts dagegen. Sobald wir wieder zu Hause sind, kommen Sie in meine Praxis.

KOPEKOWITSCH : Oh, Sie Unhold. Nun gut, wenn Sie nicht jetzt und hier mein Hausarzt sein können, dann sind Sie eben ein Notarzt. Ich brauche einen Notarzt. Dies ist ein Notfall, ein Anfall von akuten Kopfschmerzen, ein Migräneanfall.

RIPPENFELL : Migräne bekommen normalerweise nur Frauen.

KOPEKOWITSCH wissend : Aha, und Sie sind kein Frauenarzt.

RIPPENFELL : Nein. Sie sind ja auch keine Frau. Und ich sagte normalerweise. Wenn Sie also tatsächlich Migräne haben, dann ...

KOPEKOWITSCH : ... Bin ich nicht ganz normal, das wollten Sie doch sagen.

RIPPENFELL : Mithin ein Fall für den Irrenarzt. Ich kenne den Oberarzt in der Irrenanstalt, Doktor Bergson, ich könnte für Sie einen Termin vereinbaren.

KOPEKOWITSCH : Na freilich, warum nicht gleich eine Zelle reservieren.

RIPPENFELL : Wenn Sie dies wünschen.

KOPEKOWITSCH ironisch : Brauche ich ein Rezept?

RIPPENFELL : Streng genommen ja. Da sehen Sie, in welche Schwierigkeiten Sie kommen können ohne Hausarzt. Aber keine Sorge, man könnte es in Ihrem Fall mit einer Zwangseinweisung regeln. Das Rezept können Sie auch später nachreichen.

KOPEKOWITSCH : Wie entgegenkommend. Sie sind wirklich eine große Hilfe für die Menschheit.

RIPPENFELL : So viel würde ich mir nicht anmaßen.

KOPEKOWITSCH : Es geht mir inzwischen auch schon besser, dank Ihrer Konsultation, Herr Doktor.

RIPPENFELL : Sehen Sie, manchmal arbeiten wir auch ganz umsonst.

KOPEKOWITSCH : Ach woher, Sie sollen dafür entlohnt werden. Wo ist mein Koffer?

RIPPENFELL : Was?

KOPEKOWITSCH erschrocken : Wo ist mein Koffer?

RIPPENFELL : Der Finanzkoffer?

KOPEKOWITSCH : Natürlich, welcher denn sonst?

RIPPENFELL : Der mit den Unterhosen.

KOPEKOWITSCH : Das ist kein Spaß mehr. Der Koffer ist weg. Vielleicht dämmert es Ihnen gleich, dass wir jetzt ohne eine Kopeke hier mitten in der Walachei sitzen.

RIPPENFELL : Wir haben doch wenigstens die Rückfahrkarten, oder?

KOPEKOWITSCH : Sind im Koffer.

RIPPENFELL : Und die eiserne Reserve?

RIPPENFELL : Mein Gott, Kopekowitsch, eine eiserne Reserve bewahrt man doch extra auf, irgendwo anders, am besten am eigenen Leib.

KOPEKOWITSCH : Da wäre mir aber sehr unwohl bei dem Gedanken, dass Sie unsere eiserne Reserve mit sich herumtragen. Wie schnell verläuft sich hier einer.

RIPPENFELL : Eben an Ihrem Leib, Kopekowitsch.

KOPEKOWITSCH : Soll ich das Opfer von Dieben und Wegelageren sein? Sehe ich gar nicht ein, für irgendjemanden den Kopf hinzuhalten.

RIPPENFELL : Für irgendjemanden? Meinen Sie damit unseren Zarewitsch? Herr Finanzminister, zügeln Sie Ihre Zunge. Sie wissen, ich bin schon sehr nachsichtig gewesen bei all dem, was Sie hier geäußert haben. Wenn wir wieder in Petersburg sind ...

KOPEKOWITSCH : Erst mal wieder hinkommen, ohne Fahrkarte, ohne Geld.

RIPPENFELL : Nun, dann heißt es: arbeiten und Geld verdienen.

KOPEKOWITSCH : Wie bitte? Arbeiten? Das haben Sie doch Ihren Lebtag noch nicht getan.

RIPPENFELL : Irgendwann ist immer das erste Mal.

KOPEKOWITSCH : Als was wollen Sie denn hier arbeiten? Als Internist auf dem Bauernhof?

RIPPENFELL : Kranke Menschen gibt es überall.

KOPEKOWITSCH : In der Tat. Nur dass die hier Sie kaum bezahlen werden können.

RIPPENFELL : Dann lassen wir uns in Naturalien entlohnen. Die Naturalien tauschen wir um gegen Fahrkarten, und es bleibt vielleicht sogar noch etwas Proviant für unterwegs übrig. Schauen Sie, Kopekowitsch, da vorn ist ein Hof, dort können wir uns verdingen.

KOPEKOWITSCH : Verdingen. Der Finanzminister des Zaren verdingt sich auf einem Bauernhof als Tagelöhner.

RIPPENFELL : Halten Sie erst mal einen ganzen Tag durch, dann dürfen Sie sich so bezeichnen. Kommen Sie.


 

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