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Achte Szene
Schauplatz wie zuvor. Die Runde wird durchbrochen von einer Kette tanzender Burschen und Mädchen, die sich an den Händen gefasst haben und singen. Sie nehmen Pjotr Zarewitsch lachend in ihren Kreis auf, der sich das gern gefallen lässt.
BURSCHEN u. MÄDCHEN :
..........................Auf zum Tanzen, auf zum Springen,
..........................Hin zum Fest für Groß und Klein.
..........................Flöten lasst und Fiedeln klingen,
..........................Heute woll'n wir fröhlich sein.
..........................Heut' vergessen wir die Sorgen,
..........................Die uns plagen alle Tag'.
..........................Keiner denkt an übermorgen,
..........................Keiner hört der Glocke Schlag.
..........................Mädchen finden sich und Buben,
..........................Zu dem Reigen Arm in Arm.
..........................Von den Feldern, aus den Stuben,
..........................Strömt zum Platz der bunte Schwarm.
..........................Voll gefüllt sind Korb und Kanne;
..........................Brot und Wein im Überfluss,
..........................Machen satt den ärmsten Manne,
..........................Keiner heute betteln muss.
..........................Den kühnen Burschen in dem Trubel
..........................Steigt zu Kopf der Übermut.
..........................Lassen rollen manchen Rubel,
..........................Mädchen! seid nur auf der Hut.
..........................Mancher hat früh angefangen,
..........................Einer Braut den Hof gemacht.
..........................Ist ihr auf den Leim gegangen,
..........................Hat sie ihn dann ausgelacht.
Nastassja und Olga haben sich in dem Durcheinander auf Pjotr gestürzt und tanzen abwechselnd mit ihm bzw. machen ihn sich gegenseitig abspenstig.
PJOTR zu Nastassja : Wie heißt du, meine Teuerste?
NASTASSJA : Nastassja.
PJOTR : Und das ist bestimmt deine Schwester?
OLGA : Ja, ich bin Olga.
PJOTR : Und ich bin Pjotr ... Zarewitschs treuer Gefährte.
NASTASSJA : Alexander, der Tapfere.
PJOTR : Solche wie euch könnte der Zarewitsch zu Hause sicher gebrauchen.
NASTASSJA : Wie meinen Sie das?
PJOTR : So hübsche Geschöpfe.
OLGA : Wofür könnte er uns gebrauchen?
PJOTR : Wofür? Die Frage ist: wie oft?
NASTASSJA : Und Sie bleiben länger bei uns in Belomorskoje?
PJOTR : Mal sehen. Wenn es Grund genug dafür gibt, warum nicht?
NASTASSJA : Wie gefällt es Ihnen bis jetzt bei uns?
PJOTR : Oh, es ist ... es gibt hier nette Leute.
OLGA : Nette Leute? Wen meinen Sie damit, Alexander Nikitowitsch?
PJOTR : Ähm, nun, euch beide zum Beispiel, ihr seid entzückend.
NASTASSJA : Ja, das sind wir. Und eigentlich hatten wir längst etwas Besseres vor als in diesem langweiligen Nest herumzuhängen.
PJOTR : Ach, ihr erwägt auszuwandern?
OLGA : Was? Alexander Nikitowitsch, Sie sagten vorhin selber, dass wir viel besser nach Petersburg zum Zarewitsch passen würden.
PJOTR : Was wollt ihr in Petersburg, wenn der Zarewitsch hier ist?
NASTASSJA : Ha ha, da haben Sie auch wieder Recht. Der ärmste Zarewitsch. Was wird er wohl machen, so allein im Wald?
PJOTR : Oh, er wird ... sich schon beschäftigen. Er beherrscht die Vogelsprache.
OLGA : Er kann sich mit den Vögeln unterhalten?
PJOTR : Mit einigen schon, zumindest kann er sie verstehen.
NASTASSJA : Was sollen ihm die Vögel im Wald schon erzählen? "Piep piep, heute morgen habe ich einen fetten Wurm gefressen." Interessiert das den Zarewitsch?
PJOTR : Der Zarewitsch interessiert sich für alles, was in seinem großen Reich passiert. Und dann, glaubt nicht, die Gespräche der Vögelchen wären eintönig. Bedenkt nur, wie gesellig diese Wesen sind.
OLGA : Oh ja, im Winter an unserem Futterhäuschen ist immer was los, wissen Sie, Alexander Nikitowitsch, ich bin nämlich auch sehr vogellieb, ich füttere unsere gefiederten Freunde im Winter mit Sonnenblumenkernen. Ich bin sozusagen eine richtige Vogelnärrin.
NASTASSJA : Du fütterst die Vögel, dass ich nicht lache! Du kannst doch nicht mal eine Meise von einem Specht unterscheiden.
OLGA : Kann ich wohl, sogar am Gesang.
NASTASSJA : Kann sie nicht, glauben Sie ihr kein Wort, Alexander Nikitowitsch.
PJOTR : Nun ja, man muss auch nicht jeden einzelnen kennen und kann sie dennoch lieben.
OLGA : Das haben Sie hübsch gesagt, ich glaube, wir beide empfinden ähnlich.
PJOTR : Auch Vögel haben ihre Geheimnisse, die man so leicht nicht erfährt.
NASTASSJA : Wie die Mädchen.
PJOTR : Richtig. Wie öde wäre die Welt ohne ihre Geheimnisse.
Sie hängen sich an ihn.
OLGA : Bestimmt hat auch der Zarewitsch seine Geheimnisse, oder?
PJOTR : Vermutlich, ja.
NASTASSJA : Geheime Gedanken, Gefühle, innere Regungen.
PJOTR : Oh ja, zweifellos.
OLGA : Wunschvorstellungen, verborgene Fantasien.
PJOTR : Ohne Ende.
NASTASSJA : Begehrlichkeiten, die er zu befriedigen trachtet.
PJOTR : Oder noch besser jemand anderes.
NASTASSJA : Und jetzt wartet er nur darauf, dass diese jemand zu ihm kommt, dort im Wald, wo er liegt ...
OLGA : Auf dem weichen Moos im Schatten der Bäume ...
NASTASSJA : Sich zu ihm gesellt ...
PJOTR : Woher wisst ihr das so genau?
NASTASSJA : Ihm ein offenes Ohr leiht ...
OLGA : Ihm zuhaucht: Da bin ich, die deine Wünsche erfüllt.
NASTASSJA : Alexander Nikitowitsch, Olga und ich, wir kennen uns hier in der Gegend aus wie kaum ein anderer. Wir könnten den Zarewitsch suchen.
PJOTR : Und ich?
NASTASSJA : Sie? Sie kommen natürlich mit. Schließlich müssen Sie uns sagen, ob er es auch wirklich ist, wenn wir ihn gefunden haben.
OLGA : Wenn wir Sie zu ihm führen, winkt bestimmt eine reiche Belohnung.
PJOTR : Die winkt auf jeden Fall. Äh, zum Teufel, was gäb' ich drum, jetzt die Waldesstille genießen zu können, die der Zarewitsch genießt. Was ist nun?
Die anderen Tanzenden kommen hinzu und reißen die drei wieder mit sich.
ERSTES MÄDCHEN : Ein Spiel, ein Spiel! Macht alle mit. Wir spielen Blinde Kuh.
ZWEITES MÄDCHEN : Alexander Nikitowitsch! Sie müssen mitspielen.
Gerade hat der Bursche, der in der Mitte des Kreises war, jemanden erwischt.
BURSCHE : Abgeschlagen!
ZWEITES MÄDCHEN : Alexander soll die Kuh sein!
PJOTR : Aber ich bin ... ich kann ...
DRITTES MÄDCHEN : Keine Widerrede. (Sie bindet ihm das Tuch um die Augen.)
PJOTR : Huch, ich sehe nichts mehr, Doktor Rippenfell! Ich glaube, ich bin blind geworden.
ALLE klatschen :
..........................Aljoscha ist die blinde Kuh,
..........................Hola, hola, hopsasa.
..........................Dreht sich im Kreise immerzu,
..........................Hola, hola, hopsasa.
..........................Linksherum, rechtsherum,
..........................Kriegt mich nicht,
..........................Tanzt sich beide Sohlen krumm.
..........................Aljoscha ist die blinde Kuh,
..........................Hola, hola, fideldumm.
Unter denen, die sich in Pjotrs Nähe trauen, ist Wassilissa, die zauberhaft aussieht. Nur Nastassja erschrickt bei ihrem Anblick.
NASTASSJA : Wassilissa, was machst du hier?
WASSILISSA dreht sich ausgelassen : Wie du siehst, ich vergnüge mich.
OLGA : Woher hast du das Kleid?
WASSILISSA : Was geht's dich an.
Pjotr kommt ziemlich nahe an Wassilissa heran, sie entschlüpft ihm jedoch und lacht, wodurch er auf sie aufmerksam wird.
NASTASSJA : Geh' sofort nach Hause, die Erbsen auslesen.
WASSILISSA zischt Nastassja an : Steck' dir die Erbsen sonstwohin. Ich mache, was mir gefällt.
OLGA : Oh, du Scheusal! Das werden wir der Mutter sagen! Nie wieder wirst du aus dem Keller herauskommen.
PJOTR hat Wassilissa am Arm getroffen : Abgeschlagen! (Er reißt hastig die Augenbinde weg und ist von Wassilissas Anblick überwältigt.) Wer bist du?
WASSILISSA entzieht sich ihm lachend und sich drehend : Ich bin die Wassilissa.
PJOTR : Wassilissa. Mein Gott, ich bin wie von Sinnen.
WASSILISSA : Das kommt vom vielen Herumdrehen, da bekommt man den Drehwurm.
PJOTR : Ich glaube eher, das kommt von ... Warte!
NASTASSJA drängt sich dazwischen : Alexander Nikitowitsch, haben Sie uns vergessen, Sie Treuloser?
PJOTR : Nein, nein, ich muss nur ... wer ist sie?
NASTASSJA : Wer ist wer? Hier ist niemand außer uns.
OLGA : Wir wollten in den Wald und den Zarewitsch suchen.
PJOTR : Aber ich ... wo ist sie hin?
NASTASSJA : Jetzt lasst uns gehen, es wird gerade schön dämmerig, genießen wir es, wie die Sonne hinterm Horizont versinkt.
PJOTR : Ja, ich glaube, ich sinke auch gleich hin. Es durchfährt mir alle Glieder.
OLGA : Beim Allmächtigen! Nastassja, hörst du, er spricht in der Mehrzahl.
NASTASSJA : Das reicht für uns beide.
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