Sechste Szene Achte Szene

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Siebente Szene

Auf dem Dorffest. An einem einfachen Holztisch sitzen auf Bänken die Bauern; die Bäuerinnen stehen daneben, sie haben immer noch etwas zu tun. Am Rande Lindenbäume. Dazwischen ein Platz zum Tanzen, mit Girlanden geschmückt. Hinten Tische mit Essen und Spezialitäten, Backwerk, Flaschen etc. Eine Musikkapelle und Tanzende, Burschen und Mädchen fein herausgeputzt; ein Betrunkener. Vereinzelter Gesang. Die Atmosphäre unterstreicht nur dezent die Szene mit den Personen im Vordergrund.

ERSTER BAUER (Grigori) : Warwara Andrejewna, deine Piroggen sind wieder einmal köstlich, gib' uns noch mehr davon.

ERSTE BÄUERIN (Mascha) : Wie machst du das bloß? Du hütest das Rezept wie ein Geheimnis.

ZWEITE BÄUERIN : Dabei kann man sehen, was alles drin ist.

ERSTE BÄUERIN (Mascha) : Vor allem die mit Huhn gefüllten, die würde ich so nie hinkriegen.

ERSTER BAUER (Grigori) : Du darfst das Huhn eben nicht roh mit hineinbacken. (Die Bauern lachen.)

ZWEITER BAUER (Anton Sergejewitsch) : Mascha verbäckt lebendige Hühner?

DRITTE BÄUERIN (Warwara Andrejewna) : Hör auf mit dem Unsinn, Grigori!

ERSTER BAUER (Grigori) : Ja, wenn ich's nicht mit eigenen Augen gesehen hätte. Sie fängt das Huhn von der Erde weg, wo es eben noch ahnungslos gescharrt hat, betäubt es und knetet es mit in den Teig, mit Federn und Krallen und allem. (Die Bauern lachen.)

ERSTE BÄUERIN (Mascha) : Grigori, du Lügenmaul, gleich geb' ich dir meine Krallen zu spüren.

ERSTER BAUER (Grigori) : Semjon Michailowitsch denkt, der Fuchs hätte gestern Nacht seine Hühner gestohlen. Aber es war Mascha, die auf Hühnerfang ausgegangen ist. (Mascha gibt ihm einen Klaps.) Au, Mascha, willst du mich jetzt auch lebendig verbacken. (Gelächter)

DRITTE BÄUERIN (Warwara Andrejewna) : Hier, esst noch von denen, und beruhigt euch.

ERSTER BAUER (Grigori) : Verzeih, Mascha, es war nur ein Scherz. Aber wenn ich dir einen Rat geben darf: ich würde wenigstens die Federn weglassen.

ERSTE BÄUERIN (Mascha) : Ich werde mit dir gleich ein Hühnchen rupfen, Grigori.

ERSTER BAUER (Grigori) : Wäre gar nicht so übel.

Ein weiterer Bauer (Nikolai Alexejewitsch) kommt.

DRITTER BAUER (Semjon Michailowitsch) : Ah, da kommt Nikolai Alexejewitsch! Setz' dich zu uns, trink mit uns Brüderchen. Konntest dich wieder nicht von deinem Acker trennen, bis zur letzten Minute noch arbeiten, das schickt sich nicht für einen Russen.

ERSTER BAUER (Grigori) : Nikolai Alexejewitsch wird wohl bald einen Fackelträger anstellen, damit er auch nachts sein Feld pflügen kann.

DRITTER BAUER (Semjon Michailowitsch) : Einen Fackelträger anstellen? Dafür ist Nikolai zu geizig, stimmt's? Er wird die Fackel seinem Ochsen auf die Hörner setzen.

Nikolai Alexejewitsch stellt eine Flasche auf den Tisch.

ZWEITER BAUER (Anton Sergejewitsch) : Was ist das?

VIERTER BAUER (Nikolai Alexejewitsch ) : Was das ist? Bist du blind, Anton Sergejewitsch.

ZWEITER BAUER (Anton Sergejewitsch) : Ist das der Aprikosenschnaps, von dem man so viel gehört hat?

VIERTER BAUER (Nikolai Alexejewitsch) : Genau der.

ERSTER BAUER (Grigori) : Seit wann gibt es Schnaps, den man hört? Ich kenne nur welchen, den man trinkt. Nikolai, du wirst uns doch die Flasche nicht mitgebracht haben, damit wir dem stillen Wässerchen lauschen.

VIERTER BAUER (Nikolai Alexejewitsch) : Eine Runde für alle. Und falls er euch schmeckt, gibt's noch mehr. (Er holt eine zweite Flasche hervor.)

FÜNFTER BAUER (Dorfschreiber) : Ich hätte auch welchen gebrannt, aber meine Aprikosen waren schlecht in diesem Jahr. Wie kommt es, Nikolai, dass deine Aprikosen so gut waren?

ZWEITER BAUER (Anton Sergejewitsch) : Nikolai arbeitet streng nach dem Wetter.

FÜNFTER BAUER (Dorfschreiber) : Ich arbeite auch streng nach dem Wetter, wenn es regnet, gehe ich nicht nach draußen, und bei Nacht bleibe ich daheim.

DRITTER BAUER (Semjon Michailowitsch) : Nikolai kennt die alten Regeln wie kein zweiter.

ZWEITER BAUER (Anton Sergejewitsch) : Die Bauernregeln kennen wir alle, nicht wahr, Grigori, sogar du kennst die alten Bauernregeln?

ERSTER BAUER (Grigori) : Natürlich. Ist hart gefroren im Januar die Erden, kann das Jahr so oder auch anders werden.

ZWEITER BAUER (Anton Sergejewitsch) : Genau. Pfeift eisig im Februar der Sturm ums Haus, geht man am besten gar nicht raus.

ERSTE BÄUERIN (Mascha) : Wenn im März die Hummel summt, die Lust den Bauern überkummt.

FÜNFTER BAUER (Dorfschreiber): Geht im April nur Regen nieder, sieht man die Sonne im Mai erst wieder.

DRITTER BAUER (Semjon Michailowitsch) : Hagelt's und schneit es im Mai, ist der Winter trotzdem vorbei.

VIERTER BAUER (Nikolai Alexejewitsch) : Fällt im Juni das Thermometer, kommt der Sommer etwas später.

FÜNFTER BAUER (Dorfschreiber) : Brennt herab die Sonne im Juli, vertrocknet die Tinte selbst im Kuli.

ERSTER BAUER (Grigori) : Oh, das konnte auch nur vom Dorfschreiber kommen. Aber: Sind im August die Nächte heiß, läuft der Bäuerin herab der Schweiß.

FÜNFTER BAUER (Dorfschreiber) : Kommt im September die Kälte früh, gerinnt das Ei nicht in der Brüh.

ZWEITER BAUER (Anton Sergejewitsch) : Liegen im Oktober die Kartoffeln im Keller, wird es da auch nicht mehr heller.

VIERTER BAUER (Nikolai Alexejewitsch) : Gibt's im November nicht mal Brot, bleibt übrig nur der Hungertod.

ERSTER BAUER (Grigori) : Wie traurig!

DRITTE BÄUERIN (Warwara Andrejewna) : Brodelt im Dezember der Samowar, ist bald vergangen dieses Jahr.

EINIGE zusammen : Und der Bauer mit seiner Schläue, trinkt ein Schnapserl auf das neue.

Pjotr Zarewitsch, Doktor Rippenfell und Kopekowitsch (der eine mit einer Arzttasche, der andere mit einem Koffer) kommen. Pjotr begrüßt die Bauern überschwänglich, während ihn Rippenfell und Kopekowitsch zurückzuhalten versuchen, aber auch nicht unfreundlich wirken wollen.

PJOTR : Hola, he da, ihr lustigen Leute, kann man bei euch mittrinken?

ERSTER BAUER (Grigori) : Ob man kann, ist fraglich, aber man darf.

Man schenkt den Gästen Schnaps ein.

PJOTR : Was wird gefeiert?

VIERTER BAUER (Nikolai Alexejewitsch) : Das Leben, die Frauen ...

ZWEITER BAUER (Anton Sergejewitsch) : Die Piroggen mit Huhnfüllung. Woher kommt Ihr, Fremder?

ZWEITE BÄUERIN beiseite zu den anderen : Wer ist das?

PJOTR : Ich bin Pjtor Za ...

RIPPENFELL knufft Pjotr und flüstert : Pjotr, ich rate euch dringend, sagt nicht, wer Ihr seid.

PJOTR : Ha ha ha, mein Freund riet mir gerade, ich solle nicht verraten, wer ich bin. Ich bin Alexander, Alexander Nikitowitsch, man nennt mich auch den Tapferen.

DRITTER BAUER (Semjon Michailowitsch) : Ich komme gerade aus Petersburg zurück, und ich habe dort den Zarewitsch gesehen. Eben, im ersten Moment dachte ich, Ihr seid Pjotr Zarewitsch, seht ihm zum Verwechseln ähnlich.

KOPEKOWITSCH : Er ist Pjotr Zarewitsch ... 's Bediensteter.

VIERTER BAUER (Nikolai Alexejewitsch) : Ihr steht in des Zarewitsch Diensten? Ihr alle drei?

Während Rippenfell und Kopekowitsch reden, bedient sich Pjotr fleißig mit Aprikosenschnaps und probiert die Leckereien.

KOPEKOWITSCH : Ja, so ist es. Aber ... pssst, zu niemandem ein Wort. Denn wenn der Zar erfährt, dass wir hier bei euch sind, kann es uns Kopf und Kragen kosten.

DRITTE BÄUERIN (Warwara Andrejewna) : Aber wieso? Wir hatten noch niemals Schwierigkeiten mit dem Zaren.

RIPPENFELL : Aber wir könnten welche bekommen. Es ist so: wir begleiten den Zarewitsch auf einer Jagdreise. Aber ungefähr vor zwei Stunden haben wir ihn aus den Augen verloren.

ZWEITE BÄUERIN : Und was ist mit ihm passiert?

RIPPENFELL : Wenn wir das wüssten.

KOPEKOWITSCH : Wir haben ihn überall gesucht, uns die Kehle aus dem Leib geschrien, ihr müsstet es eigentlich gehört haben.

PJOTR listig : Hier ist er auch nicht.

ZWEITER BAUER (Anton Sergejewitsch) : Bestimmt nicht, da wäre er uns schon aufgefallen.

VIERTER BAUER (Nikolai Alexejewitsch) : Soll das heißen, der Zarewitsch ist in unserem Wald verlorengegangen? Leute, dann müssen wir ihn unbedingt suchen. Bedenkt, was für ein schlechtes Licht es auf unser Dorf werfen wird, wenn Pjotr Zarewitsch hier womöglich umkommt. Der Zar würde uns das niemals verzeihen.

ZWEITER BAUER (Anton Sergejewitsch) : Aber die drei sind doch dafür verantwortlich.

VIERTER BAUER (Nikolai Alexejewitsch) : Willst du Haus und Hof verlieren, und obendrein dein Weib, Anton Sergejewitsch?

ZWEITER BAUER (Anton Sergejewitsch) : Nein, nicht das Häuschen.

DRITTE BÄUERIN (Warwara Andrejewna) : Es ist unsere Pflicht, diesen Leuten zu helfen, Pjotr zu finden.

ERSTER BAUER (Grigori) : Aber nur Semjon Michailowitsch weiß, wie er aussieht, ich weiß es nicht.

DRITTE BÄUERIN (Warwara Andrejewna) : Was meinst du, wie viele Männer hier ziellos im Wald umherirren?

ERSTER BAUER (Grigori) : Keine Ahnung, wie viele?

RIPPENFELL : Es ist edel von euch, uns zu helfen, ihr Einwohner von ... ?

DRITTE BÄUERIN (Warwara Andrejewna) : Von Belomorskoje.

KOPEKOWITSCH : Allerdings, dass er ziellos umherirrt, kann man nicht sagen, er weiß ja, wohin er will, und zwar nach Belomorskoje.

ZWEITER BAUER (Anton Sergejewitsch) : Der Zarewitsch will zu uns? Weshalb?

KOPEKOWITSCH : Er hat so viel von euch gehört, von den Piroggen und der großen Weisheit der Bauern hier, und von dem Aprikosenschnaps. Ist der selbstgebrannt?

VIERTER BAUER (Nikolai Alexejewitsch) : Natürlich ...

PJOTR belustigt, mit vollem Munde : Die Polizei des Zaren hat vor zwei Wochen in einem weißrussischen Dorf drei Schnapsbrennereien zerstört und die Verbrecher ins Lager geschickt, nicht wahr Kopekowitsch? (Er trinkt.)

KOPEKOWITSCH kleinlaut : Ja, der Zar meint, es gehen ihm Millionen an Steuern verloren durch die Schwarzbrennerei, (korrekt:) und ich kann das nur bestätigen.

VIERTER BAUER (Nikolai Alexejewitsch) : Natürlich ist der hier nicht schwarzgebrannt. Das seht ihr ja schon an dem Etikett. Da steht drauf: Aprikose, und das Datum von diesem Sommer.

PJOTR versucht, das Etikett zu lesen : Tatsächlich.

RIPPENFELL : Ja und? Was besagt das?

Die Bauern sehen ihn finster an.

ERSTER BAUER (Grigori) steht auf und erklärt ganz genau : Wenn der schwarzgebrannt wäre, in diesem Sommer, also jetzt gerade kürzlich, da müsste er doch erst durch all' die dunklen Kanäle, die schwarzen hindurch, bis er irgendwann auf einem Tisch und in einem Glas landet. Der könnte hier heute noch gar nicht stehen.

PJOTR schwankend : Tut er aber.

VIERTER BAUER (Nikolai Alexejewitsch) : Eben. Deshalb ist er unmöglich schwarzgebrannt.

Rippenfell und Kopekowitsch trinken ihre Gläser leer und bekommen sofort nachgeschenkt.

DRITTER BAUER (Semjon Michailowitsch) : Und was die Piroggen betrifft, das hat unser Pjotr Zarewitsch ganz richtig gehört, sie sind köstlich, ihr müsst sie unbedingt probieren, Warwara Andrejewna, hole gleich eine Schüssel voll.

DRITTE BÄUERIN (Warwara Andrejewna) : Sind schon da.

ERSTE BÄUERIN (Mascha) : Ihr müsst euch natürlich stärken, bevor wir uns auf die Suche nach dem Zarewitsch machen.

RIPPENFELL : Das ist wahr.

ERSTER BAUER (Grigori) : Also dann, langt zu, willkommen bei uns im Dorf! Dieses Fest wird euch lange in Erinnerung bleiben.

Die Szene geht über in die Achte Szene.


 

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