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Sechste Szene

Wassilissa allein.

WASSILISSA : Diese eingebildeten Schwestern, sie glauben, wenn sie sauber sind und fein herausgeputzt und geschminkt, wären sie die Schönheit und Anmut in Zwillingsgestalt. Sie brauchen bloß den Mund aufzumachen, und selbst der Einfältigste merkt, dass sie nur soweit denken können wie ein Pudel pinkeln kann. Doch ach, auf dieses Bauerngesindel machen sie gerade Eindruck. Die beiden führen die Burschen an der Nase herum, reizen sie auf, bis denen das Blut kocht, und stoßen sie dann von sich weg wie einen blinden Bären. Und unentwegt müssen sie sich zanken und raufen, petzen ihre blöden Albernheiten gegenseitig der Mutter und glauben, sie könnten ihre üblen Launen an mir auslassen, nur weil ich ihre Stiefschwester bin und weil ich in Wahrheit so unendlich weit über ihnen stehe. Es ist der pure Neid, der sie so boshaft sein lässt. Eigentlich dürften sie mir nicht einmal das Wasser reichen. Deshalb tun sie's auch nicht. Ach, ich bin ungerecht, es steht mir nicht zu, über andere zu urteilen. Aber es ist schwer, sich mit so einem Schicksal wie dem meinigen abzufinden. Ich weiß doch, dass ich zu Besserem geboren bin, ich spüre es in mir, ich höre in meinem Innern eine Stimme rufen: Komm' her zu mir, ich bin das sorglose Leben, hier ist das Heim, die glückliche Familie, der treue, starke, lächelnde Mann, der deiner harrt. Der deiner harrt? Wer hat denn das gesagt? Der deiner harrt, komisch ausgedrückt. Meine selige Mama hat jedenfalls immer gesagt: Suche den Menschen, der dich liebt; und weiche allen anderen aus. Und da ist was dran, da ist was dran.

Sie singt.

..........................Mein Mädchen, warte nicht länger zu Haus!
..........................Die Vögelein singen's im Wald.
..........................Mach' auf die Tür und gehe hinaus,
..........................So wird finden der Eine dich bald.
..........................So findest du, was lang' du erträumt,
..........................Das Glück, zum Greifen so nah.
..........................Bald ist der Weg dir mit Blumen gesäumt,
..........................Das süßeste Leben ist da.

..........................Es sagte die Mutter vor langer Zeit:
..........................Mein Kind, auf Erden ist's trüb.
..........................Die Sorgen sind groß, die Erlösung ist weit,
..........................Nur eine Hoffnung mir blieb:
..........................Dass, Töchterchen, dir es besser ergeht,
..........................Sich dir alle Wünsche erfüll'n;
..........................Gedenke mein, für mich war's zu spät,
..........................Nichts konnte die Sehnsucht mir still'n.

..........................Ich trage im Herzen den herrlichsten Traum,
..........................Von dem Stunde um Stunde ich sing'.
..........................Da antwortet mir das Vöglein im Baum:
..........................Die Kunde vom Liebsten ich bring'.
..........................Er kommt, er kommt, bald schon ist er hier,
..........................Bereite dich wohl darauf vor;
..........................Er küsst deinen Mund und flüstert dir
..........................Die lieblichsten Worte ins Ohr.

Sie schaut sich Olgas Kleid an.

Olgas Kleid passt mir viel besser als ihr, dieser fetten Kuh. Und Nastassja erst; rote Lippen und die Wimpern verlängert, aber sie riecht nach Schweiß. Na ja, die Burschen hier achten nicht auf so was, vielleicht mögen sie's sogar. Trotzdem, ich will auch auf das Dorffest gehen. Wie stell' ich's nur an? Sie haben alle Kleiderschränke abgeschlossen und der Mutter den Schlüssel gegeben. Und damit kann ich nun wirklich nicht gehen, da denken sie ja gleich, ich bin aus der Anstalt entlaufen. Ah, ich weiß! Warum fällt mir das erst jetzt ein? Die Puppe! Sie kann mir bestimmt helfen. Es ist ja nur eine Kleinigkeit, ein kleiner Gefallen, um den ich sie bitte, es ist ja nicht so, dass ich ständig ... da ist sie.

Wassilissa holt aus einer Kiste die Puppe hervor, entstaubt sie usw. und setzt sie vor sich hin. Die Puppe ist aus grobem Leinen zusammengenäht, teilweise geflickt. Hände und Füße sind nicht detailliert gearbeitet, im Gesicht sind Nase und Mund nur angedeutet, ein Auge ist locker; beim Sprechen wirkt das Antlitz ebenso wie alles andere sehr lebendig und menschlich.

WASSILISSA infantil : Hallo. Wie geht's? Geht's dir gut? Mir geht's auch gut. (ernüchtert) Na ja, es geht so.

Wassilissa tippt sie an und zupft daran, aber es geschieht nichts. Auf einmal verwandelt sich die Puppe, wächst und wächst und nimmt Menschengröße an, behält aber ihr Puppenäußeres. Sie ist nicht besonders freundlich, fügt sich aber in ihre Rolle.

PUPPE : Schto delatj?

WASSILISSA : Huch! Sie spricht. Das wollte ich dich gerade fragen, liebe Puppe.

PUPPE : Als erstes: Lass das Geschmuse weg. Ich bin nicht deine Puppe.

WASSILISSA : Ach so. Was denn?

PUPPE : Ich bin dein Diener, dein Gehilfe, der Erfüller, der Macher. Ich bin nicht deine Puppe.

WASSILISSA : Der Macher. In Ordnung.

PUPPE : Wir haben einen Deal, Katharina.

WASSILISSA : Ich heiße Wassilissa.

PUPPE : Ah ja, natürlich. Dann haben wir einen Deal, Wassilissa.

WASSILISSA : Und der wäre?

PUPPE : Ich tue alles für dich, was in meiner Macht steht.

WASSILISSA : Ist das viel?

PUPPE : Ziemlich viel, aber nicht alles.

WASSILISSA : Das ist noch nicht alles?

PUPPE : Naturkatastrophen, Epidemien, Nuklearkrieg, Beischlaf mit Günther Jauch, ein ewiges Leben und einige andere Dinge sind ausgeschlossen.

WASSILISSA : An so was habe ich ohnehin nicht gedacht.

PUPPE : Das sagen alle.

WASSILISSA : Einstweilen möchte ich bloß zum Dorffest gehen.

PUPPE verblüfft und ein bisschen enttäuscht : Zum Dorffest?

WASSILISSA : Ja. Oder ist das etwa auch ausgeschlossen?

PUPPE : Ähm, ich glaube nicht. Ich dachte, du willst, dass ich die Schwestern töte.

WASSILISSA : Warum denn das?

PUPPE : Immerhin haben sie vorhin versucht, dich zu erwürgen.

WASSILISSA : Ach, das war doch nur Spaß, unter Geschwistern sozusagen.

PUPPE : Oh, da bin ich froh, dass ich ein Einzelkind bin. Du hast nichts dagegen, dass ich ein wenig Gymnastik mache, ich habe so lange starr gelegen. (Sie streckt und reckt sich.)

WASSILISSA : Tu' dir keinen Zwang an.

PUPPE : Du bist sehr bescheiden, Wassilissa.

WASSILISSA : Ja, das sagt man mir nach.

PUPPE : Und du bist schön.

WASSILISSA : Danke.

PUPPE : Das war kein Kompliment, ich mache nie Komplimente.

WASSILISSA : Wenn man jeden Wunsch erfüllen kann, braucht man auch keine Komplimente zu machen, da wird man auch so geliebt.

PUPPE : Was ich sagen wollte, ist dies: Schönheit und Bescheidenheit gehen nicht gut zusammen einher, besonders nicht bei Frauen.

WASSILISSA : Ist das so?

PUPPE : Ich bin schon ziemlich lange auf dieser Welt, und ich habe es immer wieder bestätigt gefunden: Schönheit und Bescheidenheit laufen ihrer Natur nach zuwider.

WASSILISSA : Vielleicht bin ich die Ausnahme von dieser Regel.

PUPPE : Mag sein. (Ihr fällt etwas ein.) Aber sag' an, möchtest du nicht viel lieber auf den Theaterball, der heute Nacht in Petersburg stattfindet?

WASSILISSA : In Petersburg? Du weißt wohl nicht, wo wir hier sind? Bis Petersburg brauchen wir zwei Tage, die Reparatur der kaputten Eisenbahnen nicht mitgerechnet.

PUPPE : Gott, Wassilissa, du bist aber ... na ... jetzt fehlt mir das Wort.

WASSILISSA : Würdest du bitte höflich bleiben.

PUPPE : Selbstverständlich. Ich wollte bloß deutlich machen, dass es mich einen Fingerschnips kosten würde, um uns beide in einem Nu nach Petersburg zu bringen.

WASSILISSA begeistert : Durch die Luft?

PUPPE : Wenn du willst, auch durch die Erde, das dauert nur unmerklich länger.

WASSILISSA : Lieber durch die Luft. Können wir auch über mein Elternhaus fliegen? Ich möchte sehen, wie es meinem armen alten Vater geht.

PUPPE : Klar doch. Nur bitte nicht zwischenlanden, ich mag keine rührseligen Familienszenen. Da muss ich heulen, und dann entzünden sich meine Tränendrüsen, und das ist sehr schmerzhaft. Im übrigen ...

WASSILISSA : Ist der junge Zarewitsch auch auf dem Theaterball?

PUPPE : Sie sind alle da, Zaren, Könige, Prinzen, Fürsten, die creme de la creme. (Sie besinnt sich plötzlich.) Das heißt ... ich überlege gerade, ob es nicht doch vielleicht besser wäre, wenn du zum Dorffest gingest.

WASSILISSA : Aber wieso? Was soll mir ein pubsiges Dorffest, wenn ich zum Zarenball gehen kann.

PUPPE : Jetzt wirst du doch eitel.

WASSILISSA : Na und, dich dürfte das nicht wundern, hast du nie was anderes erlebt. Also los, ich brauche ein Ballkleid und Perlenschmuck, Schuhe, eine Kutsche mit vier Pferden, sagen wir, mit sechs Pferden, und ein zweites Ballkleid zum Wechseln in der Pause nach dem dritten Akt. Und eine schicke Frisur natürlich.

PUPPE : Da haben wir den Salat.

WASSILISSA : Was?

PUPPE : Ich bin kein Friseur.

WASSILISSA : Du bist der Macher. Der Putzmacher.

PUPPE : Wassilissa, überlege dir das noch mal. In Petersburg kennst du niemanden.

WASSILISSA : Den Zarewitsch kenne ich, Pjotr Zarewitsch.

PUPPE : Weißt du, wie er aussieht?

WASSILISSA : Wie denn?

PUPPE : Na bitte. Wahrscheinlich gelangst du nicht einmal in seine Nähe.

WASSILISSA : Mit deiner Hilfe.

PUPPE schwindelt : Aber ich weiß auch nicht, wie er aussieht.

WASSILISSA : Mein Freund und Diener, ich glaube fast, du willst mich vom Zarenball fernhalten, nachdem du ihn mir erst schmackhaft gemacht hast.

PUPPE : Es war voreilig. Und nun bin ich mir auch nicht mehr ganz sicher, ob er tatsächlich heute stattfindet, oder erst morgen, oder vielleicht war er gestern schon.

WASSILISSA : Auf dich ist kein Verlass mehr. Ich werde dich sofort in die Kiste zurück stecken.

PUPPE : So warte doch, es ist ja immer noch das Dorffest.

WASSILISSA : Da kann ich auch ohne dich hingehen.

PUPPE : In dem Aufzug? Deswegen hattest du mich zuerst gerufen, damit ich dich hübsch ausstaffiere, und du Eindruck machst bei den Dorfburschen.

WASSILISSA : Ach, die Dorfburschen. Seitdem ich an den Zarewitsch denke, sind mir die Dorfburschen ganz gleichgültig geworden, diese ungehobelten Klötze.

PUPPE : Nun werde nicht gleich größenwahnsinnig. Du und der Zarewitsch, ein armes Bauernmädchen und der Thronfolger Russlands ...

WASSILISSA : Ich bin eine Kaufmannstochter.

PUPPE : Ja, eines bankrotten Kaufmanns, nicht gerade eine Stütze unserer Volkswirtschaft.

WASSILISSA : Du tust selber nicht viel für die Volkswirtschaft, da in deiner Kiste. Wenn ich erst die Zarewna bin, bekommt mein Vater auch wieder Kredit, und seine Gläubiger kriegen Lagerhaft.

PUPPE : Ach Wassilissa, das gibt es doch alles nur im Märchen.

WASSILISSA : Was? Lagerhaft?

PUPPE : Eine solche traumhafte Verbindung. Armes, aber schönes Mädchen wird von zu Hause verstoßen und heiratet auf Umwegen den Zarenprinz.

WASSILISSA : Wieso auf Umwegen?

PUPPE : Du wolltest selbst erst bei deinem Vater vorbeischauen.

WASSILISSA : Das können wir auch noch verschieben, also reisen wir doch nach Petersburg?

PUPPE : Nein. Basta! Dabei bleibt es. Sieh her, ich habe mir in der verfluchten Kiste das Bein verrenkt, ich könnte dich gar nicht irgendwohin tragen.

WASSILISSA : Was für eine unnütze Puppe du in Wahrheit bist. Zum Spielen taugst du nicht, und mir helfen, wie es die Mutter mit Gewissheit versprach, kannst du auch nicht.

PUPPE : Wenn du das Mädchen aus dem Märchen wärst, dann wäre ich auch die tatkräftige Puppe. Komm' aus deinen Illusionen zurück in die Wirklichkeit. Die Zeiten sind vorbei, als das Wünschen noch geholfen hat. Vor zwei, dreihundert Jahren, da konnte auch ich noch aus dem Vollen schöpfen.

WASSILISSA : Jetzt fängt der auch noch an zu jammern. Was kann ich dafür, dass ich erst jetzt lebe.

PUPPE : Und was kann ich dafür, dass deine Werten Schwestern ein angenehmeres Leben führen als du, und noch dazu auf deine Kosten. Aber du lässt es dir ja gefallen.

WASSILISSA : Jetzt verhöhne mich obendrein, pfui, was bist du für eine schlechte Puppe, kein Wunder, dass dich die Mutter loswerden wollte.

PUPPE überrascht : Die Mutter? Welche Mutter meinst du?

WASSILISSA : Meine selige, liebe Mutter natürlich, denn du hast ja keine, nie eine gehabt. (Sie weint.)

PUPPE : Wassilissa, Täubchen, hör auf zu weinen. Ich mache dir ein wunderschönes Kleid.

WASSILISSA trotzig : Ich will kein Kleid.

PUPPE : Aber du kannst nicht ohne Kleid zum Dorffest gehen.

WASSILISSA : Kann ich doch.

PUPPE : Die Leute würden dich auslachen, und deine Schwestern würden dich verspotten. Ich sorge dafür, dass du die Schönste bist, und dass die Leute vor Staunen Maul und Augen nicht mehr zu kriegen und noch eine Woche danach von dir schwärmen.

WASSILISSA : Zwei Wochen.

PUPPE : In Ordnung.

WASSILISSA : Und dass Nastassja und Olga vor Neid zerplatzen.

PUPPE : In Ordnung.

WASSILISSA : Und dass sie sich vor mir öffentlich entschuldigen und ...

PUPPE : Wenn wir hier noch länger quatschen, wird aus allem nichts. Mach dich fein, ich besorge inzwischen das Kleid, wir sehen uns in einer halben Stunde.


 

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