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Fünfte Szene
Im Haus der Schwestern und der Stiefmutter. Wassilissa sitzt beim Herd und liest (wie Aschenputtel) Erbsen aus einem Haufen. Olga und Nastassja kommen herein gerannt, sie haben Kleider überm Arm, die sie achtlos hinwerfen; sie vertreiben sich die Zeit mit albernen Spielen.
OLGA : Gib mir meinen Schuh zurück.
NASTASSJA jubelt : Ich habe ihn nicht.
OLGA : Nastassja, gib ihn mir sofort wieder, oder ich sage es der Mutter.
NASTASSJA : Tu's doch. Lalala Lalaala. (verändert:) Ach liebe Schwester, komm' her.
OLGA nähert sich Nastassja und packt sie plötzlich : Jetzt hab' ich dich. Sofort gibst du mir den Schuh.
NASTASSJA : Au, zieh mich nicht an den Haaren.
OLGA : Oh, doch, ich werde dir die Haare ausreißen, dass dich Sergej Iwanowitsch auslachen wird.
NASTASSJA : Was weißt du von Sergej Iwanowitsch?
OLGA : Alles.
NASTASSJA : Alles bestimmt nicht, du bist viel zu dumm.
OLGA : Ich bin nicht dümmer wie du.
NASTASSJA : Als du. Du bist sogar sehr viel dümmer, das sagt auch Sergej Iwanowitsch.
OLGA : Wer ist das schon? Ein Bauerntölpel. Dafür bin ich hübscher wie du.
NASTASSJA : Als du. (Sie gibt Olga eine Ohrfeige.) Na, was sagst du jetzt. Mit so einer roten Backe bist du gar nicht mehr hübsch.
OLGA heult : Du abscheuliches Biest.
NASTASSJA reicht ihr die Hand : Na komm', es war nicht so gemeint, vertragen wir uns wieder.
OLGA : In Ordnung. (Sie dreht Nastassja die Hand um.)
NASTASSJA : Au, lass meine Hand los! Wassilissa, hilf mir schnell, Olga will mir die Hand brechen.
WASSILISSA ruhig : Hört beide auf mit dem Streit.
OLGA : Was heißt, hört beide auf? Sie hat angefangen, wie kannst du sie in Schutz nehmen.
WASSILISSA : Ich nehme niemanden in Schutz.
OLGA : Was? Du nimmst nicht mal deine eigene Schwester in Schutz. Schäm' dich.
NASTASSJA : Und was mischst du dich überhaupt in unser Gespräch ein.
WASSILISSA : Ach, lasst mich doch in Ruhe.
OLGA : Das könnte dir so passen, du undankbare Göre. Was machst du da?
WASSILISSA : Das siehst du doch.
NASTASSJA : Das siehst du doch, dieser Ton! Weißt du, wem du es zu verdanken hast, dass du heute Erbsen auslesen darfst und nicht die Jauchegrube ausschöpfen musst? Uns. Weil wir bei der Mutter ein gutes Wort für dich eingelegt haben.
WASSILISSA : Erzähl' keinen Unsinn, Nastassja. Die Jauchegrube habe ich gestern ausgeschöpft.
NASTASSJA : Na ja. Aber heute früh habe ich schon wieder was reingelassen.
WASSILISSA : Sehr brav, Nastassja, das zeigt, dass du nicht mehr in die Hose machst. (Olga lacht.)
NASTASSJA : Hör auf zu lachen, alberne Gans. Merkst du nicht, dass das auch gegen dich gerichtet ist.
OLGA : Gegen mich? Ich leide nicht an Blasenschwäche.
NASTASSJA : Dafür leidest du an Blutarmut. Blass wie eine Leiche siehst du aus. Kein Mann möchte dich anfassen. (Sie fasst Olga an die Wange.) Da, huuuh, kalt wie Marmor. Du bist kalt, Schwesterchen, völlig frittiert.
OLGA : Was bin ich?
NASTASSJA : Durch und durch frittiert.
WASSILISSA nebenbei : Sie meint frigide.
NASTASSJA : Ich weiß schon, was ich meine, da brauch' ich dich Neunmalkluge nicht dazu.
OLGA : Wassilissa, ist das was Schlimmes?
NASTASSJA : Warum fragst du sie? Frage mich doch.
OLGA zu Nastassja : Warst du auch schon mal frittiert?
NASTASSJA : Natürlich ... nicht.
OLGA : Siehst du, woher willst du dann die Antwort wissen. (schmeichlerisch und neidisch:) Wassilissa, wie kommt es, dass du immer so schöne rosige Haut hast? Verrätst du mir das Geheimnis?
WASSILISSA : Ich weiß nicht.
NASTASSJA abfällig : Sie hat als Kind statt Milch das Blut eines frisch geköpften Hahns getrunken.
OLGA beeindruckt : Ist das wahr?
WASSILISSA : Unsinn. Wir hatten nur einen Hahn im Stall, und den brauchten wir für was anderes.
OLGA : Für was denn?
NASTASSJA : Ha ha ha, bist du aber nervös, Schwesterchen.
OLGA : Also sagst du's mir jetzt oder nicht?
NASTASSJA greift gezielt in den Erbsenhaufen und zieht einen Schuh heraus : Was ist das?
WASSILISSA ruhig : Sieht aus wie Olgas Schuh.
OLGA : Wie zum Teufel kommt mein Schuh in deine Erbsen? Kannst du mir das bitte mal erklären!
WASSILISSA : Keine Ahnung.
OLGA : Tu' nicht so nervös. Oh Gott, er ist völlig vererbst. Alles voll von dieser ekligen Erbsenjauche.
WASSILISSA : Wer weiß, wo du herumgelaufen bist.
NASTASSJA interessiert : Was soll das heißen?
WASSILISSA : Habe ich heute Nacht schlecht geträumt? Mir war's, als hörte ich dich schreien, und dann hörte ich Sergej Iwanowitsch rufen: "Halt aus Olga, halt aus, mein Täubchen, ich hole dich gleich da raus."
NASTASSJA : Wo raus?
OLGA : Sie hat schlecht geträumt.
NASTASSJA : Wo hat er sie rausgeholt?
Nastassja hat blitzschnell einen Strick bei der Hand und legt ihn, als hätte sie nur auf den rechten Moment gewartet, Wassilissa um den Hals. Die fällt nach hinten. Olga ist sofort zur Stelle und hält sie fest.
WASSILISSA : Hilfe, was macht ihr da, hört sofort auf damit.
OLGA : Sag', dass du nur geträumt hast.
NASTASSJA : Sag', wo er sie rausgeholt hat. (Sie zieht den Strick enger.)
WASSILISSA mit Atemnot : Hilfe, ihr erdrosselt mich.
OLGA : Hast du nicht genug Arbeit, dass du noch schlecht schläfst, du faules Stück.
NASTASSJA : Uns hinterherspionieren, das ist die Höhe. Also, wo hat Sergej Iwanowitsch sie herausgeholt?
OLGA : Es war ein Traum, gib's zu!
NASTASSJA : Es war die Jauchegrube, gib's zu!
WASSILISSA röchelt : Ich kriege keine Luft mehr!
NASTASSJA lässt den Strick locker : Wenn du nur ein Sterbenswörtchen davon zu jemandem redest, dann machen wir dich so frigide, dass dich nicht mal ein Vulkanausbruch auftauen kann.
OLGA : Ha ha ha. (ärgerlich) Verflucht, schau sie dir an, Nastassja! Sie hat eine noch gesündere Gesichtsfarbe als eben. In der steckt wahrhaftig der Teufel.
WASSILISSA : Der soll euch holen!
OLGA : Hast du das gehört? Sie wünscht uns in die Hölle, ihre eigenen Schwestern.
NASTASSJA : Pustekuchen! Wir sind nicht auszumerzen.
Nastassja und Olga singen. Bei den einzelnen Strophen sind sie oft kurz davor sich zu prügeln, finden sich dann aber doch Arm in Arm zusammen. Die Einzelzeilen werden abwechselnd gesungen, wobei eine immer auf die andere weist; der Refrain (Wir sind ...) von beiden gemeinsam.
BEIDE :
..........................Wir sind ein Herz und eine Seele,
..........................Sind wie aus einem Stück gemacht.
..........................Damit nichts an der Eintracht fehle,
..........................Der liebe Gott darüber wacht.
Sie zeigen dabei auf Wassilissa.
..........................Ooohhh Herr, wir danken dir dafür,
..........................Dass wir nicht sind wie diese hier.
OLGA :
..........................Zwar bist du manchmal furchtbar dreckig.
NASTASSJA :
..........................Und deine Wäsche ist oft fleckig.
OLGA :
..........................Die Fingernägel abgekaut.
NASTASSJA :
..........................Und die Moral total versaut.
OLGA :
..........................Es mangelt dir an Feingefühl.
NASTASSJA :
..........................Zum Trampeltier fehlt dir nicht viel.
OLGA :
..........................Beim Reden kommt nur Mist heraus.
NASTASSJA höhnisch :
..........................So reizend wie 'ne Kopfhaarlaus.
BEIDE :
..........................Wir sind ein Herz und eine Seele,
..........................Sind wie aus einem Stück gemacht.
..........................Dass eine schlimm die andre quäle,
..........................Daran hat keine je gedacht.
..........................Ooohhh Herr, wir danken dir dafür,
..........................Dass wir nicht sind wie diese hier.
OLGA :
..........................Die Zähne hast du wie ein Eber.
NASTASSJA :
..........................Vom Trunk verfettet dir die Leber.
OLGA :
..........................Du lügst, dass sich die Balken biegen.
NASTASSJA holt aus :
..........................Kannst nie genügend Dresche kriegen.
Sie ziehen und zerren und haken sich schließlich wieder unter.
BEIDE :
..........................Wir sind ein Herz und eine Seele,
..........................Sind wie aus einem Stück gemacht.
..........................Dass eine nicht der andern fehle,
..........................Geben wir aufeinander acht.
..........................Ooohhh Herr, wir danken dir dafür,
..........................Dass wir nicht sind wie diese hier.
NASTASSJA : Olga, hast du vergessen, dass heute Dorffest ist.
OLGA : Wie könnte ich. In zwei Stunden geht es los.
NASTASSJA : Nicht mehr viel Zeit, uns fein zu machen. (Sie hebt ihr Kleid vom Boden auf; ebenso Olga.) Wassilissa, lass' die Erbsen beiseite und bügele mein Kleid.
OLGA : Nein, zuerst wäscht du mich im Zuber, mit Seife und Schwamm, oder noch besser mit Stielbürste.
NASTASSJA : Wasch' mich auch, und bürste mich.
OLGA : Du bist schon gewaschen. Selber schuld. Wer sich zu früh wäscht, dem wird später der Dreck fehlen. Das sagt jedenfalls Sergej Iwanowitsch, und der muss es wissen.
Sie werfen Wassilissa ihre Kleider hin und rennen lachend fort.
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