|
Dritte Szene
Eine Waldlichtung. Der Zarewitsch, in schnittiger Jagdbekleidung und mit Schießgewehr, macht einen vergnügten Eindruck. Kopekowitsch hält eine Landkarte wie eine Zeitung zum Lesen, wird aber offenbar nicht schlau daraus. Um die beiden herum hüpft Doktor Rippenfell in Häschen-Hüpf-Manier.
RIPPENFELL außer Atem : Eure Hoheit, es ist nun wieder genug des Spiels.
PJOTR : Halt er's Maul und hüpf!
RIPPENFELL : Wir könnten etwas anderes spielen, Mensch ärgere dich nicht vielleicht.
PJOTR : Das hier ist Mensch ärgere dich nicht.
KOPEKOWITSCH sieht von der Karte auf in den Wald : Es muss hier sein, ganz in der Nähe.
PJOTR : Ja Kopekowitsch, in welcher Nähe? Da? Oder dort? Nähe ist überall wo man selber ist.
RIPPENFELL nutzt den Moment, um sein erzwungenes Spiel abzubrechen : Der Zarewitsch hat Recht. Sie verstehen sich vielleicht auf die Finanzen, Schatzmeister, aber nicht auf's Kartenlesen. Vor Ort, da fehlt Ihnen jede Orientierung.
KOPEKOWITSCH : Ach, der Herr Doktor hat da wohl Ahnung. Das Herz liegt links, und der Arsch ist hinten.
RIPPENFELL tut beleidigt : Kopekowitsch, wie reden Sie vor dem Zarensohn.
KOPEKOWITSCH zum Zarewitsch : Entschuldigt, Hoheit, ich kann das Gewäsch von dem Medikus nicht mehr hören. Alles glaubt er besser zu wissen.
RIPPENFELL wichtig : Ich habe als Lazarettarzt den Kaukasusfeldzug mitgemacht, ich habe mich nur ein einziges Mal verlaufen, und das war bei der Siegesparade auf dem Roten Platz. Wenn ich schon sehe, wie sie die Karte halten, jedes Kind in irgendeiner russischen Dorfschule weiß, dass der rote Pfeil nach Norden zeigt.
KOPEKOWITSCH : Das will ich nicht bestreiten, Werter Doktor Rippenfell.
PJOTR : Na also, wo ist dann das Problem?
KOPEKOWITSCH : Pjotr Zarewitsch, seht selbst, auf dieser verfluchten Karte wimmelt es nur so von roten Pfeilen, die können wohl unmöglich alle nach Norden zeigen.
PJOTR : Aber wohin dann?
RIPPENFELL : Ha ha ha, Kopekowitsch, Sie haben auf die Schnelle einfach eine Karte gegriffen. Und wissen Sie welche? Das ist die vom Kaukasusfeldzug, die kenne ich genau. Diese roten Pfeilen sind nichts anderes als die Stoßrichtungen.
PJOTR erstaunt : Die Stoßrichtungen? Es gibt verschiedene?
RIPPENFELL : Das hier ist die zweiunddreißigste Infanteriedivision unter General Wolkow, das hier ist die Heeresgruppe West, und das hier das Panzerbataillon Gurjewitsch, die anderen erspare ich mir aufzuzählen.
PJOTR amüsiert : Großer Gott, wenn die alle in ihre Richtungen gestoßen haben, wie konnten wir dann überhaupt den Krieg gewinnen?
RIPPENFELL : Die Deutschen waren auch überall.
KOPEKOWITSCH : Die Deutschen sind immer überall, wie die Juden. Nicht wahr, Doktor Rippenfell.
RIPPENFELL : Ich bin kein Jude.
KOPEKOWITSCH : Aber Deutscher.
RIPPENFELL : Ich bin ein deutscher Arzt und nicht umsonst der Leibarzt unseres Zarewitsch.
KOPEKOWITSCH : Ne, umsonst bestimmt nicht. Sie kennen die Medizin, ich kenne die Gehaltsliste.
PJOTR : Ihr zänkischen Vasallen! Ihr denkt beide immer nur an euren Vorteil. Rippenfell, wenn dir diese Karte bekannt ist, dann wirst du dich wohl auch hier auskennen.
RIPPENFELL : Wir sind hier nicht im Kaukasus, Eure Hoheit.
KOPEKOWITSCH : Ach, das haben wir auch schon gewusst.
RIPPENFELL : Und doch, es ist russisches Land, Heimatland, Euer Land, Hoheit. So weit das Auge reicht und noch weiter bis hinter den Horizont, es gehört alles Euch.
KOPEKOWITSCH : Jetzt wird er auch noch poetisch.
RIPPENFELL : So gönnen wir uns eine Minute des Innehaltens. Lasst uns das Rauschen der Bäume im Wind genießen, atmet die Luft der unendlichen Weite. Schaut, Pjotr Zarewitsch, dort hinten spiegelt sich der Fluss wie ein silbernes Band im Sonnenschein.
PJOTR : Können Sie auch sagen, welcher Fluss das ist?
RIPPENFELL : Natürlich die Wolga, die Mutter aller Flüsse. Dieser Fluss, dieses Land mit seinen Wiesen und Wäldern, ja selbst die Wolken und alle Vögel, die sich dorthin hinaufschwingen und den Äther mit Gesang erfüllen, Pjotr Zarewitsch, dies alles hat Euer Vater, haben Eure Vorväter mit starker Hand zu einem Ganzen vereinigt, zusammengeschmiedet wie der Schmied das Schwert und die Pflugschar und ... und ...
KOPEKOWITSCH : Das Hufeisen.
RIPPENFELL : Was?
KOPEKOWITSCH : Das Hufeisen. Ohne es wären unsere Pferde untauglich, den Krieger zu tragen und den Pflug zu ziehen.
RIPPENFELL : Sie müssen es ja wissen, Kopekowitsch.
KOPEKOWITSCH : Natürlich, ich wache über die Ausgaben. Wir haben im vergangenen Jahr in Russland zweihundertachtundneunzigtausendsechshundertunddrei Hufeisen produziert.
PJOTR : Das ist aber merkwürdig, wieso eine ungerade Anzahl? Gibt es Pferde mit drei Beinen?
RIPPENFELL : Ha ha ha.
KOPEKOWITSCH : Bei uns gibt es alles, wenn es nötig ist.
RIPPENFELL : Ich dachte immer, in Russland gibt es nicht mal das Allernötigste.
KOPEKOWITSCH : Die Produktionspläne sprechen da eine andere Sprache, wie Sie sehen, Doktor Rippenfell. Ihr Deutschen habt Autos und Kanonen gebaut, aber heute braucht kein Mensch mehr Kanonen, weil sie zu groß und zu schwerfällig sind, und die Autos fahren auch nicht mehr lange, weil bald kein Benzin mehr da sein wird. Aber Hufeisen, mein Lieber, die werden immer gebraucht, weil es immer Pferde geben wird, und Hafer wird es auch immer geben.
RIPPENFELL : Und dreibeinige Pferde.
KOPEKOWITSCH : Was reiten Sie da auf einer kleinen Auffälligkeit in der Statistik herum. Ich will Ihnen was sagen: Es gibt mindestens ein Pferd mit drei Beinen, das ist das Pferd Tripedes.
PJOTR : Das Pferd Tripedes? Das gehört doch der Hexe Baba Jaga. (Er rezitiert) :
..........................Tripedes, Tripedes,
..........................Trag' mich rasch des Weges!
..........................Setz' die Bein im Hüpfeschritt,
..........................Nimm' mich zu der Hexe mit.
KOPEKOWITSCH : Genau, Eure Hoheit. Da hören Sie's, Rippenfell.
RIPPENFELL : Die Hexe Baba Jaga, das ist doch ein Märchen.
PJOTR : Willst du was gegen unsere russischen Märchen sagen?
RIPPENFELL : Aber nein, Pjotr Zarewitsch. Bloß, ich bin ein Mann der Wissenschaft, der nicht an Hexen und Zauberei glaubt, und auch nicht daran, dass Missgeburten überlebensfähig sind.
KOPEKOWITSCH : In der deutschen Rassenlehre ist natürlich kein Platz für ein dreibeiniges Pferd.
RIPPENFELL : Ich bin kein Anhänger der deutschen Rassenlehre, Kopekowitsch.
KOPEKOWITSCH : Ach so? Wo hängen Sie sich denn an?
RIPPENFELL : Ich glaube nur, was ich sehe, und was man mit wissenschaftlich zweifelsfreien Methoden nachweisen kann. Alles andere ist Spekulation.
PJOTR hört den anderen nicht mehr zu :
..........................Tripedes, Tripedes,
..........................Zum Hexenhäuschen geht es.
..........................Bin ich an dem finstern Ort,
..........................Nehm' ich Wassilissa mit fort.
RIPPENFELL : Was hat er?
KOPEKOWITSCH : Die schöne Wassilissa. Letztens hat er von ihr geträumt.
RIPPENFELL : Er erzählt Ihnen seine Träume? Dafür bin ich zuständig.
KOPEKOWITSCH : Sie mit Ihrer Traumdeutung, nichts als jüdische Mystik.
RIPPENFELL : Ich bin kein Vertreter der Freudschen Lehre.
PJOTR singt :
..........................Mein Vater, Russlands großer Zar,
..........................Plant meine Zukunft ganz genau.
..........................Verkündet laut der Adelsschar,
..........................Er sucht für mich nach einer Frau.
..........................Aus ganz Europa lässt er kommen,
..........................Die Fürstentöchter an den Hof.
..........................Sie sollen mir zur Heirat frommen,
..........................Doch leider find' ich alle doof.
..........................Gäb's eine nur, die mir gefällt,
..........................Nach ihr durchreist' ich alle Welt.
..........................Gäb's eine nur, die mich begehrt,
..........................Die Liebe mich und Wonne lehrt
..........................Nimmt mich wie ich bin,
..........................Ohne Hintersinn;
..........................Wär' ich auch nicht der Zarensohn,
..........................Das Mädchen wär' mein Götterlohn.
..........................Aus Deutsch und auch aus Engelland
..........................Sind mir die Mädchen wohlbekannt.
..........................Entlang der Wolga und des Don
..........................kenn' ich inzwischen alle schon.
..........................Und keine konnte mich gewinnen,
..........................Bei keiner schwanden mir die Sinnen,
..........................Bei keiner noch der Wunsch entstand,
..........................Zu knüpfen eheliches Band.
..........................Gäb's eine nur, die zu mir passt,
..........................Auf sie bin ich schon längst gefasst.
..........................So mühsam sucht' ich ringsumher,
..........................Sie zu erkennen fällt nicht schwer.
..........................Schön wird sie sein;
..........................Im Herzen rein.
..........................Und wär' sie auch kein Fürstenkind,
..........................ich nähme sie zur Braut geschwind.
RIPPENFELL zu Kopekowitsch : Da sehen Sie, was Sie angerichtet haben mit Ihrer kindischen Märchenfaselei. Seiner Hoheit flammen alte Herzensqualen wieder auf. Pjotr Zarewitsch, welch' hübscher Gesang, doch erinnert Euch, weshalb wir eigentlich hier sind, der Jagd wegen, der Jagd auf den kapitalen Sechzehnender. Ihr habt Eurem Vater versprochen, nicht ohne die Trophäe nach Hause zu kommen.
PJOTR wieder kraftvoll entschlossen : Nun denn, Doktor, zeige er ihn mir, damit ich ihn zur Strecke bringe. (Er macht lautlos Bewegungen und Gesten wie aus asiatischen Kampfkünsten, legt das Gewehr an usw. und verschwindet dabei im Wald.)
|