Chris Mellen


Der Zauberschüler

oder

Die vier Kostbarkeiten

 

 
Personen


AHMED, Zauberschüler

LAURA, Räuberbraut

MELOSPHEROS, Zauberer

CARLOS, genannt "Schakal", Anführer der Räuber

GEORGIE, genannt "Bulle", Räuber

FU LIN, genannt "Ratte", Räuber

Mister BAUMANN, Geisel

einige Soldaten mit ihrem Kommandeur


Handlung unter Verwendung alter orientalischer und deutscher Märchenmotive




Szenen


Vorspann
Erste
Dritte
Fünfte
Siebente
Neunte
Elfte
Dreizehnte
Fünfzehnte
Zweite
Vierte
Sechste
Achte
Zehnte
Zwölfte
Vierzehnte
Sechzehnte
Siebzehnte
 




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Vorspann

Videoeinblendung: ein Internet-Screen auf Bühnenhintergrundgröße. Zu sehen ist eine typische Internetseite einer Geiselnahme: vor einer Wand mit Fahne oder Symbol stehen vier maskierte und bewaffnete Personen; davor sitzend und nur bis zur Gürtellinie sichtbar, die Geisel (Mr. Baumann), die in undeutlichem Ton, aus dem man gerade noch Deutsch heraushört, einen verzweifelten Hilferuf in die Welt schickt. Die Geisel macht einen erbärmlichen Eindruck. Darunter sind englische Untertitel seiner Botschaft eingeblendet; rechts oder links oben in der Ecke des Bildes sind arabische Kennzeichen von Nachrichtenagenturen bzw. TV-Sendern zu erkennen. Die ganze Sequenz wirkt leicht gespenstisch, das Bild ruckelt oder bleibt für Augenblicke stehen; schließlich geht einer der Entführer auf die Kamera zu, und die Aufzeichnung bricht ab.


 

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Erste Szene

Im Haus des Zauberers.

MELOSPHEROS: Nun bedräng' mich nicht.

AHMED: Ihr habt versprochen, mir alles beizubringen, was ein echter Zauberer kann.

MELOSPHEROS: Na ja, nun, dann wird es auch geschehen.

AHMED: Aber ich kann noch nicht alles.

MELOSPHEROS: Sei nicht so ungeduldig, für einen Lernenden ist die Ungeduld hinderlich, nicht förderlich. Wer ungeduldig ist, macht immer den zweiten Schritt vor dem ersten und kommt doch nicht voran. Durch Ungeduld verliert man bloß Zeit. Mache alles doppelt langsamer, und du wirst halb soviel Zeit dafür brauchen. Hast du den Kleiderschrank aufgeräumt?

AHMED: Ja.

MELOSPHEROS: Fenster geputzt?

AHMED: Ja.

MELOSPHEROS: Das Klosett sauber gemacht? Auch unter dem Rand die gelbe Kruste weggekratzt?

AHMED: Zwei Stunden lang.

MELOSPHEROS: Das ist gut, du hast es mit Geduld gemacht, sonst hättest du vier Stunden gebraucht.

AHMED: Ich hab's gemacht, weil Ihr mir versprochen habt, danach ...

MELOSPHEROS: Die Ratten müssen gefüttert werden.

AHMED: Die Ratten haben noch an dem Saumagen zu fressen, den sie gestern gekriegt haben.

MELOSPHEROS: Tatsächlich. Saumagen? Was unsere Ratten doch feines zu essen bekommen.

AHMED: Erinnert Euch, die Sau war an der Schweinepest gestorben.

MELOSPHEROS: Ah, deshalb. Na, die ist auf Ratten nicht übertragbar. Das ist ein Gutes in der Natur, dass nicht alle Arten dieselben Krankheiten haben.

AHMED: Meister, ihr lenkt ab. Wir sprachen davon ...

MELOSPHEROS: Wir sprachen davon, ob du schon reif genug bist für alle höheren magischen Künste eines Zauberers.

AHMED: Ich fühle mich reif genug.

MELOSPHEROS: Ha! Er fühlt sich reif! Wie die Äpfel im Märchen: „Pflücke uns, pflücke uns, wir sind schon ganz reif!“ Wie fühlt sich das denn an, wenn man reif ist?

AHMED: Ich fühle mich zu größeren Taten berufen, als ... nur das Scheißhaus zu schrubben.

MELOSPHEROS: Jetzt bist du aber undankbar, Ahmed, du tust ja so, als hättest du bei mir nichts anderes gelernt, als Urinstein zu entfernen und die Motten aus meinem Kleiderschrank zu vertreiben.

AHMED: Entschuldigt, ich war unbesonnen.

MELOSPHEROS: Aha. Weißt du, wie ich angefangen habe? Als Schiffskoch.

AHMED: Als Schiffskoch? Ich denke, Ihr stammt aus einem uralten Geschlecht von Magiern.

MELOSPHEROS: Das stimmt auch, aber meine Familie hat mich ausgesetzt, und zwar ohne die unentbehrlichen Utensilien, die ein Zauberer braucht, Zauberstab, Kugel und das ganze Zeug. Mein Vater ist mit mir zum Ufer des Tigris gefahren, angeblich zum Angeln, und hat mich dort einfach zurückgelassen. Na gut, er war schon alt, zweihundertsechsunddreißig, und sein Führerschein war auch fünfundsiebzig Jahren nicht mehr gültig, aber es stimmt nicht, was manche gesagt haben, dass er mich aus Vergesslichkeit zurückgelassen hat. Es war die pure Berechnung.

AHMED: War das eine Strafe? Hattet ihr irgendwas angestellt?

MELOSPHEROS: Ähm, ich hatte mir höchstens ein paar von seinen Räucherstäbchen geborgt, von denen man so schön high wird, ich war jung, so wie du, da probiert man das aus.

AHMED: Wegen ein paar Räucherstäbchen hat er Euch verstoßen?

MELOSPHEROS: Zugegeben, da war die Sache mit dem Feuer speienden Drachen.

AHMED: Was war da passiert?

MELOSPHEROS: Das war das, was später als Untergang von Pompeji in die Geschichte eingegangen ist. Mein Vater hat es so hinbekommen, dass man glaubte, es wäre der Vulkan gewesen, der ausgebrochen war; in Wahrheit bin ich mit diesem Drachen im Tiefflug über die Stadt gerauscht und der Drache hat Feuer gespien, was das Zeug hielt, ich hatte den Zauberspruch vergessen, wie man ihn dazu bringt aufzuhören. Mein Vater hat dann dafür gesorgt, dass die Vulkanasche alles zudeckt. Da drunter müsste auch noch ein halb aufgerauchtes Räucherstäbchen liegen, das mir heruntergefallen war, vielleicht graben sie's irgendwann mal aus.

AHMED: Meine Güte, Meister Melospheros, Ihr wart ja ein ganz Schlimmer.

MELOSPHEROS: Ja, und wodurch? Wegen meiner Ungeduld! Ich konnte es nicht erwarten, große Taten zu vollbringen, oder jedenfalls das, was ich dafür hielt. Und mein Vater hat ganz richtig daran getan, dass er mich fortschickte. Da war ich auf einmal ein Schiffskoch und musste mir was einfallen lassen. Ich habe mich ganz langsam wieder hochgearbeitet. Erinnerst du dich an den Kochtopftrick, den ich dir letztens gezeigt habe?

AHMED: Wo man Salz in die Suppe streut und es springt ein weißer Tiger heraus.

MELOSPHEROS: Genau. Das ist ein Trick aus meinen alten Tagen als Schiffskoch. Geschmeckt hat es den Leuten nie, aber ich hatte ein paar hübsche Einfälle. Was ist? Was hast du?

AHMED: Ich weiß nicht, ich überlege, ob Ihr vorhabt, mich auch fortzuschicken.

MELOSPHEROS: Aber nein, bestimmt nicht. Ich denke, es reicht vorerst, wenn ich dir davon erzähle. Hast du deine Hausaufgaben erledigt?

AHMED: Jawohl.

MELOSPHEROS: Den Seiltrick?

AHMED: Klappt einwandfrei, das Seil steht fünf Meter senkrecht in der Luft und ich kann daran hochklettern.

MELOSPHEROS: Der mit dem Weinfass?

AHMED: Ich steige rein und bin verschwunden, man kann hindurchschauen.

MELOSPHEROS: Sehr gut. Was ist mit dem Fahrrad?

AHMED: Hab' ich zweimal gemacht. Brett oben auf die Leitern aufgelegt und mit dem Fahrrad drauf lang gefahren.

MELOSPHEROS: Auf der Unterseite.

AHMED: Natürlich auf der Unterseite.

MELOSPHEROS: Warum nur zweimal?

AHMED: In das Brett hatte jemand einen verdammten Nagel gehämmert, der un­ten raus stand, da habe ich einen Platten gekriegt.

MELOSPHEROS: Ha ha! Was ist mit der Rechnung für den Milchmann?

AHMED: Habe ich mit dem Zahlentrick erledigt, er denkt, sie ist beglichen.

MELOSPHEROS: Da haben wir's! Du bist eben doch noch nicht reif. Wie oft habe ich dir eingebläut, dass man immer nur zum Guten zaubert und niemals, um etwas herbeizuführen, das man nicht auch ohne Zauberei erreichen kann.

AHMED: Ja, aber in unserer Haushaltskasse ist ziemliche Ebbe.

MELOSPHEROS: Ist das ein Grund, das Problem durch Zauberei aus der Welt zu schaffen? Das heißt lediglich, dass du arbeiten musst, um Geld zu verdienen. Schließlich bist du bei mir nicht für umsonst als Zauberlehrling. Trage Zeitungen aus, fülle Regale im Supermarkt, hilf bei der Spargelernte.

AHMED: Spargelzeit ist längst vorbei.

MELOSPHEROS: Widersprich nicht, dann eben bei den Kartoffeln.

AHMED: Jawohl. Ich werde Nachhilfestunden im Rechnen geben und im Stadtpark weggeworfenen Müll einsammeln.

MELOSPHEROS: Das gefällt mir schon besser. Wenn das alles klappt, werde ich darüber nachdenken, ob es soweit ist ...

AHMED: ... Dass Ihr mir den Zaubertrick mit den Vier Kostbarkeiten beibringt?

MELOSPHEROS: Ich werde darüber nachdenken.

AHMED: Oh, Meister, das ist mein sehnlichster Wunsch.

MELOSPHEROS: Jetzt fang nicht an zu labern. Jeder Zauberer möchte die Vier Kostbarkeiten beherrschen. Und doch können es nur wenige.

AHMED: Es heißt, dass eine ganz bestimmte Konstellation am Himmel eintreten muss, damit der Zauber überhaupt funktioniert.

MELOSPHEROS: Das ist richtig. Diese Konstellation von Mond und Gestirnen ist die erste Voraussetzung dafür. Deshalb können die Vier Kostbarkeiten auch nicht jederzeit gezaubert werden.

AHMED: Und wenn die Konstellation stimmt, dann fallen die Vier Kostbarkeiten vom Himmel herab?

MELOSPHEROS: So ist es, wenn man den Zauberspruch korrekt aufsagt. Und der ist nicht einfach irgendein Abrakadabra.

AHMED: Sondern?

MELOSPHEROS: Ha, du Schlingel, du glaubst, du könntest mich austricksen, deinen alten Meister Melospheros. Irrtum mein Lieber. Zuerst bringst du unsere Haushaltsangelegenheiten in Ordnung, dann sehen wir weiter.

Ahmed ab.

MELOSPHEROS für sich: Aus dem Jungen verspricht etwas zu werden, er entwickelt sich hervorragend na, bei dem Lehrer kein Wunder. Ich war sehr sorgsam bei seiner Ausbildung, und dabei doch nicht unverschämt. Ich habe von Anfang an gemerkt, was in ihm steckt: das Zeug zu einem guten Zauberer. Und ich habe gesehen, dass das meiste dafür aus ihm selbst kommen muss und nicht von außen aufgezwungen werden darf. Er ist ein schlauer Bursche und nicht ganz ohne einen gesunden Egoismus, dabei kann er, trotzdem er mit ganzem Ernst und Eifer bei der Sache ist, auch witzig sein. Und was unerlässlich ist für einen Zauberer der Menschenwelt, er hat Mitgefühl. Doch dabei hat man sich schon oftmals getäuscht, und mancher, der herzlichen Anteil nahm am Schicksal seiner Mitmenschen, der tat es nur solange, bis er die großen Mysterien der Zauberkunst wusste, bis er alle Tricks kannte und ihm keiner mehr etwas vormachen konnte. Und schwupp! in diesem Moment verließen ihn jedes Mitgefühl und jede Moral und er handelte nur noch für seinen Eigennutz und mehr zum Ärger und Schaden anderer. Denn wie jede Wissenschaft und Kunst kann auch die Zauberei den blind machen, der sie besitzt, wenn er dann glaubt, durch sein Wissen und seine Kunst den Lauf der Welt nach seinen Vorstellungen und gar nach seinen Wünschen lenken zu können, denn der Wissensdurst des Menschen ist groß und unstillbar, aber beinahe noch größer und gewaltiger ist sein Streben nach Macht. Das sah man schon an denen, die nicht der Zauberei kundig waren. Wie gefährlich kann sie dann erst bei denen sein, die sie beherrschen. Ja, ich werde Ahmed nun auch den Zauber der Vier Kostbarkeiten lehren, wie ich es versprochen habe, und weil sich seine Lehrzeit allmählich dem Ende neigt und er hinaus muss in die Welt. Aber ich werde ihn auf eine Probe stellen, um den letzten Zweifel an seiner Eignung zu zerstreuen, damit ich selbst ihn mit ruhigem Gewissen entlassen kann. Schließlich geht es auch ein wenig um meinen guten Ruf, und meine Schüler sollen nicht schlecht über mich reden, auch wenn sie nicht mehr in meinem Hause sind.


 

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Zweite Szene

Haus des Zauberers. Ahmed sitzt an einem Schreibtisch mit Büchern und Schulkram; abseits ist eine Stehleiter aufgestellt.

AHMED liest: "Also haben wir omnes res natae fuerunt ab hac una re adoptione - in arkanologischer Fassung: omnes res natae fuerunt ab Acido sulphurico Nato igne. Die omnes res natae entstanden vom Acid sulphur Natron durch Vermittlung des Feuers, das ist erstens dadurch, dass Feuer unterlegt wird, zweitens dadurch, dass dies Feuer in das Wasser und die Erde dringt." Verstehe. Kein Wort. Hätte man das nicht einfacher sagen können? Ich wette, wenn Meister Melospheros es mir erklärt, begreife ich's sofort. Aber er sagt, ich soll es selber herausfinden. Und wie? Durch Nachdenken. Durch Immer-wieder-Lesen, durch Vergleichen mit anderen Aussagen, und durch Experimente. Leider ist gerade der Schwefel alle, Gandalf der Rote hat sich den letzten Rest von uns geborgt, dieser Schnorrer geborgt! was der sich schon alles geborgt hat, und hat es nie wiedergebracht. "Omnes res natae fuerunt ..." Warum muss mir der Meister auch ausgerechnet diesen Text für die Prüfung geben? Er weiß genau, dass ich da nicht richtig bei der Sache war, weil ... na ist ja egal, lässt sich nicht ändern, da muss ich durch. Aber eine kleine Pause habe ich mir verdient.

Er steht auf, entspannt sich, nimmt dann ein bestimmtes Buch unter den anderen hervor und klettert, während er liest, auf die Leiter.

Bei der Gelegenheit könnte ich gleich noch mal die andere Sache durchgehen. Das hatte ja schon ganz gut geklappt, ich muss nur noch ... ja, das ist die Frage, muss das jetzt vorher oder nachher gemacht werden? Wo ist eigentlich der Meister? Wäre mir sehr peinlich, wenn er mich dabei überrascht und sieht, dass es nicht klappt. Also, ich würde sagen ... würde sagen, das muss vorher kommen. Dann muss es lauten: "Kauda demur foldarecur ..." das probier ich gleich mal aus. "Kauda demur foldarecur setens meriboh. Astli ... afstli ... astflie rotunobar drobar dro."

Von oben fällt ein abgeputzter Weihnachtsbaum o.ä. herab.

Oh! Na ja, es ist noch nicht der echte Vier Kostbarkeiten Zauber, es ist erst eine Testversion. Letztens hat es aber schon mal besser geklappt, da war ich bei drei, das waren zwar wahrscheinlich auch nur Ersatz-Kostbarkeiten für Übungszwecke, aber Meister Melospheros hat sie jedenfalls gleich weggeräumt. Das heißt, ein bisschen echt waren sie schon. Er hat mir auch den dritten und vierten Spruch schon verraten, aber ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich alles ist, vielleicht hält er noch ein entscheidendes Wort zurück. Außerdem die Konstellation von Mond und Planeten ist nicht erfüllt, also kann es noch nicht richtig funktionieren. Aber in einer Woche ist es soweit, und wenn ich bis dahin ...

Melospheros kommt.

MELOSPHEROS: Was machst du?

AHMED: Äh, ich lerne für die Prüfung.

MELOSPHEROS: Da oben?

AHMED: Ja, man nennt es doch 'höhere Wissenschaft'.

MELOSPHEROS zeigt auf das Herabgefallene: Was ist das?

AHMED: Das? Ähm, das ist hier angekommen, hat der Paketdienst abgegeben, hat sich wahrscheinlich in der Anschrift geirrt.

MELOSPHEROS: Ahmed, mach mal eine Pause.

AHMED: Habe ich doch, äh, wollte ich sowieso gerade tun. Was gibt es, Meister?

MELOSPHEROS: Ich muss nächste in die Stadt, ein alter guter Freund von mir braucht meine Hilfe und hat mich gerufen.

AHMED: Ihr könnt unbesorgt gehen, ich kümmere mich hier solange um alles.

MELOSPHEROS: Nein. Ich dachte, wir machen hier alles dicht, und du begleitest mich.

AHMED: Oh, sehr gern. Ich war, du liebe Zeit, wann war ichdas letzte Mal in der Stadt? Das ist eine tolle Idee. Und das für die Prüfung, das schaffe ich trotzdem, kein Problem.

MELOSPHEROS: Da ist noch etwas. Wie du weißt, tritt in einer Woche die entscheidende Konstellation ein.

AHMED: Für den Vier Kostbarkeiten Zauber.

MELOSPHEROS: Du weißt das?

AHMED: Och, Ihr hattet es mal nebenbei erwähnt.

MELOSPHEROS: Bei dir muss man wirklich auf jedes Wort achten, das man sagt. Aber es ist gut, wenn du immer aufmerksam bist. Also ich dachte mir, unterwegs, wenn wir durch den Wald von Tiborg kommen, könnten wir den Vier Kostbarkeiten Zauber proben, damit du ihn einmal richtig erlebst, und damit ich sehe, ob du damit umgehen kannst.

AHMED: Ich kann ihn schon bis ... ich meine, ich würde den Anfang und den Mittelteil bestimmt einwandfrei schaffen. Aber, Meister, da fällt mir ein ...

MELOSPHEROS: Was denn?

AHMED: Ihr sagt, im Wald von Tiborg?

MELOSPHEROS: Ja, und?

AHMED: Habt Ihr nicht die Nachrichten gehört? Im Wald von Tiborg treibt sich gerade die berüchtigte Losschicker-Bande herum, man hört von ihr schreckliche Dinge.

MELOSPHEROS: So? Was denn?

AHMED: Sie überfallen die Reisenden, vor allem, wenn es mehrere sind, also mindestens zwei, und schleppen sie in ihr Versteck. Dann schicken sie eine von den Geiseln los, damit derjenige in der Stadt ein Lösegeld besorgt und es ihnen bringt. Deshalb werden sie auch die Losschicker genannt, ihre wahren Namen kennt natürlich niemand. Und sie nehmen vor allem immer zwei Personen gefangen, die zusammen sind, einen Vater mit seinem Sohn, einen Mann mit seiner Frau einmal war es sogar eine Schwangere, oder auch ...

MELOSPHEROS: Einen Lehrer mit seinem Schüler?

AHMED: Genau. Denn diese Räuber wissen, dass bei solchen Menschen einer für den anderen einstehen wird und alles tut, um ihn zu befreien. Deshalb wird er auch jedes Lösegeld auftreiben, das sie fordern.

MELOSPHEROS: Mein Freund in der Stadt ist sehr arm, von ihm könnte ich mir kein Geld borgen.

AHMED: Dann vielleicht von Gandalf dem Roten, der hat bis jetzt immer nur von uns geborgt.

MELOSPHEROS: Hör mal Ahmed, du sprichst schon so, als würde es tatsächlich passieren, dass uns die Räuber überfallen. Der Wald von Tiborg ist groß, und die Wahrscheinlichkeit, dass sich unsere und ihre Wege kreuzen, ist außerordentlich gering. Oder hast du etwa Angst? Dann gehe ich lieber allein, ich möchte dich nicht in Gefahr bringen.

AHMED: Nein, Meister, ich habe keine Angst, aber hierbleiben will ich auch nicht.

MELOSPHEROS: Na also, dann können wir ja gehen.

AHMED: Natürlich, wir werden uns von irgendwelchen Horrormeldungen nicht einschüchtern lassen.

MELOSPHEROS: Recht so, Ahmed. Was immer die Leute erzählen, prüfe es erst selber, bevor du es glaubst. Der Hund des Schafhirten spricht immer schlecht über den Wolf; aber deshalb ist er noch lange nicht selbst ein frommes Lamm. Die Wahrheit gibt sich nur dem eigenen Blick zu erkennen, und nur von dem, was du selbst erlebst, kannst du sicher sein, dass es auch geschehen ist.

AHMED: Ihr habt Recht, Meister. Allerdings wäre ich auch nicht enttäuscht, wenn es nicht geschehen würde.


 

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Dritte Szene

Lager der Räuber. Alles ist guerillamäßig und provisorisch eingerichtet.

CARLOS: Wir stellen den Transporter Mittags halb eins hier vor dem Haupteingang ab, und dann zünden wir die Ladung und Bumm! die ganze Scheiß Bude fliegt in die Luft.

FU LIN: Mann, Carlos, das ist genial.

GEORGIE: Und so einfach.

FU LIN: Die Pläne vom Chef sind immer einfach genial. Deshalb wird er auch der Schakal genannt.

GEORGIE: Aber, darf man denn vor Haupteingang parken?

LAURA: Oh Georgie, du Trottel. Natürlich nicht. Aber wir machen es trotzdem, weil wir Terroristen sind und Terroristen dürfen alles, sogar im Parkverbot stehen.

GEORGIE: Sogar Menschen umbringen.

LAURA: Weil es für einen guten Zweck ist, dass sie sterben.

CARLOS: So wie Jesus.

GEORGIE: Wie? Jesus? Der hat doch niemanden umgebracht.

FU LIN: Schakal meint, der ist auch für'n guten Zweck gestorben.

CARLOS: Richtig. Außerdem achten wir darauf, dass unsere Opfer nicht zu lange leiden müssen.

GEORGIE: Oh, Leute, seitdem wir nicht mehr nur Räuber sind, sondern richtige Terroristen, komme ich mir viel anständiger vor, fast wie'n Arzt oder so.

LAURA: Du und anständig, du Drecksack, rülpst und furzt beim Essen und wäscht dich wochenlang nicht, da hat sich nichts geändert, seit du Terrorist bist.

FU LIN: Laura hat Recht, Bulle, ich weiß nicht, ob du wirklich zu uns passt mit deinen miserablen Manieren.

GEORGIE: Aber! Ich bin ... ich habe ... immer alles für euch getan, und Schakal war immer zufrieden mit mir, stimmt doch, Chef?

FU LIN: Ja, Bulle, aber diesmal müssen wir schnell sein, schnell raus aus dem Transporter und ab durch die Mitte, kapierst du. Und wenn du deinen fetten Arsch nicht rechtzeitig vom Fahrersitz kriegst, dann gehst du mit der Bombe zusammen hoch.

LAURA: Ich würde für dich beten, mein Süßer.

GEORGIE: Das könnt ihr nicht mit mir machen, ihr könnt mich nicht da sitzen lassen in der Kiste mit dem ganzen Sprengstoff, und dann auch noch im Parkverbot.

FU LIN: Tja, Bulle, du bist nun mal derjenige, der fahren muss. Ich habe leider beim letzten Anschlag mein Auge eingebüßt. Es ist jeder mal dran.

CARLOS wehleidig: Es hat jedenfalls Spaß gemacht mit dir zu arbeiten, außer dass du immer gestunken hast wie ein Schwein.

LAURA: Na, hört auf mit dem Scheiß. Nachher bleibt unser Georgie vor Schreck wirklich sitzen.

GEORGIE: Sagt, dass das jetzt nicht ernst gemeint war, Chef, das war doch nur'n Spaß, stimmt's.

CARLOS: Ja ja, Bulle. Lasst uns noch mal zur Sache kommen.

FU LIN mit dem Hinweis darauf, dass Carlos und Laura nebenbei schmusen: Du lässt dich doch dauernd ablenken.

LAURA: Halts Maul, Ratte! Georgie grinst.

CARLOS: Laura, hol' uns was zu futtern.

LAURA: Wieso ich?

CARLOS: Weil ich's sage!

FU LIN: Könntest schon wieder hier sein, Räuberbraut.

CARLOS: Halt dein Maul, Ratte! Und hör auf, dir den Sack zu kraulen.

FU LIN: Hui! Der Chef meldet Anspruch an.

CARLOS: Wir brauchen mehr Geld für die Vorbereitung. Der Lieferant von dem Sprengstoff hat den Preis um zehn Prozent erhöht.

GEORGIE: Da sprengen wir den Hund gleich mit in die Luft.

CARLOS: Unsinn, wir müssen das Zeug erst mal haben.

FU LIN: Was ist mit den Russen?

CARLOS: Die rücken neuerdings nichts mehr raus oder verkaufen es vielleicht an die Amis. Nach Kolumbien ist die Verbindung abgebrochen. Kel Aida braucht den Zunder selbst, und unser Mann in Israel ist aufgeflogen.

FU LIN: Mein Gott, sind wir denn die einzigen, die noch ordentlich arbeiten.

GEORGIE: Dann müssen wir eben aus Mister Baumann mehr rausholen.

LAURA: Hier, das ist alles, was noch da ist.

GEORGIE: Alles aus der Vorratskammer?

LAURA: Die Vorratskammer ist leer, Bulle. Das habe ich Baumann weggenommen, der schläft grade seinen Rausch aus.

CARLOS: Versoffenes Christenschwein.

LAURA: Sei froh, dass er nicht alles aufgefressen hat.

FU LIN: Soweit ist es gekommen, dass wir von einem fetten Christenschwein abhängig sind.

CARLOS: Mit Baumann läuft es nicht mehr so gut, es scheint, dass seine Freunde das Interesse an ihm verlieren. Und die Medien auch, CNN wollte für unser letztes Video ganze fünfundzwanzig Dollar bezahlen.

FU LIN: Dann müssen wir eben mal wieder einen Finger abschneiden, so was kommt immer gut an.

CARLOS: Wir reden jetzt nicht über Mister Baumann, ein andermal. Wir brauchen das Geld sofort.

FU LIN: Wenn ich dich recht verstehe, Chef, heißt das, wir sollen uns wieder auf unser altes Räuberhandwerk besinnen.

GEORGIE: Auf die alten Zeiten, als wir noch die Losschicker genannt wurden, das klang so schön harmlos, wie Versicherungsvertreter.

LAURA: So lange ist das noch gar nicht her, Leute.

FU LIN: Na, dir hat's gefallen, Laura. Die Männer machen den ganzen Tag Jagd auf Beute im Urwald, und die Räuberbraut kümmert sich ums Essen und wartet in der Hängematte auf den Hauptmann.

GEORGIE: Oh ja, das Essen war gut, Laura. Einmal, das Spanferkel, hm, köstlich.

LAURA: Da hörst du's, Ratte, dem Georgie habe ich wenigstens eine Freude gemacht.

FU LIN: Ja, und dem Chef dann auch.

LAURA: Kann ich was dafür, dass du'n nervösen Magen hast und nichts essen kannst wie'n normaler Mensch.

GEORGIE: Wieso? Was isst'n Fu Lin?

LAURA: Überleg' doch mal, wenn einer 'die Ratte' genannt wird.

GEORGIE: Kapier ich nicht. Fu Lin, was isst'n du am liebsten?

FU LIN: Bulleneier, du Schwachkopf.

CARLOS: Schluss damit. Ich gebe einen Befehl. Die nächsten Personen, die durch den Tiborger Wald kommen, werden überfallen und gefangengenommen. Dann verfahren wir auf die bewährte Weise, einer wird in die Stadt geschickt ...

GEORGIE: Ich geh' nicht.

LAURA: Mann, einer von den Gefangenen. Der bringt uns das Lösegeld und dann ...

FU LIN: Wenn das mit Mister Baumann nicht mehr so richtig läuft, könnten wir ja die Gefangenen für'n neues Video nehmen.

CARLOS: Mal sehen, erst mal brauchen wir die Kohle, das ist das allerwichtigste. Hat jeder meinen Befehl verstanden?

FU LIN: Ay ay, Schakal.

GEORGIE: Und Laura kocht solange was Feines?

LAURA: Ja, eine Bambussprossensuppe.

GEORGIE: Verflucht, ich werde zwar 'der Bulle' genannt, aber ich bin noch lange kein Grasfresser. Eins sage ich euch, wenn meine Terroristenzeit mal vorbei ist und ich mich zur Ruhe setze, dann werde ich den ganzen lieben langen Tag nur fressen, fressen, fressen.

CARLOS: Verschwindet auf eure Posten, und du, Ratte, pass diesmal 'n bisschen besser auf mit deinem Schießprügel.

FU LIN: Ja ja.


 

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Vierte Szene

Wald von Tiborg.

AHMED: Seid Ihr sicher, Meister, dass es hier entlang geht?

MELOSPHEROS: Ganz sicher. Ich bin diesen Weg früher eine Zeit lang jeden Tag gegangen.

AHMED: Welcher Weg? Hier ist keiner. Wie lange ist das her?

MELOSPHEROS: Vielleicht achtzig Jahre. Damals war hier ein vorzüglicher Weg, so etwas wie eine Handelsstraße.

AHMED: Hoffentlich ist es nicht inzwischen eine Einbahnstraße geworden, sehr viele Händler scheinen ihn ja nicht mehr zu benutzen.

MELOSPHEROS: Klar, die meisten nehmen die Straße über Orkuz, aber hier ist es am kürzesten.

AHMED: Dafür aber auch am beschwerlichsten.

MELOSPHEROS: Mecker nur nicht rum, Junge.

AHMED: Außerdem wollten wir einen Platz haben, wo wir den ... na Ihr wisst schon Meister, den Großen Zaubertrick probieren können.

MELOSPHEROS: Den Vier Kostbarkeiten Zauber.

AHMED: Genau. Damit ich endlich ein richtiger Zauberer bin.

MELOSPHEROS: Ich weiß nicht. Wenn du ihn beherrscht, kann ich dir nichts mehr beibringen. Es ist dann nutzlos, dass du noch länger bei mir bleibst und du müsstest mich von rechts wegen verlassen.

AHMED: Ja, darüber habe ich auch nachgedacht.

MELOSPHEROS: Und?

AHMED: Es ist wohl an der Zeit, dass ich in die Welt hinausgehe. Auch wenn es mir andererseits schwerfällt, von Euch zu gehen.

MELOSPHEROS: Na, die zehn Jahre, die du in meiner Lehre bist, sind eben nicht spurlos vorübergegangen, aber es ist auch lange genug.

AHMED: Ja, und außerdem ist es noch nicht soweit, denn Ihr müsst mir noch den entscheidenden ...

MELOSPHEROS: Nur mit der Ruhe, Ahmed. Du bist mir zu leichtfertig und unbesorgt; so ein Zauber ist kein Kunststückchen, das man auf jeder Geburtstagsparty zum Besten gibt. Und woher soll ich wissen, ob du jetzt nicht so freundlich und liebedienerisch zu mir bist, bloß um das letzte Geheimnis aus mir herauszulocken, das dir zu deinem Können fehlt? Und dann, wenn du's weißt, bist du weg, noch ehe man Leb' wohl sagen kann.

AHMED: Aber Meister, wie denkt Ihr von mir?

MELOSPHEROS: Die Frage ist: Wie denkst du von dir?

AHMED: Ihr wollt mir also nicht alles verraten?

MELOSPHEROS: Natürlich will ich, in gewisser Hinsicht muss ich es auch tun.

AHMED: Nun dann, zögert nicht länger, ich glaube, dort drüben der freie Platz ist bestens geeignet zum Ausprobieren.

MELOSPHEROS: Ahmed, Ahmed, du lässt mir ja doch keine Ruhe. Ich denke, du beherrscht ihn schon.

AHMED: Wie kommt Ihr darauf?

MELOSPHEROS: Du hast doch oft genug geübt.

AHMED: Ihr wisst? Entschuldigt. Ich konnte es nicht erwarten. Aber es hat kein Mal vollkommen geklappt.

MELOSPHEROS: Jeder Zauber kann mal in die Hose gehen.

AHMED: Ja, aber die Vier Kostbarkeiten sind dafür bestimmt zu schade.

MELOSPHEROS: Also, und wo hapert es?

AHMED: An der Stelle, wo es heißt: astfli rotunabor …

MELOSPHEROS: ... Rotunobar.

AHMED: Rotunobar drobar dro. Da kann irgendetwas nicht stimmen.

MELOSPHEROS: Hm. Also, wenn ich mich recht entsinne ...

AHMED: Was war das?

MELOSPHEROS: Was?

AHMED: Da hat eben was geknackt, dort im Wald.

MELOSPHEROS: Ein Vogel oder ein Eichhörnchen. Es kommt auf die Reihenfolge an.

AHMED: Ein Eichhörnchen oder ein Vogel?

MELOSPHEROS: Ich meine die Reihenfolge in dem Zauberspruch. Hörst du mir überhaupt zu?

AHMED: Ja, Meister. Es hat eben schon wieder geraschelt.

MELOSPHEROS: Eben hat es noch geknackt.

AHMED: Meister? Wenn es passieren sollte, dass wir überfallen werden ... ich meine, Ihr habt doch bestimmt für alle Fälle Eure Abwehrmittel parat, oder?

MELOSPHEROS: Die kleinen Schleuderkugeln mit dem Sekundenversteinerer?

AHMED: Ja, oder das Schrumpfpulver, habt Ihr's bei Euch?

MELOSPHEROS: Natürlich, hier in meiner ... in meiner ... zum Kuckuck!

AHMED: Was ist?

MELOSPHEROS: Ich meinte, ich hätte es eingesteckt, aber jetzt kann ich's nicht finden.

AHMED: Das heißt, wir sind ...

MELOSPHEROS: Was? Ich wusste, dass du Angst bekommst, ich hätte dich nicht mitnehmen dürfen.

AHMED: Nein, es ist nur, man hat so viel Schreckliches gehört von den Räubern. Ich bin noch so jung, ich will noch nicht sterben.

MELOSPHEROS: Ach so, und ich bin wohl alt genug dafür.

AHMED: Meister, ich würde für Euch mein Leben opfern.

MELOSPHEROS: Hm, das will ich hoffen.

AHMED: Das ist kein Vogel, und auch kein Eichhörnchen. Ob wir jetzt überfallen werden?

MELOSPHEROS: Ich bin Zauberer und kein Hellseher. Es wird geschehen, was geschehen muss. Doch höre, Ahmed: sage zu niemandem ein Wort darüber, wer wir sind.

CARLOS: Halt! Hände hoch, keine falsche Bewegung, keine Tricks, Schnauze halten!

FU LIN: Wenn ihr einen Mucks macht, knall ich euch ab!

GEORGIE: Glotz' nicht dumm, Frischling, da rüber!

CARLOS: Setz' deine Maske auf, Bulle!

GEORGIE: Oh Schitt.

AHMED: Wir haben nichts, wir sind nur arme Zau ... arme Wanderer.

CARLOS: Hab ich nicht gesagt, Schnauze halten. Bulle, binde ihnen die Hände zusammen. Ratte die Augenbinden! Fu Lin verbindet den beiden die Augen. Los vorwärts, ab Marsch, wir werden uns ein bisschen unterhalten. Bulle, hier lang.


 

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Fünfte Szene

Lager der Räuber.

CARLOS: So, ihr seid also harmlose Wanderer? Auf dem Weg in die Stadt.

GEORGIE: Das sind die nie und nimmer, Chef.

CARLOS: Habt ihr nicht gehört, dass es gefährlich ist, durch den Wald zu reisen, es gibt dort ganz brutale Räuber.

GEORGIE zu Fu Lin: Es gibt hier noch welche?

AHMED: Wir haben uns verirrt.

CARLOS: Aha. Da könnt ihr ja dankbar sein, dass wir euch gefunden haben.

AHMED: Vielen Dank. Sicher werden Sie uns jetzt den richtigen Weg zeigen.

CARLOS: Oh ja, leider gibt es mehrere richtige Wege. Was für den einen der richtige Weg ist, ist für den anderen vielleicht der falsche.

FU LIN: Da gibt es zum Beispiel einen, der führt geradewegs ins Jenseits, und der liegt nur einen Fingerbreit neben dem anderen. Er hält seine Maschinenpistole an Ahmeds Schläfe und drückt ab; der Verschluss klickt; sie war nicht geladen.

CARLOS: Ihr wart also anderswo unterwegs? Wo, wenn ich fragen darf?

LAURA: Die gehören bestimmt zu der Karawane, die heute früh hier vorbei ist.

AHMED: Wir gehören nicht zu der Karawane.

GEORGIE: Ach, woher wisst ihr denn davon?

AHMED: Der hat es ja gerade gesagt.

CARLOS: Was der sagt, interessiert mich nicht. Ich will wissen, was ihr hier zu suchen habt. Unseren Freund, liebevoll 'die Ratte' genannt, habt ihr schon kennengelernt. Er hat zwar nur noch ein Auge, dafür hört er aber ausgezeichnet. Ich bin sicher, er würde die Schmerzensschreie hören, die der Alte ausstößt, wenn ihm die Fingernägel einzeln rausgezogen werden. Solche Schreie kann man nämlich gar nicht überhören.

AHMED: Das werdet ihr nicht tun.

CARLOS: Und ob wir das tun. Was sagst du selbst dazu, Alter.

AHMED: Lasst ihn in Ruhe.

MELOSPHEROS: Was soll ich dazu sagen? Tut, was ihr nicht lassen könnt.

CARLOS: Oho, das ist ja ein ganz gleichmütiger Mensch, du bist wohl so was wie ein verdammter Mönch oder ein Märtyrer.

FU LIN: Das sehen die Leute gern, wenn so einer gequält wird.

GEORGIE: Soll ich die Kamera holen?

CARLOS: Wenn du so'n frommer Heiliger bist, dann kann der wohl kaum dein leiblicher Sohn sein, denn man hat ja noch von keinem Heiligen gehört, der eine Frau geschwängert hat.

FU LIN: Es würde dir daher wohl nichts ausmachen, wenn wir uns mal rasch von der Kröte trennen, wir brauchen nämlich nur einen von Euch.

MELOSPHEROS: Halt! Dann nehmt ihn und tötet mich. Er ist viel jünger und mehr wert, ich kann kaum noch laufen und würde euch bloß hinderlich sein.

CARLOS: Aha. Da gibt es noch wahre Liebe unter den Menschen. Das hört man gerne. Also, so ganz ohne alles allein im Wald unterwegs.

GEORGIE: Der Junge hatte das bei sich.

CARLOS: Was ist denn das? Sieht aus wie der Zauberstab von Merlin, davon hab' ich als Kind gelesen.

GEORGIE: Du kannst lesen, Chef?

AHMED: Das ist nur ein Spielzeug.

LAURA: Ja ja, klar, hast du vielleicht auch noch ein Püppchendabei oder ein paar Bauklötzchen.

GEORGIE: Oder Murmeln, die hatte ich immer, zum Draufrumkauen.

CARLOS: Wie funktioniert das?

AHMED: Vorsicht!

CARLOS: Ich denke, es ist nur ein Spielzeug. So vielleicht? Oder so? Da muss man was dazu sagen. Abrakadabra ... Wie Carlos mit dem Zauberstab herumfuchtelt, gibt es einen Blitz und Knall mit Zischen und einen heftigen Windstoß, der über die Köpfe fegt. He, Scheiße, was soll das? Was für ein verfluchtes Drecksding ist das! Er zerbricht den Stab.

GEORGIE: Oh Schakal, vielleicht hätte der uns was genützt.

CARLOS: Unsinn! Mit so'nem Teufelszeug geben wir uns nicht ab. Ratte, hol' die Instrumente, jetzt werden wir dem Alten mal ein bisschen einheizen.

MELOSPHEROS: Ihr wollt Geld, stimmt's.

CARLOS: Ja und? Habt ihr etwa welches?

MELOSPHEROS: Nicht hier, aber ich kann welches besorgen.

CARLOS: Jetzt wird er auf einmal geschwätzig, das war's doch, was ich mit Unterhaltung meinte.

MELOSPHEROS: Schickt mich in die Stadt, und ich hole das Geld.

FU LIN: Eben warst du noch zu schwach zum Laufen. Du scheinheiliger frommer Mönch, du willst dich bloß aus dem Staub machen.

MELOSPHEROS: Der Junge kennt niemanden in der Stadt und keiner wird ihm zuhören. Ich habe dort gute Freunde, die mir helfen. Es ist in jedem Fall besser, wenn ihr mich schickt.

CARLOS: Hm.

MELOSPHEROS: Wieviel verlangt ihr?

CARLOS: Fünfzigtausend.

FU LIN: Fünfzigtausend? Glaubst du im Ernst, Schakal, dass jemand soviel Geld ausgeben wird für einen halbtoten Opa und ein dürres Pickelgesicht? Ihr zwei wollt uns doch nur was vorflunkern, wir sollten kurzen Prozess mit ihnen machen.

CARLOS: Wir brauchen das Geld.

MELOSPHEROS: Bindet mich los, und ich mache mich sofort auf den Weg, in drei Tagen bin ich zurück.

CARLOS: Alle Mann zu mir, kurze Lagebesprechung. Sie gehen zur Seite.

MELOSPHEROS: Ahmed, vertraue mir, alles wird gut, ich hole uns hier heraus. Aber höre, was ich dir sage: egal, was passiert, du darfst unter keinen Umständen zaubern, und vor allem: du darfst auf keinen Fall den Zauber der Vier Kostbarkeiten ausführen, denn das würde großes Unheil bringen und du würdest dabei umkommen. Versprich mir, dass du meine Weisung befolgst.

AHMED: Ich ...

CARLOS: Also gut, Fünfzigtausend. Und wenn du in drei Tagen nicht zurück bist, dann fangen wir an, den Jungen zu zerstückeln, fein säuberlich und ganz langsam, du würdest ihn nicht wiedererkennen.

MELOSPHEROS: Ich habe verstanden, ich werde mit dem Geld zurückkehren.


 

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Sechste Szene

Es sieht aus wie auf dem Video vom Anfang. Ahmed sitzt mit nach vorn gefesselten Händen außerhalb des Bildes an der Seite.

FU LIN: Bulle, setz die Maske auf!

GEORGIE: Damit sehe ich immer nichts.

CARLOS: Los, Baumann, Sie sind dran.

BAUMANN vor den anderen in der gleichen Haltung wie im Video: Ich wende mich an alle friedliebenden Menschen, an alle, die noch einen Funken menschliches Mitgefühl haben, vor allem aber wende ich mich an die verantwortlichen Politiker meines Vaterlandes, und ich wende mich an meine Familie: Gertrud, hallo, ich lebe. Aber mein Gesundheitszustand hat sich rapide verschlechtert, und meine Entführer drohen damit, mich zu töten oder jedenfalls zu verstümmeln, wie sie es schon mit anderen unglücklichen Geiseln getan haben. In den letzten zehn Tagen haben wir sechshundert Kilometer zu Fuß zurückgelegt, immer durchs Gebirge, durch Wüste und durch Dschungel, wo mich ein schlimmes Fieber befallen hat. Ich bin zu schwach, um lange Reden zu halten. Ich flehe euch deshalb an: Helft mir! Unternehmt alles nur Mögliche, um mich zu retten. Vor allem aber: schickt Geld, viel Geld. Nur das wird meine Entführer dazu bringen, mich am Leben zu lassen. Gertrud, ich möchte dir noch etwas Persönliches sagen ...

CARLOS drängt sich nach vorn und spricht in die Kamera: Schluss jetzt! Wir geben euch verfluchten Imperialisten und ungläubigen Götzendienern noch genau sechs Tage Frist. Wenn bis dahin nicht das Geld in unseren Händen ist, dann erschießen wir Mister Baumann und schicken ein hübsches Video von der Hinrichtung an seine Familie. Fu Lin feuert mit der Maschinenpistole eine Salve in die Luft ab. Schnitt!

BAUMANN: Scheiße, Ratte, musst du einen so erschrecken.

CARLOS zu Fu Lin: Schick' das Ding an alle Sender auf der Liste, mit denen wir einen Vertrag haben. Wollen wir hoffen, dass Ihre Freunde diesmal nicht so knausrig sind, Mister Baumann.

FU LIN: Sie scheinen zu Hause nicht sehr beliebt zu sein.

BAUMANN: Immer noch besser, als gar kein Zuhause zu haben.

FU LIN: Was soll das heißen? Mein Zuhause ist das Paradies, da werde ich hinkommen. Ich bin sozusagen auf dem Zuhause-Weg.

BAUMANN: Wenn schon, dann heißt es auf dem Nach-Hause-Weg. Hat Laura das Essen schon fertig?

CARLOS: Ist noch nicht wieder da.

GEORGIE zu Fu Lin: Ich guck' dir beim Kopieren zu, da kann ich mich noch mal im Film sehen, vielleicht werd' ich ja als Filmstar entdeckt.

FU LIN: Na klar, der Mann mit der Maske.

Laura kommt mit einem vollen Rucksack. Stellt ihn ab, nimmt ihre Kappe vom Kopf und löst sich die Haare. Ahmed sieht sie überrascht an.

CARLOS: Ah, Laura, da bist du ja. Ich muss ein paar wichtige Gespräche führen, ich will nicht gestört werden. Komm mit.

BAUMANN: Und was ist mit meinem Essen, verflucht! Mein Geld verprassen, aber mich verhungern lassen. Das wäre ein schlechter Handel. Und du Bürschchen bist die neue Geisel, was? Redest wohl nicht mit jedem?

AHMED: Ich denke darüber nach, was ich gerade erlebt habe.

BAUMANN: Du meinst, unsere Botschaft an die freie Welt? Ja, so geht das. Ich heiße übrigens Baumann, die sagen Mister Baumann zu mir, aber ich bin Deutscher, Ingenieur für Maschinen- und Anlagenbau. Hier, das Stromaggregat, das habe ich den Idioten gebaut, die hatten ja noch nicht mal einen Kühlschrank, haben gelebt wie zu Ho Chi Minhs Zeiten. Und wie heißt du?

AHMED: Ahmed.

BAUMANN: Und der andere ist wohl dein Vater.

AHMED: Ja. Dann sind Sie gar keine echte Geisel?

BAUMANN: Was ist eine echte Geisel? Jemand, der entführt und verschleppt wird? Dann bin ich eine Geisel. Jemand, für den Lösegeld erpresst wird? Ja, dann bin ich eine Geisel.

AHMED: Und jemand, der gefangengehalten wird, so dass er nicht weglaufen kann.

BAUMANN: Gut aufgepasst, Bürschchen. Ich könnte wohl weglaufen, wenn ich wollte, ich brauchte nicht mal zu fürchten, dass der Schakal und seine Spießgesellen es verhindern.

AHMED: Wie geht das?

BAUMANN: Ganz einfach. Ich bin Ingenieur, das sagte ich, aber ich bin auch ein Geschäftsmann. Und Räuber und Terroristen sind auch irgendwo nur Geschäftsleute. Verstehst du, wir haben einen Deal gemacht.

AHMED: Dass die Sie am Leben lassen, solange Sie mitspielen.

BAUMANN: Nicht nur das. Da würde ja für mich nicht viel dabei rausspringen.

AHMED: Aber anderenfalls wären Sie vielleicht schon tot.

BAUMANN: Um so aussichtsloser. Ein echter Geschäftsmann macht seine Geschäfte zu Lebzeiten und mit dem Leben. Schließlich bin ich kein Bestattungsunternehmer. Ich schaffe für diese Möchtegern-Rebellen die Kohle ran, indem ich mich als Geisel filmen lasse, und im Gegenzug kassiere ich fünfundzwanzig Prozent vom Lösegeld.

AHMED: Wollen Sie denn nicht wieder nach Hause?

BAUMANN: Das schon. Irgendwann werde ich wohl müssen. Aber ehrlich gesagt, ein bisschen Urlaub von diesem öden Dasein daheim ist auch nicht schlecht. Ich bin achtundzwanzig Jahre verheiratet, da wünscht sich manch einer, dass er mal von zu Hause fortkommt, und sei es auch durch eine Entführung. Ich hab' hier alles, was ich brauche, Fernsehen, Telefon, meine Ruhe, die einheimische Küche ist ausgezeichnet, und unter uns gesagt, dieses Räubermädchen ...

AHMED: Laura?

BAUMANN: Ach, ihr kennt euch bereits?

AHMED: Nein, gar nicht, ich habe bloß ihren Namen gehört.

BAUMANN: Na, die ist ganz patent, kochen kann sie jedenfalls. Sonst weiß ich nicht, ist ja von dem Schakal, also vom Chef die Braut. Wenn ich mal Lust auf eine Frau habe, lass' ich mir einfach welche aus der Stadt kommen. Einige wissen schon genau Bescheid, wie das abläuft, mit Augen verbinden und so. Übrigens sieh dich vor, die Ratte ist angeblich schwul.

AHMED: Warum verraten Sie mir das alles?

BAUMANN: Warum nicht? Ist hier jemand, dem du es weitersagen könntest?

AHMED: Aber wenn der Meister, ich meine, wenn mein Vater uns mit dem Lösegeld freikauft, dann könnte ich es draußen erzählen.

BAUMANN: Schon möglich. Würdest du das machen? Ich habe dir doch nichts Böses getan.

AHMED: Aber die da. Die Ratte hat mir Todesangst eingejagt.

BAUMANN: Da hast du allerdings Recht; der treibt gern sein Spiel mit den Leuten. Und deshalb ist es auch gar nicht sicher, ob du jemals hier wieder wegkommst, ich meine lebend.

AHMED: Mister Baumann, Sie sind selbst nur eine Schein-Geisel, vielleicht schwindeln Sie mir bloß was vor, vielleicht ist das ja alles ...

BAUMANN: ... nur gestellt? Habe ich dir nicht vorhin gesagt, ich bin kein Bestattungsunternehmer?

AHMED: Ja, und, was hat das damit zu tun.

BAUMANN: Da, wo du drauf sitzt, ja, diese Kiste. Klapp' mal den Deckel auf. Was siehst du?

AHMED hebt mit gebundenen Händen den Deckel an: Einen schwarzen Plastiksack.

BAUMANN: Drück mal mit dem Finger drauf.

AHMED: Äh, seltsam weich.

BAUMANN: Kannst ruhig fest zudrücken, der merkt nichts mehr.

AHMED: Ist das ...? Eine Leiche?

BAUMANN: Wenn man einen jungen Mann mit drei Kopfschüssen, der nie mehr einen Sonnenaufgang erleben wird, so bezeichnen will, dann ist das eine hundertprozentige Leiche. Die Kiste wartet nämlich auf den Totengräber, deshalb steht die da.

AHMED: Und ich hab' mich auch noch draufgesetzt, wie gefühllos.

BAUMANN: Mach' dir keine Vorwürfe, ich habe mich mit dem sogar noch unterhalten.

AHMED: Als er noch lebte?

BAUMANN: Na klar. Ein bisschen war der genauso naiv wie du. Weißt du, diese Leute mögen zwar Idioten sein, aber sie sind unberechenbar, wenn es um ihren Vorteil geht, sie würden sich sogar gegenseitig umbringen, wenn es sein muss. Kannst du Dame spielen?

AHMED: Sie meinen, verkleiden?

BAUMANN: Ha ha, nein, du Witzbold, ich meine das Brettspiel Dame.

AHMED: Ja, kann ich. Aber es spielt sich schlecht mit gebundenen Händen.

BAUMANN: Ah, ich sehe schon, in dir steckt auch ein kleiner Geschäftsmann. Bis dein Vater zurückkommt, haben wir ein bisschen Zeit. Ich werde mal mit dem Schakal reden, ob er dir eine Erleichterung genehmigt, dann gönnen wir uns eine Partie.

LAURA: Essen ist fertig, Mister Baumann.

BAUMANN: Ah, Laura, wunderbar. Das ist übrigens Ahmed. Ihr müsstet eigentlich ungefähr gleichaltrig sein.

LAURA wirft Ahmed einen finsteren Blick zu: Schon möglich. Wenn er sich nicht ordentlich benimmt, ist er aber nie älter gewesen als jetzt.

BAUMANN: Oho, warum so grob.

LAURA: Seine Nase gefällt mir nicht. Kommen Sie jetzt?


 

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Siebente Szene

AHMED allein: Ich habe es vorausgesehen, dass es so kommen wird. Ich habe Meister Melospheros gewarnt, diese Räuber sind nicht zimperlich, und sie schrecken vor nichts zurück, um an Geld heranzukommen. Sollte ich auf den Meister warten? Oder doch versuchen, zu fliehen? Verdammt, ich weiß es nicht. Wie könnte ich überhaupt wegkommen? Mein kleiner Zauberstab für den Notfall ist futsch, damit hätte man sie wenigstens schläfrig machen können. Ich bin auch selber dran schuld, dass sie ihn gefunden haben. Aber immer noch besser, als alles zu vergessen. Ich glaube, der Meister wird wirklich alt. Wenn er mal nicht mehr da ist, bin ich sozusagen sein Nachfolger, puh, ganz schöne Verantwortung. Na, noch ist es nicht soweit. Und wenn er nun nicht zurückkommt? Ich meine, es kann ja auch sein, dass er aufgehalten wird oder findet den Weg hierher nicht mehr. Hat Mister Baumann nicht gesagt, sie würden morgen ihr Quartier irgendwo anders hin verlegen? Aber diesem gerissenen Kerl kann man nicht alles glauben. Vielleicht könnte ich ihn aber ausnutzen, um hier rauszukommen, wenn ich mit ihm gutstelle. Wenn er dafür sorgt, dass ich die Fesseln los werde, das wäre ein Anfang. Aber soll ich dem Fettsack eins über die Birne hauen? Eigentlich hat er mir ja wirklich nichts zu Leide getan. Ich wüsste auch gar nicht recht, in welche Richtung ich fliehen muss. Eins steht jedenfalls fest, ich werde mich hier nicht umbringen lassen und in einer schäbigen Holzkiste enden, so wie diese andere Geisel.

Georgie kommt mit Waffe im Anschlag angerannt.

Bulle? Was ist los?

GEORGIE: Duck dich und halt still. Oh fuck! Es ist nur eine Patrullje, fünf oder sechs, aber ... fuck! Rübe runter! Er schießt ziemlich wahllos in den Wald.

AHMED: Wo sind Schakal und die anderen?

GEORGIE: Haben sich drüben am Graben verteilt.

AHMED: Und Laura?

GEORGIE: Ist glaub ich auf'n Baum geklettert, um uns Zeichen zu geben, da ... hörst du?

AHMED: Der Vogel?

GEORGIE: Das ist Lauras Stimme.

Georgie ist mit der Abwehr der Angereifer beschäftigt, während Ahmed auf das Vogelstimmensignal horcht.

AHMED: Klingt eigentlich ganz hübsch.

GEORGIE: Ganz hübsch? Ich glaube, du spinnst, hast wohl schon 'n Lagerkoller. Das hier klingt hübsch, ihr Hurensöhne!

AHMED: Vielleicht hat jemand unser Versteck verraten.

GEORGIE: Das kann sein, dann heißt es heute Nacht wieder: die sieben Sachen packen und verduften.

AHMED: Du meinst, wir müssen woanders hin?

GEORGIE: Wenn du nicht morgen früh im Staatsgefängnis von San Christobal aufwachen willst, wirst du wohl deinen Arsch durch den Dschungel bewegen müssen.

AHMED: Warum sollte man mich einsperren? Ich bin schließlich eine Geisel.

GEORGIE: Rübe runter! Da, du Motherfucker, und dich auch, du ... du ...

AHMED: Flachwichser.

GEORGIE: Flachwichser! Danke. Siehst du, schon bist du fast einer von uns. Meinst, wir würden sagen, dass du unsere Geisel bist? Wären wir ja schön blöd.

AHMED: Das ist nicht fair.

GEORGIE: Nicht fair, nicht fair. Mitgefangen - mitgehangen.

AHMED: Warst du schon mal in San Christobal?

GEORGIE: Ja, da gibt es ein vorzügliches chinesisches Restaurang.

AHMED: Ich meine, im Gefängnis.

GEORGIE: Zweimal. Fünf-Mann-Zelle und miserables Essen. Scheinen sich verzogen zu haben.

AHMED: Was willst du eigentlich machen, wenn du hier fertig bist?

GEORGIE: Mit denen da?

AHMED: Nein, ich meine hier mit euren ganzen Aktionen. Irgendwann habt ihr doch sicher mal alles erledigt, ich meine, eure Ziele erreicht.

GEORGIE: Was für Ziele? Meine Ziele liegen hier auf der Linie, Kimme und Korn, und davor liegt mein Ziel.

AHMED: Willst du ewig Räuber bleiben?

GEORGIE: Ich bin noch nicht so alt, auch wenn ich ganz schön Masse habe. Außerdem bleibe ich nicht ewig Räuber, kann sein, dass ich bald Terrorist werde, habe da 'ne Stelle in Aussicht.

AHMED: Wenn wir von hier weggehen, kann es passieren, dass uns mein Vater nicht mehr findet, wenn er wiederkommt.

GEORGIE: Kann sein, was geht mich das an. Vielleicht war er es ja, der uns verraten hat.

AHMED: Das würde er nie tun.

GEORGIE: Ach hör doch auf! Jeder ist sich selbst der Nächste. Und wenn schon. Dann kannst du getrost bei uns bleiben, wir brauchen sowieso noch jemanden, der beim nächsten Terroranschlag das Auto fährt.

AHMED: Ich kann nicht Auto fahren.

GEORGIE: Kein Problem, das schaffst du, musst nur rechtzeitig aussteigen.

AHMED: Ich weiß nicht.

GEORGIE: Aber einen guten Rat geb' ich dir, wenn du mitmachen willst. Lass' die Finger von Laura, die gehört dem Schakal und keinem sonst.

AHMED: Ich habe überhaupt nichts gemacht.

GEORGIE: Um so besser. Der Schakal kennt da keinen Spaß. Ah, da singt ja unser Turteltäubchen wieder, das heißt, wir sollen uns sammeln. Hat sie nicht ein liebliches Stimmchen? Ha ha ha.


 

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Achte Szene

Baumann wartet auf einem Platz im Wald. Die anderen kommen mit Gepäck beladen.

BAUMANN: Da seid ihr ja endlich, ich sitze hier seit zwei Stunden im Dunkeln, heute ist das Eröffnungsspiel, hätte ich gewusst, dass ihr so lahmarschig seid, hätte ich den Fernseher selber mitgenommen.

AHMED: Wie sind Sie hergekommen?

BAUMANN: Mit der Linie zweiundzwanzig, Westkreuz umsteigen, ha ha. Nein, im Ernst, ich habe mich hergezaubert, es können nämlich auch andere Leute zaubern. Ja, da staunst du, was ich alles weiß. Der Baumann ist nicht so einfältig wie er tut.

AHMED: Ich kann nicht richtig zaubern.

BAUMANN: Natürlich nicht, sonst wärst du wahrscheinlich nicht mehr hier. Na, reden wir ein andermal darüber, gib mir den Fernseher, stell ihn dort hin, und die Schüssel nach da, ich glaube, da ist der Empfang am besten. Und nun hilf den anderen beim Aufbauen.


 

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Neunte Szene

Das neue Lager ist errichtet, genauso provisorisch wie alle vorigen. Ahmed allein und ziemlich unschlüssig. Laura kommt mit einem Teller.

LAURA unfreundlich: Hier, das ist für dich.

AHMED: Was ist das?

LAURA: Wofür hälst du's denn?

AHMED: Sieht aus wie Schweinefleisch, ich esse kein Schwein.

LAURA: Hast du Pech gehabt. Kannst dir ja 'n paar Blätter abrupfen, die hier sollen toll schmecken. Stellt den Teller hin und will gehen.

AHMED: Warte mal.

LAURA: Den Teller kannst du gefälligst selbst zurückbringen, aber picobello sauber.

AHMED: Ja ja. Was hast du gegen meine Nase?

LAURA: Was?

AHMED: Du hast gesagt, meine Nase gefällt dir nicht.

LAURA: Ich würde mich erschießen, wenn ich so'ne Nase hätte.

AHMED: Das sagst du doch jetzt nur, um mir zu imponieren.

LAURA zieht ihr Pistole: Wenn du noch weiter quatscht, mach' ich es für dich.

AHMED: Dann kannst du mir kein Essen mehr bringen.

LAURA: Du isst es ja sowieso nicht.

AHMED: Bist du schon lange dabei?

LAURA: Was soll die Fragerei? Ist das so was wie'n Verhör?

AHMED: Nee, nur Interesse.

LAURA: Du bist noch viel blöder, als ich dachte. Was sollte daran interessant sein.

AHMED: Ich frage mich nur, wie jemand wie du, ich meine, wie ein Mädchen, bei einer Räuberbande mitmacht.

LAURA: Wir sind keine Räuberbande, wir sind Revolutionäre.

AHMED: So wie Che Guevara?

LAURA: Zum Beispiel, der war auch einer von uns.

AHMED: Ist aber nicht gut dabei weggekommen.

LAURA ereifert sich: Du quatscht genauso dusslig wie mein Alter und diese ganze beschissene Kanaille, die mit ihren fetten Ärschen auf Ledersesseln im zehnten Stock irgendeines vollklimatisierten Tradecenters sitzen und nichts weiter zu tun haben, als für jede Million, die sie mit dem Öl, das sie aus Afrika herauspressen oder mit den Panzern, die sie an Diktatoren verscherbeln, einen Strich in ihre Bilanz zu machen. 'Ist nicht gut dabei weggekommen' Das soll wohl heißen: hat nichts abgekriegt vom großen Kuchen, ist für den armen Schlucker von der Tafel der Reichen und Mächtigen der Welt nichts abgefallen, nur Schalen und Knochen und Gräten, was jeder Hund verschmäht. Für so einen ist das wohl noch viel zu gut.

AHMED: Hui jui jui, du kannst ja ganz schöne Reden schwingen, du solltest Politikerin werden, anstatt ...

LAURA böse: Anstatt was? Du willst mir sagen, was ich zu tun habe?

Carlos kommt.

CARLOS: Was ist hier los?

LAURA: Der Blödmann wollte mich an­machen.

AHMED: Warum sagst du so was?

CARLOS: Das mag ich aber gar nicht gern, wenn jemand ein ehrenhaftes Mädchen belästigt, das zudem auch meine Braut ist.

LAURA: Er hat behauptet, das Essen wäre vergiftet.

Carlos pfeift Georgie und Fu Lin heran.

CARLOS: Haltet ihn fest. Die beiden halten ihn, während Carlos auf ihn einschlägt. Das soll fürs erste genügen. Ich hoffe, es war dir eine Lektion. Schüttet ihm den Teller mit Essen über den Kopf. Und das hier solltest du nicht ablehnen, wenn du es umsonst kriegst.


 

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Zehnte Szene

Wie zuvor; Ahmed allein; Baumann kommt.

BAUMANN: Was war denn hier los? Hola, warum heulst du? Hast du etwa Heimweh? Das geht vorbei. Wenn ich Heimweh habe, denke ich an meine Frau. 'Otto, der Rasen muss gemäht werden. Otto, der Wasserhahn tropft. Otto, es sind nur noch zwanzig Packungen Orangensaft im Keller, holst du frischen. Otto, schau mal, mein neues Kleid, habe ich mir bei Lagerfeld gekauft, hier hast du deine Kreditkarte wieder.' Na, nun hör mal wieder auf. Hast dich an dem Mädchen vergriffen?

AHMED: Zum Teufel, gar nichts habe ich getan. Diese Misthunde. Warum kommt Meister Melospheros nicht endlich wieder, ich will raus hier.

BAUMANN: Meister Melospheros? Etwa der Magier?

AHMED: Ach, was wissen Sie denn schon, Sie ... Ingenieur.

BAUMANN: Immerhin, ich habe einen Abschluss. Du bist, wenn ich recht verstehe, noch ein Lehrling.

AHMED beleidigt: Wenn ich wollte, könnte ich Ihr blödes Stromaggregat in einer Sekunde lahmlegen. Ich könnte Sie in ein Känguru verwandeln.

BAUMANN: Ja, wenn du deinen Abschluss hättest. Aber sag' einmal, was kannst du denn jetzt schon so alles?

AHMED: Ich sag' kein Wort mehr, hier kann man keinem trauen.

BAUMANN: Das ist wahr, aber das kann man nirgends. Ich will dir bloß sagen, mach' keine unüberlegten Sachen. Ich meine nicht bloß, mich in ein Känguru verwandeln und so. Wenn du wirklich so was kannst, und du machst es mutwillig, ohne die Folgen recht zu bedenken, kann das ein großes Unheil herbeiführen.

AHMED: Jetzt reden Sie wie mein Meister.

BAUMANN: Siehst du, also solltest du es beherzigen. Fu Lin taucht auf. Was machst du hier, Ratte?

FU LIN: Nichts.

BAUMANN: Hast du gelauscht?

FU LIN: Wobei? Ich wollte nur sehen, wie es unserm kleinen Gefangenen geht. Hebt unsanft Ahmeds Kopf an. Och, sieht doch gar nicht so schlimm aus. Wenn ich zugeschlagen hätte ...

BAUMANN: Ist gut, wir wissen es noch vom letzten Mal.

FU LIN: Er leider nicht.

Ahmed spuckt Fu Lin ins Gesicht.

BAUMANN: He, Junge, lass das. Ich versuche hier Streit zu schlichten, und du benimmst dich ...

FU LIN: ... wie einer, der kaum die nächste Tracht Prügel erwarten kann. Übrigens, von deinem Alten fehlt jedes Zeichen, glaube nicht, dass er zurückkommen wird. Tja, dann heißt es auch für uns, von dir Abschied zu nehmen.

BAUMANN: Lass ihn in Ruhe. Und du hör endlich auf zu flennen, das geht einem ja auf den Sack.


 

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Elfte Szene

Lagebesprechung der Räuber.

CARLOS: Die Aktion startet am Freitag um elfuhrdreißig. Wir arbeiten mit der Gruppe von Omar ben Abbas zusammen, die sprengen zeitgleich das Hilton in die Luft.

GEORGIE: Was ist'n das Hilton?

LAURA: Das größte Hotel am Ort.

CARLOS: Wir machen alles so wie abgesprochen, nur dass sich der Zeitplan geändert hat.

GEORGIE: Können wir nicht dieses Hotel übernehmen, Schakal?

LAURA: Damit du erst mal die Küche plünderst.

GEORGIE: Wenn sowieso alles in die Luft fliegt, ist doch schade drum.

CARLOS: Nichts da.

GEORGIE: Immer machen wir alles bloß kaputt. Nich' mal das Auto können wir behalten, geht auch mit drauf. Der Omar ben Abbas, der hatte letztens bei seinem Anschlag 'nen Eselskarren benutzt. Karre vollbepackt mit Sprengstoff, 'n paar Holzlatten drüber gedeckt, ist der durch jede Straßensperre durchgekommen. Und nachher, als das Ding hochgegangen ist, zweiundzwanzig Tote und 'n fünfstöckiges Haus in Trümmern, aber der Esel hat überlebt, hat nicht mal 'n Brandblase gehabt, nicht mal die Mähne versengt. Heißt das Mähne beim Esel, Laura?

FU LIN: Wir haben aber keinen Esel, wir haben einen Toyota, und den brauchen wir hinterher nicht mehr.

GEORGIE: Nee, dann ist der auch nicht mehr zu gebrauchen. Aber ist doch wahr. Wann machen wir mal richtige Beute. Wie ich klein war und von den Räubern im Tiborger Wald gehört hab', also von unsern Vorgängern sozusagen, da hab' ich immer Bauklötze gestaunt, was die für Beute gemacht haben.

LAURA: Das waren andere Zeiten, Bulle. Die haben mit egoistischen Motiven gehandelt.

GEORGIE: Kann ich mich nicht erinnern, dass die auch mit was gehandelt haben.

LAURA: Wir haben heute ganz andere Ziele.

GEORGIE: Jetzt fängst du auch noch damit an. Der Junge hat schon so was von Zielen gefaselt.

CARLOS: Verdammt noch mal, was ist nur mit diesem Jungen, was für eine Giftkröte haben wir uns da eingefangen.

FU LIN: Ich habe dich gleich gewarnt, Schakal. Hätten wir ihn mal kaltgemacht, als es noch Zeit war.

CARLOS: Dafür ist immer noch Zeit.

FU LIN: Dann lass' mich's jetzt tun.

LAURA: Was hat er denn gesagt?

GEORGIE: Hat mich gefragt, was ich machen werde, wenn das alles mal vorbei ist.

FU LIN: Der will wissen, wohin wir nach dem Anschlag gehen, um es den Amis zu verraten. Und wie er immer mit dem Baumann zusammenkungelt und plaudert, das gefällt mir auch nicht.

GEORGIE: Mister Baumann ist doch kein Ami, das is'n Deutscher.

FU LIN: Das ist alles eine Brut, wenn es darum geht, uns zu vernichten.

CARLOS: Ich will jedenfalls unter keinen Umständen, dass die Aktion wegen so einem Milchgesicht gefährdet wird.

FU LIN: Eben, deshalb lieber gleich eliminieren.

LAURA: Aber der Alte ist noch nicht zurück, solange sollten wir warten.

FU LIN: Da kannst du lange warten, bis der wiederkommt.

CARLOS: Ratte hat Recht, wir dürfen uns nicht von falschen Erwartungen hinhalten lassen. Okay, das Geld könnten wir dringend gebrauchen, aber so ein kleines Miststück macht uns mehr Schaden.

FU LIN: Außerdem denke ich, Baumann könnte uns mit seinem Ersparten aushelfen.

GEORGIE: Du glaubst, der rückt seine Kohle für uns raus? Und bezahlt damit einen Toyota, von dem 'n ausgebranntes Wrack übrig bleibt?

FU LIN: Ich würde ihn schon davon überzeugen.

LAURA: Lasst uns bis morgen abwarten, vielleicht kommt der Vater von dem Jungen bis dahin doch noch. Dann kriegen wir das Geld und jagen die beiden zum Teufel, dann sind sie bei der Aktion nicht mehr hier.

FU LIN: Weshalb nimmst du soviel Rücksicht auf das Bürschchen und den Alten? Bei den anderen hast du weniger Mitgefühl gezeigt.

LAURA: Was willst du damit sagen?

FU LIN: Gar nichts. Schakal, entscheide du.

CARLOS: Wir warten bis morgen zwöf Uhr. Wenn der Alte nicht da ist, gebe ich dir freie Hand, Ratte, die Sache zu erledigen.

FU LIN: Mit Vergnügen, Schakal.

CARLOS: Morgen zwölf Uhr, keine Minute eher, verstanden!

FU LIN: Ja ja.


 

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Zwölfte Szene

Ahmed allein; Laura kommt.

LAURA: Hallo.

AHMED knurrig: Hallo.

LAURA: Wie geht's?

AHMED: Hier ist der Teller zurück. Ich habe ihn saubergemacht.

LAURA: Es tut mir Leid.

AHMED: Was? Dass ich es nicht gegessen habe?

LAURA: Das mit dir und Schakal.

AHMED: Das tut dir Leid? Du hast doch behauptet, ich hätte dich angemacht. Warum hast du das getan?

LAURA: Weiß nicht.

AHMED: Ach ja? Aber sonst weißt du alles ganz genau.

LAURA: Was denn?

AHMED: Zum Beispiel was andere Leute denken.

LAURA: Du meinst die Kapitalistenschweine, die Militaristen und Neokolonialisten, die ...

AHMED: Hör auf damit, du musst mich nicht überzeugen.

LAURA: Davon nehme ich kein Wort zurück.

AHMED: Woher willst du das alles eigentlich so genau wissen?

LAURA: Wo lebst du denn? Da braucht man bloß mit offenen Augen in die Welt zu schauen, siehst du das nicht? Jeden Tag sterben in Afrika tausende Menschen, weil sie nichts zu essen bekommen haben. Und gleichzeitig werden dort tausende Tonnen von Öl gefördert, damit auf den Highways in Amerika die Autos fahren können. Die Seelen dieser Menschen werden durch den Auspuff gejagt.

AHMED: Und du meinst, wenn ihr noch ein paar Leute mehr umlegt, wird sich daran was ändern.

LAURA: Das ist nicht unsere Absicht, es ist nur ein vorübergehendes Stadium des Befreiungskampfes. Mir gefällt das auch nicht, es belastet mich sehr. Man muss die Menschen dazu bringen, dass sie verzichten.

AHMED: Worauf?

LAURA: Auf alles, was überflüssig ist, was zum Leben nicht nötig ist und nur nötig scheint, aber in Wahrheit erschwert es das Leben, und irgendwann ist es sogar schädlich. Man handelt nur noch, um seine niederen, sinnlosen Bedürfnisse zu befriedigen und man bezahlt dafür einen Preis, der in keinem Verhältnis steht. Man lebt nur noch auf Kosten anderer und nimmt in Kauf, dass sie dabei zu Grunde gehen. Du siehst nicht das Elend, das du in Wirklichkeit mit deinem eigenen Handeln anrichtest, weil sie es verschleiern.

AHMED: Wer?

LAURA: Alle, die daran verdienen. Die an dir verdienen, indem sie dir einreden, was du unbedingt brauchst, was du sofort kaufen musst, nur damit sie an deine Kohle rankommen. Ist dir bewusst, dass die Turnschuhe, die du anhast, vielleicht von Kindern zusammengenäht wurden, jeder Fußball, mit dem du spielst, wahrscheinlich von Kindern hergestellt wird, unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen, wie Sklaven. Sie selbst haben keine freie Minute frei zum Spielen, weil sie sich zwölf, sechzehn Stunden täglich abrackern müssen, aber für die Footballstars, die dann damit bei den Meisterschaften auftreten, werden Millionen Dollars verpulvert.

AHMED: Nicht jeder Fußball wird von Kindern produziert.

LAURA: Freilich nicht. Du kannst ebensogut Teppiche, Spielzeug, Klamotten, Taschen nehmen; Tee, der tonnenweise von Kindern oder von Häftlingen gepflückt wird. Baumann hat sich letztens eine 'echt bayerische' Lederhose hier auf dem Markt gekauft; die Männer, die das Leder gerben, werden krank von dem Gift und viele sterben, bevor sie dreißig sind und eine eigene Familie gründen können.

AHMED: Und ihr wollt uns sagen, was nützlich und was schädlich ist, worauf wir unbedingt verzichten müssen, oder was wir behalten dürfen? Ihr macht dann überall euern Stempel drauf: 'Erlaubt!' oder 'Weg damit!' Ist das nicht eine ganz schöne Anmaßung?

LAURA: Niemand hat behauptet, dass wir es gern tun, aber der Kampf wird uns aufgezwungen.

AHMED: Ich glaube, mich laust der Affe. Wenn ich die Ratte anschaue, kommt es mir schon so vor, als würde es ihm Spaß machen, mit seiner Knarre herumzuballern. Ihr nehmt euch einfach das Recht, andere Menschen umzubringen, die ihr noch nicht mal kennt.

LAURA: Wir bezahlen einen hohen Preis dafür. Oder meinst du, dieses Leben hier wäre besonders angenehm?

AHMED: Nein, aber für mich auch nicht, obwohl ich ganz anders denke als ihr. Im Grunde handelt ihr doch nicht anders als eure Feinde. Mit Gewalt und Terror kannst du bestimmt keine gerechte Welt schaffen.

LAURA: Ach was? Aber mit Zauberei wohl?

AHMED: Nein, damit auch nicht. Mein Meister hat mich gelehrt, dass man, anstatt das Schlechte mit Gewalt zu bekämpfen, das Gute mit Liebe schaffen soll.

LAURA: Das hört sich vielleicht ganz edel an, aber ist das nicht unmöglich? Man braucht doch nur damit anzufangen, und schon wird man niedergemacht und ist erledigt, noch bevor man die erste gute Tat vollbracht hat. Wenn du dich nicht wehrst und nicht kämpfst, hast du keine Chance zu überleben.

AHMED nach einer Pause, in der beide schweigen und Laura mit dem Finger auf dem leeren Teller Kreise zieht: Hast du schon mal was anderes gemacht? Ich meine, bevor du hierher gekommen bist.

LAURA: Ich bin mit vierzehn von zu Hause abgehauen.

AHMED: Warum? Wolltest du was erleben?

LAURA: Hab's nicht mehr ausgehalten. Meine Eltern sind unerträglich, meine Mutter ist eine raffgierige dämliche Ziege, mein Vater ist ein Verbrecher.

AHMED: Ist er auch Terrorist?

LAURA lacht: Nein, im Gegenteil, er ist der Gefängnisdirektor von San Christobal.

AHMED: Hui, da hast du ja Chancen, bei deinem Vater im Haus eine Zelle zu mieten.

LAURA sachlich: San Christobal ist ein Männergefängnis.

AHMED: Und solche Leute meinst du mit Militaristen?

LAURA: Ja, und alle die daran verdienen. Wie unser Mister Baumann, der hat nämlich die Heizungsanlage in San Christobal konstruiert und seine Firma hat sie gebaut.

AHMED: Aber von Baumann profitiert ihr doch selbst.

LAURA: Ich weiß das. Aber auch das ist nur vorübergehend.

AHMED: Und was ist deiner Meinung nach nicht bloß vorübergehend?

Baumann kommt mit einem Damespiel.

BAUMANN: Wie wär's mit einer Partie Dame, mein Junge? Oder störe ich?

LAURA, noch bevor Ahmed etwas erwidern kann: Ich muss sowieso gehen.


 

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Dreizehnte Szene

Abend im Lager. Ahmed allein. Auf der einen Seite im Hintergrund eine Feuerstelle. Man hört Carlos und die anderen reden; es wird wohl auch dabei getrunken. Auf der anderen Seite Baumanns Fernseher, aus dem ein Fußballspiel übertragen wird. Ahmed unschlüssig. Steht auf, geht ein paar Schritte, horcht auf die Gespräche der Räuber, setzt sich wieder hin, als würde er auf etwas warten.


 

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Vierzehnte Szene

Tag im Lager. Sonnenschein durch die Baumkronen, Vogelgezwitscher. Ahmed allein. Laura kommt wie zufällig vorbei, als müsste sie was besorgen.

AHMED: Hallo.

LAURA: Hallo.

AHMED: Schönes Wetter heute.

LAURA: Hm, finde ich auch. Sie tut so, als suche sie was in ihren Taschen.

AHMED: Suchst du was?

LAURA: Nö. Nicht so wichtig, muss bloß was erledigen.

AHMED: Bleib' doch 'n Augenblick. Es ist so langweilig allein. Laura zögert anscheinend.

LAURA: Okay, aber nicht lange. Sie setzt sich neben ihn.

AHMED: Soll ich dir was von mir erzählen? Aber nicht, dass ich danach wieder zusammengeschlagen werde.

LAURA schüttelt mit den Kopf: Stimmt es, dass dein Alter 'n Zauberkünstler ist und du bei ihm lernst?

AHMED: Na ja, was verstehst du unter einem Zauberkünstler?

LAURA: Wie die, die in Vegas auftreten bei den Shows in den Spielcasinos.

AHMED: Genau, Siegfried und Roy, das sind meine Stiefbrüder.

LAURA erstaunt: Ehrlich?

AHMED: Quatsch. Mein Meister war nie in Las Vegas. Höchstens dass er jetzt dort ist, um unser Lösegeld zusammenzukriegen. Na, du hast gut Lachen, ihr wollt ja die Kohle haben.

LAURA: Kannst du echt zaubern?

AHMED: Wenn ich will.

LAURA: Das glaub ich nicht, zeig mir was!

AHMED: Man zaubert nicht zum Scherz.

LAURA protzig, mit gezogener Pistole: Das ist kein Scherz. Ich sage dir: zauber was!

AHMED: Das ist ein schlechter Scherz.

LAURA steckt das Ding schnell wieder ein: Entschuldige. Manchmal benehme ich mich daneben. Es kommen nicht viele Leute her, die ...

AHMED: Die was?

LAURA: Die zaubern können. freundlich: Deshalb bitte ich dich darum.

AHMED: Was willst du denn sehen? Einen Funkenregen nach einem Rezept aus der Tabula Smaragdina?

LAURA: Was?

AHMED: Das ist ein berühmtes Zauberbuch.

LAURA: Da kann man Smaragde damit herzaubern? singt: Diamonds are the girl's best friends.

AHMED ironisch: Hey, bitte, keinen unnötigen Luxus.

LAURA: Du hast Recht. Also kannst du machen, dass der alte knorrige Ast dort wieder grüne Blätter hat?

AHMED: Ein guter Wunsch, ich versuch's. Er macht ein paar zauberhafte Gesten. Dazu ertönt eine kurze Mischung aus Geräuschen und Klang. Aus dem Ast sprießen Blätter.

LAURA beeindruckt: Whoau, das ist ja phänomenal.

AHMED: Und zur Ehre einer Dame aus dem Publikum auch noch ein paar Blüten dazu. Es wachsen farbenfrohe Blüten.

LAURA: Die sind wunderschön. Das war jetzt echt nur für mich gezaubert?

AHMED: Bei jemand anderem hätte es gar nicht geklappt.

LAURA überlegt: Kannst du noch was zaubern?

AHMED: Du weißt doch, man hat immer drei Wünsche frei.

LAURA: Kannst du was an mir selber verzaubern?

AHMED: Was soll'n das sein?

LAURA: Sieh mich mal an.

AHMED schaut ihr ins Gesicht, das sie ihm zuwendet: Ja und.

LAURA: Fällt dir nichts auf?

AHMED: Nö. Willst du jetzt hören, dass du hübsch bist?

LAURA: Rede kein Scheiß. Meine Augen, die sind verschieden.

AHMED bedeutsam: Ah ja, ein rechtes und ein linkes, du bist ein anatomisches Phänomen.

LAURA: Mann, die eine Pupille ist grün, die andere braun.

AHMED: Das gibt es oft.

LAURA: Ich finde es blöd, kannst du das anders machen?

AHMED: Wie willst du's denn? Beide grün oder beide braun.

LAURA: Beide grün.

AHMED: Ich brauche irgendwas von dir.

LAURA: Wie, was von mir? Meinen Namen oder so?

AHMED: Der ist Laura. Nein, was Persönliches, 'n Taschentuch zum Beispiel.

LAURA: Hab' ich, hier, ist noch ganz sauber.

AHMED: Gut. Er breitet das Tuch sorgfältig auf seinen Knien aus.

LAURA: Oder doch lieber beide braun, das passt besser zu meinem Wesen. Zu meinem wahren Wesen. Was muss ich jetzt machen?

AHMED: Still sein und ruhig sitzen. Ich muss mich erst konzentrieren.

LAURA zwischen den Zähnen: Tut das weh?

AHMED: Das Konzentrieren?

LAURA: Das mit den Augen.

AHMED: Ich denke nicht. Hab's aber noch nie gemacht. Er trifft einige Vorbereitungen.

LAURA: Ich bin jetzt still.

AHMED: Gut.

LAURA: Ahmed?

AHMED schon sehr konzentriert: Hm.

LAURA: Kannst du's noch abbrechen?

AHMED: Warum?

LAURA: Ich hab' mir's anders überlegt.

AHMED: Doch beide grün?

LAURA: Ne, gar nicht. Ich will sie so lassen, wie sie sind.

AHMED bricht seine Zauberei ab und steckt das Taschentuch ein: Finde ich auch besser.

LAURA: Das sagst du jetzt bloß, weil's sowieso nicht geklappt hätte.

AHMED schaut sie an: Nein ehrlich, ich find's schön so.

LAURA wendet sich schnell ab: Pfff. ernst: Ich muss dir was sagen. Carlos will bis morgen um zwölf warten. Wenn bis dahin dein Meister nicht zurück ist, dann ...

AHMED: Was dann?

LAURA: Bestimmt kommt er morgen früh.

AHMED besorgt: Und wenn nicht?

LAURA: Warum zauberst du dich eigentlich nicht einfach frei?

AHMED: Das geht nicht so einfach. Außerdem habe ich Meister Melospheros versprochen, nicht zu zaubern.

LAURA: Und was war das vorhin?

AHMED: So kleine Sachen aus Spaß, das geht schon.

LAURA: Ach, das war bloß so'n Joke, um die dumme Laura zu beeindrucken?

AHMED: Das ist nicht wahr. Fang nicht wieder an, irgendwelches Zeug zu behaupten. Ich habe das gern gemacht, und damit es dir gefällt.

LAURA nach einer Pause, in der beide die Ruhe genießen: Ich muss gehen. Willst du was zu essen?

AHMED: Was gibt's denn?

LAURA spitz: 'Was gibt's denn?' Wir sind hier nicht im Viersternehotel. Es gibt Huhn.

AHMED: Lecker.

LAURA: Dauert aber noch 'ne Weile.

AHMED: Soll ich dir helfen?

LAURA: Lieber nicht.

AHMED: Wieso, ich kann auch kochen.

LAURA: Nicht deswegen. Übrigens, habe ich jetzt noch einen Wunsch frei?

AHMED: Natürlich. Du solltest ihn dir gut überlegen.

LAURA: Mach' ich.


 

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Fünfzehnte Szene

Die Räuber und Baumann am Tisch.

BAUMANN: Hmm, das Essen war köstlich, Laura, du hättest bei mir zu Hause als Köchin arbeiten können. Du kannst Suppe, Fleisch, Gemüse zubereiten, alles, was man bei uns gern isst. Manieren hast du auch, Reinlichkeit, eine dezente Zurückhaltung, ja ja, dezent kann man das nennen, und höflich kannst du auch sein, das ist vor allem bei Gästen wichtig. Nur in deinem Kampfanzug kannst du natürlich nicht servieren, von der Pistole ganz zu schweigen. Da würden sie uns in Deutschland gleich alle verhaften, 'beim Otto Baumann im Hause ist eine terroristische Zelle' würde es heißen. Wenn da Kaninchenbraten serviert wird, würde das Einsatzkommando denken, das arme Vieh ist vollgestopft mit Plastiksprengstoff, und der Nudeleintopf ist eine Splitterbombe mit Nägeln und Schrauben statt Spirelli. Bei uns zu Hause sind sie da sehr empfindlich geworden. Da reicht es schon, wenn du mit einem vollgepackten Rucksack durch die Stadt läufst, und die Polizei schöpft Verdacht. Was macht der mit einem Jack-Wolfskin-Antarktis-Rucksack mitten in Berlin? Das ist doch sehr verdächtig.

CARLOS: Was würde man denn für so'n Mädchen in Deutschland zahlen?

BAUMANN: Als Dienstmädchen?

CARLOS: Zum Beispiel.

LAURA: Willst du mich etwa verhökern, Schakal? Ich bin nicht deine Sklavin.

CARLOS: Halt' dich da raus.

BAUMANN: Na ja, als Dienstmädchen kommt nicht viel bei rüber. Aber mit so einer kann man auch noch anderweitig Geld machen.

LAURA: Als Hure, sagen Sie's nur. Dann brauchen die geilen deutschen Säcke nicht mehr so weit zu reisen, um Minderjährige zu missbrauchen.

BAUMANN: Wegen dir kommt niemand hierher gereist. Außerdem bist du schon volljährig. Das macht die Einreise nach Deutschland in gewisser Hinsicht einfacher. Ein ordentlicher Pass, eine harmlose Besuchsadresse, und sie ist erst mal drin. Wenn du interessiert bist, Schakal, könnte ich mal meine Beziehungen spielen lassen.

LAURA: Mister Baumann, Sie sind ein Widerling.

BAUMANN: No no. Ich denke auch an dich und deine Zukunft; schließlich seid ihr hier ein Entwicklungsland, und werdet es wohl auch bleiben, dafür sorgen wir schon.

CARLOS: Lassen wir das. Wie spät ist es?

LAURA: Muss zehn durch sein.

BAUMANN: Was? Der Chef hat keine Uhr? Ihr verwendet hoffentlich keine Zeitzünder?

CARLOS: Ich hatte meine eben noch ...

GEORGIE: Meine ist auch weg.

LAURA: Ich habe eure Uhren. Zum Saubermachen.

GEORGIE: Was macht man denn mit 'ner Uhr sauber?

LAURA: Mensch, Bulle, die Uhren hab' ich saubergemacht. Die waren so dreckig, dass man das Zifferblatt nicht mehr sehen konnte.

BAUMANN: Also, ich habe hier eine russische Armbanduhr, die ist angeblich extra für Tschetschenienkämpfer konstruiert worden, mit Kompass und Entfernungsmesser und allem, und hier ist sogar eine kleine Anzeige, wo vermerkt wird, wieviel feindliche Rebellen man abgeknallt hat.

FU LIN: Das habe ich auf meinem Gewehrgriff eingekerbt.

BAUMANN: Das machen die, die nicht bis drei zählen können. Der moderne Terrorist benutzt diese Uhr. Sonderangebot. Nur solange der Vorrat reicht.

LAURA: Ihr könnt eure Uhren übrigens wiederhaben, sie sind alle gereinigt.

BAUMANN: Verdirbt mir die Grille doch das Geschäft!

CARLOS: Halb elf ist es erst?

GEORGIE: Bei mir auch.

CARLOS: In zehn Minuten letzte Lagebesprechung. Mister Baumann, ich muss Sie auffordern sich zu entfernen.

BAUMANN: Geh' ja schon. Trotzdem, das Essen war gut.


 

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Sechzehnte Szene

Ahmed allein; Baumann kommt.

BAUMANN: Ah, unser Zauberlehrling! So ganz in Gedanken versunken. Wohl in Fluchtgedanken, haha. Wie stehen die Sterne, junger Freund?

AHMED in Gedanken: Was?

BAUMANN zeigt nach oben: Die Sterne, da? Es kommt doch immer viel auf die Konstellation an, denke ich.

AHMED aufmerksam: Konstellation? Ja, richtig.

BAUMANN: Ich bin ja unter einem außerordentlich günstigen Stern geboren. Zur Stunde meiner Geburt stand Merkur...

AHMED: Wie spät ist es, Mister Baumann?

BAUMANN: Du hast keine Uhr?

AHMED: Ich will nur wissen, wie spät es jetzt ist.

BAUMANN: Genau oder in etwa?

AHMED: So genau wie möglich.

Baumann gibt ihm die Uhr, Ahmed denkt angestrengt über etwas nach.

BAUMANN: Der ist ja völlig durch den Wind, der Ärmste.

AHMED für sich:... Und wenn ich es doch tue? Aber ich habe es dem Meister versprochen. Verdammt, wenn er nur käme. Ich weiß gar nicht, ob ich's zusammenkriege ...

BAUMANN: Du kannst sie behalten, ich verspüre heute eine unwiderstehliche Großzügigkeit.

AHMED: Was?

BAUMANN: Ich schenke dir die Uhr.

AHMED: Danke.

BAUMANN: Wenn die Batterie leer ist, kommst du zu mir, ich habe das Alleinvertriebsrecht für diese Batterien. Was murmelst du denn da dauernd vor dich hin?

AHMED: Aber die steht ja.

BAUMANN: Oh, dann ist sicher die Batterie leer. Ich könnte dir einen Fünferpack zum Vorzugspreis ...

Ahmed lässt ihn stehen und geht.


 

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Siebzehnte Szene

Lagebesprechung der Räuber; alle sind gerüstet.

CARLOS: Steht das Fahrzeug bereit, Bulle?

GEORGIE: Aufgetankt und startklar, Schakal.

CARLOS: Habt ihr euch die Fahrtroute eingeprägt?

FU LIN: Hab ich hundertprozentig im Kopf. Die Verbindung zu Omar ben Abbas' Leuten steht, absolut abhörsicher. Er lädt seine Maschinenpistole durch. Ich kann's wieder mal kaum erwarten.

CARLOS: Immer mit der Ruhe. Noch mal: was macht ihr, nachdem das Ei gelegt ist?

FU LIN: Wir laufen bis zur Empire Station, nehmen die drei bis Sakutala Road und steigen dort in den Wagen.

CARLOS: Laura, du hast die Tickets für die Fähre?

LAURA: Hier.

CARLOS: Gut. Dann treffen wir uns alle x plus hundertzwanzig am ...

Ahmed kommt.

CARLOS ärgerlich: Was willst du hier?

AHMED: Ich ...

FU LIN: Jetzt hat das Schwein alles gehört.

AHMED: Ich wollte bloß fragen, ob mein Meister schon angekommen ist.

FU LIN springt auf: Schakal, lass mich die Sache jetzt regeln.

AHMED leise zu Laura: Wie spät ist es?

CARLOS: Was meint er mit 'sein Meister'? Ist das nicht sein Vater gewesen?

FU LIN: Er hat uns von Anfang an belogen. Die beiden sind so was wie Zauberkünstler, die sich mit irgendwelchem Hokuspokus über Wasser halten. Der Alte hat keinen Pfennig Lösegeld auftreiben können.

AHMED: Das ist nicht wahr, wir haben reiche Freunde in der Stadt.

FU LIN nimmt seine Waffe in Anschlag: Er hört nicht eher auf zu lügen, bis ich ihm das Maul endgültig stopfe.

CARLOS: Es ist aus und vorbei mit dem Schwindel. Der Alte kommt nicht, und du weißt zuviel. Du hast es dir selber zuzuschreiben, was jetzt mit dir passiert.

LAURA: Wartet. Wenn er wirklich zaubern kann, könnte er uns noch nützlich sein.

FU LIN giftig: Bis jetzt bist nur du ihm nützlich gewesen. Deine kleine brave Braut hat sich nämlich ganz angeregt mit ihm unterhalten.

CARLOS: Stimmt das?

LAURA: Unsinn!

FU LIN: Und was ist das? Sieht verflucht nach einem Taschentuch von dir aus.

CARLOS: Woher hast du das, Ratte?

FU LIN: Es war bei dem Jungen.

CARLOS: Woher hatte er das, Laura?

AHMED: Ich hab's geklaut.

GEORGIE: Oh oh, mit Taschentüchern fängt es an, dann kommen bald die Schlüpfer dran. verblüfft: Das reimt sich, ich bin ein Dichter.

FU LIN: Dann haben wir ja einen rechtmäßigen Grund, ihn hinzurichten, wegen Kameradendiebstahl.

GEORGIE: Ich könnte eine Grabrede für ihn dichten.

LAURA: Er hat es von mir.

CARLOS: Du hast es ihm selbst gegeben?

FU LIN: Schakal, ich würde mich an deiner Stelle vor den beiden in Acht nehmen, die machen gemeinsame Sache, wenn wir sie jetzt nicht auseinander bringen.

LAURA: Du elende Ratte, du willst nur selber an Schakals Platz. Die ganze Zeit versuchst du, zwischen uns Zwietracht zu säen und uns gegeneinander aufzuhetzen.

GEORGIE: Das war gut gesprochen, aber ich finde nicht, dass mich Ratte aufhetzt.

LAURA: Du brauchst ja auch nur dein Fressen, dann bist du zufrieden.

GEORGIE: Na und? Was ist daran schlecht? Es kann nicht jeder auf Schönheitskönigin machen. Hey, Kleiner, du willst doch nicht etwa weglaufen? Dafür ist es jetzt zu spät.

CARLOS: Wenn es stimmt, dass du zaubern kannst, dann beweise es.

AHMED: Niemals.

FU LIN: Stopfen wir ihm das Lügenmaul!

CARLOS zückt plötzlich ein Messer und hält es Laura an den Hals: Beweise es, oder ich werde der hübschen Laura was antun. Georgie lacht dreckig.

LAURA: Bist du verrückt, Schakal, lass mich los.

AHMED: Hört auf!

LAURA zu Ahmed: Fall' da nicht drauf rein!

AHMED: Ich mache euch ein Angebot: Ich zaubere euch einen Schatz her, und ihr lasst dafür Laura und mich frei.

CARLOS: Warum sollten wir darauf eingehen, wir können dich sofort umlegen.

AHMED: Dann bekommt ihr den Schatz nicht.

FU LIN: Was für ein Schatz ist das?

AHMED wendet sich bei der Aufzählung an jeden einzelnen: Man nennt ihn 'Die Vier Kostbarkeiten', er verhilft zu großem Reichtum und zu Macht. Man hat damit Geld im Überfluss, Essen und Trinken soviel man nur will, und eine unbesiegbare Waffe im Kampf gegen andere.

CARLOS stößt Laura weg: Die Schlampe kannst du gleich haben, ich habe sie sowieso satt.

GEORGIE schnalzt mit der Zunge: Dann kann sie ja meine Braut werden.

FU LIN: Also los, gib uns diese Kostbarkeiten!

AHMED: Und ihr lasst uns gehen?

CARLOS: Einverstanden. Jetzt mach' schon, wir haben keine Zeit.

AHMED: Dann beginne ich. Er zelebriert die ersten Gesten.

GEORGIE: Das sieht aber noch sehr mager aus.

CARLOS: Halt's Maul, Bulle.

Während des Zaubers entwickelt sich die Szene zu einem beeindruckenden Spektakel. Die Räuber sind stumm vor Staunen. Ahmed übertönt alles mit seinen Beschwörungen.

AHMED: Aronda kausa buglibuma! ... Savantas megapontus talim talum! ... Irisprufens allamista taut korrelium naron! ... Podpodera rurus in orefant segudlaris! ... Kauda demur foldarecur setens meriboh ... Astflie rotunobar drobar dro

Ahmed teilt die Kostbarkeiten zu, die nacheinander vom Himmel fallen. Ein Esel fällt herab.

AHMED: Das ist für dich, Schakal!

CARLOS: Willst du mich verarschen, Kerl! Was soll ich mit einem stinkenden Esel!

AHMED seine Beschwörungen nicht unterbrechend: Zieh ihn am Schwanz, und du wirst sehen, was für ein wertvolles Tier es ist.

Aus dem Hintern des Esels fallen Geldstücke.

CARLOS: Oho, Geld! Geld und noch mehr Geld.

Ein Tisch fällt herab.

AHMED: Das ist für dich, Bulle. Schlage mit der Faust auf den Tisch.

Georgie tut es, und der Tisch ist gedeckt mit köstlichsten Speisen und Getränken.

GEORGIE: Ochsenschwanz und Leberkäse! Das ist ja vom Allerfeinsten.

AHMED: So oft und so viel du willst.

FU LIN: Was ist mit mir?

Eine riesige Keule fällt Fu Lin vor die Füße.

AHMED: Eine Keule, die deinem Gegner den Garaus macht, ohne dass du nur einen Finger rührst. Sage einfach 'Knüppel voran!'

FU LIN schwingt die Keule: Knüppel voran! Ha ha ha, großartig! Die Keule haut Georgie auf den Rücken.

GEORGIE, der sich gierig über sein Essen hermacht: Aua! Hey, lass das, Ratte.

FU LIN begeistert: Wie kriegt man ihn wieder zur Ruhe?

AHMED: Sage 'Knüppel still'. Aber er hört nur auf dich.

FU LIN: Knüppel still! Knüppel voran! Knüppel still! Knüppel voran! Knüppel still!

Der Zauber ist beendet; Ahmed sinkt erschöpft zu Boden. Laura wischt sich Tränen vom Gesicht.

CARLOS häuft die Geldstücke zu Türmen: Zehntausendzweihundertfünfzig, zehntausendfünfhundert, zehntausendsiebenhundertfünfzig ...

GEORGIE zufrieden: Du, Schakal.

CARLOS: Stör' mich jetzt nicht, ich muss Geld zählen.

GEORGIE mit vollem Mund: Ich wollte dir bloß sagen, dass ich nicht mehr mitmache.

FU LIN: Wobei?

GEORGIE: Bei unseren Aktionen, bei dem ganzen Räuberkram und so. Wozu? Ich habe hier alles, was ich will, Fressen bis zum Abwinken, genau das, was ich mir immer gewünscht habe.

FU LIN: Spinnst du? Wir müssen das Ding durchziehen. Ich muss meine neue Geheimwaffe ausprobieren, die soll den Soldaten ordentlich auf dem Buckel rumtanzen.

GEORGIE gleichgültig: Kannst du ja machen, aber ohne mich.

FU LIN: Du musst fahren.

GEORGIE: Hättest'e dir eben lieber 'n neues Auge zaubernlassen, oder 'n Schofför, ha ha ha, 'n Terrorist mit Schofför, ha ha ha. 'James, fahr mich zum Hilton Hotel, ich muss da eine Bombe abgeben'.

FU LIN: Knüppel voran!

GEORGIE: Au, au, au! Du dreckige Ratte, stell sofort den Prügel ab.

FU LIN: Ich denke nicht dran.

GEORGIE: Dann schlag ich dich tot.

FU LIN lachend: Dann prügelt er dich bis in alle Ewigkeit. Denn er hört nur auf mich.

GEORGIE wie verändert: Bitte, bitte, stell ihn ab.

FU LIN: Machst du weiter mit?

GEORGIE: Ja. Stell ihn ab.

FU LIN aufatmend: Ich dachte schon, du wolltest im Ernst aussteigen, Fettwanst. Stellt die Keule ab und setzt sich mit an den Tisch. Und friss jetzt nicht soviel. Gib mir auch was ab.

GEORGIE schnappt sich die Keule und haut Fu Lin mit voller Wucht auf den Schädel: Da hast du! Die anderen blicken stumm auf die beiden. Na, das hättet ihr nicht erwartet, dass Bulle so schlau ist. Wenn ich den Scheißprügel nicht abstellen kann, dann stell' ich eben die miese Ratte ab, so einfach ist das. So, und jetzt werde ich erst mal in aller Ruhe speisen.

Georgie beißt in eine Gänsekeule, verschluckt sich daran, gerät in Atemnot, bekommt einen Herzanfall und bricht zusammen.

LAURA zitternd: Bulle!

CARLOS: Die sind beide hin. Scheiße, wir müssen weg hier, Bulle fängt sicher gleich an zu stinken, und dann haben wir die Soldaten auf dem Hals. Los, Laura, wir hauen ab.

AHMED: Du hast gesagt, Laura und ich sind frei.

CARLOS: So ist es auch. Du kannst machen, was du willst.

AHMED: Und Laura?

CARLOS: Die geht mit mir.

AHMED zu Laura, die immer noch zittert: Sag' du doch was.

CARLOS: Ach überhaupt, Freundchen, du hast gesagt, es sind vier Schätze, ich sehe aber nur drei. Du hast dich nicht an unsere Abmachung gehalten. Die arme Laura soll wohl leer ausgehen?

LAURA unwillig: Ich brauche nicht so was.

CARLOS unverschämt: Aber ich will es. Los, rück das vierte Ding raus, oder ich leg' dich zu den andern beiden.

AHMED: Ich habe es versucht, ehrlich. Aber ich bin noch nicht soweit, dass ich alle Vier Kostbarkeiten schaffe.

LAURA: Lass ihn geh'n.

CARLOS: Ihn gehenlassen? Er hat mich doppelt beschissen. Er hat mich hinter meinem Rücken mit meiner Braut betrogen, und mich um einen Teil meines Schatzes gebracht.

LAURA entschlossen: Der Esel reicht doch voll und ganz für dich. Und er hat dich nicht mit mir betrogen, weil ich nämlich auch nicht mehr deine Braut bin, schon lange nicht mehr.

CARLOS: Wie soll ich das verstehen: der Esel reicht für mich? Der Esel für den Esel, soll es das heißen?

LAURA: Versteh's wie du willst, es ist mir egal. Wir sind nicht mehr zusammen.

CARLOS: Ah, jetzt kapier ich. Ihr habt die ganze Zeit geplant abzuhauen, und wenn's sein muss, auch mich um die Ecke zu bringen.

LAURA stellt sich auf Ahmeds Seite und schreit Carlos an: Verschwinde endlich!

CARLOS: Ja, du Hure, ich gehe. Aber ihr habt euch verrechnet, die Partie vermassel ich euch noch. Zieht ein Messer und stürzt sich auf Ahmed. Laura schlägt die Hände vor's Gesicht.

LAURA: Carlos, tu das nicht! Nein!

CARLOS sticht zu: Da hast du, was du verdienst. Und nun, lebt wohl, ha ha ha. Er geht.

Ahmed liegt am Boden.

LAURA kniet weinend neben ihm nieder und umfasst ihn: Ahmed! Ahmed! Steh auf, sag was.

Baumann kommt.

BAUMANN: Was war denn hier los? Oh, eine Tragödie. Laura? Kleines. Er versucht, Laura zu trösten, aber sie wehrt schluchzend ab. Du hast ihn wohl gern gehabt? Laura nickt und streichelt Ahmeds Haupt. Herrje, wenn ich nur wüsste, wie ich dich trösten könnte, wenn ich für den Jungen schon nichts mehr tun kann. Aber ich bin nur ein Ingenieur, ich verstehe zwar etwas von Strom und Gasleitungen, aber vor solchem Herzeleid ist meine ganze Ingenieurskunst machtlos.

Melospheros kommt.

Oh, schau mal, wer da kommt. Meister Melospheros, seht nur die Bescherung! Alles verloren, alles kaputt. Das ist Laura, sie war gerade seine neue Freundin geworden. Eine so junge Liebe im Keime erstickt.

MELOSPHEROS: Wann ist das geschehen?

BAUMANN: Grade eben. Ich wollte zu Hilfe eilen, doch ... könnt ihr vielleicht noch irgendwas retten, Meister? Ihn wieder zum Leben erwecken? Oder wenigstens, dass er Laura noch ein paar Abschiedsworte sagen kann.

LAURA blickt zu ihm auf: Ihr könnt es gewiss, Meister. Versucht es, bitte, bitte, versucht es.

MELOSPHEROS Ahmed liebevoll berührend: Ich hatte ihn gewarnt.

BAUMANN: Ich ebenfalls. Ich habe gesagt, vertraue auf den Meister und warte, bis er zurückkommt.

MELOSPHEROS: Ich hatte ihm gesagt, wenn er den Zauber der Vier Kostbarkeiten ausführt, bringt das großes Unheil über ihn und andere.

BAUMANN: Und so war es. Obwohl, dieser Kostbarkeitenzauber ist wirklich eine beeindruckende Nummer. Ich konnte es zwar nur aus meinem Versteck beobachten, aber es war atemberaubend.

LAURA unter Tränen: Ich hätte ihm zur Flucht verhelfen sollen. Und was habe ich stattdessen getan? Ich habe es zugelassen, dass er verprügelt, gedemütigt und getötet wird. Ich bin es auch nicht wert, ohne ihn mit meiner Schuld weiterzuleben.

BAUMANN: Gott, Kindchen, so was sagt man nicht so leichtfertig dahin.

MELOSPHEROS: War ihm der Zauber gelungen?

BAUMANN: Ja, eigentlich, für einen Anfänger, alle Achtung. Na, irgendwie, an dem Schluss, da müsste er noch dran feilen, ich meine, da hätte er noch ...

MELOSPHEROS um sich blickend: Es waren nur drei Sachen gekommen?

BAUMANN: Ja leider. Laura hat dummerweise - großzügigerweise auf ihren Teil verzichtet. Er sieht, dass Laura sich erhoben, eine herumliegende Pistole gegriffen hat und sich an den Kopf hält. Laura, was machst du da? Lass die Dummheiten sein, es wird alles ...

In diesem Moment fällt krachend ein Gegenstand herab. (Die Darsteller können durchaus so tun, als wäre das für sie völlig unerwartet.)

Herr Gott Sapperment, bekommt man hier einen Schrecken eingejagt. Was soll das denn sein?

MELOSPHEROS, es prüfend es ist eine Flasche: Das ist nichts geringeres als die vierte Kostbarkeit.

LAURA: Dann ist ihm der Zauber doch richtig gelungen?

BAUMANN: Was ist es?

MELOSPHEROS reicht die Flasche Laura: Gib' ihm davon zu trinken.

BAUMANN: Ein Toter, der das Fläschchen bekommt, man lernt nie aus.

AHMED erwacht und setzt seine Beschwörung fort:... Und für dich, Laura, einen Zaubertrank, der sogar Tote zum Leben wiedererwecken kann.

LAURA freudig: Nein, Ahmed, für dich! Nur für dich, mein Liebster.

AHMED kommt zur Besinnung: Ist es wahr? Meister Melospheros! Ihr seid zurückgekommen. Der Zauber, es hat geklappt ... ich habe ... oh! Ich habe eine große Dummheit begangen.

BAUMANN: Dumm hat Schwein.

MELOSPHEROS: Ich habe geahnt, dass du so handeln wirst.

BAUMANN: Werdet Ihr den Jungen behalten?

LAURA: Verstoßt ihn nicht, großer Zauberer, er hat nur getan, wozu ihn sein gutes Gewissen gedrängt hat.

Ahmed und Laura haben sich erhoben.

AHMED: Meister, ich möchte euch bitten: entlasst mich aus eurem Dienst.

MELOSPHEROS: Aber deine Ausbildung steht kurz vor dem Abschluss.

BAUMANN: Ohne Abschluss kriegt man heutzutage schlecht eine Stelle.

AHMED: Ich weiß. Ihr habt mir fast alles beigebracht, was ein Zauberer wissen kann, und in wenigen Wochen würde ich auch den Rest noch lernen. Aber ich habe mich anders entschieden. Er fasst Laura an der Hand. Ich möchte mit Laura ein Leben führen ohne Zauberei und ohne Räuberei, wenn sie es auch will.

LAURA: Ja, ich will es auch. Sie gibt ihm einen Kuss.

BAUMANN: Herrlich! Bravo!

MELOSPHEROS: Ich akzeptiere deinen Entschluss, und ich wünsche ... ich hoffe, ihr werdet glücklich. Falls du später, ich meine, irgendwann einmal deinen Abschluss nachholen willst, ich stehe dir jederzeit zur Verfügung.

AHMED umarmt den Meister: Danke für alles.

LAURA desgleichen: Ich danke Ihnen auch.

BAUMANN: Ei jei jei. Ich könnte euch übrigens ein Paar ausgezeichnete amerikanische Pässe besorgen.

LAURA: Danke, Mister Baumann, aber vorerst brauchen wir das nicht.

BAUMANN nimmt einige Scheine aus seiner Brieftasche: Dann nehmt wenigstens das als kleines Geschenk von mir. Auch damit ihr mich nicht in allzu schlechter Erinnerung behaltet.

Ein Trupp Soldaten mit einem Offizier stürmen auf die Bühne.

Huch, wer sind die denn? Ah, Herr Oberstleutnant, gut dass sie endlich da sind. Zwei von den Banditen haben wir unschädlich gemacht, der dritte ist in diese Richtung geflüchtet, er reitet auf einem Esel, kann also noch nicht weit weg sein. Bitte schießen Sie nicht auf das Tier. Wir konnten alle Geiseln lebend befreien und ... was denn jetzt? Die Presse will ein Foto machen? Na gut, kommt alle her.

Sie stellen sich für die Fotografen auf: Melospheros, Laura, Ahmed, Baumann, der Oberstleutnant.

LAURA: Wenn mich mein Alter sieht, fällt er erst mal in Ohnmacht.

BAUMANN: Und wenn mich meine Gertrud sieht, muss ich nach Hause kommen.

Vorhang.


 

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