Es war Mittag, als man aufstand, und so hatte man nicht bemerkt, dass die Sonne länger gebraucht hatte, um es im Hof vor dem Haus so heiß werden zu lassen, wie man es in all den vergangenen Tagen gewohnt war; und viele der Blumen folgten mit den Blüten ihrem Lauf am Himmel nicht mehr, sondern ließen die Köpfchen hängen und blickten stumm auf die Erde. Und außer Sophie hatte auch niemand bemerkt, wie Joachim Hermannstedt verlassen hatte. Alle waren überrascht, und Sophie äußerte sich nur unbestimmt, eine Nachricht habe ihn zur plötzlichen Abreise veranlasst, er denke jedoch in drei oder vier Tagen wiederzukommen. Jedenfalls solle sie den anderen seine besten Grüße und Wünsche ausrichten, die neue Bekanntschaft habe ihn unendlich bereichert. Das klang denn doch wie ein Abschiedsgruß.
Jakob Albenhoven kam am Nachmittag aus Weimar und packte unverzüglich seine wenigen Sachen. Beinahe hastig erzählte er, dass der Georg Hölterlein aus Heidelberg bei Goethe und anderen zu Besuch gewesen war, um seine neuesten Dichtungen vorzustellen, und wohl auch, wie Albenhoven nicht ohne Grund vermutete, um einen Verleger dafür zu gewinnen. Aber Goethe habe sich dafür nicht verwenden können und ihm stattdessen den Rat erteilt, er möge bei seiner Poeterei besser einen kleineren Gegenstand behandeln und in dem klug und bescheiden eingegrenzten Sujet die erschöpfende Gestaltung finden. Und Hölterlein, der dergleichen wohlmeinende Sprüche nicht zum ersten Mal hörte, habe Weimar unverrichteter Dinge wieder verlassen, da er gesehen habe, dass ihm ein längeres Bleiben nur die Zeit und die Nerven raube. Und nun sei er bereits auf dem Wege nach Dresden, um, wie Albenhoven gehört hatte, dort an Kleist's neuer Zeitschrift, dem Phöbus, mitzuarbeiten, welches Unternehmen er, Albenhoven, schlechterdings mit Argwohn betrachtet, dem Kleist sei schließlich noch alles, was er anpackte, in die Brüche gegangen.
Die anderen schlossen daraus, dass Albenhoven den Dichter sozusagen vorher abfangen will, um ihn zu überreden, in seinem Verlag zu veröffentlichen. "Er sprach die merkwürdigsten Dinge", sagte Albenhoven, und hörte für einen Moment auf, seine Reisetasche zu packen. Und dabei doch mit der ruhigsten Stimme und mit ganz klarem Geist, wie man es von ihm noch vor einem Jahr nicht vernommen hätte. Er sagte, dass eine wunderbare Wandlung mit ihm geschehen sei, die bei näherer Betrachtung das folgerichtige Resultat seiner bisherigen Entwicklung wäre, und demnach weniger überraschend als es den Anschein habe. Sein - und dieses Wort sprach Albenhoven aus, als handele es sich um etwas Geraubtes, das nun endlich, endlich dem rechtmäßigen Besitz wieder zugeführt und zurückgegeben worden wäre - sein Dämon habe sich ihm, Hölterlein, offenbart, jener Dämon, der ihn Zeit seines Lebens geplagt und gedemütigt habe, und dessen geheime Handlungen immer die Gründe gewesen waren, weshalb des Hölterleins Unvermögen mit seinem Wollen in so einem unbegreiflichen Missverhältnis standen. Er, sein Dämon, habe den ersten und entscheidenden und nicht rückgängig zu machenden Schritt getan, indem er in einem, wie sich Hölterlein ausdrückte, humorvollen und doch mit feierlichem Ernst versöhnenden Akt der Rolle des boshaften und arglistigen Widerparts fürderhin abgeschworen habe und nun alle Bestrebungen seines Herrn fördern werde. Er sei, so sagte Hölterlein, zu ihm übergetreten.
Zarrenthin wusste darauf nichts zu erwidern und meinte bloß, ob Albenhoven dann künftig noch mit Hölterlein oder gleich mit seinem Dämon die Honorarverhandlungen führe. Aber Albenhoven hatte es sehr eilig, die Kutsche kam auf die Minute pünktlich, er verabschiedete sich schnell und fuhr davon. Später machte Zarrenthin dann doch noch seinem Ärger Luft und schimpfte, wie man sich mit solchem Geschwätz über Dämonen einfach aus dem Staub machen kann; als wäre man selber einer, dem in Wahrheit nichts weniger gleichgültig ist als die Liebe zu den Menschen und die Treue der alten, guten Freunde. Es war nicht zu übersehen, dass Zarrenthins mit diesen Worten geharnischter Zorn gegen niemand anderen als Joachim gerichtet war, der es nicht einmal für nötig gefunden hatte, dem Vater Lebewohl zu sagen.
Bei Schiller
Auf Vermittlung der Madame Mereau hin gab Schiller dem Wunsch nach einem Besuche statt, und man brach an einem Freitag auf nach Jena. Dieser Sommer ging wahrscheinlich in die historischen Wetteraufzeichnungen als einer der sonnenreichsten in Mitteldeutschland ein, und Zarrenthin, der die anderen aus irgendeinem Grund nicht begleiten konnte oder wollte, verlor kein weiteres Wort über Schiller, sondern sprach morgens beim Frühstück davon, dass die Meteorologie seiner Ansicht nach einmal die wichtigste, weil populärste aller Wissenschaften werden würde, zum einen, weil sie auch den dümmsten Bauern etwas anginge, zum andern, weil, obwohl ihre Vertreter wie alle anderen Wissenschaftler nur Binsenweisheiten verbreiten, mathematisch gesehen ihre Vorhersagen immerhin Halbwahrheiten wären, was für eine sogenannte exakte Wissenschaft ein erstaunliches Resultat sei.
Elisabeth Lucius wollte natürlich mitfahren, sie hatte bisher nur zweimal Gelegenheit gehabt, Schiller persönlich zu treffen, und einmal davon ganz kurz und von fern. Das andere Mal hatte sich ein flüchtiges Gespräch ergeben, eigentlich bloß eine förmliche Vorstellung. Doch sie hatte inzwischen auch ein Alter erreicht, in dem sie sich eingestand, selbst von einer so außergewöhnlichen Begegnung kaum mehr als eine weitere Referenz in der Sammlung ihrer Reisebekanntschaften erwarten zu können, eine Sammlung, die so umfangreich war, dass Elisabeth, wenn sie überhaupt ein neues Stück noch darin unterbringen wollte, es gegen ein anderes ersetzen musste, was natürlich schwerfiel, allzumal die alten, und seien sie auch weniger berühmt, sich nicht so leicht aus ihrem Herzen entfernen ließen. Und als man (ja Schiller selbst war es, der die Mereau darauf hingewiesen hatte) von jenem gefährlichen Stück Weg sprach, das sich vom Geisenhainer Berg hinab nach Jena wand und das man wegen seines Kurvenreichtums und Gefälles in einem "die Schnecke" nannte, da ließ sich Elisabeth leicht überzeugen, zur Bewahrung ihrer Gesundheit (und eben auch ihrer Erinnerungen) solche Aufregung zu meiden. Man hatte noch auf Gunda gewartet, die sich zurechtmachte, die aber dann in letzter Minute sich anders entschied und Elisabeth Gesellschaft leisten wollte.
So stiegen Sophie, Katharina und Henry in die Kutsche, und Sophie redete in einem fort über dies und jenes, nur nicht über den bevorstehenden Besuch bei Schiller, denn sie war, wie auch die anderen beiden, viel zu gespannt darauf, was dieser geniale Mann ihnen mitteilen würde, und diese Spannung wäre durch ein geschwätziges Wort im Voraus nur geschwächt worden. Sie waren schon eine gute Stunde unterwegs, als hinter Kapellendorf ein Malheur passierte. Henry wurde von einer heftigen Übelkeit befallen, die ihn nach vergeblichen Versuchen sie zu unterdrücken zwang, sich im Gebüsch zu übergeben. Er war ganz grün im Gesicht, und Katharina, die sah, dass er den Anfall mit Gleichmut und Humor beherrschte so gut es ging, musste lachen über seine Verfärbung.
Sie setzten die Fahrt fort, aber es geschah das gleiche noch mal und sogar schlimmer. Und wie Henry die Augen zusammen kniff und sich an die Schläfe fasste, konnte man erkennen, dass ihn dazu ein rasender Kopfschmerz plagte, der nicht wieder nachließ. Da sie gerade an den letzten Häusern von Kapellendorf vorbei waren, schlug Henry vor, dass sie ihn im Dorf absetzen und die Reise allein machen sollten; er werde sich zurück nach Hermannstedt begeben.
Sophie, die erst meinte, man solle komplett umkehren, willigte dann ein, und nachdem man in Kapellendorf für Henry ein Fahrzeug bestellt hatte, fuhren die beiden Frauen weiter. Katharina, die Henry besser kannte und behauptete, er sei von robuster Natur und gegen Krankheit schon immer mehr geschützt als verletzlich gewesen, zerstreute Sophies Zweifel, und eine Weile später hatte sich die gute Laune wieder eingestellt, zumal Katharina darauf hoffte, von Schiller unbekannterweise einen freundlichen Gruß für Henry mitnehmen zu können.
Der Kutscher, der die Strecke zwischen Weimar und Jena des öfteren zurücklegte, war mit der Tücke der "Schnecke" bestens vertraut, bugsierte die Kutsche samt Fahrgästen ganz comode ins Saaletal hinab und erwies sich dortselbst auch als ein Ortskundiger, da er ohne Umwege und Verzögerung bis vor ein Grundstück fuhr, auf dem in einem herrlichen und weitgehend naturbelassenen Garten das Schillersche Wohnhaus stand. Niemand wusste zu sagen, wer oder was ihre Ankunft vermeldet hatte, aber vielleicht war es auch Zufall, dass eben in dem Augenblick, als die Damen den Gartenweg unter den Linden und Ahornbäumen betraten, am anderen Ende die große, hagere Gestalt des Hausherrn auftauchte, der in Begleitung seiner Gemahlin Charlotte und umgeben von den beiden Knaben, die munter herumsprangen, den Besucherinnen entgegen kam.
In den Sonnenstrahlen, die die Schatten der Bäume alle paar Schritte durchbrachen und schräg auf den Weg fielen, wirkten die würdig einher schreitenden Erwachsenen und die tänzelnden Kinder wie Gestalten auf einer Lichtbahn, die zum Musentempel führte. So jedenfalls empfanden es Sophie und Katharina, die sich bei jener untergehakt hatte. Ihnen schlug beim Anblick das Herz höher. Dann standen sie, etwa auf der Hälfte des Weges, sich gegenüber. Katharina glaubte alle ihre Vorstellungen, die sie sich von ihm gemacht hatte, erfüllt zu sehen, ja er übertraf sie, denn selbst die Vorstellungen wichen in seiner Gegenwart einer erwartungsvollen Ehrfurcht.
Er war auch wirklich so groß, wie man ihn beschrieben hatte, doch kräftiger, und die Anzeichen, die man ihm in den Berichten oft als Folge seiner Erkrankung auf sein Äußeres aufzutragen pflegte, waren nicht im geringsten zu erkennen. Die Hände, wenn er nicht seine Rede gewählt gestikulierend damit begleitete, hielt er auf dem Rücken verschränkt, was ihn als zurückhaltenden und doch aufmerksamen Zuhörer erschienen ließ. Er neigte leicht den Kopf, vielleicht um nicht die anderen so deutlich zu überragen, und sein langes Haar hatte noch unvergängliche Spuren jugendlichen Glanzes.
Doch am erstaunlichsten waren seine Augen, aus denen Ernst, Melancholie, Witz und das Feuer des schaffenden Geistes wie in überirdischer Einheit leuchteten, und Katharina, die er hin und wieder mit einem Blick streifte, der Gott sei Dank allen galt, wäre wahrscheinlich in Demut und Selbstmitleid dahingeschmolzen, wenn er auch nur eine Sekunde länger auf ihr verweilt hätte. Aber nach und nach schwand ihre Beklemmung, je mehr sich die freie und herzliche Atmosphäre um den Dichter verbreitete.
Die beiden brachten zuerst kein Wort hervor, doch Schiller, der solche Befangenheit wohl zu gut kannte, ließ keine Pause entstehen und eröffnete die Begrüßung. Sophie holte es schnell nach, ihm die näheren Umstände ihrer Hierherkunft zu schildern, und sie mühte sich mit ein paar ausgesuchten Floskeln, aber es muss wohl verworren geklungen haben, denn Schillers Antlitz überflog ein mildes Lächeln und er sprach "Der Dank, Mademoiselle Gerstenberg, ist ganz auf unserer Seite, dafür dass wir Ihnen und Ihrer lieben Freundin unsere Gastfreundschaft erweisen dürfen." Katharina überließ Sophie gern das Reden und half nur mit einzelnen ergänzenden Bemerkungen aus.
Die Knaben waren irgendwo im Garten abgeblieben, und Katharina versuchte so unaufdringlich wie möglich, Schillers Gemahlin Charlotte zu mustern. Sophie hatte gestern mehr als eine Stunde darauf verwendet, ihr das ganze Rudolstädter Geblüt, aus dem Schillers nächste Verwandtschaft kam, auseinanderzusetzen, doch jetzt meinte sie, an Charlotte wenig von diesen Aufklärungen wiederzufinden; an seiner Seite erschien auch sie wie in einer anderen Welt.
Charlotte, die ein einfaches, eher ländliches Kleid trug, entschuldigte sich dafür, dass es nicht möglich sei, die Gäste ins Haus zu führen, weil darin vieles schon für den bevorstehenden Umzug nach Weimar vorbereitet oder, wie sie wohl scherzhaft sagte "ausgemistet" sei. Man nahm daher in der kleinen Gartenlaube mit weißem spitzen Holzdach Platz, die ein paar Schritte neben dem Weg stand. Auch war hier die Luft angenehm, und nach zwei Seiten hin war der Garten so dicht bewachsen, dass er schon wie ein Wald anmutete.
Schiller, der bemerkte, wie Katharina sich umsah, meinte "Schauen Sie da nur nicht so genau hin, Mademoiselle Pauquet, es ist der reinste Urwald. Ernsthaft, unser genialischer Humboldt, der jüngere, hatte, bevor er nach Amazonien aufbrach, erwogen, seine botanischen Studien hier in unserem Garten zu erledigen." Er lachte und Charlotte knuffte ihn in die Seite. "Nun reiß' nicht gleich wieder deine Possen, Friedrich." Bei dem Namen Friedrich überlief Katharina ein wohliger Schauer.
Sophie wollte dem Spaß etwas Bedeutendes abgewinnen und sagte "Nun, aber vielleicht hat er hier in Ihrem stillen Kreise die entscheidende Anregung für seinen Plan bekommen." "Oder aber die ernüchternde Einsicht in die Dürftigkeit des Ortes", stellte Schiller ironisch fest und fuhr fort "So ein Geist, dem die ganze physische Welt zu Füßen liegt, die anscheinend Jahrmillionen nur darauf gewartet hat, von einem Menschen describiert zu werden, der findet hier in den alten Muschelkalkriffen wohl kaum seine Erfüllung, zumal einer, der wie er von unendlichem Fernweh geplagt ist."
Katharina fand den Zusammenklang von Füßen und physischer Welt lustig; Schiller deutete auf eine flache Halde unterhalb eines steinigen Absatzes, auf dem herrliche Stachelbeersträucher wuchsen. "Und dort an diesem Loch hat letzthin Goethen herumgepickert, auf der Suche nach versteinerten Muscheln und Ammonshörnern und was das Urmeer dergleichen noch bevölkerte." Sophie lachte bei der Vorstellung des in der Erde herumwühlenden Geheimrats. "Und was die Stille anbetrifft, meine Verehrteste, so kann sie manchmal so übermächtig werden, dass sie buchstäblich rundherum alles verstummen macht, und für einen wie mich, der von den Wörtern, die gesagt werden, lebt, ist das nicht wenig fatal."
"Hör aber auf zu jammern", sagte Charlotte, und zu den anderen gewandt: "Manchmal ist er wie ein Kind, das sich den Magen mit zuviel Pudding verdorben hat." "Da hören Sie, was die Menschen über den Schiller sagen, die ihn am besten kennen", meinte er und sprach seinen Namen aus wie die Franzosen, die ihn vor Jahren zu einem ihrer ersten Bürger der Revolution gemacht hatten. "Glaubst du denn, die Damen haben die beschwerliche Reise unternommen, um zu erfahren wie unglücklich du dich fühlst?" sagte Charlotte.
Der runde Tisch, um den sie saßen, war mit einem beigefarbenen Tuch bedeckt. Darauf standen eine schlanke grüne Flasche mit Weißwein und vier Gläser. Man sah es an der Flasche, dass sie bis eben gekühlt gewesen war. Charlotte schenkte ein und erklärte, dass dies ein Saalewein sei, "sehr trocken, aber erfrischend", und Schiller, der sich in der Runde der schönen Frauen sichtlich wohl fühlte, meinte "Dieser Saalewein ist etwas für Liebhaber - des Saaleweins. Die Thüringer sind ein eigenes Völkchen, sehr eigenbrödlerisch und verschworen, aus jeder Not machen sie nach außen hin eine Tugend, und die thüringischen Saalewinzer erst recht. Alle Welt macht sich über ihren Wein lustig, sucht man doch hier nichts mehr vergebens, als was man gemeinhin mit dem Wein verbindet: Sonne, Wärme, Mythos, bacchantische Lebensfreude und Überdruss. Und dennoch keltern sie ihren Krachsauren und machen ihn nicht schnell wohlfeil; wie die Thüringer ja überhaupt sich auf alles eigene etwas einbilden, und sei es andernorts auch mehrfach übertroffen. Nun denn, auf Ihr Wohl, meine Damen."
Man trank, und Sophie fand ihn wirklich geeignet für diese Jahres und Tageszeit. Schiller trank und schüttelte sich, er suchte in seinen Taschen nach einem Tuch. Man hatte Katharina berichtet, dass er oft von furchtbarem schwindsüchtigen Husten angefallen werde, der ihm die Luft abschneidet und an dem er wohl eines Tages sterben werde, ein Leiden, das ihm seit seiner unseligen Rekrutenzeit den Leib von innen zerfraß. Sie und Sophie hatten sich darüber verständigt, wie sie sich am besten verhalten würden, wenn ihn ein solcher Anfall überkäme, und das schien jetzt soweit und sie blickten beschämt zu Boden. Aber Gott sei Dank musste er nur niesen, und das war sogar ein bisschen komisch, denn da er so rasch kein Tuch fand, rümpfte er die große Nase, legte das Haupt zurück, öffnete den Mund, hielt dann den Ärmel davor und befreite sich so lautstark von dem Reiz, dass die Gläser wackelten.
Katharina, die ihn aus den Augenwinkeln ansah, fand, dass er überhaupt nicht wirke wie der ausgezehrte halbtote Kranke, als der er oft hingestellt wurde. Nein, dieses kraftvolle Niesen, dieses Abtun einer lächerlichen Lapalie, die es ja eigentlich war, es unterstrich nur einmal mehr seine ganz und gar heldische Erscheinung. "Himmel und Herrgott", fluchte er, "das kommt von den Sträuchern dort und ist nur ein weiterer Grund, den Ort zu wechseln."
Dann erkundigte sich Schiller nach Elisabeth Lucius und ob sie gerade an etwas arbeite. Sophie erzählte in wenigen Sätzen, was sie an Neuigkeiten des vergangenen halben Jahres zu erwähnen für wert hielt und sprach schließlich von dem Gastmahl bei Goethe, das allerdings schon im vergangenen Herbst stattgefunden hatte, zu dem die Lucius eingeladen war und wo auch Schlegel, Tieck und Hardenberg, der sich neuerdings Novalis nannte, zugegen waren. Leider hatte Sophie nicht daran teilnehmen können.
Welcher der Schlegels dabei gewesen sei, wollte Schiller wissen, doch das entzog sich ihrer Kenntnis. "Wahrscheinlich der ältere", meinte Schiller und es klang, als ziehe ihn Goethe dem anderen vor. Obwohl sie darüber unsicher war, ob sie mit ihrer Bemerkung dem Abwesenden unrecht täte, sagte sie ohne Eifer und eher bedauernd "Es ist doch schade, dass ein Mensch wie Goethe mitunter den Eindruck macht, als grenze er sich ab, er scheint oft so unnahbar, und das gerade für jene, die es so nötig hätten, ein Zeichen der Ermunterung von ihm erhalten zu dürfen."
Sie prüfte Schillers Reaktion, und er nickte, wenn auch unmerklich, und ließ dabei nicht erkennen, worauf sich seine Zustimmung bezog. Dann sagte er "Das sagen viele. Und welche ist denn die Veranlassung, die Sie, Verehrteste dieser Ansicht beipflichten lässt?" Sie wollte denn doch nicht in ihrer Erörterung weiter fortschreiten, zumal sie sich des gewachsenen, vertrauten Verhältnisses der beiden Dichter zueinander bewusst war, und so lenkte sie auf den Gegenstand, der ihr ohnehin näher und sicher auch im Interesse Schillers lag. "Keine bestimmte", antwortete Sophie, "doch da eben der Name Schlegel fiel und ich eine gewisse Unterschiedenheit der Brüder glaubte herauszuhören, so darf ich wohl vermuten, dass Ihnen, Verehrter Schiller das neueste Werk Friedrichs bekannt ist?"
Schon wieder ein Friedrich, dachte Katharina. Charlotte, die beobachtet hatte, wie Katharina mit hin und her wechselnden Blicken den Dialog der beiden verfolgte, artig zwar, doch wie ihr schien mit nachlassender Spannung, verwickelte sie ihrerseits in ein Gespräch, das sich zunächst um Katharinas kleine Reise drehte und dann auf die Schilderung ihres Frankfurter Lebens ausdehnte.
"Sie meinen sein Romanfragment Lucinde", erwiderte Schiller, "Ja, es ist kaum drei Wochen her, dass ich es las." Sophie freute sich aufrichtig und fühlte sich ihm so nahe, wie es einer unbekannten Verehrerin nur ganz selten beschieden ist. "Wirklich! Dann haben wir es wahrscheinlich zur selben Zeit gelesen." Schiller hatte sich über solcherart Parallelität noch keine Gedanken gemacht, war aber berührt von Sophies naiver Begeisterung und sagte "Ja, das kann durchaus so gewesen sein." Vielleicht hatte Sophie "muss" verstanden oder sie wollte die Verwandtschaft im Geiste, die sie in dieser Zufälligkeit manifestiert sah, noch einen Moment nähren, jedenfalls meinte sie "Ist es nicht seltsam, wenn zwei Seelen, die nichts voneinander wissen, zur selben Zeit dasselbe tun? Wie oft mag so etwas geschehen, doch wie selten erfährt man davon? Und wenn man davon erfährt, wie soll man es verstehen?"
Charlotte und Katharina plauderten vergnügt, und Schiller betrachtete Sophie und schwieg. Sie fing seinen Blick auf und spürte, dass es der erste Blick eines Mannes war, der nicht ihrer Weiblichkeit galt, der nicht darauf aus war, ihre Schönheit zu schätzen oder den Punkt zu finden, wo sie mit einer Schmeichelei zu fassen und gar zu verführen war. Deshalb fuhr sie wie beruhigt fort "Fast alles, was geschieht, verschwindet doch nur auf Nimmerwiedersehen, es bleibt ja noch nicht einmal in irgendeiner Erinnerung zurück; unser ganzes Leben verklingt wie eine Musik, zu der es keine Partitur gibt, einmal gespielt, für immer vergangen, man kann es nicht einmal im Ganzen anhören. Dabei ist alles so kostbar, so vollkommen, und wenn ich an einem Gott zweifeln müsste, dann wäre es deshalb, weil die schönsten Gebilde der Natur, die glücklichsten Augenblicke eines Lebens vergehen, ohne auch nur einen einzigen Hinweis zu hinterlassen, dass es sie wirklich gegeben hat. Außer vielleicht Goethes versteinerte Muscheln", fügte sie zuletzt hinzu.
Sie lehnte sich zurück und schloss die Augen. Katharinas Stimme und Charlottes Lachen umsäuselten ihr Ohr, es war erholsam, sie zu hören und an etwas ganz anderes zu denken. "Darf ich mich noch ein wenig in Ihrem Garten umschauen?" fragte sie dann, und Schiller erwiderte "Selbstverständlich, dazu ist heute die letzte Gelegenheit, ich werde sie begleiten." Und zu Charlotte gewandt sagte er "Wir machen einen kleinen Spaziergang, bis zum Hang, ihr könnt uns für eine Viertelstunde entbehren." "Aber nicht länger", meinte Katharina, der der Wein schon ein wenig zu Kopf gestiegen war. "Soll Jakob noch etwas bringen?" fragte er. "Nicht nötig", sagte Charlotte, die gerade von einem abenteuerlichen Ausflug zu den Dornburger Schlössern berichtete. Dann rief sie, als habe sie jetzt erst seine Frage verstanden, ihm nach "Ja, er möchte uns bitte noch eine Flasche Silvaner bringen." Und die beiden kicherten.
Schiller und Sophie gingen bis zum Haus, wo er kurz Bescheid gab. Dann führte er sie durch die Blumenbeete und an den Beerensträuchern entlang bis zu den Obstbäumen, die oberhalb des erwähnten Abhangs standen, über den sich zahlreiche, in Form und Lage ungeordnete Gärten erstreckten. Sophie hatte gleich das Gespräch fortgesetzt und gesagt "Wenn ich oft darüber nachdenke, wie jede Stunde meines Lebens verloren geht wie die Perlen, die von einer zerrissenen Kette abgleiten, dann kommt es mir so vor, als würde doch alles, was wir von Dingen, Ereignissen, Menschen erfahren, in ihnen selbst angelegt sein als der Teil, der die Kunde davon verbreiten soll. Nur dass wir es nicht erkennen, weil wir nicht hellsichtig genug sind, die Einmaligkeit und Unvergänglichkeit irgendeines Moments zu erfassen. Ich weiß, ich drücke mich recht nebulös aus, doch das sind die Gedanken, die mich beschäftigen."
Schiller bekräftigte ihre Äußerungen und sagte "Ich kann freilich nicht beurteilen, ob Ihnen diese Gedanken schaden oder helfen, aber daraus spricht doch im Grunde die schönste und würdigste Aufgabe unseres Geistes. Trägt noch der lebloseste Stein, der unbedeutendste Mensch, die belangloseste Episode den tieferen Sinn, den Stoff zu einer unvergänglichen Nachricht in sich, dann liegt es an uns, sie in Worte zu fassen und allem, dem Vergangenen wie dem Künftigen eine Stimme zu geben. Und wenn der Philosoph sagte 'Sein ist Wahrgenommenwerden', so könnte man es abwandeln und sagen: 'Sein ist Erzähltwerden'." "Wer weiß, was dereinst über unseren Besuch an diesem Sommertage bei Ihnen gesagt werden wird."
Sophie war froh, dass er das, was sie sagte, ernst nahm und versuchte, es behutsam zu ergänzen, anstatt es korrigieren zu wollen, wie sie es bei so vielen anderen erlebt hatte. Dennoch meinte sie "Aber aus Ihren Worten spricht stets der Poet, aus meinen zuerst die Frau." Schiller lachte. "Wie sollte es anders sein."
Sie gingen gemächlich zurück zur Laube. "Man wird nie zu einem Schluss kommen, stimmts?" Und ohne seine Erwiderung abzuwarten, fragte sie "Und wie hat Ihnen nun Schlegels 'Lucinde' gefallen?" So wie sie den Namen aussprach, musste man merken, dass sie entzückt war von dem Buch, und sie deutete seine zögerliche Antwort als Vorbehalt, womit sie nicht ganz verkehrt lag. "Ich gebe zu, es hat mich überrascht, ich habe zuvor nichts Derartiges in solch ausgeprägten Stil gelesen." "Was meinen Sie mit Derartiges?"
Da fand sich Schiller ertappt und konnte nicht anders als zuzugeben, dass ihm das notorisch Formlose und Fragmentarische solcher Poesie nicht liege, was freilich nur seine eigene und mitnichten gültige Meinung sei. Im übrigen müsste nach den eben erörterten Gedanken gerade dieser Roman sich der Kritik nicht entziehen dürfen. "Und wenn es nun als ein Gegenentwurf gedacht wäre?" Schiller lachte. "Ja freilich ist es als das gedacht, nur gegen was?"
Das bisherige Gespräch und Schillers offenherzige Art hatten Sophie so gestärkt, dass sie es nicht ungerecht fand zu sagen "Vielleicht gegen eine alte Poesie." "Nun denn schon gegen eine veraltete", gab Schiller zu, den ihre Vermutung im Übrigen nicht beeindruckte. "Ich weiß, dass uns nicht alle neuen Poeten gewogen sind, das kann man auch nicht verlangen, man ärgert und streitet sich und lernt voneinander so gut es geht, Poesie ist immer die Sache von Einzelnen, doch Literatur macht die Menge."
Sophie wollte einwenden, ob denn zu dem "uns" noch andere gehörten außer ihm und Goethe, aber Schiller fragte "Und was fanden Sie bemerkenswert an der 'Lucinde'?" "Ach, das lässt sich schwer sagen, einfach alles, das Ganze, es ist so erfrischend anders, verzeihen Sie den Ausdruck." "Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen, ein wenig erstaunt es mich dennoch. Nach dem, was Sie vorhin sagten, hätte ich angenommen, dass Sie - und nun verzeihen Sie meinen Ausdruck - sich mit solchen Bruchstücken nicht zufrieden geben."
Sie blieb stehen und sagte ihm zugewandt "Sie sind ein Dichter, verehrtester Schiller, einer wie es keinen anderen gibt und je geben wird, Sie haben das Poetische und seine Bewältigung im Auge und dort leisten sie wahrhaft Großes. Ich bin eine Frau, ich muss das wirkliche Leben bewältigen und nach allem greifen, was mir dabei hilft. Es nützt mir wenig, über die Güte eines Kunstwerks zu reflektieren, weil ich es doch nicht verändern und erst recht nicht besser machen kann. So wie mir mein Leben vorgeschrieben, ja, ich behaupte, aufgezwungen ist, so ist mir auch jeder Roman darüber aufgeschrieben und aufgezwungen, und wenn ich darin bloß ein Quentchen Freude und Liebe und Trost finde, bin ich's schon zufrieden, selbst wenn es hier und da bei genauerem Hinsehen nicht ganz vollendet sein sollte. Ich möchte mich nur selbst darin wiederfinden. Das klingt vielleicht wenig geistreich, aber bedenken Sie, wir armseligen Geschöpfe sind viele, Sie, die Dichter, sind nur wenige. Und außerdem, wenn ein großer Dichter einmal am Leben zugrunde gehen sollte, dann ändert das nichts an seinem unsterblichen Werk. Wenn unsereiner vor der Zeit stirbt, dann kann man die Glocken schon eine Meile entfernt nicht mehr läuten hören und niemand fragt danach, was für ein Leben sie oder er eigentlich leben wollte."
Er sah sie an und in seinem Gesicht lag ein Ausdruck des Mitleids, vielleicht darüber, dass ein so junges und schönes Wesen ein solch schweres Gemüt offenbarte. Dann sagte er langsam "Vorausgesetzt ..." "Was?" "Vorausgesetzt, er hat bis dahin sein Werk geschaffen." Sophie wollte noch etwas anmerken, beließ es dann aber bei einer abschließenden Geste.
Charlotte und Katharina riefen ihnen aus der Laube zu, sie mögen endlich wieder herkommen, der Wein sei schon fast alle. 'Er ist alle', dachte Schiller, er liebte diese Redeweise, er liebte dieses thüringische Fleckchen Erde und er liebte Charlotte, und als sie an der Ulme vorbei kamen, sagte er für sich 'Ich liebe auch dich, du penetranter Pustebaum'.
So war es Nachmittag geworden und die Sonne hatte die Seite gewechselt, die Laube glänzte im Licht und aus den Rosenstöcken am Gartenweg strömte betörender Duft in verschwenderischer Menge. Charlotte klärte den Gemahl darüber auf, dass Katharina keineswegs eine Mademoiselle wäre, als die er sie vorhin angeredet hatte, sondern aus dem Hause Pauquet. Das wüsste er wohl, gab Schiller zurück, allein, er habe angenommen, sie sei die Tochter. Man lachte, Katharina lief rot an, aber die vom Wein gefärbten Wangen ließen es nicht erkennen.
Sophie meinte, man habe sie beide auch schon für Schwestern gehalten, und Schiller gab einige Anekdoten über Charlotte und seine Schwägerin Karoline zum Besten. Charlotte lachte dazu und berichtigte ihn in einigen Einzelheiten. So erzählte er, dass er anfangs gar nicht mit sich einig war, wen von den beiden er zur Frau nehmen sollte und es ihm auch unterlaufen sei, sie bei der Adressierung eines Briefes verwechselt zu haben. Das war Charlotte natürlich bekannt, und sie meinte spaßeshalber "Zu der Zeit haben wir unsere Briefe sowieso untereinander ausgetauscht, und zwar nicht nur deine."
Dann kam man über irgendeine Verknüpfung auf die Sternkreiszeichen zu sprechen, Sophie war Löwe, Katharina Wassermann, Charlotte und Schiller Skorpion, Charlotte auf den letzten Tag. Man referierte gute und schlechte Eigenschaften, erwog günstige Verbindungen und solche, die man lieber meiden sollte und mutmaßte auch über einige andere Zeitgenossen hinsichtlich ihres astrologischen Schicksals, konnte sich aber auf keine Voraussagen einigen.
Für halb vier war die Kutsche zur Rückreise bestellt und Viertel nach drei verließen alle die Laube und schlenderten, Sophie mit Charlotte, Schiller neben Katharina, zum Tor. Als sie bei den Rosen vorbei kamen, äußerte sie den Wunsch, zwei von den wunderschönen Blüten mitnehmen zu dürfen und Schiller selbst war ihr dabei behilflich, denn es zeigte sich, dass Katharina einen Schwips hatte, der sie zwischen den dornigen Sträuchern beinahe Schwanken machte.
Die anderen waren schon vorn angelangt, und Katharina schaute Schiller zu, wie er mit gärtnerischem Geschick die Blumen brach, als ihr die Frage entschlüpfte "Wollen Sie eigentlich nicht wissen, für wen die zweite Rose bestimmt ist?" Sie hielt sich gleich beschämt die Hand vor den Mund, doch Schiller lächelte charmant und weise zugleich und sagte "Ich denke, das ist ein Geheimnis, allein es genügt mir mit stiller Freude zu sehen, dass es jemanden gibt, dem sie bestimmt ist."
Man umarmte und verabschiedete sich herzlich, gab Grüße mit auf den Weg (auch unbekannterweise an den verhinderten Henry) und Schiller meinte, beim nächsten Besuch würde man sich dann schon in Weimar wiedersehen. Sophie wollte noch wissen, wo sie wohnen werden, und Charlotte sagte, in der Windischengasse, bei dem Perückenmacher Müller. "Beim Perückenmacher", rief Katharina amüsiert, "Da wohnen dann schon zwei dort, die mit dem Kopfe arbeiten." Sie wollte sich entschuldigen, aber die anderen mussten darüber lachen, und sie stieg eiligst aber umständlich in die Kutsche, und als diese die "Schnecke" hinauf ächzte, war sie schon in einen süßen Schlummer gefallen.
Jedes Ende kostet Überwindung.
Zufälligerweise wieder bei Kapellendorf erwachte Katharina, weil sie stehen geblieben waren. Unter dem dunklen Verdeck war es gleich sehr warm geworden, Sophie war nicht da. Der Kutscher sagte, das Fräulein sei dort hinüber gegangen und zeigte in Richtung von Holundersträuchern, die etwas entfernt auf dem ansonsten freien Grasfeld standen. Katharina rief nach ihr, bekam aber keine Antwort, machte sich auf die Suche und fand Sophie endlich auf dem Boden zusammengesunken und am ganzen Körper zitternd.
Katharina bemühte sich um sie und fühlte kalten, klebrigen Schweiß auf ihrer Stirn. Sie atmete flach und unregelmäßig und drehte sich mehrmals zur Seite, um zu erbrechen, aber es war nur mehr ein angestrengtes Würgen, das etwas grünen Schleim heraus brachte. Sie klammerte sich an Katharinas Arm und ihre Augen schauten teilnahmslos ins Leere. Ihre Lippen hatten sich verfärbt. Katharina versuchte ihr aufzuhelfen, aber Sophies Beine versagten und sie knickte ein und hing schwer und kraftlos herab.
Katharina rief den Kutscher zu Hilfe, und zu zweit schleppten sie Sophie zum Fahrzeug und legten sie auf eine Decke zwischen den Sitzen. Der Kutscher schlug vorn eine Klappe im Verdeck auf, damit mehr frische Luft herein zog und sie fuhren mit Tempo weiter. Sophie bekam Bauchkrämpfe, zog die Beine an, presste die Hände gegen den Leib und stöhnte vor Schmerz. Katharina fasste ihre Schulter und streichelte ihren Kopf und redete ihr gut zu, bis sie Hermannstedt erreichten.
Vor dem Haus standen Gunda und Andreas der Knecht. Sie empfing die beiden freudig, merkte aber gleich, dass etwas nicht in Ordnung war. Auch Castor kam angerannt und winselte jämmerlich, als Andreas Sophies schlaffen Körper übergehängt nach drinnen trug, während Gunda nach Dorothea gerufen hatte, die in der Küche alles fallen ließ, die Tür zu Sophies Kammer aufhielt und mit zwei, drei Handgriffen das Bett vorbereitete, in das sie das kranke Mädchen behutsam niederlegten. Sophie ließ das alles geschehen.
Dorothea vergewisserte sich zunächst, dass sie bei Bewusstsein war und sprach sie an, woraufhin sie versuchte, die Augen zu öffnen. Sie griff unter ihre Achseln und schob sie eine Handbreit nach oben und Katharina klemmte ein Kissen hinter den Rücken. Dann gab sie ihr aus einem Glas Wasser zu trinken, das Gunda inzwischen geholt hatte. Das Hinunterschlucken schmerzte sie offensichtlich und das Wasser lief an den Mundwinkeln herab.
Mit einem Mal krümmte sich Sophie, riss die Augen auf und stieß mehrere grässliche Schreie aus. Sie strampelte mit den Beinen und wühlte sich bis über den Rand des Bettes, so dass der kräftige Andreas sich mit Armen und Knien gegen sie stemmte und sie solange festhielt, bis ihre Zuckungen nachließen und sie nur noch wild mit dem Kopf hin und her schlug. Als sie einigermaßen still lag, machten sie sich daran, ihr Kleid, das schmutzig geworden war und feuchte, übelriechende Flecken hatte, auszuziehen. Katharina hatte ein frisches Nachthemd herausgesucht, das man ihr überstreifte, und Dorothea wechselte auch rasch noch das Laken. Gunda hatte die Zudecke neu bezogen, und so fand Sophie zur Ruhe und schien zu schlafen. Dorothea schwächte das Sonnenlicht am Fenster, das keine Vorhänge hatte, mit einem Tuch ab und ging dann nach unten, um nach dem Landarzt zu schicken, der glücklicherweise in Hermannstedt wohnte. Es dauerte eine Weile, bis er kam. Vor Sophies Tür saß Castor und kratzte hin und wieder besorgt mit der Pfote daran. Andreas steckte ihn in seinen Zwinger, wo er erst im Kreis lief wie ein verlassener Wolf, der sein Zuhause suchte, und sich dann in eine Ecke kauerte, von wo aus er Sophies Kammerfenster im Blick behielt.
Der Dorfarzt untersuchte Sophie im Beisein von Dorothea und Katharina, die ihren Oberkörper aufrecht hielten, damit der Arzt ihre Rückseite abhorchen konnte. Er schickte Dorothea mit einem Säckchen voll getrockneter Kräuter in die Küche und bat darum, eine angegebene Menge in einem halben Liter Wasser zu kochen, er werde gleich nachkommen. Dann nahm er die Patientin nochmals in Augenschein, deckte sie wieder zu und packte seine Instrumente in den kleinen Koffer.
Er schüttelte den Kopf und meinte, er könne dies und jenes ausschließen, eine eindeutige Ursache jedoch nicht finden. Insbesondere der, wie er sich ausdrückte "überfallartige Ausbruch" der Beschwerden gebe ihm zu denken und er rechne nicht mit einer baldigen Besserung. Der Arzt, der auch bei der Behandlung der Tiere im Dorf sich über Jahre hinweg einen guten Ruf erworben und dabei auch bis dahin unbekannte Krankheiten erfolgreich kuriert hatte, war in diesem Fall ratlos und empfahl Dorotheen, den Doktor Schorlemmer aus Weimar kommen zu lassen.
So machte sich Andreas mit einem zweiten Pferd nach Weimar auf, denn man wusste, dass Doktor Schorlemmer, der ein ausgezeichneter Reiter war, sich in solchen Notfällen unverzüglich einfinden werde, wie er das früher zwei oder dreimal bei der Zarrenthin'schen Familie getan hatte, die Gott sei Dank stets von allen schlimmeren Übeln verschont geblieben war. Die bange Frage lautete nur, ob Schorlemmer überhaupt gerade anzutreffen wäre, und so zogen die frühen Abendstunden unendlich langsam dahin und über Haus und Hof legte sich eine lähmende Ungewissheit, die noch unerträglicher wurde durch die Hinderung, irgendetwas Hilfreiches für Sophie unternehmen zu können.
Zarrenthin war tagsüber unterwegs gewesen, und als er heimkam und von dem Unglück erfuhr, ging er in das Bibliothekszimmer, schloss sich ein und blieb einige Minuten drin. Dann kam er wieder heraus, kleidete sich um und ging zu ihr. Er beugte sich über sie und konnte nicht verstehen, was sie offenbar geistesabwesend vor sich hin wisperte. "Es wird schon wieder werden", sagte er und wiederholte das ständig. "Es wird schon wieder werden", es klang als handelte es sich um ein angebranntes Essen. Gunda ging dieser monotone Satz auf die Nerven, und da es draußen noch hell war, flüchtete sie in den Garten.
Elisabeth Lucius war in Tränen ausgebrochen, Katharina blieb schweigend bei ihr. Elisabeth sagte mit erstickter Stimme "Ich habe gewusst, dass es soweit kommen muss." "Aber was denn?", fragte Katharina, und Elisabeth sah sie wie entrückt an. "Ach Kind, du hast doch keine Ahnung, keine Ahnung hast du, was in meiner armen Sophie vorgeht, ihr wisst es alle nicht. Sie ist verloren, verloren."
Katharina bemerkte, dass Zarrenthin hinter der angelehnten Tür stand, und als er entdeckt war, kam er hinzu und legte seine Hand wie ein Beichtvater auf die ihre. "Es wird schon wieder werden, Elisabeth, fassen Sie Hoffnung." Sie sah ihn an und selbst Katharina erschrak über ihren Blick, aus dem der fürchterlichste Zorn loderte. Zarrenthin schaute ihr fest in die Augen und es war, als würde sie unter ihm zerbrechen. Sie fasste tatsächlich seine Hand und wollte sie küssen, und Katharina glaubte, dass sie ihn in dem Moment gar nicht erkennt. Er entzog sie und wandte sich ab, und als Katharina die alte Frau schluchzen und das Taschentuch in Händen kneten sah, musste sie selber hemmungslos weinen. Später ging Elisabeth nach oben und wich nicht mehr von Sophies Seite.
Spätabends, der Doktor war immer noch nicht eingetroffen, tauchte Henry wieder auf, er hatte seit seiner Rückkehr geschlafen und es war ihm gut bekommen. Auch er hatte die Ursache seines Unwohlseins nicht herausgefunden, machte sich jedoch keine weiteren Gedanken mehr darüber. Katharina berichtete ihm alles und er ging zu Sophie, konnte aber im Dämmerlicht kaum etwas erkennen. Dennoch schien es Katharina, dass er eine Vermutung habe, über die er aber schwieg.
Er fragte sie, ob es ihr gut gehe, und Katharina bejahte dies und sagte dann "Wir hatten einen wunderschönen Tag." "Das freut mich, du musst mir bald alles erzählen." "Ja", sagte sie, seine Worte und vor allem das "bald" klangen wie die Ankündigung, dass ihre Abreise bevorstünde, und sie musste abermals weinen. Nachdem Henry sah, dass er nichts Nützliches tun konnte, setzte er sich in einen der Sessel und blätterte in der Zeitung. Dann gesellte sich Zarrenthin zu ihm, und die beiden unterhielten sich leise. Katharina ging hinaus, um Gunda zu suchen.
In der Nacht war der Pfarrer ins Haus gekommen, und wie er Sophie sah, bereitete er alles für das Sterbesakrament vor; und beim Morgengrauen, als der Doktor Schorlemmer endlich da war, konnte er nur noch Sophies Tod feststellen. Nach seinem eigenen Befund und nach den Berichten des Pfarrers und von Dorothea, wonach Sophie unter mehrmaligen, qualvollen und von Schmerzensschreien begleiteten Krämpfen gestorben war, musste man von einer Vergiftung ausgehen.
Castor, dessen Tür an seinem Zwinger Andreas wohl in der Eile nicht richtig verschlossen hatte, war hinaus gelangt und hatte, wovon auch immer angelockt, bei der Abfallgrube hinter dem Stall an einer kleinen zerbrochenen Phiole geschnüffelt, die später von Andreas aufgehoben wurde. Die Reste ihres Inhalts, die noch daran hafteten, bekamen Castor übel, und er folgte seiner einstigen Herrin rasch nach. Am Morgen war es kühl, und aus der Flussaue stieg Nebel auf, der lange Zeit die Sonnenstrahlen aufhielt. Dann konnte man sehen, wie an den Bäumen die ersten Blätter verwelkten.
Neiget nicht länger, Rosen und Schwäne ihr,
Das Haupt unter nächtlichem Schatten
Hin zum Vergängnis, denn blühend erwacht
Und abermals verjünget der Tag.
In der Ferne, Freund, versäume nicht
Der glücklichern Zeit zu gedenken,
Als der Mädchen Blicke, der Gefährten Wort
Die flüchtigen Stunden verlängert.
Katharina las wieder und wieder die Verse auf den Seiten, die mit einem derben Zwirn geheftet und zu einem Büchlein gebunden waren, dem man die Spuren der häufigen Lektüre ansehen konnte, da Katharina es nun den ganzen Sommer über bei sich getragen hatte. Jetzt wurde sie aus ihren Gedanken gerissen, als Alfred die Stube betrat und sagte, er sei beim Räuber und Gendarm Spielen gestürzt. Tatsächlich hatte er sich das linke Knie aufgeschlagen, und ein schmaler Blutstrich wuchs über das Schienbein herab. Katharina tupfte es ab und schickte ihn dann zu Amalia, dem neuen Kindermädchen, damit sie Alfred einen Verband anlege.
Dazwischen kam Henriette, die sich Alfreds Wunde genau ansehen wollte, sich dann aber die Augen zuhielt. Sie fragte Katharina, ob sie mit zu ihrer Freundin gehen darf, die in derselben Straße wohnte. "Sie hat ein wunderschönes Puppenhaus, weißt du. Wir wollen es neu einrichten." Mama erlaubte es, sagte aber, Henriette solle sich vorher die Haare kämmen. "Warum denn das?" fragte sie, befolgte dann aber die Weisung.
Als Katharina wieder allein in der Stube war, nahm sie das Buch wieder zur Hand, ging zum Fenster, öffnete es und schaute hinab in den Garten. Um einen der Apfelbäume lagen im Kreis die Früchte, manche noch genießbar, andere mit Flecken oder wurmstichig. Sie lagen da, als wollten sie nach oben zurück an die Zweige. Sie ging zur Schreibkommode, nahm einen Bogen Papier aus dem Fach, schob das Tintenfässchen heran, tauchte die Feder ein und begann, indem ein überschwängliches Gefühl ihr Innerstes belebte: Ich muss dir schreiben, Liebster! Mein Herz hält das Schweigen nicht länger aus ...
ENDE
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