Sophie fragte Gunda, was sie über die näheren Umständen wüsste, unter denen Friedrich in Frankfurt aus dem Pauquetschen Haus gewiesen wurde. Sie wollte erfahren, was man davon hinter vorgehaltener Hand erzählte. Gunda erklärte, sie wisse nur ungenügend Bescheid, denn der Vorfall hatte sich ja vor dieser Reise ereignet, und bei ihren gelegentlichen Besuchen in der Stadt hatte sie von derartigen Affären nichts mitbekommen. Sie konnte Friedrich auf Sophies Frage hin nicht einmal nach seiner äußerlichen Erscheinung beschreiben, da sie ihn nie gesehen hatte. Im Grunde hatte sie von den Pauquets bis zu dieser Reise nur das gewusst, was man der Zeitung entnehmen konnte. Sie wollte jedoch gegenüber Sophie, die, wie man so sagte, das Gras wachsen hörte, nicht zurückstehen, und so kam es, dass sie die wenigen sicheren Informationen vermischte mit dem, was man sich erzählt hatte und überdies - als gehörte es zur besonderen Tragweite solcher Vermeldungen dazu - mit den Erwägungen, die sie selbst darüber angestellt hatte oder die ihr in diesem Moment dazu einfielen.
Demnach war es einige Zeit, nachdem Katharina und die anderen aus Bad Leihburg zurück waren, zu einer heftigen Auseinandersetzung im Haus Pauquet gekommen, die angeblich durch eine lächerliche Bagatelle ausgelöst worden war. Friedrich hatte nämlich Alfred gebeten, ihm ein Glas Wasser zu holen, der ihm wie schon so oft den kleinen Dienst erwies. Christian Pauquet, wohl noch nervlich aufgereizt durch die vergangenen Belastungen, sah darin auf einmal eine unverschämte Nötigung seines Kindes und stellte Friedrich zur Rede, wie er sich unterstehen könnte, seine, Pauquets Kinder, herumzukommandieren.
Der wiederum beging den Fehler, sich über den Umgang der Hausgenossen grundsätzlich zu äußern, nicht etwa im Schlechten, sondern so, als fordere er die selbstverständliche Anerkenntnis und Achtung seiner Rolle als Hofmeister, was er bis jetzt in billigem Grade vermisst habe. Welche Gründe oder auch welche Absicht ihn zu dieser Forderung veranlassten, das musste wohl sein Geheimnis bleiben, und es gab niemanden, der ihn darin unterstützt hätte; auch Katharina nicht, die selbst vielmehr davon überrascht war und bei Friedrich zuerst die blanke Undankbarkeit hervorbrechen sah.
Christian verlor bei der kleinsten Kritik sofort die Fassung, und so wurden aus Feststellungen Vorwürfe und aus Fragen Beschuldigungen, eins ergab das andere und schließlich standen sie sich auf unversöhnlichen Positionen gegenüber, was nur unwiderlegbar klar machte, dass sich zwischen den Männern eine unterdrückte Malice über ein erträgliches Maß hinaus angestaut hatte, denn - so sagte Gunda, die solche Motive jedoch schwerlich wissen konnte - Christian sei ja nicht blöd gewesen und habe ohnehin den Verdacht geschöpft, dass zwischen Friedrich und Katharina sich etwas entwickelte. Bevor also der Skandal offen ausgebrochen wäre, konnte man ihn nur dadurch verhindern, dass man Friedrich aus dem Haus entließe. Er musste gehen!
Das geschah, wenn auch im Zorn, so doch im beiderseitigen Einvernehmen, um den Anschein zu wahren. Friedrich packte noch in derselben Nacht seine wenige Habe zusammen, das meiste waren Bücher und Manuskripte, und niemand wusste, wo er sich dann herumgetrieben hatte bis zum Morgen, als er die Stadt verließ. Fraglich geblieben war Katharinas Rolle, von der es hieß, sie selbst habe in Christians Ultimatum eingestimmt und ausdrücklich um Friedrichs Entfernung gebeten. Und fraglich blieben natürlich auch die vorausgegangenen Ereignisse, namentlich die, die sich Christians Kenntnis entziehen mussten, wenn sie sich denn ereignet hatten, worauf sozusagen rückgeschlossen werden konnte. Doch das war alles andere als aufgeklärt und bot zu den wildesten und zugleich anschaulichsten Spekulationen Stoff.
Sophie gab sich noch nicht zufrieden. "Es hat also einen Streit gegeben", fragte sie, und in ihrer Frage lag so etwas wie der Wunsch nach einer wenn auch schrecklichen, so doch eindeutigen Lösung; etwas, das ihr vielleicht selber bei ihren Affären schon mehr als einmal versagt geblieben war. "Einen Streit, natürlich. Unter diesen Umständen", stellte Gunda sachlich fest. "Zwischen wem?", wollte Sophie wissen. Gunda verstand nicht. "Na, zwischen allen", meinte sie dann. "Zwischen Herrn Pauquet und Herrn Weickert zuerst. Sie konnten sich ja schlechterdings nicht duellieren, also hagelte es sozusagen verletzende Worte, tödliche Worte, wenn du weißt, was das bedeutet zwischen Männern, die sich hassen." "Und zwischen ihr ...?"
"Zwischen Madame Pauquet, ich meine zwischen Katharina und ihrem Mann wohl auch, aber sie haben sich niemals offen gestritten, sie führen eine sehr glückliche Ehe." Sophie wollte fragen, was sich Gunda darunter vorstellte, aber Gunda schlug sich plötzlich auf Pauquets Seite und sagte, sie wüsste genau, dass Katharina ihres Mannes Entscheidungen vorbehaltlos akzeptierte, weil sie eine ihm treu ergebene Gemahlin wäre. Sie hatte auch ein paar Beispiele dafür parat, merkte gleich darauf jedoch, wie wenig überzeugend sie waren, die Vermutungen über Katharinas Loyalität übertrieben und unwahrscheinlich klingen und Sophies offenkundige Sympathie für Katharina und ihre Selbstbehauptung hätten trüben können.
"So etwas kommt oft vor", sagte sie, "immerhin war Weickert bald zwei Jahre Hauslehrer dort, da lässt dann alles ein bisschen nach." Sophie sah sie fragend an und sie fuhr fort "Die Kinder, also der Junge hatte in dieser Zeit sehr viel gelernt, beherrschte das Griechische leidlich gut und ..." Sie lachte. "Worüber lachst du?" fragte Sophie. Gunda lachte weiter. "Ich weiß nicht, es ist so komisch, wenn man sagt 'leidlich', es klingt so zwergenhaft." "Man sagt das so." "Ja ja, ich weiß, aber es klingt wie ein Zwerg, der ein paar griechische Vokabeln sprechen kann, findest du nicht?" "Ich weiß nicht, wie du darauf kommst." "Ich weiß es doch selber nicht."
Dann beherrschte sie sich wieder und sagte, als würden sie schon die ganze Zeit davon reden: "Du kennst das mit den Lehrern. Entweder man hasst sie oder man liebt sie; verachtet werden sie allemal." Sophie hatte Mühe, ihr gedanklich zu folgen. Noch mit den Frankfurtern beschäftigt, war sie stehengeblieben, während Gunda mit forschem Schritt, ein paar Halme am Wegrand rupfend, weiter lief. So musste Sophie sie erst wieder einholen. "Du hast doch auch Hauslehrer gehabt, unser Vater hat darin keine Kosten und Mühe gescheut", sagte Gunda mit süßlicher Reminiszenz und als hätten sie beide denselben Vater.
"Ja freilich", meinte Sophie, die diese Personen aus ihrer Erinnerung fast völlig gestrichen hatte. Gunda sagte weiter "Wenn der Lehrer alt und hässlich ist, kauzig, abstoßend und das ist meistens der Fall, dann hasst man ihn. Und seine widerliche Art färbt ab auf das, worüber er einen belehrt. Die schönsten Sachen der Naturgeschichte werden unter den Händen und Worten eines Lehrers zu missgestaltigen Auswüchsen." Sie knetete mit den Händen einen unförmigen Klumpen in der Luft und fügte ziemlich abfällig hinzu "Sie haben alle ihr Leben verfehlt."
Darüber musste Sophie lachen "Wer, die Lehrer?" "Natürlich", erwiderte Gunda, die sich in ihre kuriose Auffassung hineinsteigerte. "Wer kann denn ernsthaft daran glauben, dass man einem Menschen, sogar einem Kinde etwas Wissenswertes beibringen kann, ganz zu schweigen von der Moral. Schau uns beide an, hast du etwas gelernt von einem Lehrer? Ich hatte den Lierschmeyer, einen hochgebildeten Mann, konnte den ganzen Bellum Gallicum auswendig, und wenn er redete, hat sich der Speichel in seinen Mundwinkeln angesammelt, so kleine weiße Batzen, die bei jedem a und o, und vor allem, wenn er zwischendurch ungeniert gähnte, in zähen Fäden auseinander zogen. Puh." Gunda schüttelte sich.
"Man fürchtet sich vor ihnen, noch bevor sie einem alle vier Grundrechenarten beigebracht haben. Und wenn man größer wird, fürchtet man sie noch aus ganz anderen Gründen, und man verabscheut sie. Dabei ist es verboten, seinen Lehrer zu verabscheuen. Und weißt du", sagte sie direkt zu Sophie gewandt, "das ist das eigentlich Fürchterliche daran, man muss beständig gegen seinen Hass wie gegen ein Verbot ankämpfen, und das macht einen selbst in den eigenen Augen so schäbig. Man will es gar nicht, es tut einem Leid, dieser Mensch tut einem Leid, erst recht später, wenn man alt genug ist zu erkennen, in was für einer jämmerlichen Lage sich so ein Lehrer befindet, aber man kann ihn doch nicht sympathisch finden gegen den eigenen Willen, gegen den gesündesten Instinkt. Es ist mir unerklärlich, wie jemand aus eigenem Wunsche Lehrer werden kann." Sophie fiel ein, wie Gunda letztens einen dieser Brotgelehrten, über den die anderen hergezogen waren, in Schutz genommen hatte, und jetzt ahnte sie auch, weshalb.
"Liebe Gunda, da zeigt sich so recht dein ungebärdiges Wesen. Ich will es gar nicht schelten, denn es ist auf seine Art erfrischend, aber ich weiß, dass es auch den gegenteiligen Fall gibt, wo ein Kind seinen Lehrer liebt, ja verehrt." Gunda schien das ohne Widerspruch hinzunehmen. "Ja, so ist es wohl dir ergangen, dann gehörst du zu den zahlreichen Kindern, die selber unbedingt Lehrer werden wollen." "Oh nein, ich rede nicht von mir", versicherte Sophie.
Gunda blieb stehen und schaute gerade vor sich hin. "Wenn du das meinst, dann sprichst du bloß von Verliebtsein, ich denke, da ist ein erheblicher Unterschied. In jemanden verliebt zu sein, kann allerdings bedeuten, ihn sympathisch zu finden, vielleicht sogar zu bewundern. Aber, und das betrifft übrigens die Spezies der Lehrer am allerwenigsten, wenn man jemanden bewundert, dann liebt man ihn nicht." Sophie tat sehr erstaunt, und Gunda erklärte "Bei all diesen hässlichen Wichten, die man ertragen muss, wie sie einem das ABC und Einmaleins beibringen, da fällt man doch aus allen Wolken, wenn plötzlich einer auftaucht, der dagegen wirkt wie ein Apollon." "Du meinst einen, der dir im Traum erscheint?"
Sie sah Sophie von der Seite an und lachte. "Wovon träumst du denn?" "Träumen wir nicht alle mal von so einem Mann?" schwärmte Sophie. "Na, ich schon", sagte Gunda mit einer Genugtuung, als habe sie einen neuen persönlichen Schwimmrekord aufgestellt. Und dann überraschte sie Sophie abermals, als sie auf das vorherige Thema zurückkam. "Wenn dann so ein Friedrich Weickert auftritt, der einen mit seiner ganz besonderen Erscheinung fasziniert, selbst wenn er das gar nicht beabsichtigt, dann ist es vorbei mit der ganzen Schulweisheit, ja womöglich mit der menschlichen Kultiviertheit überhaupt, und man fällt zurück in den urgründigen, natürlichen Taumel jemandes, der einmal in seinem dunklen Erdendasein vom Feuerstrahl eines herzallerliebsten Wesens getroffen und entzündet wurde." Gunda musste Luft holen nach diesem Satz, und Sophie lachte aus vollem Halse.
"So ist es, wenn du einen Mann bewunderst", sagte Gunda ganz ernst und Sophie konnte sich des Gefühls nicht erwehren, als würde ihr durch eine libysche Sibylle geweissagt, die ihren Dienst zum erstenmal versieht. "Du bewunderst ihn wegen seiner hervorragenden Eigenschaften, wegen seiner Talente, wegen seiner genialen Gedanken und seiner magischen Ideen, wegen seiner einnehmenden Art zu reden, Dinge zu sagen, für die dein Ohr, ja dein ganzes Gemüt wie geschaffen sind. Du bewunderst ihn wie einen Edelstein, dessen unverwechselbare Farbe, sein geheimnisvoller Glanz, die Wohltat des Einblicks, den er gewährt, dich schweigen und genießen lässt. Aber du liebst ihn nicht, denn du weißt, dass du zu andersartig bist und man liebt nur, ja man unternimmt überhaupt nur dann erst irgendeine Anstrengung etwas zu lieben, wenn man sich ihm angleichen kann."
Sophie erwiderte nichts darauf und fragte sich, woraus ihre kleine, junge Cousine solche Gedanken schöpft. Gunda sagte noch wie zu sich selbst "Das ist es, wenn man von Hingabe spricht, man gibt sich selber dem anderen hin aus Liebe, um ein wenn auch noch so lachhaft winziger Teil von ihm zu werden. So ist es bei den Frauen, sie öffnen sich, sie lassen ...", dabei stockte sie kurz und sprach sehr sanft weiter, "den anderen in sich eindringen, stellen sich wehrlos, fügen sich, lassen ihn von sich Besitz ergreifen, selbst um den Preis des Schmerzes, nur damit er sie aufnimmt, damit sie ein Teil von ihm werden können." Sie schaute wieder Sophie an und lächelte. "Am besten der weibliche Teil." Sophie konnte nicht anders als Gunda herzlich zu umarmen. "Kannst du mir das bitte aufschreiben, was du eben so schön gesagt hast." "Oh Gott, das kriege ich nicht noch mal zusammen."
Nach einer Pause sagte Sophie "Die Kinder haben Friedrich bestimmt sehr gemocht, vor allem der Junge, und nicht nur, weil er ihm das Griechische 'leidlich gut' beigebracht hat." Da Gunda schwieg, schickte Sophie ein "Oder?" Hinterher. "Sie waren jedenfalls ziemlich überrascht, als er plötzlich nicht mehr da war, habe ich gehört. Na ja, sie können am wenigsten dafür." "Wofür?" "Dass er da im Haus alles durcheinandergebracht hat, also ich meine, nicht dass er jetzt alle Möbel umgeräumt hat oder so, sondern im übertragenen Sinn." "Ich verstehe dich schon, er hat Unruhe gestiftet." "Wahrscheinlich. Der Ärmste. Das wollte er gewiss nicht.
Aber die Pauquet, also Katharina, die war ja am meisten von ihm beeindruckt. Sie hätte sich sicher als Kind auch so einen Lehrer gewünscht, hat sie aber nicht gehabt, und jetzt ist es eh' zu spät." "Zu spät?" "Meine Güte, Sophie'chen, du frägst aber heute komisch. Siehst du denn nicht, dass das Unheil schon seinen Lauf genommen hat. Was glaubst du, warum Katharina hierher gereist ist?" "Um sich zu erholen von der aufregenden Zeit dieses Jahres." "Ja, so kann man es auch nennen." "Dann sag' du mir weshalb." "Weil sie von zu Hause geflohen ist, schon zum zweitenmal, aber diesmal allein." "Mit Henry." "Henry, der ist nur zu ihrem Schutz dabei." "Zu ihrem Schutz? Wovor sollte er sie schützen? Vor uns vielleicht?" "Vor sich selber. Mehr kann ich dazu nicht sagen."
"Ich versuche andauernd, wenn ich Katharina sehe, mir Friedrich vorzustellen", sagte Sophie, verschwieg aber, dass Katharina ihr aus dem Tagebuch vorgelesen hatte. Gunda sagte "Ich kenne einige Leute, die seinen Polydoros sehr loben, er sei ein Original in der Literatur." "Na, da wird wohl etwas dran sein." "Anton Alexander gehört übrigens nicht dazu, seiner Ansicht nach ist er zu weitschweifig, obwohl er den Ton getroffen habe." "Welchen Ton?" "Das hat er nicht gesagt, vermutlich den antikischen." Sophie winkte ab.
"Für Anton Alexander muss alles antikisch klingen, sonst lässt er es nicht gelten. Manchmal kommt er mir vor wie jemand, der unablässig die Vergangenheit plündert, seine eigene und fremde, und er sieht dabei oft recht hilflos aus." "Ich finde, er sieht sogar manchmal recht wütend aus." "Ja", lachte Sophie, "das passiert, wenn man sich vom Schicksal anderer ernährt." Gunda verstand nicht, und Sophie fügte hinzu "Schau ihn dir doch an, er sitzt nun schon seit fast zehn Jahren hier in diesem gottverlassenen Nest herum, und allen seinen Stoff für seine Bücher muss er sich aus dem Leben anderer nehmen, weil sein eigenes so schrecklich ereignislos ist." "Ach, und deshalb findest du Friedrich Weickerts Leben aufregender."
"Vielleicht. Wenn ich mehr darüber wüsste. Wo ist er jetzt eigentlich?" Gunda zuckte mit den Schultern, sagte dann aber "Er ist nach Homburg gegangen, heißt es, der Herr Samuel hat ihm eine Stelle als Hofbibliothekar beim Prinzen verschafft." "Siehst du, du weißt besser Bescheid als ich, wer ist denn Samuel?" "Weickerts Jugendfreund. Es heißt auch, dass Samuel den Boten spielt." Sophie blieb stehen, auf einmal fiel ihr ein, wo sie den Namen Samuel gehört hatte. Gunda sprach weiter. "Ein Bote für die heimlichen Briefe, die sie sich schreiben. Es heißt, wenn Katharina und die Kinder sich im Greifenfechter'schen Hof aufhalten, kommt er unter irgendeinem unverdächtigen Vorwand hin und empfängt den Brief oder händigt ihn aus."
Gunda sprach jetzt davon, als würde sie diese Briefe kennen oder wäre zumindest nahe daran, aus ihnen zu erfahren, und Sophie hatte wieder den Verdacht, sie würde sich das ausdenken. Dennoch hätte sie den Versuch wagen können, Katharina daraufhin anzusprechen. Es war offensichtlich, dass Gunda längst auf eine Gelegenheit gewartet hatte, alles was sie über Katharina und Friedrich wusste, auszuplaudern und loszuwerden. Allerdings hatte sie unter dem Zwang, es für sich behalten zu müssen, manches hinzugedichtet, so dass die Grenze zwischen Wahrheit und Erfindung an einigen Stellen verwischt war.
Sie gingen eine Weile schweigend nebeneinander. Dann sagte Sophie "Weißt du, was mir seltsam vorkommt, aber du musst mir versprechen, es niemandem zu sagen." Gunda machte eine Miene, als wollte sie es nicht hören, murmelte dann aber irgendetwas, und Sophie drängte es offensichtlich danach, ihre Beobachtung mitzuteilen. "Als ich Katharina und Henry zum ersten Mal begegnet bin, da habe ich mit Henry über Hamburg gesprochen, er kommt ja von dort. Ich erwähnte ein Haus, das er auch kennt, und er beschrieb sogar Einzelheiten, das Tor, den Garten und so weiter." "Ja und?"
Sophie blickte nachdenklich ins Leere. "Ich kenne dieses Haus in Hamburg gar nicht." "Du hast also von einem Haus gesprochen, das du gar nicht kennst?" "Ich habe angenommen, es gäbe es nicht." Gunda sagte "Wie soll ich das verstehen, warum erzählst du Henry von Häusern in Hamburg, die es gar nicht gibt. Das merkt er doch sofort." Sophie druckste herum. Sie sei sich nicht bewusst gewesen, was in diesem Moment in sie gefahren sei, vielleicht habe sie Eindruck auf ihn machen wollen, da habe sie irgendetwas von Hamburg geredet, um zu zeigen, wo sie überall herumgekommen sei. Außerdem habe sie gedacht, er könne ja unmöglich die ganze Stadt kennen.
"Hat er aber doch", sagte Gunda, als hätte sie ihre Cousine eines mädchenhaften Schwindels überführt. Sophie entgegnete "Er hat ja nur auf das reagiert, was ich gesagt hatte. Meines war Phantasie, was ist, wenn er sich auch nur etwas ausgedacht hat?" "Aber warum sollte er das tun?" "Warum habe ich es getan?" Gunda lachte wieder ihr immer ein wenig schadenfrohes Lachen. "Du meinst, ihr habt euch gegenseitig getäuscht? Wie zwei Narren, die sich etwas vorgaukeln, herrlich. Was für ein Haus war es denn? Ich werde Henry danach fragen, er wird sich vielleicht nicht erinnern können, was er zu dir gesagt hat." Sophie wurde zornig. "Du wirst dich unterstehen, das zu tun."
Sie waren quer über eine Wiese gelaufen, wo das Gras gemäht und wieder einige Zentimeter nachgewachsen war. Als es in der Sonne zu heiß wurde, schwenkten sie hinüber zu den Bäumen, von wo aus es nicht weit war zum Fluss, der an dieser Stelle früher eine Furt hatte, durch die die Bauern mit ihrem Vieh und den Karren die Ufer wechselten. Der Boden führte flach ins Wasser, war aber ausgewaschen und steinig und da man nicht gut verweilen konnte, änderten die beiden abermals die Richtung und kehrten im Halbschatten einer steilen Böschung und dann immer am Weidezaun entlang zurück. Das rote Ziegeldach des Stallgebäudes wuchs empor, je näher sie kamen und bald zeichneten sich auch die Umrisse der Hofhäuser im flimmernden Licht ab.
Da näherten sich ihnen zwei Reiter. Es waren Joachim und Katharina, die gleich mit Hurrarufen auf die beiden zusprengten. "Ich wusste gar nicht, dass du reiten kannst", sagte Gunda zu Katharina. "Konnte ich auch nicht, Joachim hat es mir beigebracht." "Ach so." "Na, so richtig kann ich's noch nicht." "Sie machen sich schon ganz gut", sagte er und hatte Mühe, sein Pferd ruhigzuhalten, das sich hin und her wandte. Sie sagte "Wir sind von da drüben gekommen, und da haben wir euch von weitem gesehen. Was macht ihr?" "Wir gehen nur so ein Stück, es ist wunderbar hier." "Ja, es ist herrlich, man möchte ganz draußen bleiben." "Könnt ihr doch machen." Katharina lachte.
Joachim sagte "Noch eine kleine Runde, querfeldein?" Sie nickte, da sagte Sophie "Ich will auch mal reiten, kann ich?" Automatisch fasste Katharina die Zügel fester an, sie schaute auf Joachim. Der sagte "Natürlich, wenn du willst." "Oh ja." Er sprang ab, sie raffte ihr Kleid hoch, dass man ihre strammen Beine in den hellen Strümpfen sehen konnte, und er half ihr beim Aufsteigen. Katharina bekam ein mulmiges Gefühl. "Aber wie soll ich jetzt allein ...?" "Sophie ist eine hervorragende Reiterin", sagte Joachim, doch er lachte dabei, und Sophie, die ziemlich unsicher aufsaß, lachte auch und meinte "Ja ja, rede du nur." Dann nahm sie die Reitgerte und gab ihm einen leichten Streich auf die Hand. "Und jetzt loslassen."
Das Pferd ging sofort durch. Katharina schrie auf, Joachim gab ihrem Pferd einen Klaps auf das Hinterteil und es folgte dem anderen. "Juhu", rief Sophie übermütig und wäre beinahe aus dem Sattel gerutscht. "So was Verrücktes", sagte Gunda. "So sind sie." "Was werden die Pferde denken. Stimmt es eigentlich, dass Pferde alles siebenmal größer denken?" Joachim lachte. "Na was, stimmt es oder nicht? Sagen Sie mir's, Joachim, oder ich glaube Ihnen nie wieder was." Sie schauten sich noch mal um, aber von den beiden war nichts mehr zu sehen.
Zwei Tage später regnete es, ein warmer, ergiebiger Regen, der schon in der Nacht eingesetzt hatte und in erquickender, gleichmäßiger Fülle bis zum Mittag andauerte. "Henry, ich möchte dir etwas zeigen", sagte Gunda, "komm' mit hoch in mein Zimmer." Sie stiegen die Treppe hinauf. Sie schauten durch die Fensterscheibe nach draußen auf den Hof. Die Scheibe war ganz dünn beschlagen, und Gunda wischte ein Guckloch heraus, und Henry auf seiner Seite auch eins, und dann pressten sie die Nasen an die Scheibe und schauten hindurch.
Man konnte Elisabeth und Joachim sehen, die trotz des Regens in der Gartenlaube waren, die ein festes Dach hatte. Elisabeth saß auf einem der Korbstühle und Joachim lehnte mit überkreuzten Beinen an der hölzernen Einfassung und rauchte aus einer kleinen, aber langstieligen Pfeife. Elisabeth machte öfters Gesten, während Joachim ohne Regung sprach; man konnte nicht hören, was sie sagten. Gunda beobachtete die beiden. "Was wolltest du mir zeigen?" fragte Henry. "Gleich."
Der Regen floss und plätscherte durch alle möglichen Rinnen und in die Pfützen an der Hauswand. "Weißt du, warum Sophie dir gegenüber so kühl ist?" fragte Gunda plötzlich. "Ich weiß es nicht, und ich habe das auch nicht bemerkt", antwortete er ruhig. Und weil er nicht weiter sprach, sagte Gunda selber, was sie hören wollte. "Warum?" Sie schob sich mit den Armen vom Fenster weg und beugte sich nach hinten, legte den Kopf zurück und ihre vollen Haare fielen nach hinten herab. Sie wandte ihm halb das Gesicht zu und sagte bedeutsam: "Weil sie dich bis zum Schluss aufhebt."
Henry schluckte, augenblicklich steckte ihm ein Kloß im Hals. "Also, mach’ die Augen zu", sagte sie. "Was?" presste er hervor. "Du sollst nicht husten, du sollst die Augen schließen. Ich will dir was zeigen, nun mach schon." "In Ordnung." "Zu lassen." Sie ging an eine ihrer Reisetaschen und kramte darin herum. "Wirst du's finden?" "Halt den Schnabel." Dann trat sie an ihn heran und sagte "Hand aufhalten." Er tat es, und sie legte etwas hinein. "Jetzt kannst du gucken." "Was ist das?" "Das wollte ich dich fragen. Hab' ich gefunden, als wir in Weimar waren, da draußen in Bellevue." "Belvedere." "Mein' ich doch. Auf'm Feld. Ich musste mal dringend, und da bin ich in die Büsche gegangen, und dann habe ich's da auf der Erde liegen sehen. Sieht irgendwie komisch aus, oder?"
Er drehte und wendete es und fuhr mit den Fingern darüber hin. Es war ein Zwischending aus Stein und Knochen, halbmondförmig, in der Mitte dick, mit einem spitzen und einem runden Ende. "Ich würde sagen, es ist ein Zahn." Gunda lachte. "Das ist doch kein Zahn. Oder hast du so einen Zahn im Mund?" "Nicht von einem Menschen. Ich habe in Hamburg in einem Überseekontor einmal eine ganze Kiste von Tigerzähnen gesehen, die sahen genauso aus." "Tigerzähne?" "Aus Indien." "Aber Indien liegt in Indien, und nicht bei Weimar. Und Tiger habe ich hier auch noch nie gesehen." "Vielleicht hat ihn jemand dort verloren." "Ach, das war nur so eine Stelle, ich sag's ja, ich hab' da bloß hingemacht." "Hm, das ist mir ein Rätsel." "Mir auch." "Katharina hat letztens auch was gefunden." "Was?" "Eine schöne bunte Glasmurmel, in der Stube von der Gastwirtschaft in Gotha." "Aha."
Gunda öffnete Henrys Hand und berührte den Zahn. "Was meinst du, was mehr wert ist, das hier oder Katharinas Glaskugel?" "Es war nur so eine kleine Murmel, womit die Kinder spielen. Ich glaube, es lässt sich nicht vergleichen. Das hier ...", sagte er und hielt ihn hoch, "Ja?", "... das ist eher ein Talisman." "Ein Glücksbringer?" "Auf alle Fälle. Wenn nicht sogar ein Zauberzahn." "Oh Gott. Was für ein Zauber?" "Das wird sich erst noch herausstellen." "Jetzt machst du mir Angst." "Keine Bange, wenn du es gefunden hast, hat es dir das Glück in die Hände gespielt, es kann nur ein guter Zauber darin stecken, die bösen bekommt man immer mit Gewalt verpasst." "Na, da bin ich beruhigt. Trotzdem wäre es mir lieber, du bist dabei, wenn ich ihn ausprobiere." "Dann müssten wir heiraten." "Wieso das denn?" "Damit ich immer in deiner Nähe bin. Schließlich gehört auch ein Zauberspruch dazu, und der kann dir jederzeit und überall einfallen." "Jederzeit? Im Schlaf zum Beispiel." "Ja, oder bei allen möglichen anderen Sachen." Sie lachte, und Henry sagte "Dabei auch."
"Willst du ihn haben?" "Oh nein, das geht nicht, er ist unbedingt an den Finder gebunden. Womöglich verkehrt sich der Zauber in der Hand eines anderen ins Gegenteil. Ich möchte kein Unheil stiften." "Schade." "Was schade?" "Dass ich ihn dir nicht schenken kann, ich würde gern was Gutes für dich tun." "Aber Gunda, deine Gesellschaft ist mir schon Belohnung genug." "Belohnung? Du redest wie ein Minnesänger, du hast ja nicht einmal um mich geworben." "Ähm, na ja, es war vielleicht noch nicht an der Zeit." "Und wie lange willst du damit warten? Und wie lange soll ich darauf warten?" Sie sah ihn halb erwartungs halb vorwurfsvoll an. "Aber nein, du hast Recht, du bist nicht so." Und dann, nach kurzer Überlegung, sagte sie "Vielleicht ist das der Zauber, der dich verwandelt."
"Ich habe dir ja erzählt, dass ich einmal in eine ganze Kiste voll solcher Zähne gegriffen habe, wenn der Zauber - ich denke, du meinst einen Liebeszauber - wenn der an mir wirkte, dann hätte ich fortan ein Sultan mit einem Harem von hundert Frauen sein müssen, die ich alle zugleich beglücken würde." "Bist du eigentlich wirklich Katharinas Bruder?" fragte Gunda unvermittelt. "Was? Wieso fragst du das?" "Weil Sophie so was angedeutet hat."
Er drückte Gunda den Zahn in die Hand und sagte "Vielen Dank, dass du mich ins Vertrauen gezogen und mir das gezeigt hast, hast du sonst noch was auf dem Herzen?" "Nein, ich wollte dich bloß ... bewahren ... vor ... ach, vielleicht ein andermal. Sieh nur, der Regen hat aufgehört." "Ja. Der war auch dringend nötig." "Warte mal", sagte sie. Sie machte eine flache Hand, auf der der ominöse Zahn lag, streckte sie zu Henry hin und pustete darüber in sein Gesicht. "Was ist das jetzt?" "Wirst du schon sehen."
Henry auf Irrwegen
Obwohl es stundenlang geregnet hatte, war die Erde bald wieder trocken, und am nächsten Tag führte Zarrenthin Henry, der sich die ganze Zeit schon sehr für die Hofhaltung interessierte (ehrlich gesagt weitaus mehr als für seine Dichtkunst) in den Wald, der dank der fleißigen Arbeit des Forstbediensteten Istleb in hervorragendem Zustand war. Dennoch meinte der Alte, es lohne nicht der Mühe, das Holz zu schlagen, die Preise würden beständig fallen, der Verkauf wäre ein Verlustgeschäft, und nur wegen des Eigenbedarfs würde er ihn weiter bewirtschaften, was ihn natürlich zusätzlich finanziell belaste.
Henry hatte Zarrenthins Ausführungen artig zugehört, aber schließlich meinte er, so viel darüber erfahren zu haben, wie es dem Interesse eines Fremden genügt, und er wandte sich von ihm ab und lenkte seine Schritte zur Seite hin, während Zarrenthin mit lauter Stimme und erhobenem Finger zwischen den schlanken Birken hindurchmarschierte, ohne nach links oder rechts zu schauen. Dann und wann rief er nach dem Förster Istleb, der hier irgendwo stecken musste, und bald schien er sogar Henry vergessen zu haben, der seine Stimme nur noch entfernt hörte.
Henry achtete auf den Gesang der Vögel und das Summen der Insekten, es war ein überirdisches Konzert der Natur, ohne Anfang und ohne Ende, in stets variierten Wiederholungen, mit den betörenden Schwingungen unzähliger einzelner Sequenzen und trotzdem nie in wilden Lärm ausartend. Er legte sich nieder ins weiche Gras, streckte sich aus, schloss die Augen und überließ sich der himmlischen Strömung, von der die Luft bis hinauf zu den Baumkronen und bis zu den Wolken vibrierte. Er hatte das Gefühl, an einen Ort gelangt zu sein, der auf keiner Karte eingezeichnet war, der zu keiner Stunde erreicht, der mit keinem Namen benannt werden kann, ein Ort, der da ist, wo er ihn zu finden glaubt. Ein Schimmer von goldenem Licht erfüllte seine Sinne, und er ruhte aus und schlief ein.
Er erwachte im nächsten Augenblick vom Gebell eines Hundes. Er rieb sich die Augen, weil er nichts erkennen konnte außer graublauen Umrissen und Schatten, die ihn umgaben. Da merkte er, dass es schon Nacht war, er musste vier oder fünf Stunden geschlafen haben. Er fühlte, wie plattgedrückt das Gras war; seine Kleider waren verrutscht, er hatte sich gedreht und gewendet, und die linke Hüfte tat ein wenig weh. Er vernahm das Bellen ganz in der Nähe, und dann sprang Castor auf ihn zu und freute sich, dass er ihn gefunden hatte. Ihm folgten zwei Personen, die er an den Stimmen erkannte, es waren Katharina und Sophie. Castor rannte zu ihnen zurück, Henry rief ihnen zu, sie kamen heran.
"Mein Gott, was ist denn los?" sagte er, richtete sich auf, blieb aber sitzen. Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar, als wollte er sein Gedächtnis in Gang bringen, aber Katharina und Sophie lachten, und da verflog der Schrecken, der ihn beim Aufwachen gepackt hatte. Dafür befiel ihn ein unheimliches Gefühl, das ihn erschauern ließ, es war alles so unwirklich, wie in einer alten Sage. Und das Lachen der beiden Frauen, war es nicht sehr fremdartig? Sollte er, statt in die Wirklichkeit zurückgelangt zu sein, sich nur noch weiter in ein phantastisches Reich verlaufen, wo die Menschen, die man kennt, in Wahrheit Geister sind, die deren Gestalt annehmen?
Sophie rief "Henry, was für ein hübsches Fleckchen haben Sie sich da zum Schlafen ausgesucht. Aber wird es nicht zu kalt auf der Erde?" "Ja", gab er zu, und die beiden kicherten, sie hatten offenbar kein bisschen Mitleid. Sie hielten jede eine Laterne in der Hand, die ein kräftiges Licht ringsherum warf. Das war jedoch nicht allein die Ursache dafür, dass die Nacht verhältnismäßig hell war, sogar hier im Wald. Und Katharina streckte den Arm aufwärts, deutete zum Himmel und sagte "Es ist Vollmond." Sie sprach es aus wie den Namen eines Gebieters, und Henry zweifelte noch mehr an der Echtheit der beiden. Vielleicht hatte er auch einen Anfall von Wahnsinn? Jene Art, die einen in jedem Alter, in jedem Augenblick, an jedem Ort, mitten in einer Bewegung überraschen kann.
Er versuchte, sich an den Fakten festzuhalten, sich zu erinnern. "Ich bin mit Anton Alexander durch den Wald gegangen", sagte er, und Sophie erwiderte "Das können Sie nicht leugnen." Was sollte das heißen? "Schauen Sie nur mein Kleid an", setzte sie fort, "es ist völlig hin." "Ja, und?" fragte er verunsichert; hatte er Sophies Kleid so zugerichtet? Katharina leuchtete zu ihr hin, und Sophie zupfte an ein paar aufgerissenen Stellen, dann zeigte Katharina auf sich selbst und meinte "Bei mir nicht viel besser." "Aber wo ist Zarrenthin?" "Oh, es ist etwas passiert." "Ein Verbrechen." "Was?"
Henry erschrak wieder wie vorhin, und diesmal hatte er eine noch beklemmendere Ahnung. Was, wenn er nur glaubte, geschlafen zu haben? Wenn er, in totaler Besinnungslosigkeit eine fürchterliche Tat begangen, sich danach wieder hier niedergelegt hatte und erwachte, als wäre nichts geschehen? Dann waren sie zweifellos Rachegöttinnen, deren Strafe ihn ereilte. Aber warum nur zwei? "Wo ist Gunda?" fragte er, und seine Stimme zitterte. "Sie kümmert sich um den armen Herrn Hispel." "Istleb", verbesserte Katharina. "Genau." "Der?" fragte Henry und betrachtete seine Hände.
Katharina hielt die Laterne darüber. "Hast du etwa auch was abgekriegt?" Er erhob sich. Castor schnüffelte an ihm herum. "Jetzt sagt mir endlich mal, was geschehen ist." Katharina bückte sich und streichelte Sophies Hund. "Unser guter Castor! Braver Hund." Jetzt dachte er: 'sie sind betrunken.' Sophie erzählte. "Zarrenthin hat den Herrn ..." "Istleb." "... Istleb gefunden, Castor hat ihn zu ihm geführt." "Wer zu wem?" "Wie zu wem?" "Wen oder was?" "Hört auf mit dem Quatsch und seid ernsthaft, mir ist nicht zum Lachen." "Und kalt? Ist Ihnen kalt, Henry?" Sie trat auf ihn zu, er wich zurück. "Halt!" "Was ist denn?" Sie schaute sich zu Katharina um und ihre Miene schien zu sagen 'Du hast mir aber etwas anderes versprochen.' "Erst will ich alles erfahren." "Gut. Wie du willst." "Oder nein, wartet. Wer seid ihr wirklich?"
Sie sahen sich fassungslos an, dann lachten sie plötzlich so laut los, dass Castor ein Stück zur Seite sprang. "Wir sind wir, und niemand sonst", sagte Sophie sehr sanft und schmeichlerisch. "Wir sind die Mondfeen", ergänzte Katharina. "Sie glauben uns nicht?" "Einen Beweis? Fass' mich an." "Ja, berühren Sie uns, Henry. Wir sind Mondfeen, aber für dich sind wir leibliche Wesen." "Weibliche Wesen." "Leibliche, weibliche Wesen." Es hätte nur noch gefehlt, dass sie sich an den Händen gefasst und im Reigen getanzt hätten. "Aber wo ist Gunda?" kam es wieder aus ihm heraus.
"Was haben Sie nur mit Gunda im Sinn? Sind wir Ihnen nicht genug?" Katharina sagte "Geben Sie ihm einen Kuss, Sophie, ich glaube, der arme Henry schläft immer noch." Henry trat noch einen Schritt weiter zurück und dabei aus Versehen auf Castors Pfote, der hinter ihm hockte. Er jaulte laut auf, Henry war bestürzt und beugte sich zu ihm hin, aber Sophie war schneller. "Tut mir Leid", murmelte Henry, "ich wollte Rodrigo nicht weh tun." "Rodrigo? Was redest du da? Das ist Castor." "Ich habe ihn verwechselt." "Sie haben ihn übersehen. Wenn Castor uns nicht alarmiert hätte, läge der arme Herr Hispel wahrscheinlich immer noch im Graben", sagte Sophie und kraulte ihm das Fell. "In welchem Graben? Und warum?"
"Er wurde überfallen", sagte Katharina, "von Wilderern, die in Anton Alexanders Wald gewildert haben." "Hier?" "Ist dies Anton Alexanders Wald?" fragte Katharina, als hätte sie sich verlaufen. Sophie tröstete immer noch Castor, blickte jedoch genau zu den beiden hin. "Was haben sie mit ihm gemacht?" "Sie haben ihn übel zugerichtet." Sophie stand auf und holte gegen Henry aus. "Mit einem Knüppel haben sie ihn verprügelt, so und so." Sie machte zum Schein Schläge auf Henry. "Und so."
Dann musste sie lachen. "Keine Angst, Henry, ich tue Ihnen nichts." "Und dann hat er da gelegen?" fragte Henry, der versuchte, die Frauen bei Verstand zu halten. "Gelegen nennst du das? Er wäre fast krepiert, wie der arme Lazarus." Henry wollte einwenden, dass der Lazarus nicht gestorben sei, aber Sophie sagte "Wo waren Sie denn eigentlich die ganze Zeit?" Henry fand die Frage ungehörig, und doch antwortete er beflissentlich "Ich habe geschlafen." "Ach so, ja dann ist es in Ordnung." Und Henry setzte hinzu "Hier, auf dem Boden."
"Was? Hier?" rief Sophie erbost, und Henry hätte ihr am liebsten eine geknallt. Katharina sagte, sie beruhigend, "Aber entsinne dich, Schwester, Castor hat ihn gefunden." "Ach ja, Castor findet immer alles, der hat es gut." Wieso nennt sie Sophie ihre Schwester? Und zu ihm redet sie wie zu einem Fremden. "Anton Alexander bat uns, nach Ihnen zu suchen, Henry", sagte Katharina und wandte dabei das Gesicht in den Wald hinein. Dann sagte sie zu Sophie "Was meinst du, Schwester, ist dies der richtige Ort?" Henry schaute zu Sophie. Die blickte um sich wie in einem leeren Zimmer, das sie einst bewohnt hatte, und hauchte dann ein leises, aber bedeutungsvolles "Ja." "Und ist es soweit?" fragte Katharina wieder.
Sophie nickte. Dann hoben Sie ihre Laternen an und pusteten wie auf ein verabredetes Zeichen die Lichter aus. Für einen Moment war es finster, aber gleich darauf kam es Henry so vor, als würde ein silberheller, doch stumpfer Schein um sie herum aufschimmern, der alles in einer eigentümlichen Deutlichkeit zum Ansehen brachte. Henry glaubte, den festen Grund unter seinen Füßen zu verlieren, aber nur, um seine eigene Schwere zu empfinden, die ihn bis auf einen kleinen, vielleicht eine Hand breiten Abstand darüber schweben ließ wie auf der entgegenwirkenden Kraft eines Magneten. Es war ein angenehmes Gefühl, in das man sich ohne Furcht hätte hineinfallen lassen mögen.
Wohin Henry nun blickte, das war von einem Lichtschein erhellt, der zwar in die Ferne schwächer wurde, aber dort sich mit dem Licht traf und vereinigte, das selbst von irgendwoher kam. Es war das Lichtspiel innerhalb der Dunkelheit, oder jenseits von ihr, und Henry bemerkte und prüfte die faszinierende Wirkung, als er zwischen den Bäumen durch hin zu einer freien Stelle im Wald schaute, die gut und gern dreihundert Schritte weg sein mochte, und die in ebenjenem erhellenden Glanz lag, der sich über die Erde ergoss.
"Da entlang", sagte Sophie und ging voran, und vor ihr wichen die Bäume zur Seite und ebnete sich der vom Unterholz bedeckte Boden. Er sah sich um, und Katharina folgte und ihre Lippen bewegten sich wie beim leisen Gemurmel. Ihre Gesichter, die Haut der beiden, die eben noch bleich und wächsern waren, hatten jetzt einen matten, wie von einer bläulichen Flamme erhitzten Ton, ihre Bewegungen waren munter, beinahe tänzelnd, während er zwischen ihnen aufpassen musste, dass er nicht davonschwebte. Aber sie hielten ihn zurück, und er wollte immer wieder einen Blick, ein Wort, einen Fingerzeig von ihnen erhaschen, die ihm diese Szene, die sich hier abspielte, erklären könnten.
Und als er sich abermals zu Katharina umdrehte, da glaubte er, statt Castor einen ebenso großen Ziegenbock an ihrer Seite zu sehen, der ihn mit einem frivolen Lächeln angrinste. Er kniff sich in den Arm und versuchte, wieder einen klaren Gedanken zu fassen. "Warum seid ihr herwärts nicht auch hier lang gegangen?" "Das tun wir längst", sagte hinter ihm Katharina, und Sophie faselte "Herwärts meerwärts die Wellen der Zeit treiben dich weit vom Hause fort an düsteren Ort." "Sophie!", rief er. Sie blieb stehen. "Ja?" fragte sie streng, als wäre er ihr noch eine letzte Erklärung schuldig. Ohne es zu wollen, sagte er "Wir haben uns doch immer gut verstanden." "Pahh!", versetzte Sophie, und auch von Katharina hörte er Gelächter.
Sophie schritt weiter und sagte wie nach überstandener Seelenpein "Wenn sie wüssten, Henry, wie oft ich an Ihnen verzweifelt bin." "An mir? Inwiefern?" "Schon allein an Ihrer Wortwahl könnte man verzweifeln, 'inwiefern', ist das überhaupt die Frage, die ein wundes Frauenherz schonen will?" "Schwester, plaudere nicht", gemahnte sie Katharina. "Dann sagt mir wenigstens, wer ich bin, wenn ihr euch schon nicht selbst zu erkennen gebt." "Das ist einer Antwort wert", meinte Sophie, "und wir würden dich darüber aufklären, wenn wir mehr Zeit hätten." "Aber was treibt uns", fragte er und spürte, wie dies schwebende Gefühl von vorhin verschwunden war, und er nun etwas täppisch daher stakste, als traute er dem Untergrund nicht mehr.
"Dich, mein Lieber, dich treibt es ausschließlich, wir weisen ja nur den Weg." "Ihr seid unerträglich, wisst ihr das." "Natürlich. Aber ich sage Ihnen was, Henry, es genügt nicht, ein Mann zu sein und dem anderen Geschlecht hinterherzujagen ..." "Aber das habe ich nicht getan ..." "Man muss auch mit der Trauer leben können." "Mit welcher Trauer?" "Mit der Trauer über den Verlust, den man jedesmal erleidet, wenn man die Vereinigung vollzieht, und der jedesmal größere Ausmaße annimmt." "Woher weißt du das?" "Als Mondfee weiß ich alles, ha ha." Sophie lachte ein kindliches Lachen, das auf Henry beängstigend wirkte, als könnte Sophie ihn damit in eine Falle locken.
"Ist Gunda auch eine Mondfee?" fragte er, und Katharina sagte abweisend "Gunda ist viel zu jung für so was." "Für was?" "Henry, ich frage Sie geradezu: Lieben Sie Gunda?" Henry platzte ein albernes Lachen heraus. "Ich sie lieben?" "Nein, nicht mich, sondern Gunda." "Ihr sagt doch selbst, sie sei noch zu jung, beinahe ein Kind." "Gunda hat Sie auch ein Kind genannt." "Mich? Sie hat zu euch über mich gesprochen?" "Natürlich, oder dachten Sie, Sie wären den anderen Menschen egal?" Er schaute zu Katharina, um ihren Ausdruck zu sehen, aber sie rief Castor, der zurückgeblieben war. Henry sagte schnell "Hoffentlich bin ich das nicht, und auch Ihnen nicht, Sophie." "Das wünschen Sie sich nur, Henry; nichts ist ungefährlicher für eine Frau als die Wünsche eines Mannes, sie werden alle abgeschlagen." Und wieder lachte sie, diesmal aber erbarmungslos. Katharina rief "Schau' nur Schwester, dort drüben."
Sie waren stehengeblieben am Rande einer Wiese oder an einem verschilften See, über dem flache Nebenschwaden hingen. Über dem Wald auf der anderen Seite stand in ganzer Pracht der volle Mond, fast gelb, und als würden die Flecken, die sonst auf ihm waren, endlich abheilen. "Was ist das?" fragte Henry. "Still." Aus dem Dunst tauchte eine Gestalt auf, dünn, zart, kaum fester als der Nebel selbst. Dann, ein Stück daneben eine zweite, eine dritte, vierte. Wie sie empor kamen, wurde ihr Äußeres deutlicher, man konnte ihren Leib, das Gesicht, das Haar sehen, ihre Arme, die sich ausstreckten und in die Höhe rankten. Henry sah, dass es Mädchen waren, in hauchdünnen, seidigen Gewändern.
Sie fassten sich an den Händen und tanzten zu unhörbarer Musik im Kreise, ließen dann los, drehten sich um sich selbst, verschwanden für einen Augenblick im Nebel und kamen an anderer Stelle wieder zum Vorschein, näherten und berührten sich wieder, flüsterten sich etwas ins Ohr , küssten sich auf Wange und Mund und vollzogen ihre Bewegungen nach der Melodie, die das Mondlicht auf der nächtlichen Hülle aller Dinge hervorspiegelte. "Das sind Erlkönigs Töchter", säuselte Sophie ihm zu, der wie gebannt hinschaute. Und Katharina ergänzte leise "Die toten Mädchen." Sie schwiegen und versanken in den Anblick der Tanzenden, und Henry meinte, den Rhythmus zu spüren, der eher eine Folge von Pausen in einem stetigen, gleichförmigen Fließen war, es reichte bis zu ihm herüber, an ihn heran, und plötzlich ergriff er Katharinas und dann Sophies Hand, um nicht widerstrebend dem Schauspiel einverleibt zu werden. Aber vielleicht war er bereits ein Teil davon geworden.
Er schaute auf Katharina und Sophie, seine Blicke gingen hin und her, er sah ihr schönes Antlitz, fühlte ihre weichen Hände, verfolgte die Form ihrer Körper unter dem Kleid. Aus ihren Fingern strömte es aus ihnen heraus und in ihn ein wie der Milchsaft in den Röhren, die manche Pflanzen tausendfach durchziehen, von unten hinauf und von den Spitzen wieder hinab, in beständigem Wechsel vom Mittelpunkt zur äußersten Peripherie, die gerade noch ihm angehörte. Aber weder der Mittelpunkt noch das Außenherum waren länger vorhanden, sein Körper schien sich aufzulösen, aufzugehen in dem Anderem, in dem dort, was ihn in seinen Zauberbann schlug, wovon er sich nicht abwenden konnte, dem er für allezeit verfallen war.
Er wollte den Mädchen zurufen, sie sollten auf ihn warten, er werde zu ihnen kommen, er werde ihr Gehilfe sein, ihr Diener, ihr Knecht, ihr Sklave, und wenn ihm das höchste Glück sollte zuteil werden, ihr artiger Schüler. Er sah ihre sanften Mienen auf den Gesichtern, das Haar, dessen Locken bei ihren Drehungen und Wendungen herumwirbelten, ihre durchscheinenden Gewänder. Er sah ihre schmalen und geschmeidigen Körper, an denen die Knochen der Hüfte hervorstanden, und die Rippen unter den rosigen Knospen der Brüste. Er sah ihren Nabel, in dem sich am Morgen der Tau sammelt und ihre hautglatte Scham, von der er abperlt. Er presste Katharinas und Sophies Hände und es durchzuckte ihn sechs, sieben, achtmal, und dann war es, als würde sein Herz, das im Feuer gehärtet worden, unter dem eiskalten Strahl eines Wassers zerbersten.
Den anderen Tag beim Frühstück fühlte sich Henry wie gerädert; auch konnte er sich nicht mehr recht darauf besinnen, was gestern geschehen war. Er ließ sich von Katharina darüber aufklären. An seinen Schlaf unter den Bäumen konnte er sich noch erinnern, und auch, wie er zuvor mit Zarrenthin durch den Wald gelaufen war; ebenso, wie ihn Castor und die beiden Frauen geweckt hatten. Aber dann wurde alles sehr unklar oder genauer gesagt, sehr phantastisch, und nun sprach Sophie auch noch zu ihm "Henry, in Ihnen steckt ein Komödiant." Und sie setzte in einem Tonfall hinzu, wie man guten Freunden einen ernsten Rat gibt: "Aber sie sollten es damit nicht übertreiben, nicht jeder ist für solchen Spaß empfänglich."
Er schaute fragend Katharina an, doch sie winkte nur leicht ab, vielleicht hieß das 'halb so schlimm' oder 'reden wir lieber nicht mehr davon'. Nur Gunda suchte anscheinend seine Nähe, als wollte sie etwas von ihm erfahren. Hatten die beiden ihr etwas erzählt? Und was? "Da ist er", flüsterte Gunda ihm zu, als der Forstbedienstete Istleb das Haus betrat und mit Zarrenthin eine Unterredung führte. Er hatte ein blaues Auge und auf seinem Gesicht klebten drei Pflaster, außerdem hatte er den rechten Arm in einen Verband gewickelt und vor der Brust fixiert. Doch ansonsten schien er wohlauf, und die beiden Männer gingen ins Nebenzimmer, wo Henry sie miteinander sprechen sah. Istleb klagte keineswegs, sondern redete wie jemand, der ein kleines Scharmützel überstanden hatte; schließlich lachten die beiden mehrmals. Henry hatte auch Zarrenthin nie vorher so - wie sollte man es nennen? - so aufgeräumt gesehen. Er legte Istleb vertraulich die Hand auf die Schulter, fast als hätte dieser einen geheimen Auftrag zu Zarrenthins vollster Zufriedenheit erfüllt.
"Wird man sie hängen?" fragte Gunda Henry, der in Gedanken abwesend war. "Was?" "Ob man sie hängen wird, die Wilddiebe." "Ach so, die Wilddiebe", sagte er mehr zu sich selbst und dachte 'die waren ja auch dabei'. "Bestimmt." "An einem Baum", sagte Gunda beinahe frohlockend. Sie beugte sich über den Tisch, und Henry nahm ihren Geruch wahr, kein Parfüm, sondern eher etwas Talgiges, von dem er im ersten Moment abgestoßen wurde, es aber gleich danach noch mal einzuatmen suchte. Es war derselbe Geruch, der vorhin aus der Küche kam, wo er von den Federn ausging, die im Haufen unter einer gerupften Gans lagen, welche zum Mittagsmahl zubereitet werden sollte. Sie setzte sich wieder und streifte dabei seine Hand. "Wahrscheinlich werden wir nicht mehr so lange hier sein, um dem Spektakel beizuwohnen", sagte sie, und Henry hatte plötzlich Gundas Bild vor Augen, mit einem Anblick, der ihn selber schockierte. "Entschuldigt, ich muss an die Luft." "Soll ich mitkommen?" "Nein danke, nicht nötig."
Der Forstbedienstete Istleb wollte sich erkenntlich zeigen für die Hilfe, die man ihm nach seinem Unfall geleistet hatte. Er lud daher Zarrenthin und seine Gäste zu einem kleinen Dorffest ein, bei dem gesungen und getanzt und vor allem gegessen und getrunken wurde. Dorothea, welche die Kochkünste der Dorfweiber kannte und schätzte, empfahl den Freunden, die Einladung unbedingt anzunehmen, sie würden wahrscheinlich so schnell nicht wieder in den Genuss der Spezialitäten aus der echten Thüringer Landküche kommen.
Mit dem Fest verband sich auch noch ein anderer Anlass, ein Handwerksbursche, ein Zimmermann, war von seiner Wanderschaft zurückgekehrt, die ihn bis nach Siebenbürgen und ins Donaudelta geführt hatte. Er war weite Strecken immer an den Flüssen entlang gewandert, angefangen von der kleinen Imse, über Unstrut, Saale und Elbe; nur durch Böhmen und Mähren ging er auf gemütlichen Umwegen mit manchen Stationen, bis er bei Preßburg an die Donau gelangte. Katharina sagte zu Henry, er habe ihr einmal gesagt, diese Imse hier vor Zarrenthins Haus fließe endlich nach Hamburg; wie sich das mit der Wanderung des Gesellen vertrüge? "Ganz einfach", erklärte Joachim, der gerade dabeistand, "es ist die andere Richtung."
Das Essen war wirklich lecker. Es gab eine Hühnerfleischpastete mit Pflaumenmussauce, welche unglaublich delikat mit Zimt und Ingwer gewürzt war. Es gab Räucherbraten vom Schwein, der über Holzkohle zubereitet wurde, die man mit einem Reisigfeuer zur Glut brachte, die zu schüren natürlich für die Kinder, und vor allem für die Jungen eine dankbare Aufgabe war. Dazu gab es Kraut, und statt Kartoffeln, die hier erst nach und nach Verwendung fanden, eine sogenannte Semmeltorte, die wie Knödel in Scheiben geschnitten wurde. Es gab gefüllte Eierkuchen mit Preiselbeeren, und von den Süßspeisen fand Katharina die Bratäpfel, eine Sorte Boskop, mit Vanillesauce besonders köstlich.
Zu trinken gab es alle möglichen Fruchtsäfte, klebrigen, zuckersüßen Sirup, mit Wasser verdünnt, Bier und Schnaps für die Männer, Apfel und Beerenwein für die Damen. Man hatte den kleinen Platz geschmückt mit allerlei bunten Bändern und Fähnchen und mit den Blumen des Spätsommers. Man hatte kleine Laternen und Lampions gebastelt und an Leinen aufgehängt, die über den Platz gespannt waren. Die Frauen und Mädchen erschienen in schönen, mit Stickereien verzierten Kleidern, die Freunde des heimgekehrten Gesellen, und natürlich er selber trugen ihre Handwerkerstracht. Ein paar Dorfmusikanten sorgten für Stimmung beim Tanz, und der war, neben dem Essen und Trinken, das Wichtigste des Festes.
Später gab Joachim einige Lieder aus seiner Sammlung zum Besten, mehr oder weniger bekannte Weisen, wie die von des Bettelmanns Hochzeit oder jene vom wilden Jäger. Dann die traurige von den zwei Königskindern und das Lied vom Pfalzgrafen, der seine Schwester einsperrt und verhungern lässt, schaurige und melodische Gesänge, welche die Musikanten einfühlsam begleiteten. Dann, nachdem sich alle ein wenig erholt und gestärkt hatten, ging es von neuem los. Der Forstbedienstete Istleb forderte Elisabeth Lucius zum Tanz auf, und obwohl zwischen ihnen ein beträchtlicher Altersunterschied war, machten die beiden eine gute Figur dabei.
Sophie kam aus dem Kreis ihrer Tanzpartner gar nicht mehr heraus, und Katharina und Henry, die zuerst zusammen getanzt hatten, fanden jeder zu anderen, während Gunda eine Zeitlang ganz von der Tanzfläche verschwunden war. Irgendwann zwischendurch entbrannte ein kleiner Streit unter ein paar jungen und ziemlich betrunkenen Burschen, der für einen Augenblick in ein Handgemenge ausartete. Einer wurde gegen einen Tisch geschleudert und räumte dabei, Halt suchend, einen Teil der Becher und Teller ab, die scheppernd zu Bruch gingen. Überdies sprang auch noch Castor herbei, der solches Treiben gar nicht gewöhnt war und beinahe verrückt spielte.
Alles beruhigte sich schnell wieder, und die Musikanten, als wollten sie den Zwischenfall schnell vergessen machen und zugleich zeigen, dass in Hermannstedt auch Kultur herrscht, legten sich mit einer Allemande des großen Meisters Bach Vater ins Zeug, die sie in origineller Variante für ihre Besetzung arrangiert hatten. Der ausgeglichene und doch beschwingte Charakter der Melodie brachte den Leuten allen Frohsinn zurück. Schließlich erschien auch der Herr des Hermantinums, er hatte sich in Schale geworfen und sogar aufwändig frisiert.
Man servierte ihm eine liebevoll bereitete Extraportion von den Speisen, und er konnte sich fast als erster denn als später Gast fühlen. Auch genoss er des Fruchtweins, und später gesellte sich Sophie an seine Seite, und dann tanzten sie viele Runden zusammen, und Zarrenthin machte lauter übermütige Späßchen und auch die ein oder andere doppeldeutige Geste und lachte dabei wie ein frecher Bube. Der Wein machte seine Bewegungen erst stürmisch, dann täppisch, und einmal verlor er beim Tanzen den rechten Schuh, anscheinend ohne es zu bemerken, und hinkte und hüpfte ohne den Absatz auf dieser Seite im Kreise.
Unglücklicherweise hatte sich bei dem Wirbel, in dem er um Sophie herumscharwenzelte, auch seine Perücke verschoben, und es waren zwei lange Locken herausgerutscht, die schrecklich widerspenstig und spröde zur Seite abstanden und dem armen Zarrenthin ein komisches Aussehen gaben. Als er dann freudetrunken mit den Augen rollte, den Mund zu einem breiten Grinsen verzog und das Kinn vorschob, während die beiden Locken in der Luft wackelten, da hörte man einige der Dorfmädchen kichern, und eine von den Frauen flüsterte "Er sieht aus wie ein Esel, der das Tanzen lernt", und alle mussten laut darüber lachen.
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