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Wie man sich über andere Leute lustig macht.


Zarrenthin kam auf Joachims Äußerung zurück. "Mir scheint, du bist ein typischer Vertreter dieser Ich-Philosophen. Anstatt Aufschluss über die innere Beschaffenheit der Welt zu gewinnen, sezieren sie ihre eigene Seele, weil sie glauben, dass die Wirklichkeit nur dort drinnen steckt. Aber können wir denn so vermessen sein, den ganzen Kosmos zu leugnen und zu behaupten, alles wäre in Wahrheit nur ein Produkt unseres Geistes?" Joachim verwahrte sich dagegen. "Nur weil ich einen gewissen Standpunkt versuche zu verstehen, heißt das noch lange nicht, dass ich ihn selber vertrete. Nein, ganz und gar nicht. Aber ich habe nicht nur viel gesehen von dem Irrtum, von dem gerade die Rede war, sondern auch von Täuschung wider besseres Wissen. Das meiste von dem, was sich Geistwissenschaft nennt, ist pure Dogmatik, und auch darin sind sich die Gottesfürchtigen und Atheisten verwandt. Und weil du es ansprachst, so will ich nur sagen, dass mir der typische Philosoph der Theologe ist."

Joachim sagte das ziemlich geringschätzig, und Zarrenthin, der selbst einmal Theologe war, fand sich in seiner Meinung über Joachim bestätigt. "Auch das kommt mir an dir bekannt vor. Dass du die ein oder andere Überzeugung ablehnst, das mag man billigen, es zeichnet dich als denkendes Wesen aus. Aber du scherst mit deiner Ablehnung alles über einen Kamm, nichts lässt du gelten, vielleicht rührt daher auch dein unstetes Wesen, nirgends hält es dich lange, nirgends kannst du dich gründen, nirgends findest du ..."

Elisabeth, die etwas abseits in dem großen Lehnstuhl saß und die ganze Zeit in einem Buch geblättert hatte, unterbrach ihn "Aber Alexander, wenn man Sie reden hört, könnte man meinen, es wäre Ihnen peinlich, einen solchen Sohn zu haben." Einen Moment lang war es still, und man hörte nur Katharinas Besteck auf dem Teller kratzen. Elisabeth fuhr fort "Kinder sind immer anders, und solange sie auf der Suche sind nach dem Sinn des Lebens, sind sie meistens auch wenig gefällig. Alles Junge muss sich nun mal abstoßen vom Alten, wenn es eigene Wege gehen will."

"Dagegen habe ich nichts einzuwenden", verteidigte er sich, "nur müssen sie deshalb nicht abstoßend werden. Jeder hat das Recht, seine eigene Philosophie zu vertreten, aber auch das Recht darauf, dass sie toleriert wird." Joachim schüttelte den Kopf. "Toleranz, lieber Vater, ist eine hohe Gabe des Geistes, etwas, das man nicht dekretieren kann, und sei es auch im Guten. Der wirklich tolerante Geist ist nämlich der, der an sich selbst zweifelt, und wer ihn hat, der weiß im Grunde, dass seine Idee nur eine von vielen möglichen ist und den anderen in nichts überlegen. Aber was man gemeinhin Toleranz nennt, ist in Wahrheit nur Gesinnung, nur kleine Geister fordern sie, damit sie gegen die großen überhaupt bestehen können. Am Ende geht es bei diesen Dingen gar nicht um die Idee, es geht um Rechthaberei und Selbstbehauptung. Wie viele bornierte Stubengelehrte habe ich erlebt, Doktoren auf den Universitäten, die sich an einem Genie festgebissen haben wie Ungeziefer im edlen Pelz."

Zarrenthin musste unwillkürlich an seine eigenen Shakespeare Übersetzungen denken. Albenhoven musste lachen, mahnte aber "Geben Sie acht, dass Sie nicht ungerecht werden." "Oh ja, darauf muss ich achten, denn diese Leute stehen mir bis hier." Er zerschnitt mit der Hand die Luft vor seinem Hals. "In Jena hatten wir einen Dozenten, der auf die Kritik der reinen Vernunft geschworen hat wie auf die Offenbarung. Was hat er gemacht? Er hatte mit zwei Buntstiften, einem roten und einem blauen, die seiner Meinung nach wichtigsten Stellen in dem Buch unterstrichen. Die roten waren die allerwichtigsten, die blauen hinreichend wichtig. Und bei einigen Stellen hat er am Rand Ausrufungs oder Fragezeichen notiert. Stellen Sie sich das vor."

"Was ist daran verwerflich?" fragte Zarrenthin und auch die anderen fanden das nicht weiter ungewöhnlich. Joachim schien jedoch tatsächlich einen Groll auf diese Art Zeitgenossen zu haben. "Ach, ich weiß nicht", seufzte er, da er sich in der Minderheit sah. Albenhoven sagte "Ich hatte mal ein Exemplar der 'Metaphysik' in Händen, da hatte jemand Randbemerkungen hingeschrieben wie 'Sehr gut!', 'Treffend!', 'Fraglich!'. Eine ist mir besonders in Erinnerung geblieben, sie lautete 'siehe Schößlhammer!', verstehen Sie, das muss irgendein Lokalphilosoph gewesen sein, den er mit Aristoteles in Verbindung brachte." "Siehe Schößlhammer, köstlich", lachte Joachim, "wie wunderbar, das meine ich. Und jetzt in Berlin treffe ich einen, der genau die gleichen Kommentare macht, allerdings in Fichtes Wissenschaftslehre."

Gunda sagte "Warum habt ihr es denn nötig, euch über diese Leute lustig zu machen, wenn sie so unbedeutend sind? Und kennt denn einer überhaupt diesen Stößelhammer?" Joachim wusste jetzt wirklich nicht, wie er das auffassen sollte, und Albenhoven machte ihr deutlich, dass es nur ein Beispiel sei. Henry meinte "Vielleicht will Gunda damit sagen, wenn schon die Philosophie eigentlich ganz gleichgültig ist, dann kann man es diesen Menschen nicht verübeln, wenn sie nach Gutdünken damit umgehen." Gunda verneinte seine Deutung. "Ich glaube, ich meine etwas anderes, ich weiß nicht genau."

Zarrenthin wandte sich an Albenhoven. "Müssten Sie, verehrter Herr Verleger, nicht auch zugeben, dass eine Geschichte über einen Menschen, der sich einbildet, Aristoteles besser zu kennen als Aristoteles sich selbst, weitaus amüsanter ist als alle Bücher der Metaphysik?" Albenhoven nickte "Natürlich, Dummheit ist immer ein dankbares Thema, am besten gepaart mit Gemeinheit." "Sehen Sie", resümierte Zarrenthin, und Albenhoven glaubte, er wolle eine Lanze brechen für die geistig beschränkten Naturen, doch er stellte nur fest: "So weit ist unsere Literatur heruntergekommen." Katharina sah zu Albenhoven und der schaute zurück als wollte er sagen 'Nicht wahr, Madame Pauquet, ganz meine Meinung.'

Einige Zeit später kam Joachim noch einmal auf die Gelehrten und Wissenschaftler zu sprechen und nahm sie plötzlich scheinbar in Schutz. "Was ich über diesen komischen Kauz mit seinen Randbemerkungen sagte, trifft natürlich nicht auf alle zu." "Ich kann mir auch nicht vorstellen", sagte Zarrenthin, "dass du überhaupt nichts von diesen Leuten gelernt hast, mein Sohn. Jeder, und sei er von Natur oder von Hause aus auch noch so begabt, braucht einen Lehrer, der ihn ein Stück seines Weges führt und in seinem Studium anleitet. Ich sage ja nicht, dass er ihm vorschreiben mag, was er tun oder lassen soll, und der beste Lehrer wird dem genialen Geist auch niemals zu dessen genialen Leistungen verhelfen; die vollbringt er allein aus eigener Kraft.

Ein guter Lehrer ist schon deshalb hilfreich, weil er eine bessere Kenntnis des Stoffes hat, die ein junger Mensch naturgemäß nicht haben kann. Ein Lehrer, wenn er selbst viele Jahre, die meiste Zeit seines Lebens, wenigstens daran gesetzt hat, sich einen Überblick über die Geschichte und die Ideen der Menschheit und über ihre vorzüglichsten Werke zu machen - dabei lasse ich es völlig außer acht, ob er selber womöglich keine einzige originelle Zeile geschrieben hat - ein solcher Lehrer ist ein Gelehrter, und seine ureigentliche Aufgabe und sein Auftrag sind es, junge, talentierte Menschen mit all dem bekanntzumachen, was die Natur und der menschliche Geist in ihrer langen Entwicklung an Wunderbarem oder auch nur an Interessantem hervorgebracht haben, und was geeignet ist, in einem entsprechend veranlagten Menschen das Samenkorn der Schöpferkraft, liege sie nun auf dem Feld der Kunst oder der Wissenschaft, in ein fruchtbares Gewebe zu setzen, seinem Innern den Impuls zu geben, durch den der allumfassende Geist der Menschheit im einzelnen Individuum sich beständig selbst erhält und weiterentwickelt."

Joachim, der wie stets das Gefühl hatte, der Vater hätte ihn nicht ausreden lassen, entgegnete: "Von solcherart Gelehrten träumen diese selbst, das ist so ein Bild, das ihnen vorschwebt, die Traumrolle, die sie gern spielen würden, so wie die Eltern immer die besten Eltern für ihre Kinder sein wollen. Es gelingt ihnen aber nicht, weil ihnen ihr beschränktes Wesen einen Strich durch die Rechnung macht. Und die meisten von ihnen merken ziemlich früh, dass sie nur zu wenig taugen und dass die großartigen Vorstellungen, die ihnen in früher Zeit einmal von dem Fach, auf das sie sich verlegten und von dem Gebrauch ihrer eigenen Vernunft vorschwebten, und ebenso von der Schulung und Verfeinerung der Talente, welche sie sich zu eigen wähnten, sich allmählich eintrüben und zu einem kläglichen Bild verfallen, bei dem die Konturen verschwimmen, die Farben zerlaufen, die Formen zerbröckeln und die Details bald ganz verschwinden."

"Wie immer kennst du die andern Menschen ganz genau, und kennst dich doch nicht einmal selbst", sagte Zarrenthin trocken. Joachim blieb dabei, allerdings sprach er in einem sehr gemäßigten Ton, als wollte er den Vater mit dessen eigenen Worten widerlegen. "Ja, der Lehrer, so wie du ihn schilderst, der wäre ein edler Mensch, den sich ein jeder Schüler wünschte. Gewiss, es mangelt der Jugend stets an Erfahrung und an dem Wissen, für das man Jahre braucht es zu erwerben. Aber wäre es so, wie du sagst, müsste es bald nur noch gelehrte und kluge Menschen geben, ja, es müsste sie längst geben. Verstünde er sein Handwerk, wären nach zwei, drei Generationen nicht nur die edelsten Geister hervorgebracht, nein, es wäre zudem auch noch die Stumpfsinnigkeit ausgerottet.

Warum, frage ich, ist es aber in Wahrheit so, dass sich die Lehrer in jeder Generation von neuem abstrampeln, um ihren Schülern etwas beizubringen und dabei, wie immer, den nur mäßigen Erfolg beklagen müssen? Liegt es vielleicht an der Natur des Schülers, der als ein Individuum geboren wird, und als solches dumm auf die Welt kommt?" "Vielleicht ist das so", meinte Zarrenthin und fügte halb spöttisch halb boshaft hinzu "Wer weiß, was aus dir geworden wäre, wenn man sich nicht bemüht hätte, dir von frühester Jugend, ja von Kindheit an, die schönen und lehrreichen Dinge der Natur, des Geistes und der Kunst nahezubringen." "Mach’ dir mal keine Sorgen um meine Entwicklung", erwiderte Joachim. "Mache ich auch nicht. Du solltest nur nie vergessen, wer dich, und sei es auch noch so kurz gewesen, auf deinem Weg begleitet hat."

"Das klingt nach abgeschmackten Stammbuchsprüchen. Ich will dir was berichten, da du von Wegbegleitern redest: Ich war einer derjenigen, die dabei waren, als Schiller seine Antrittsvorlesung in der Universität gehalten hat. Und das hat mich sehr beeindruckt; ich sage: das, und nicht nur seine Rede, und meine das Zusammentreffen der disparatesten Positionen in diesem scheinbar so einvernehmlichen Kreis. Er sprach über den Brotgelehrten, der in seiner Brotwissenschaft sein Schicksal sucht und findet, und der sich gegen alles, was ihn von außen in seiner stupiden Beschäftigung stört, wehrt und alles Neue, Andere, schon gar Reformerische nicht nur scheut, sondern es bekämpft und sein eigenes, mühsam zusammengezimmertes Ideenhäuschen mit Erbitterung, Verzweiflung und Heimtücke verteidigt; ja, mit Heimtücke, sagt Schiller. Der Brotgelehrte verzäunt sich gegen alle seine Nachbarn, missgönnt ihnen neidisch Licht und Sonne und bewacht mit Sorge die baufällige Schranke, die ihn nur schwach gegen die siegende Vernunft schützt; er trachtet nur nach Geld, Zeitungslob und Fürstengunst. Das ist das wahre Bild des heutigen Gelehrten."

"Ja und?" fragte Zarrenthin, als sei ihm das bekannt und als wundere er sich nicht mehr darüber. Joachim fragte "Was glaubst du, wie viele von den damals anwesenden Herren Professoren sich insgeheim angesprochen fühlten, als Schiller über diese Brotgelehrten wetterte?" "Schwer zu sagen", meinte Zarrenthin, "man muss auch in peinlichen Augenblicken die Haltung bewahren können." Joachim schaute ihn fassungslos an. Der Alte fuhr fort: "Ich war zwar nicht persönlich anwesend wie du, aber ich habe Schillers Rede gelesen, und ich frage andersherum dich: Wie viele der Professoren, und wie viele mehr der jungen Studenten, haben sich angesprochen gefühlt, als er von dem philosophischen Kopf sprach, der eben das genaue Gegenteil des Brotgelehrten ist? Ich möchte wetten, es waren die meisten.

Du denkst manchmal zu schlecht von den Menschen, mein Lieber. Selbst der, welcher, wie du sagst, zu nichts taugt, und dem nichts Rechtes gelingt, er trägt sich doch immer mit der Hoffnung und, was vielleicht noch wichtiger ist, mit dem Wunsch im Herzen, dass er sich bessern möge. Denn jeder Mensch, sei er nun dumm oder genial, ausgestoßen oder in bedeutender Stellung, immer will er den Zustand, in dem er gerade lebt, ändern, es ist der natürliche Antrieb des Menschen, von der Stelle zu kommen; nur dass manche dabei weder die Richtung noch auch den Weg je kennen."

Weil von Schiller auch in der Runde mehrmals die Rede gewesen war, und weil alle wussten, dass Joachim gute Verbindungen nach Jena hatte, wo Schiller derzeit wohnte, schlug Sophie vor, er, Joachim, sollte einen Termin vereinbaren, an dem sie den Dichter besuchen könnten. "Wie stellst du dir das vor?" entgegnete Joachim. "Er steckt mitten in seinen Vorbereitungen für den Umzug." "Wohin zieht er denn um?" fragte Gunda. "Nach Weimar natürlich", sagte Zarrenthin. "Was heißt natürlich?" warf Joachim ein, "er könnte ebensogut nach Berlin gehen, dort wäre er herzlich willkommen." "Die Weimarer werden sich bemühen, ihn auch gut aufzunehmen. Und überhaupt, Berlin, was ist das schon. Womöglich wird Berlin eines Tages selbst nach Weimar umziehen, wenn der König erst einmal Gefallen an unserem idyllischen Plätzchen gefunden hat." Zarrenthin lachte, aber niemand stimmte darin ein.

"Außerdem", kam Joachim auf Sophies Idee zurück, "du kannst ihn nicht einfach mal so besuchen, er hat genug Mühe, sich die Leute vom Hals zu halten, die ohne irgendeinen Grund bei ihm eindringen und ihn belästigen." "Na erlaube mal", empörte sich Sophie, "ich will ihn nicht belästigen, ich will etwas von seinem Genie ... verstehen lernen, ist das nicht das gute Recht eines jeden seiner Bewunderer?" "Und ich soll den Vermittler spielen? Wenn du dich ihm so verbunden fühlst, dann frage ihn doch selbst." "Ich soll ihn fragen, ob ich ihn besuchen darf? Wie sieht das denn aus? Wie ein kleines Mädchen, das einen Spruch für sein Versealbum erbittet."

"Ich weiß nicht, was du eigentlich willst. Eben hast du ihn noch bewundert, jetzt verweigerst du dich ihm." "Ich würde mich einem Schiller verweigern?" "Es klingt so." "Du hast auch nicht annähernd eine Vorstellung davon, was eine Frau über einen Mann denken kann, du bist ein verfluchter Egoist." "Bravo", rief Zarrenthin, und Gunda sah ihn böse an. "In meinem Haus wird die Wahrheit ausgesprochen, auch wenn sie schmerzt." "Ein Egomane", setzte Sophie hinzu. "Bravo." Sophie schaute ebenfalls auf Zarrenthin, sie fand seine Bravorufe dämlich, aber als Joachim die Augen schloss und sich mit einem bitteren Lächeln auf den Lippen nach hinten lehnte, da verschluckte sie was sie noch sagen wollte, auch deshalb, weil sie sich nicht entscheiden konnte, wem von den beiden sie es an den Kopf werfen sollte. Als Joachim sah, dass ihr die Spucke wegblieb, erhob er sich und ging beinahe schlendernd hinaus.

Übrigens war das nicht einmal der heftigste von Sophies Ausfällen gegen Joachim und immer öfter auch gegen Zarrenthin. Ja, sogar Elisabeth musste manche verletzende Bemerkung einstecken. In Sophies aufbrausender Attitude, mit der sie manchmal in anstandsloser Manier die Männer behandeln konnte, lag oft ein zerstörerischer Zug, die Absicht zu verletzen und gleichzeitig ein Hang zum Scheitern. Doch ebenso häufig traf sie sich damit eigentlich nur selbst; das einzige Unverständliche daran war der Ausdruck von Demut, der über ihr Antlitz ging, wenn sie sich geschlagen geben musste, wie jetzt bei Joachims gleichgültigem Abgang.


Die weibliche Schönheit - ein Geschenk der Natur ?


Noch am selben Tag, als Katharina mit einem Strauß von Wiesenblumen von draußen zurückkam, saßen alle wiederum am Tisch, und wenn sie nicht gesehen hätte, wie Joachim ihn verlassen hatte und auch die anderen danach aufgestanden waren, hätte sie annehmen mögen, sie alle haben sich nicht vom Fleck gerührt. Und Joachim provozierte wieder die anderen, die auch garantiert auf ihn zusprangen wie auf einen angriffslustigen Eindringling. "Jeder Tag, an dem eine Frau nicht gefickt wird, lässt sie um hundert Tage altern", hörte Katharina Joachim sagen, und ihr kam dabei merkwürdigerweise nicht der Anblick von Joachim und Sophie in ihrem Zimmer in den Sinn, sondern sie musste an Signor Tartaglia denken, jenen jungen Italiener, den sie das erste Mal im Gothaer Park getroffen hatte und dem sie am Fluss wiederbegegnet war.

Zarrenthin schimpfte. "Unterlasse solche verderblichen Sprüche, solange du an meinem Tisch sitzt." "Dein Tisch? Bin ich dein Sohn? Dann ist es auch mein Tisch, denn ich werde ihn von dir erben, wie alles, was jetzt noch dir gehört." Jeder ahnte, dass Joachim nicht das Möbelstück meinte, sondern die Verderbtheit selbst, die er seinerseits dem Vater unterstellte und wofür er schon lange begierig nach einem Beweis auf der Suche war. Nur Gunda blieb unbeeindruckt und sagte "Wie schön für Sie, Joachim, dass es so ist, da können Sie sich ja jeden Tag so richtig auslassen." Wie immer schwankte Gunda gegenüber Joachim zwischen einer mehr persönlichen oder distanzierten Anrede.

"Abgesehen davon", erwiderte er, "dass ich gar nicht der Typ dafür bin, steht es für die Frauen schlechter, als man auf den ersten Blick vermuten könnte. Die Natur erschafft zwar die Schönheit, die die Frauen attraktiv macht, jedoch überlässt sie sie danach ihrem Schicksal. Und die Natur, was immer man Gutes von ihr sagen kann, ist unbarmherzig. Die von ihr selbst geschaffene Schönheit ist weder ein Verdienst noch ein Grund der Bevorzugung. Ich will gar niemand herabwürdigen, schon gar nicht wegen seines Geschlechts, dann schon eher wegen seiner politischen Gesinnung, doch die steht damit, soweit ich sehen kann, in keinem Zusammenhang.

Ich will mir auch nicht selbst den Anschein des Don Juan geben, und wenn ich das derbe Wort ficken gebrauche, so nur deshalb, weil es, jedenfalls in meinen Ohren, so natürlich klingt und frei von aller falschen Prüderie, die bei diesem Thema so geflissentlich zur Schau gestellt wird. Was ich meine, ist folgendes: eine von der Natur mit Schönheit ausgestattete Frau muss daraus ihren Nutzen ziehen, solange es möglich ist, das heißt, jeden Tag, stündlich, möglichst ununterbrochen. Denn die Schönheit hält nicht an.

Die Natur arbeitet nach dem Prinzip der Langfristigkeit, sie schafft und erhält und fördert alles, was auf Dauer Bestand hat, doch das gilt nur für das Allgemeine, für die Art an sich. Das ist ja auch ganz verständlich, denn nur an dem, was lange genug besteht, kann man erst recht erkennen, was ihm zu seiner Beständigkeit verholfen hat. Das Kurzfristige, Ephemere, wenn es von Qualität ist, ist ein Geniestreich, wie ein Wunder. Aber die Natur erzeugt keine Wunder, sie ist kein Wundertäter, Wunder erzeugt nur der Glauben."

"Allerdings sagt man von einer Frau, sie sei wunderschön", warf Albenhoven ein. Und Henry meinte: "Andererseits muss man bei manchen Frauen auch den festen Glauben mitbringen, dass sie schön seien." Mit dieser Bemerkung zog er sich den Zorn der Damen zu und musste sich seinerseits verteidigen. "Bin ich es, der abfällig über die Frauen spricht, oder hat Joachim damit angefangen?" "Joachim spricht nicht abfällig darüber", wies Sophie Henry zurecht, "er sagte eben selbst, man solle ihn nicht missverstehen." "Komisch, das habe ich überhört." Katharina gab ihm einen Wink, Joachim ausreden zu lassen.

Der fuhr fort. "So kommt es, dass die Natur mit Notwendigkeit auch weiterhin Geschöpfe hervorbringt, die mit unvergleichlicher Schönheit versehen sind, das ist ein Gesetz ihres Schaffens. Eine einzelne Frau ist nur ein einzelner Mensch, ein Individuum in der zeitlosen Folge der Geschlechter und Generationen nur wie ein Tropfen in einem großen Fluss. Und wenn die Natur ihr Schönheit verliehen hat, so ist es eine unbeständige, vorübergehende Eigenschaft, wie jede Eigenschaft eines einzelnen Menschen an seine Lebenszeit gebunden ist und mit seinem Tod verschwindet." "Außer vielleicht der Reichtum, der weitervererbt werden kann", sagte Albenhoven und warf Zarrenthin einen unbestimmten Blick zu, da eben vom Vererben die Rede war.

"Oh nein", entgegnete Katharina, "gerade der Reichtum ist so unbeständig wie nur irgendwas. Geld häuft sich an einer Stelle an wie ... wie der Unrat in der Gosse nach einem Regen, und nach einiger Zeit ist der Haufen wieder abgetragen und an einer anderen Stelle erscheint ein neuer." "Dann wäre es eigentlich von Vorteil, in der Gosse zu leben", meinte Zarrenthin, von dem man nun langsam gewöhnt war, dass er nichts Ernsthaftes mehr beisteuerte. "Na wirklich, Katharina", gab auch Gunda zu bedenken, "du hast leichtes Reden, dein Mann ist reich."

"Wollen die Herrschaften jetzt ihre Vermögensverhältnisse offenlegen?" spöttelte Albenhoven, aber Katharina verschaffte sich Gehör. "Ich wollte sagen: eben weil der Reichtum weitervererbt werden kann, hat er nichts mit der Schönheit gemeinsam, denn bei der ist das unmöglich." "Sehr richtig", stimmte ihr Joachim zu, "und man kann die Schönheit auch nicht vermehren wie den Reichtum." "Auch nicht verborgen", ergänzte Albenhoven, "sonst hätte ich mich längst schon bemüht." Alle lachten, Gunda sagte "Aber Herr Albenhoven, so hässlich sind Sie nun auch wieder nicht." Daraufhin lachten alle noch mehr.

Sophie wandte sich an Zarrenthin: "Das wäre doch ein herrliches Thema, Anton Alexander, jemand, der sich die Schönheit von einem anderen borgt." Zarrenthin schaute mit einem Blick geradeaus, als fielen ihm sogleich die ersten Szenen dazu ein. "Oder umgekehrt jemand, sagen wir ein armes, armes Mädchen, das nichts hat als seine Schönheit, die sie verkaufen muss, damit sie überhaupt überleben kann." "Wenn sie sie verkauft hat, ist die Geschichte zu Ende." "Na, dann verleiht sie sie eben für eine bestimmte Zeit." "Hört sich schon besser an." "Ja, und in der Zwischenzeit ist sie stockhässlich. Und ausgerechnet dann begegnet sie dem Mann, in den sie unsterblich verliebt ist." "Und die andere, die ihr die Schönheit abkauft, die ist in denselben Mann verliebt." "Ach du grüne Neune." "Aber die Hässliche, also die Schöne ist auch gut, und die andere ist ein Scheusal." "Mir ist so, als gibt es diese Geschichte schon." "Na und, sie wird immer wieder gern erzählt." "Joachim, sagen Sie doch schnell noch mal das böse Wort." "Also bitte, ich mag das nicht mehr hören." "Einmal nur, aber deutlich." "Ich verlasse auf der Stelle diese Tafel, das ist wirklich zu kindisch." "Oh nein, Anton Alexander, das ist nur für Erwachsene."

Obwohl sich alles im spaßigen Rahmen bewegte, lenkte Gunda von dem frivolen Thema ab und fragte Joachim: "Woher wissen Sie eigentlich das alles von den Frauen?" Joachim verstand die Frage absichtlich falsch und erwiderte: "Das weiß ich nicht von den Frauen, sondern aus eigener Anschauung. Alle meine Einsichten habe ich selber gewonnen. Wie ich überhaupt glaube, dass die Männer all ihr Wissen aus der Natur und der Arbeit ziehen, während die Frauen ihr ganzes Wissen von den Männern haben." "Das ist ja ungeheuerlich! Damit sprichst du den Frauen eine eigene Verstandestätigkeit ab." "Keineswegs." "Na ja, aber wenigstens machen Sie die Frauen zu kleinen dummen Mädchen, denen die Männer erst alles beibringen müssen." "Auch das nicht. Ich sagte, die Frau bezieht ihr Wissen von dem Mann, und nicht, der Mann unterrichtet oder belehrt permanent die Frau. Der Mann kann dabei ganz passiv sein, manchmal, ach was, meistens merkt er es gar nicht, wenn die Frau das Wissen von ihm abzieht und sich zu eigen macht." "Das klingt ja beinahe blutrünstig." "Der Verstand der Frau steht dem des Mannes in nichts nach, nur funktionieren sie verschieden."

Plötzlich fiel Katharina ein, dass sie sogar von Niccolo Tartaglia geträumt hatte. Es war zu Hause in Frankfurt, und Niccolo kam zu Besuch. Nein, kein Besuch, er war Offizier in der Garde des französischen Statthalters, der in Frankfurt das Kommando hatte. Es war dunkel, es musste mitten in der Nacht sein, aber auf den Straßen herrschte das Chaos, da hämmerte es an die Tür, und Niccolo, in Uniform und bewaffnet, von zwei oder drei Soldaten begleitet, wünschte den Hausherrn zu sprechen.

Christian schlief nicht, war vollständig angekleidet, als habe er das Erscheinen der Männer erwartet. Niccolo machte Christian klar, dass sein Haus zur Aufnahme französischer Armisten bestimmt sei und die erforderlichen Einquartierungsbilletts in der Kommandatur ausgegeben werden. Er, Christian, sollte alle nötigen Maßnahmen zur Unterbringung ergreifen. In dem Traum kannten sich Niccolo und Katharina, die bei der Szene daneben stand, nicht. Aber es war zugleich, wie oft in Träumen, dass sie alles wie von oben herab sah, und ihr hierbei eine innere Stimme zuflüsterte: 'Katharina, vergiss jetzt bloß nicht deinen Text, sonst vermasselst du alles.'

Und da dachte sie, dieser fremde Offizier will vermeiden, dass Christian einen Verdacht schöpft. Und sie fragte schnell, wer denn für die Einquartierung in ihrem Haus vorgesehen sei, als würde man sich das aussuchen können. Niccolo erwiderte, das werde sie schon sehen. Dann gab es einen Schnitt, und im nächsten Moment trat der Angekündigte herein; es war Friedrich! Er schaute sich nach allen Seiten um und sagte dann in verschwörerischem Ton "Es ist alles in die Wege geleitet, wir überfallen die Franzosen heute nacht und jagen sie aus der Stadt hinaus." Das letzte, was zu diesem Traum gehörte, war Katharinas Erschrecken, die erwartet hatte, dass Friedrich zu ihr etwas ganz anderes sagen würde.

Joachim erklärte sich trotz seiner Bedenken bereit, sich um einen Besuchstermin bei Schiller zu bemühen. Die anderen fanden das großartig, und sie bezeichneten Joachim als einen echten Freund. Nur Zarrenthin murrte etwas von Liebedienerei, und es war nicht ganz klar, ob er es bezogen auf ihn oder auf Schiller meinte. Um ihrerseits zu zeigen, dass sie ihre Einfälle auch selbst in die Tat umsetzen können, machten sich Sophie und die anderen nach Weimar auf, wo ein Stück im Theater gegeben werden sollte. Sie kamen erst am übernächsten Tag mit Einbruch der Dämmerung wieder in Hermannstedt an.

Joachim tollte mit Castor vor dem Haus inmitten der Blumenrabatten herum; der alte Gärtner Roland hatte mehr als einmal sein Missfallen darüber geäußert: der Hund wühle alles auf, zerstöre nicht nur die Blumen, sondern greife auch die Wurzeln an. Joachim lachte ihn aus. Auch hatte Joachim in Jena nicht viel erreicht, seine Leute, die zwischen ihm und Schiller vermittelten, waren entweder nicht da gewesen oder hatten ihn vertröstet, aber er versprach, es noch einmal zu versuchen. Am Abend waren alle zu müde, um näheres zu berichten, und so redete man am Morgen beim Frühstück über den Besuch in Weimar.

Katharina erzählte vom Theater, wo man das Stück "Der zerbrochene Krug" gegeben hatte, das viel Vergnügen bereitet und ständig Anlass zum Lachen gegeben habe; sie, Katharina habe sich großartig amüsiert. Gunda fand den alten Dorfrichter widerlich, der ihr das ganze Schauspiel verleidet habe. Sophie war nicht bei der Vorstellung, sie hatte Besuche gemacht. Den andern Tag gab es einen Ausflug nach Belvedere, und auf dem Rückweg ließ man sich im Imsepark absetzen und spazierte an Goethes Haus vorbei, natürlich in der Hoffnung, ihn selbst dort anzutreffen.

"Wir haben ihn gesichtet", sagte Gunda, "aber nur von weitem." "Er wird nicht etwa vor euch Reißaus genommen haben", scherzte Joachim. "Er war nicht allein, es waren Kinder bei ihm." Katharina schaute Zarrenthin an, ob er womöglich mehr darüber wüsste. Er sagte "Es wird gemunkelt, der August spiele des öfteren mit der kleinen Pogwisch im Park." Gunda fragte höchst interessiert "Ist das seine neue Geliebte?" "Wessen?" "Na, vom Götte." Zarrenthin lachte. "Der August ist sein kleiner Sohn." Sophie fragte "Die Pogwischs, das sind doch zwei, soviel ich weiß. Welche davon ist es?" "Die Ottilie." "Und mit der hat er ein Verhältnis?" "Aber nein, sie ist ebenfalls noch ein Kind." "Dann schon eher mit der Mutter", meinte Joachim. "Mit der Henriette? Die mag auch fünfundzwanzig Jahre jünger sein als er." "Wäre das ein Hinderungsgrund für ihn?" "Joachim, du sprichst wieder so", ermahnte ihn Elisabeth. "Ja, wirklich", pflichtete ihr Gunda mit leichter Empörung bei, "man könnte denken, du bist neidisch auf deinen Nebenbuhler." "Mein Nebenbuhler? Dass ich nicht lache. Habe ich es auf kleine Mädchen abgesehen?" "Wenn sie aber nun mal zu ihm passt." "Wer denn nun zu wem?" "Ich spreche von dem kleinen August und der kleinen Ottilie", sagte Zarrenthin, und er betonte es wie aus einem Märchen.

Joachim winkte gelangweilt ab. "Sollen sie sich doch kriegen, ich gönn's dem Alten." Elisabeth schüttelte wieder den Kopf. "Du sagst das so gehässig." "Überhaupt nicht, was wollt ihr mir nur anhängen. Ich wünsche es ihm ehrlichen Herzens, dann wiederholt sich wenigstens nicht sein eigenes Desaster." "Wessen Desaster?" fragte Gunda streng, die dennoch auf jeden Satz von Joachim erpicht war. "Des Geheimrats Desaster mit der Vulpius freilich." "Dass die beiden nicht verheiratet sind? Was macht das aus?"

Elisabeth sagte "Besser als schon wieder geschieden." "Meinst du damit die Schlegeln?" "Ich meine gar niemanden. Im übrigen glaube ich, dass er die Vulpius irgendwann heiraten wird." "Davon habe ich auch gehört", sagte Zarrenthin. "Spätestens, wenn August die Pogwisch zur Frau nehmen wird." "Es sei denn, sie führen auch eine wilde Ehe wie die Eltern." "Das würde die alte Pogwisch nicht zulassen." "Um zu verhindern, dass die kleine Ottilie dem August ein fremdes Ei ins Nest legt", sagte Joachim. "Was für ein fremdes Ei?" fragte Gunda.

Joachim schaute Gunda mitleidig und verächtlich zugleich an. "So eins, wie es die Vulpius dem Alten ins Nest gelegt hat." Elisabeth unterdrückte einen Schrei; Zarrenthin wollte mit der Hand auf den Tisch schlagen, klopfte dann aber nur mit dem Zeigefinger drauf und zischte. Gunda ließ einen affektierten Lacher los. Henry sagte, was die Frauen sich nicht trauten zu sagen: "Du willst behaupten, Goethes Kind ist nicht von ihm?" Joachim nickte bloß nebenbei. "Welches?" fragte Katharina. "Welches?" fragte er erstaunt. Dann sagte er höhnisch "Es hat nur eins überlebt", und fügte, da ihm die Äußerung selber gemein vorkam, hinzu: "bis jetzt."

Die anderen sagten nichts. Elisabeth wandte den Kopf zum Fenster hin, als wollte sie nicht mehr mit Joachim sprechen. Der sagte "Schaut doch einmal genau hin. Der August und die Vulpius ähneln sich wie zwei Äpfel vom selben Baum, aber wo sind die berühmten markanten Züge des großen Olympiers?" "Das ist doch Unsinn. Er ist noch ein Kind, ein Kind sieht allen und niemandem ähnlich." "So? Dann warte ab, bis er ein Jüngling ist. Wahrscheinlich wird er dann selbst daran zweifeln, ob wirklich Goethes Blut in seinen Adern fließt."

"Und dann?" fragte Gunda, der Joachims Hypothese einen Schauer über den Rücken laufen ließ. Joachim zuckte mit den Schultern und schaute zu Henry. "Was geschieht mit solchen Kindern, die merken, dass sie Bastarde sind?" Auch Henry hatte nur unbestimmte Ahnung und sprach jetzt wie über eine Handelsware. "Kommt darauf an. Wenn es eine Tochter ist, verfällt sie meist in Depression oder ... ich weiß nicht." "Und ein Sohn?" "Er fängt an zu trinken." "Zu trinken?" Joachim fand zu seinem Sarkasmus zurück. "Ja, er besäuft sich, es ist der Ersatz für die Muttermilch, die ..." "Schweig!" rief Elisabeth wirklich angewidert. "Oder ich verlasse sofort dieses Haus."

Zarrenthin sah sie entgeistert an, dann warf er Joachim einen finsteren Blick zu, aber man konnte sehen, dass ihn die Geschichte wie einen alten Menschenkenner beschäftigte. "Ob er es weiß?" sagte Sophie. Joachim sah zu Elisabeth, um sich zu vergewissern, dass er gefahrlos weiterreden konnte. "Natürlich weiß er es, Goethe weiß alles, er weiß ja viel mehr, das wir nicht wissen." Elisabeth schien sich zu beruhigen, und er fuhr fort. "Kam es euch nie seltsam vor, dass Goethe, als er frisch aus Italien zurückkehrte, sich Knall auf Fall in das arme Blumenbindermädchen verliebte und sie schwängerte?"

Gunda sagte "Da war ich noch zu jung." "Ja ja, wir waren alle mal jünger." "Erlaube mal, ich bin auch jetzt noch jung." "Da ist einer zwei lange Jahre in Italien, im Land seiner Träume sozusagen, im Arkadien. Und er kommt wieder und buhlt mit einer Thüringer Dorfdirne." "Vielleicht hat er sich nach so was gesehnt", sagte Sophie, und die anderen waren skeptisch. "Na was denn, nach so vielen antiken Amoren und Venussen mit ihrer glatten, weißen, makellosen Haut aber kalt, versteht ihr, kalt und ohne Fleisch und Blut, und dann die ganzen Ruinen, alles nur Trümmer und Untergang, Asche und Grab, da war er froh und glücklich, wieder einen echten Menschen, eine wahrhaftige Frau anfassen zu können, keine idealische Erscheinung, kein Traumgebilde, sondern eine, deren Herz schlägt, die einen warmen Atem hat, eine die Suppe kochen kann und lachen und singen kann, und die ihn aus Übermut in den Hintern fitzt."

"Ja, und die derweil schon ein Brot im ..." "Und wenn schon. Gehört das nicht zum Leben dazu?" "Was? Ein Bastard?" "Ja, meinetwegen auch ein Bastard. Was ist ein Bastard anderes als eine Art Waisenkind? Und welche Fürsorge lassen wir einem Waisenkind angedeihen? Was kann ein Kind dafür, wenn es einen unbekannten, einen namenlosen, irgendeinen Mann zum Vater hat?" "Es gibt Kulturen", sagte Zarrenthin ausnahmweise mal wieder nicht verschmitzt, "wo der Vater überhaupt keine weitere Rolle spielt als die des Erzeugers. Und früher, in den Zeiten des Matriarchats lag die auf dem Blut gegründete Erbfolge immer auf der Mutterlinie." "Aha. Und warum ist das heute nicht mehr so?"

"Man könnte Götte doch einfach selbst mal fragen." "Bist du verrückt. Das gäbe den größten Skandal der deutschen Kulturgeschichte." "Ach, was ist die deutsche Kulturgeschichte schon gegen die Wahrheit." "Damit unterstellst du, dass das, was Joachim hier zum Besten gibt, die Wahrheit ist", sagte Elisabeth. Joachim schaute sie anscheinend dankbar an. "Sie haben ganz Recht, liebe Elisabeth, es ist nichts weiter als eine Behauptung und es gibt keinen einzigen Beweis dafür; ich habe mir alles nur ausgedacht." Gunda schreckte vor ihm zurück. "Sie sind ein Narr, Joachim, ein ganz gewöhnlicher Narr, und nicht einmal komisch", sagte sie, als hätte ihr Joachim einen Schuh weggenommen und weigerte sich, ihn wieder herzugeben.


Sophie möchte gern mehr davon hören.


Katharina war zuerst ein bisschen überrascht, als Sophie sehr spontan sagte, sie würde gern etwas aus Katharinas Tagebuch hören, wenn es die Verschwiegenheit gestatte und "wenn es nicht zu privat ist." Katharina winkte lässig ab, obgleich sie auf die Schnelle nicht überschauen konnte, welche Stellen beim Vorlesen besser ausgelassen werden sollten, oder welche Passagen solche Stellen beinhalteten, auf die man unversehens stieß. Sie hatte in den vergangenen Tagen zwar oft darin geblättert und etliche Seiten nachgelesen, und nicht wenige davon zweimal, und es war dennoch so viel, das sie seinerzeit aufgeschrieben hatte, dass sie sich jetzt manchmal wunderte und dachte, wann sie eigentlich die Gelegenheit dazu gehabt hatte.

Sie begann mit ein paar Kleinigkeiten, Beschreibungen von Personen, denen sie begegnet war, von Landschaften, mit ein paar kurzen eigenen Reflexionen oder bemerkenswerten Äußerungen anderer. Sophie hörte aufmerksam zu, fragte dann und wann etwas zum besseren Verständnis oder meinte, diese Beobachtung, jene Formulierung sei wirklich originell, beispielhaft, gelungen, und Katharina freute sich im stillen über ihr Urteil. Einmal bat Sophie, ihr die Sache mit dem Teller nochmals vorzulesen, und als Katharina fragte, weshalb gerade das, sagte Sophie, es offenbare Manches über die Beziehung zwischen ihr und Friedrich Weickert und sie, Sophie, könne sich ganz gut darin einfühlen und es nachvollziehen.

Das machte Katharina plötzlich wieder bewusst, dass sie über Dinge und - viel schlimmer - über Geschehnisse redete, die voller sündhafter Absichten und Handlungen waren, voller Schuld und Verstöße gegen Moral und am Ende sogar gegen das Gesetz. Wie konnte sie darüber sprechen und anstatt es als Geständnis oder wenigstens als Beichte im reuevollen Ton der Büßerin zu liefern, es mit freudiger, unbeschwerter Stimme vortragen? Es war nicht nur die Bestätigung, ja teilweise Begeisterung, mit der Sophie das Ausgesprochene aufnahm, und die Katharina zu immer weiterer Darlegung reizten, sondern auch die Seelenverwandtschaft mit ihr, die sie fühlte, welche sie zu dieser Hingabe an die eigenen Erinnerungen und an alles, alles, was sie getan oder willentlich unterlassen hatte, trieb.

Dabei waren jetzt, im Lichte des vergehenden Sommers, mit dem Abstand der vielen sonnigen Tage, deren Zeit bis weit über ihre tatsächlichen Stunden hinaus angefüllt waren mit unwiderruflichen Momenten, von denen nicht einer dem andern glich, es waren jetzt solche nebensächlichen Begebenheiten, wie die Geschichte mit dem Teller, hübsche, unschuldige, reine Details, Spuren nur, wie der unendlich lebendige Farbenstrich des Pinsels auf einem Gemälde, das vielleicht im Übrigen die schmerzvollste Szene darstellt, die man sich vorstellen kann.

Und dann las sie einige vermischte Passagen; eine über Friedrich und Wilhelmine, die so lautete:

Ich habe mir in Erinnerung gerufen, wie wir alle am Tisch sitzen, beim Essen, Du neben Wilhemine an der Längsseite oder manchmal auch gegenüber, wo die Kinder sitzen, mit Alfred oder Henriette zusammen. Wie wir gescherzt und gelacht und über bedeutende Dinge gesprochen haben, und sogar Christian war beim Essen immer viel weniger ernst als sonst und zeigte oft sein liebes, heiteres Gemüt, das er nämlich im Grunde hat. Und Wilhelmine, du weißt wie ausgelassen, ja dreist sie sich manchmal benahm und ihr beiden euch oft im Scherze verbandelt habt, wie junge Verliebte, oder nein, eher schon wie Verliebte, die bereits anfangen sich zu zanken, wo es noch auf der Grenze zwischen Neckerei und Belästigung zugeht. Man wusste bei euch nie, ob es Spaß oder Ernst war, so wahrhaftig habt ihr euer Spiel getrieben, und ich glaube, Christian war überzeugt, dass ihr zusammen gehört wie Mann und Frau aus einem Bilderbuche. Wie ihr beiden zu Mr und Mrs Sheridan geworden seid, nachdem Christian von diesen Personen erzählt hatte, ein Kaufmann mit Gemahlin aus Ohio, die ihn in Frankfurt besucht hatten. Einmal hattet ihr eine Schiffsladung Kaffee herüber gebracht und nach dem Abendessen habt ihr eine geschlagene Stunde lang vom Leben auf dem Schiff erzählt, das ihr sowenig kanntet wie die Arbeit in einem Kohlenbergwerk. Und alles vor den aufgesperrten Augen und Ohren der Kinder, die mit guten Ratschlägen nicht sparten. Wie Henriette meinte, ihr solltet endlich bald eine eigene Familie gründen und Wilhelmine sagte, ja wenn sie nur den richtigen Mann dafür finde, wollte das angehen. Dabei hatte Henriette an dich für sie gedacht, aber Wilhelmine nannte dich einen ...

Das kann ich nicht mehr entziffern", sagte Katharina, und Sophie fragte, wann das gewesen sei, da Henriette anscheinend noch nichts von ihrer Beziehung zu Friedrich ahnte, und sie Henriette doch andererseits für ein gescheites Mädchen hält. "Oh ja, das ist sie. Sie sind beide so." Mehr wollte sie dazu nicht sagen, nur soviel, dass es vor ihrem Leihburger Aufenthalt und selbstverständlich vor Friedrichs Weggang gewesen sein muss.

Sie überschlug etliche Seiten im Buch und kam zu der Zeit danach.

Heute habe ich beim schönsten Sonnenschein die Vorhänge an den Fenstern zugezogen, weil es mir unerträglich war, bei solch herrlichem Wetter mit meiner schlimmen Sehnsucht fertig zu werden. Schon frühmorgens merkte ich, wie so oft in den vergangenen Tagen, was auf mich zukommen würde. Auch nur im Schlaf finde ich vorübergehende Ruhe, und fast noch ehe ich erwache, stellt sich schon das dumpfe Gefühl ein, der Druck auf dem Herzen, der üble Schmerz im Kopf, als hätten hundert unterdrückte Beschwerden auf einmal die Gelegenheit gewittert hervorzubrechen und die Fasern meiner Nerven an allen Stellen anzufressen, jetzt, da ich schwach bin und immer schwächer. Sollte es zur Gewohnheit werden, daran zu leiden? Etwas in mir trachtet danach mich aufzugeben, mich willenlos zu machen, alle Lust und Freude abzutöten und dem Stumpfsinn zu überantworten. Ich kann nichts mehr tun als kleinste Handgriffe und denke kaum mehr voraus. Oftmals habe ich ein Buch genommen, um mich abzulenken, zu zerstreuen; aber ich ertappe mich dabei, wie ich bloß über die Wörter hinweg lese, so wie man einem Kind mit der Hand übers Haar streicht, keinen Widerstand spürt und mit den Gedanken ganz woanders ist. Wenn ich doch wüsste, wohin meine Gedanken abtriften, wenn ich sie noch lenken könnte. Doch ich kann keinen auch nur wiederholen, er löst sich auf, sobald er gerade deutlich genug ist. Es fällt mir schwer, mehrere Sätze hintereinander zu sagen und ich unterbreche mich immer wieder mit Seufzern, die ich doch unterdrücken muss, damit niemand, niemand mir etwas anmerkt, denn das darf nicht passieren, nicht solange ich noch dagegen ankämpfe. Und doch macht es mir doppelt zu schaffen, wie ich sehe, dass mir nichts mehr leicht von der Hand geht, meine Aufmerksamkeit nachlässt, all mein Interesse schwindet und ich schlecht gelaunt bin, schlecht gesinnt gegen alles, was ich unternehme, und zudem gezwungen bin, unablässig darüber nachzugrübeln, in jeder Abneigung den Ekel zu suchen und zu finden, in jedem Misslingen auch noch seine Bestätigung zu empfinden, in jeder Niedergeschlagenheit auch noch die Strafe anzuerkennen. Als würde ich schrittweise Gericht über mich selber halten. Das einzige, was ich im Überfluss hervorbringe, sind Selbstvorwürfe und Anklagen, in allen erstaunlichen Variationen. Bald ist es soweit, dass ich sie sortieren kann nach ihrer Schwere, der Schwere der Verfehlung natürlich, die begangen zu haben ich eingestehe.

Katharina machte eine Pause, schaute Sophie an und sagte, bevor sie fortfuhr, "In was für Zuständen man sich schon befunden hat, wie in Krankheiten. Ach, sieh an, da steht es sogar."

Ich bin nicht krank, nein, ich wünschte mir manchmal es zu sein, darniederzuliegen im Fieber mit einem Infekt, mit einem Ausschlag, mit irgendeinem sichtbaren Symptom, einer ergründbaren Ursache, vielleicht damit mir geholfen werden könnte. Ich erschrecke über mich selbst, wenn ich mitunter daran denke, mich irgendwo hinabzustürzen, damit ich mich verletze, ins Feuer zu greifen, um mich zu verbrennen, damit es offensichtlich wird und ganz unverdächtig, warum ich zu nichts anderem mehr fähig bin als stillzuliegen und zu jammern. Freilich für dieses Leiden gibt es keinen Arzt und schon gar keine Medizin, die den Schmerz lindern würde. Und doch gibt es jemanden, der mir helfen kann, Liebster, du weißt es, du kennst die Ursache der kalten Lähmung, die mich befallen hat wie der Eisesfrost ein verletztes Tier, das den Winter nicht übersteht. Oh weh mir, wo nehme ich den lieben Sonnenschein und die Schatten, die er spendet, wenn meine Seele lebendig erstarrt in der Finsternis kommender Tage. Ach, Einer weiß Hilfe, Einer kennt den Weg, auf den ich noch umlenken könnte, abseits ins bergende Dickicht, so wie wir einst im Versteck beieinander lagen und aus der Wärme des Sommers ein feines Tuch webten, darunter ein süßes Spiel begann.

Ich weiß nicht", setzte sie hinzu, "diese letzten Worte, die klingen, als wären sie von ihm, die habe ich wohl einfach übernommen."

"Lesen Sie mir noch einmal die Stelle mit dem Teller vor, Katharina", sagte Sophie und Katharina gewährte ihre Bitte.

Gestern bei der Hausarbeit kam die Rede auf Dich, mir war der Teller, den Du oft benutztest, in die Hände gekommen, der schlichte weiße mit dem verzierten Rand mit den roten und gelben Blümchen. Dabei habe ich festgestellt, dass wir nur ein einziges Gedeck davon haben, noch einen Suppenteller von der gleichen Art, eine Untertasse und eine Tasse, die Du aber nie benutztest. Merkwürdig, dass niemandem aufgefallen war, wie Dein Geschirr bei Tische gar nicht zusammen passte. Aber du hast diesen Teller gemocht und du hast ihn sogar mit auf die Stube genommen, wenn du etwas aßest, und ich habe, was du vielleicht nicht bemerkt hast, weil ich es tat, als du nicht da warst, ihn selbst manchmal von dort wieder weggeräumt und habe ihn in der Küche dorthin gestellt, wo du ihn leicht wiederfindest. Und jetzt erkenne ich, dass ich mir sogar die Krümel oder was du übrig ließest, eingeprägt habe, als könnte ich daraus etwas über dich erfahren, um dich besser zu kennen. Was für eine lustige Kleinigkeit und was für ein unscheinbarer Zufall. Ich weiß gar nicht, woher dieser Teller stammt, aber gestern, als ich ihn in der Hand hielt, habe ich geglaubt, er wäre extra für dich in unseren Haushalt gekommen, lange vor deiner Zeit. Das ist es, mein Liebster, was mich so unendlich beruhigt und so sicher macht, dass geschehen musste was geschah. Lache nicht über meine einfältigen Gedanken, ein einfacher, nicht einmal besonders wertvoller Teller sollte ein Unterpfand sein für die Liebe zwischen zwei Menschen? Fällt er im nächsten Augenblick zu Boden, zerspringt er in hundert Scherben und seine armen Reste werden fortgeschafft. Wie kann man sich nur an solche gewöhnlichen Dinge klammern und sie beinahe zu etwas Geheiligtem erheben, wenn die Person, die sie benutzte, nicht mehr hier ist und mit ihr alle glücklichen Stunden, alle lieben Worte, alle Umarmungen und alle Innigkeiten, über die man schweigen soll, sich in den Zustand der Vergangenheit verwandeln, in dieses Zwischenreich von leibhaftigen und körperlosen Gebilden. Wie ich mit den Fingern über das Porzellan strich, war es kalt und glatt und stumm, es fehlt ihm wohl deine Anwesenheit, dein Blick, wenn du dich über ihn beugst, damit er seinen lange währenden Zauber wieder aufnehmen könnte. Halte mich für verrückt, aber in einem unbeobachteten Moment habe ich ihm zugeflüstert, und es waren, ach, schwere traurige Worte, die ihm vielleicht, wenn er so etwas wie eine Seele hat, die letzte Hoffnung geraubt haben, noch einmal dir seinen Dienst zu leisten. Ich weiß nicht mehr, was ich darüber denken soll, und nichts gelingt mir mehr. Ich möchte mich über alles hinweg trösten, darüber dass du nicht mehr da bist, Liebster, darüber dass es nie wieder so sein wird, wie es, wenn auch nur für ein paar Tage des Lebens, gewesen war, darüber, dass ich nachträglich nichts mehr ändern kann, wo ich doch manches Mal, so scheint es mir jedenfalls jetzt, dir meine Liebe vorenthalten habe, weil ich im Übermut und Frohsinn glaubte, sie dir noch auf viel längere Zeit, ja auf ewig werde schenken können, und mich in ständiger unsinniger Angst befand, diese Liebe könnte mit jedem Kuss, mit jeder zärtlichen Berührung, mit jeder Minute des Zusammenseins etwas von dem Ausmaß verlieren, mit dem sie mir die Götter überlassen haben. Wie egoistisch ist man, wenn man liebt, welche Panik befällt einen, wenn man mit allen Kräften den Gang der Dinge aufhalten will, verhindern will, dass auch nur die blasseste Trübung die Liebe verfärbt. Ich wollte bloß nichts davon vergeuden und alles behalten für uns. Und jetzt tut es mir unendlich Leid, dass es oft so aussah, als würde ich mich dir verweigern, dich hinhalten, vertrösten und hoffen machen. Es war doch nur, damit noch etwas bliebe. Und nun tröste ich mich selber darüber hinweg, dass alles einen solchen tiefen Schmerz in mir hinterlassen hat, an dem ich, befürchte ich oft, verderben werde. Das Gefäß, das ich so sorgsam verschlossen hielt, um den heiligen Schatz darin aufzuheben, das wurde verschlossen von fremder Macht, und wohin, wohin Liebster sollte, was darinnen eingesperrt liegt, auch fliehen können, da der Einzige, dem es gebührt, selber geflohen ist. Ach, auch wenn es mir gelänge (und diese Zeilen sind das deutlichste Zeichen dafür, dass ich es zu wagen gewillt bin) meine Liebe dir folgen zu lassen, was bliebe dann wirklich zurück außer die furchtbarste Leere in meinem Innern, da mir jede Gewissheit fehlt, dass ich mein Glück gegen das deinige tauschen könnte, und wäre es auch immer nur auf unbestimmbare Zeit. Denn der dumme Teller, den ich in Händen halte, ist noch ganz und heil, aber unser Glück, ist es nicht doch schon zerbrochen? Der Gedanke daran quält mich so und bringt mich zum Weinen, aber mehr noch quält es mich, dass ich nicht weiß, ob das Schreckliche schon geschehen ist, denn ich bin allein, bin verlassen, habe mich selbst verlassen und niemand ist hier, der mir die Angst lösen könnte, der mir sagen oder auch nur schweigend bedeuten würde: habe Geduld und harre aus, es ist noch nichts verloren. Denn du bist nicht mehr da. Wir sind getrennt und wo ist unsere Liebe, unsere gemeinsame ungeteilte Liebe? Das will mich umbringen. Wir waren eins und nur als Eines sind wir, wahrscheinlich von Anbeginn, wie du es gesagt hast. Auch wenn ich es nicht verstanden habe, so fühlte ich es doch wie die letzte Erklärung, die zugleich die erste ist, wie eine Offenbarung, in der man in seltenen Augenblicken den Grund und den Sinn von allem erkennt, das man selbst ist und nicht ist. Und genauso deutlich fühle ich jetzt, dass wir nur leben können, solange wir eins sind. Nicht ich gebe dir meine Liebe und du erwiderst sie, nicht ich empfange sie von dir und gebe sie zurück, sondern die einzige, allumfassende Liebe hat uns, und in ihr sind wir untrennbar vereint, wie die Flügel eines Schmetterlings, wie ein aufgeschlagenes Buch, dessen Seiten, jede einzelne zur linken oder rechten werden kann, wenn man vor oder zurückblättert, und wenn es geschlossen wird, ist jeder Unterschied wieder aufgehoben. Ach Liebster, sage mir, dass wir noch nicht getrennt sind, sage mir wenigstens, dass du es noch nicht sicher weißt, gib mir ein Zeichen der ersten Liebe, wie sie zum ersten Mal uns erschien, und mache, dass sie mein Herz erreicht und nicht herunterrinnt wie mein Tränenstrom auf dem bleichen, nackten Teller in meiner Hand.

Als Katharina geendet hatte, konnte man sehen, wie eine Träne über ihre Wange lief. Sie wollte schnell anderswo weiterlesen, doch Sophie legte ihre Hand auf Katharinas, näherte sich ihrem Gesicht, und Katharina wandte sich ihr zu, und dann fanden sich ihre Lippen und streiften schüchtern und tröstend zugleich aneinander vorbei.




 
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