Ein paar Minuten später bekam Katharina einen Schreck. "Aber was ist denn nun mit uns?" "Das wollte ich die ganze Zeit schon fragen", meinte Alfred. "Wir hätten vereinbaren sollen, dass er noch mal wiederkommt." "Dann müsste er in stockdunkler Nacht fahren, das macht der nicht. Außerdem werden Wilhelmine und Ernst Theodor ohnehin dafür sorgen, dass man uns abholt." "Hoffentlich." "Und wann?" "Gleich morgen natürlich." Alfred war auf einmal todmüde. Er verkroch sich mit zwei Decken auf das Bett in der Kammer. Als Katharina hinzukam, um ihm seine Jacke auszuziehen, schlief er schon tief und fest. Sie nahm seine Schuhe, die er achtlos von den Füßen gestreift hatte, und säuberte sie vom Dreck, der an den Sohlen hing. Friedrich gab ihr eine harte Bürste, die er aus einer großen Kiste mit Werkzeug hervorholte.
Über den ganzen Beschäftigungen war es Abend geworden und die Nacht verwandelte den Wald in eine dunkle Höhle, vor der ein leises Rauschen ging und aus deren Tiefe nur noch seltsame Geräusche heraus drangen. Später wurde es ganz still, allein der Bach gluckerte monoton ins Tal hinab. Die beiden lauschten schweigend, und Katharina hielt das Gesicht in die frische Nachtluft, in der auch jetzt noch der Duft der Fichten nach Harz und feuchter Wurzelerde lag. Dann sagte sie "Ich lege mich auch schlafen."
Man musste sich einigen, wer sich wo hinlegen kann. Sie meinte, dass sie bei Alfred Platz findet, und Friedrich sagte schnell, er würde es sich auf den zwei Bänken bequem machen. Er befürchtete, dass es in der Kammer rasch kühl wird, weswegen man die Tür, die man sowieso nicht richtig schließen konnte, auf lassen sollte. "Damit Sie mich beim Schlafen beobachten können?" sagte sie lachend. "Warum sollte ich das tun?" "Nun, warum nicht?" Obwohl sie allein waren, hörte Katharina nicht auf, an dem förmlichen "Sie" festzuhalten. Und auch den merkwürdigen Vorfall am Nachmittag auf der Wiese schienen beide vergessen zu haben; war es der Streich eines niederen, flatterhaften Waldgeistes gewesen, der vorbeiziehende Wanderer mit harmlosen Pfeilen der Lust bespickt?
Katharina hatte ihr Kleid abgelegt und war unter die Decke geschlüpft. Aber bei Friedrich, der sein Lager vor dem Kamin ausgebreitet hatte, war noch keine Ruhe eingekehrt. "Was machen Sie denn?" fragte sie aus dem Dunkel heraus. "Ich lege bloß die Bürste wieder in die Kiste zurück." "Hat das nicht Zeit bis morgen?" "Störe ich?" "Ja. Nein. Sind Sie nicht auch müde?" "Doch." Sie schwiegen, bis er annahm, sie sei eingeschlafen. Er fand in der Kiste allerlei Sachen, unter anderem ein Paar Steigeisen, mit denen man an den Baumstämmen emporklettern konnte, oder einige Klumpen feinen weißen Hirschtalg.
Dass er das alles überhaupt erkannte, lag daran, dass er früher als Knabe etliche Male im Harzgebirge bei einem Onkel zu Besuch war, der ein leidenschaftlicher und äußerst kenntnisreicher Waldläufer gewesen war, obwohl er einen verkrüppelten Fuß hatte. Für einen Moment erinnerte er sich an diese schöne Zeit. Morgen wird er Alfred einiges davon zeigen und erklären. "Und?" flüsterte Katharina, und Friedrich erschrak, weil ihre Stimme so nahe klang.
Tatsächlich stand sie hinter ihm und beugte sich, die Hände auf die Knie gestützt, über seine Schultern. "Ist es eine Schatzkiste?" Er lachte. "Ja, aber wohl eher eine, die schon mal geplündert wurde." "Was ist das da? Marzipan?" "Das ist Hirschtalg." "Kann man das essen?" "Man kann schon", meinte er, "aber es ist nicht angeraten." Dann machte er Ernst Theodor nach: "Esst nicht von dem Hirschtalg, er bekommt euch schlecht." Sie kniete sich neben ihn und kramte ebenfalls in der Kiste herum, während er mit der Kerze leuchtete.
"Da, schau mal, eine Flasche." Sie zog die staubige Flasche heraus, er betrachtete sie und wischte mit dem Ärmel über das Etikett. "Ist es echter Kräuterschnaps?" "Rotwein." "Ah. Wollen wir ihn trinken?" "Aber er gehört uns nicht." "Doch, mir gehört er, ich habe ihn gefunden." "Ich weiß nicht." "Was weißt du nicht? Glaubst du, jemand hat ihn extra hier versteckt und holt ihn morgen früh?" "Und wenn es nun wirklich so ist?" Sie lachten. Sie schauten sich an. Er hielt in der einen Hand das Licht, in der andern die Flasche.
Sie näherte sich ihm und küsste ihn auf den Mund, einmal, zweimal. Von der Kerze tropfte das heiße Wachs. Dann sagte sie "Dir wird schon eine Ausrede einfallen." "Für die Flasche?" "Ja." Sie küssten sich. "Ich werde sagen, du hast mich dazu überredet." "Das wirst du nicht tun." Er stellte die Sachen auf dem Boden ab. Sie küssten sich lange. "Und wieso nicht." "Ich verlange es von dir. Du sollst mich verleugnen." Sie zog ihn auf die Decken, die vor dem Feuer lagen, dessen Glut einen magischen Schein und wonnige Wärme spendete.
Die Legende vom Gelbspötter
In dem mehr wildwachsenden Teil des Parks bei Zarrenthins Gut, der sich hinter dem großflächigen Rasenstück mit dem Pavillon zum Fluss hin erstreckte, gab es eine Unmenge Vögel, deren Gesang vor allem dort das Gehölz erfüllte, wo er ungestört von dem Knarren und Klappern der naheliegenden Mühle und abseits des Wehrs, wo das Wasser rauschte, sich entfalten konnte. Ein kleiner, besonders emsiger Gartenlaubvogel, der dort wohnte, wurde eines Nachmittags in eine nicht ganz gefahrlose Angelegenheit verwickelt. Gunda, die, angeregt durch Sophiens gelegentliche Hinweise bei den Spaziergängen auf die gefiederten Freunde aufmerksam gemacht war, hatte das sprudelnde Gezwitscher des kleinen Gesellen in diesen Tagen bereits mehrfach vernommen, auch wenn sie ihn, da er meist hoch oben in den Bäumen umherflog, nur immer kurz zu sehen bekam.
Andreas, der Knecht, der überhaupt anscheinend jedes lebendige Wesen auf dem Hof, das größer als eine Ameise war, kannte, nannte ihr den Namen des Vogels: Gelbspötter, der teils von seiner gelbfarbenen Brust teils von dem eigentümlichen Gesang herrührte, mit dem er, wie Andreas herauszuhören meinte, sogar die Stimmen anderer Vögel nachahmte. Das fand Gunda besonders bemerkenswert. "Warum macht der das?" fragte sie Andreas, der aber mit der Frage nichts Rechtes anzufangen wusste. "Dass er die anderen nachmacht? Was weiß ich, es steht ihm eben der Sinn danach."
Gunda erzählte es weiter und beinahe jeder hatte eine persönliche Erklärung dafür. Katharina meinte, ihm gefalle sein eigener Gesang so wenig, dass er sich den der anderen anzueignen wünsche. Sophie sah darin ein Mittel, um die Vögel der Art, die er imitierte, anzulocken. Henry verwies auf den Namen und war überzeugt, er mache sich damit über die anderen lustig, und Zarrenthin zitierte einen Vers aus Aristophanes' Komödie "Die Vögel", die er ja irgendwann mal übersetzt hatte.
Schließlich sollte Gunda selber ihre Ansicht äußern, und sie holte weit aus und machte eine märchenhafte Legende draus, die darauf hinauslief, dass der Gelbspötter einst ein vermittelnder Bote war zwischen der Schar aller irdischen Vögel und ihrer Göttin, einer Art Nachtigall, deren Stimme aber so himmlisch war, dass nur ein einziger Ton von ihr die Zuhörer in leidenschaftlicher Sehnsucht verschmachten ließ, was natürlich auf Dauer kein Zustand sein konnte.
Deshalb wurde der Gelbspötter, der anfangs noch anders hieß (und für welchen Namen Gunda beiläufig einen Preis aussetzte), dazu bestimmt, die Nachrichten der Vogelgöttin an ihre Untertanen zu überbringen, weshalb er auch alle ihre Sprachen beherrschen lernte. Leider sollten aber auch diese Verhältnisse nicht beständig sein. Der Gelbspötter (oder wie immer er damals noch hieß) musste ja immer die Stimme seiner Herrin hören und blieb freilich davon nicht ungerührt. Von Tag zu Tag steigerte sich seine Liebe zu ihr, bis er sie ihr einmal offenbarte.
Nun ist die Liebe eines Sterblichen zu einer Göttin noch in keiner Welt glücklich verlaufen, auch nicht in der Vogelwelt. Denn die Göttin, die nicht nur sehr schön und stimmgewaltig war, sondern auch hochmütig, machte sich lustig über den kleinen Wicht, der nicht einmal so groß wie ein Sperling war, aber sich wohl einbildete, ihr Herz gewinnen zu können. Sie lachte ihn also aus und warf ihn im hohen Bogen vom Rand des Königsnestes, wo er bislang ihre Weisungen hatte empfangen dürfen. Das geschah aber so plötzlich, dass er seine Flügelchen nicht rechtzeitig ausbreiten konnte und im freien Fall hinabstürzte, wobei er sich am Dach des königlichen Futterhäuschens den Kopf stieß.
Und als er unsanft auf der Erde gelandet war, da war in seinem Oberstübchen etwas durcheinander geraten und er wusste nicht mehr, wer er eigentlich war und was für ein ehrenvolles Amt er einst innehatte. Nur zwitschern konnte er noch, allerdings nur wirres Zeug, über Regenpfützen auf dem Meeresgrund oder singende und tanzende Butterbrote. Auch von den anderen Vögeln erzählte er die verrücktesten Geschichten, die er angeblich alle selber erlebt habe. Und weil das so komisch war und die Vögel bis dahin wenig zu lachen hatten, erhielt er den Namen Gelbspötter und fand in ihren Reihen weiterhin sein Auskommen.
Als Gunda ihre Geschichte beendet hatte, bekam sie viel Beifall und in den folgenden Tagen musste sie Zarrenthins jüngsten Kindern und sogar herbeigerufenen aus dem Dorf vom Gelbspötter erzählen, wobei es die Kleinen jedesmal besonders lustig fanden, sich weitere närrische Geschichten des Vogels auszudenken. Andreas, der Gunda seitdem mit großem Respekt begegnete, zeigte ihr dann auch das Nest in einem Fliedergebüsch. Er kannte das Nest vom ersten Tag an, weil ihm jede Veränderung in Park und Garten sofort auffiel. Und so hatte er sich nun entschlossen, es Gunda zu entdecken, freilich nur aus gebührender Entfernung.
Es war ein fest gebautes Knäuel mit einer tiefen Höhlung und innen, soweit man das erkennen konnte, dicht verfilzt mit Gräsern, Haaren und Rindenfasern, und Andreas sagte, er habe schon mal eins gesehen, wo sogar Papierschnipselchen darein verbaut waren. Seitdem ging Gunda häufig an der Stelle vorbei und schaute unauffällig, ihre Schritte lediglich verlangsamend, hinüber, aber nur ein oder zweimal sah sie den Gelbspötter an seiner Behausung.
An diesem Nachmittag bemerkte Gunda, dass zudem noch ein Anderer das Nest im Auge hatte, ein Eichkater, den sie auch schon oft an den Stämmen hinab und hinauf und durch die Baumkronen hasten gesehen hatte und der auch den Vögeln nachsetzte, wiewohl sie ihm stets entkommen konnten. Diesmal saß der Gelbspötter am Boden und rührte sich kaum, und als der Eichkater flink von hoher Warte herab über Äste und Stamm kam wie auf einer gewendelten Treppe, da wusste der Vogel nicht, ob er reglos und still verharren oder den Räuber böse und schrill anpiepsen sollte, es nützte ihm freilich beides nicht viel. Auch entgegen seiner sonstigen Taktik flog er nicht vom Nest weg, und bei dem verzweifelten Versuch, angesichts der drohenden Gefahr es doch zu tun, konnte man sehen, dass er verhindert, wahrscheinlich verletzt war, was anscheinend auch der lauernde Eichkater festgestellt hatte.
Gunda, die das Geschehen mit Abstand verfolgte, sprang dem pelzigen Feind entgegen, fuchtelte wild mit den Armen und rief "Kusch, Hau ab, Schschttt!" Er machte drei, vier Sätze und ging hinter einer Buche in Deckung, während der Vogel unter Aufbietung aller Kräfte ein Stück davonflattern konnte. Dann wiederholte sich das Spiel von neuem. Gelbspötter erschöpft am Boden, Eichkater fertig zum Angriff, Gunda mit Gebrüll dazwischen.
So näherten sich die drei mit wechselnder Überlegenheit im unentschiedenen Kampfe der alten Scheune, die etwas abseits der Stallgebäude stand. Auf dem freien Stück Rasen, das davor lag, versuchte Gunda, den Vogel zu fassen, um ihn erst einmal in Sicherheit zu bringen, doch in seinen Augen waren Gunda und der Eichkater natürlich gleich gefährlich und so widersetzte er sich ihrem ungeschickten Zugriff. Inzwischen hatte der Rotbraune erkannt, dass seine Beute auf die Scheune zuhielt und kam ihm übers Dach entgegen, von wo er hoffte, sich ohne weitere Behinderung drauf stürzen und damit flüchten zu können. Da schreckten ihn auch Gundas wütende Beschimpfungen nicht mehr ab.
Plötzlich kam sie auf die Idee, stattdessen den Gelbspötter zur Scheune hin zu treiben, damit er sich in irgendeiner Nische verstecken konnte. Und das erschien zunächst gar nicht so dumm. Mehr hüpfend als fliegend erklomm er ein Vordach, sprang auf den Sims eines zerbrochenen Fensters und schlüpfte ins Dunkel des Oberbodens. Der Eichkater hinterher. Weg waren sie.
Gunda rannte ins Haus und der erste, den sie traf, war Henry, wie immer Zeitung lesend. Offenbar hielten die anderen Mittagsruhe. Sie zerrte ihn mit zur Scheune und schilderte ihm kurz die Lage. "Wir müssen ihn retten!" rief sie immer wieder. "Wo ist er denn hinein?" fragte Henry. "Da", sagte sie und zeigte auf das Loch in der Scheibe. "Hm", machte Henry entmutigt, "zu klein, da passen wir nicht durch." Gunda fasste das als Scherz auf und blaffte ihn an "Glaubst du, ich brauche dich hier als Kasper?" Er merkte, dass es ihr wirklich ernst war. "Aber nein, ich helfe dir ja."
Er rannte einmal um die Scheune und fand dabei eine Einstiegsluke an der Stirnseite sowie eine Leiter, die halbverdeckt im Gras an der Bretterwand lag. Das passte zusammen. Er lehnte sie an, stieg hinauf, rüttelte an der Luke und schaffte es schließlich, sie aus ihrer Verklemmung zu lösen. Sie ging knarrend auf und schlug an der Außenwand an. Gunda war ihm schon nachgeklettert, und als er mit Schwung durch die Öffnung sprang, rutschte die Leiter zur Seite und drohte mitsamt dem Mädchen umzustürzen, blieb aber an einem herausgesplitterten Holz hängen. Geistesgegenwärtig und mit kraftvollem Ächzen brachte Gunda ruckweise die Holme wieder unter die Luke und folgte Henry.
Es war dunkel und ziemlich stickig auf dem Oberboden. Spärliches Licht fiel durch wenige Fensterquadrate und durch allerhand Ritzen. Staubkörnchen schwebten in den Strahlen. Es war hier geräumiger, als man vermutet hätte, Balkenpfeiler und Querstützen trennten offene Buchten ab, in denen teilweise ausgediente Gerätschaften vor sich hin alterten. Über bizarren Formen waren Planen gehängt, auf denen eine dicke Staubschicht lag. Etwa in der Mitte war im Zwischenboden ein großes viereckiges Loch gelassen worden, durch das man früher wohl Lasten bewegt hatte. Jetzt lag genau darunter zu ebener Erde ein riesiger Haufen Heu. "Vorsicht", sagte Henry, und sie hielt sich an seiner Hand fest.
Es war mucksmäuschenstill, von dem Vogel und dem Eichkater keine Spur. Henry war neben einem Stapel leerer Obststiegen stehengeblieben und lauschte in alle Ecken. Gunda war nahe an ihn herangekommen, um ihm über die Schulter zu schauen, aber auch, weil es ihr ein bisschen unheimlich war in diesem dämmerigen Spinnwebengemach. Ein paar Schritte neben ihnen rappelte sich etwas und sie zuckte zusammen. Der Gelbspötter flog aus einem angelehnten Lattenrost hervor, genauer gesagt sah es so aus, als würde er herausgeschleudert, wirbelte durch eine Staubwolke und prallte auf einen Stapel Bretter. Gleich hinterher kam der Eichkater zum Vorschein, und nur, weil er beim Anblick der beiden Menschen kurz verharrte, hatte der Vogel Zeit, ein paar schleppende Hüpfer zu machen und in einen Spalt zwischen dem Holz zu schlüpfen. Doch der war auch breit genug für den Verfolger, und noch ehe Henry mit einem Stiel, der wahrscheinlich einmal zu einer Axt gehörte, dreinschlagen konnte, jagten die Tierchen sich auf und unter dem Gerümpel, und während der Gelbspötter immer noch ein anderen Unterschlupf fand, nachdem er den einen fluchtartig verlassen hatte, starrte der Eichkater ein paarmal verdutzt auf das leere Kampffeld, als wundere er sich, wie ein so schwacher Vogel noch immer entwischen kann. Mit einem Mal machte er einen Satz in einen Berg verrotteter Lumpen und ein Stück weiter rechts stiebten ein paar kleine Federn in die Höhe.
Dann war es still, und es blieb eine Weile still. Durch die offene Luke kam eine Hummel herein, brummte ein paar mal um Gunda und Henry herum, tauchte im hintersten Winkel kurz ab und kehrte in welligem Flug ins Freie zurück. Gunda stand dicht neben Henry und hatte sich, ohne es zu merken, an ihn gelehnt. Unter dem Dach staute sich eine trockene Wärme, und Henry fühlte einen Schweißtropfen auf der Mittellinie seines Rückens hinablaufen.
"Wo sind sie?" flüsterte Gunda so nahe, dass er die milde Säuerlichkeit ihres Atems spürte. Unwillkürlich schaute er auf ihren Mund. In dem staubigen Halbdunkel wirkte er noch lebendiger und frischer. Hinter der Unterlippe glänzte die Reihe der Zähne wie zwergenhafte Palisaden aus Elfenbein und darüber schob sich, als würde sie von selbst aus ihrem Versteck hervorkommen, die rosige Zungenspitze. Irgendetwas irritierte ihn bei Gundas Anblick. Sie stockte und wich mit dem Gesicht einen Deut zurück, hob die Augenbrauen und wollte sagen "Was ist?", aber Henrys Blick, der von ihrem Mund herauf zu den Augen geglitten kam, verwirrte sie und auf einmal war sie gezwungen, ganz tief Luft zu holen, als hätte sie etwas zu lange damit ausgesetzt.
Da sprang der Eichkater über ihre Köpfe hinweg, streifte einen Balken, von dem etwas Holzmehl auf Henrys Haare rieselte und landete mit Überschlag auf dem Boden, änderte jäh die Richtung, sauste schnurgerade auf die hintere Giebelwand zu, wo sich der Gelbspötter gerade klammheimlich auf der anderen Seite hinter einer verrosteten Ofenplatte verbergen wollte, scheuchte ihn dahinter vor und trieb ihn wieder zur Mitte, wo Henry mit erhobenem Knüppel bereit stand. Er holte zu einem gezielten Schlag aus, blieb aber an einem vorstehenden Balkenende hängen und geriet ins Taumeln. Der Vogel fiel vorn aus dem Lukenfenster hinaus, der Eichkater huschte durch Henrys Beine. Der setzte ihm nach, stolperte über ein Kantholz, von dem er geschworen hätte, dass es gerade eben noch nicht dort lag und machte einen unfreiwilligen Hechtsprung direkt auf Gunda zu, die am Rand des großen Deckenlochs hockte und die Hände vors Gesicht schlug, als sie Henry auf sich zufliegen sah. Er riss sie beide in die Tiefe und sie landeten von einem hellen Schrei Gundas begleitet mitten in dem Heuhaufen im Untergeschoss.
Gunda war an diesem Tag genötigt, das Erlebnis mehrmals zu erzählen, und die anderen hörten, wie es schien bei jedem Mal mit größerer Spannung zu, was sicher auch daran lag, dass sie es jedesmal mehr ausschmückte. Dabei war sie mit dem Ausgang nach ihren eigenen Worten völlig unzufrieden, und auch mit sich selbst war sie unzufrieden. Das Vögelchen ebenso wie der Eichkater waren spurlos verschwunden, als Gunda und Henry sich aus dem Haufen gerappelt hatten. Und sie musste annehmen, dass der Räuber sein Opfer gefasst und fortgeschleppt hatte, wenngleich Henry sich bemühte, ihr dies auszureden. Vergeblich. Sie weinte sogar ein paar Tränen. Das verschwieg sie später, und überhaupt nahm ihre Schilderung mehr und mehr unterhaltsame Züge an.
Sie bezog auch Henry mit ein, der das eine oder andere Detail ergänzen musste. Dennoch verbesserte sie ihn dabei häufig. Schließlich fragte Joachim, was den anderen scheinbar entgangen oder egal gewesen war: Ob sie die Spur der Tierchen (er sprach dieses Wort aus, als wären sie Gunda entlaufen) vielleicht deshalb verloren hatten, weil sie beide zu lange im Stroh gelegen hätten. Henry bekam einen verlegenen, ja einen beschämten Ausdruck. Er musste sich räuspern, weil sein Mund plötzlich so trocken war, dass er darauf nicht gleich antworten konnte. Und die sonst so schlagfertige Gunda schwieg, und Katharina, die zuerst herzlich gelacht, dann jedoch bekümmert auf die beiden geschaut hatte, schien es sogar, dass Gunda, die ohne weiteres Joachims verfängliche Frage hätte abschmettern können, sie stattdessen vielmehr im Raum stehenließ, wo sie durch Henrys Beunruhigung in ihrer Wirkung nur noch gesteigert wurde.
Gundas Erzählung der wilden Jagd und zuvor schon die sagenhafte Geschichte von dem Gelbspötter hatten Zarrenthin begeistert, der sich sonst etwas schwer tat, mit Gunda Konversation zu führen. Ihm gefiel die übersprühende Phantasie und die Flippigkeit, mit der sie drauflos plapperte als würde ihr alles gerade erst einfallen. Auch machte sie sich wenig Gedanken über die Prägnanz ihrer Ausdrücke, worauf Zarrenthin selbst bei seiner Arbeit so viel Wert legte, dass sie ihn dabei manchmal mehr behinderten. Gundas Sprache wirkte unmittelbar und anschaulich, und er zollte ihr sein Lob und nahm ihre Erzählung zum Anlass, um sich über den Zusammenhang von Fabel und Handlung und dergleichen, was eine literarische Komposition ausmacht, zu verbreiten.
"Eine Komposition?" fragte Gunda. "Das soll das gewesen sein? Keine Ahnung. Ich habe einfach nur erzählt, was passiert ist." Zarrenthin schmunzelte. "In ihrer Unbekümmertheit zeigt sich das Talent; große Dichter werfen manchmal etwas Vollendetes hin so wie eine Magd einen Teller voll Apfelschalen auf den Haufen wirft." "Was für einen Haufen denn?" "Er meint es als Vergleich." "Bei mir gab es keinen so einen Haufen." "Oh ja, vergiss nicht den Heuhaufen." "Ach den, der hat doch nur eine kleine Rolle gespielt." "Wenn er nicht da gewesen wäre, hättet ihr euch womöglich alle Knochen gebrochen."
Gunda besann sich. "Ihr habt Recht, er hat mir, uns, das Leben gerettet. Sie meinen, Anton Alexander, ich sollte genauer auf den Heuhaufen eingehen?" "Sag' ich doch", meinte Joachim, "er ist das einzige, was daran interessiert." "Unsinn. Dich interessiert das." "Na ja." "Nein, lassen Sie alles so, Gunda, kein Wort mehr und keins weniger." "Aber Joachim hat mich jetzt ganz verunsichert. Vielleicht habe ich das Wichtigste vergessen, Sophie, was willst du noch wissen?" "Ich?" "Ja, oder Henry, ach du warst ja selber dabei." "Ich kann mir das Fehlende selbst zusammenreimen", sagte Joachim.
"So? Na, da wäre ich drauf gespannt", erwiderte Gunda und wandte sich an Zarrenthin "Anton Alexander, richten Sie: Darf sich Joachim einfach so zusammenspinnen, was ich allein erlebt habe?" "Was heißt zusammenspinnen?" "Ich? Richten? Ich bin allemal kein Richter." "Doch, hier schon. Hier gilt ihr Wort." "Nun ja, in diesem speziellen Fall würde ich es jedem untersagen, sich sozusagen in Gundas Geschichte einzumischen." "Bäh, siehst du, du wirst nie erfahren, was sich wirklich abgespielt hat." "Aber Gunda", sagte Henry betroffen. Alle lachten.
Zarrenthin sagte "Nun, da wir gerade von Handlung oder von ihrem Fehlen sprechen, so meine ich, dass man äußerliches Geschehen nicht mit Inhalt einer Geschichte gleichsetzen sollte. Das äußerliche Geschehen ist oft völlig überflüssig. Nehmen Sie eine Geschichte, in der der Held aus einem Zimmer im ersten Stock gestürzt kommt, in größter Eile die Treppe hinab hastet und das Haus verlässt." "Was soll das darstellen?" "Ja eben, was soll es darstellen, ein Geschehen ohne Sinn."
"Nun, lassen wir einmal die näheren Umstände beiseite, also um was für eine Person es sich da handelt, was für ein Haus das ist, weshalb er es oder wen er dort besucht, ganz egal, man könnte aus dem Wenigen des Geschehens doch annehmen, dass es einen Grund geben muss, weshalb er, wie gesagt, so eilig aus dem Zimmer und dem Hause geht." "Klar muss es den geben, es kann sogar mehrere einzelne Gründe geben, einen für das Verlassen des Zimmers und einen für das Verlassen des Hauses." "Wieso, er kann doch das Haus nur verlassen, wenn er zuvor das Zimmer verlässt, und andererseits, wenn er vor der Zimmertür stehen bliebe, würde er den Ort nicht wirklich verlassen wollen, doch auch dafür genügte ein einziger Grund." "Er könnte auch aus dem Fenster gesprungen sein."
"Es könnte sich auch alles gar nicht ereignet haben." "Warum sollten wir dann darüber reden?" "Diese einzelnen Gründe werden erst deutlich, wenn man bedenkt, dass er das Zimmer verlässt, weil er etwas meidet, womöglich eine quälende Auseinandersetzung mit einer Frau, und dass er das Haus verlässt, weil er etwas sucht, zum Beispiel frische Luft, die den Druck in seiner Kehle lösen soll. Zwei entgegengesetzte Gründe in ein und derselben Handlung." "Und die Treppe dient nur zur Überbrückung, zur Streckung sozusagen." "So ist es, die Treppe hilft nur dabei, sich die Handlung besser vorzustellen, für den Inhalt der Geschichte ist sie vollkommen bedeutungslos."
"Das ist eine recht eigenartige Romantheorie. Weshalb sollte ich eine Treppe erwähnen, wenn sie keine andere Bedeutung hat, als den Raum zwischen zwei Türen auszufüllen?" "Er könnte doch wenigstens stolpern und hinunter purzeln." "Ja freilich, aber das würde ihre Sinnlosigkeit nur noch verstärken." "Das glaube ich nicht, immerhin könnte man darüber lachen." "Was für einen Sinn hätte es, ihn die Treppe hinunter fallen zu lassen, wenn die Treppe selbst schon keinen Sinn hat? Lassen Sie die Treppe einfach weg und Sie erreichen dieselbe Aussage: jemand, der sich in einem Raum so bedrückt fühlt, dass er ins Freie muss." "Dann würde es genügen, wenn er das Fenster öffnet, meinetwegen aufreißt."
"Mit Verlaub, Sie verstehen das nicht. Er will doch die frische Luft nicht hereinlassen, sondern er will selber sozusagen in sie eintauchen, nicht die Luft in ihn hinein, sondern er an die Luft." "Vielleicht verstehe ich das wirklich nicht, vielleicht würde ich es auch einfach überlesen." "Dass eine solche Treppe in der Schilderung des Geschehens durchaus einen Sinn haben kann, zeigt sich unter anderem daran, dass sie im Theater so gut wie fehlt." "Im Theater gäbe es keine Treppe? Nun da sollten Sie sich aber einmal vom Gegenteil überzeugen, denn wie käme man sonst in den Mittelrang oder gar in die Logen."
"Ich habe mich falsch ausgedrückt, auch stilistisch schlecht. Ich meine natürlich in einem Schauspiel. Ich kenne kein Stück, dessen dramaturgische Handlung, also dessen Handlung einer Treppe bedarf, ganz im Unterschied zum Beispiel zu einem Brief, denken Sie nur an den 'Carlos'. Auch das hat doch seinen Grund. Die gleiche Szene, also jemand, der hinaus stürzt und so weiter, wird auf dem Theater dadurch verwirklicht, dass diese Person in heftiger Erregung ab geht, er verschwindet einfach von der Bühne, wendet sich ab, öffnet die Tür, knallt sie zu, hinterlässt Fassungslosigkeit und Bestürzung oder ähnliches. Da braucht man keine Treppe als Zwischenstück, auf der man eine Emotion erst richtig hochkochen könnte.
Anders im Roman, dort sind es gerade die Zwischenräume, die alles miteinander verbinden und verknüpfen. Und das Schöne daran ist, dass man sie nach Belieben ausmalen kann. Ich würde ihn auch nicht hinunter fallen lassen, das fände ich albern, es würde seine wahrhaften Emotionen in diesem Augenblick höchstwahrscheinlich nur karikieren, und wozu sollte ich eine Karikatur aus einem Menschen machen, wenn mir an der Darstellung seiner Wahrhaftikeit gelegen ist? Aber es gibt daneben noch tausend andere Möglichkeiten, etwas geschehen zu lassen, tausend Details, aus denen man aussuchen kann.
Lassen Sie es zum Beispiel dunkel sein in dem Treppenaufgang vor dem Zimmer, das er wutentbrannt verlassen hat. Er ist erregt bis zum Äußersten, vielleicht verzweifelt bis zum Wahnsinn, gereizt bis zur Gemeingefährlichkeit, er würde den nächstbesten, der ihm auf der Straße begegnet ins Gesicht schlagen oder sich ihm zu Füßen werfen, was auch immer, irgendeine Tat begehen, die wie eine Explosion aus ihm heraus drängt. Aber es ist so finster im Aufgang, dass er die Treppe nicht sofort findet, die ihn jetzt sofort nach unten und nach draußen, hinaus führen soll, und er muss sich an dem Geländer festhalten und nach jeder einzelnen Stufe vortasten."
"Wie könnte jemand, der zu allem entschlossen ist, noch soviel Vorsicht aufbringen, eine Treppe heil hinunter zu kommen?" "Nun ja, man kann sie natürlich auch an der Stelle abbrechen lassen." "Die Treppe?" "Die Handlung selbstverständlich. Manchmal genügen nur Andeutungen und es ist trotzdem so, als wäre alles gesagt." "Das ist wahr, aber wie merke ich, ob die Andeutung aus einem wohlweislichen Verschweigen herrührt oder daher, weil man nicht wusste, wie es weitergehen soll?"
Alle schwiegen und schienen über eine Lösung nachzudenken, aber keinem fiel etwas ein. Nur Gunda sagte ein bisschen traurig "Ich hätte nie geglaubt, dass das alles so einfach ist mit dem Romanschreiben." "Einfach?" entgegnete Zarrenthin verblüfft. "Na ja, es kann so sein oder so, man muss bloß für alles eine Begründung finden. Treppe rauf oder Treppe runter, es gibt immer irgendwas, das dazu passt. Wenn es so ist, dann braucht man eigentlich gar nichts mehr zu erleben, alles würde sich in den Romanen ereignen, man müsste nur den richtigen zur Hand nehmen, wo man selber mitspielt."
Am übernächsten Tag, einem Donnerstag, hatte Katharina ein bisschen in der Küche geholfen, sich jedoch gewundert, warum Dorothea und die Köchin heute nur ein so karges Mahl vorbereiteten, als wäre es Fastenzeit. Dann erklärte Dorothea, dass man das Mittagessen ausfallen ließe. "Haben Sie das nicht mitbekommen?" Katharina verneinte. Das sei kein Problem, sie habe ausgiebig gefrühstückt; und als Dorothea ihr anbot, etwas Kleines extra für sie zu kochen, lehnte Katharina dankend ab. Eigentlich bedauerte sie es bloß, dass die Küchenarbeit so schnell erledigt war.
Dann fragte sie "Heißt das, die anderen sind weg? Ich habe wirklich nicht richtig zugehört", fügte sie hinzu und winkte unsicher mit der Hand. "Sophie ist mit Anton Alexander unterwegs, ich weiß nicht genau wohin, sie haben den Einspänner genommen." "Aha." "Und Henry und Gunda sind mit Andreas in den Garten gegangen, ich glaube, sie machen eine Exkursion." "Eine Exkursion?" "In den Auenwald oder zum Steinbruch, sie haben jedenfalls Proviant mitgenommen." "Ach so, ja, dann machen sie bestimmt eine Exkursion."
Dorothea bemerkte, dass Katharina nicht recht wusste, was sie tun sollte und wollte ihr vorschlagen, mit ins Dorf zu kommen, wo ein Olitätenhändler heute seine Waren feilbietet, aber Katharina fragte "Und was macht Joachim?" "Joachim? Der ist in der Stadt." "Er macht Besuche?" fragte sie vage, aber es klang neugierig. "Er macht immer Besuche", erwiderte Dorothea. 'Wie sie das sagt', dachte Katharina, 'als wenn es ihm überall besser gefällt als hier im Haus', und ihr fiel auf, dass sie Dorothea die ganze Zeit nie richtig als Joachims Mutter wahrgenommen hatte, sie war ihr eher unbewusst als eine Stiefmutter oder eine Amme vorgekommen; und dann dachte sie 'Vielleicht ist sie das ja in Wahrheit auch', tadelte sich aber selbst wegen des abwegigen Gedankens.
Da erschien Elisabeth Lucius, so wie sie immer erschien, plötzlich, wie eine Fee oder besser wie die Chorführerin einer antiken Tragödie aus der Kulisse hervortretend. Aber stets verflog dieser erste Eindruck, sobald Elisabeth sprach, ihre Rede war immer leicht und unkompliziert, irgendwie ewig jugendlich. Auch sie suchte nach einer Beschäftigung oder wenigstens einer Zerstreuung. Sie hatte in Zarrenthins Bibliothek herumgestöbert, bis sie fand, dass der Tag und das herrliche Wetter viel zu schön waren für diesen ganzen, immer doch ein wenig angestaubten Bücherhaufen, wie sie es nannte. Und das, obwohl sie selbst dazu einen Teil beigetragen hatte. "Was soll's", meinte sie, "irgendwann merkt man, dass alles schon gesagt worden ist, und sogar das. Uns bleibt im Grunde nichts anderes übrig als zu zitieren, unsere ganze Kunstfertigkeit besteht im geschickten Zitieren, hoffentlich merkt es niemand." Sie lachte.
"Ich würde jedem jungen Menschen raten, Schriftsteller zu werden, und wenn ich noch einmal jung wäre, würde ich es wieder tun. Die Zeit vergeht, und alle Welt vergisst, was die alten Meister einst geschrieben haben, es scheint immer wieder neu und sensationell, wenn es nur lange genug irgendwo verschüttet gewesen war. Je älter die Menschen werden, umso mehr vergessen sie, und je weiter die Zeit voranschreitet, umso mehr Menschen gibt es, und jeder von ihnen erfährt irgendwann in seinem Leben etwas, das ihm ganz neuartig dünkt, doch in Wahrheit ist es bloß etwas, das er nicht wusste, dessen Quelle und Stelle ihm niemand mitgeteilt hat.
Nehmen Sie den Herodot? Gerade eben las ich - und ich hatte wahllos eine Seite aufgeschlagen - die Episode, wie Xerxes seinen Sohn Darius mit der Tochter des Masistes vermählt, und wie er, Xerxes, nach vollzogener Hochzeit nichts Besseres zu tun hat, als selber dieses Mädchen zu verführen." "Eine schlimme Geschichte", sagte Dorothea. "Ja, schlimm, aber aufregend und immer wieder des Erzählens wert. Wir brauchen nur in den alten Büchern zu blättern, dann finden wir hunderte, tausende solcher Geschichten, wir geben den Personen andere Namen, ändern den Ort oder die Zeit, ganz nach Belieben, und schon haben wir ein literarisches Werk geschaffen, Gunda hatte vollkommen Recht, Dichten kann so einfach sein. Liebe Katharina, draußen ist es so angenehm, wollen wir ein Stück laufen?" Katharina willigte gerne ein. "Wollen Sie auch etwas zu essen mitnehmen?" fragte Dorothea mütterlich. "Danke, nicht nötig. Oder vielleicht einen Apfel für jeden." "Natürlich."
Später zeigte sich, dass die Äpfel eine gute Stärkung waren, denn die beiden machten eine große Runde, und Katharina staunte nur, wie forsch und rüstig Elisabeth voranschritt, dass sie streckenweise kaum mithalten konnte. Elisabeth, die im Haus oft von einer plötzlichen Mattheit überfallen wurde, zeigte in der freien Natur nicht das geringste Anzeichen von Ermüdung. Und am meisten verwundert war Katharina, als Elisabeth ihr zeigte, was für Schuhe sie an hatte, es waren derbe Lederschuhe mit einer wuchtigen Sohle, Schuhe, mit denen man die Alpen hätte überqueren können. "Die sind von meinem verblichenen Gemahl", verriet Elisabeth, "wir hatten dieselbe Schuhgröße, was ich erst später festgestellt habe. Als er noch lebte, habe ich sie selbstverständlich niemals getragen. Aber jetzt und schon seit Jahren sind sie mir sehr nützlich, ich würde sie nicht gegen die goldenen Schuhe einer Prinzessin eintauschen." Katharina dachte daran, wie Elisabeth in den klobigen Schuhen unterm Kleid in Zarrenthins Bibliothek umhertappt und von Xerxes Liebesleben liest, und sie musste laut lachen. Als sie zurückkamen, waren die anderen immer noch nicht da. Elisabeth sagte "Jetzt muss ich mir aber eine Pause gönnen, wir sehen uns später zum Kaffee", und verschwand.
Oh, wie ist das Katharina peinlich !
Im Vorbeigehen sagte die Köchin zu Katharina, dass Anton Alexanders Kutsche draußen auf der Straße stünde, aber von den beiden war keiner zu sehen. Katharina hätte jetzt zu gern etwas mit Sophie unternommen oder auch nur ein Weilchen mit ihr zusammengesessen. Sie erinnerte sich, wie sie Sophie gegenüber ihr Tagebuch und auch Friedrich erwähnt hatte, über den sie Sophie gern mehr erzählt hätte, auch weil sie meinte, dass Sophie es für sich behalten würde oder wenigstens keine Gefahr bestünde, dass Sophie mit Personen zusammentreffen könnte, für die Katharinas Beziehung zu Friedrich Weickert von zweifelhaftem Interesse wäre, und weil andererseits Katharina den Wunsch verspürte, gerade mit Sophie darüber zu sprechen, nachdem sie Elisabeth so viel über sich erzählt hatte. Aber diese Dinge hatte sie dabei aus irgendeiner Rücksicht heraus nicht angesprochen.
Sie nahm das Tagebuch aus ihrer Reisetasche, wo sie es immer aufbewahrte, und ging die Treppe hinauf ins obere Stockwerk, wo Sophies Zimmer lag. Die Tür war nur angelehnt. Sie klopfte und rief ihren Namen, aber es war nichts zu hören. Sie machte die Tür auf und schaute hinein, rief abermals. Sophie war nicht da. Katharina wollte wieder hinuntergehen, ließ aber ihren Blick über die Sachen im Zimmer schweifen und sah dann auf dem kleinen weißen Tisch an der Wand einige persönliche Sachen von Sophie, und ihr fiel auf, dass alles nicht einfach eilig dort liegengelassen, sondern wie mit Bedacht und Akkuratesse angeordnet schien. Ein kleiner Handspiegel mit einem Griff in Form eines schlanken Fisches, eine Puderdose mit einer Gemme, die zwei schnäbelnde Täubchen zeigte, ein weiteres längliches, silbernes Etui, auf dessen Deckel verschnörkelte Initialen eingraviert waren. Ein Kamm aus Schildpatt lag da neben einem Parfümflakon mit der Darstellung eines Cupido, der mit zwei winzigen Schlägeln auf eine Trommel pocht. Noch ein anderer Flakon, kaum größer als eine der Aprikosen von den Bäumchen im Garten, dessen Verschluss ein Widderköpfchen zierte.
Katharina hatte ihr Tagebuch abgelegt und nahm den Flakon in die Hand, man konnte ihn wunderbar umfassen und hatte das Gefühl, man besitze ein Schmuckstück oder ein teures Pfand. Eine lange Kette mit flachen, schillernden Plättchen wie Münzen aus Perlmutt lag zusammengerollt wie eine Schlange. Sie war etwas zu groß im Verhältnis zu den anderen Dingen, und Katharina erkannte, dass es keine Halskette, sondern eine Chatelaine war, die man um die Taille legen und schließen konnte. Dem Schloss gegenüber befand sich ein weiteres Gehänge aus unzähligen, hauchdünnen Plättchen, die an fast unsichtbaren Fäden hingen und zwischen denen kleine Perlen schimmerten und glänzten. Es hatte die Form eines Weinblatts oder eines Feigenblatts, und als Katharina an diesen Vergleich dachte, wusste sie auch, wie man diese Chatelaine trägt und warum von der Spitze des Blattes ein ebenso dünnes und langes Kettchen hing, dessen Ende mit einer winzigen Öse zum Einhaken versehen war. Katharinas Puls wurde für einen Moment schneller, und er beschleunigte sich noch mehr, als sie Stimmen von unten hörte, es war Sophie, die gerade dabei war, die Treppe heraufzukommen.
Katharina wollte das Zimmer verlassen, aber sie wäre Sophie in die Arme gelaufen. Sie geriet in Panik, schaute sich um und versteckte sich dann schnell hinter einem Paravent zum Umkleiden, der jedoch so in die Ecke gerückt war, dass er wohl nicht genutzt wurde. Es waren Sophie und Joachim, die ausgelassen und miteinander scherzend hereinpolterten. Katharina dachte daran, dass die beiden eigentlich nicht zusammen unterwegs gewesen waren, doch das war jetzt auch egal, Hauptsache, sie würden die Stube gleich wieder verlassen.
Das Tagebuch! fiel es ihr ein, aber Sophie bemerkte es nicht, und Katharina musste durch die Ritzen des Paravents mitansehen, wie Sophie und Joachim miteinander schmusten und sich immer leidenschaftlicher küssten, ihre Körper aneinanderpressten und mit den Händen darüber hin langten und sich mit den Fingern verkrallten, als wollten sie ihre Kleider vom Leib reißen. Ihre Gemüter hatten sich offenbar so erhitzt und ihre Gefühle angestaut, dass sie hier, wo sie sich unbeobachtet wähnten, ihrem heißen Drängen und ihrer Liebeslust die Freiheit verschafften und sich selbst erleichterten.
Sophie lachte und seufzte und stöhnte unter Joachims Liebkosungen, er küsste ihren Hals, drückte ihre Brust, öffnete ihr Kleid. Sie zerrte an seinem Hosenbund, und mit einer Hand streifte er seine Hose von den Lenden und versuchte, mit den Füßen sich seiner Beinkleider zu entledigen. Dabei zog ihn Sophie zum Bett, und seine Hose blieb an einem Fußgelenk hängen. Katharina sah sein Glied, das aufrecht stand und darauf brannte, seine Arbeit zu verrichten. Sie presste ihre Hand um den kleinen Flakon, den sie ganz unbewusst behalten hatte, und ihre andere Hand legte sich wie von selbst auf die Stelle an ihrem Schoß. Sie musste sich zwingen, ihren Atem zu beruhigen.
Sophie lag unter ihm und sein Glied suchte sich den Weg, aber dann riss Joachim sie herum, und Sophie kniete vor ihm und hielt sich mit ausgestreckten Armen an dem metallenen Gitter des Bettes fest. Joachim warf ihren Rock hoch bis über ihren Rücken. Er streifte ihr Höschen hinab, das straff zwischen ihren Schenkeln spannte, und dann schob er sein Glied in sie hinein, dass sie aufjauchzte und stöhnte und jammerte, und er keuchte auch und klatschte mit dem Unterleib immer wieder gegen ihren weißen Hintern. Katharina konnte sich kaum mehr auf den Beinen halten.
Das Bett wackelte und drohte, unter Joachims Stößen zusammenzubrechen, aber er wurde immer noch wilder und Sophie hielt es aus, hob und senkte den Kopf, und dann gab sie ganz schreckliche Laute von sich, ein Quieken, das nicht mehr menschlich klang. Katharina hatte Angst und unbeschreibliches Behagen zugleich, und das Quieken wurde lauter und leiser und lauter, und da hörte sie, dass es von draußen kam, vom Hof her, und dann vernahm sie auch die Stimmen der Männer aus dem Dorf, die ein Schwein einzufangen versuchten, das ihnen ausgerissen war, weil es es gemerkt hatte, dass es geschlachtet werden sollte und nun im Hof in der Runde herumwetzte.
Joachims Keuchen, das gleichfalls wie zum schmerzhaften Ächzen geworden war, Sophies jammervolles Stöhnen, dessen Frequenz sich erhöhte, je näher sie an den Orgasmus herankam, und das grauenhafte Quieken des dem Tod geweihten Schweins mischten sich zu einem wahnsinnigen Lärm, dem Katharina nur entrinnen konnte, indem sie im nächsten Moment aus ihrem Versteck hervor trat, mit zwei, drei Sätzen zur Tür sprang und die Treppe hinunterstürzte. Und da knallte im Hof ein Schuss aus der Büchse und aus den Kehlen der beiden Liebenden platzte der erlösende Schrei, während die Vögel draußen in den Bäumen für ein paar Sekunden verstummten.
Am nächsten Tag überlegte Katharina, wie sie Sophie das Parfümfläschchen wiedergeben sollte und zugleich höflich ihr Tagebuch zurückverlangen würde. Auch wenn sie sich mit dem Gedanken getragen hatte, Sophie daraus vorzulesen, wollte sie es unter keinen Umständen zulassen, dass sie es sich zu Gemüte führte, wenn Katharina nicht dabei war und nach Belieben darin herumblättern konnte. Daran änderte auch das peinliche Erlebnis in Sophies Stube nichts, das sie beide einander nicht eigentlich näher gebracht hatte.
An diesem Tag fuhren Sophie und Joachim nach Jena, ohne den anderen Bescheid zu sagen, und sie kamen erst spätabends zurück. Katharina war anscheinend als einzige noch wach, sie sah die beiden, wie sie ins Haus gingen, und eine Weile später hörte sie aus der Bibliothek die ziemlich aufgeregten Stimmen von Sophie, Joachim und von Zarrenthin, ohne dass sie verstehen konnte, was sie sagten. Doch die Tatsache, dass der hitzige Wortwechsel trotz der von den dicken Büchern gedämmten Wände bis zu ihr drang, war ein Zeichen für die Lautstärke, mit der er ausgetragen wurde. Morgens dann, nach dem Frühstück, ging Katharina gleich auf Sophie zu und fragte, ob sie Lust habe, sie ein Stück zu begleiten.
Sophie war einverstanden und so wählten sie einen Weg, der wenig benutzt wurde, doch wegen der Trockenheit auch nicht übermäßig vom Gras überwuchert war. Ein Stück weiter berührte er den hinteren Teil des Gemüsegartens, der hier in einem willkürlich erscheinenden Vieleck eingegrenzt war, und in dessen Zaun an einer Stelle eine breite Lücke den Zugang erlaubte. Durch diese Öffnung wurden die anfallenden Reste und Abfälle nach draußen geschafft, wo einige Schritte entfernt mehrere verschieden große Kompost und Erdhaufen lagen. Einer war frisch angeschnitten, eine Schaufel steckte im dunklen Humus und eine halbbeladene Schubkarre stand davor.
Nach einer unmerklichen Steigung, die vielleicht noch ein alter, natürlicher Damm war, näherte man sich der Flussaue, und von hier aus hätte man bis zur Wasserburg von Breitenherda laufen können, immer in Nähe und Abstand zur Imse, die sich versteckt zwischen den Weiden und Erlen entlang schlängelte. Es war warm, doch man war nicht der direkten Sonnenstrahlung ausgesetzt, und die beiden jungen Frauen gingen langsam aufs Geradewohl dahin und machten öfter ein Päuschen, lehnten sich an einen Stamm oder setzten sich während eines etwas weitschweifigeren Themas ihrer Unterhaltung ins Gras.
Man sprach von dem Abend im Korn’schen Hause und war sich an und für sich einig darüber, dass solche Gesellschaften wichtig seien, um die Beziehungen lebendig zu halten, dass man darüber hinaus jedoch nicht viel Anregendes erwarten dürfe. Ihr Französisch sei übrigens ausgezeichnet, lobte Sophie die andere, doch, ganz bestimmt, auch Madame Rickert habe das bestätigt, ob es am Namen oder genauer an ihrer Abstammung läge? Das sei nicht der Fall, entgegnete Katharina und verwies auf ihre Hamburger Provenienz. Dabei erwähnte sie auch Klopstock, den berühmten Dichter, der mit ihnen bekannt gewesen und im Hause am Jungfernstieg gern gesehen und natürlich gehört worden sei. "Aber mit wem war der auch nicht bekannt", setzte sie hinzu.
Sophie fragte sie, ob daher ihre Neigung zur Poesie rühre, was Katharina mit einigem Unverständnis aufnahm. Was denn Grund zu dieser Annahme gäbe? Doch Sophie ließ sich darüber nicht weiter aus und wechselte das Thema, indem sie damit begann, die Abgeschiedenheit und ländliche Idylle der hiesigen Gegend ihren Eindrücken der Wiener Großstadt gegenüberzustellen, ohne das eine gegen das andere aufzuwiegen und eigentlich mit dem Vergnügen, das pulsierende und in jeder Hinsicht aufregende Treiben der Metropole hier in der lieblichen Beschaulichkeit Revue passieren zu lassen.
Zu gegenwärtig waren ihr die Erlebnisse, und Katharina merkte schnell, dass Sophie die noch frischen Erinnerungen stark beschäftigten und sie sich über den Fortgang alles möglichen Geschehens in der Ferne lebhafte Gedanken machte. Auch schien ihr, Sophie habe hier noch nicht den Zuhörer gefunden, den sie sich wünschte, um sich gleichsam ihm mitteilend selbst in ihre Beschreibungen einzufügen. Echt begeistert und, wie Katharina zugestand, mit feinem Sachverstand schilderte sie das außergewöhnliche Flair Wiens mit seinen Bauwerken, seinen Menschen, ihrer Kultur und ihren Sitten, und Katharina meinte, wenn sie nicht wüsste, wo Sophies geboren sei, könnte man ihre Wiege an der Donau vermuten. Die Wiege nun eben nicht, meinte Sophie fast mit Bedauern und stimmte ein sehr persönliches Loblied an, das einen Zug von Fernweh nicht verhehlte.
"Ach, Wien ist so einzigartig, man hat das Gefühl, als wäre es nicht nur ein Ort auf dieser Welt, sondern auch ein Ort in einem Leben, verstehen Sie. Da ist eine Stadt mit vier Buchstaben, an einem Fluss, der mit D anfängt, irgendeine Lokalität, von denen die Geographen sagen würden, sie liege auf den und den Längen und Breitengraden, aber es ist viel mehr als etwas, das auf einer Karte verzeichnet ist, ja, es ist wie eine Scharade, ein Rätsel."
Katharina, der solche Wortspiele immer gefielen und die darüber die Veranlassung, aus der sie gebraucht wurden, vergaß, sprach "Man könnte zum Beispiel sagen, welche Stadt ergibt es, wenn man 'Wein' schüttelt?" "Wie bitte?" "Na ja, die Buchstaben vertauscht, aus Wein wird Wien, das hat doch sogar einen Zusammenhang." Sophie lachte. "Ach so, ja das ist lustig. Das ist gar nicht schlecht, denn Wien hat wirklich etwas von ebensolchem Charakter, als hätte man es kräftig durcheinander gewirbelt, die Menschen und all ihr Tun und Lassen, und natürlich ihr Denken und Fühlen, so dass niemand mehr sagen kann, was oben und unten ist, und irgendwann, vielleicht ganz plötzlich, ist alles so stehengeblieben."
Katharina wandte ein "Zugegeben, ich war noch nicht dort, aber mir schien es immer als wenig turbulenter Ort, eher erstarrt in, wenn auch sehr kultivierten und luxuriösen Lebensformen." "Ganz und gar nicht", entgegnete Sophie mit dem Ton einer Einheimischen, "das ist nur der äußere Anschein, so wie die Fassaden all der aufgeputzten Häuser, Palais, Residenzen, Kirchen und Schlösser, die sich um abgezirkelte Plätze scharen oder in beschaulichen Gärten stehen. Ich habe natürlich keine Ahnung von der Historie und kümmere mich auch nicht darum, aber Graf Auerstein sagte einmal, Wien sei wahrscheinlich entstanden, als alle Völkerschaften Europas noch umherwanderten und von allen eine Abordnung sich dort über den Weg lief. Und weil keiner weichen wollte, und weil der Platz verkehrsgünstig lag und ein angenehmes Klima hatte, und weil sich die Menschen auch miteinander vertrugen, haben sie die Stadt gegründet. Aber jeder von ihnen behält in seiner Seele, sagte Auerstein, woher er stammt, und wenn es selbst ein Fünfhäuserdorf in der weissrussischen Steppe ist, niemand vergisst seine Herkunft, und das Urblut fließt immer in irgendeiner Ader jedes Wieners, es ist ungestüm und von unbesiegbarer Wehmut, und so bleibt es, ganz gleich, was aus dem Menschen geworden ist oder bis wohin er es gebracht hat."
Weil der Name gefallen war, wollte Katharina nach Graf Auerstein fragen, der, wie sie wusste, für Sophie gerade so wichtig war, doch sie verschob es noch und sagte "So gesehen steht Ihnen ja auch als nicht Gebürtige Wien offen und Sie können als Fremde, nein sagen wir lieber, als noch Unbekannte wohl die freundlichste Aufnahme finden." Sophie sah Katharina an und aus ihrer Miene sprach Dankbarkeit, als habe sie jemandem einen komplizierten Sachverhalt begreiflich machen können. "Das ist mir in der Tat so widerfahren", sagte sie und freute sich, dass diese Erfahrung durch Katharinas völlig unparteiische Feststellung zur Gewissheit wurde.
Dann etwas nachdenklicher meinte sie "Freilich, ich habe nicht voraussehen können, was alles geschehen wird, niemand kann das; und doch mag es eine Art von Leben geben, das findet in seiner unbegreiflichen Bahn einen wirklichen Ort auf Erden, wo es hinführt und trifft dort vielleicht auf einen Menschen, den es sucht." "Wieso vielleicht? Muss es nicht zweifellos derjenige sein? Genügt in dem Fall nicht die erste Vermutung. Schließlich kann man die wirklich entscheidenden Menschen im Leben nicht verwechseln."
Das war Katharina eigentlich nur so eingefallen, doch Sophie fand es einer Überlegung wert. "Sind Sie da sicher? Kann es nicht auch sein, man findet niemals denjenigen, den man sucht? Oder was beinahe noch schlimmer ist, nur solche, von denen man glaubt, sie wären die richtigen, und dann wird man doch enttäuscht." "Nein, das glaube ich nicht", meinte Katharina. "Es kann natürlich passieren, dass man zwar dem Richtigen begegnet und nicht merkt, dass er es ist, aber dann ist man selber daran schuld." Nach einer Pause fragte Sophie lachend "Sprechen wir eigentlich über Männer?" Katharina bewegte undeutlich den Kopf, erwiderte aber nichts.
Sie hatten sich schon weit vom Hermannstedter Hof entfernt und bogen in einen Weg ein, der zurückzuführen schien. "Geht es hier entlang?", fragte Sophie, "Ich bin völlig orientierungslos, ich weiß nicht einmal, wo die Sonne auf und untergeht. In Wien habe ich mich immer an meine Freundin Friedericke halten müssen, allein hätte ich mich hoffnungslos verlaufen. Wenn sie mal selbst nicht weiter wusste, hat sie mich gefragt, und dann sind wir in die entgegengesetzte Richtung gegangen, und das war richtig." "Das ist auch eine Art Orientierung", sagte Katharina, aber Sophie fand, es klang ein bisschen spöttisch.
Sie blieben eine Weile stehen und lauschten, nur die Vögel waren zu hören. "Müsste das Dorf nicht da sein?" machte Sophie einen zaghaften Versuch und zeigte nach rechts, und dann freute sie sich wieder, als Katharina es bestätigte und weiter voran schritt. "Als wir diesen Sommer im Teutoburger Wald waren, da war ich zuerst auch aufgeschmissen, und alle haben gelacht über mich. Bis ich die ganze schlaue Truppe einmal aus der tiefsten Wildnis herausgeführt habe, kein Wort mehr von blinde Kuh." "Und die sind Ihnen tatsächlich gefolgt?", fragte Sophie verwundert. Katharina drehte sich um und warf Sophie einen fragenden Blick zu, aber die achtete auf ihre Schritte. "Es blieb ihnen gar nichts anderes übrig", sagte Katharina selbstbewusst.
Und wieder nach einer Pause sagte Sophie "Ja, das ist es, wenn die anderen ganz einfach gezwungen sind, einem zu folgen, obwohl es so aussieht, als würde man von ihnen angetrieben werden. Ich glaube manchmal, wir sind viel besser." "Wie, besser?" "In allem, in unserem Sein und Können. Und viele, ach, was sage ich, alle Selbstzweifel rühren bloß daher, dass einem in Wahrheit die anderen nicht gewachsen sind." "Man kann ja nicht glauben, man würde alle überragen", meinte Katharina und fand dennoch ihre Leistung in keiner Weise geschmälert, aber sie vernahm wohl, dass Sophie es wie aus bitterer Erfahrung heraus meinte, ja sogar resignierend, und das missfiel ihr. Deshalb sagte sie kalt "Und es war überdies bei Nacht."
Sophie holte ein paar Schritte auf, um an ihrer Seite zu bleiben und Katharina bemerkte, dass sie schnell außer Atem kam. "Wollen wir uns noch mal ausruhen?", fragte sie. "Nein, lieber nicht." Dann, als sie die Häuser des Dorfes sehen konnten, sagte sie "Ich hätte Castor mitnehmen sollen, der findet immer den Weg." Katharina wollte unbedingt das Tagebuch zur Sprache bringen, aber sie fand nicht den richtigen Zeitpunkt, und dann fiel ihr ein, dass sie selbst das Parfümfläschchen nicht bei sich hatte, dass sie Sophie wahrscheinlich zuerst zurückgeben sollte. Dann waren sie, mehr oder weniger überraschend, wieder am Hof angelangt und verständigten sich fast zugleich darüber, am Nachmittag ihre Unterhaltung fortzusetzen.
Heute gab es Hasentopf. Zarrenthin scherzte, dass man das Gericht kurzfristig auf den Speiseplan gesetzt habe, da der Lepusculum das Opfer von Castors Freigang geworden sei, der ihn auf dem Feld hinter der Pferdeweide aufgebracht und erlegt habe. Sophie, die wusste, dass ihr lieber Hund für dergleichen Wilderei nicht geschaffen war, stimmte in den Spaß mit ein, und so ergötzte man sich an allerlei pietätlosen Sprüchen über das aufgetischte Tier. Nur Gunda blieb todernst, was die anderen noch mehr reizte.
Charlotte, die Köchin aus dem Dorf, hatte das Essen nach altem Rezept bereitet, den Hasen zerteilt, mit Schweinebauch gemischt, reichlich Zwiebeln und Gewürze verwendet (auf den Knoblauch hatte sie schweren Herzens verzichtet) und schon am Vorabend die köstliche Marinade von Rotwein und selbstgemachtem Essig angesetzt. Als man feststellte, dass kein Pumpernickel im Hause war, hatte Charlotte welches besorgt, woher verriet sie nicht, und selbst Dorothea staunte, dass es in Hermannstedt Vorräte gab, von denen man nichts wusste.
Das Pfiffige an dem Hasentopf war, dass er just in demselben serviert wurde, dessen Deckel aus gebackenem Roggenteig bestand und sorgfältig über den Rand des Steinguttopfes gezogen war, gerade so fest, dass Dorothea ihn nun vollständig abnehmen und den herzhaften Duft der Speise entweichen lassen konnte. Es schmeckte vorzüglich. Dazu gab es ein würziges Fladenbrot. Henry gefiel am besten, dass man nur mit Fingern und Gabel auskommen konnte. Während Zarrenthin Gunda, der "Kostverächterin", wie er sie nicht ohne maliziösen Unterton nannte, wenig Verständnis entgegenbrachte, überlegte Dorothea hin und her, wie sie "das arme Ding" satt machen konnte.
Doch auch hier wusste Charlotte Abhilfe und setzte Gunda einen opulenten Salatteller vor, in dem sie allerlei seltene Zutaten entdeckte, bis hin zu einem aromatischen Olivenöl, dessen Herkunft Charlotte natürlich ebensowenig preisgab. Die Köchin, die im Zarrenthinschen Hause keineswegs angestellt war, und sich auch nicht darum bemühte, obwohl es ihr des öfteren angetragen wurde, hatte ihre wahre Freude daran, die Gäste, die hierher kamen, mit ihrer Kochkunst zu beeindrucken, denn kaum einer vermutete an diesem bäuerischen Flecken solche kulinarische Veredelung.
Katharina war erschrocken, als sie sich, nur halb auf ihrem Bette liegend, wiederfand, ihr Tagebuch aufgeklappt auf der Brust. Sie hatte sich, als sie von dem Spaziergang mit Sophie zurückgekommen war und das Buch auf ihrem Tisch abgelegt fand, genauso, wie sie es vorher bei Sophie hatte liegenlassen, nur für einen Moment hingesetzt und war dann einfach umgefallen. Sie ging hinunter und stellte fest, dass sie das Mittagessen versäumt hatte, Gunda erklärte, sie habe sie nicht wecken wollen, wie sie so friedlich dalag, und so hatte man ihr eine doppelte Portion warmgehalten.
Katharina aß mit Vergnügen und ließ sich von den anderen nicht stören, die schon wieder über tiefsinnige Probleme stritten. Besonders Joachim war in seinem Element. "Ideen sind etwas für Gläubige", sagte er, "die ganze Philosophie ist auch nur eine Art Glauben." "Ich denke, Glauben hat etwas mit Gott zu tun, was ist dann mit dem Atheismus, ist das etwa keine Philosophie? Gerade er geistert doch durch die Köpfe unserer modernsten Philosophen", wandte Zarrenthin ein, und Joachim fuhr fort "Er ist in Wahrheit bloß ein Gegenglaube, man sieht selbst als Außenstehender, als jemand, der nichts davon versteht, dass die radikalste Kritik immer nur ein Spiegelbild des Kritisierten ist, sie wird einfach dazu, man kann es nicht verhindern, die Kritik passt sich immer an. Philosophie war ursprünglich einmal Kritik des Glaubens, und sie kann ohne ihn nicht bestehen. Der dümmste Bauer merkt, dass sich die Philosophen immer um ein und dasselbe streiten und jeder behauptet, etwas Neues, Anderes erfunden zu haben. Ein Philosoph ist auch nur Mensch, und der Mensch hat eine natürliche Furcht vor dem höheren Wesen. Wegen dieser Furcht verehrt er es. Und selbst wenn er es aus vernünftigen Gründen nicht verehrt, denn alle Beweise Gottes sind mangelhaft und bisweilen irrational, selbst wenn er ihn leugnet, dann wird die Furcht vor einem Gott ersetzt durch die Furcht vor dem Fehlen Gottes, und die ist weitaus schrecklicher."
"Sie meinen, man fürchtet dann die Stelle im System, wo eigentlich ein Gott sein müsste, aber stattdessen ein Loch klafft", sagte Albenhoven, der nach zwei Tagen Abwesenheit auch wieder da war. "So ist es", bestätigte Joachim, "Es ist entweder die Vollkommenheit, die man fürchtet, oder die Unvollkommenheit." Sophie sagte nachdenklich: "Mit anderen Worten, es ist entweder die Vorherbestimmung oder das Schicksal.“ „Wenn ich Sie recht verstehe, dann ist zwischen beiden kein Unterschied." "Nicht hinsichtlich des Verständnisses, das wir von ihnen haben." "Dann wäre es ja völlig egal, wofür ich mich entscheide. Glaube ich, dass die Welt und mein Leben einer vorherbestimmten Ordnung gehorcht, die ihren Ursprung in Gott hat, oder bin ich überzeugt davon, dass ich nur in blinder Zufälligkeit lebe, gleichsam ein Staubkorn, das in Raum und Zeit herum gewirbelt wird."
"Vielleicht ist sogar beides der Fall", meinte Henry. Sophie stimmte zu. "Ja, das leuchtet mir ein. Es würde sogar erklären, weshalb man im Irrtum leben kann." "Was meinen Sie damit?" "Nun ja, es kommt doch vor, dass ein Mensch ein ganz anderes Leben führt, als er eigentlich glaubt zu führen." "Das kenne ich", sagte Gunda. "Ich kenne einen Mann, der glaubt, jemand anderes zu sein." Joachim lachte. "Hast du eine nähere Beziehung zu ihm?" Gunda bemerkte nicht den Spott und sagte "Oh nein, ich würde mich vor ihm fürchten, eine von beiden Hälften muss doch unausstehlich sein, wenn er sich nicht mit ihr vereinen will."
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