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Sie gingen zu der kleinen Grotte, die etwas versteckt hinter den Stallgebäuden lag und die vor Zarrenthins Zeit erbaut worden war, als der Garten einen anderen Grundriss hatte, und das Gebilde am Ende der Längsachse stand. Es bestand aus jenen typischen Klumpen versteinerter pflanzlicher Masse, in der die robusten Teile gut erkennbar und wie mit dünnflüssigem und nun verhärtetem Schlick überträufelt waren, welche Gesteine aus den Kalt und Warmzeiten, die Jahrmillionen zurücklagen, in der Gegend verbreitet vorkamen und reichlich Verwendung fanden. Man hatte sie zu einem felsigen Hügel aufgehäuft und miteinander grob und zugleich unauffällig verfugt; das Ganze war wohl mehr als doppelt Manns hoch und hatte eine Höhlung mit einem Wasserbecken, auf dem einige Seerosen schwammen und unter dessen Oberfläche die schmalen Rücken zinnoberroter Fische heraufleuchteten.

Elisabeth fragte Katharina ohne Umschweife, welchen Eindruck Joachim auf sie machte, und Katharina antwortete ausweichend, da sie merkte, dass es der Lucius um ihr Herzensanliegen ging, dem Verhältnis zwischen Joachim und Sophie, über dessen Entwicklung Elisabeth alles andere als zufrieden schien. Sie konnte es, wie sie selbst zugab, nicht einmal mehr richtig einschätzen, und was sie früher, vor ein, zwei Jahren noch als Zeichen natürlicher Affinität und einer guten Vorbestimmung deutete, das kam ihr jetzt beinahe wie Hinderungsgründe vor, die entschieden dagegen sprachen, dass die beiden füreinander bestimmt waren, oder dass sie wenigstens ein gemeinsames Leben führen könnten.

Denn was Sophie an Joachim fasziniert hatte, in erster Linie sein mitreißendes Temperament, sein Drang nach Unabhängigkeit, sein Willen zur Auflehnung gegen altmodische und falsche Moral, seine bis zum gefahrvollen Leichtsinn getriebene Suche nach dem Außergewöhnlichen, Ungehörigen, Verwerflichen, ja Verruchten, alles das, was eine junge Frau wie Sophie an einem Mann bewundern musste und wovon sie sich ohne jeden Bedacht oder gar Widerstand hinreißen ließ, das nützte ihr in Wahrheit ebensowenig als Nährboden und Quelle für ihre eigene Entfaltung und war kaum mehr geeignet, sie aus ihrer bedrückenden Gefühlslage zu befreien, in der sie sich seit dem Verlassen ihrer Kindheit und mit ihrem Eintritt in die Erwachsenenwelt verfangen hatte.

Sie fand bei Joachim die Erfüllung dessen, was sie anderswo, im weiten Abstand von ihm, gesucht und erträumt hatte, aber sie spürte bald, dass Joachims Eigenschaften, seine ganze Persönlichkeit nicht für sie und für sie allein geschaffen war, so wie es unter tausenden nur einen einzigen Prinzen gäbe, der das Mädchen aus der verwünschten Ohnmacht errettet. Er hätte sie küssen können oder eine andere, die gerade zur Stelle war, als die Geschichte soweit gediehen war. Und das musste ihr, die doch im Innern von Anfang an mit der Rolle der Besonderen, einer Auserwählten liebäugelte, zu wenig sein, und es musste sie einmal mehr enttäuschen.

So sprach Elisabeth, und während sie es sagte, meinte Katharina in Gedanken, an dem einen und anderen Punkt ihre Worte vorwegzunehmen, denn sie hatte ähnlich darüber gedacht. Aber dann erfuhr sie von Elisabeth dennoch etwas, das sie nicht wissen konnte, und dass ihr, Katharina, wiederum die Lucius in ihrem Verhältnis zu Anton Alexander in ein diffizileres Licht rückte. In der Zeit, als Sophie zwischen ihren Männern und ihren eigenen Empfindungen zu ihnen hin und hergerissen war, hatte sich auch Zarrenthin, ungeachtet des klaffenden Altersunterschiedes, der einen Beobachter zunächst sicherlich befremden muss, sehr um Sophie bemüht, und Elisabeth wusste, dass es Briefe gab, die Zarrenthin an Sophie nach Weimar schrieb, obwohl Sophie ein, zwei Tage später selbst wieder in Hermannstedt sein würde, als könnte er ihre Abwesenheit nicht länger ertragen.

Und sie wusste auch, dass er Sophie in diesen Briefen mit "Meine liebe Tochter" anredete und mit "Ihr väterlicher Freund" unterzeichnete. Darin hätte nun nicht so viel Bedeutung hinein interpretiert werden können, dass die Formulierungen fragwürdig, gar anstößig erscheinen mochten, hätte Elisabeth Zarrenthin nicht so lange und so gut gekannt, um zu wissen, dass sein Charakter auf einer dunklen Seite überschattet, oder besser gesagt von einer tief in seinem Fleische brennenden Begierde angegriffen würde, deren er sich selbst zeitlebens nicht erwehren konnte, und welche letztlich vor keiner moralischen, ja wie sie befürchtete, nicht einmal vor einer natürlichen Barriere Halt machte. Nie hatte Elisabeth mit Zarrenthin offen darüber gesprochen, wie er es ja selbst zeitlebens verschwieg.

Früher, als es zwischen ihnen die Liebesaffäre der Jugend gegeben hatte und Zarrenthin mit allen Mitteln und Schlichen der Verführungskunst Elisabeth zu umgarnen und ihr Herz zu gewinnen versuchte, war sie oft am meisten beeindruckt, verblendet, ja verhext von seiner schier grenzenlosen Originaliät, seinem Humor, gepaart mit edlem Charme, seiner Hingabe, seinem beinahe erschreckend virtuosen Talent, immer alles, und sei es nur ein einziges Wort, eine einzige Geste, im richtigen Moment zu sagen oder anzudeuten, nämlich dann, wenn sie, die Frau, die Angebetete und Umworbene, gerade dies hören oder wahrnehmen wollte und sich dadurch in ihrem eigenen Beisein, in ihrem Dasein bestätigt und bestärkt fühlte.

Der junge Zarrenthin war im Umgang mit den Frauen immer einen Schritt voraus, er nahm sie an die Hand und führte sie, wohin er sie führen wollte, natürlich ganz behutsam und ohne dass dies auch nur eine von ihnen jemals als mit List oder Berechnung getan empfunden hätte. Doch davon konnten seine Verführungskünste, wie schon die Zahl seiner erfolgreichen Liebschaften zeigte, nicht ganz frei sein. Vielleicht war es auch so, dass die Frauen, denen er den Hof machte, seine Taktik durchschauten, wie es ja auch Elisabeth für sich glaubte, und die eben gerade bei ihm zu erblicken erhofften, was er auf so reizende Weise zu verbergen vermochte.

Ein Dichter wie Zarrenthin, der zunehmend Aufmerksamkeit und Lob erntete, der auf dem Weg zur Berühmtheit war, der musste einfach viele von den Eigenschaften und Tugenden seiner Helden selbst haben, die er so erfolgreich vorführte; und natürlich auch manche von den lust und lasterhaften Anwandlungen, die diese immer wieder befielen, womit sie sich so interessant machten, und welche stets in der gedruckten Version nur angedeutet und vom Mantel des Schweigens beschattet waren, wodurch die Phantasie der Leser, unter denen sich bekanntermaßen überwiegend Frauen befanden, auf das himmlischste beflügelt wurde. Zweifellos waren einige von seinen Geliebten selbst bis zu diesem Punkt höchster Wonne gelangt. Und auch Elisabeth konnte sich, wenngleich sie darüber nie auch nur ein Wörtchen verloren hätte, an solche Glücksmomente erinnern.

Aber mit der Zeit und nicht erst, als Zarrenthin sich bereits wieder um eine andere bemühte, erkannte sie hinter all seiner Liebeskunst, in der das funkelnde und glänzende Werkzeug seiner betörenden und umwerfenden Ingeniosität ausgebreitet lag wie die Schätze des Räubers, die er nach seinen endlosen Beutezügen mehr als Beweise seines Könnens denn als Bereicherung gehortet hatte, erkannte sie dahinter einen weiteren Bezirk, einen dunklen Raum, ein Loch fast, aus dem einem Finsternis und Verödung entgegenschlugen.

Und so sehr Elisabeth und sie wusste nicht, wie viele andere ebenfalls vor diesem anderen, tiefen Abgrund in seiner Person zurückwich, so sehr versuchte andererseits Zarrethin selber, sie davon fernzuhalten, denn womöglich, ja höchstwahrscheinlich war er sich der Gefahr und des Verderbens bewusst, die von Seiten dieses anderen Ichs drohten, mit dem zu leben er gezwungen war. Manchmal waren daher seine Liebenswürdigkeiten mehr oder weniger unbewusste Warnungen vor ihm selbst, welche durch ihre zwiespältige Intention, die sogar gruselige Züge annehmen konnte, zwischen erbitterter Feindseligkeit und abgöttischer Verherrlichung wechselten.

Elisabeth wusste, wie empfänglich Sophie jetzt für jede warmherzige Zuwendung war, welche ihr in ihrer brüchigen Situation zuteil wurde, zumal wenn sie von Männern kam, die ihr grenzenloses Vertrauen erwerben und den Anschein erwecken konnten, sie gegen alle feindlichen Mächte ihrer Umgebung in Schutz zu nehmen. Was wirklich in jenen Briefen stand, darüber konnte Elisabeth nur spekulieren, aber die äußeren Umstände brachten sie zu der Überzeugung, dass sie selbst sich ein Bild über die Lage machen musste, selbst wenn sie den Gang der Ereignisse nur mit größter Anstrengung beeinflussen könnte, welche ihrem Alter nicht eben dienlich war.

So hatte Elisabeth erst recht auf Joachims Ankunft gewartet, denn von ihm, der dem Vater so diametral gegenüberstand, erhoffte sie sich, dass er Sophie herausreißen würde aus einer Welt, die zwar für solche wie Zarrenthin und sie selber die Welt ihres ganzen Lebens war, die aber ganz gewiss für Sophie nichts weniger als die Hölle auf Erden bedeuten würde. Das schien übertrieben formuliert, voller Verachtung, Resignation und Hass auf alles in der Vergangenheit Hinterlassene, aber es war so, ob man es wahr haben wollte oder nicht. Ein junges, blühendes Geschöpf wie Sophie, das konnte in dieser Welt voll weiser, reicher, alternder Männer, die alles, alles besitzen außer einer Sache, die sie beständig verlieren, nämlich Zeit, ein solches reines Geschöpf, das konnte nur dazu dienen, beherrscht, geopfert, vernichtet zu werden.

Nach diesem nicht eben günstigen Urteil der Lucius über Zarrenthin dachte Katharina, natürlich ohne etwas davon auszusprechen, ob sie nicht den größten Schmerz erlitt, da sie einsehen musste, dass Joachim trotz aller gewollter Abtrennung vom Vater und trotz aller Radikalität, mit der er sich ihm gegenüberstellte, ihm doch im Grunde seines Wesens in seiner Art nur gleichen konnte und ihm darin folgen musste.

Mehrmals spazierte Katharina mit Elisabeth, und manchmal von Henry begleitet, in der näheren Umgebung des Hofes umher, und Elisabeth kam, nachdem sie sich von einigem Kummer, der auf ihr lastete, gelöst hatte, auf andere Themen zu sprechen, und nach und nach schien sie sich für Katharina zu interessieren, die ihr bis dahin eine dienliche Zuhörerin gewesen war. Alsbald fragte sie sie regelrecht aus, zuerst über ihre eigene Herkunft und ihr bisheriges Leben, dann über ihre Familie, ihr Zuhause. Und Katharina tat es wohl, über alles Auskunft zu geben, und bald brauchte sie Elisabeths Fragen gar nicht mehr abzuwarten, um in ihrem frischen und schlichten Stil, der auch des Humors nicht entbehrte, über alles Persönliche zu erzählen. Es war ihr selbst eine Freude, sich ihrer Erlebnisse zu erinnern und ein Bedürfnis, da hinein für sich einige Ordnung zu bringen.

Abends allein, oder auch morgens nach dem Aufwachen nahm sie ihr Tagebuch zur Hand, um nachzulesen, was sie oft in Eile oder mit einem plötzlichen, begeisterten Einfall hingeschrieben und festgehalten hatte, und dabei blätterte sie von hinten nach vorn, als würde sie den Faden des Geschehens in die Richtung hin aufwickeln, wo, wie sie es einmal scherzhaft nannte, das Anfangsende war. Als sie mit Niccolo Tartaglia, dem Italiener, vorn auf der Kutsche gesessen hatte, war ihr die seltsame Atmosphäre in Frankfurt bei der Bedrohung durch die Franzosen wieder gegenwärtig gewesen. Ebenso ihr Besuch von Kotzebues Schauspiel in Begleitung Friedrichs und der Abend im Greifenfechter'schen Hof, der, so meinte sie jetzt, bereits irgendwie einen Wendepunkt in der Geschichte bedeutete. Aber welche Geschichte? Und eine Wende wohin? Je mehr Katharina der Lucius erzählte, desto umfänglicher und reichhaltiger wurde alles, das sie noch gar nicht erwähnt hatte, und sie wollte sich alles bis auf die kleinste Kleinigkeit im Geiste vergegenwärtigen, um es noch einmal durchlaufend zu begreifen.

Es gab manches, das sie nicht erfahren hatte, und dazu gehörte folgendes: Zwei Tage nach den Vorgängen im Garten des Greifenfechterschen Hofes kam abends ein Bote zu Christian Pauquet in das Geschäftshaus "An der Schwemme 14". Er übermittelte die Nachricht, dass der Baron von Hohenstemmen und der Bankier Schultz-Anhalt ihn zu sprechen wünschten und nannte ihm den verabredeten Ort. Christian begab sich nach Geschäftsschluss in die "Alte Mälzerei", ein Etablissement am Ende der Kronengasse zum Mainkaiufer hin, das sich eines geteilten Rufs erfreute. Einerseits waren die Gäste, oder besser gesagt, die Leute, die hier herumlungerten, Typen, die nicht im Entferntesten den Kreisen angehörten, in denen Pauquet und seinesgleichen verkehrten. Es war Abschaum, den es an den Rand der Gesellschaft getrieben hatte, wenn er nicht gar schon dort geboren worden war. Männer und Frauen, die sich keinen Deut mehr darum scherten, was in der Stadt vor sich ging, und deren einzige Sorge darin bestand, dass der Branntwein in ihren Gläsern nicht zur Neige ging, der vielen von ihnen bereits den Namen dieser Stadt und sogar ihren eigenen aus dem Gedächtnis gelöscht hatte.

Andererseits wurde dieses Lokal aufgesucht von gut betuchten Herren, denen außerordentlich viel daran gelegen war, dass ihre Gespräche oder auch nur Teile davon sich nicht in jemandes Gehörgang verirrten, für den sie nicht bestimmt waren. Und so passten die zwei Fraktionen der "Alten Mälzerei" hervorragend zueinander, indem sie sich völlig ignorierten. Der einzige, der auf beide achtete, war der Wirt, ein fetter, schmutziger, abstoßender Mann, der anscheinend alles unternahm, um mit jedem Tag fetter, schmutziger und abstoßender zu wirken. Aber er wusste mehr als alle einflussreichen Herren der Stadt zusammen, und vor allem, er wusste, was diese sich gegenseitig verschwiegen. Allein, er wusste auch, dass ihm das nur dann etwas nützte, wenn er ebenfalls darüber schwieg, denn andernfalls, und das war leider seinem Vorgänger passiert, hätte er sich eines Morgens kopfüber in eines seiner Branntweinfässer getaucht wiedergefunden, zweifelsfrei totgesoffen.

Als Christian das Lokal betrat, schlug ihm eine mit Tabaksqualm, hochprozentigem Alkohol und dem Geruch allerlei menschlicher Ausscheidungen (oder zumindest deren Ankündigung) angefüllte Wolke entgegen, die geeignet gewesen wäre, als unbesiegbares Kampfmittel gegen die Franzosen oder wer sonst sich Frankfurts bemächtigen wollte, eingesetzt zu werden. Und um auch den abgebrühtesten Krieger damit zu vertreiben, verbreitete sich in dem Dunst überdies noch das markante Aroma der einzigen angebotenen Speise, die den lustigen Namen "Handkäs mit Musik" trug, was hier freilich niemand mehr als kulturelle Einlage missverstand. Die hätte man auch kaum hören können, denn in dem dumpfen Lärm ging selbst die eigene Stimme unter.

Der Wirt, der auf irgendeine geheimnisvolle Weise jeden Gast, der durch die Tür eintrat, sehen konnte, führte Christian zu den beiden Herren, die bereits auf ihn warteten. Sie saßen in einem Separee, kaum größer als der Tisch, der darin stand. Die Luft war hier etwas besser, doch Schultz-Anhalt hatte sie mit seiner dicken Zigarre schon kräftig eingenebelt. "Wir wollten uns nicht mehr treffen", sagte Christian nach kurzer Begrüßung. Es klang leicht vorwurfsvoll und so, als gäbe es nichts, das diese Vereinbarung zu brechen gerechtfertigt hätte.

Der Baron, der Christian wie es unter ihnen üblich war, nur mit Nachnamen anredete, sagte "Wir halten uns auch daran, Pauquet. Desto wichtiger ist es, dass wir uns jetzt einigen." "Worüber", fragte Christian, der es eigentlich schon ahnte. Es musste mit dem unerwarteten Auftauchen von Madame Pauquet und dem Hofmeister zu tun haben. Vor Ort konnte man den Vorfall nicht mehr besprechen, weil die Aktion unbedingt erst zu Ende gebracht werden musste, aber Christian hatte die Verärgerung auf den Gesichtern der anderen gesehen und auch den Ausdruck von Besorgnis, als sie auseinandergingen. Schultz-Anhalt sagte ohne Umschweife. "Sie wissen so gut wie jeder von uns (womit er also auch die nicht Anwesenden meinte), dass die Angelegenheit streng geheim bleiben muss."

"Sie wird es bleiben", versicherte Christian ruhig, doch gerade das bezweifelte man. Und man bezweifelte inzwischen auch Pauquets Miene, die bei allem was geschah, und war es noch so brandgefährlich, vollkommen ungerührt blieb. Schultz-Anhalt, der sich unterbrochen fühlte, fuhr fort "Es ist in unser aller Interesse, und natürlich nicht zuletzt in Ihrem eigenen, Pauquet, wenn die unfreiwilligen Zeugen jenes Abends sich für eine gewisse Zeit von hier fern hielten, so lange, bis wieder Ruhe eingekehrt ist."

Christian glaubte, davon nichts abhängig machen zu können, er sagte "Woher wissen Sie, wann das sein wird?" "Niemand kann das vorher sagen, daher müssen wir uns darauf einstellen. Wichtig ist doch im Moment, den guten Eindruck unserer Integrität, den wir bei entscheidenden Leuten hinterlassen haben, nicht durch versehentliche Gerüchte zu gefährden." "Was lässt Sie denn befürchten, dass es dazu kommen könnte?" "Mich beunruhigt schon der Gedanke daran, das ist fast so, als sei es bereits passiert. Wir brauchen einen klaren Kopf. Wenn uns bloß ein kleiner Fehler unterläuft, kann uns das ins Verderben stürzen."

Der Baron sagte "Wenn es nur um uns ginge, dann könnten wir die Sache vielleicht auch unter uns regeln. Aber bedenken Sie, Pauquet, welches Risiko allein Der Weberknecht eingegangen ist, als er sich mit uns einließ. Er verlässt sich hundertprozentig auf uns, und wir müssen dieser Aufgabe gewachsen sein." 'Weberknecht', dachte Christian, einer von den Großen, die unerkannt bleiben wollen; den Namen hatte er sich selber gegeben. "Gönnen Sie Ihrer Familie einen Sommerurlaub", meinte der Baron in freundschaftlichem Ton. Christian presste die Zähne aufeinander und spannte die Backenmuskeln an, was er immer tat, wenn es schien, dass er sich den Tatsachen fügen musste, sich aber noch nicht damit abfinden wollte.

"Was ist mit diesem Kerl, den Ihr Sohn mitgebracht hatte?" fragte er den Baron. Statt seiner antwortete Schultz-Anhalt: "Er ist gestern früh abgereist." Christian dachte 'sie haben die Entscheidungen schon allein getroffen'. Die beiden blickten vor sich hin ins Leere, sie rechneten jetzt mit seiner Zustimmung. "Also gut, ich werde meine Frau und die Kinder aufs Land schicken, aber nur unter einer Bedingung." Schultz-Anhalt hielt seine Zigarre quer und schaute darauf wie auf einen schwer lesbaren Satz; es würde keine Bedingung geben, wenn er sie nicht akzeptierte.

Christian sagte "Ich behalte mir vor zu bestimmen, wann sie wieder zurückkommen." "Darüber lässt sich reden, wenn es soweit ist", sagte der Bankier halb entgegenkommend und Hohenstemmen ergänzte "Es ist gewiss überflüssig zu fragen, ob der Herr Hofmeister seinen Zögling begleitet." Er erwartete darüber auch keine Auskunft, legte die Hände flach auf den Tisch und sagte "Dann sind wir uns einig, sehr schön, meine Herren, es hat mich bisher noch keine Minute gereut, mit Ihnen zusammenzuarbeiten." Er bestellte eine Flasche Wein und sie tranken auf das Wohl ihrer Familien und die Zukunft ihrer Stadt.

Nach dem ersten Glas verabschiedeten sich Schultz-Anhalt und der Baron, und Christian blieb allein sitzen. Er leerte sein Glas und schenkte noch einmal ein. Er sah die Lage weniger dramatisch als die beiden sie geschildert hatten, aber ihm blieb keine Wahl, das Unternehmen hatte Vorrang und am Ende sollte es sich auch für ihn auszahlen. Er versuchte, der Vereinbarung etwas Positives abzugewinnen und dachte daran, dass Katharina seit ihrer gemeinsamen Hochzeitsreise nicht mehr von zu Hause fort gekommen war. Sie würde sich vielleicht sogar darüber freuen. Wohin sollte er sie schicken, sie und die Kinder, Wilhelmine und Weickert? Am besten nach Hamburg, zu ihrem Bruder Henry. Auch Christians Schwester Grete könnte mitfahren, alles in allem würde er ihnen eine Freude machen.

Er beschloss, Katharina noch heute davon zu unterrichten. Ohne das zweite Glas Wein auszutrinken, verließ er die "Alte Mälzerei" und fuhr nach Hause. Katharina war alles andere als begeistert von einer solchen Reise. Sie fragte nach dem Grund, er sagte etwas von schwieriger Situation und unsicheren Verhältnissen. Die Franzosen könnten jeden Tag einrücken, sie könnten sich hier einquartieren, verschanzen. Er sagte tatsächlich verschanzen, und es klang ganz harmlos, eher komisch, er glaubte selbst nicht daran.

"Aber ihr macht doch mit ihnen Geschäfte", meinte Katharina. Christian fand die Bemerkung entwürdigend, er dachte an Schultz-Anhalts verbrämte Warnung, und plötzlich merkte er, wie dilettantisch sie eigentlich waren, er und die anderen, wie eine Räuberbande aus dem Puppentheater, die sich vor den funkelnden Augen einer Katze in der Nacht zu Tode erschreckten. Was für Männer waren sie? Er, Christian Pauquet, einer der bedeutendsten Finanziers der Stadt, einer der viele (und nicht eben die losen) Fäden in der Hand hielt, den sie beneideten, fürchteten, ja hassten, und den sie doch stets um Hilfe ersuchten, anbettelten, vornehmlich wenn sie dem Untergang nahe waren.

Und nun sollte er wegen einer Bagatelle nach einer triftigen Begründung suchen müssen? Wahrhaftig, da hatte Katharina völlig Recht, er war es, der von den politischen Wirrnissen, von der Revolution, die angeblich halb Europa in Atem hielt, profitierte. Einer derjenigen, für die jeder Sieg und jede Niederlage gleichermaßen, also doppelten Gewinn versprachen; den Franzosen verkaufte man heute das Pferdefutter, der Koalitionsarmee die Wundmittel, und morgen wäre es vielleicht umgekehrt, aber nicht anders. Es war seine Bestimmung, das gewissenhaft auszunutzen.

Wenn es etwas Festes, Beständiges, Unwiderstehliches gab in dieser chaotischen Zeit, dann waren es doch zweifellos Männer wie er, denen nur eine einzige Charaktereigenschaft wirklich schaden konnte, nämlich Schwäche zu zeigen. Alle Niederlagen wären entschuldbar, wenn es hieße, er war trotz aller Gegenwehr nicht stark genug gewesen, sie abzuwenden. Doch wenn es hieße, er sei zu wankelmütig gewesen, die nötigen Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen, dann würden seine Feinde, die nur auf den geringsten zögerlichen Schritt in seinem Handeln warteten, zu viel gefährlicheren Attacken auf ihn sich erdreisten, und morgen stünden vielleicht ganz andere Geschütze vor ihm als die, deren fernen Donner man heute bloß vom oberen Stockwerk des Hauses aus hören konnte.

Er ließ sich auf keine Diskussion ein und machte Katharina unmissverständlich klar, dass die Reise beschlossene Sache sei. Und dann machte er einen geschickten Zug. Als er ihr sagte, dass er entschieden habe, auch seine Schwester Grete werde sie begleiten, war das für Katharina nur der letzte Auslöser, dass sie in Tränen ausbrach. Ihr Verhältnis zu Grete war schlimmer als das zu einer bösen Stiefmutter, welcher Rolle Grete in ihren Augen bis zur Demütigung auch nachkam. Nur die Tatsache, dass ihre Schwägerin so selten da war, machte sie erträglich. Christian kannte natürlich die Aversion seiner Frau, und es sei zu seinen Gunsten gesagt, dass er stets auf Katharinas Seite stand. Daher nahm er nach kurzer Überlegung den Beschluss zurück und konnte mit Genugtuung feststellen, dass Katharina ihm dafür dankbar war. Im Übrigen fügte sie sich und fluchte auf diesen unseligen Krieg, der die Menschen zwang, ihre eigene Wohnung zu verlassen.


Vertrieben werden - getrieben sein


Als Katharina in Hermannstedt von ihrer Flucht aus Frankfurt erzählte, die sie mit den Kindern, mit Friedrich und Wilhelmine in diesen Wochen hatte unternehmen müssen, um sich vor der drohenden Belagerung in Sicherheit zu bringen, da sparten die anderen nicht mit harscher Kritik an den politischen Zuständen im Reich, in die immer öfter und immer mehr auch völlig unschuldige, ja unbeteiligte Menschen zu ihrem Schaden hineinverwickelt wurden.

Elisabeth Lucius, die zeitlebens aus freien Stücken und zum Vergnügen in der Welt umhergezogen war, konnte es sich nur als allergrößte Schmach vorstellen, dass man aus irgendwelchen fremdverschuldeten Gründen nicht nur von daheim vertrieben, sondern auch daran gehindert wurde, nach Hause zurückzukehren, das eigene Haus nicht betreten zu dürfen, ja womöglich nicht zu wissen, wo man unterkommen sollte. "Gerade das Heimkommen von einer Reise", sagte sie, "ist doch eines ihrer schönsten, wenn nicht gar das schönste Moment. Das erste Auftauchen der Türme, wenn man sich der Stadt nähert, die ersten wohlbekannten Stellen, wie sie unverändert oder neuverwandelt sind, das Betreten des Hauses, wo die Tür schon offen steht in Erwartung der Ankunft, die erste Stimme eines der Lieben, die man vernimmt; die glücklichste Begrüßung, die einem Menschen zuteil werden kann: das Wiedersehen.

Und dann das Berichten von all den Abenteuern, Begegnungen, Merkwürdigkeiten, die einem widerfahren sind, für jeden ist etwas dabei, man kann erzählen, so wie man Geschenke verteilt, und jede Frage, auf die man sich schon insgeheim gefreut hat, bringt einen die Freunde, die man kennt, wieder nahe. Und schließlich am Abend empfängt einen in stiller Unberührtheit wieder die eigene Klause, die Stube, die man mit einem 'Bis bald' verlassen hatte und die einen nun wieder aufnimmt wie ein verlorenes und wiedergefundenes Kind. Und alle Sachen und Sächelchen scheinen zu flüstern 'Ich bin noch da, ich bin auch noch da', und dann fällt man ins Bett und schläft tief und fest, bis ein Sonnenstrahl des nächsten Tages einen an der Nase kitzelt."

Elisabeth seufzte. "Ja, so habe ich es wohl viele Male erlebt, erleben dürfen. Und glaubt mir, mein Leben war nicht leicht und nicht mager an Schicksalsschlägen, und nun hat es sich auch schon sehr in die Länge gezogen. Doch solange jedesmal etwas von solcher Heimkehr für mich übrig ist, solange weiß ich, dass man mich wieder einmal zurück wünscht, dass es etwas gibt, das mich noch nicht für immer gehen lassen möchte."

Zarrenthin zerriss mit wenig Feingefühl den Nachhall von Elisabeths Worten und erklärte die Politik für das Übel der Moderne. "Man braucht bloß", wetterte er, "sich den Niedergang dessen anzusehen, was wir bei den Alten die 'Kriegskunst' nennen, ja, es war eine Kunst, die der Mehrheit zum Fortschritt diente, anstatt sie zu vernichten. Die großen Helden zogen mit ihrer Gefolgschaft gegen den Feind, gegen Barbaren und Ungeheuer, um das eigene Volk vor Vertreibung und Versklavung zu bewahren oder um zugefügten Frevel zu rächen, was natürlich auch rechtens ist. Und das Volk, es dankte es ihnen, es erzählte sich ihre Taten und dichtete ihnen zu Ehren heilige Gesänge.

Und heute? Man presst Rekruten, man macht Jünglinge besoffen, damit sie im Rausch sich andienen, man verkauft Schiffsladungen voll Männer, die nie eine Waffe in die Hand genommen, an fremde Regierungen, in Länder, die bis vor kurzem noch als weiße Flecken den Globus zierten." Er machte eine Pause und fuhr dann mit einer jener für ihn typischen Ideen fort, von denen man nicht recht wusste, ob sie Ernst oder Spott waren. "Wenn es nach mir ginge, müsste man den Landkrieg verbieten. Alle Kriege würden nur noch auf hoher See geführt werden, in einem Mindestabstand vom Land. Das hätte den Vorteil, dass die Zivilbevölkerung unbehelligt bliebe und die blutigen und immer sinnloseren Schlachten zwischen denen ausgetragen werden, die sie auch anzetteln."

Elisabeth wandte ein "Aber mein lieber Anton Alexander, nicht jedes Land liegt am Meer, was würde zum Beispiel Böhmen tun?" "Na umso besser", triumphierte Zarrenthin, "Dann könnten diese Länder eben keinen Krieg führen und wären auf wunderbare Weise gezwungen, im Frieden zu leben." "Sie würden sich wahrscheinlich den Zugang zum Meer verschaffen", meinte Henry. Auch darin sah Zarrenthin einen Nutzen. "Sollen sie doch, sie würden sich eine Flotte bauen, nebenbei ein hübscher Gedanke, wenn irgendein Bergvolk anfängt, sich der Seefahrt zu widmen, man stelle sich einmal vor, welche Pläne sie zu Rate ziehen würden. Aber sie wären beschäftigt, sie würden etwas Nützliches tun, und das Ergebnis ihrer Arbeit würde nicht ihre Lebensgrundlage zerstören, wie das jeder heutige Krieg macht, und letztendlich brauchte niemand Haus und Hof zu verlassen wie unsere verehrte Madame Pauquet."

Katharina konnte die seltsamen Überlegungen nicht recht nachvollziehen und sah auch keinen Sinn darin, sich mit Seekriegsflotten oder Rekrutierungen zu befassen. Sie wusste damals, dass Frankfurt von einer Stadtmauer umgeben war, die etliche verschließbare Tore hatte, und soweit sie die Ereignisse verfolgte, ging es darum, diese Tore zu erobern oder zu verteidigen, was sich so darstellte, dass die Franzosen den Befehl geben konnten, sie zu öffnen, oder die Frankfurter dies verweigerten, solange sie es vermochten. Sie musste daran denken, wie Alfred sich für den Verlauf der Kämpfe interessiert hatte und Christian ihm jeden Tag den neuesten Stand erzählen musste.

Der Junge hatte sich in seinem Zimmer eine Spielzeugarmee aufgebaut, mit der er das nachstellte, was er von Christian erfuhr. Er hatte eine kleine Sammlung von bunt bemalten Zinnsoldaten, ein Weihnachtsgeschenk des Großvaters, die den Grundstock seiner Mannschaft bildete. Aber der Vater berichtete von Regimentern, Bataillonen, von Truppenstärken, die ins Unermessliche stiegen. Um einigermaßen mithalten zu können, ergänzte Alfred seine Krieger mit selbstgebastelten Figuren, die Friedrich in freien Stunden auf Karton zeichnete und die Alfred anschließend ausschnitt. Er gab sich große Mühe, und wenn einmal ein Gewehrlauf oder ein Arm versehentlich von der Schere abgetrennt worden war, schimpfte er und war regelrecht niedergeschlagen. Und Katharina, die die Spielereien mehr oder weniger unauffällig beobachtete, wusste oft nicht, ob sich der Junge ärgerte, weil er auf die völlige Unversehrtheit seiner Soldaten bedacht war, oder weil er Friedrichs filigranen und detailreichen Modellen ja keinen Schaden zufügen wollte.

Auffällig war auch, dass er sie nie wirklich sterben ließ und seinen Scharmützeln, die sich natürlich an die Wirklichkeit anlehnten, meistens eine überraschende eigene Wendung gab, die irgendeiner bedrängten Abteilung in letzter Minute die Gelegenheit zur Flucht verschaffte. Zu seinem Favoriten avancierte ein Mann zu Pferde, dessen Silhouette Friedrich beidseitig mit Wasserfarben bemalt hatte, wobei Alfred besonders beeindruckte, dass die Beine des Pferdes und des Reiters Arme ein Links und Rechts der Körperhälften darstellten, und er konnte die Figur nicht oft genug umwenden, um sich an der Verschiedenheit und doch Übereinstimmung der beiden Seiten zu erfreuen. Einmal hatte Katharina ihn auch nach dem Namen dieses Helden gefragt und zu ihrer Verwunderung hatte Alfred mit den Schultern gezuckt und geantwortet "Weiß nicht, er hat keinen, es ist ein General."

Aber die Frage schien ihn hernach doch zu beschäftigen und zwei Tage später und nachdem Christian in seinen Berichten einige Namen erwähnt hatte, kam er von selber zu ihr und fragte "Mama, wie soll er heißen, General Moreau oder General Weiquairt?" Er sprach die zweite Silbe des Letzteren gedehnt aus, um ihr den französischen Klang zu geben, aber Katharina erriet doch die Herkunft des Namens. Sie plädierte für Moreau, und Alfred war einverstanden. Hinterher gestand sich Katharina ein, den Namen bevorzugt zu haben, falls Christian auf ihn aufmerksam würde. Der aber kümmerte sich nicht um die Kinderspiele im Hause, und es verlangte auch niemand von ihm.

So bemerkte er auch nichts von der kleinen Tragödie, die sich kurz vor ihrer Reise ereignete, als Henriette eines Morgens unbemerkt einen Angriff auf Alfreds Armee führte und einige seiner besten Leute in eine Schüssel voll Wasser tauchte, wo sie alsbald Farbe und Form verloren und wie matschige Herbstblätter aussahen. Warum sie das getan hatte, konnte nicht geklärt werden. Nichtsdestoweniger sagte sie zu Wilhelmine, als sei es eine wichtige Entdeckung: "Sie haben sich überhaupt nicht gewehrt."

Ihr großer Bruder dagegen war am Boden zerstört, er hasste Henriette für eine Weile, und erst als sie auf das unbedingte Verlangen der Mutter hin sich bei ihm entschuldigte, sprach er wenigstens wieder mit ihr. Als Wiedergutmachung forderte Alfred von der Schwester ein Geschenk aus ihrem Besitz, und als sie widerwillig darauf eingegangen war, verlangte er die Spieluhr, auf der ein Mohr mit Lendenschurz einen Löwen, einen Elefanten und ein Kamel im Kreis hinter sich her führt, wozu eine sehr fremdartige Melodie erklingt. Das war natürlich Henriettes kostbarstes Spielzeug, und sie weigerte sich es herzugeben, lief zur Mutter und bettelte um Beistand. Katharina entschied, dass die Spieluhr anstatt Alfreds Soldaten mit auf die Reise genommen werde, wo sie unterwegs sozusagen allen gehören würde. Und was damit geschehe, wenn sie wieder zu Hause wären, wollten beide Geschwister wissen. Das werde sich in der Zwischenzeit herausstellen, verschob Katharina das Urteil.

Ja, dachte sie jetzt, da sie sich daran erinnerte, niemand hat vorhersehen können, dass die schöne kleine Spieluhr abhanden kam, wahrscheinlich gestohlen wurde. Hoffentlich wurde sie gestohlen, dann würde sie zumindest wohlbehalten bleiben, und vielleicht kehrte sie ja irgendwann auf verschlungenen Wegen in die Hände der Kinder zurück, die dann freilich keine Kinder mehr waren und bestimmt auch nicht mehr uneins darüber, wem sie nun gehören sollte.

Die ersten drei Tage waren schrecklich, und von diesen Tagen waren die ersten Stunden, nachdem sie Frankfurt verlassen hatten, am furchtbarsten. Als sie durchs Tor fuhren, schnürte es Katharina den Hals zusammen und sie fühlte eine Schwäche im Schoß. Jemand redete ihr zu, sie presste ein Taschentuch in der Hand und ließ es dann fallen, um sie herum wurde es leer und alles wölbte sich zu ihr hin. Sie saß in Fahrtrichtung, um nur ja nicht zu sehen, wovon sie sich entfernte. Aber sie schaute ohnehin nicht aus dem Fenster. Sie bewegte sich alle Tage der Woche so wenig wie möglich, es war als wollte sie sich fühlen wie einer der großen Reisekoffer, die außen aufgeladen waren. Wenigstens das Wetter war gut und man konnte die Regensachen stecken lassen.

Katharina hatte schon bald vergessen, was man alles eingepackt hatte, es fiel ihr schwer, sich mit einem Nothaushalt abzufinden oder zumindest den Überblick zu behalten, und sie gab es auf, irgendwelche Regelungen bezüglich der Bagage oder auch nur wegen der Reiseroute zu treffen, ja es interessierte sie nicht einmal mehr, wer dafür zuständig sein sollte. Sie wollte weder weg noch zurück, noch irgendwohin, sie wollte nur in Ruhe gelassen werden, wie ein Kind, das von einem unbegreiflichen Leiden ergriffen wird und nicht voraussehen kann, was geschehen wird. Nur ganz kurz hatte sie darüber nachgedacht, was Christian ihr bei der Abfahrt gesagt hatte, sollten sie ihm schreiben? Hatte er ihr Geld gegeben? Jemand musste es haben, sie würde es nicht brauchen, jemand würde sich um alles kümmern, man konnte nicht immer da sein.

Sie versank in Schwermut und Langeweile. Sie fuhr tausendmal mit der Zunge an einem Zahn entlang und blinzelte mit den Augen oder drehte einen Finger im Haar. Friedrich nannte die Orte, die sie passierten, Straßen, die sie benutzten oder kreuzten, Landschaften, die man links oder rechts sehen konnte, alles ging an ihr vorbei, als müsste es so sein oder auch ganz anders, es war beliebig; es gab keine Richtung, und wenn etwas Katharinas Aufmerksamkeit erregte, so war es der schlecht reparierte Riss im Verdeck der Kutsche oder das seltsam eiernde Vorderrad, lächerliche Erscheinungen, die sie spüren ließen, dass das alles ihrer Anwesenheit entbehrte.

Die Kinder nahmen Rücksicht auf Katharina, aber sie verstand es falsch und glaubte, sie wäre den anderen lästig, jetzt, vom trauten Heim losgerissen, zeige sich ihre wahre Unfähigkeit, in einer widrigen Umgebung auch nur einigermaßen bei Laune bleiben zu können. Wilhelmine machte mit den Kindern Fingerspiele und Rätsel. Friedrich erdachte Reimgedichte oder sie phantasierten über merkwürdige Ortsnamen. Lügenhagen, Gewissenruh, Fliegenessen, Kühlensee. "Mama, möchtest du in Großhindern wohnen?" fragte Henriette, aber Mama schlief. Sie schlief und schlief und ihr Kopf wackelte vom Gerumpel der Kutsche. Zwischendurch, wenn man hielt, wachte sie auf, streckte sich und blickte aus verschleierten Augen.

Manchmal lächelte sie, aber teilnahmslos, und Wilhelmine, die etwas sagen wollte, schwieg lieber und verschob alles auf später. An den Brückenhäuschen und den Stationen weckte man sie nicht, einmal knurrte sie im Schlaf wie ein nachgemachter Hund, einmal murmelte sie "du stehst vor's Lädele", die anderen mussten grinsen, und Friedrich ergänzte schmunzelnd "... und i' vor der Tür". Über Meilen weit schauten alle stumm aus den Fenstern, es wurde immer anstrengender zu sitzen. Man machte längere Pausen, Friedrich rannte und sprang mit Alfred und Henriette herum, Wilhelmine fing sogar an zu sticken, der Kutscher sagte kein Wort, wahrscheinlich war er gar nicht da.

Katharina wachte auf und lag im Bett, irgendwo drei Stunden hinter einer Stadt. Der Abend dämmerte, eine Amsel saß auf der Giebelspitze und sang zu dem rosaroten Streifen am Horizont hinüber. Die Kinder tobten noch draußen mit einem Ball und einer Katze. Friedrich und Wilhelmine machten sich am Gepäck zu schaffen. "Wir werden den breiten Koffer nach vorn nehmen, da rutscht er nicht weg", sagte Friedrich, und als er sah, dass Katharina sich regte, meinte er "Wir fahren nach Bad Leihburg". Sie nickte, sie wusste nicht, dass das ganz woanders lag als Hamburg.

Mit jedem strahlenden Morgen, der sie begrüßte, besserte sich ihre Stimmung, aber es kehrte nicht die gewohnte zurück. Sie fand es komisch, dass diese urwaldartige und armselige Gegend, durch die sie kamen, ihr immer mehr gefiel. Je lauter Wilhelmine über Schmutz und Mangel klagte, umso mehr musste Katharina lachen. Sie änderte nach und nach ihre Garderobe, stopfte die Stadtsachen weg, trug tagelang dasselbe leinene Kleid und sah darin hübscher aus als je zuvor. Sie band sich ein blaues Tuch um, das sie vor den Mund hielt, wenn eine Staubwolke kam, und sie schüttelte sich vornüber gebeugt die Haare aus und ließ sich von Henriette unentwegt kämmen, bis ihnen eine andere Beschäftigung einfiel.

Sie trennte mit einem Ratsch den breiten Saum von Henriettes Rock und machte daraus für Alfred eine abenteuerliche Kopfbedeckung. Sie zogen von einer Herberge zur nächsten, manchmal änderten sie ihren Plan und stellten fest, dass sie gar keinen hatten, blieben hier einen Tag länger, reisten dort gleich weiter, entsannen sich nicht mehr des Ortes, wo sie vorgestern gewesen waren. Bad Leihburg war das Ziel, aber das lief nicht weg, und wer weiß, ob es ihnen überhaupt dort gefallen würde, vielleicht mit der Zeit.

Die Pferde grasten, den Kutscher gab es nicht, Katharina saß unterm Sonnenschirm und las mit Henriette den Rinaldo. Wilhelmines Stickerei nahm Gestalt an, Friedrich und Alfred waren unten am Bach, und manchmal kam der Junge und fragte, ob noch etwas von der Wurst übrig wäre, die sie auf diesem Markt mitgenommen hatten und die so scharf gepfeffert war. "Biete Herrn Weickert auch ein Stück an", meinte Katharina und Henriette sagte "Lies bitte weiter, Mama".


Bad Leihburg - was für ein idyllisches Fleckchen Erde !


Bad Leihburg war ein echter Kurort. Es gab hier mehrere Gesundheitsbäder, die alle wohlklingende Namen hatten, "Haus Sonnenschein" war noch der schlichteste. "Vitalis Aura", "Born der Ewigen Jugend", "Nymphentempel" hießen andere. Sie waren mehr oder minder luxuriös, doch man konnte schwer einschätzen, ob die goldene Zeit dieser Häuser unmittelbar bevorstünde oder ob der Glanz bereits verblasst und der Leben spendende Ort im Niedergang begriffen war. Es herrschte eine eigentümliche Atmosphäre zwischen Zuversicht und Resignation, die vielleicht nicht zuletzt aus der Verfassung der Gäste sich nährte, die hierher kamen. Es befanden sich heilkräftige Quellen direkt im Ort sowie in der Umgebung. Bad Leihburg selbst war keine ursprüngliche Siedlung, allein die abgeschiedene Lage hatte eine Gründung in früherer Zeit verhindert.

Man nahm Logis in dem Hotel "Mercurio" gleich am Anfang der Hauptstraße, das, obwohl schon Hochsaison war, zwei hübsche Zimmer frei hatte, und zwar, wie Friedrich beiläufig erfuhr, weil bei den vorherigen Gästen, einer polnischen Adelsfamilie, just an diesem Ort die Großmama verstorben war, welcher Trauerfall gerade zwei Tage zurücklag. Sie war auch nicht im Hotel entschlafen, sondern bei einem Spaziergang plötzlich einer Herzattacke oder einem Sonnenstich erlegen. Dennoch sagte Friedrich den anderen davon nichts, und die Nachricht solcher Vorfälle hielt sich naturgemäß auch nicht lange im Tagesgespräch.

Er teilte sich mit Alfred das Quartier, während die anderen das größere Zimmer bezogen, das allerdings nur über die "Männerstube" erreichbar war. Man arrangierte sich diesbezüglich schnell, und Wilhelmine war nur froh, als sie von einer kompfortablen Badetoilette im Haus hörte, die zudem gerade frei war. Wilhelmine erbat sich von der Wirtin den Schlüssel, nahm die nötigen Waschutensilien aus dem Gepäck und verschwand mit den Worten: "Endlich ist das Zigeunerleben vorbei" für geschlagene fünf Viertelstunden hinter der Tür, die ein Motiv mit im Wasser spielenden Nixen zierte. Glücklicherweise hatte sie ihre längere Abwesenheit auch der Wirtin avisiert, mit der sie sich auf Anhieb so gut verstand, dass diese kurzerhand die Toilette wegen irgendeiner angeblichen Instandsetzung vorübergehend für andere Gäste sperrte. Sie sollte, meinte die Wirtin vertraulich, beim Baden nur keine Lieder trällern, ansonsten möge sie so lange drin bleiben wie sie wolle.

Der Örtlichkeit entsprechend mussten auch die anderen wieder konventionelle Garderobe anlegen, was Katharina sichtlich Unbehagen bereitete. Sie bestellte eine große Schüssel mit Wasser, putzte die Kinder auf, die sich sodann gleich verdrückten und gönnte sich eine Pause, in der sie nicht sonderlich teilnahmsvoll ein passendes Kleid aussuchte. Friedrich, der sich in null Komma nichts umgezogen hatte, war in den Gästegarten gegangen und hielt, wie hätte es anders sein können, Ausschau nach Zeitungslektüre.

Am frühen Nachmittag, nachdem in aller Ruhe die Formalitäten für ihren Aufenthalt erledigt waren, fand man sich im Speisesalon zum Essen wieder zusammen. Da die Hauptmittagszeit bereits verstrichen war, und nur vereinzelt noch Gäste sitzen geblieben waren, konnte sich die Gesellschaft einen Tisch aussuchen, und Katharina, der es in den letzten zwanzig Minuten gelungen war, sich wieder in eine vornehme und anständige Dame zu verwandeln, marschierte auf eine Doppeltafel mit acht Plätzen zu, die direkt an der Fensterfront stand. Es war noch vollständig eingedeckt und unberührt, und die weißen Baumwollservietten waren kunstvoll gefaltet und standen wie Schiffchen mit hohen Segeln neben den Tellern. Friedrich machte darauf aufmerksam, dass der Tisch weitab von der Küche war, und die Kellner zum Servieren durch den ganzen Salon laufen müssten, aber Katharina meinte nur "Das ist mir doch egal", und vom Personal ließ sich auch niemand etwas anmerken.

Es gab eine Lombardische Suppe, mit frischen Karotten, Emmentaler, Thymian und mit weißem Traubensaft verfeinert, und als Hauptgericht Forelle mit Krebsen nach einem, wie der Kellner sagte, altem Klosterrezept. Um welches Kloster es sich dabei handelte, war nicht klar, und Henriette meinte, der Kellner sehe selber aus wie ein Krebs mit seinem knallroten Gesicht und den großen Händen. Aber die Ähnlichkeit schwächte sich dann ab, denn es waren kleine Flusskrebse, die in die Forellenscheiben hinein passten, als könnten sie darin wohnen.

Dazu trank man ein Wasser aus dem Mohrleichener Gesundbrunnen, das sehr teuer war, und das Henriette, die überhaupt plötzlich an allem etwas zu mäkeln hatte, wegen des Namens abschreckend fand. "Wieso, was hast du gegen Gesundbrunnen?" fragte Friedrich arglos und Alfred sagte "Sie denkt ja auch an die Moorleiche", und er schnitt ihr eine fürchterliche Grimasse. Henriette erschreckte sich und täuschte einen Weinkrampf vor, der seinerseits Katharina verblüffte, und um sie abzulenken, sagte sie "Wusstest du eigentlich, dass Krebse immer rückwärts laufen?" Weil aber keiner erkennen konnte, wen sie damit angesprochen hatte und weil es andererseits allen bekannt war, bekam sie keine Antwort und alle widmeten sich ihrer Mahlzeit.

Henriette spuckte unbemerkt das Wasser ins Glas zurück und Katharina fragte zwischendurch mit aller Offenheit und so, als hätte sie unterwegs irgendwo ein Taschentuch liegengelassen "Haben wir eigentlich genug Geld dabei?" Wilhelmine, die stillschweigend zur Verwalterin der Reisekasse erkoren worden war, schaute kaum vom Teller auf und murmelte nur etwas von 'darüber keine Gedanken machen', und Henriette, die das beiläufig angeschnittene Thema anscheinend reizte, sagte "Was kann man denn hier kaufen?" Friedrich hob die fast leere Karaffe an und sagte "Wasser. Und Netze zum Krebsefangen." Alfred fragte ernsthaft "Wollen wir das machen?" Henriette warf den Kopf zurück und strafte Friedrich mit einem bösen Blick. "Pphh! Mama, darf ich aufstehen?" Katharina erlaubte es und wollte noch eine allgemeine Benehmensregel loswerden, doch Henriette schlenderte durch den Saal davon. Katharina schaute ihr nach und meinte "Was sie sich nur einbildet?" Alfred rief "Ich gehe mit" und folgte ihr, kam aber eine Weile später wieder und sagte, Henriette habe ihn fortgejagt, und er suchte sich einen anderen Zeitvertreib.

Die Erwachsenen hatten es sich auf den Stühlen im Garten bequem gemacht, aber Katharina hielt es nicht lange aus und sie schlug vor, sich den Ort näher anzuschauen. Wilhelmine knurrte ein "nachher". Katharina raffte sich auf. "Ich gehe jetzt." Dann suchte sie Alfred und überredete ihn mitzukommen. Vor dem Haus trafen sie auf Henriette, die gerade ein offenbar neu angekommenes Ehepaar über das Essen im "Mercurio" aufklärte. Die Frau, ganz in Schwarz gekleidet und mit einem weißen Sonnenschirm, war begeistert von dem aufgeweckten Mädchen. Katharina grüßte freundlich. "Entzückend, die Kleine", sagte die Frau, "Und das ist wohl das Brüderchen, entzückend."

Henriette stellte sich zwischen alle und sagte sehr gewählt "Und darf ich vorstellen, das ist unsere Mama, Madame Pauquet, aus Frankfurt." Dabei machte sie mit dem Arm eine märchenhafte Geste. Für einen Augenblick wollte Katharina sie tadeln, weil sie so vorlaut war und besonders, weil sie gesagt hatte, woher sie kämen, aber dann dachte sie, es wäre das Selbstverständlichste, an diesem Ort freimütig zu sein, und sie lächelte gelassen und nicht ohne einen gewissen Stolz über ihre Tochter. Sie fasste die Kinder bei den Händen, und alle drei schritten zur großen Besichtigung. Henriette fragte noch, warum sich die Leute nicht auch vorgestellt hätten, und Katharina meinte "Was weiß ich, das ist doch nicht so wichtig." Nach einer Pause kam die Erwiderung "Du hast recht, Mama, was geht es uns an."

In Bad Leihburg war alles zum Zweck des Kurbetriebs erbaut und eingerichtet worden. Die Häuser scharten sich um die Stellen, wo schwefelhaltiges oder auf sonst eine Art angereichertes Wasser der Erde entsprang. Auf großzügigen, mit viel Sorgfalt und Sachkenntnis gestalteten Parkanlagen prangten die herrlichsten Blumenbeete im Sonnenschein. Die Wege waren breit, hell und eben wie Briefpapier. Man konnte den Eindruck bekommen, dass sie absichtlich in umständlichen Kurven sich zwischen Rasen, Hecken und Bäumen verliefen, um den Gang der Leute im Freien auszudehnen und selbst einem kleinen Spaziergang den Anschein einer Wanderung zu geben. Freilich waren manche Gäste so gebrechlich, dass sie befördert werden mussten, wofür erstaunlich vielfältige Transportmittel zur Verfügung standen.

In den offenen Hallen, die tatsächlich antiken Tempeln ähnelten, wandelte man in stiller Gelassenheit, unterhielt sich beinahe nur im Flüsterton, grüßte mit Handzeichen, aber sehr galant, und nur einzelne Kinder brachten eine gewisse äußerliche Aufregung in die beschauliche Ruhe. Einige Wege kreuzten sich sternförmig auf kleinen, mit feinstem Kies belegten Plätzen, wo in der Mitte meist ein Springbrunnen stand, an dem zwischen wunderlichsten Figuren ein Wasserstrahl in hundertfache Bäche zergossen wurde, die über Kaskaden, Zwischenbecken und manchmal auch über die Hand eines an Neptun erinnernden nackten Mannsbildes herab plätscherten. Auf dem Rasen stolzierten Pfaue, die von Zeit zu Zeit, man wusste nicht warum, die langen Federschwänze zum prächtigen Rad aufstellten, und aus manchem Kurhaus, dessen Terrassentüren zum Lüften geöffnet standen, klang ein paarmal vorsichtiges Klappern mit Geschirr und Besteck herüber.

Die Badehäuser selbst ließen auf den ersten Blick kaum ihre Geräumigkeit ahnen, und drinnen war man überrascht von der Größe und Weite des Baues. Im Untergeschoss lagen Badebecken aus Marmor in lichtarmen Grüften, in denen in warmen Nebelschwaden dicke Männer oder runzlige Frauen mit Tüchern um den Leib geschwungen auftauchten und verschwanden wie Gestalten aus römischer Vorzeit. Manche absolvierten ein vorgeschriebenes Programm, und wenn auch nirgends eine Uhr die Stunde anzeigte, so bemerkte man doch einen geregelten Ablauf, eine feste Reihenfolge aller Vorgänge und Tätigkeiten, die sich hier abspielten, wobei offenbar jeder selber genau wusste, welcher Behandlung er sich als nächstes unterziehen würde. Kein Zweifel, alles erfolgte nach einem durchdachten Plan.

Natürlich gab es am Ort eine Reihe hochkarätiger Ärzte, die für die Gäste Sorge trugen und jedem einzelnen seine persönliche Kur verschrieben. Die Konsultation des Arztes war die Voraussetzung dafür, dass mit den medizinischen Maßnahmen überhaupt begonnen werden konnte, und nicht selten reichte ein einziges Gespräch nicht aus, selbst wenn es einen ganzen Vormittag dauerte. Gewiss war Bad Leihburg im geläufigen Sinne nicht berühmt, doch in den Kreisen derjenigen, die sich von ihren speziellen Leiden kurieren lassen wollten, stand es durchaus in hohem Ansehen. Und selbst der Umstand, dass es sehr abgelegen und schwer zu erreichen war, hatte es zu einer Art Geheimtip werden lassen.




 
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