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Der sehnsüchtig erwartete Joachim


Endlich kam Joachim an, auf den Elisabeth Lucius so sehr wartete. Ob auch Sophie von seinem Besuch ebenso begeistert war, das wollten Katharina und Gunda, jede für sich, aus Sophies Gesicht ablesen, als ein Student und Kommilitone Joachims die Nachricht brachte, er, Joachim, befinde sich auf dem Weg hierher, mache zuvor in Jena für ein paar Stunden Station. "Das sieht ihm ähnlich", schimpfte Sophie, "andere sind ihm wichtiger als wir." Daraus konnte man nun schwer Schlüsse ziehen, ob sie ihn wirklich deswegen ihrerseits mit Missachtung strafte oder nur darüber verärgert war, dass sie gegenüber den anderen hintangesetzt wurde. Als er dann selbst eintraf, war Sophie jedenfalls nicht da, und niemand wusste, wohin sie entlaufen war. Der einzige, der darüber keine Fragen stellte, war Zarrenthin, während die anderen ahnten, dass sich Sophie nur unter irgendeinem Vorwand mit Absicht rar machte.

Joachim achtete anscheinend überhaupt nicht darauf, und die neuen Leute, Katharina und Henry, aber auch Gunda, die er seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen hatte, nahmen seine Hinwendung in Anspruch. Er war in prächtiger Laune, und er sah hervorragend aus. Er war groß, schlank und kraftvoll, mit dunkelblondem, langem Haar, das an den Spitzen in Locken bis auf seine Schultern fiel. Er war schnell dabei, alle mit seinen sehr gepflegten und doch zupackenden Händen anzufassen, jedem die Hand zu schütteln, ihn am Arm, an der Schulter, Gunda ohne Scheu um die Hüfte zu greifen, als ob er einen neuen Kameraden für eine große Seereise begrüßte, die morgen losgehen sollte. Aus seinen Augen sprühten Geist und Witz, oder besser gesagt, sie hatten den Schalk im Blick, mit dem er andere bis zur Begeisterung unterhalten konnte, mit dem er aber ebenso auch einen vernichten konnte, der ihm zuwider war. Und seine, wie man oft vernommen hatte, radikalen Überzeugungen, machten nicht wenige derer, die ihm begegneten, zu Feinden.

Natürlich musste Joachim erzählen, man ließ ihm kaum Gelegenheit zu verschnaufen, und Elisabeth wollte alles erfahren vom Leben in Berlin, alle Neuigkeiten aus den Salons, welche altbekannten Größen, welche verschrobenen Künstler, welche neuen Talente von sich Reden gemacht haben, welche Sensationen es gegeben hatte, welche Skandale, welche Geheimnisse. Und Joachim war bestens informiert, so gut, dass man es mit der Angst vor ihm zu tun bekommen konnte und befürchtete, er würde andernorts in ebensolcher Weise über einen selbst berichten, wenn man ihm zuviel verriete.

Er wusste nicht nur, was er mit eigenen Augen gesehen, mit eigenen Ohren gehört, sondern auch das, was er von Dritten erfahren hatte, und manchmal gab er es so wieder, dass man merkte, er konnte vom Gegenstand dieser oder jener Unterredung, ja selbst vom Inhalt eines Briefes nicht anders Kenntnis erhalten haben als durch jemanden, der es ihm hinterrücks zuträgt. Katharina sagte hernach zu Henry, ihr sei auf einmal klar, weshalb Joachim von der Universität in Jena verwiesen wurde, und auch, weshalb die Angelegenheit so undurchsichtig geblieben und alsbald zu den Akten gelegt worden war, und Henry teilte ihre Meinung. Immerhin hatte Joachim, wie sich jetzt wieder zeigte, noch guten Kontakt zu den Jenensern, wenn auch zu denen, die sich selber als Opposition gegen die vorherrschende Kultur verstanden oder darin nie Fuß fassen konnten, hauptsächlich, weil ihnen der Zutritt verwehrt war.

Diese seine Freunde waren Anton Alexander verhasst wie die Überträger von neuartigen, unbekannten Krankheiten, gegen die man lange Zeit kein Mittel in der Hand haben würde. Eine Zeitlang war einer von ihnen, Clemens Bellaponte, bei Zarrenthin zu Gast. Sein wohlklingender Name hatte Zarrenthin nicht darüber hinwegtäuschen können, dass dieser Wirrkopf, der den ganzen Tag auf seiner Gitarre zupfte, Balladen über Kindstod und Eremiten dichtete, und im Übrigen mit Zarrenthins dreizehnjähriger Tochter anbändelte, mit der Welt derartig überkreuz und im Argen lag, dass er sie nicht nur permanent falsch deutete, sondern seine Interpretationen, die sich auch schon mal zu wahnhaften Ideen steigerten, allen anderen aufzuzwingen versuchte, als wäre er der Heilsbringer des neuen Jahrhunderts.

Und Sophie fragte Joachim ausgerechnet nach Clemens Bellaponte aus, der sich seit kurzem ebenfalls in Berlin aufhielt, aber eigentlich unstet von einem Ort zum anderen reiste. Sie dachte gar nicht an die unselige Bekanntschaft zwischen ihm und Zarrenthin, sie wusste auch nicht, dass der den Bellaponte schließlich aus dem Haus geschmissen hatte mitsamt seiner ewig verstimmten Klampfe. Sonst hätte Sophie wahrscheinlich auch Rücksicht genommen, vielleicht aber auch nicht. Zarrenthin schwieg, machte gute Miene zum bösen Spiel und beschränkte sich auf einige hässliche Bemerkungen.

Was Joachim über diesen Kerl zu berichten hatte, das war wirklich unerhört. Angeblich hatte er neuerdings ein Verhältnis zu der Caroline von Mannshaus, welche nach dem Tod ihres Gatten und mit einem euphorischen Gefühl von Befreiung, über dessen verbreitete Ausbrüche auch Sophie schon manches zu Ohren gekommen war, nach Mainz gegangen war und sich dem Forster'schen Kreis angeschlossen hatte, jenen deutschen Jakobinisten, die hernach mit der Ausrufung der Mainzer Republik und deren Verteidigung, die so furchtbar endete, berühmt wurden. Ob sie dem Forster, dessen eigenes Weib ihn bekanntlich verlassen hatte, mehr war als nur eine scharfsinnige Mitstreiterin und gelegentliche Organisatorin, das vermochte niemand zu sagen, erst recht keiner, der nicht selbst zu den Mainzer Klubisten gehörte. Angesichts dessen, was er über die Persönlichkeit Forsters weiß, meinte Joachim, dürfte sich ihre Zusammenarbeit auf eine politische beschränkt haben.

"Einen Mann wie Forster zu lieben, dazu müsste man schon eine Mischung aus Jeanne d'Arc und Kolumbus sein", sagte er und lachte. Dennoch war die Mannshaus, nachdem sie Mainz aus irgendeinem Grund oder mit irgendwelcher Absicht verlassen hatte, gefangengenommen und in Geiselhaft gesetzt worden, und nur ihre Beziehungen zu alten, nicht eben einflussreichen aber einfallsreichen Freunden halfen ihr aus der Klemme. "Und nun ist sie in Meckern", sagte Joachim und wusste genau, dass die anderen sofort fragten, wo in aller Welt Meckern liege. "Bei Leipzig, ein Kuhdorf nur, aber wohl recht geeignet zur Erholung für jemanden, der den Aufstieg und Fall der Mainzer Republik am eigenen Leib erfahren hat." "Und Bellaponte?" fragte Sophie. "Der ist bei ihr." "Seit wann?" "Das weiß man nicht genau. Jedenfalls haben sie geheiratet." "Was?" "Ja, in der Dorfkirche von Meckern." "Dann werden sie bald zum Katholizismus konvertieren", meinte Zarrenthin höhnisch. Aber Joachim sah den Vater beinahe entgeistert an. "Das wollen sie tatsächlich, er hat es mir selbst anvertraut."

Zarrenthin schlug mit der Hand auf den Tisch, dass das Geschirr klapperte und lachte schallend. "Hab' ich's nicht gesagt. Ich kenne doch den Burschen, er hat einen Hang zur Mystik und zur Muttergottes; er möchte so gern allen Menschen Gutes tun, vor allem den Frauen, aber er möchte dafür immer dreifach wiedergeliebt und in allen Berichten erwähnt werden, so einer ist das." Er hätte am liebsten noch drastischere Worte gebraucht, wenn ihn die Anwesenheit der Damen nicht gehindert hätte. Joachim aber starrte ihn an, es war, als hätte er den Faden seiner Rede verloren.

"Wann wirst du ihn wiedersehen?" fragte Sophie, um ihn wieder zurückzuholen. "Bald. Wir planen ein gemeinsames Projekt." "Was für ein Projekt ist das?" wollte Katharina wissen, die sich darunter gar nichts vorstellen konnte. Joachim wandte sich zu ihr und erläuterte mit einer Begeisterung, die auch sie gleich erfasste, die Herausgabe einer Liedersammlung, an der die beiden schon seit drei Jahren arbeiteten, die sich aber durch äußere Einflüsse verzögert hatte. "Freilich, er muss sich ja auch seiner Frauensammlung widmen", meinte Zarrenthin, aber niemand hörte ihn.

Katharina fragte, ob das selbstverfasste Lieder wären, und Joachim sagte, es sind größtenteils redigierte Originale und erzählte dann, wie er und Bellaponte mehrere Wochen durchs Land gezogen sind, und zwar durch ganz Deutschland, hauptsächlich aber durch die Rheingegend, und überall die Lieder notiert haben, die vom einfachen Volke gesungen werden. "Das muss sehr schön sein", sagte Katharina. "Ein wahrer Schatz ist es, und eine unvergleichliche Kunst." Ob er denn mal was davon vortragen könnte, sagte Gunda, und Joachim erwiderte "Mit Vergnügen, ich brauche bloß eine Gitarre." "Jammerschade", sagte Zarrenthin, und man hätte glauben können, sein Bedauern sei echt, "die hat der Bellaponte mitgenommen." "Aber haben Sie denn kein Musikinstrument im Haus?" fragte Katharina, der das jetzt auffiel. "Nein. Wir sind leider ziemlich unmusikalisch", sagte der Alte, und seine Worte pfiffen an Joachim vorbei wie ein Geschoss, dass ihn gerade noch verfehlt hatte. Joachim meinte, er brauche erst mal ein paar Tage zum Ausruhen, aber am nächsten war er schon wieder frühmorgens nach Weimar geritten, übrigens auf einem Pferd, das er sich im Dorf ausgeliehen hatte.

Einmal hatte Katharina lange geschlafen, keiner hatte sie geweckt, und auch den Hahn, bei dessen Krähen sie sonst immer aufwachte, hatte sie diesmal überhört. Sie konnte gerade noch sehen, wie Sophie, Gunda, Joachim und Henry zum Tor hinausgingen, und Zarrenthin und Elisabeth waren auch nicht mehr im Haus; sie fand nicht einmal Dorothea. Aber das Frühstück für Katharina stand auf dem Tisch, und daneben lag ein Zettel, auf dem Henry irgendeinen halbverschlüsselten Spruch geschrieben hatte, aus dem sie nicht schlau wurde. Sie nahm etwas zu sich und verließ dann rasch das Haus, überquerte die Lindenallee und suchte auf der Dorfseite einen Weg, auf dem sie fortgehen konnte.

Sie hatte kein rechtes Ziel; sie entsann sich, wie Zarrenthin etwas von einem alten Stein erzählt hatte, der an irgendein bemerkenswertes Ereignis (war es nicht die von unglücklichen Umständen begleitete Niederkunft einer armen Frau gewesen?) erinnern sollte und der am Rande des Buchenwäldchens stand, von wo aus man einen herrlichen Blick über die Gegend und über das sich hindurchschlängende Flüsschen hatte. Der Weg dorthin wäre in der prallen Mittagssonne auch kein Vergnügen gewesen und hätte sich ohne eine kurzweilige Unterhaltung in die Länge gezogen. Außerdem stand ihr derzeit nicht der Sinn nach altertümlichen Geschichten. Ja, sie fühlte für einen Moment, wie sie so an der Dorfstraße stand und auf die arg verwitterten Pflastersteine blickte, eine leise Sehnsucht nach dem Stadttrubel und der lärmenden Geschäftigkeit Frankfurts, die ihr hier, unter dem unbeschwerten Gezwitscher der Vögel in den Bäumen am Dorfanger wahrhaftig sehr fern erschienen.

Doch es war wohl weniger die städtische Unrast, die sie vermisste, vielmehr kreiste in ihr der Gedanke an die Lieben, an die Kinder zuerst, die unter Wilhelmines fürsorglicher Betreuung und mit der Abwechslung, mit der sie wie gewohnt die sommerlichen Tage auf dem Greifenfechter'schen Hof verbringen, die vorübergehende Abwesenheit Katharinas hoffentlich leicht verschmerzen würden, leichter jedenfalls als sie selbst. War es wirklich eine gute Idee gewesen, hierher zu reisen, gerade nachdem man nach Frankfurt, nach Zuhause zurückgekehrt war? Wie überglücklich waren die Kinder, als sie wieder daheim waren, selbst wenn ihnen die Zeit der Abwesenheit nicht lang geworden war und jetzt, wo es vorüber war, alles wie ein unvergessliches Abenteuer in fester Erinnerung bleiben würde, was am Anfang ganz und gar nicht so ausgesehen hatte.

Dieser Sommer und überhaupt das ganze Jahr verlief in einer sehr unruhigen und auch unheilvollen Bahn, allzu übermächtig und rigoros mischten sich die Ereignisse der Zeit in ihr aller Leben ein. Sie überfielen einen jeden von ihnen, mochte er das nun eingestehen oder nicht, mit Hilflosigkeit und Angst angesichts der vielen Bedrängnisse, die einen tagtäglich von außen überraschten. Nie zuvor war die Politik der großen weiten Welt in den eigenen vier Wänden gegenwärtiger gewesen. Dass man sich überhaupt damit befassen musste! Dass man dem ausgeliefert war! Und nun schien es, dass kaum jemand noch im Vollbesitz aller Kräfte und Mittel war, um die eigenen Geschicke und die der Seinen in bewährter Weise zu lenken.

Ihr klangen Christians Worte im Ohr: "Die Zeichen stehen auf Sturm", ungeheure Veränderungen stünden bevor. Wobei das Wort "ungeheuer" seltsam ungewiss klang, und merkwürdigerweise in Katharinas Ohren sogar einen gewissen tollkühnen Reiz hatte. Kaum ein Tag war, wo der sonst so besonnene Christian nicht mit größter Aufregung und mit oft überstürzt und unüberlegt anmutenden Entscheidungen die Geschäfte des Haues Pauquet besorgen, die Zukunft des Unternehmens sichern musste. Und diese Zukunft war anscheinend alles andere als vorhersehbar. Dabei hatte Christian es geschafft, eine drohende Vorsichtsmaßnahme bis jetzt auszuschließen, nämlich dass sie, Katharina und die Familie, fliehen müssten, um sich vor dem Feind und dem Krieg, den er herbeiführt, in Sicherheit zu bringen.

Aber Katharina konnte sich nicht schlagartig auf die so jäh sich ändernden Verhältnisse einstellen, wo sie es seit Jahr und Tag gewohnt war, in ihrem sicheren und mit größtmöglicher Ordnung eingerichteten Dasein zu leben, ihr Tagwerk zu vollbringen, ihre Pflicht zu erfüllen, so wie Christian die seinige erfüllte. Auf einmal ging alles drunter und drüber, und es gelang ihr nicht mehr, die festen Punkte, an denen ihr Leben ausgerichtet war, und die sich nun wie von selbst aus ihrer Verankerung zu lösen schienen, wieder an ihren Platz zu bringen. Sie musste aufpassen, dass sie nicht plötzlich selbst in den Wirbel rasender Stimmungen und Gefühle geriet, welche sich zwischen den Geschehnissen der Wirklichkeit mit einem unwiderstehlichen Sog bildeten.

Und zu all' den Schwierigkeiten, mit denen sie zu kämpfen hatte und deren Ursachen so fern, so abwegig lagen, kam ihre Beziehung zu Friedrich Weickert hinzu, der nicht einfach wie eine halbfremde Person ins Haus gekommen, nicht wie ein angestellter Hofmeister in ihrer Nähe gewesen war (wahrscheinlich viel zu lange da gewesen war) sondern der wie ... ja, wenn ihr das bloß klar gewesen wäre! ... wie einer, auf den sie gewartet hatte, plötzlich zwischen ihr und der äußeren Welt stand. Betrachtete man die Tatsachen, so konnte man annehmen, dass die Affäre vorbei, überstanden war, es gab Leute, die dafür gesorgt hatten. Aber Katharina spürte mit jedem Tag und jeder Nacht, beinahe mit jeder Stunde, dass alles erst seinen Anfang genommen, die Geschichte sich vom Grunde aus entwickelt und entfaltet hatte, vom ganzen Drama allenfalls der zweite Akt gespielt war und dass es für das Folgende nicht die geringste Notiz gab, nach der man auch nur vage voraussehen konnte, was geschehen würde.

Auf einmal fiel Katharina wieder der Traum ein, den sie in einer der ersten Nächte auf jener Reise, irgendwo hinter Kassel hatte. Er war nur kurz gewesen, wie ein abgerissener Fetzen Stoff von einem Gewand, das ohne einen Leib, den es umhüllte, im Wind umhertrieb. In einem finsteren Wald war sie von einem fürchterlichen wilden Tier verfolgt worden, sie rannte um ihr Leben, denn sie wusste ganz sicher, dass es sie verschlingen würde, wenn es sie erwischte. Aber wie so oft schon in früheren Träumen, schaffte sie es auch diesmal nicht, vorwärts zu kommen. Jeder Schritt, der sie weiter bringen sollte, hemmte in Wahrheit ihren Lauf, zog sie anscheinend zurück, als würde die ganze Art der Fortbewegung ins Gegenteil verkehrt, als würde Weglaufen Zurücksinken bedeuten.

Ja, sie versank, ging unter in ihren eigenen willkürlichen Bewegungen, die nur noch zum nutzlosen Gestrampel gerieten, und sie erkannte, dass das, was sie retten sollte, wovon sie doch wusste, dass es die einzige Rettung war - das Davonkommen - im Grunde ihres tiefsten Innern der Wunsch war, in das zu gelangen, wovor sie flüchtete, ins Verhängnis. Alle diese Empfindungen gewahrte sie natürlich nur in einem einzigen kurzen Moment, wie das im Traum eben so üblich ist. Und als das Tier näher und näher kam und schon der röchelnde, todbringende Atem auf ihren Nacken traf, da gab sie auf, ließ sich fallen und fasste mit der sanften Kraft, mit der man die Augen geschlossen hält, den Entschluss zu sterben. Dann spürte sie noch, wie etwas Schweres sich auf ihren Rücken legte und sie unter sich begrub.

Während sie die Bilder dieses vergangenen Traums wieder aus ihrem Geist löschte, war Katharina nun doch ein Stück des Weges nach dem Hügel zu gelaufen und fand sich zu ihrer eigenen Überraschung unter einem von drei halbhohen Lindenbäumen wieder, wo sie sich auf eine Holzbank gesetzt hatte. Zwischen den Bäumen ging ein lauer Luftzug, der über ihr Haar und Gesicht strich und sie in wohltuender Gelassenheit verweilen ließ. Auch von hier bot sich ein freier Blick über die Senke mit dem Flüsschen und die flachen Hänge der gegenüberliegenden Felder.

Sie konnte Sophie und Joachim erkennen, die nach dem Park hin gegangen waren und dann und wann zwischen den Sträuchern auftauchten. Joachim hatte eine sehr aufrechte Haltung und seine Bewegungen waren deutlich und entschieden, was man auf die ins Grobe verwischende Entfernung erst recht wahrnahm, er wirkte eher wie ein Offizier denn als ein Student. Sophie, die in ihrer ständig abschweifenden Laune sich ihm kaum für einen Moment ruhig zuwandte, gab den schönsten Kontrast dazu und Katharina musste lächeln über das sich äußerlich so hübsch ergänzende Paar. Vielleicht hatte Elisabeth ja doch einen Blick dafür gehabt, als sie glaubte, dass die beiden zueinander passen würden. Aber auch wohl nicht auf Dauer.

Katharina beschloss, nach dem Dorfe zu gehen, das gleich halblinks auf einem Wiesenweg zu erreichen war. Um die ordentlichen, wenngleich überwiegend alten und stellenweise baufälligen Häuschen erstreckten sich kleinere und größere Gärten, die meisten für die Hauswirtschaft mit Gemüsebeeten angelegt oder mit Obstbäumen bepflanzt. Vielerorts waren zu dieser Vormittagsstunde die Dörfler dabei, ihre tägliche Hausarbeit oder die nach dem Kalender erforderlichen Gartenarbeiten zu erledigen. Katharina im hellblauen Kleid, mit Hut und Sonnenschirm fiel natürlich auf inmitten des ländlichen Millieus, doch vom Zarrenthin'schen Gut her waren die Einwohner Besuch gewohnt und so grüßte man auch Madame Pauquet freundlich. Meistens kannte man die Hermannstedter Gäste wenigstens vom Namen her, und hier, wo alles beredet wurde, kam es vor, dass die ein oder andere Person Gesprächsthema war, entweder, wenn sie zum wiederholten, sprich gewohnten Male bei Zarrenthin einkehrte, oder aber wenn es sich um jemand handelte, dessen plötzliches Auftauchen oder dessen ungewöhnliche Erscheinung Stoff zu allerlei Mutmaßungen bot. Katharinas Identität kannte man, weil die Frauen des Dorfes (und auch da natürlich zuerst die neugierigen, wie beispielsweise die des Dorfvogtes oder die älteste Tochter des Forstbediensteten Istleb) darauf aus waren, die verwandtschaftlichen und sonstigen Beziehungen von Zarrenthins Gesellschaft einigermaßen überschauen zu können.

Ohne festes Ziel schlenderte sie auf dem breiten, trockenen Weg zwischen den Häuschen entlang in Richtung Anger, wo der kleine Kirchturm mit dem geknickten spitzen Dach zu sehen war. Ein, zwei Mal wich sie einem Fuhrwerk aus, umging eine unebene Stelle, wechselte auf die andere Seite, schaute eine Weile den spielenden Kindern zu, die sich eine kunstvolle Bahn angelegt hatten, auf der sie ihre bunten Murmeln rollen ließen. Dabei fiel ihr auch ein, wie sie die Glasperle im Zimmer des Gothaer Gasthofs gefunden hatte. Eine dicke Frau mit grasgrüner Schürze und sonnengebräuntem Gesicht zeigte ihr stolz die Gartenernte dieses Sommers.


Katharina geht spazieren. Der unangenehme Herr Albenhoven


Auf dem Anger neben der Kirche, die von einem schmalen Rasenstreifen und einem Mäuerchen aus Feldsteinen umgeben war, lag von Bäumen gesäumt ein grünlich trüber Teich, auf dem einige Enten schwammen. Ein struppiger Hund, der ganz wild war auf das Federvieh, rannte am Ufer hin und her, scheute sich aber vorm Wasser und verkrümelte sich schließlich durch ein Mauerloch in den Kirchgarten. Es gab hier auch das einzige Gasthaus von Hermannstedt, den "Güldenen Kranz", der aber bei den Einwohnern nur nach dem Namen des Wirtes bei’m Nestlinger genannt wurde.

Es war ein schmuckes Fachwerkhaus mit Blumenkästen vor den Fenstern und einer breiten Terrasse bis zur Straße. Obgleich der "Güldene Kranz" für das Dorf eine Nummer zu groß schien, machte er doch einen einladenden Eindruck. Freilich hätte eine einzeln daherspazierende Dame wie Katharina davon Abstand genommen einzukehren, wenn nicht Nestlinger der Wirt höchstpersönlich an diesem Vormittage in der Tür gestanden und alle Fremden, die des Wegs kamen, auf ein Glas kühle Limonade einlud. (Um der Wahrheit zu genügen, sei gesagt, dass Nestlinger sich in den letzten Wochen nicht gerade über erdrückend viele Gäste beklagen konnte und nur deshalb so freimütig war, um überhaupt geschäftig zu bleiben.)

Nestlinger kannte natürlich alle, die auf Zarrenthins Hof verkehrten, zumindest, wenn sie länger als zwei Tage blieben, denn er belieferte den "Tempelherrn", wie er Anton Alexander scherzhaft nannte, unter anderem mit Bier aus der eigenen Brauerei, und dabei war auch schon mehrmals eine Lieferung nach auswärts für ihn herausgesprungen, die der eine oder andere von Zarrenthins Bekannten bei Nestlinger bestellte. Sein Ziel, Herzoglicher Hoflieferant zu werden, hatte er indes beständig verfehlt. Er schob es auf die Konkurrenz, aber es lag wahrscheinlich eher an der minderen Qualität seines Gerstensaftes, die mit einem Köstritzer oder Ehringsdorfer nicht mithalten konnte.

Seine Limonade dagegen war wirklich wohlschmeckend, mit reinem Kirschsaft und frischem Brunnenwasser und dazu als Spezialität ein Bröckchen Eis aus dem Keller. Dergleichen bot er also jetzt an, indem er über die Straße rief: "Einen wunderschönen Guten Tag, Madame Pauquet, welche Ehre, Sie auf unserem idyllischen Fleckchen Erde wandeln zu sehen. Was für ein heißer Tag! Wenn Sie uns das Vergnügen machen würden, hier herüber in den Schatten zu treten und ein Glas kühle Limonade genießen wollten, wir würden uns überaus glücklich schätzen." Solche Sprüche hatte Nestlinger so oft geübt, dass sie ihm mühelos über die Lippen kamen; nichtsdestoweniger waren sie ehrlich gemeint, und Katharina konnte ihm die Bitte kaum abschlagen, zumal er, nachdem er seine Worte geendigt hatte, in tiefer Verbeugung und mit zur Seite gestrecktem Arm, über dem ein weißes Tuch hing, regungslos verharrte, was ihn bei seiner nicht eben athletischen Figur und bei diesen Temperaturen ganz bestimmt anstrengen musste.

"Stehen Sie nur bequem", sagte Katharina lachend, "Sie brauchen vor mir keine Parade abzuhalten, Herr Nestlinger." "Aber ich tue es gern", sagte er, richtete sich auf und strahlte. "Ich hoffe, es geht Ihnen gut, Madame, wenn ich Sie so anschaue, dann erübrigt sich eigentlich meine Frage, Sie sehen entzückend aus, verzeihen Sie, wenn dem schwerfälligen Mundwerk eines törichten Gastwirts ein so leichtfüßiges Kompliment entschlüpft." In den Stunden, wenn Nestlinger auf Gäste wartete, drechselte er oft an solchen Formulierungen und freute sich über jede seltene Gelegenheit, sie anzubringen. "Nehmen Sie Platz, ich serviere sofort."

Damit verschwand er im Haus, und Katharina schaute sich nach einem Stuhl um, als ein Herr sie ansprach, den Sie vorher nicht bemerkt hatte und der an einem Tisch im Schatten eines jungen Ahorns saß. Er war an sie herangetreten und sagte "Madame Pauquet, wie ich hörte? Gestatten Sie mir, mich vorzustellen: Jakob Albenhoven, ich bin ein Freund Anton Alexanders. Wenn Sie die Liebenswürdigkeit haben, mir dort drüben Gesellschaft zu leisten, es ist der beste Platz, wie Sie sehen."

Das stimmte, und Katharina, obwohl sie nicht sonderlich beeindruckt war von der Erscheinung dieses Mannes, willigte wortlos ein. Aber es war nicht nur der Tisch, sondern auch Albenhovens Stuhl, der von allen am günstigsten stand, und Katharina versuchte, sich einen anderen zurechtzurücken, als Albenhoven sagte "Oh, setzen Sie sich hier hin, bitte, Sie haben Recht, hier hat man die beste Schirmung vor der Sonne und zugleich freie Aussicht auf diesen herrlichen Dorfanger, bitte."

Albenhoven war ein kleiner Mann mit spitzen und unter den Wangen eingefallenen Gesichtszügen. Seine Nase war schief und der Mund nur eine dünne Linie. Er hatte eine seltsame Frisur, das Haar war pechschwarz und haftete dünn und glatt wie eine Schale am Kopf und daraus standen einzelne Spitzen wie Schwanzfedern einer Krähe hervor. "Sie werden sich fragen, weshalb ich hier sitze? Ich komme aus Stuttgart und bin auf dem Weg zu Anton Alexander, und wenn Sie nichts dagegen haben, können wir gemeinsam zum Hof zurück gehen." "Sie sind heute angekommen und waren schon bei ihm?" fragte Katharina, doch nur aus Höflichkeit. "Ja, und nein. Ich bin heute angekommen, doch ich pflege um diese Jahreszeit immer zuerst mich ein Weilchen hier im "Güldenen Kranz" von der Fahrt zu erholen und dann per pedes hinüberzugehen. Als Stadtmensch lernt man diese Ruhe schätzen."

Nestlinger brachte die Limonade, das Glas war sogar beschlagen. "Wünschen der Herr auch noch etwas?" fragte er Albenhoven, der verneinte. Am Ton des Wirtes erkannte Katharina sofort, dass Albenhoven nie zuvor in diesem Gasthaus gewesen war. Sie trank in kleinen Schlucken, es schmeckte köstlich. Dieser Mann war ihr auf den ersten Blick unsympathisch. Auch seine Kleidung war gräßlich. Der graublaue filzige Anzug war viel zu warm für dieses Wetter und ähnelte einer umgeschneiderten Uniform, wahrscheinlich war das seine einzige Garderobe, mit der er sich auch noch unterstehen konnte, Besuche abzustatten. Sie verspürte keine Lust etwas zu sagen, und Albenhoven redete ohnehin von selbst.

"Ja, ich bin ein Freund des vortrefflichen Zarrenthin, wenn ich ihn auch leider wegen Zeitmangels selten besuchen kann. Doch möglicherweise wird sich das in Zukunft ändern." Er machte eine Pause und erwartete eigentlich eine Frage, aber Katharina zeigte keine Reaktion, deshalb fuhr er fort "Ich bin nämlich von Beruf Verleger und ...", er beugte sich zu ihr hinüber, als spreche er vertraulich, "...es zeichnet sich eine Zusammenarbeit zwischen Anton Alexander und meiner Wenigkeit ab. Ich habe einige Hoffnung, den Roman, an dem er gegenwärtig arbeitet, in Verlag nehmen zu dürfen. Wenn denn alles so geschieht, wie es geschehen soll."

Diese letzte Bemerkung fand Katharina so dümmlich, dass sie ihn ansah und ihr Blick auf sein Lächeln fiel, das noch eisiger war als ihre Limonade, die davon wie durch einen schlechten Zaubertrick ihren Wohlgeschmack einbüßte. Zum Glück hatte sie das Glas fast geleert. "Dann lassen Sie uns doch gleich zum Hof zurückgehen", sagte sie, und Albenhoven entgegnete "Ja, natürlich, nur einen kleinen Moment noch hier verweilen." Das war unhöflich, und Katharina wäre am liebsten aufgestanden und hätte ihn allein gelassen, doch wenn es sich wirklich um einen Freund Zarrenthins handelte, wäre das ebenso unhöflich gewesen.

Er machte keinerlei Anstalten aufzubrechen. Er ließ seinen Blick über den Platz vor dem Gasthaus schweifen, musterte die Häuser gegenüber, schaute einer Bauersfrau mit einem Kind an der Hand und einem alten Mann, der zwei Ziegen führte, nach. Dann beobachtete er die Enten auf dem Teich und machte eine unmerkliche Kopfbewegung, als schien sich ihm etwas zu bestätigen. Vom Dach des "Güldenen Kranzes" schoss auf einmal ein Taubenschwarm durch die Luft und flog mit einem hörbaren Rauschen über sie hinweg. Albenhoven zuckte zusammen. Die Tauben hielten auf die Kirche zu, drehten hinter dem Turm nach links ab und kreisten ein paarmal über den Anger, bis sie sich wieder auf Nestlingers Dach niederließen.

Albenhoven sagte "Ich finde es auf seine Weise erstaunlich, wie Anton Alexander in dieser Umgebung die Inspiration für seine grandiosen Werke finden kann." "Sie sagten doch eben selbst, dass Sie die Ruhe hier schätzten", meinte Katharina, die sich sicher war, von der Meinung dieses zweifelhaften Mannes nichts Bemerkenswertes erwarten zu können. "Nun ja, ich bin auch ein Stadtmensch." "Wie Sie bereits erwähnten." "Ich schreibe auch keine Romane, die an den Küsten des Peloponnes handeln." "Nein, Sie verlegen Sie bloß", sagte Katharina ironisch, merkte aber, dass ihn das völlig kalt ließ.

"Ich frage mich manchmal, was findet ein Meister der Dichtung wie unser gemeinsamer Freund in Gegenden, die tausende von Meilen entfernt liegen, was er nicht auch hier vor der eigenen Haustür finden könnte? Andere Erde? Anderes Vieh, das darauf weidet? Andere Menschen? Vielleicht Menschen mit anderem Geist, anderen Sinnen, Gefühlen, Träumen? Wir begeistern uns für die Abenteuer der Heroen, bewundern ihre Schönheit, staunen über ihre Kühnheit und List, erschauern bei ihrer Rücksichtslosigkeit. Noch ihre niederträchtigsten Eigenschaften sind uns Vorbild." Katharina machte ein Zeichen, dass sie sich langweile bei diesem Geschwätz.

"Und dann dieser ewige unbarmherzige Kampf Jedes gegen Jeden, Götter gegen Titanen, Helden gegen Götter, Helden gegen Helden, Männer gegen Frauen." Er machte eine Pause und fuhr dann fort. "Schauen Sie mal, die Enten auf dem Teich, es sind Stockenten. Sehen Sie die beiden bunten und die braune? Zwei Männchen, die ein Weibchen jagen. Stockentenmännchen sind für ihre Brutalität bekannt." Katharina riss die Geduld. "Würden Sie denn einen Roman verlegen, der anstatt von der Liebe von den schlechten Verhaltensweisen der Stockenten handelt?"

Albenhoven lachte und legte dabei seine morschen Zähne bloß. "Nicht solange es niemand liest. Und doch, glauben Sie einem unbedeutenden, aber erfahrenen Buchhändler wie mir, eines Tages werden wir Bücher zu lesen bekommen, die von den scheußlichsten Widerwärtigkeiten handeln, die man sich nur ausdenken kann, und die Leute werden sie mit höchstem Vergnügen lesen." Katharina sagte mit aller Verachtung, die sie aufbringen konnte "Sie bedauern es wohl sehr, dass Sie diese Zeit nicht mehr erleben dürfen?" "Sie verkennen mich vielleicht. Dass ich solche Verkommenheit voraussehe, heißt nicht, dass ich sie mir wünsche. Menschen von meiner Profession haben natürlich auch ihre Ideale, aber was nützen sie, wenn das Publikum sie verabscheut, die Ideale meine ich.

Ich will Ihnen etwas gestehen, Madame Pauquet, ich weiß, sie können es für sich behalten. Höchstwahrscheinlich würde ich mich keinen Deut darum bemühen, Zarrenthins neuen Roman herauszubringen, wenn es das soundsovielte Machwerk des soundsogenannten Verfassers wäre. Lassen Sie dieses Machwerk sogar gut sein, unerhört, genial, vollendet, davon gibt es nebenbei bemerkt einige. Aber es gilt, was geschrieben steht Viele sind berufen, doch nur wenige sind auserwählt, sehen Sie, und selbst von den Evangelisten gibt es gerade vier, und es wird nie und nimmer einen weiteren geben, und wenn er selbst die Geschichte Christi zehnmal besser schreiben würde. Meine Kundschaft, Verehrteste, hat einen despotischen Haß auf jeden neuen Literaten und eine knechtische Liebe zu jedem berühmten."

Plötzlich wurde Katharina bewusst, dass Albenhoven auf ihre Vertrauensseligkeit angespielt hatte und sie sagte "Was würde wohl Anton Alexander sagen, wenn er erführe, wie Sie über ihn denken?" Wieder zeigte sich Albenhoven unbeeindruckt, doch er merkte gleich, worauf sie hinauswollte. "Was hätten Sie davon, es ihm zu sagen? Ebenso wenig wie ich, wenn ich zu Ihnen darüber spreche." Zum erstenmal während dieser Unterhaltung sah er ihr direkt ins Gesicht. Dann sagte er zuversichtlich "Sie werden mich doch nicht verraten, Madame Pauquet?" Sie wollte ihm bedeuten, dass sie sich darüber noch entscheiden würde, aber er wartete ihre Antwort nicht ab.

"Sie kennen mich gar nicht, und ich war sicher etwas voreilig, Ihnen meine Ansichten darzulegen. Dagegen haben Sie zu Anton Alexander, wie ich annehmen kann, ein freundschaftliches Verhältnis." "Ich kenne ihn auch noch nicht lange, Freundschaft ist ein großes Wort", wandte sie ein. "Nun dann nennen wir es ein aufrichtiges Verhältnis, darin wahrt jede Seite ihr Eigen und bleibt doch offen für neue Bekanntschaft." Dann sagte er, als wiederhole er eine getroffene Vereinbarung. "So darf ich wohl hoffen, dass dies kleine Geheimnis unter uns bleibt. Lassen Sie uns von etwas anderem reden, das mir sehr am Herzen liegt. Wie ich hörte, ist der Dichter Friedrich Weickert als Hofmeister in Ihrem Hause tätig."

Katharina erschrak, als er dieses Thema ansprach, aber sie wusste nicht warum, und das war auch rasch vorüber. Es war wohl die Selbstverständlichkeit, dieser geschäftliche Ton, mit denen er den Namen genannt hatte, als habe er darüber gerade in der Zeitung gelesen. Weil Katharina jedoch die Gedanken an Friedrich und die Erinnerungen an die vergangenen Monate an einer weit der Gegenwart entrückten Stelle ihres Herzens barg, klang Albenhovens Nachricht sonderbar und fremd, ja befremdlich. Hatten sich die Tatsachen schon so sehr von ihrer Wahrnehmung gelöst, dass es Katharina jetzt beinahe erforderlich schien, die Vermutungen wildfremder Menschen darüber, was da wann und wo sich wirklich ereignet hatte, richtigzustellen?

Und wie dieser windige Verleger noch immer glaubte, Friedrich sei in ihrem Hause beschäftigt, das gab in ihrem Sinn dem Vergangenen eine geradezu groteske Note. So musste sie im nächsten Moment an sich halten, um nicht loszulachen. Aber sie konnte den Fehler nicht durchgehen lassen, um glauben zu machen, dass für Katharina das Kapitel "Hofmeister" abgeschlossen war. "Herr Weickert ist nicht mehr in Frankfurt, wussten Sie das nicht?" sagte sie und fand es schlau, dass sie 'Frankfurt' gesagt hatte statt 'in unserem Hause', weil es so klang, als habe es hundert andere Möglichkeiten gegeben, wo sich ein Hofmeister hatte aufhalten können.

Albenhoven ging darüber hinweg, wahrscheinlich war ihm seine Unkenntnis ein bisschen peinlich. Ihm ging es auch um etwas anderes. "Selbst wenn ich mich in Ihren Augen, Verehrteste, eingedenk des vorhin Gesagten dem Verdacht aussetze, mit falscher Zunge zu reden, ich habe eine durchaus hohe Meinung von seinem Talent." Katharina konnte nichts anderes erwidern als "Ach wirklich?" Und um ihre Verwirrung zu verbergen, setzte sie misstrauisch und zugleich vorwurfsvoll hinzu "Haben Sie seine jüngsten Gedichte gelesen? Es sind Hymnen." "Allerdings", sagte er, "Hymnen auf die Liebe, sie kamen bei Göschen heraus."

Es entstand eine Pause. Hinter der Kirchmauer kam der Hund wieder hervorgekrochen, schlich träge am Teich entlang und ließ sich im Schatten des Brunnenbeckens niederplumpsen. Der Taubenschwarm tauchte über Nestlingers Dach auf und flatterte über den Anger hinweg, Nestlinger erschien in der Tür, schaute erst zu den Gästen und dann in den Himmel und gähnte anschließend; die Szene wirkte wie in einem Provinzschwank.

Albenhoven ergriff wieder das Wort. "Sie werden verstehen, dass es mich von Berufs wegen interessiert, ob Herr Weickert zur Zeit an etwas Neuem arbeitet. Aber wenn er nicht mehr in Ihrer Nähe ist, werden Sie das auch schwerlich wissen können. Ja, und selbst wenn er etwas unter der Feder hätte, würde er es wahrscheinlich kaum verbreiten, denn Dichter neigen oft dazu, ihr Tagwerk zu verheimlichen, solange es noch nicht vollbracht ist." Katharina ließ sich zu keiner Bemerkung verleiten. "Bedauerlich ist das", seufzte Albenhoven, "wie gern würde ich meinen Teil dazu beitragen, einen so vielversprechenden Dichter zu fördern, doch dazu müsste ich ihm natürlich erst einmal begegnen. Und Sie haben keine Verbindung mehr zu Weickert?" "Nein, keine", sagte sie schroff. "Wo ich ihn nun schon so lange im Auge habe." "Wen?" "Na, Friedrich Weickert, von dem sprechen wir doch gerade, Madame." "Ach so, ja, Sie haben ihn im Auge? Inwiefern?" "Nun, wenn er so weiter macht...", Albenhoven verscheuchte ein Insekt, das vor seinem Gesicht schwirrte. Katharina dachte, er könnte ebensogut eine bedenkliche Prophezeiung äußern. "Wenn er so weiter macht, dann wird man noch Einiges von ihm zu hören bekommen." Einiges von ihm zu hören bekommen? Was sollte das heißen?

"Ach, da fällt mir ein, man erzählt sich, Sie hätten über die Malaise Ihrer kürzlichen Vertreibung aus Frankfurt ein Journal geführt?" "Wer, ich?" "Natürlich, Madame, ich spreche doch von Ihnen." "Eine Malaise war das nicht", sagte Katharina teilnahmslos. "Ja, das erzählt man sich auch." "Wenn Sie früher gekommen wären, hätten Sie davon sogar etwas erfahren, ich habe nämlich daraus vorgelesen", sagte sie frohlockend darüber, dass ihm das nicht vergönnt gewesen war, auch wenn sie es sich jetzt ausgedacht hatte. Es verfehlte anscheinend nicht seine Wirkung.

"Es muss hinreißend sein." "Es hat nichts mit Politik zu tun, falls Sie das glauben, dieser ganze Krieg kann mir gestohlen bleiben, ich erwähnte gerade mal das ferne Grollen der Kanonen." Sie besann sich. "Nein, nicht einmal das fand ich des Aufschreibens wert." "Wie wunderbar, da liegen wir ja ganz auf einer Linie. Wenn Sie mir etwas glauben können, dann ist es dies, dass der Krieg mir verhasst ist, ja, und nicht allein deshalb, weil er mir das Geschäft verdirbt, dieser Krieg ist ..." Er suchte nach einem gesteigerten Ausdruck, fand aber keinen und sagte dann "Ein Bücher schreibender Kriegsheld, ein literarischer General, Allmächtiger, nur ein dichtender Pfaffe ist schlimmer. Dann schon lieber der fünfhundertste Aufguss der Orestie. Verzeihen Sie meine Unbeherrschtheit. Haben Sie bereits daran gedacht, es zu veröffentlichen?"

Katharina fühlte sich nur ein bisschen geschmeichelt, nie im Leben würde sie das erwägen. Es machte ihr mehr Vergnügen, den Verleger zu ärgern. "Natürlich, zumal die Resonanz auf die Lesung, übrigens nicht meine erste, sehr wohlmeinend war." "Überwältigend, sagen Sie's nur. Ach könnte ich Sie für mich gewinnen!" "Bitte?" "Als Autorin, Ihr Buch in meinem Verlag. Sehen Sie, groß auf dem Titel: Madame Pauquet Journal meiner Reise am Ende des Jahrhunderts, und etwas kleiner darunter: verlegt bei Jakob Albenhoven, Stuttgart." "Das muss aber viel kleiner." "Ah, ich sehe, mit Ihnen könnte man sich einigen, Madame - wann sind Sie eigentlich geboren?" "Ich glaube nicht, dass das von Belang ist", sagte sie und strich sich mit der Hand durchs Haar. Sie kam nicht auf den Gedanken, dass er mit dieser Frage Katharina nur ein Stückchen mehr aus der Reserve locken wollte. "Ich werde jetzt zum Hof zurück gehen, man wartet sicher schon mit dem Mittagessen, Sie bleiben noch?" "Wenn Sie gestatten, ich mache mit dem Wirt die Berechnung und komme mit." "Ich gehe schon langsam vor."

Dorothea und Charlotte, die Köchin, hatten die Tafel in der Stube eingedeckt, die zur Hinterhausseite lag, von der Küche nur durch einen schmalen Raum entfernt, in dem in hohen Wandschränken das Geschirr und Küchengerät abgelegt waren. Wenn auch der Blick aus den beiden Fenstern lediglich auf halbverwilderte Sträucher fiel und über dem Blattwerk ein paar schiefe Dächer zu sehen waren, so blieb dieser Raum doch vor der sengenden Hitze geschützt. Übrigens war es hier im Winter wiederum angenehm warm, da eine ganze innere Wand an Zarrenthins Bibliothek grenzte, deren Bücher hervorragend abdämmten, und nur die Größe des Zimmers, das früher einmal unterteilt war, hielt die Familie davon ab, es in den Wintermonaten ausgiebiger zu nutzen, denn der kleine Ofen reichte dann nicht aus. Wenn aber, wie jetzt, eine größere Zahl Gäste zugegen waren, die ein Plätzchen für das Mittagsmahl suchten, dann bot die Stube, die Dorothea manchmal auch wegen des imposanten Fußbodens die "Bohlenstube" nannte, genug Raum zum Aufenthalt, und da man um den großen Tisch herum saß, fiel es nicht weiter auf, dass das Zimmer ansonsten leer war.

Zarrenthin und Jakob Albenhoven hatten eine gute Stunde miteinander geredet; sie schienen beide sehr zufrieden mit ihrem Gespräch. Gunda fragte Katharina über den merkwürdigen Mann aus, denn sie hatte erfahren, dass Katharina bereits seine Bekanntschaft gemacht hatte. Diese hielt sich jedoch zurück und sagte nur, er sei offenbar ein gewiefter Geschäftsmann. Nach dem Essen blieb man noch einige Zeit beisammen sitzen, und die Unterhaltung drehte sich natürlich weiter um die Literatur, denn wenn man auch einen Dichter selber im Hause hatte, so wollte man gern von Albenhoven erfahren, was sich in der Welt der Bücher, wo die Gedanken und Worte der Dichter zu dinglichen Waren werden, abspielt. Albenhoven gab zwar einige, zum Teil recht amüsante oder auch kuriose Anekdoten zum Besten, meinte jedoch, er halte die gedruckte Literatur bloß für eine Art Jahrmarkt, auf dem sich jeder mit seinem Stand behaupten müsse, und keiner auch nur eine vage Bestätigung erhielte, dass das, was er tue, von Wert, geschweige von Bedeutung sei. Joachim hielt sich nicht zurück mit seiner Verachtung und sagte frei heraus "Nichts gegen Sie persönlich, Herr Albenhoven, aber in meinen Augen sind Verleger Halsabschneider, die keine Juden geworden sind." Albenhoven nahm es stumm hin.


Ein Genitiv ändert den Sinn, aber nicht die Umstände.


Gunda brachte, halb als Frage an Katharina gerichtet, die Sprache auf die Marianne Güntershagen, die bekanntlich in Frankfurt in der Nähe des Pauquet'schen Hauses gewohnt hat und die vor knapp einem Jahr unter nicht ganz aufgeklärten Umständen ums Leben gekommen war. "Sie war doch deine Freundin." Katharina relativierte diese Feststellung, man sei gemeinsam ins Theater gegangen und habe von Zeit zu Zeit - aber dann unterließ es Katharina, sich weiter darüber zu äußern. Jakob Albenhoven war allerdings über die Güntershagen im Bilde und erwähnte deren letzten, sozusagen hinterlassenen Gedichtband, der leider, wie so manches andere, wovon er schwärmte, nicht in seinem Verlag erschienen sei, und der in der poetisch verfremdeten Form einiges zur Erhellung der Tatumstände, wie sich Albenhoven ausdrückte, beitrüge.

"Was genau war denn da geschehen?" wollte Gunda wissen. "Sie ist im Main ertrunken", sagte Albenhoven. "Nicht im Main, sondern in einem Kanal", sagte Katharina. "Da haben Sie wohl die Gedichte schlecht gelesen", meinte Joachim ironisch zu dem Verleger. "Nun ja", entgegnete Albenhoven, wohl wissend, dass eine so triviale Rechtfertigung, erst recht gegenüber Joachim, eigentlich unnötig sei, "ein gerichtsmedizinisches Gutachten ersetzen sie freilich nicht. Mir ist es ehrlich gesagt auch ganz gleichgültig, wo genau die Ärmste den Tod gefunden hat. Fest steht doch, dass sie ihn auch da suchte." "Ist das wahr?" fragte Gunda Katharina. Sie nickte. "Alles deutet darauf hin." "Und was genau?" "In erster Linie ihr lyrischdepressiver Stil natürlich", meinte Joachim. Aber Katharina sagte "Man hat festgestellt, dass ein Mensch an der Stelle im Kanal gar nicht ertrinken kann, jedenfalls kein Erwachsener, der körperlich intakt ist." "Du meinst, sie hat sich selbst ertränkt." "Ich meine es nicht, so stand es in dem Bericht." "Haben Sie ihn gelesen?" fragte Albenhoven eilig. "Nein", antwortete Katharina, obwohl sie in Wahrheit zumindest einen Teil im Wortlaut kannte; Christian hatte ihn einmal mitgebracht, als sie ihn darum gebeten hatte. (Übrigens hatte auch Friedrich einen Blick hineingeworfen und sich dann sogar einige Notizen gemacht.)

Nach einer kleinen Pause, die wie eine Gedenkminute für die Güntershagen wirkte, sagte Albenhoven "Solche Werke sind natürlich ein Glücksfall für jeden Verleger." Man sah ihn fragend an, und er erklärte sich genauer. "Nun, so tragisch und hart das Schicksal der Güntershagen auch zugesetzt hat, so muss man sich doch eingestehen, dass erst ihr Tod sie gewissermaßen zu höherer Würde erhoben hat. Er hat vollendet, was ihr Leben vorwegnehmen wollte, und das honorieren die Leser stets mit Ehrfurcht und einer Art schaurigem Interesse." "Das ist ja wie eine geweihte Form von Leichenfledderei", meinte Joachim, und Albenhoven sagte ungerührt "Niemand ist verantwortlich für das, was ein Künstler oder eine Künstlerin schafft, außer sie selbst.

Andererseits kann man dem Publikum nicht vorschreiben, wie es mit den Werken umzugehen hat, es sei denn, man lädt sie auf den Karren einer Ideologie, aber dann verlassen wir das Reich der Kunst. Es ist nun einmal so, dass ein Künstler, der zu Lebzeiten Erfolg hat, beliebter und angesehener ist als einer, der in Einsamkeit und voller Entbehrung an seinem Werk arbeitet. Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere zeigt uns, dass der Künstler, dessen irdisches Leben gescheitert ist, den Ruhm der Nachwelt für sich gewinnt, wenn die vielen anderen, die einstmals so gerühmt und gelobt wurden, für immer vergessen bleiben. Natürlich", setzte Albenhoven hinzu, "gilt das nur, wenn das Werk auch von dem Format ist, das der allumfassende Geist benötigt, um sich zu bereichern." "Und auf Erden bereichern Sie und ihresgleichen sich einstweilen daran."

"Ach was. Wissen Sie, wie viele Exemplare von der Güntershagen verkauft wurden? Ich weiß es aus sicherer Quelle, aber ich sage es lieber nicht, um die Dahingegangene nicht zu beschämen, und um meine Worte nicht selbst Lügen zu strafen. So etwas braucht seine Frist, und wie heißt es beim Propheten Mohammed: Jede Frist hat ihre Bestimmung. Im übrigen kann es eine äußerst langwierige Angelegenheit werden, bis sich so ein Buch in der Welt behauptet und ihm der Wert und die Bedeutung zukommt, die es zwar seit seinem Ursprung in sich trägt, die aber niemand, meist nicht einmal sein Schöpfer selber ihm zumessen können. Ja, das ist ein Vermögen, dies zu erkennen, welches die Kräfte der Weisheit wie des Kunstverstandes übersteigt. Darin liegt wohl auch der tiefere Sinn des Ausspruchs fata sua habent libelli, ihre Geschichte ist voller Missverständnisse, Verfälschungen, Berichtigungen und - Gott sei Dank - auch Überraschungen, für die ein Buch auch nach Jahrhunderten noch gut sein kann. Jeder einzelne, der es liest, entdeckt darin etwas anderes und eigenes; und jede Generation entnimmt ihm das, womit sie am meisten anfangen kann."

Henry sagte "Gilt dies nicht auch umgekehrt? Verpackt und versteckt nicht jeder Dichter, jede Dichterin ihre eigene Existenz in ihr Werk? Und ist er, ist sie, ohne dass es ihnen bewusst würde, nicht immer auch ein Repräsentant der Generation?" "Ganz ohne Zweifel ist das so", stimmte Albenhoven zu. "Und liest man die Gedichte wie auch die Reflexionen der Güntershagen, so findet man Ihr Urteil, Henry, völlig bestätigt." Katharina war trotz der persönlichen Nähe, die sie zu der Frau gehabt hatte, mit ihrem literarischen Werk nur bruchstückhaft vertraut, doch (auch vermittelt durch Friedrichs Beschäftigung mit Pindar) kannte sie einige Stellen hierzu aus ihren Schriften, unter anderem ihre Sätze zu Pindars Vers Der Mensch ist der Schatten eines Traumes, die ihr besonders gefielen. Sie teilte dies den anderen mit, und Albenhoven meinte "Oh ja, Der Mensch ist der Schatten eines Traumes, was für ein schönes Wort! Und hier sehen Sie per exemplum, was ich gerade anzudeuten versuchte. Einerseits ist es Pindars Meisterdichtung, die tausend und noch mehr Jahre nach ihm selbst andere zu eigener Leistung anregt; und andererseits zeigt es, wie die Nachgeborenen damit umgehen."

Es schien, als wollte er noch etwas sagen, aber er blickte zu Zarrenthin hinüber gerade in dem Moment, als dieser, der die ganze Zeit zugehört hatte, durch irgendeinen Gedanken aufgeschreckt wurde und sagte: "Wie lautete dieser Vers?" "Der Mensch ist der Schatten eines Traumes", sagte Gunda, die ihn sich schon zu eigen gemacht hatte. "Aber das ist nicht Pindar", sagte Zarrenthin, "jedenfalls nicht der Pindar, den ich kenne." "Wieso?" "Wie viele gibt es denn?" "Bis jetzt nur einen." Albenhoven murmelte leise "Und ich dachte schon, Sie würden es nicht bemerken, Anton Alexander." "Was denn?" Zarrenthin stand auf, ging in die Bibliothek, kam mit einem Buch zurück und blätterte nach einer bestimmten Seite. Dann sagte er, wie um seine eigenen Kenntnisse zu festigen "Der Mensch ist der Traum eines Schattens, so steht es geschrieben." "Aber bei der Güntershagen heißt es andersrum", sagte Katharina. "Ich weiß", meinte Albenhoven, "und die Leute haben es akzeptiert." Gunda sagte "Ich finde, es klingt beides schön."

Ein andermal, als sie beisammensaßen, verriet ihnen Albenhoven ein persönliches Geheimnis. "Ich gestehe", sagte er mit einem ironischen Lächeln, "Verleger ist gar nicht mein Traumberuf, viel lieber wäre ich Schneider geworden." Gunda musste laut lachen über die komische Bemerkung, und auch Katharina fand das unglaublich, zumal angesichts seines unmodischen, filzigen Anzugs, der aussah, als müsste er ihn zur Strafe sein ganzes Leben lang tragen. Henry sagte "Nun, mit Nadel und Faden arbeitet auch ein Verleger, wenn er die Seiten zusammenheftet." "Ein Drucker tut dies", verbesserte Zarrenthin. Albenhoven sagte zu Henry gewandt "Ich finde die Vorstellung, dass eine Person alles allein macht, etwa um ein Buch herzustellen, viel reizvoller als die leider gängige Praxis der Arbeitsteilung." "Heutzutage kann alles nur noch auf diese Weise produziert werden, nicht nur Bücher", stellte Zarrenthin fest. "Allein die erforderliche Menge gebietet das. Die Zeiten, als ein frommer Klosterbruder in seiner Klause Tag für Tag Manuskripte abgeschrieben hat, sind unwiderruflich vorbei." "Ich weiß. Und doch tut es mir Leid, dass die alte Handwerkskunst, die alles mit den zwei Händen und den Sinnen eines Menschen geschaffen hat, ausstirbt." "Hatten nicht schon die Alten ihre Künstlerwerkstätten, wo sie bestimmte Arbeiten den Gehilfen überließen?" meinte Sophie. "Ja natürlich, wer hätte allein die Säulen der Akropolis meißeln können? Und selbst große Individualisten wie Michelangelo kamen ohne Hilfsarbeiter nicht aus." "Na, bei Michelangelo wäre ich mir nicht so sicher, der hat vielleicht wirklich alles allein gemacht." "Aber wenigstens die Gerüste, die zum Ausmalen der Kirchen nötig waren, wird er nicht selbst aufgestellt haben, das hätte ihm viel zu viel Zeit geraubt." "Oder nehmen Sie Rubens, er hätte nur einen Bruchteil der vielen Gemälde schaffen können ohne seine Malergesellen." "Und wenn es ein paar weniger gäbe, wäre das so schlimm? Ab einer gewissen Güte des Kunstwerks wächst wohl die Meisterschaft nicht mehr weiter, auch die Kunst hat ihre natürlichen Grenzen, was man ja auch daran sieht, dass mancher große Künstler früh stirbt." "Sicher ist das so, aber ob sie in der menschlichen Unzulänglichkeit liegen, das dürfte bezweifelt werden."

"Doch nun sagen Sie, Herr Albenhoven, weshalb Ihnen das Schneiderhandwerk so sehr behagt." "Eben deshalb. Es vereint alle Vorzüge und Schwächen der Künste in sich, ohne selbst eine wirkliche Kunst zu sein. Ja gerade dieser letzte Mangel, der, wie es scheint, die Schneiderei zu einer ewig profanen, zu einer primitiven Tätigkeit verdammt, die bestenfalls zu einem Kunsthandwerk verfeinert werden kann, gerade darin liegt meines Erachtens ihr wahrer artifizieller Charakter. Natürlich spreche ich hier nicht vom Knöpfeannähen oder von jedem x-beliebigen Rocksaum, ich meine das Gewand, das den Menschen kleidet, diese zweite, buchstäblich künstliche Haut, oder besser gesagt: Hülle, welche ihn ebenso wie die Sprache oder die Mathematik oder die Malerei von den Tieren unterscheidet." "Und dabei", fügte Sophie hinzu, "auf eine viel geheimnisvollere Weise als all' die anderen Unterschiede die Scham des Menschen verdeckt."

"Wie recht Sie haben." "Was heißt verdeckt, ich meine, sie gibt der Scham lediglich ihren natürlichen Reiz." Gunda sagte "Mich würde einmal interessieren, ob die Menschen zuerst wegen der Scham sich bekleideten, so wie es ja von Adam und Eva berichtet wird, oder wegen der Kälte." "Was für Kälte?" "Was für Kälte? Na, die draußen. Im Winter war es auch vor tausend Jahren schon bitterkalt, und keiner, der im Dezember geboren wurde, konnte überleben, wenn er nackt geblieben wäre." "Früher hat man sich Bärenfelle angezogen", sagte Zarrenthin, als kannte er noch jemanden, der so aussah. "Bärenfelle? Gehören die auch dazu?" fragte Gunda an Albenhoven gewandt. Der lachte. Henry meinte "Was sind in der Geschichte der menschlichen Garderobe Bärenfelle anderes als Feigenblätter, wenn es darum geht, die empfindlichen Seiten des Menschen zu schützen?"

"Ich sehe da immer noch nicht die Kunst im Spiel. Ein Bedürfnis ja, wie Essen, Trinken und Schlafen, sogar Moral und Sitte, aber was ist daran Kunst?" "Zum Beispiel ein fein gewebter Stoff, ein wunderbares Muster, ein elegant geschnittenes Kleid, das greift alles ins Künstlerische über." "Sie hätten wahrscheinlich, wenn Sie Schneider geworden wären, keine Soldatenuniformen genäht, stimmt's?" "Niemals, nein, auch keine für Generäle, wie imposant sie auch aussehen mögen." "Dann ist es, vermute ich, im Grunde die Weiblichkeit, die Ihr Bestreben nährt. Oder wollten Sie sein wie das tapfere Schneiderlein im Märchen." "Das hat seine Meriten am wenigsten mit der Schneiderskunst erworben." "So wie ein Verleger am wenigsten die Literatur befördert." "Nun sind Sie wieder ungerecht." "Wieso wieder?"

Die Tür ging auf, und Elisabeth trat ein. Sie hatte ein fabelhaftes Kleid an; es war, als habe sie die ganze Zeit der Unterhaltung gelauscht und wäre nun erschienen, um zu den vielen Worten ein anschauliches Bild zu liefern. Es war von rosarotem, pastellfarbenem Ton, mit einem Muster von Streifen, die nur durch das wechselnde Licht, welches darauf glänzte, sichtbar waren, und das nach unten in tausend schlanke Falten fiel, während der weite Ausschnitt mit zwei Bändern hochgehalten wurde, deren Schleifen auf den Schultern wie zwei Vögelchen mit gespreizten Flügeln saßen. Darunter trug sie ein seidenes Oberteil, das sich sanft schimmernd über ihren Busen spannte und den Hals eng anliegend umschloss. Und aus den wie riesige Blütenblätter weit geöffneten Ärmeln des Kleides, die bis über die Oberarme reichten, ergoss sich das seidige Hemd wie Milchstrahl bis über die Handgelenke, wo es mit einer schmalen feinen Spitze gesäumt war. Tief auf dem Rücken, fast auf der Taille, hing ein hellgrünes schmales und langes Tuch, das sie zu beiden Seiten über ihre Unterarme gelegt hatte und dessen Enden bis auf Kniehöhe herabhingen, wo sie sich wiederum ans Kleid schmiegten.

Alle schauten zu ihr hin und waren sprachlos. Zarrenthin fand als erster Worte. "Wie schön, Elisabeth, dass du kommst, uns den Nachmittag zu versüßen." Es war, als fühlte sich Zarrenthin als derjenige, der ihr ganzes Leben lang Elisabeths wahre Anmut und Grazie angemessen gewürdigt hatte. Der Stuhl, der noch frei war, stand ganz ideal für eine Person, die plötzlich mit solcher Ausstrahlung wie sie erschienen war und sich an die Tafel setzte, wo man nun den Kaffee zu sich nahm. "Wir sprachen gerade über die Kunst des Schneiderns im allgemeinen, und die Garderobe der Frauen im besonderen", sagte Henry. "Nun bitte, lasst euch nicht stören", sagte sie und raffte das Kleid ein Stückchen über die Knie.

"Wenn Sie, wenigstens der Vorstellungskraft nach, so ein Experte sind in Modefragen, Herr Albenhoven", sagte Sophie, "welches ist dann Ihrer Meinung nach das Kleid, das einer Frau am besten passt?" "Jenes, das man bequem zuknöpfen kann", warf Zarrenthin schnell ein und brach in schallendes Gelächter aus. Und wenn die Bemerkung auch bissiger war, als er sie gemeint hatte, mussten die anderen doch mitlachen, hauptsächlich aber über Zarrenthin selbst, der sich über seinen Witz wie ein kleiner Junge amüsierte. Dann sagte er, sich die Lachtränen wegwischend, "Verzeihen Sie, Sophie, mir fiel nur gerade eine schrecklich komische Szene ein, mit einem Schneider, ha ha ha. Mein Ehrenwort, ich habe jetzt wirklich an niemand der hier Anwesenden gedacht."

Albenhoven vergewisserte sich: "Sie meinen, welches Ihnen am besten stünde?" Sophie nickte. "Ja, oder mir", sagte Gunda, aber Sophie schaute sie an und Gunda sagte "Oder dir zuerst." Keiner hätte erwartet, dass Albenhoven anstatt beispielsweise die neueste Pariser Mode oder etwa jene, die in Rom oder Sankt Petersburg getragen wird, anzuführen, auf die Antike zurückgriff und auf Winckelmann, was Zarrenthin sogleich zu dem Einwand reizte, Winckelmann habe doch bekanntermaßen die unbekleideten Damen und nicht minder die Herren der Betrachtung untergezogen, die "Nackenden", wie er sie am liebsten bezeichnete.

"Winckelmanns Vorlieben sind seine private Sache. Aber er hat natürlich auch die Kleidung mit einer genauen Beschreibung bedacht, ich zitiere die Stelle aus seiner Geschichte, wo er sagt: Die Zierlichkeit der Kleidung, welche bei den Alten vornehmlich nur den weiblichen Kleidern zukommt, besteht in der Kunst, sonderlich in den Falten." "Das wissen Sie aus dem Kopf?" fragte Gunda. "Nun ja, ich bin eben kein Schneider, sondern ein Büchernarr geworden", gab er höflich zurück.

Dann ließ er sich aus über den Mantel der Niobe, den auch Winckelmann das schönste Gewand des ganzen Altertums genannt hatte. Albenhoven stellte ihm das, wie er ausdrücklich feststellte: zweiteilige Kleid der Athene gegenüber, wie sie es auf dem Relief des Zeustempels von Olympia trägt, wo sie neben, beziehungsweise hinter Herakles steht und ihm mit einer Hand hilft, die Weltkugel zu stemmen, die ihm Atlas übergeben hat. "Ein unvergleichlicher Faltenwurf ist das, schlicht, beinahe dürftig, und unermesslich reich in einem", sagte Albenhoven, "und ein Zeichen dafür, dass sich die alten Bildhauer die gründlichsten Gedanken darüber machten, wem sie welches Kleid anpassten. Ich rätsele bloß immer wieder, ob dieses Gewand der Athene aus Wolle oder aus Leinen ist." "Nun", sagte Zarrenthin, "da kann ich Ihnen weiterhelfen, lieber Albenhoven, es ist aus Marmor." Sophie und Gunda holten Albenhoven aus der Antike zurück und bestanden darauf, sich über ihre Garderobe zu äußern, was er denn auch unternahm. Katharina beugte sich zu Elisabeth hinüber und fragte sie leise, ob sie nicht mit ihr hinausgehen möchte, Elisabeth nickte fast erleichtert, und die beiden schlichen sich davon.




 
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