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Bei Anton Alexander treffen die Gäste ein.


Elisabeth Lucius kam herein. "Anton Alexander, ich störe Sie nur ungern bei Ihrer Arbeit, ich möchte Ihnen bloß sagen, dass Sophie eben angekommen ist." Damit verschwand sie sogleich wieder. Die scheinbare Beiläufigkeit, mit der sie die Mitteilung machte, war ebenso gespielt wie beabsichtigt. Elisabeth wusste, wie sehnsüchtig, ja geradezu fieberhaft Zarrenthin Sophies Ankunft erwartete. Und das, obwohl sie vor kaum zwei Monaten erst in Hermannstedt war. Und dass er jetzt, wie Elisabeth gerade gehört hatte, sich schon die Worte, ja ganze Reden zurechtlegte und sie einübte, mit denen er Sophie offenbar beeindrucken wollte, das war ein unzweifelhaftes Zeichen dafür, wie sehr er die Wirkung, die er auf sie zu machen wünschte, keinesfalls dem Zufall überlassen, im Gegenteil, dass er sie geradezu mit all seiner künstlerischen Gabe inszenieren wollte.

Zwar soll Sophie, wie Elisabeth leider nur indirekt erfuhr, da sie selber nicht Zeuge solcher Gespräche war, von den Ausführungen des Alten ganz hingerissen gewesen sein, ja, manche, die es aus ihren eigenen Schilderungen gehört hatten, sprachen von einem seligen Taumel, in den die Poesie sie versetzt habe, jedoch konnte Elisabeth nicht umhin, derlei Begeisterung mit Argwohn zu betrachten, was allerdings, wie sie sich eingestand, seinen Grund auch darin hatte, dass sie, Elisabeth, im Unterschied zu Sophie und anderen Frauen, die in der Blüte ihrer Empfindsamkeit dem Dichter begegneten und seinem unwiderstehlichen Charme erlagen, ihn, Zarrenthin, sozusagen von Anfang an kannte und genau wusste, durch welche, im Lichte der Wirklichkeit besehen, ganz und gar unpoetischen persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen, seine geistigen Schöpfungen angeregt waren, oder mit denen diese seit jeher und nimmer loslassend ein im Innern der Seele verborgenes Band verknüpfte, ein Band, so unsichtbar und fest zugleich, wie es etwa zwischen eng miteinander verwandten Menschen gespannt ist.

Zarrenthin und seine Frau Dorothea hatten für Sophie die Stube, in der sie bei früheren Aufenthalten gewohnt hatte, soweit unverändert gelassen, lediglich geputzt, mit neuen Vorhängen am Fenster, mit frischer Wäsche für den täglichen Bedarf versehen und durch einige kleine Kunstgegenstände, ein Bild, eine kleine Figur, eine Vase aus Porzellan, einen glänzenden Messingleuchter ausgeschmückt. Und sie hatten die Decke neu streichen lassen mit lichter Farbe, wodurch das Interieur frischer, lebendiger wirkte. Sophie liebte dieses Zimmer, das fast genau über dem Eingang des Hauses lag, und von dem aus man den ganzen Hof mit seinen Blumen und dem reizenden Wasserspiel an der Westseite überschauen konnte, und von wo aus man auch einen Blick über das Land bis hin zum Fluss und zu den Höhen vor den Toren Weimars hatte.

Sophie war munter und ausgeruht, als sie ankam, und auch furchtbar hungrig, weshalb sie sich dankbar und mit Riesenappetit auf das feine Essen stürzte, das Dorothea und die Köchin seit zwei Tagen schon vor und zubereitet hatten. Dann saß man an die zwei Stunden in fauler, zufriedener Runde beisammen, und es verging keine einzige Minute, in der man geschwiegen hätte, so viel gab es zu berichten. Am Nachmittag machten Sophie und Elisabeth einen Spaziergang, begleitet von Sophies Hund Castor, der die Gegend von Hermannstedt sichtlich bevorzugte wie keine andere, in die er im Gefolge seiner Herrin jemals verschlagen worden war.

Erschöpft von dem Fußmarsch musste sich Elisabeth für eine Weile zur Ruhe legen, und Zarrenthin und Sophie nahmen das Abendbrot zu zweit auf der kleinen Terrasse ein, die er nachträglich an der Hausseite hatte anbauen lassen, welche zu dieser Jahreszeit die Sonnenstrahlen am längsten erreichten. Zarrenthin las zu später Stunde mit ruhiger, wohlklingender Stimme aus seinen neuesten Manuskripten vor, und als er selbst sich zurückzog, beschäftigte sich Sophie, die anscheinend niemals müde wurde, im Schein der Lichter, die Dorothea gebracht und aufgestellt hatte, in diese und jene von Zarrenthin empfohlene Lektüre. Es ging bereits auf elf zu, als Elisabeth noch einmal erschien und sich zu ihr gesellte, eingehüllt in eine wärmende wollene Decke. Und weil die Köchin noch auf war und in der Küche hantierte, leistete man sich den verrückten Luxus, eine Tasse Kaffee zur Nacht zu genießen, bei der man im Flüsterton und häufig von hellem Lachen begleitet, an die Gespräche vom Tage anknüpfte.

Tags darauf traf die Reisegesellschaft ein, die mit ihrem Kutscher Siegfried eine kleine Odyssee hinter sich gebracht hatte. Sophie spottete im Scherz über die anderen, und Gunda wurde beinahe wütend und meinte vorwurfsvoll, weshalb Sophie sie nicht gleich mitgenommen habe. "Ich hatte es euch angeboten", gab Sophie zurück, "aber du, liebe Gunda, hast am lautesten darauf bestanden, dass ihr allein hierher fahrt." Das stimmte, Gunda wollte ihrer Cousine natürlich zeigen, dass sie nicht nur reiselustig, sondern dazu auch reiseerfahren wäre; und um eine solche Erfahrung war sie nun reicher geworden. Schwamm darüber.

Zarrenthin und Dorothea und wenig später Elisabeth Lucius, die erst einen Moment auf sich warten ließ, begrüßten Gunda, Henry und Katharina und hießen sie willkommen. Katharina machte ein paar Schritte zu dem offenen Garten hin, atmete den Blumenduft ein und sagte: "Hier gefällt's mir, hier bleibe ich für immer." "Seien Sie nicht voreilig, Madame Pauquet", sagte Zarrenthin lächelnd, "so hat unsere Sophie auch schon gesprochen, und dann ist sie doch eines Morgens wieder fort gewesen." Katharina schaute zu Sophie, das klang so, als hätte sie diesen paradiesischen Ort Hals über Kopf verlassen. Spontane Entschlüsse konnte sie ihr zutrauen, aber etwas Wahnwitziges zu tun, das lag dieser so selbstbewussten und lebensfrohen Person doch fern?

Zarrenthin schien Katharinas Gedanken zu erraten und meinte, ebenfalls zu Sophie gewandt "Sie glauben ja nicht, was für riskante Entscheidungen diese Person manchmal treffen kann." So, wie er es sagte, war es ein Kompliment, und das hatte er beabsichtigt. Unversehens war Sophie wie stets zum Mittelpunkt der Aufmerksamkeit geworden, und als Gunda umständlich an ihrem Kleid herumwirtschaftete und rief "Ich muss unbedingt erst einmal die Sachen wechseln", da war es Sophie selbst, die wie die wahre Hausherrin alle aufforderte hineinzugehen. Siegfried den Kutscher hatte man übrigens schon entlassen, es hatten sich sogar Passagiere gefunden, die er mitnehmen konnte. Niccolo Tartaglia und sein Vater waren gleich weitergefahren, und alle Überredungskünste hatten nicht geholfen, die beiden zu einem kleinen Aufenthalt zu bewegen. Niccolo hatte es nicht ausgeschlossen, die Freunde zu besuchen, aber es war wenig wahrscheinlich.

An den nächsten Tagen ging man daran, Pläne zu schmieden, was man alles unternehmen, welche Ausflüge man machen, wen man besuchen werde. Aber man wurde dabei immer wieder unterbrochen, weil die Eindrücke auf dem Zarrenthin'schen Gut, die Landschaft, die unmittelbare, der Hof, der Garten, auch das Dörfchen mit manchen hübschen Stellen, weil allein die Gedanken, was man hier und von hier ausgehend alles entdecken könnte, die Zeit wie im Fluge verstreichen ließ. Eine Sehenswürdigkeit, so gering sie auch sein mochte, verdrängte die nächste, noch bevor man sich zu ihr aufmachte.

Anton Alexander war geradezu verliebt in diese Gegend, obwohl er nicht von hier stammte. Aber er hatte in alten Akten und Chroniken die Spur seiner Vorfahren auf diesem Boden ausgemacht, wenngleich der Beweis, dass sie tatsächlich mit ihm verwandt waren, nicht schlüssig gezogen werden konnte. Er wusste jede Menge Geschichten und historische Kuriositäten zu erzählen, und bei den meisten gab es sogar ein, wenn gleich noch so verfallenes und verstecktes, aber sichtbares Zeugnis, das seiner Meinung nach einen Augenschein wert sei.

Sophie, Katharina und Henry, die in den Städten zu Hause waren, spürten die herrliche, wie befreiende, Atmosphäre, die schon im Hause der Zarrenthins selbst herrschte. Die Türen und viele Fenster standen tagsüber fast immer offen und die Sommerluft erfüllte die Räume. Durch eine wohlbedachte Bauweise, durch den verwendeten Sandstein und Lehm, durch den Wechsel von Sonnenlicht und Schatten, der von den Laubbäumen gespendet wurde, und durch manches andere, was die Erbauer dieses Hofes berücksichtigt hatten, war der Aufenthalt im Haus rund um die Uhr angenehm, zumindest jetzt im Sommer, wogegen im Winter, wie Zarrenthins Frau Dorothea meinte, eine Wohnung auf dem Dorfe eine höchst ungemütliche Angelegenheit sein könnte, schon allein wegen des Schnees, der dann jeden Morgen den Weg durch die Tür nach draußen versperrt.

An den Schnee dachte freilich niemand in diesen Augusttagen, an denen die Säule im Thermometer auf der windgeschützten Seite in erstaunliche Höhe anstieg. Katharina gefiel es, am Tage so oft sich eine Gelegenheit dafür bot, aus dem Haus in den Garten und flugs wieder zurückzueilen, hin und her zu "huschen", wie Henry sagte, und sie übernahm es jedesmal bereitwillig, für Dorothea und die Köchin die Kräuter oder was sonst aus dem Gemüsegarten benötigt wurde, zu holen, und mit besonderem Vergnügen lief sie dabei barfuß. Auch trug sie nur ein leichtes Kleid, und Sophie, die sie einmal deswegen ansprach, als sie bemerkt hatte, wie sich Katharinas Hüften und ihr Busen unter dem Stoff abzeichneten, machte es danach ebenso. Überhaupt freundeten sich die beiden rasch an, wobei eine gewisse Höflichkeit und mehr noch die Gewissheit, dass man sich auch in Zukunft nur eher zufällig wiedersehen würde, einen Abstand zwischen ihnen belassen sollte.

Katharina war, wie auch Henry, gewillt, sich den Gepflogenheiten des Hauses und der Gastgeber anzupassen; Zarrenthin andererseits verhielt sich äußerst konziliant, ja Katharina schien es mitunter, er habe beständig Sorge, die Gäste aus Versehen zu verstimmen oder ihre gute Laune zu trüben, was selbstverständlich nicht der Fall war. Er war unsagbar glücklich darüber, mit Menschen reden zu können, und zwar über Themen, die sozusagen auch nur hier, in seinem Domizil, in seiner Klause ihren wahren Daseinsort hatten, und viele davon auch ihren Ursprung. Dorothea erzählte einmal, wie oft er, Anton Alexander, wenn wochenlang kein Besuch kam, von höchster Unruhe erfasst würde, die sich mit Niedergeschlagenheit abwechselt, wenn er dann wie ein rastloser Fremdling durchs Haus und um das Haus herum, durch den Garten, durchs Dorf schreitet, gar über die Felder läuft, und es sogar schon passiert wäre, dass ihn der Forstbediente Istleb aufgelesen und heimgebracht habe.

Zarrenthin war ein treusorgender Familienvater und guter, ehrlicher Ehemann, aber er war ein Dichter, und wie jeder Dichter hatte er das drängende Bedürfnis nach Gespräch, im Gespräch seinen Gedanken freien Lauf zu lassen, sie in Worte gekleidet auszusenden, loszuschicken wie Kuriere, damit sie mit den Worten und Gedanken der anderen in Berührung kommen, in Verbindung treten, sich mit ihnen messen, sich an ihnen bilden, ihnen trotzen oder sie ablehnen würden, oder was es sonst an tausend Arten gibt, wie die Gedanken der Menschen miteinander umgehen.

Wenn ihm das nicht möglich war, dann beschlich ihn manchmal das Gefühl, es sei vielleicht ein Fehler gewesen, das abgelegene Hermannstedt zum Wohnsitz zu wählen, und das zu einem Zeitpunkt, wo er auf der Höhe seines Ruhmes stand. Oder dass es vielleicht jetzt soweit wäre, diesen Ort wieder zu verlassen und nach Weimar, nach Jena, selbst in das etwas andersartige, weil von preussischer Art geprägte Erfurt zu ziehen, was er leicht, ja mit erschreckend wenig Aufwand hätte tun können. Und es wäre sicher für die Kinder vorteilhaft, von denen zwei Töchter und ein Junge in das Alter kamen, in dem man ihnen eine solide Ausbildung angedeihen lassen sollte.

Bei diesem Gedanken verspürte Zarrenthin jedesmal einen Stich im Herzen, denn er hatte es nicht verwunden, dass Joachim, der älteste Sohn, der Erstgeborene, damals Hermannstedt über Nacht verlassen hatte, von hier und aus dem Elternhaus geflohen war und sage und schreibe zwei lange Jahre nicht die geringste Nachricht von sich gegeben hatte. Das hatte den Alten tief getroffen und alles gute Zureden der stets vom Glück ihres Sohnes überzeugten Mutter hatte ihn nicht besänftigt. Noch heute kam es ihm manchmal so vor, als ob Joachim, selbst wenn er leibhaftig vor ihm stand, verschollen war, ein Mensch, über dessen Schicksal er sich ein Leben grämen musste.

Sophie hatte die anderen "vorgewarnt", wie sie sagte, sie sollten auf die lange und vielleicht auch schwierige Unterhaltung mit Zarrenthin gefasst sein, aber man könne, fügte sie wie erleichtert hinzu, von ihm jederzeit etwas lernen, und sei es auch nur, angesichts seiner Gelehrtheit und schier unerschöpflichen Phantasie es mit dem eigenen Nachsinnen und mit der Beanspruchung der Geisteskräfte lieber nicht zu übertreiben.

Katharina konnte mit diesem Rat nicht viel anfangen, und es war Gunda, die nur zu ihr sagte, Sophie wollte wahrscheinlich Zarrenthin und seine klugen Gedanken nur für sich allein haben, wenn sie schon seine Bücher mit anderen, "wildfremden" Menschen teilen müsste. Katharina war ein bisschen verblüfft über diese Vermutung, war sie doch für Gunda eher untypisch. Aber andererseits konnte sie, so sehr sie anfangs auch darauf achtete, nicht die geringste Rivalität oder auch nur Neid zwischen Sophie und Gunda erkennen, und das schien ihr dafür zu sprechen, dass Gundas Überlegungen zumindest vorurteilsfrei waren; und ein Urteil, das ohne jeden heimlichen Groll entstanden war, hatte meistens mehr als nur ein Fünkchen Wahrheit in sich.

Anton Alexander sprach von jener Leere in der Seele des Künstlers, so wie er es in seinem Studierzimmer, sozusagen ins Unreine, vor der Ankunft der Gäste geübt hatte. Henry, der ihm wie die anderen sehr aufmerksam zuhörte, meinte, etwas Widersprüchliches in Zarrenthins Äußerungen zu sehen. "Das was Sie sagen, entspricht anscheinend gar nicht Ihrer großen Meisterschaft. Ich kann in Ihren Werken keine solche Leere erkennen, im Gegenteil, sie sind voll von unerhörten Ereignissen und bunten Gestalten, die man leibhaftig vor sich zu sehen glaubt. Im Übrigen zeigt doch schon der äußere Umfang auch nur Ihrer erstrangigen Romane, dass Sie eher mit der Fülle des Stoffes zu kämpfen haben als mit seinem Mangel. Allein 'Leander und Melite' hat wenn ich mich recht besinne, vier Bände." Zarrenthin neigte gefällig den Kopf und sah zu Sophie hin, als hätte sie gerade die beiden Namen des Titels ausgesprochen. "Und ein fünfter steht kurz vor dem Abschluss", sagte er mit unterdrücktem Stolz. Sophie hatte die ganze Zeit geschwiegen und Zarrenthins Antlitz mit der hohen steilen Stirn, der geraden Nase und dem wuchtigen Kinn betrachtet.

Wenn er zuhörte, womit er allerdings in Gesellschaft nicht eben häufig sich begnügte, dann hatte sein schön geschwungener Mund etwas gleichmäßig Ruhendes und verriet doch die kraftvolle, ja gefährliche Wirkung, wenn er nur in Aktion trete. Die Lucius hatte vor Zeiten, als zwischen ihr und Zarrenthin eine Jugendliebe sich entspann, einmal geschrieben, sein Mund habe die Form des Bogens des Achilleus, wenn er in der Pause des Kampfes beiseite gelegt wäre und seines Dienstes harrte. Das war, wenn auch vielleicht etwas bemüht, doch anschaulich, zumal Zarrenthin selbst im Geiste in der versunkenen Welt der antiken Helden lebte.

Was die Lucius nicht gesehen hatte oder nicht sehen wollte, oder was womöglich damals noch nicht zu sehen war, das war jener feine Zug der Kaltblütigkeit, der jetzt um seine Lippen spielte, ein Ausdruck, der ebensowenig archaisch wie angekünstelt war, sondern sich vielmehr während eines angestrengten Lebens in dem ansonsten wahrhaft heldischen Gesicht festgesetzt hatte, möglicherweise gegen den Willen seines Trägers. Henry fiel dieser kleine Makel in der so großzügigen und gütigen Erscheinung des Mannes eher unbewusst auf, denn in solcherart physiognomischer Erkenntnis hatte er einen Instinkt. Zarrenthin hatte seine Freunde kürzlich damit überrascht, dass er gelegentlich einer Kritik über einen jüngst erschienen Roman auf deren harmlosen Spott unverhältnismäßig grob, ja unsachlich und ausfällig reagierte, wie ein Waldgott im plötzlichen Affekt auf das Gelichter dreinschlägt, das ihn permanent neckt und ärgert.

Auch hier, in der trauten Hermannstedter Runde, hatte zum Beispiel Katharina mitunter die Befürchtung, dass es gleich aus ihm hervorbrechen würde; aber was das genau war, das in ihm brannte und zehrte, konnte sie nicht feststellen, jedenfalls die mysteriöse Leere, von der er sprach, mochte es wirklich nicht sein. Nur Sophie war, wohl ganz wie einst ihre Großmutter, in seinen Bann gezogen und es schien, als würde sie mit jeder Stunde, die sie in seiner Nähe verbrachte, immer deutlichere Anzeichen dafür spüren, dass er im Besitz eines zauberhaften Schlüssels war, der den Zugang zum weiblichen Herzen öffnete, den sie selbst für ihr eigenes oft so verzweifelt suchte.

Zarrenthin sagte: "Die Menge dessen, was man schreibt, sagt nichts aus über seine Bedeutung, und wie oft müssen wir am Ende auch nur eines Briefes, den wir für eine geliebte Person verfassen, schmerzlich erkennen, dass die Flut der Worte, sozusagen hingerissen in ihrem sich überstürzenden Lauf, den wahren Sinn überdeckt. Ein Gedanke, erst recht ein Gefühl, kann sich in einem Satz offenbaren, aber schon der zweite Satz kann es wieder zunichte machen. Von da her rührt die große Kunst des Dichters, der in wenigen Worten den ganzen Kosmos heraufbeschwört, nicht bloß wie er ist, sondern sogar wie er geschaffen wird. Nun ja, das ist selten. Wir sind Arbeiter, wie ich schon sagte, unsere Arbeit ist mühselig und meistens bleibt sie nur ein Fragment.

Wollen Sie wissen, weshalb ich nach dem ersten Teil von 'Leander und Melite' einen zweiten geschrieben habe, und diesem einen dritten und vierten folgen ließ? Das ist ganz einfach zu erklären. Weil ich jedesmal den Versuch unternahm, etwas zu beschreiben, dessen ganzes Ausmaß erst nach und nach deutlich wurde. Die einfachste Geschichte ist unermesslich kompliziert und verzweigt, sobald sie nur anfängt, und an einem gewissen Punkt kann man nicht weiterschreiten, ohne alles bereits Gesagte anders und neu zu formulieren oder es wenigstens in einem anderen Licht, in anderen Farben erscheinen zu lassen. Denn es beginnt zu existieren, sogar zu leben und zu wachsen, wie ein liebes Kind. Dann versucht man es mit der besten Absicht zu bilden, und das ist der Fehler. Man möchte etwas entstehen sehen, von dem man einen Begriff hat, aber in der Kunst gibt es keine Begriffe, sowenig wie es eine Theorie gibt. Mit Theorie an die Kunst heranzugehen heißt, ihr schon im Entstehen den Lebensatem abzuwürgen. Deshalb, und weil es aus einer Erzählung keinen Weg zurück gibt, muss man aufhören und wieder von vorn beginnen."

"Eine wahre Sysiphosarbeit ist das", meinte Henry. "Ja so ähnlich", bestätigte Zarrentin, dem das zweifellos auch schon eingefallen war. "Bei mir ist es so: Ich steige einen mächtigen Berg hinauf und trete dabei einen Stein los, der nach unten rollt. Irgendwann erkenne ich, dass es unmöglich ist, den Gipfel zu erreichen. Erschöpft und enttäuscht kehre ich um, und wieder unten angekommen, finde ich den Stein, und das ist alles, was ich über diesen Berg erzählen kann." "Jetzt weiß ich, warum Götte so leidenschaftlich Steine sammelt", sagte Gunda und die anderen lachten.

Die Gespräche, die sich, im Wechsel mit den Spaziergängen, oft an die gemeinsamen Mahlzeiten anschlossen, die aber auch, wenn die Hitze des Tages ganz allmählich nachließ, dann vornehmlich in einer Sitzecke an der Seite des Hauses, wo fast immer ein mildes Lüftchen wehte, die späten Nachmittagsstunden ausfüllten, waren für alle sehr erquicklich. Es gab kaum ein Thema, das unberührt blieb, eines ergab sich aus dem anderen, und es schien, je mehr man über etwas redete, umso mehr blieb noch zu sagen übrig.

Natürlich ging es auch um die Weiblichkeit, die Frauen und alles, was damit zusammenhing und das war in der Tat alles. Hier wollte Zarrenthin des Öfteren sein Licht unter den Scheffel stellen, allerdings war das gepaart mit einer subtilen Eitelkeit, die nicht jedermann auf Anhieb durchschaute. Wiederum war es Henry, der Zarrenthin bei den von ihm selber eingeräumten Mängeln seiner Darstellung in Schutz nahm. "Ich denke da an die Gestalt der Aphrodite in Ihrem Roman Urteil des Paris, ja überhaupt an die Frauengestalten darin, wie treffend sind sie in ihrem ganz eigenen Charakter dargestellt. Nun, freilich kann ich mir in diesen Belangen kein Urteil erlauben, schließlich ist das Kaufmannsgewerbe erfüllt von einem wenig ästhetischen Merkantilismus."

Zarrentin warf lachend ein: "Nun, dann trifft ein schlechter Künstler auf einen schlechten Kritiker, damit gleichen sich doch Wert und Urteil an, und das Publikum hat keine Wahl." "Das Künstlerische will ich lieber beiseite lassen. Doch mir scheint, dass Sie es immer verstanden haben, sich in die Personen, die sie schufen, hineinzuversetzen, und das mit solcher Abwechslung und Varietät, dass es erstaunen muss, woher Sie die vielen Vorbilder nehmen." "Oh danke, ich meine, dass in dieser Hinsicht auch die Expertise eines Kaufmanns gilt. Dennoch will ich nicht verhehlen, dass mir an der Meinung der Damen (dabei schaute er ebenjene wie mit einem aufgefächerten Blick an) naturgemäß noch mehr gelegen ist."

Da keine von ihnen etwas sagen wollte, und Zarrenthin mit seiner Rede auch noch nicht zu Ende war, fuhr er fort: "Wahrscheinlich sind Sie noch nicht soweit, mir einen Widerpart zu liefern; aber nur Mut, schließlich gilt es, Ihre Ehre zu verteidigen. Nun lieber Henry, was die Aphrodite betrifft, die Sie als ein Beispiel nannten, so gehört nicht eigentlich viel dazu, ihr ein inneres und äußeres Wesen anzudichten, denn sie ist so oft und vortrefflich beschrieben worden, dass inzwischen allein schon ihre bloße Erwähnung genügt, um sie in ganzer Gestalt erscheinen zu lassen. Ist es nicht verwunderlich, dass sich jeder bei ihrem Namen eine lebendige Vorstellung von ihr machen kann, während man etwa bei einer Helena schon seine Schwierigkeiten bekommt." "Dafür ist sie auch eine Göttin, und Göttinnen sind ebenso vollkommen wie unnahbar." "Vollkommen ja, aber wieso unnahbar? Würde ich denn sonst versuchen, die Kraft meiner Feder an ihr wirken zu lassen?"

Sophie versagte sich eine ironische Bemerkung und meinte "Sie sind unnahbar in dem Sinne, dass man niemals hinter die Beweggründe ihres Denkens und Handelns kommen kann." "Wäre es anmaßend zu sagen, dass dies bei jeder Frau der Fall ist?" sagte Katharina. Zarrenthin, der sofort bemerkte, dass ihm das Steuer des Gesprächs aus der Hand genommen werden könnte, rief "Bravo Katharina, eben das macht mir jede Frauengestalt so wert und geheimnisvoll." Henry, ermutigt durch Sophies kurze Erklärung, ließ sich nicht beirren. "Wenn es eine solche Übereinstimmung gibt, und ich will das nicht in Abrede stellen, dann folgt daraus nur, dass es sich bei einer Frau genauso verhält wie bei einer Göttin, aber nicht umgekehrt. Ich behaupte, man kann ihrer beider tiefstes Wesen nicht ergründen, solange man sie in der realen Welt wandeln lässt, und sei diese Welt noch so idealisch und seien sie darin noch so fremd. Denn es fehlt ihnen, der Göttin wie der Frau, etwas, das seit jeher und höchstwahrscheinlich für ewig den Stoff liefert für jede Poesie: das Schicksal."

Zarrenthin lachte aus vollem Halse, Gunda schaute verständnislos, Sophie schüttelte zögernd den Kopf und Katharina sah Henry an, als würde sie eine seiner tiefsten Überzeugungen heraushören. "Sie meinen also, Frauen haben kein Schicksal?" fragte Zarrenthin. "Jedenfalls keines, das wir begreifen oder deuten könnten." "Ja, ihr könnt es nicht begreifen", sagte Gunda mit einem gewissen Eifer in der Stimme, "Ihr seid Männer, Tatmenschen, Helden, die siegen oder besiegt werden, überwinden oder überwunden werden, vom Schicksal auf unbekannte Meere verschlagen und an ferne Küsten geworfen." Ihre Worte klangen entschlossen und die anderen hörten sie mit Staunen. "Ihr glaubt, das rastlose Leben gehöre zu euerm Wesen wie ... wie die Zeit zur Uhr und nennt es Schicksal. Dabei verwechselt ihr bloß Schicksal mit Abenteuer, denn das sind die Helden doch am Ende oder am Anfang, wie man will, verirrte Abenteurer, die nicht mehr nach Hause finden, nicht mehr zurück finden zu der Frauen Schoß, wohin sie sich so sehr sehnen."

Gunda war zittrig geworden, doch sie fühlte sich gut dabei, so gewichtige Worte loszuwerden. Henry sah sie milde an. "Du sprichst mir aus der Seele." "Ja, nun gib' nur klein bei", entgegnete sie. Zarrenthin, der noch immer daran dachte, dass Henrys Behauptung der Stein des Anstoßes war, sagte "Mit Ihren kühnen Gedanken, Henry, hätten Sie wohl selbst zum Poeten werden können." So spontan wie sich die Unterhaltungen ergaben und manchmal aus einer hingeworfenen Bemerkung entstanden, aus einem geringfügigen Wortwechsel zwischen zwei der Anwesenden, zu denen sich die anderen hinzugesellten, so unvermittelt konnten sie auch enden, plötzlich abbrechen oder in einer langen Pause, in der man noch eine Weile nach einer Fortsetzung suchte ohne sie zu finden, sich verflüchtigen.

Castor hatte den ganzen Morgen gebellt. Andreas, der Knecht, hatte ihn mit Sophies Einwilligung über Nacht in den Schuppen am Eingang des Gemüsegartens gesteckt, was ihm offenbar nicht behagte. Sophie duldete natürlich auf keinen Fall, dass er an die Leine genommen oder ganz und gar angekettet würde, und es stand ihm frei, ob er im Haus schlief oder draußen blieb, wo es auch nachts angenehm warm war. Nur bei den kurzen, heftigen Regenschauern und bei den wenigen Gewittern, die vorbeizogen, verkroch er sich unter eine Gartenbank aus grob geschnittenem Holz, die ungenutzt an der Hauswand stand. Aber wie sich herausstellte, machten ein paar Dorfköter die Gegend unsicher, sobald es dunkel wurde, und eines Morgens hatte Castor eine blutige Schramme am Kopf, worüber Sophie den ganzen Tag nicht mehr hinwegkam. Andreas meinte zwar, das sähe eher nach dem Hieb eines Katers aus, und er hatte da auch schon einen im Verdacht, aber das war Sophie egal, Castor musste auf jeden Fall vor den halbwilden Kreaturen beschützt werden.

Drinnen wollte er aber nicht bleiben und kratzte unentwegt an der großen Tür im Frühstückszimmer und jaulte dabei. So wurde Andreas beauftragt, eine Lösung zu finden und kam auf den Schuppen, der aber wiederum nur ein winziges Fenster hatte, das zudem auch noch durch einen Weinstock, der sich an der Bretterwand emporrankte, verdeckt war. In dem Verschlag hatte er es wohl mit der Angst bekommen, und gleich am frühen Morgen holte ihn Sophie wieder heraus. Andreas wusste sich nicht weiter zu helfen, bis ihm einfiel, dass auf der anderen Seite bei den alten Ställen noch so etwas wie ein Zwinger stand, der zwar total mit Holzabfällen verstellt, aber doch ziemlich geräumig war. Außerdem bot er nach vorn und hinten freie Sicht. Darin hauste einst, noch vor Zarrenthins Zeit, der Wachhund des Gutsbesitzers, an den sich nur Wenige noch erinnerten.

Den ganzen Vormittag lang, während Sophie mit dem Hund durch die Felder streifte, beseitigten Andreas und ein Gehilfe aus dem Dorf das Gerümpel, das nicht zuletzt dafür gesorgt hatte, dass der Lattenzaun des Zwingers geschützt und in beinahe tadellosem Zustand geblieben war. Es gab darin sogar eine richtige Hundehütte, an die sich Castor dann aber erst gewöhnen musste, denn es dauerte einige Zeit, bis er völlig sicher war, dass sie leerstand und ein Bewohner nicht etwa bloß abwesend war. So erschien Sophie nicht zum Frühstück, und Gunda war ausnahmsweise zeitig dran, weil nicht einmal das Federkopfkissen, das ihr Dorothea (übrigens als einzigem Gast) gegeben hatte, ihre Ohren vor Castors Gekläffe verschließen half. Es war das einzige Mal, dass sie etwas Abfälliges über das Tier sagte, und das auch nur in Sophies Abwesenheit.

Zarrenthin wartete auf die Post, und weil an diesem Tag auch die Sendungen von Frankfurt her kamen, blieb auch Katharina noch eine Weile in Zarrenthins Arbeitszimmer sitzen. Desgleichen Henry, der entsprechend seinem Interesse für Lokalzeitungen den "Weimarischen Anzeiger" zum Lesen mit in den Garten nehmen wollte. Doch die Post verspätete sich, und als Andreas vermeldete, der Hundezwinger sei vorzüglich hergerichtet und er halte dafür, dass man Castor schon mal an sein neues Heim gewöhnen solle, sagte Gunda, sie werde Hund und Herrin Bescheid geben. Katharina, der es drinnen zu langweilig wurde und die Zarrenthins Ausführungen über die Feldwirtschaft nur recht unbeteiligt folgte, schloss sich Gunda an, und die beiden gingen Arm in Arm auf dem Weg in Richtung Brücke davon.

Katharina, die es gewohnt war, gegen sechs Uhr aufzustehen, machte morgens meist einen kleinen Spaziergang, um dann rechtzeitig zum Frühstück wieder da zu sein. Zarrenthin hatte zwar die Wünsche seiner Gäste betreffs der Tischzeiten erfragt, allein, es zeigte sich, dass die Gewohnheiten inzwischen derart divergierten, dass er kurzerhand Zeiten festlegte, die einigermaßen in der Mitte lagen. Allerdings wurde das doch nur zum Frühstück beibehalten, wo man sich dann für die anderen Mahlzeiten spontan einigte. Katharina waren solche Kleinigkeiten egal, sie richtete sich auch ohne weiteres nach den anderen. Außerdem ergab es sich, dass die Tage in Hermannstedt in überraschender Weise von unvorhersehbaren und zufälligen Ereignissen bestimmt wurden und so etwas wie ein Plan oder Vorhaben fast jedesmal hinfällig wurde.

Auch wünschte sich, Zarrenthin und die Lucius vielleicht ausgenommen, niemand einen solchen Plan. Man wollte in den Tag hineinleben, den Sommer, die Landschaft, die Ruhe und die Gesellschaft der anderen genießen. Man hatte oft nicht einmal Lust auf größere Ausflüge oder spektakuläre Veranstaltungen. Zarrenthin und die Lucius fuhren zwei oder dreimal nach Weimar, und niemand wollte mit, ja man fragte nicht einmal, was sie vorhätten. Gunda, die ohnehin nicht auf die Zeit achtete und entweder erst später oder viel zu früh am Frühstückstisch erschien, hatte gleich am zweiten Tag gesagt "Ah, es ist wunderbar, hier kann man richtig schön faul sein." Dabei streckte sie sich wohlig und gab ihre schöne Figur zum Besten. Später sagte sie, sie gehe jetzt "faulenzen", und dieses Wort wurde zur Parole erkoren, aus Hermannstedt wurde Faulenzenburg, welchen Namen Zarrenthin fürchterlich fand und sagte, da wollte er keinesfalls der Hausvater sein.

Eigentlich waren es Gunda, Henry und Katharina, die mit ihrer Ankunft solchen Müßiggang zu ihrem Tageszweck erklärt hatten, aber weder Sophie noch auch Elisabeth Lucius hatten dem etwas entgegenzuhalten. Gerade auch Sophie gefiel das, und sie war erfreut darüber, einige Gesinnungsgenossen zu haben, die ihr, so paradox das klang, auf diese Weise die Zeit verkürzten, bis Joachim eintreffen sollte, auf den sie, ohne das laut auszusprechen, mit Ungeduld wartete. Die gebremste Aktivität der anderen dämpfte ihre eigene innere Unruhe. Sophie war hierher gekommen, weil sie auf der Flucht vor den immer unerträglicher werdenden Querelen ihres Lebens war, und weil Zarrenthin, der inzwischen teils durch andere teils von ihr selbst ziemlich gut darüber unterrichtet war, ihr dieses Refugium angeboten hatte. (Zarrenthin hatte es tatsächlich mit dem Namen Hermantinum geweiht.)

Schon nach wenigen Tagen merkte sie, dass die Stille des Ortes nicht bis in ihr Herz hinein reichte und sie die quälenden Gedanken nicht einfach abschütteln konnte, wie sie es gehofft hatte. Zu viele angehäufte Ungewissheiten und aufgeschobene Entscheidungen, innerliche wie äußere, drückten sie und machten ihr alsbald bewusst, dass sie davor bloß ausreißen wollte, sich jedoch nur selbst getäuscht hatte. Dennoch hielt sie auch weiterhin an der Täuschung fest. Und seit die drei von Frankfurt her ankamen, wurde sie aufs beste von ihnen abgelenkt. Es schien, dass gerade die scheinbar naive, ja verspielte Gelassenheit, die vor allem Gunda, aber auch Henry an den Tag legten, ihr Gemüt, das wie im Dunkeln so sehr nach einem festen Halt suchte, aufhellte. "Ihr seid ein rechtes Paar von zweien, die zusammenpassen", sagte sie zu ihnen, und Gunda und Henry sahen sich erstaunt an. Dann fügte Sophie gar noch hinzu "So etwas findet man sonst nur im Märchen." "Das ist völlig unzutreffend", meinte Gunda zu Henry, und der sagte "Ich glaube auch."

Selbst Zarrenthin hörte von Sophies Bemerkung und sagte, als würde es auf irgendwen zutreffen: "Freilich, sie sind wie Hänsel und Gretel." Die Lucius staunte über den Vergleich, nicht so sehr der Figuren wegen, als vielmehr, dass ausgerechnet Zarrenthin darauf kam. "Mein lieber Anton Alexander, aus Ihrem Munde, der sonst nur das Antikische preist, kommt so etwas UrDeutsches?" Zarrenthin besann sich einen Moment und erwiderte "Sie haben Recht, Elisabeth, ich wundere mich selber ein wenig darüber und jetzt, wo Sie darauf hinweisen, fällt mir ein, dass ich kürzlich, als ich über dem Empedokles saß, mit einem Mal die Feder aus der Hand legte, um beim Johannes Rothe die Geschichte nachzulesen, wie der Landgraf von Thüringen den Pfalzgrafen Friedrich ermordete. Ist das nicht merkwürdig, welche Gedanken in einem schmoren, während man anscheinend mit etwas ganz anderem beschäftigt ist?"

Elisabeth lachte herzlich hierüber und meinte "Aber was ist daran merkwürdiger? Dass Sie sich für die Thüringische Vorzeit interessieren oder für die Schandtat eines alten Ritters?" "Es ist doch nicht ungewöhnlich, an verschiedene Dinge zugleich zu denken, und seien sie auch noch so gegensätzlich", sagte Sophie, die sich offenbar freute, bei der Gelegenheit einmal ihre Ansichten dazu mitteilen zu können. "Ich möchte fast behaupten, dass so etwas bei mir der Normalzustand ist. Es widerspiegelt mein tiefstes Inneres, wenn ich die Geschöpfe meiner Phantasie gleichsam wie die Puppen auf der Bühne erscheinen lasse. Sie begegnen einander, streiten und vertragen sich, oder der eine siegt über den anderen. So fechte ich die Scharmützel in meiner Seele aus", sagte sie mit einem offenen Lächeln.

"Nun ja", wandte Henry ein, "das ist bestimmt hilfreich, aber wenn ich Anton Alexander recht verstanden habe, dann tauchen manchmal aus wer weiß welchen finsteren Winkeln der Seele lebendige Schatten vor unseren Augen auf, die sich leider nicht näher erklären, aber umso schwerer wieder verjagen lassen." Die anderen sahen ihn an, als würden sie solche Erscheinungen in Henrys Wesen kaum vermuten. Sophie, die damit wohl des öfteren zu tun hatte, sagte "Ja, freilich, es gibt solche Winkel, wie Sie sagen, wohin offenbar die Spuren all jener schrecklichen Erlebnisse führen, die man gern vergessen, am liebsten ungeschehen machen möchte." Elisabeth sah sie mitleidig an. "Ach Kind, wahrscheinlich ist deine Seele so groß, dass darin die ganze Welt Platz findet." "Freilich", sagte Sophie fest, "so groß, dass ich mich selbst oft darin verirre."

Mit ihrer Ergänzung wollte sie sich zugleich Elisabeths leicht bedenkliche Feststellung zunutze machen. Und wie jemand, die sich noch intensiver damit beschäftigt, fuhr sie fort: "Aber sagen Sie doch, Henry, sind diese hässlichen Schatten nun ein Teil von uns oder können wir uns von ihnen befreien, ohne Schaden zu nehmen?" "Wenn Sie so fragen, dann unterstellen Sie, dass es eine reine, unschuldige Seele gibt, die frei ist von allem bösen Sinnen und Trachten, frei von dem Übel, wovon uns eigentlich allein unser Gott erlösen könnte." "Ja und, halten Sie das für möglich?" "Ein Mensch ohne Sünde?", warf Zarrenthin ein, "den gab es vielleicht einmal vor der Zeit, bevor ..."

Elisabeth unterbrach ihn. "Bevor ihn das Weib verführt hat, nicht wahr, das wollten Sie doch sagen." "Oh nein, ich wollte sagen, bevor er dem Gott gleichen wollte, denn das war ja der Anstoß. Ich bin der letzte, der einer Frau die Schuld geben würde für die Sünden, die ein Mann begeht. Nicht umsonst lautet das Gebot: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib. Das ist doch wohl ausdrücklich an die Männer gerichtet." "Und Sie meinen, das sei Beweis genug, dass Ehebruch nur von Männern begangen werden kann?" fragte Henry mit leichtem Zweifel. Zarrenthin, der wie es schien, mit seinen Argumenten selbst nicht ganz zufrieden war, wich aus und sagte "Jedenfalls strotzt die Geschichte von solchen Fällen." "Ja, von ehebrechenden Männern und von treu ergebenen Frauen, die betrogen werden", sagte Sophie verächtlich.

"Aber was wollen Sie denn, Sophie", wunderte sich Henry, "haben Sie nicht eben noch die Möglichkeit eines unschuldigen Menschen erwogen? Womöglich gibt es ihn ja nur als Frau." "Als Heilige", meinte Elisabeth. "Als Engel", ergänzte Katharina. Sophie ereiferte sich weiter und sagte "Mir kommt es vor, als würde dieses Gebot nur deshalb so drohend über uns verkündet, damit wir ein anderes nicht offen aussprechen können, das uns ebenso zwingt und das da lautet: Sei deinem Manne immer Untertan und füge ihm niemals ein Leid zu." Zarrenthin lehnte sich zurück und verbarg seinen Unmut. "Auch wenn ich meiner Äußerung von eben scheinbar widerspreche, Ehebruch ist nicht das einzige Verbrechen, und es bleiben noch eine ansehnliche Reihe anderer übrig, die Frauen an Männern verüben können, und auch dafür gibt es genug Beispiele, klassische Beispiele, zeitlos."

Henry schüttelte den Kopf. "Das kann ich schwerlich gelten lassen. Wenn Sie eine Klytaimestra meinen oder eine Penthesilea, dann hatten diese Frauen doch immer ein Motiv für ihr furchtbares Handeln und man kann es, bei aller Schande über ihr Handeln und bei allem Mitleid für ihre Opfer, nachvollziehen, ich sage nachvollziehen, nicht billigen. Was die Männer betrifft, so handeln sie sehr oft geradezu blindlings, besinnungslos, ihr einziges Motiv scheint ihre rohe Männlichkeit zu sein." Er schaute wieder Sophie an und fügte hinzu "Ja, höchstwahrscheinlich sind es die Männer, die den Frauen die Wurzel des Übels einpflanzen, mit dem gebieterischen Willen, dass daraus die Sünde erwachse."

"Ach, das ist nicht schön", sagte Elisabeth, "Sie tun sich Unrecht, Henry." "Wer weiß, Selbsterkenntnis führt zur Reue, Reue führt zur Buße, und die Buße ist der erste Schritt zum Wandel des Menschen." Zarrenthin schien damit zufrieden und sagte "Also, liebe Sophie, wenn Sie wieder einmal in traurigen Stunden von den dunklen Gestalten heimgesucht werden, dann jagen Sie sie nicht weg, sondern ergründen ihre Herkunft. Wenn sie erst einmal erkannt worden sind, lösen sie sich oft in Wohlgefallen auf." Sophie wollte ihm klarmachen, dass es in der Seele einer Frau nicht zugehe wie auf einem Karneval, aber er sagte in altväterlichem Ton, in den sich eine Spur von Geständnis mischte "Denn es ist ein Gesetz, dem jeder unselige Geist gehorcht: nenne mich bei meinem wahren Namen und ich muss weichen."


Ist der Hausherr etwa ein ruheloser Geist aus dem Jenseits ? Humbug !


Elisabeth, die Sophies innere Erregung deutlich wahrnahm, lockerte das etwas anstrengende Gespräch wieder auf und kam auf Zarrenthins ritterliche Episode zurück, ohne zu ahnen, dass es nur wieder zum Thema führen könnte. "Was hatte es denn nun eigentlich mit jenem Streit zwischen den Grafen auf sich, der Ihnen so plötzlich eingefallen war?" Er lächelte und sagte "Ach so, ja, ich kann die Geschichte kurz erzählen. Der Landgraf von Thüringen, Ludwig der Springer genannt, hatte sich in die Adelheid, das Weib des Pfalzgrafen verliebt, und ..." Katharina schlug die Hände überm Kopf zusammen. "Oh nein, das hatten wir doch gerade."

"Nun, lassen Sie uns einfach davon absehen, denn es ist bemerkenswert, unter welchen Umständen den Pfalzgrafen das Schicksal ereilte, er lag nämlich gerade in der Badewanne. Und draußen vor der Burg lärmte Ludwig und jagte das Wild auf des Pfalzgrafen eigenem Land und drehte ihm dabei eine Nase. Das brachte ihn zur Weißglut und er sprang aus der Wanne, warf sich einen Mantel über und setzte dem Frechling nach, völlig unbewaffnet natürlich. Er war stark und rechnete vielleicht mit einer handfesten Schlägerei, wie sie unter Männern bei einem solchen Treffen üblich ist. Womit er nicht rechnete war, dass Ludwig dem Wehrlosen die Lanze, die bei dem Chronisten übrigens 'glefin' genannt wird, in die Brust stieß." Die letztgesagten Worte untermalte Zarrenthin mit einer Geste, indem er über den Frühstückstisch hinweg zu Henry den rechten Arm ausstreckte.

"Was für ein feiger Kerl", erboste sich die Lucius. "Ich glaube", meinte er, als seien die ethischen Belange der Geschichte eher nachrangig, "der Rothe hätte ihn am liebsten gänzlich nackend aufs Pferd springen und seinen Widersacher verfolgen lassen, wenn es nicht der Anstand verboten hätte." Zarrenthin lachte bei dieser Vorstellung aus vollem Halse. "Ein betrogener, gedemütigter Pfalzgraf, der splitternackt in seinen Tod reitet, das hat etwas ...", er suchte nach dem treffenden Ausdruck. "Etwas Unwirkliches", sagte Henry. "Etwas Abstoßendes", sagte Katharina, und Sophie meinte "Es ist lächerlich." "Es ist überzeugend", sagte Zarrenthin, als habe er unter allen Varianten diese für die beste befunden.

"Schon oft habe ich mich gefragt, warum die Helden nicht auch nackt sterben, dann und wann wenigstens. Scheuen sich die Dichter davor, weil sie befürchten, es könne der Würde schaden? Sie sind doch auch nackt geboren worden, warum dann am anderen Ende diese Verhüllung?" "Die Scham gebietet es", sagte Elisabeth ehrfürchtig, und Henry meinte "Es ist unglaubwürdig, man stirbt nicht nackt, es sei denn, man wird zuvor gewaltsam seiner Kleider beraubt. Und das ist wohl die tiefste Erniedrigung, die ein Mensch erfahren kann. Nicht einmal dem gemeinsten Verbrecher, der öffentlich seine Strafe empfängt, wird das letzte Hemd verweigert."

Zarrenthin musste einsehen, dass er mit seiner Darstellung den Geschmack nicht treffen konnte. Katharina, die auf einmal ein Bild vor Augen hatte, das ihr sehr komisch vorkam, sagte "Und das ist Ihnen in den Sinn gekommen, als Sie über dem Homer saßen?" "Es war der Empedokles, aber sei's drum. Ich habe selber lange darüber gerätselt, warum es ausgerechnet diese Geschichte war." "Wegen der Badewanne", sagte Sophie spitz. "Ach deswegen, ich muss mich doch nicht mehr verstellen, in meinem Alter. Und wenn das der Hauptgedanke gewesen wäre, dann wäre es, dessen bin ich ziemlich sicher, nicht das Bad des Pfalzgrafen gewesen, sondern eher das der Susanna. Sie werden möglicherweise enttäuscht sein, aber ich weiß, welches der Anlass war, die Stelle im Buch nachzuschlagen, er ist banal, ich wusste nämlich nicht mehr genau, wie der Ort geschrieben wird, wo des Pfalzgrafen Burg stand, er hieß Zscheiplitz." "Zscheiplitz", wiederholte Katharina und zischte dabei wie eine Schlange, "Merkwürdiger Name für eine Grafenburg."

Der Lucius fiel plötzlich etwas ein. "Gibt es nicht auch einen Ort, der Zarrenthin heißt?" Alle lachten. "Moment mal", fuhr sie fort, "das fängt auch mit Z an, Zscheiplitz Zarrenthin, das ist es, lieber Alexander, die Ähnlichkeit des Anlauts, Sie haben, ohne sich freilich dessen bewusst zu sein, in Gedanken eine Verbindung geknüpft von Ihrem Namen zu dem Tatort." Bei diesem Wort stockte sie, spann aber den Faden geschickt weiter. "Ist Ihnen klar, dass wahrscheinlich zwischen Ihnen und dieser Begebenheit ein geheimnisvoller Zusammenhang besteht?" Zarrenthin machte eine abwehrende, doch schlaffe Handbewegung und Elisabeth sagte "Orte, Namen, Personen, Taten durch die Zeit miteinander verwoben. Ja, haben Sie nicht eben selbst gesagt, dass man etwas vergessen machen kann, wenn man es bei seinem wahren Namen nennt? Nun, in diesem Fall waren Sie vielleicht einem Teil Ihrer selbst auf der Spur, ein stark verblichener Teil, und eine Spur, die weit in die Vergangenheit führt. Sie schöpfen doch auch sonst alles Geschehen aus Ihrem Innern."

"Halt, halt", rief Zarrenthin im Ton ironischer Verteidigung, "Ich möchte darauf hinweisen, dass ich nicht daran glaube, zu irgendeinem, selbst mythologischen Zeitpunkt, Zeuge jener Historie gewesen zu sein. Am Ende will man mir noch unterstellen, ich hätte als ein Früherer den armen Pfalzgrafen umgebracht, und Anton Alexander Zarrenthin wäre in Wahrheit ein Wiedergänger seines Mörders." Katharina lachte bei diesen Worten, aber unversehens lief ein Frösteln über ihren Rücken. Die Lucius entgegnete ihm ebenso ironisch "Und warum liegt Ihnen die Rolle des Mörders näher als die des Opfers? Soviel ich weiß, gibt es ebenso oft Ermordete, die als Geist umherirren, weil sie keine Ruhe finden können. Nun, lieber Alexander (die Lucius hatte als einzige das unausgesprochene Privileg, ihn mit seinem zweiten Vornamen anzureden), Sie seien hiermit von jedem Vorwurf freigesprochen, aber ...", sie wurde von einer kurzen, spaßhaften Beifallsbekundung unterbrochen, "aber, es könnte ja sein, dass der unglückliche Pfalzgraf in Ihrem Hause spukt, und er Ihnen in dem Augenblick, den Sie schilderten, sozusagen einen Wink geben wollte, sie mögen sich zu seiner Rettung einmal näher mit seinem Fall befassen."

Wieder musste Zarrenthin lachen. "Verehrteste, ich bin Schriftsteller, kein Advokat, und schon gar keiner für Mordfälle." "Das wäre auch nicht nötig. Man kann ein Gespenst wohl ebensowenig in sein Haus einladen, wie es ihm verweigern. Wenn er sich Ihres nun mal ausgesucht hat?" "Genau, Elisabeth hat recht", sagte Katharina und setzte ihre Phantasie in Gang. "Stellen wir uns vor, das Gespenst des Pfalzgrafen ist ein gebildetes Gespenst, es kann sogar lesen." Sie erntete Gelächter, fuhr aber unbeirrt fort. "Es hat auch Ihre Bücher gelesen, Anton Alexander. Ilion in Flammen, die Attischen Nächte, die Hetäre von Sparta, all die schönen Geschichten aus der Welt der alten Griechen, die Sie uns so lebendig nahegebracht haben. Und nach dieser Lektüre war der Pfalzgraf so ergriffen von Ihrer Einfühlsamkeit und überzeugt von Ihrem scharfsichtigen Blick auf alles Gewesene, dass er beschlossen hat, Sie zu seinem Rächer zu machen."

Sie schwieg einen Moment in die von ihr erzeugte Spannung hinein und ließ dann, wie die Ankündigung eines neuen Schauspiels von Schiller, verlauten: "Zarrenthin der Rächer des Pfalzgrafen." "Oh, zuviel der Ehre", wehrte Zarrenthin ab, "Mir ist noch zu gut im Gedächtnis, wie Goethe mich zwischen Herkules und Euripides auf die Bühne setzte." "Nun denn", sagte Henry, "Sie sind im Umgang mit Helden versiert, warum also zur Abwechslung nicht mal ein einheimischer." "Ich besorge bald, je länger ihr diesen Spaß verfolgt, umso mehr Gefallen finde ich an dem Stoff." "Gefallen am Stoff?" rief Katharina, "Sie müssen handeln, Sie müssen die Feder eintauschen gegen das Schwert und altem Unrecht zu Leibe rücken." "Damit hätten Sie vollends aus mir gemacht, als was mich meine Feinde schon längst ansehen, einen Don Quichotte." "Es lebe Don Quichotte!", rief Katharina.

Sophie stand auf und schlenderte zum offenen Fenster, an dem ein leichter Wind die Gardine bewegte. "Wie könnt Ihr bei so einem strahlenden Sommertag von Gespenstern reden", meinte sie, als habe sie plötzlich ein Stimmungswechsel ergriffen. "Sie hat Recht", sagte Henry, "ich werde jetzt jedenfalls nach draußen gehen und unter den Linden auf der Allee wandeln." Die Lucius erhob dagegen Einspruch. "Oh, nein Henry, nicht jetzt. Dorthin begebe ich mich mit Alexander, nicht wahr, mein Lieber, Sie haben es mir versprochen, heute gleich nach dem Frühstück, es gibt nämlich viel zu bereden."

Zarrenthin schaute auf die Uhr und sagte mit gespielter Enttäuschung "Leider ist es nun aber schon fast Mittag." "Keine Ausrede, erwarten Sie mich in zehn Minuten vor der Tür." Henry war darum nicht verstimmt. "Gut, dann gehe ich eben in die andere Richtung. Katharina, Sophie, kommt von euch jemand mit?" "Sophie wollte mir heute die Pferde zeigen", sagte Katharina. "Daraus entnehme ich, dass ich dabei unerwünscht bin, mir scheint, ich habe mich nicht rechtzeitig verabredet", seufzte Henry.

Gunda betrat das Frühstückszimmer, sie hatte gerade ausgeschlafen. Ihr Haar war flüchtig zu einem Zopf geflochten, der an der Seite hochgesteckt war, lose Strähnen fielen ihr ständig ins Gesicht. Sie schickte einen munteren Gruß in die Runde und suchte sich einen Platz mit Blick in den Garten. "Ah, Katharina, ich habe mal dein Kleid angezogen." "Das sehe ich." "Borgst du es mir, nur für heute." Katharina sagte nichts und die andere nahm es als Zustimmung. "Ich habe da noch einen famosen Gehrock aus meiner Butzbacher Zeit", meinte Zarrenthin, "falls Sie für morgen nichts finden zum Anziehen." Gunda hatte vom Brötchen abgebissen und sagte mit vollem Mund "Welche Größe hatten Sie denn damals?" "So um die sieben Ellen? Der Schneider hieß Manteuffel. Aber der Brustumfang ..." "Sie haben noch genau zehn Minuten", sagte die Lucius und verschwand.

Auch die anderen verließen das Zimmer. Henry fragte Gunda, ob sie schon etwas vor hätte. "Wie meinst du das?" fragte sie zurück. "Ob du irgendwohin willst?" "Ach, ich weiß noch nicht. Vielleicht später." Henry ging in den Garten. "Lass die Tür auf", rief sie, "es ist so schön." Sie fand es gemütlich, allein am Tisch zu sitzen. Sie setzte sich seitwärts auf den Stuhl, zog einen zweiten heran und legte die Füße drauf. Sie probierte alle drei Sorten Marmelade erst mit der Messerspitze und legte dann für sich die Reihenfolge fest, in der sie sie nacheinander auf die Brötchen schmierte. Dorothea kam mit einem leeren Tablett herein. "Oh, ich habe gedacht, die wären schon alle ausgeflogen." Gunda nahm schnell die Füße vom Stuhl. "Bleiben Sie nur so sitzen", meinte Dorothea.

Obwohl sie auch bereits im fortgeschrittenen Alter war (tatsächlich sogar drei Jahre älter als Anton Alexander) machte sie stets einen fidelen Eindruck. Sie war nicht dick geworden und ihre Haltung war gerade. Sie hatte sehr gepflegte Hände und nur um Augen und Mund waren einige Fältchen. Sie hatte ein vertrauensseliges, fast kindisches Lächeln, mit dem sie ihre Gesten begleitete. Sie verriet Gunda etwas. "Wissen Sie, manchmal, aber auch nur in der Küche, wenn ich allein bin, setze ich mich auf die Tischkante und trinke eine Tasse Kaffee. Man kann die Beine so schön baumeln lassen."

Gunda lachte. "So wie ein kleines Mädchen?" "Ungefähr. Das ist eine der schönen Seiten am Leben hier in Hermannstedt, man muss nicht so vornehm tun." "Ich dachte, hier gibt es nur schöne Seiten", sagte Gunda und trank ein Glas Milch aus, über ihren Mundwinkeln blieben zwei weiße Flecken zurück. "Hm, eigentlich fast nur, und jetzt im Sommer möchte ich wohl nirgends anderswo wohnen. Die Winter sind manchmal hart, oh ja, sehr hart. Der letzte Winter, Großer Gott, das war bald der schlimmste, den ich erlebt habe. Ich glaube sowieso, die werden mit jedem Jahr strenger, Sie haben da noch Milch am Mund." Gunda wischte mit dem Handrücken darüber.


Mutmaßungen über Sophie


"Das ist Kirschmarmelade", sagte Dorothea und tippte mit dem Finger ans Glas. "Das ist Erdbeere und das ist Schwarze Johannisbeere, da haben wir auch Likör 'von gemacht, das heißt, Charlotte macht das alles, die kennt die besten Rezepte." "Lecker", sagte Gunda und bestrich dick die Brötchenhälfte. "Oh, ist das zuviel?" "I wo, davon haben wir genug Vorrat. Wenn Sie wollen, können Sie mal einen Blick in unsern Keller tun, Sie werden staunen." Gunda spürte, dass Dorothea sie sympathisch fand. "Bei Gelegenheit, ja gerne. Oder zeigen Sie das mal Katharina, in Frankfurt ist so was sündhaft teuer." "Wie das?" "Ich meine nur so. Nein, ich wollte eigentlich damit andeuten, dass das Leben auf dem Land auch seine Vorteile hat, man lebt zum Beispiel hier billiger." Sie verbesserte sich. "Verstehen Sie das jetzt nicht falsch, ich meine ..."

Dorothea stellte das benutzte Geschirr aufs Tablett. "Haben Sie den Käse probiert, der ist auch ausgezeichnet, Ziegenkäse aus Gramsleben." "Ähm nein, ich esse eigentlich nichts von Tieren, außer die Milch, die geben sie sowieso ab.", sagte Gunda. Dorothea verzog das Gesicht. "Warum nicht? Der ist einwandfrei." "Ja, das glaube ich, es ist nur so, die Tiere tun mir irgendwie Leid." Dorothea blickte sie verständnislos an, sagte aber freundlich "Das ist ja komisch." Dann schwieg sie eine Weile. "Und Fleisch essen Sie dann wohl auch nicht?" Gunda schüttelte den Kopf. "So was höre ich ja zum ersten Mal. Wenn ich fragen darf, hat man Sie so erzogen?" "Nein, da bin ich von selber drauf gekommen", erwiderte sie und es klang ein bisschen stolz. "Und wenn Sie mal einen Mann haben, was machen Sie dann?" "Weiß nicht, vielleicht finde ich ja einen, der auch so ist." Dann unterbrach sie sich und fragte "Habe ich Sie jetzt beleidigt wegen dem Käse?" "Ach Gott, Kindchen, nein. Ich möchte nur nicht, dass Sie hier vom Stengel fallen." Das "Kindchen" hatte Gunda wieder überhört. Dann sagte sie "Darf ich Sie was fragen?" "Bitte, nur zu." "Wie denken Sie über Sophie?"

Dorothea antwortete nicht gleich und räumte das Geschirr weiter zusammen. Sie las ein paar Krümel vom Tischtuch und ließ sie auf einen Teller fallen. Dann warf sie einen Blick durch das große Fenster nach draußen. "Ich hoffe, sie fühlt sich hier wohl, wir wünschen es sehr." "Sie glauben also, dass es ihr nicht gut geht?" Es fiel ihr schwer, etwas dazu zu sagen. "Ich kann das nicht beurteilen, wissen Sie, ich bin nicht so einfühlsam wie Anton Alexander, was andere Menschen angeht. Er kann in jemand hineinblicken und Dinge sehen, die niemand sonst sieht. Wenn ich Sophie anschaue, sehe ich eine sehr schöne, junge Frau mit schönen Augen, Engelsaugen mit einem tiefen seelenvollen Blick, wenn ich so sagen darf. Immer ein Lächeln, immer ein liebes Wort für jeden. Manchmal, wenn sie mit ihrem Castor im Park spazierengeht und ab und zu bleibt sie stehen, entdeckt etwas am Wegrand, eine Blume oder hebt einen Stein auf und betrachtet ihn wie einen besonderen Fund oder lauscht den Vöglein, da könnte man glauben, sie sei der glücklichste Mensch auf Erden."

Dorothea merkte, dass sie ihren Gedanken freien Lauf ließ und schwieg. Gunda dachte 'Wie aufmerksam sie ist, vielleicht will sie sich neben Anton Alexander nur nicht hervortun?' "Ich weiß nicht, wie ein solcher Mensch so unglücklich sein kann. Die ganze Welt steht ihr offen, liegt ihr sogar zu Füßen, Sie müssten einmal sehen, wie Anton Alexander vor ihr den Galan spielt, es ist köstlich, so gut war er nicht mal in unseren goldenen Zeiten, oh." Sie hielt sich beschämt die Hand vor den Mund, doch ihre Augen leuchteten freudig. "Das muss sehr schön gewesen sein", sagte Gunda. "Oh, wenn Sie wüssten, Anton Alexander war ..." Sie schwenkte um und wurde wieder ernst. "Sie hat das Leben doch noch vor sich, aber man könnte glauben, dass sie ..." Sie seufzte und schniefte durch die Nase.

"Kannten Sie sie auch schon von früher?" wollte Gunda wissen. "Sophie? Nein. Elisabeth ist ja sozusagen Antons Jugendliebe, aber da war nie etwas Ernstes, sie verstehen was ich meine." Gunda nickte. "Sowieso eine komische Beziehung, wenn Sie mich fragen. Aber Elisabeth hat nie aufgegeben, ist immer dran geblieben." Gunda lachte und angelte sich ein Stückchen von dem Heidelbeerkuchen. "Tante Elisabeths Beziehungen waren immer die reinsten Romane, sie fangen spannend an und dann werden sie schleppend. Und dennoch bringen sie es auf mindestens neunhundert Seiten." "Für Ihr Alter wissen Sie aber gut darüber Bescheid. Nun ja, vor einem Jahr war Sophie zum erstenmal hier." "Sie war hier?" fragte Gunda verwundert. "Ja freilich, hat sie es nicht erzählt?" "Mir nicht." Dorothea schwieg, aber weil Gunda sie weiter ansah, meinte sie "Nun, dann ist es vielleicht besser ..." "Ach, Sie können mir das ruhig sagen, schließlich ist Sophie ja meine Cousine." Dorothea nickte unmerklich.

"Das war, als diese Affäre mit dem Grafen Auerstein anfing." "In Wien, nicht wahr?" sagte Gunda, um zu zeigen, dass sie nicht ganz ahnungslos war. "Ja." "Waren sie etwa beide hier?" Dorothea lachte. "Nein, Gott bewahre." "Wieso sagen Sie das so?" "Nach allem, was ich davon mitbekommen habe, muss es eine sehr, nun ja, stürmische Beziehung gewesen sein, ein Wechselbad der Gefühle, wie man es nennt. Und zwar schließe ich das daraus, dass Sophie ständig und in wachsender Zahl Briefe an Anton Alexander geschickt hatte, in denen sie abwechselnd schrieb, sie werde unverzüglich hierher kommen, sie müsse Wien auf der Stelle verlassen, da sie es nicht eine Stunde länger mehr dort aushalte; und dann, einen Tage später, ihren Besuch wieder aufschob, weil sich angeblich eine neue Situation ergeben hätte, die unbedingt ihre Anwesenheit erfordere. So ging das hin und her, wochenlang."

"Haben Sie die Briefe gelesen." "Nein. Das wäre mir ehrlich gesagt auch zu lästig gewesen, Anton Alexander hat mir immer alles geschildert." "Wie kann man sich das vorstellen?" "Was?" "Diese Situation?" "Oh, da dürfen Sie mich nicht fragen, Liebes, ich habe keine Ahnung, wie es dort in Wien zugeht." "Aber hat Sophie nichts näheres darüber gesagt?" "Nein, das war es ja auch, was die Sache so kompliziert gemacht hat." Sie machte eine Pause und fuhr dann fort "Wissen Sie, Anton Alexander hatte sich sehr gefreut darüber, dass Sophie sich an ihn, an uns, gewandt hatte; er war ziemlich überrascht, wie sie auf einmal in seinem Leben auftauchte, nachdem er so lange immer nur von ihr und über sie gehört hatte; aber er hat sich natürlich gefreut und es schmeichelte ihm wohl auch ein wenig, dass eine so junge Frau seine Nähe sucht.

Nur, es war überaus schwierig, ihr irgendeinen Rat zu geben und dabei selber das Gefühl zu haben, man hatte ihr helfen können. Was soll man denn von hier aus einer Frau raten, die in Österreich mit Personen zu tun hat, von denen man nicht das geringste weiß, in Verhältnissen, die man nicht einmal von außen richtig betrachten kann? Anton Alexander hat sich in Weimar kundig gemacht, ob es Informationen über den Grafen Auerstein gibt. Die einen kannten ihn überhaupt nicht, die anderen verwechselten ihn bloß mit jemandem, und manche wollten wissen, dass er mit den Russen zusammenarbeitet, bezeichneten ihn gar als einen Spion." "Ein Spion? Etwa im Kampf gegen die Franzosen?" "Na, jedenfalls nicht gegen die Türken", erwiderte Dorothea, und Gunda merkte am Ton, dass sie den Auerstein ebenfalls für eine zwielichtige Gestalt hielt.

Gunda ließ sich alles einen Moment lang durch den Kopf gehen. Dorothea sagte dann "Schließlich ist sie doch hergekommen. Dann ist sie wieder abgereist, dann ist sie wiedergekommen. Jetzt ist sie hier. Ich glaube, da in Wien hat sich gar nichts geklärt. Und zudem hat Sophie von hier aus Briefe nach Berlin geschrieben, an diesen Bankier Reitmann." "Riethmann heißt der." "Ja, richtig." "Meine Güte", sagte Gunda. Sie fasste sich an den Bauch, sie merkte, dass sie zuviel gefrühstückt hatte, aber sie sagte "Wenn ich mal im Monat zwei Briefe schreibe, dann ist das schon viel." Dorothea lachte und schaffte das Geschirr in die Küche.




 
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