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Obwohl schon nach sieben, war es noch hell und warm. Bis zum Theater war es nur ein kurzer Weg, und manchmal gingen die Pauquets zu Fuß, aber Katharina fand es diesmal besser zu fahren, sie dachte, wenn die Leute sagten "Madame Pauquet ohne den Herrn Gemahl und ohne Kutsche?" Man sollte ihnen nicht nur gewisse Dinge verschweigen, sondern auch möglichst wenig Anlass zu unnützem Geschwätz geben. Allerdings hatte sie sich ein wenig verrechnet. Christian entschuldigte sie damit, dass er von Wetzlar her unterwegens aufgehalten worden und eben erst zu Hause angekommen sei, mithin den Anfang des Schauspiels versäumen werde, weshalb sie, um ihn über den Gang der Handlung nachträglich in Kenntnis zu setzen, sich "Verstärkung" in Person des Hofmeisters Weickert genommen habe.

Damit war Friedrich kurzerhand vorgestellt, es genügte, dass er bei der Nennung seines Namens sich artig verbeugte. Die Damen, sich mit opulenten Fächern Kühlung verschaffend, waren erst einmal damit beschäftigt, den Sachverhalt zu registrieren. Aber von den Herren meldete sich einer zu Wort, der wusste, dass Wetzlar in diesen Tagen kurz vor der Einnahme durch die Franzosen stünde. "Welchen Igel hat er denn an einem so unsicheren Ort zu bürsten?" wollte man denn auch wissen. "Das fragen Sie ihn am besten selbst", meinte Katharina lächelnd und schützte Unwissenheit vor. Es hatte gerade zum ersten Mal geklingelt und die Gäste versorgten sich noch in aller Ruhe mit Programmheftchen, begrüßten einander förmlich oder winkten sich über die Köpfe hinweg zu.

Einige imposante Herren hielten in kleiner Schar von Zuhörern einführende Vorträge zur Aufführung; man konnte Worte aufschnappen wie: "herzergreifend", "einfühlsam", "bewegende Szenen", "großer Wurf". Junge Damen huschten umher, herzten und küssten die Freundinnen, machten sich mit neuen Kavalieren bekannt oder verabredeten sich schon für das nächste Treffen. Manche weniger flotte Töchter hatten sich zusammengefunden und warfen verstohlene Blicke auf die Offiziere in ihren schneidigen Uniformen. Dann machte das Gerücht die Runde, der Autor des Schauspiels höchstpersönlich sei anwesend, das aber bald dahingehend korrigiert wurde, dass es sich um den Agenten der Alméry handele, einen Wiener Kunstmäzen namens Ignaz Weiblinger. Nach all den zurückliegenden, selbst für die anspruchlosen Gemüter etwas fade gewordenen Theaterstücken, war "Der Opfertod" ein voller Erfolg. Die Gespräche in der Pause wurden schon erwähnt, und es bleibt noch nachzutragen, was dem, wie sich zeigte, doch etwas ungleichen Gästepaar widerfuhr.


Seltsam. Madame Pauquet ohne ihren Gatten, dafür aber in Begleitung ihres Hofmeisters ?


Eppler hatte bereits draußen gewartet, um Madame mitzuteilen, dass Herr Pauquet nicht mehr kommen würde und er, Eppler, nach der Vorstellung mit der Kutsche wieder hier sein werde. Irgendjemand hatte ihn gesehen, und so war es, wie meistens, die Ottilie Bostridge, die auch nach ihrer Heirat mit einem englischen Konsul, der ziemlich öffentlichkeitsscheu und ein erklärter Theaterverächter war, weiterhin eine der größten Klatschbasen auf dem Parkett geblieben war, die Bostridge war es also, die, natürlich vor versammelter Gesellschaft, Katharina mit gespielter Besorgnis fragte, ob es sich der Herr Pauquet doch "anders überlegt" habe. Katharina versicherte gelassen, dass er jeden Moment eintreffen werde.

"Nun, Sie haben ja auch", meinte die Bostridge, "in dem Herrn Hofmeister Wiegand einen patenten Stellvertreter für diesen Abend gefunden." Da erfasste denn Katharina doch eine Welle der Wut, aber sie bezwang sich, und Friedrich sagte mit ebenso gespielter Hochachtung "Wenn Madame Bostridge einmal wieder, wie heute, in Verlegenheit sein sollten, einer Begleitung entbehren zu müssen, würde es mir eine Ehre sein, mich Ihnen anzudienen, ich heiße übrigens nicht Wiegand, sondern Weickert." Das hätte wohl Grund für einen handfesten Eklat gegeben, und man sah, wie die Bostridge schon zum Angriff ansetzte, als sich einer der Herren einmischte und fragte "Weickert ist Ihr Name, sagten Sie?" "Ja, Friedrich Weickert." Der andere fuhr fort "Ich habe kürzlich in Schillers 'Horen' ein Gedicht gelesen von einem Autor dieses Namens, sind Sie das?" "Die Rheinfahrt, ja das ist von mir, Schiller bat mich darum."

Diese letzte Bemerkung, die er natürlich absichtlich hinzugefügt hatte, machte großen Eindruck. Der Herr, der ihn erkannt hatte, war freudig überrascht und fand einige, wie Friedrich dachte, durchaus verständige, lobende Worte. Eine andere, sehr hübsche Dame ermunterte Friedrich, ohne dass sie jenes kannte, doch einmal ein Gedicht über "unseren schönen Main" zu schreiben, woraufhin ein weiterer Herr zu Bedenken gab, man hätte jetzt schon Sommer und ein Gedicht über den Mai wäre obsolet. "Aber ich meine doch den Main", rechtfertigte sich die Hübsche, als ein Klingeln das Ende der Pause anzeigte. Man ging zu den Plätzen, und Friedrich erschrak regelrecht, als Katharina ihn anzischte "Unterstehen Sie sich, Weickert, eine Dame noch einmal auf diese Weise zu brüskieren, wir werden darüber noch zu reden haben!" Als sie saßen, bemerkte er, dass sie innerlich noch heftig aufgewühlt war. Er reichte ihr die Lorgnette, aber sie lehnte schweigend ab. Trotzdem unterdrückte er ein Lächeln.

Als die Gäste das Theater verließen, kam ein Bediensteter auf die beiden zu. Er trug eine zinnoberrote Livree und hielt einen Leuchter in der Hand, dessen Kerzen, obwohl es im Foyer hell genug war, brannten. Er sah aus, als wollte er ihnen den Weg zum Schlafzimmer weisen. "Madame Pauquet", sagte er und wusste offenbar, dass ihr Begleiter der Hauslehrer war, "Die verehrte Alméry lädt Sie noch zu einem Glas Champagner ein." Katharina gab sich sehr gehoben, vergewisserte sich keineswegs erst, ob wirklich sie gemeint sei und erwiderte nur "Vielen Dank, wir nehmen die Einladung gern an." "So folgen Sie mir bitte."

Sie gingen eine Treppe hinauf und sahen, dass noch andere Personen von ebensolchen illuminierten Angestellten hin zur Berühmtheit des Abends geleitet wurden. "Ah, Madame Pauquet", rief Wilhelm Anton Burgdörfer, "gut, dass wir uns noch treffen, sagen Sie doch bitte Ihrem Herrn Gemahl, dass ich morgen ..." Er wurde von einem "Pssst" des Dieners unterbrochen, der die Tür zu dem kleinen Saal öffnete, in dem sich die geladenen Gäste befanden. Katharina flüsterte Friedrich zu "Gehen Sie rasch und sagen Eppler Bescheid, machen Sie schon." Friedrich lief vor das Gebäude, schilderte Eppler kurz die Lage, und dieser sagte nach einigem Nachdenken "Ich werde in einer Stunde wieder hier sein."

Als Friedrich zurückkam, war die Tür zum Saal verschlossen. Er hörte, wie drinnen die Alméry sagte "... und nun darf ich Ihnen noch meinen lieben Freund und Förderer der Musen vorstellen ..." Friedrich eilte ein paar Gänge entlang und probierte an etlichen Türen, wo er glaubte, sie führten hinein, bis er schließlich eine fand, die offen war. Durch sie waren die Getränke und das kalte Büfett hereingebracht worden, hinter dem sich Friedrich jetzt entlang schlich und rasch einen leeren Platz in der Nähe besetzte. Es waren ungefähr fünfzig Leute hier und vorn an einem langen Tisch, auf dem rechts und links am Ende üppige Blumensträuße prangten, saß die Alméry neben Ignaz Weiblinger und beiderseits von ihnen die Darsteller von Maxwell und Malwyn.

Gerade sprach Weiblinger, er saß weit nach hinten gelehnt. Er war sehr dick, hatte ein glänzendes Gesicht mit Augen, die fast in den Wülsten versanken, aus denen aber ein strahlender, beinahe gutmütiger Blick kam. Sein dichtes Haar war rundherum geradlinig geschnitten und erinnerte an die Frisur eines Mönchs. Ein ungeheures Doppelkinn quoll aus dem Kragen, und die Weste spannte so über dem Bauch, dass zwischen den Knöpfen der Stoff auseinander klaffte. "Nu werden's verstehn, warum wir so gern nach Frankfurt kommen. Hab'm mer hier doch a'n treues Publikum, des die Theaterkunst auch zu schätzen weiß. No, der Kotzebue soagt' do letztens zu mir, Ignaz, soagt der, do könnens mir auch sonst in Europa zujubeln wie's wollen, meine besten Freunde sitzen doch do in Frankfurt." Seine Rede wurde von Beifall unterbrochen. "Des is ja auch Wurscht, ob dahier jetzt der Franzos' kommt oder nicht kommt, oder ob er kommt und nicht do bleibt, weil mer ja eh in Deutsch spielen" Es gab Lacher und eine hohe Frauenstimme rief "Wir haben Abonnement." "Na sehen's, des gilt auch in der Republik."

Dann hatte man Gelegenheit, Fragen an die Alméry zu stellen. Sie sah wirklich großartig aus. Sie trug ein Kleid in Schwarz und Weiß und sparsam aufgesetztem Violett. Sie hatte lockiges dunkles Haar, eine wahre Löwenmähne war das, und es war kaum zu glauben, wohin sie es als Arabella nur versteckt haben mochte, denn da war es kurz und glatt gewesen, um den Eindruck der Ärmlichkeit, in die sie geraten war, zu verdeutlichen. Die Damen im Publikum hatten einige Erklärungen dafür parat (unter anderem eine mit Pferdehaar besetzte und übergestülpte Gummihaut), doch wie sie es jetzt, so kurz nach der Bühne, wieder zu solcher Pracht hatte entfalten können, das blieb ihr Geheimnis.

Ihr Gesicht war stark geschminkt und hatte einen sehr verführerischen Ausdruck, und wenn sie lachte, was sie sehr offenherzig und direkt tat, dann blitzten ihre schönen Zähne bis in die letzte Reihe, und jeder wünschte sich, sie auch einmal in einer fröhlichen Rolle zu erleben, wo man ihrer überwältigenden Jugendlichkeit hätte erliegen können. Sie bat darum, nur "wirklich wichtige" Fragen zu stellen, denn sie hoffe auf Verständnis, dass sie sich nach dieser Anstrengung eigentlich erst einmal Ruhe verdient habe. Das wurde ihr mit Beifall quittiert, der wohl auch jene abschrecken sollte, die keine "wirklich wichtigen" Fragen auf der Zunge hatten. Einige gaben zuerst ein Handzeichen, doch die Frau von Westhoven fragte geradeheraus, welche denn bisher ihre liebste Rolle gewesen sei. Die Alméry sagte lachend, dies sei eine sehr schwierige Frage, aber wenn sie es recht bedenke, so sei das doch wohl die Arabella gewesen. Und als die von Westhoven nachfragen wollte, warum, brachten sie einige der anderen Damen zum Schweigen, die es unerhört fanden, dass sie sich nicht gemeldet hatte wie alle, und zudem auch noch eine weitere Frage stellen wollte.

Die von Westhoven redete sich heraus, indem sie sagte, es sei eigentlich eine zweiteilige Frage gewesen, und die dürfe man ja wohl noch stellen, aber es half ihr nichts, denn schon zog eine andere alle Aufmerksamkeit auf sich: Was sie machen würde, wenn sie einmal mittendrin den Text vergäße? Und wieder lachend sagte die Diva, das könne sie nicht beantworten, denn es passiere ihr niemals. "Mit welchen Männerrollen spielen Sie am liebsten zusammen, mit starken Helden oder mit sentimentalen Typen?" fragte ein Herr und erntete ein gemischtes Murmeln, denn einige der Damen fanden die Alternative nicht zwingend. Die Alméry warf einen kurzen Blick auf ihre männlichen Kollegen und sagte dann sehr geschickt "Vielleicht können Sie das selbst beurteilen, je nachdem, wo ich Ihnen besser gefalle. Im übrigen bin ich gegenüber meiner werten Damenschaft in einem großen Nachteil, ich kann mir meine Männer nicht aussuchen." Es folgte langer Beifall, in den einige Herren unerkannt freche Pfiffe einbrachten.

Friedrich stieg der Geruch von sauer eingelegtem Fisch in die Nase, und er betrachtete das kalte Buffett, auf dem allerlei Häppchen mit Schinken, Käse, Ei und anderen Delikatessen in raffinierten Mustern arrangiert und mit exotischen Früchtestückchen garniert waren. Daneben stand eine Batterie leerer Champagnergläser und fast ebensoviele große dunkelgrüne Flaschen mit goldenen Etiketten, deren halb gelockerte Korken vom Drahtgeflecht gehalten wurden. Wie wichtig Erfolg für sie wäre, welche Rolle sie künftig gern einmal spielen würde, was eigentlich mit ihren Kostümen geschehe, wenn das Stück nicht mehr gegeben wird, lauteten weitere Fragen. Zwischendurch wies die Alméry darauf hin, dass natürlich auch die beiden Herren Darsteller für jede Auskunft zur Verfügung stünden, aber diesbezüglich bestand wenig Interesse.

Das Fräulein Salomon, eine sehr junge Person mit edlen Gesichtszügen fragte wohlbedacht und mit samtweicher Stimme "Wie welchen Gefühlen kehren Sie denn jetzt zu Robert zurück, da er gerettet ist?" Es gab eine Pause, in der es für einen Moment sehr still war. Die Alméry hatte schon ihr Lachen aufgesetzt, nahm es aber wieder weg und überlegte. Da rief ein Jüngling in der vorderen Reihe "Was für eine seltsame Frage, Sie verwechseln, wie es scheint, Imagination und Realität, meine Dame." Er bekam Lacher und vereinzeltes Klatschen. Voreilig wie er war, hatte er sich noch nicht ganz umgewendet, und als er jetzt gewahrte, dass die Fragende ausgerechnet die Esther Salomon war, um die er seit einem halben Jahr warb, ohne bisher ein deutliches Zeichen der Erwiderung erhalten zu haben, lief er knallrot an. Die Salomon stand noch und schlug die Augen nieder. Er wollte etwas stammeln, aber die Stimme versagte ihm, und alle, die um seine Verliebtheit wussten (und das waren alle) schickten eine Gelächterwoge nach vorn, die ihn in seinem Polster versenkte. Die Alméry hob die Hand und es war wieder still, denn wenn auch die Frage kindisch erschien, so war man doch gespannt auf die Antwort.

"Mein liebes Kind", sagte sie, und es klang, als wolle auch sie eine hochnäsige Belehrung anschließen, fuhr aber in herzlichem Ton fort, "ich möchte ausnahmsweise einmal Ihnen eine Frage stellen: Nachdem Maxwell nun zwar gerettet, Arabella aber zuvor dem Malwyn an die Hand gegeben war, für wen würden Sie sich denn an ihrer Stelle entscheiden?" Alle Köpfe wandten sich zum Fräulein Salomon, die einen erstaunlich festen Eindruck machte und etwas sagen wollte, dann aber wie aus Schwäche zusammenzuckte, sich mit dem Fächer Luft zuwedelte und meinte "Ich weiß es nicht, wie soll ich es wissen." In dem Moment gab es einen Knall und einige schrien auf. Einer der Champagnerkorken hatte sich gelöst und war bis an die Decke geflogen, wo eine kleine dunkle Stelle blieb. Ignaz Weiblinger lachte aus vollem Halse und rief "No, wir sollten dös als an Signal verstehn, dos dös Buffet eröffnet is."

Friedrich, der dicht daran saß und befürchte, ins Gedränge zu geraten, sprang auf und stellte sich etwas abseits. Die Gäste langten zu, die Kellner schenkten den Champagner ein und liefen mit Tabletts voll Gläsern durch die Menge. Der Weiblinger und die Schauspieler hatten sich erhoben und wurden sogleich umringt, und den Saal erfüllte ein Gewirr von Stimmen, die von dem milden Luftzug, der durch ein geöffnetes Fenster kam, noch zusätzlich vermischt wurden. Friedrich betrachtete die Szenerie mit Gelassenheit und überlegte, was er am besten tun sollte. Da er Madame Pauquet aus den Augen verloren hatte, wollte er sich zunächst ein bisschen umschauen, sie würde zweifellos auch ohne ihn auskommen.

Er prüfte seinen Anzug, strich sich übers Haar und fasste beiläufig in die Jackentaschen. In der rechten berührten seine Finger einen Zettel, der einmal gefaltet war. Automatisch dachte er, dass naturgemäß nur solche Zettel gefaltet sind, auf denen etwas draufsteht. Das war freilich keine Begründung dafür, dass er nicht widerstehen konnte, einen Blick darauf zu werfen. Er las die handschriftliche Notiz: 'Die Seiffert kommt doch nicht. Kommen Sie trotzdem? G.' Das G war sehr schnörkelig geschrieben, so als sollte es dem Namen, der sich dahinter verbarg, auf verspielte Weise Nachdruck verleihen. Friedrich bereute es, ihn angesehen zu haben, und verunsichert darüber, wie er ihn wieder loswerden könne, vergrub er ihn tief in die linke Tasche.

Er schlenderte zur Mitte hin und geriet unversehens in eine Debatte über die Vor und Nachteile eines Selbstmords durch Ertrinken und über dessen eigentliche Technik. Eine Dame mit großem, reichgeschmückten Hut, unter dem ihr Schweißperlen die Schläfen hinabliefen, wollte wissen, ob denn das Wasser der Themse für ein solches Vorhaben besonders geeignet und deshalb bei der Wahl des Schauplatzes bedeutsam gewesen sei. Ein steifer, hagerer Herr, der so hochgewachsen war, dass er sich eine leicht vornüber gebeugte Haltung angelegt hatte, war aus unerfindlichem Grund, womöglich wegen der Kürze der Zeit oder auch wegen seines langgestreckten Halses, zum Experten in Sachen Suizid erkoren worden. "Wasser ist Wasser, meine Verehrteste", stellte er sachlich fest, "da spielt es keine Rolle, wie der Fluss heißt, Hauptsache er ist tief." "Ja, stille Wasser, die sind tief", meinte ein junges Fräulein mit wissender Miene. "Aber das hat ja eine ganz andere Bedeutung", wandte eine zweite Dame ein, "Hier handelt es sich doch um ein fließendes Gewässer."

"Nicht unbedingt", sagte ein weiterer, "man kann sich auch in einem See ertränken." "Richtig, das wollte ich auch sagen." "Nur tief genug muss er sein, damit man ganz kopfunter geht." "Ich weiß von einem Selbstmörder, den man aus einem See gefischt hat, sein Körper war aufgequollen wie eine Elefantenkuh", sagte der Hagere. Drei der Damen äußerten Ekel, eine sagte "Aber ist dann nicht ein Fluss vorteilhafter, da wird die Leiche wenigstens gleich weggespült." "Vom hygienischen Standpunkt betrachtet, haben Sie sicher recht", erwiderte er, "doch denken Sie einmal an die Hinterbliebenen, die dem Opfer nicht mehr das letzte Geleit geben können." Die Dame mit Hut sagte unschlüssig "Na ich weiß nicht, ob es mir recht wäre, dass die Leute meinen Liebsten beschauen könnten, wenn er aussieht wie eine aufgequolle Seekuh."

Zwei Paare gesellten sich hinzu, die sich am Buffet versorgt hatten und nun nach den unterhaltsamsten Gesprächen suchten. Der Hagere erörterte gerade den Schaden, den eine Wasserleiche vermöge der von ihr ausgehenden Fäulnis an der Lebenswelt anrichte, ohne dass er bemerkte, wie eine der Damen ein Lachsschnittchen zum Munde führte. Um sie vor drohender Übelkeit zu bewahren, lenkte ihr Begleiter, ein schicker junger Mann mit gebildeten Zügen schnell auf ein anderes Thema und man war plötzlich dabei, die beiden männlichen Rollen des Maxwell und Malwyn miteinander zu vergleichen.

Jemandem war die Ähnlichkeit der Namen zumindest im Klang aufgefallen, und es wurde nach einem tieferen Sinn dafür gerätselt. Friedrich sagte schließlich "Vielleicht soll die lautliche Nähe der Namen die Wechselhaftigkeit des Schicksals verdeutlichen, eines Schicksals, vor dem nicht nur alle gleich, jedenfalls sehr ähnlich sind, sondern das mitunter auch ein und denselben Menschen ins höchste Glück oder in tiefstes Elend führen kann." Diese Bemerkung fand soviel Anklang, dass eine andächtige Pause entstand, in der so nebenbei auch die letzten Häppchen genüsslich verzehrt werden konnten.

Er schaute nach Madame Pauquet. Sie war im Gespräch mit einigen anderen, von denen er nur den Legationsrat Bleich mit seiner Gattin und die Schwestern Santini kannte, deren jüngere sich wegen einer Missbildung des Beins auf einen Stock stützte. Diese Gabriela Santini hatte ihm einmal, er erinnerte nicht mehr genau wann und wo, ein paar selbstverfasste Gedichte gegeben, die von der Liebe handelten, und er hatte nicht genau bestimmen können, in welcher Absicht sie es tat, so dass es ihm schwer gefallen war, die richtige Weise und die dazugehörigen Worte zu finden, sie ihr zurückzugeben. Wie das geschehen war, hatte er jetzt gleichfalls vergessen.

Er beschloss, zwei Gläser Champagner zu holen und zu Madame Pauquet zu gehen, als sie ihn auch schon heranwinkte und ihm einen Herrn Rohrbach vorstellte, der vor Friedrichs Zeit den Dienst des Hauslehrers versehen, dann aber ein Angebot in Stuttgart angenommen hatte. Er war, wie sich herausstellte, in Friedrichs Alter, doch offenbar zeitig ergraut und sein fleckiges Gesicht erinnerte Friedrich an die Tasche des Doktors, der früher seine kranke Großmutter besucht hatte. Tatsächlich trug auch Rohrbach selber eine schwarze flache Mappe unterm Arm, was für einen Theaterbesuch ungewöhnlich war. Er schien von temperamentvollem Wesen, redete schnell und sprach jeden, zumindest bis zu einem gewissen Alter, so an, als handele es sich um einen seiner ehemaligen Schüler.

"Na, Weickert", sagte er und hätte ihm beinahe auch noch auf die Schulter geklopft, "dass Sie mir aus dem Alfred einen ordentlichen Burschen machen, habe ja immer große Stücke auf den Knaben gehalten. Madame Pauquet, Sie wissen es hoffentlich noch, wie ich früher immer gesagt habe, in dem Alfred steckt eine Ingeniosität, die vielversprechend ist, man muss sie nur herauslocken können, verstehen Sie, Weickert, Sie sollten da lieber etwas konsequenter sein, ja." Friedrich sah Katharina an, die kurz mit den Schultern zuckte und eine Miene machte, als wollte sie sagen "Dafür kann ich jetzt auch nichts". Was hatte sie denn diesem Rohrbach berichtet, der Pauquets Sohn kaum vier Wochen lang unterrichtete? Dafür hätte er ihr wohl grollen können, doch in Katharinas Ausdruck hatte Friedrich, übrigens zum ersten Mal, etwas Verschmitztes gesehen, ein Anzeichen, dass sie jedenfalls auf seiner Seite war und ein fremdes Urteil als ignorante Wichtigtuerei wertete, auch wenn sie ihm nicht widersprach.

Der bisherige Verlauf des Abends, sogar trotz des nicht immer befriedigenden Wortwechsels, oder vielleicht gerade deswegen, hatte Friedrich in eine Stimmung versetzt, mit der er sich inmitten der ihm ungewohnten Gesellschaft auf seine Art bestärkt fühlte. Es war nicht nur die Erfahrung, dass er mit dem Niveau dieser Leute gleichhalten konnte, sondern, und das machte ihn fast übermütig, es war das Gefühl, ihnen überlegen zu sein. Außer natürlich seiner Madame Pauquet, die vielleicht in Wahrheit viel mehr auf ihn hielt, als sie in den vergangenen Wochen gezeigt hatte. Denn ihm war ihre mangelnde Aufmerksamkeit vorgekommen wie Desinteresse an ihm und an seiner Arbeit.

Jetzt aber (und lag das womöglich auch an der anderen Umgebung?) erschien ihm ihr früheres Verhalten wie eine permanente, stumme Aufforderung, hartnäckig zu sein und seinerseits Stärke im Gemüt zu zeigen. Lag hinter ihrer Maske der Gleichgültigkeit und unter der trockenen Förmlichkeit, mit der sie ihn zu behandeln pflegte, eine Erwartung verborgen, so wie man das Aufblühen einer exotischen Pflanze nach einer bestimmten Frist erwartet? Oh, wie gefiel ihm seine Rolle, vielleicht mehr, als ihm zuträglich war.

Wie er an all dem Treiben hier Anteil nehmen konnte, ohne doch darin gefangen zu sein, wie er manierlich und sogar geistvoll in Erscheinung trat, ohne damit Eindruck schinden zu müssen, wie er den Beobachter spielen konnte, dem keine Betroffenheit oder Lächerlichkeit entging und der den Witz und Spott, der ihm auf der Zunge lag, für sich auskosten konnte. Es fehlte nicht viel, und Friedrich hätte den aufgeblasenen Schulmeister gefragt, ob er in der dünnen Mappe seine gesammelten pädagogischen Werke bei sich trage, doch er befürchtete, damit Katharina zu kränken.

Die Veranstaltung dauerte noch etwa eine Viertelstunde, und nachdem Ignaz Weiblinger abermals kurz das Wort ergriffen, sich bedankt und das Versprechen auf ein baldiges Wiedersehen gegeben hatte, verließen die Gäste das Theater. Alle waren zufrieden mit dem amüsanten Abend. Nur der unglückliche Jüngling, der sich und das Fräulein Salomon so schrecklich blamiert hatte, blieb am Ausgang stehen und wartete, bis die Angebetete erschien. Mit demutsvoller Miene sagte er "Mademoiselle Salomon, ich möchte mich für mein frevelhaftes Betragen bei Ihnen entschuldigen, ich bitte inständig um Ihre Vergebung." Und Esther Salomon warf ihm aus ihren schönen braunen Augen einen Blick zu, der ihn noch Wochen danach qualvoll peinigen sollte, und sagte "Mein Herr, ich glaube Sie verwechseln Imagination und Realität." Damit ging sie an ihm vorbei, und nach einer Weile waren in dem großen Hause nur noch die Bediensteten damit beschäftigt aufzuräumen.

Friedrich hatte Eppler mit der Kutsche herangeholt, er half Katharina beim Einsteigen, und sie sagte "Was für ein Erlebnis, schade, dass es Christian entgangen ist." "Sie werden ihm viel zu berichten haben", sagte Friedrich arglos, und erst als er Katharina flüchtig ansah, wurde ihm bewusst, dass er mit seiner Bemerkung den peinlichen Zwischenfall mit Mistress Bostridge wieder hochgebracht hatte. Doch sie schwieg, und er schwieg und tat so, als erwarte er nichts weiter. Im übrigen war es ihm auch ziemlich gleichgültig, wenngleich er sich schon fast damit beschäftigt sah, über ihr Motiv nachzudenken, falls sie es entgegen ihrer Drohung nicht mehr zur Sprache bringen würde.

Eppler sagte, Herr Pauquet halte sich zur Zeit noch im Greifenfechter'schen Hof auf und habe avisiert, er werde wohl erst spät nach Hause kommen. Katharina war überrascht. "Was macht er denn jetzt noch dort?" Friedrich fiel wieder der Zettel in seiner Tasche ein und ein schlagartiger Schauer erfasste ihn. Wie schnell wird man durch einen gedankenlosen Handgriff in eine mysteriöse Geschichte hineingezogen, die einen überhaupt nichts angeht und derentwegen man im Handumdrehen gezwungen wird, sich zu verstellen. Er verscheuchte die unangenehmen Gedanken. Draußen wurde es gerade dunkel, es war trocken und warm.

Er erinnerte sich, wie er vor einem Jahr in Würzburg mit Freunden im Garten eines Weinlokals gesessen hatte. Die Hofmeisterstelle in Albertshausen hatte er aufgegeben, nun ja, es war in beiderseitigem Einvernehmen so beschlossen worden, über die Verhältnisse dort und über seinen Zögling mochte er nicht mehr nachdenken. Er war wieder frei gewesen und voller Zukunftspläne. Olivier lud ihn nach Homburg ein, sprach von einer Anstellung als Hofbibliothekar beim Erbprinzen, die er ihm vermitteln könne. Steiner plante eine Reise in die Schweiz. Kohlmeyer hatte zum zweiten Mal geheiratet.

Alte Zeiten, die Tage in Jena und Dresden wurden zurückgerufen, die gemeinsamen Wanderungen durch's Gebirge, manches Abenteuer hervorgekramt und wieder und wieder mit immer weiteren delikaten Einzelheiten erzählt, und mit jedem Trinkspruch wurde die Vergangenheit begreiflicher, die Erfolge kostbarer, und selbst die Niederlagen, die jeder von ihnen erlitten hatte, schienen im Nachhinein ein Zeichen dafür, dass ihnen das Lebensglück bis zur Stunde treu geblieben war. Kohlmeyer war aufgestanden, hatte das Glas erhoben und feierlich, wenn auch schon ein bisschen angesäuselt gesagt: "Und mag auch der Weg, den ich bis hierher beschritten habe, die feste Richtung vermissen lassen, so führte er mich doch über Höhen, die den Blick ins Weite öffneten, durch Täler, deren Düsternis mich schaudern ließ, und zu Herbergen, wo ich manchen Freund im Geiste traf." "Und manche Wirtstochter mit Sinnen", rief Steiner.

"Ein treffliches Bild", meinte Friedrich, "vielleicht war es ja ein Umweg, in den Augen mancher sogar ein Irrweg, ohne Ziel aber mit einem Ende; und dann ist doch nur noch von Interesse, wo man vorbeigekommen ist und was man gesehen hat." Und Olivier ergänzte wie im Ton des Ansporns "Ja, wer davon zu berichten hat, der kann sich glücklich schätzen, denn er hat es überstanden." Zu späterer Stunde gingen sie zum Auenwäldchen am Rande des Parks und lauschten dem Gesang der Nachtigall. "Ob wir jemals wieder in solcher Runde zusammenfinden werden?", fragte Steiner. "Was für eine Rolle spielt das?", meinte Olivier, "es ist so geschehen und gewesen." Und alle stimmten zu.


Was treiben die Männer eigentlich nachts dort im Sommerhaus ?


Friedrich schreckte auf, als Katharina sagte "Eppler, fahren Sie doch kurz am Greifenhof vorbei, vielleicht können wir Christian gleich mitnehmen." Friedrich fand die Idee nicht besonders gut und fragte "Sind Sie denn noch nicht müde?" Sie antwortete nicht, und er merkte, dass er sie plötzlich nach ihrem Befinden gefragt hatte. Wahrscheinlich ging ihn das ja alles wirklich nichts an, und er konnte getrost hinnehmen, was geschah, denn er trug nicht die Verantwortung dafür. Leider sagte sie "Ich weiß, es ist schon spät und morgen früh sind die Kinder wieder dran. Es wird nicht lange dauern." Er konnte es im Grunde gar nicht leiden, wenn man angeblich Rücksicht auf ihn nahm und ihn dennoch überging. Er war eben nur ein Hauslehrer, ein Hofmeister, was eigentlich viel bedeutender schien, aber in Wahrheit, jedenfalls in den Ohren derjenigen, die selbst einer waren, verächtlich klang. Nun, er würde auch das noch ertragen.

Sie bogen in den Vorgarten des Greifenfechter'schen Hofs ein. Das Haus lag im Dunkel, und nur im rechten Flügel, der von den ersten Bäumen der Pappelreihe, die nach dem Freigelände hin standen, halb verdeckt wurde, brannte Licht. Doch man konnte von draußen niemand erkennen. Friedrich zählte drei Kutschen, die am Haus verteilt standen. Einige von den Pferden schliefen und zwei Fahrer saßen an dem steinernen Gartentisch neben den Rhododendronbüschen und spielten im Licht einer Petroleumslampe Karten. Als sie die Ankömmlinge bemerkten, ließen sie eine Flasche unterm Tisch verschwinden.

Eine der Kutschen gehörte dem Baron Hohenstemmen, die anderen kannte Friedrich nicht. Baron Hohenstemmen hatte in letzter Zeit von sich Reden gemacht durch einen Zukauf von Land bei Merkershausen und einigen anderen Orten, das er seinem ohnehin umfangreichen Grundbesitz angliederte. Es waren hauptsächlich Getreideflächen, vereinzelt Rüben und neuerdings Kartoffelfelder. Das war umso bemerkenswerter, als er jahrelang am HessenHanauschen Hofe tätig gewesen war und sich um Landwirtschaft keinen Deut geschert hatte. Man wusste eigentlich nicht viel über ihn, seine Frau war verstorben, er hatte vier prächtige Kinder, darunter die Amalie, eine der am meisten umworbenen Töchter Frankfurts. Die Tatsache, ihn hier zu finden, und die Stille im Haus ließen Friedrich vermuten, dass man sich kaum zu einem Amüsement getroffen hatte.

Die beiden gingen hinein. In der kleinen Vorhalle, wo Friedrich mitunter bei schlechtem Wetter mit Alfred Ball spielte, obwohl das nicht gern gesehen war, brannte eine einzige Kerze und auch die noch auf dem in der Nische abgestellten Gartenkamin. Es war, als sollte Schatten verbreitet werden. Daher erkannten sie auch erst im letzten Moment den Diener Claussen, der von der Seite her auf sie zutrat und Madame Pauquet vor der Tür zum Empfangszimmer begrüßte. "Guten Abend, Claussen", erwiderte Katharina, "sind die Herren im Salon?" Selbstverständlich hätte sie ohne eine Frage hineingehen können, nur eine Ahnung, dass es wohl eine etwas außergewöhnlich Angelegenheit sein müsse, die drinnen verhandelt wurde, veranlasste sie, eventuell von Claussen etwas über die Versammlung zu erfahren.

Der druckste herum. "Nein, im Gelben Zimmer. Soll ich Herrn Pauquet Bescheid sagen?" Katharina überlegte einen Moment, schaute zu Friedrich hin, der gleichgültig daneben stand, und öffnete selber die Tür. "Das ist nicht nötig, kommen Sie, Weickert." Claussen sagte ziemlich leise "Madame, ich glaube, es ist besser, wenn Sie allein ... ich meine ...", dann nahm er eine straffe Haltung an, "Herr Pauquet hat mich instruiert, niemanden hereinzulassen." "Das habe ich bereits bemerkt", sagte sie mit einem gezwungenen Lächeln. "Was ist denn los, wird eine spiritistische Sitzung veranstaltet, dass man nicht stören darf?" "Nun ja, nein, das gerade nicht, gehen Sie nur, aber sagen Sie bitte, ich hätte Herrn Weickert zurückgehalten, Verzeihen Sie, mein Herr, ich tue nur meine Pflicht."

Das Gelbe Zimmer lag nach der Gartenseite hin, wo es zwei große Fenster bis zum Boden und dazwischen eine Glastür hatte, durch die man auf eine mit feinem Kies bedeckte Fläche im Freien gelangte, die vollständig von einer dichten Hecke umgeben war. In der dunklen Glasfront spiegelte sich das Innere. Christian Pauquet saß mit dem Rücken zur Tür, durch die Katharina eintrat. Außer ihm und Baron Hohenstemmen waren da Christians langjähriger Geschäftspartner Rommel, der Bankier Schultz-Anhalt, Hans Weber, der eigentlich nicht in Frankfurt ansässig war und sich auf den Fernhandelsverkehr spezialisiert hatte sowie Mendel Weiskopf, der im Haus zur Bleiche ein Antiquitätengeschäft betrieb. Sie verstummten und blickten zu ihr hinüber.

Christian erhob sich und sagte gelassen "Katharina, ist das Theater zu Ende? Hat es dir gefallen?" Er gab ihr einen Kuss. "Es war wunderschön, die Alméry war göttlich." Sie spürte, dass die anderen sich gestört fühlten. "Warte noch einen Moment, Liebes", sagte er und überlegte. "Wo?" fragte Katharina. Er schaute sich um. Dann sagte er, und es klang unecht "Ja, wie machen wir das jetzt am besten. Wie spät ist es überhaupt?" Schultz-Anhalt zog seine Taschenuhr hervor und nannte die Zeit. "Wie lange brauchen wir noch?" fragte Christian, aber niemand antwortete und das hieß nur, sie waren noch nicht fertig. Sie saßen um den großen Esstisch herum, von dem das Tuch abgenommen und achtlos über einen Stuhl geworfen worden war. Rommel, Hans Weber und der Baron hatten aufgeschlagene Notizbücher vor sich liegen. Schultz-Anhalt rauchte Zigarre und blies sehr deliziös den Qualm nach oben.

Katharina verspürte auf einmal einen Widerwillen, vor diesen Männern auszuweichen, die sie anstarrten wie einen ungebetenen Gast und es nicht einmal für nötig hielten, sie zu begrüßen. Trotzdem sagte sie "Ich gehe solange nach oben, ich wollte sowieso den großen Korb holen, den Wilhelmine für den Markt braucht." Während die anderen erleichtert die Köpfe bewegten, war Christian besorgt. "Ja, also." Dann fügte sie hinzu "Herr Weickert wird mir behilflich sein." Friedrich war draußen stehen geblieben, und erst jetzt bemerkte ihn Christian im Halbdunkel des Vorzimmers. Ihre Bemerkung, die sie zu ihrer eigenen Überraschung schlau fand, beunruhigte die Herren abermals. Sie glaubte, Mendel Weiskopf sagen zu hören "Noch jemand." Christian meinte aber "Ach, der Korb ist doch jetzt nicht so wichtig." Dann rief er über ihren Kopf hinweg "Herr Weickert, Sie warten drüben im Musikzimmer."

Friedrich entfernte sich mit einer leichten Verbeugung und ging ins Musikzimmer. Er machte kein Licht und schaute aus dem Fenster. Das angrenzende Grundstück gehörte dem Kommerzienrat Eschenbach, man hatte ein sehr gutes Verhältnis zu der Familie. Er sah, dass dort im Garten der kleine Pavillon mit Girlanden und Lampions geschmückt war, offenbar feierte man ein Laubenfest. Von hier aus konnte man auch Stimmen hören und ausgelassenes Gelächter. Jemand spielte Geige und ein Pärchen tanzte dazu, man konnte nur ihre Köpfe sehen. "Robert, mach noch mal den Trick mit dem Ei, bitte", hörte Friedrich eine junge Frauenstimme rufen. Es war die Mademoiselle Eschenbach, Stephanie mit Vornamen, ein lustiges und kluges Mädchen, mit der Friedrich sich zwei oder dreimal recht angeregt unterhalten hatte. Sie lispelte, wenn sie sich über etwas aufregte, das fand er putzig. Er beobachtete die Gesellschaft ein wenig.

Christian war es sichtlich unangenehm, als er Katharina bat, sie möge doch lieber schon nach Hause fahren, die Unterredung dauere an. Er hatte sie ein Stück zur Tür hin begleitet, und sie fragte leise "Worum geht es denn bei Euch?" Er antwortete ausweichend. "Die Umstände, wir müssen ein paar Entscheidungen treffen, du verstehst." "Kein Wort." "Ich werde es dir morgen erklären, oder später, es ist jetzt sehr dringend, glaube mir. Fahr nach Hause, morgen musst du mir unbedingt von der Vorstellung berichten, die Emerư, wie wunderbar sie war." "Die Alméry. Wir waren noch extra bei ihr geladen, mit Buffet und Champagner." "Großartig, du musst mir alles haarklein berichten." Damit kehrte er ins Gelbe Zimmer zurück. "Und vergiss nicht, Weickert mitzunehmen", rief er ihr nach. "Ja, ja", sagte sie, er hatte die Tür hinter sich geschlossen.

Sie suchte Friedrich im Musikzimmer. "Herr Weickert, sind Sie hier? Meine Güte, warum machen Sie denn kein Licht. Sie stehen da am Fenster und sehen aus wie der Gevatter Schwarz." Friedrich zuckte mit den Schultern. Sie trat auf ihn zu. "Oh, bei den Eschenbachs ist noch was los." Wie sie das sagte, klang es sehr unternehmungslustig, aber gleich darauf gähnte sie und hielt die Hand vor den aufgesperrten Mund. "Wir fahren nach Hause, kommen Sie." Friedrich fragte nicht. Sie blieb neben ihm stehen. Die Beleuchtung aus dem Nachbargarten fiel auf ihr Gesicht, ihre Augen glänzten und blickten versonnen in die Nacht hinaus. "Was schauen Sie mich so an?" fragte sie nach einer Weile. "Verzeihung, ich dachte, wir gehen." "Tun wir auch, ich bin außerdem müde." Friedrich dachte, wieso 'außerdem'? Sie hörten Stimmen, die aus dem Gelben Zimmer kamen. Dazwischen befand sich die kleine Bibliothek, alle Türen waren nur angelehnt. "Psst", machte sie, "Warten Sie kurz." "Ich warte schon die ganze Zeit", meinte er und sie bedeutete ihm mit einer Handbewegung zu schweigen.

Man hörte, wie der Bankier Schultz-Anhalt sagte, als sei er eben unterbrochen worden "... Desweiteren ist in Eckartshausen ein Hof mit einer großen Scheune." Er schaute Hans Weber kurz an. "Es führt eine gute Straße dorthin, nun ja, einigermaßen gut für ein Doppelfuhrwerk. Jedoch waren Zweiundneunzig die Franzosen schon einmal dort, hatten wenig Fortune. Wenn die ihre Kommandoberichte selber lesen, womit zu rechnen ist, werden sie nicht noch einmal dahin kommen." "Wieviel kann dort gelagert werden?" fragte der Baron. Schultz-Anhalt nahm einen Zug aus seiner Zigarre. "Was weiß ich, hundert Doppelzentner, fünfhundert. Wieviel wiegt denn so eine Wagenladung Stroh?" Der Baron schüttelte den Kopf und Schultz-Anhalt sagte "Werter Herr von Hohenstemmen, ich kenne mich mit Gold aus, aber nicht mit Stroh. Warum lachen Sie, Weiskopf?" "Ich lache nicht, ich schmunzle. Heißt es nicht, dass man Stroh zu Gold machen kann?"

"Also wann kann ich das Zeug nach Eckartshausen fahren?" fragte Hans Weber. Schultz-Anhalt schaute zu Rommel, der wiederum schaute in sein Notizbuch. "Mittwoch, gegen fünf Uhr früh, können Sie die Ladung in Mosbach übernehmen." "Bin ich Kolumbus? Wo liegt denn Mosbach?" Mendel Weiskopf war erstaunt. "Sie kennen nicht Mosbach? Den Mosbacher Flügelaltar? Er wird Grünewald zugeschrieben, aber ich wäre mir da nicht sicher." Rommel sagte "Flügelaltar? Unsinn, das muss ein anderes Mosbach sein, dieses hier erreichen Sie am besten über Niederklingen, ich zeige es ihnen gleich auf der Karte." "Noch etwas", sagte Schultz-Anhalt, "Es gibt in der Gretengasse einen alten Eiskeller, hervorragend geeignet für den Branntwein, sehr versteckter Eingang, ich habe das Objekt sichern lassen. Das Problem ist, dass ich niemand gefunden habe, der weiß, wie man die Flaschen am besten lagert."

"Grünwald", sagte Mendel Weiskopf bedeutsam. "Was zum Kuckuck haben Sie denn nur mit Ihrem Grünewald, Herr Weiskopf", brummte der Baron. Weiskopf hob den Zeigefinger. "Grünwald, Herr Baron, dieser hier heißt Grünwald und ist der beste Lagerist den ich kenne. Es heißt, seine Vorfahren waren Totengräber auf dem Prager Friedhof, tausende von Toten auf einer Fläche so groß wie der Garten hinter diesem Haus, und keiner ging verloren, erstklassige Arbeit, erstklassig." "Dann schicken Sie ihn mir morgen vorbei." Mendel Weiskopf sah ihn erschrocken an und Schultz-Anhalt sagte "Für die Flaschen natürlich, Sie Narr." "Stimmt es eigentlich Pauquet, dass Sie die Bestände des Pelzhauses Schümmer aufgekauft haben?" fragte Hohenstemmen an Christian gewandt.

Christian schwieg, er sah keinen Grund darauf zu reagieren. Aber der Baron blieb hartnäckig, und schließlich sagte Schultz-Anhalt "Schümmer gehörte zur Masse von D'Nouvelle, wir haben das Angebot akzeptiert, sonst hätten wir gar nichts mehr gekriegt." "Besser ist's, man macht sie flüssig, bevor die Felle wegschwimmen", meinte Weiskopf. "Es heißt, Sie haben dabei Verlust gemacht", bohrte Hohenstemmen weiter. Weiskopf sagte wie nebenbei "Ach, da haben Sie sie schon wieder verkauft?" Statt Christian antwortete der Baron mit einer Feststellung "Gegen Leinwand." "Leinwand? Wollen Sie jetzt anfangen zu malen?" "Soviel ich weiß, ist es gezupfte Leinwand, und darauf haftet Farbe nicht besonders gut." "Es wird schon seinen Grund haben", sagte Christian etwas ungehalten, "wir sollten die Sache hier zum Abschluss bringen, meine Herren." Mendel Weiskopf sagte "Ich kannte mal einen Arzt, den Nathan Chemnitzer, der war im Schlesischen Krieg Lazarettarzt. Der hat gezupfte Leinwand mit Kalk und Bleiwasser getränkt und damit die Verwundeten verbunden. Nu, das hilft wohl besser als Fuchs und Zobel, und macht im Feld auch einen besseren Eindruck."

Katharina hatte sich so nahe an die Tür gestellt, dass sie jetzt vor Schreck daran stieß, als ein junger Mann ohne anzuklopfen das Gelbe Zimmer betrat. Der Baron und Schultz-Anhalt erhoben sich gleichzeitig und der Baron sagte "Ah, Ferdinand, endlich. Hat alles geklappt." Ferdinand, des Barons ältester Sohn, sagte "Guten Abend, die Herrschaften, der Wagen steht vor der Tür." Die anderen erwiderten kurz seinen Gruß. Der Baron sagte "Du kannst ihn doch nicht allein stehen lassen." "Ich habe den Leonhard mitgebracht." "Das war nicht abgemacht." "Er ist zuverlässig", sagte der Sohn, schaute auf den Bankier Schultz-Anhalt, der ein ziemlich korpulenter Mann war und fügte hinzu "Wie wollt ihr denn die Steine anheben?" Schultz-Anhalt blickte den Baron scharf an; wem hatte er wohl noch von der Sache erzählt. Der Baron hatte es plötzlich eilig. "Na dann, meine Herren, lassen Sie uns zur Tat schreiten."

Katharina lief zurück ins Musikzimmer und an Friedrich vorbei. Sie flüsterte ihm zu "Ich habe Sie nicht gleich gefunden, verstanden." Noch bevor die Männer das Gelbe Zimmer verließen, rannte sie die Treppe zum Obergeschoss hinauf und schlug dort heftig mit den Türen. Sie holte den großen Einkaufskorb aus dem Schrank und ging wieder hinunter. Hans Weber und der Sohn des Barons trugen eine Kiste durch die Vorhalle hinein, sie war nicht besonders groß, aber anscheinend desto schwerer. Dann folgten Rommel und der Mann, den der Sohn mitgebracht hatte, sie taten dasselbe.

Christian kam die Stufen zum Eingang hinauf gesprungen, draußen stand noch die Kutsche, mit der sie vom Theater gekommen waren. Als er Katharina sah, sagte er so ruhig es ging und obwohl ihm das sichtlich schwerfiel "Was machst du denn noch hier, ich denke, du bist längst zu Hause." Katharina konnte ihre Verlegenheit schlecht verbergen. "Ich habe ... den Korb geholt." Dann sagte sie schnell "Ich habe Herrn Weickert gesucht, er ist wie vom Erdboden verschwunden." Das war ihr nicht gut gelungen und Christian merkte sofort den Schwindel. "Katharina, es ist nicht gut, dass du hier bist. Tu mir bitte einen Gefallen und fahre nach Hause." "Ja, wie du wünschst, also ohne Herrn Weickert?" "Herrgott nochmal, das ist mir jetzt egal", rief er nun schon etwas gereizt und verschwand im Gelben Zimmer. Katharina ging zu Friedrich, der wieder am Fenster stand. Sie hatte Tränen in den Augen. "Geben Sie mir den Korb", sagte er, "der ist ja ganz staubig."


Friedrich Weickert wird überwältigt.


Durch eine Lücke zwischen Hauswand und Hecke konnten sie sehen, was die Männer nebenan machen. Sie hatten die Tür zum Garten geöffnet und draußen die beiden Sitzbänke und den runden Tisch dazwischen beiseite geräumt. Die Möbel standen auf Sandsteinplatten, die sie eine nach der anderen hoch wuchteten und daneben legten. Katharina sagte fast flehentlich "Kommen Sie, Weickert, wir müssen gehen." Die Männer kamen ins Schwitzen, Schultz-Anhalt musste sich hinsetzen und auch der Baron keuchte. In der offenen Tür standen die Kisten aus dem Wagen, verschließbare Metallkisten, sieben oder acht Stück, geeignet, wasserdicht im Meer versenkt zu werden.

Der Lichtschein aus dem Zimmer fiel in den Garten, und nach drei Seiten stand die Hecke hoch und dunkel und schützte vor fremden Blicken. Weiter hinten war noch ab und zu lustiges Gejohle zu hören. "Gibt es da eine Grube?" fragte Friedrich leise. "Das wusste ich gar nicht." "Besser, Sie vergessen es gleich wieder, kommen Sie, wir dürfen nicht länger hier bleiben." Ihre Stimme klang ängstlich. Tatsächlich kam unter den Sandsteinplatten, die Friedrich für dicker gehalten hatte, eine kreisrunde Öffnung zum Vorschein. Sie war sorgfältig gemauert. Auch Katharina schaute schweigend hin, das große dunkle Loch mit dem halbbeleuchteten Rand bot einen seltsamen Anblick. "Es ist ein alter, ausgetrockneter Brunnen", sagte sie. "Wenn wir jetzt nicht augenblicklich gehen, passiert ein Unglück."

Sie sah an Friedrich vorbei in das Halbdunkel des hinteren Gartens. "Oh Gott, da kommt es", sagte sie. "Was ist denn?" meinte Friedrich und sie deutete hilflos nach draußen. Vom Nachbargrundstück her, das eigentlich nur durch eine Reihe Sträucher abgegrenzt war, kam Mademoiselle Stephanie Eschenbach geschlendert. "Wir müssen etwas unternehmen", rief Katharina. "Gehen Sie ihr entgegen, Weickert, los, schnell, tun Sie, was ich sage, durch die Küchentür." Sie schob ihn energisch fort. "Was soll ich denn sagen?" "Irgendwas, damit sie nicht näher kommt. Unterhalten Sie sich mit ihr, was Ihnen gerade einfällt, nun machen Sie schon."

Er hätte bei den Männern vorbeigehen müssen, die anfingen, die Kisten in die Grube zu hinabzulassen. Es gab im Seitenflügel eine Tür, durch die man in den Garten kam, oder genauer gesagt, auf den Randstreifen mit den Ligustersträuchern, die das Grundstück begrenzten, er würde der Eschenbach von der Seite kommen, und wenn er nicht schnell genug war, wäre sie bereits am Haus angelangt. Warum kam sie überhaupt her? Hatte sie der schwache Lichtschein angelockt oder hatte sie schon etwas von den heimlichen Aktivitäten der Männer gesehen? Katharina war wie durch Zauberhand verschwunden.

Er rannte zu der Tür, stieß dabei gegen die Möbel, und dachte plötzlich, dass womöglich gerade heute der Schlüssel nicht wie sonst von innen steckt. Tatsächlich war es so, aber er war nur heruntergefallen und Friedrich fand ihn auf dem Boden. Er ging hinaus, er konnte die Eschenbach nirgends sehen. Der Lärm der Feier von drüben war wieder lauter geworden. Er hörte dennoch, wie eine der Kisten hart aufschlug und der Sohn des Barons fluchte. Dann sah er der Eschenbachs Kleid hinter den Sträuchern. "Fräulein Stephanie", sagte er, und seine Stimme klang merkwürdig, weil er weder rufen noch flüstern wollte. "Friedrich, sind Sie da?" fragte sie zurück, als wären sie verabredet. "Fräulein Stephanie", wiederholte er und wusste nicht weiter. Jetzt rief sie ganz verändert "Ist da jemand?"

Er drückte sich durch das üppige Blattwerk der Sträucher hindurch und erschien auf der anderen Seite. Sie tat furchtbar erschrocken. "Verzeihung, Fräulein Stephanie, ich hatte etwas gehört." "Was machen Sie denn hier?" fragte sie, obwohl sie selbst auf einem fremden Grundstück war. "Ich ... ich bewache das Haus." "Seit wann?" Sie bekam einen Schluckauf und hielt sich ihr zartes Händchen artig vor den Mund. Er sah, dass sie leicht beschwipst war. "Nur heute, weil ..." "Wegen uns?" "Bitte? Nein, natürlich nicht. Herr Pauquet hat letztens in der Nacht ..." "Schauen Sie mal, was ich gewonnen habe." "Gewonnen?" "Ja, bei unserem Spiel." Es war eine Handpuppe, ein lustiger Kobold mit strubbeligem Haar und einer roten Nasenspitze. "Sehr hübsch."

Sie steckte die Puppe auf ihre Hand und machte ein paar alberne Bewegungen, dann wurde sie wieder von ihrem Schluckauf unterbrochen. "Hätten Sie vielleicht ein Glas Wasser?" "Tut mir Leid." "Tut mir Leid", ließ sie den Kobold nachplappern. "Und drinnen vielleicht?" "Da ... ja, freilich, dort ist ein Glas ..." "... Wasser. Komm' Hutzel, wir müssen uns erst mal erfrischen." "Was sagen Sie?" "Oh, ich spreche mit ihm." "Ach so." Sie ging auf das Haus zu. "Sind da etwa noch mehr, die Wache halten?" "Nein, ich bin allein." "Oh, ich glaube, ich habe etwas zuviel getrunken, warum hast du mich nicht gewarnt, Hutzel." "Warten Sie, Stephanie, wir müssen dort hinein."

Sie schwenkte plötzlich um wie ein Soldat in der Marschkolonne, aber es ging zu schnell und sie strauchelte, fiel hin, konnte sich abfangen, aber Hutzel bohrte sein Gesicht ins Gras. "Haben Sie sich wehgetan?" "Und fragen Sie mich mal", sagte sie und lachte. Er lachte auch. Er fasste sie unterm Arm, aber weil sie sich dabei drehte, kam seine Hand auf ihren Busen. Sie schaute ihn an und lispelte "Die Gunst der Stunde." Sie schlang sich um ihn und ihr Mund war ganz dicht an seinem Ohr. "Wir sind die bösen Räuber und wollen euer Geld ... Was reimt sich auf Räuber, Friedrich." "Das Wasser, Stephanie", sagte er und versuchte, sich vorsichtig von ihr loszumachen. "Häh? Der will uns wohl vergackeiern."

Sie tat so, als könnte sie nicht ohne Stütze gehen. Er legte ihren Arm um seine Schulter und hielt sie. "Was für ein Spiel war das?" "Das war kein Spiel, mein lieber Friedrich, es war mir ernst, sehr sehr ernst." "Ich meine, wobei sie ihn gewonnen haben." "Ach so, Hutzel? Irgendsowas Blödes. Sind wir bald da?" Er schaffte sie in das Zimmer, sie setzte sich auf das Sofa. "Aber kein Licht anmachen", sagte sie und wirkte ganz klar, aber erregt. "Wollte ich sowieso nicht." "Nein?" Er schaute sich um, auf dem Tischchen unter dem Spiegel stand eine Karaffe mit Wasser. Er goß ein Glas voll und gab es Stephanie. Sie nahm einen Schluck und spuckte es sofort aus. "Ach du Scheiße, das ist Schnaps. Wollen Sie mir den Rest geben?" "Verzeihung. Ich hole etwas aus der Küche." Er horchte auf die Männer nebenan, aber es war still. Und Katharina? War sie fort? Oder oben? Oder ...? Er spähte in die dunklen Ecken des Zimmers.

Stephanie sagte "Nein, lassen Sie mich nicht allein, Friedrich. Kommen Sie her, ich muss Ihnen etwas sagen." Er zögerte. "Na los, kommen Sie schon. Hier, setzen Sie sich." Er tat es, und im nächsten Augenblick lag sie auf ihm und küsste ihn wild und schmatzend auf Gesicht und Hals. Es schnürte ihm die Kehle zusammen. Ihr warmer Atem schlug ihm entgegen, ihr Duft betörte seine Sinne. Sie verschmierte mit den Lippen ihren Speichel auf seiner Haut. Sie rutschte tiefer an ihm herab, öffnete seine Hose und griff mit ihrer kleinen flinken Hand hinein. Er seufzte. Sein Glied war hart wie ein Eisenrohr und so sperrig, dass sie es nicht gleich heraus brachte. Dann spürte er, wie sie daran züngelte, als würde sie sich mit dem heißen Blutstrom, der sein Ding erfüllte, aufladen. Sie schob es in den Mund, er fühlte die glatten Zähne, es fuhr immer weiter hinein, er dachte, es müsste auf der anderen Seite wieder herauskommen. Aber sie unterbrach es jäh und flüsterte "Streicheln Sie mich, streicheln Sie mich da."

Er raffte ihren Rock hoch, er musste sich weit vorbeugen, um zwischen ihre Schenkel zu gelangen, und dabei entzog er sein Ding ihrem köstlichen Mund. Wie in einem Nu hatte sie sich gedreht und streckte ihm ihren Schoß entgegen, während sie weiter alles Mark aus ihm heraussaugte. Er wühlte in ihrem Rock und Unterrock und Schlüpfer herum, bis er ihre Scham freigelegt hatte. Er machte was sie wollte, und sie wippte dabei mit dem Hintern, und dann spritzte er alles aus, und es dauerte noch einige besinnungslose Minuten, bis sie sich beide wieder beruhigt hatten.

Als sie weg war, ging er leise durch den Flur ins Gelbe Zimmer. Die Tür stand offen, es war niemand da, nur der Zigarrenqualm hing in der Luft. Auf dem Tisch war auch das Tuch wieder ausgebreitet und in der Mitte stand sogar eine Vase mit Blumen. Er ging an die Terrassentür, sie war abgeschlossen. Hatten sie alles erledigt, oder abgebrochen? Er schaute durch die Scheiben nach draußen, die Steinplatten lagen an ihrer alten Stelle. Er wollte vorne vorm Haus nachsehen, in der kleinen Vorhalle brannte noch das Licht. Auf dem Boden lag ein Tuch, er wollte es aufheben, dabei fiel sein Blick auf seine Hose, sie hatte Flecken auf den Beinen. Er ging in die Küche, um sich zu säubern. Er füllte Wasser in eine Schüssel, er schnupperte an seinen Fingern, es haftete der Schleim von Fräulein Eschenbachs Scheide daran. Er spürte, wie sein Glied wieder anschwoll, da hörte er ein Geräusch, wie wenn eine Tür geht und Schritte, es kam von oben. Er rief "Katharina? Sind Sie noch hier?" Er glaubte, ihre Stimme zu hören und ging die Treppe hinauf.

Anton Alexander Zarrentin fasste die Untertasse, stellte sie auf die rechte Hand und führte mit der linken die Tasse zum Mund. Er trank leise schlürfend, so als hauche er darüber hinweg, einen Schluck vom heißen Kaffee und stellte das Geschirr wieder hin. Er trank im Stehen, er stand hinter seinem Schreibtisch und sagte dann halb zufrieden, halb erwartungsvoll: "Es ist wahr, dass ich einen großen Teil meiner literarischen Anstrengungen darauf verwendet habe, sozusagen Bildnisse von Frauen zu zeichnen. Und ich sage das nicht umsonst in der Sprache der Maler, denn ich bin kein Maler und deshalb ist das Resultat am Ende doch immer recht dilletantisch geblieben."

Er hob die flache Hand, als würde er ein Geschenk dankend ablehnen, das ihm schon so oft gemacht worden war. "Nein, nein, wehren Sie nicht ab, liebste Sophie, ich weiß es selbst immer noch am besten, wie unvollständig meine Figuren sind, und ich musste leider immer wieder bei meinen neuen Begegnungen mit dem schönen Geschlecht feststellen, wie blass oder einfarbig meine poetischen Geschöpfe sind im Vergleich zu ihren lebendigen Repräsentanten. Irgendwann habe ich bemerkt, dass alle meine Frauengestalten, und wie Sie wissen, mangelt es ihrer in meinen Werken nicht, dass sie alle, die sie doch so verschiedene Namen haben, an entferntesten Orten, zu disparatesten Zeiten auftreten, im Grunde nur das Abbild ein und derselben Frau sind, des Urbildes eines Weibes.

Bemerkt hätte ich das? Was für ein lächerliches Eingeständnis! Natürlich habe ich es von Anfang an gewusst, und was ich, um den Anschein des unvoreingenommenen Beobachters zu wahren, Urbild nenne, das ist zu erheblichen Teilen auch das Wunschbild, das ich in mir trage, seit den ersten Augenblicken im buchstäblichen Sinne, da ich des anderen Geschlechts gewahr wurde. Bin ich aber deshalb schon ein geringerer Schriftsteller, weil ich aus mir selber schöpfe, was ich aus der Wirklichkeit zu gewinnen versprach? Ein Künstler findet doch in allem entweder nur sich selbst oder das, was ihm selbst mangelt. Und was ihm mangelt, verstehen Sie mich recht, will er nicht besitzen wie einen Gegenstand von bemessenem Wert oder wie eine seltene Eigenschaft, vielmehr ist er unablässig in seinem Schaffen bemüht, die Leere in sich zu beseitigen.

Der wahre Künstler, und nur solche akzeptiere ich als meinesgleichen, wird mit viel Leere in seiner Seele geboren, und in seinem ganzen Leben, ja im Leben, nicht nur in der Kunst, ist er damit beschäftigt, sie mit den wundersamen Dingen dieser Welt auszufüllen. Deshalb sind seine Mittel auch ausschließlich begreifbarer Natur. Die Wörter der Sprache, deren sich beispielsweise ein Schriftsteller bedient, sind, so komisch das klingt, Greifwerkzeuge und er ist letztlich auch nichts anderes als ein Handwerker." Er öffnete und schloss die rechte Hand, als habe er sie gerade erfunden und bewundere ihren Mechanismus. Dann besann er sich. "Nun, ich kam vom Thema ab, denn das waren ja die Frauen. Doch Sie sehen, wie mir selbst auch nach so vielen Jahren das Warum und Wie meiner eigenen Arbeit zu verstehen schwer fällt." Er schwieg wieder und prüfte mit dem sorgsamen Blick eines guten Lehrers, welchen Eindruck seine Innenschau hinterlassen hatte.




 
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