Gunda kniete sich in den Sand, legte die Hände in den Schoß und schwieg eine Weile. Katharina hatte wie nebenbei angefangen, Henrys Nacken zu massieren, musste sich aber vor Lachen den Mund zuhalten, als Gunda sagte: "Wisst ihr, dass es mir sehr unangenehm ist, mich vor einem anderen zu entkleiden? Warum lachst du da?" "Mir fällt nur gerade ein, dass es deine Idee war, sich auszuziehen." "Wir sind nicht ganz nackt", entgegnete sie schroff. "Nein", meinte Henry schmunzelnd, streckte den Arm aus und befühlte den Saum ihres Schlüpfers, "aber das hier ist auch schon recht hübsch." Sie gab ihm einen Klaps auf die Finger. "Ihr versteht mich nicht." Dann versuchte sie es noch einmal. "Ehrlich gesagt, fürchte ich mich davor." "Und warum trägst du dann dieses reizende Dings unterm Kleid? Sollte es dich furchtlos machen?" "Henry, Brüderchen, sei nicht so ungehobelt", sagte Katharina.
Plötzlich spürte sie den Nachklang der Erregung, die sie ergriffen hatte, als sie vorhin mit Henry als das komische Untier gerungen und Gunda sie überrascht hatte. Es war die pure Freude am Spiel gewesen, weshalb sie Henrys Äußerung über die Kinderzeit, auch wenn sie anders gemeint war, eher als eine Entschuldigung empfand, die von unterdrückter Lust ablenkte. Und so stieg in ihr ein ausgelassenes Gefühl hoch, das etwas mit seligfroher Erwartung zu tun hatte, so wie sie es als Mädchen gespürt hatte, lange bevor das erste quälende Verlangen an ihrem Herzen zehrte. Sie schaute auf das Wasser und in den Himmel, sie wandte ihr Gesicht hin zu den Bäumen und schloss die Augen, und sie spürte einen endlosen Kuss auf ihrem Mund, und ein wohliger Schauer brachte die feinen Härchen auf ihrer Haut in Rage.
Er sagte "Wenn du dich ganz ausziehen willst, dann tu's doch." Man sah die Ader an ihrem Hals pochen, dann sagte sie "Aber nicht hier vor euch." Er sagte sehr praktisch "Dann geh' dort ins Gebüsch." Sie schaute zu den Sträuchern hinüber, stand auf und entfernte sich mit leichtem Schritt. Er drehte sich zu Katharina um, sie fuhr mit den Fingern durch den Sand, dann verscheuchte sie eine Mücke, die sich auf ihrem Arm niedergelassen hatte. "Wollen wir's abwarten?" fragte er.
Katharina hob schweigend ihr Kleid auf, das inzwischen getrocknet war und klopfte den Sand ab. Auch Henry nahm seine Sachen und ging zu ihr. "Darf ich dir beim Ankleiden behilflich sein?" sagte er und sprach wie ein Diener, aber seine Stimme klang zu förmlich, fremd. "Wie du willst." Zuletzt band Katharina ihm das rote Tuch um und versteckte es halb in seinem Kragen. Sie verschränkte ihre Hände für einen Moment hinter seinem Hals und senkte den Kopf vor seiner Brust. Ihre Beine zitterten und mit einem einzigen leisen Stöhnen glitt sie hinab. Er konnte sie gerade noch fassen, und sie war auch sogleich wieder obenauf. Er wischte ein paar Sandkörner ab, die an ihrem Kinn klebten. "Ist alles in Ordnung?" fragte er, und sie bejahte.
Ein pfiffiges Kerlchen
Gunda brach aus den Büschen hervor und rief "Kommt mit, ich habe einen Fischer mit einem Boot gesehen, da unten, er wird uns über setzen." Sie zog sich eilig ihre Sachen an und führte die anderen flussabwärts. "Hast du mit ihm gesprochen?" fragte Katharina. "Nein noch nicht, ich habe ihn gerade erst gefunden. Es ist ein großes Boot, er kann uns alle über setzen und unser Gepäck auch." Henry dachte, es würde wenig nützen, denn auf der anderen Seite kämen sie nicht weiter. Sie liefen so schnell, dass Katharina mit dem Fuß umknickte, doch es war nicht weiter schlimm. "Jetzt kommt schon, sonst ist er weg", drängte Gunda.
Tatsächlich konnten sie jetzt das Boot und zwei Personen erkennen, die sich im seichten Wasser zu schaffen machten. Der ältere Mann war kräftig aber dick, er hatte ein breites Gesicht mit wuchtigen Backenknochen und einer plattgedrückten Nase. Er war unfreundlich und sichtlich überrascht, dass fremde Leute hier auftauchten. Immerhin war es vielleicht gerade das, was ihn zumindest dazu bewegte, Auskunft zu geben. Der Junge war elf oder zwölf, sehr hübsch und flink in seinen Bewegungen. Es schien, als würde er stets all das rasch zu Ende bringen, was der Alte, der offenbar sein Vater war, eher lustlos anpackte. Der Kahn war einmal blau gestrichen gewesen, die Farbe war überwiegend abgeblättert und das Holz war fast schwarz, er war viel kleiner, als Gunda angenommen hatte.
Sie arbeiteten mit einem Netz, und im Kahn lagen allerhand Utensilien zum Fischen. Der Alte zog schnell eine zerschlissene Decke darüber, die anderen Sachen konnte er nicht verstecken, aber man merkte, dass ihm eben nicht daran gelegen war, den Unbekannten Einblick in seine Ausrüstung zu gewähren. Im übrigen stellte er sich gar nicht vor, sondern hob gerade mal den Kopf, um den Gruß der anderen zu erwidern. Henry ließ deshalb von seiner üblichen Gewohnheit ab, allerlei interessierte Fragen zu stellen, und Gunda kam ihm sowieso zuvor. Ob er sie über setzen könne (sie verwendete hartnäckig dieses Wort und sprach es aus wie in einer Ballade), und zwar mitsamt Gepäck.
"Wo ist denn das Gepäck?" fragte der Junge, doch der Alte sagte "Halt den Mund", und setzte zu Gunda gewandt mürrisch hinzu "ich bin kein Fährmann", nein, das sei unmöglich. Wahrscheinlich hatten ihn noch nie Reisende um einen solchen Gefallen gebeten und seine Sturheit ließ eine solche Möglichkeit gar nicht erst aufkommen. Gunda sagte etwas von Hilfsbereitschaft und Pflicht, aber er blieb ungerührt, schwieg einfach und zeigte damit an, dass es besser wäre, die Herrschaften würden nicht länger ihre Zeit hier verschwenden, sondern sich anderswo umsehen.
"Weiter unten ist eine Brücke", sagte der Junge, der ihnen anscheinend weiterhelfen wollte. Der Alte blickte ihn wieder finster an. "Wie kannst du die Leute dorthin schicken, du weißt doch, dass die Brücke kaputt ist." Und nun zu Henry sagte er "Die Brücke ist eingestürzt, vor einem Jahr schon, da geht nichts mehr 'rüber." Der Junge wollte etwas einwenden, traute sich aber nicht. Henry sagte "Wir haben uns leider verirrt, erst mit dem Wagen und dann hier unten am Fluss." "Das passiert." sagte der Alte und fummelte an dem Netz herum. "Vielleicht können Sie uns wenigstens den Weg weisen." "Was?" knurrte er, als habe er sie schon wieder vergessen. "Der Junge könnte uns zu unserem Wagen zurück führen, er muss irgendwo in dieser Richtung stehen, unterhalb eines Kiefernwaldes." "Am Steinbühl, ich weiß wo das ist", sagte der Junge und machte ein paar Schritte aus dem Wasser.
Der Alte wollte ihn aufhalten, aber Henry sagte schnell "Das ist wirklich sehr freundlich von Ihnen." "Du bist gleich wieder da, verstanden." Der Junge lief die Böschung hinauf und einen Pfad entlang, der sich durch die Sträucher schlängelte. Sie überquerten eine Wiese, auf der eine einzelne Buche stand und passierten eine Sandgrube. Henry wunderte sich, dass sie so weit abgekommen waren. Einmal drehte sich der Junge um und sagte zu Gunda, die ihm als erste folgte "Ich heiß' übrigens Jonas, ich bin schon zwölf." "Ich heiße Gunda." "Sind das deine Eltern?" "Nein, ähm, ja das sind meine Eltern", meinte Gunda, schaute sich um und musste kichern.
"Sind schon ziemlich alt, was." "Naja", sagte Gunda "nicht so alt, wie's scheint." "Wohin wollt'n ihr eigentlich?" "Nach Hermannstedt." "Hermannstedt? Kenn' ich nicht, wo is'n das?." "Is' nur so'n kleines Nest", meinte Gunda und versuchte, seine Redeweise zu übernehmen. Aber er sagte nichts weiter, deshalb rief ihm Gunda zu "Soll ich dir mal 'n Rätsel stellen?" "Was krieg' ich dafür?" "Wie, was kriegst du dafür? Ich stell' dir doch das Rätsel." "Wenn ich's raus habe, was krieg ich dann?" Gunda überlegte. "Kriegst du sowieso nicht raus." "Die haben's aber nicht gerade eilig, deine Alten." Gunda wandte sich um, Katharina und Henry liefen Hand in Hand durchs Gras und bleiben immer wieder stehen. "Die sind nicht mehr so gut zu Fuß", meinte sie und holte tief Luft, weil der Junge wirklich einen strammen Schritt drauf hatte.
"Also, ich stell's dir jetzt: Welche Krankheit war noch in keinem Land zu finden?" "In keinem Land?" "Na, was hab' ich denn gesagt." "Also nich' in einem Land", murmelte der Junge, dann sagte er: "Die Seekrankheit." "Oh, das gibt's doch nicht. Du kennst es." "Gar nicht, das war überhaupt das erste Rätsel, das mir jemand gestellt hat, ehrlich." "Und dann gleich gelöst", meinte Gunda, "aus dir wird bestimmt mal was." "Wie meinst'n das?" "Das sagt man so, wenn einer 'ne gute Veranlagung hat." "Was?" "Eine Veranlagung. Na genau kann ich dir das jetzt nicht erklären, das ist so wie Talent, wie wenn einer schon ganz früh was besonderes kann."
Der Junge drehte sich zu ihr um. "Verstehe. Soll ich dir's verraten?" "Was?" "Was meine Verangelung ist. Ich kann das hier." Er drehte seine Augäpfel nach innen, dass die Pupillen in den Winkeln beinahe verschwanden." "Ihhh", schrie Gunda, "mach' das nicht, das kann so stehenbleiben." "Ach Quatsch, das hab' ich schon hundertmal gemacht." Er ging weiter voran und nach einer Weile sagte er "Wir sind gleich da, wenn ihr's hier übern Graben schafft, geht's schneller." "Klar."
Sie winkten die beiden heran und dann sprangen sie der Reihe nach über einen kleinen Bach, kamen über eine Anhöhe und konnten auf der anderen Seite die Kutsche sehen. Die Pferde waren ausgespannt und grasten. Siegfried werkelte an der Hinterachse herum. Henry fragte den Jungen, ob man wirklich nicht über die Brücke kommt. "Sie is' eingebrochen letztes Jahr un' eigentlich gesperrt, aber wer will, kann drüber. Kostet aber was. Der Guttjahr, was der Brückenwärter is', kassiert trotzdem, Vater kann ihn nich' gut leiden." "Kannst du uns noch bis hin bringen?" Katharina erinnerte daran, was der Vater gesagt hatte, doch der Junge meinte "Kann ich machen, Vater hat da nix dagegen, nachher will er doch alles genau wissen, was passiert is."
Sie waren bei der Kutsche angelangt. Siegfried hatte sich erholt und sagte nur "Na, einen schönen Ausflug gehabt?" Er spannte die Pferde ein und Gunda sagte "Los, alles einsteigen, wir fahren unverzüglich weiter, Jonas zeigt Ihnen den Weg." Siegfried und der Junge stiegen vorn auf. "Die hat ihre Eltern ganz schön im Griff", meinte er. "Ihre Eltern?" entgegnete Siegfried verwundert. Dann fügte er leise hinzu "Das sind ihre Großeltern." Der Junge sah ihn von der Seite an. "Quatsch. Da gehts lang."
An der Brücke war in einem Frühjahrshochwasser einer der beiden Pfeiler eingebrochen, und sie war überspült worden. Jetzt im Sommer war der Fluss seicht, und die mächtigen Bohlenbretter versanken in der Mitte kaum ein paar Handbreit im Wasser. Überhaupt hätte eine Kutsche an einigen Stellen ohne weiteres durch den Fluss fahren können, wenn nicht so viele große Steine verstreut gelegen hätten oder anderswo das Ufer verschlammt war. "Halten Sie an", sagte Jonas zum Kutscher, "erst mal sehen, wo der blöde Guttjahr steckt." Der Brückenwärter war nicht da. "Umso besser", meinte der Kutscher.
Die anderen waren ausgestiegen. Der Kutscher sagte, er würde es mit dem ganzen Gepäck versuchen. "Und wenn sie einbricht?" fragte Katharina, die sich schon die Koffer aus dem Wasser fischen sah. "Das ist nicht die erste wacklige Brücke, über die ich fahre." Jonas warf den anderen einen ermutigenden Blick zu. Der Kutscher zog die Zügel und gab den Pferden, denen die Sache nicht geheuer war, die Peitsche. Gunda rief "Und wie kommen wir rüber, bitteschön?" Der Kutscher hörte es nicht, das Fahrzeug polterte über die Holzbohlen. Die Pferde scheuten zwischendurch, und die Kutsche wankte von Seite zu Seite. Einer der Koffer auf dem Dach kippte um und rutschte bis über die Kante, blieb aber, durch irgendeinen Riemen gehalten, hängen. "Vorsicht!" schrie Gunda und wedelte mit den Armen. "Wozu hat er nun seine dämlichen Rückspiegel."
"Ich schlage vor, ich gehe voran", sagte Jonas wie ein kleiner Räuberhauptmann, "ihr kommt hinterher. Gunda, du gehst am besten als letzter", und weil sie ihn fragend ansah, fügte er vielsagend hinzu: "wegen deinen Eltern." "Wegen deinen Eltern?" fragten Henry und Katharina wie aus einem Munde. "Redet nicht soviel, lauft zu", entgegnete Gunda. Jonas deutete auf die Stellen, wo man gefahrlos hintreten konnte. Siegfried war mit der Fuhre heil drüben angekommen, und die Passagiere folgten ihm nach. Ihm stand der Schweiß auf der Stirn, und während die anderen sich ins Gras setzten, um ihre Aufregung abklingen zu lassen, kramte er in dem Kasten unter seinem Sitz nach einer Schnapspulle. "Heben Sie sich noch was auf", rief ihm Henry zu, "Sie müssen denselben Weg wieder zurück." "Niemals, und wenn ich einen Umweg über Hinterindien machen muss." "Da kommt was", sagte Jonas.
Man trifft sich immer zweimal.
Auf dem Sandweg, der flussaufwärts um einen kleinen Hügel herum zur Brücke hin führte, kam eine leichte, schnelle Reisekutsche herangefahren, die einigen Sand aufwirbelte. Der Kutscher machte keine Anstalten anzuhalten, grüßte nur mit einem Handzeichen im Vorbeifahren, und Katharina, die von dem flotten Tempo des Fahrzeugs beeindruckt war, winkte zurück. Plötzlich bremste der Wagen und blieb stehen, der Staub legte sich und der Kutscher rief "Madame Pauquet, ich grüße Sie und Ihre Freunde."
Gunda erkannte ihn zuerst. "Das ist Niccolo Tartaglia." Sie rannte hin. "Was machen Sie hier, Signore Niccolo." "Ah, Gerda, wie schön, Sie wiederzusehen. Ist alles in Ordnung?" fragte er. "Nein, gar nichts. Wir sitzen fest. Wenn Sie nicht gekommen wären." Henry hatte sich genähert. Niccolo stieg herab und reichte ihm die Hand. "Gerda sagt, Sie hätten ein Problem?" "Nein, eigentlich geht es schon wieder weiter; unser Kutscher war zwischenzeitlich ausgefallen, und gerade mussten wir über diese kaputte Brücke da hinüber." "Tja, in diesem Land kann Reisen manchmal eine beschwerliche Sache sein, besonders wenn man sich auf die Einheimischen verlassen muss." "Sie ja nicht", sagte Gunda. "Fahren Sie auch in dieselbe Richtung?" "Kommt darauf an, welche Sie meinen?" "Na da lang, es gibt doch hier nur eine Möglichkeit, wegzukommen. Können Sie uns nicht mitnehmen?"
Niccolo lächelte höflich, aber man sah, dass er Gundas Wunsch ungern erfüllen wollte. "Ich habe diese Kiste da satt, sie ruiniert mir meinen ganzen Körper, können Sie sich das vorstellen, Niccolo, diese sogenannte Kutsche hat nicht mal eine richtige Federung." "Unsere ist auch kein Himmelbett." "Ich will auch gar kein Bett, aber ..." Henry fragte "Ist Ihr werter Herr Vater auch dabei?" "Ja, natürlich." "Ach so", sagte Gunda, dann meinte sie "aber wenn jemand bei Ihnen mitfahren kann, wird unsere Kutsche leichter und kommt bestimmt schneller voran." "Meinetwegen", sagte Niccolo. "Prima, Henry, behälst du mein Gepäck im Auge." Katharina war ebenfalls herangekommen, Niccolo trat ihr entgegen und küsste ihre Hand. "Ich hoffe, Sie hatten nicht so viel Ungemach, Madame." "Ich fahre mit ihm mit."
Gunda riss die Wagentür auf und wollte einsteigen. Auf dem Sitz erblickte sie einen Mann, der schlief. Sie erschrak. Er sah ganz anders aus, als der alte Signore Tartaglia wie sie ihn in Erinnerung hatte. Sie zögerte. "Was ist, Gerda?" fragte Niccolo. "Ich habe es mir doch anders überlegt, es ist besser, wenn du mitfährst, Katharina." "Ich?" "Ja, einer muss schließlich mitfahren, damit wir leichter werden." "So, ich bin unser Schwergewicht." "Immerhin, ein paar Pfund macht es schon aus." Niccolo musste lachen. "Und warum nicht Henry?" meinte Katharina. "Ein Mann muss bei uns bleiben." Henry sagte "Ihr haltet Signore Tartaglia auf." Der machte eine unbekümmerte Geste.
"Wer hält ihn denn auf?" sagte Gunda. "Die einzigen, die hier aufgehalten werden, sind wir selbst." Niccolo sagte "Sie hat Recht, wenn Sie wollen, Madame Pauquet, können Sie gern bei mir Platz nehmen, ich habe auch schon seit Stunden mit niemandem mehr geredet." Er machte eine Kopfbewegung zum Fond hin, und Katharina schmunzelte. "Kann ich mit vorn sitzen?" "Wenn Ihnen der Staub nichts ausmacht." Sie schüttelte den Kopf. Sie stiegen beide hinauf. Henry und Gunda gingen zurück, Gunda machte dem Kutscher Beine und sagte, er solle unbedingt bei denen da dranbleiben. "Der ist mindestens doppelt so schnell wie wir", gab Siegfried zu bedenken. "Na großartig, dann kommen wir wenigstens mal vorwärts." "He", rief Jonas, den Gunda schon fast vergessen hatte. "He, mach's gut." "Kommst du mal wieder her?" "Was?" fragte Gunda und prustete vor Lachen, dann sah sie Jonas' enttäuschte Miene und meinte: "Vielleicht, ja. Ich denk' an dich." "Ich denk' auch an dich." Henry sagte "Danke noch mal für deine Hilfe, hier, nimm' das." "Danke."
Niccolo war nun froh, dass er jemanden hatte, mit dem er sich unterhalten konnte, er erzählte Katharina aus seinem Leben und wie er unter Napoleon gekämpft hatte. "Ich denke, Sie stammen aus Sizilien?" sagte sie. "Das ist meine Verwandtschaft mütterlicherseits. Wir selbst leben seit Jahr und Tag in der Lombardei, sie ist schon immer mehr mitteleuropäisch als italisch gewesen." "Und wie sind Sie an Napoleon geraten?" "Ich habe bei Campo Formio mitgemacht, Sie wissen vielleicht, als Napoleon gegen die Österreicher kämpfte." "So ungefähr." "Seine Armee hat Freiwillige aufgenommen, und ich habe mich gemeldet." "Da sind Sie ja noch ganz jung." "Nicht mehr so jung", sagte er und trieb die Pferde an.
"Damals war ich vierzehn." "Mit vierzehn sind Sie Soldat geworden? Mein Gott, als Kind." "Ich sah älter aus. Was haben Sie? Mädchen werden mit vierzehn verheiratet, Knaben fangen an, sich selber durchs Lebens zu schlagen." "Ich war mit vierzehn noch nicht verheiratet." Er schaute sie von der Seite an. "Und verliebt?" Sie lachte und zuckte mit den Schultern. "Schon möglich." "Sehen Sie, ich war beides." "Was?" "Ein Junge und verliebt. Deshalb bin ich Soldat geworden." "Ach, es war eine unglückliche Liebe." "Was man so nennt." "Da kam Ihnen Napoleon wohl gerade recht." "Ja. In meiner Truppe waren allein drei, denen es genauso ergangen war wie mir." "Aber es war nicht dasselbe Mädchen gewesen, oder?" Sie lachten beide.
"Wissen Sie eigentlich, wo es lang geht?" fragte sie. "Wir fahren einfach immer vor den anderen her." Nach einer Weile fragte sie "Und weiter?" "Was weiter?" "Sind Sie bei der Armee geblieben?" "Ja, eine Zeitlang." "Aber Sie waren nicht etwa auch in Ägypten? Jemand aus unserer Familie war dort." "Bis Malta bin ich gekommen. Dort bin ich erkrankt. Ich konnte gerade noch rechtzeitig weg, bevor die Briten kamen." "Haben Sie auch noch etwas anderes davon gehabt, dass Sie in der Armee gedient haben, ich meine, außer Ihren Liebeskummer loszuwerden. Einen Orden wenigstens?" Er lachte. "Einen Orden? Ja, beinahe. Den Roten Sternorden, auf der linken Brust zu tragen." "Wofür kriegt man den?" "Das war nur ein Scherz. Damit meine ich das Einschussloch, das man bei der Hinrichtung davonträgt." Sie sah ihn verständnislos an.
"So freiwillig wie ich eingetreten bin, so habe ich die Armee auch wieder verlassen. Allerdings bezeichnet man das anders, ich bin desertiert." "Du liebe Güte." Sie schwieg, dann sagte sie plötzlich "Heißt das, Sie sind jetzt auf der Flucht?" "Manchmal. Es kommt immer darauf, wo man gerade ist." Einen Moment lang dachte Katharina, dass es womöglich immer so weitergehen würde mit den verwegenen Abenteuern, je länger man sich mit Niccolo unterhielt. "Was sagt eigentlich Ihre Verlobte dazu?" "Angelina?" "Zu Ihrem, nun ja, nicht eben beständigen Leben." "Das ist in Ordnung. Ich bin nicht immer unterwegs wie jetzt. Es gibt Zeiten, da bin ich nur zu Hause." "Was machen Sie dann?" "Bitte?" "Oh, Verzeihung, ich meine, wird es Ihnen nicht bald langweilig?" "Natürlich. Deshalb muss ich auch immer wieder weg."
Katharina legte das Tuch, das sie vor dem Staub schützen sollte, tiefer um den Hals; der Weg war hier grasbewachsen und schlecht zu erkennen. Siegfried gab von hinten manchmal Hinweise. Katharina spürte eine angenehme Brise auf ihrem Gesicht, die über den flachen Hang mit unzähligen Wacholdersträuchern herüberwehte und aromatisch duftete. Sie schloss die Augen und dachte über Niccolos Schilderungen nach. Sie dachte an Napoleon, an den Krieg mit den Franzosen, sie erinnerte sich an ihre eigenen Erlebnisse in Frankfurt während dieser Zeit.
Die Franzosen vor Frankfurt ! Und was gibt es im Theater ?
In jenen aufregenden Wochen und Monaten schien es noch so, als würden die Ereignisse an der Stadt vorbei gehen. War es eine Hoffnung, an die sich die Einwohner klammerten? Oder im Grunde schon eine Selbsttäuschung, die sie praktizierten? Noch wirkte es wie einhellige Meinung: man wird uns heraushalten aus diesem Zwist zwischen den Mächten, die zu Großmächten geworden waren, wie man sie seit den Franken und Goten nicht mehr kannte. Denn schließlich lebte man in einer Freien Stadt, die unabhängig und stark genug war, um nicht einfach zum Königsopfer politischer Interessen zu werden.
Ja Paris, Potsdam, Wien, das waren Residenzen, gleichzusetzen mit Frankreich, Preußen, Österreich. Frankfurt war nicht Teil der Koalition und schon gar nicht der jungen Republik, und man hätte weder das eine noch das andere vorgezogen. Frankfurt war Europa, ein Europa des grenzenlosen Handels und der prosperierenden Wirtschaft. Eine Stadt wie ein Knoten im Netz der Straßen und Wege, das alle Orte des Kontinents miteinander verband. Eine Stadt, in der sich die Kaufleute aus aller Herren Länder trafen, ob sie nun mit englischem Tuch, spanischem Wein, italienischem Öl oder mit Meißner Porzellan handelten. Über die Weiten der Meere kamen Kaffee, Tabak, Gewürze und Dutzende andere exotische Waren hierher und lagerten in den Speichern. Auf den Messeständen stapelten sich druckfrisch die neuesten Schöpfungen abendländischen Geistes. Und in den Stuben der Wechsler und Bankiers sammelte sich das Geld zu etwas an, das bald jede noch so gefürchtete Großmacht zwingen würde: Kapital.
Der alte Varell, der einst Teilhaber des Pauquet'schen Handelshauses gewesen war und ihm nun im Alter als Berater zur Seite stand, hatte die Franzosen noch unter dem Grafen Thoranc erlebt, als sie die Stadt besetzten. Und er hatte es durchaus nicht übel gefunden, dass der Graf seinerzeit einige Gemälde in Auftrag gab, die sich sehen lassen konnten. Freilich war das ein anderes Frankreich gewesen als heute, und womöglich hatte ein Moreau nicht den gleichen Kunstsinn, höchstwahrscheinlich sogar nicht, denn Moreau, wenngleich einer seiner fähigsten Generäle, war doch bekanntermaßen Napoleons Gegenspieler, dessen Sinn für Kunst ebenfalls sehr pragmatisch war. Und nach Ansicht Varells glichen sich Mächtige, die einander neideten, im Wesen wie ein Ei dem anderen.
Frankfurt hatte florierende Wirtschaft, Kunst und Geist, Männer der Tat, geschäftstüchtige Juden und schöne Frauen. Aber keine Soldaten, und auch das konnte von Vorteil sein. "Was wollen sie denn tun?" fragte Varell, "sich zu beiden Seiten des Mains aufstellen und ihre Kanonen abfeuern?" Es bestünde kein Grund zur Sorge, allenfalls Anlass, die Feuerwehr zu verstärken. "Siege", so meinte er abgeklärt, "werden im Felde errungen, und sie werden in der Stadt gefeiert." Und so gewöhnte man sich vorläufig an den Zustand, ein Objekt der Begierde, aber nicht der Eroberung zu sein, strategisch wichtig, ökonomisch viel interessanter.
Man ging ins Schauspiel wie eh und je, und in diesen Tagen wurde Kotzebues neues Stück gegeben, jenes, das er später mal sein vielleicht bestes nannte: "Der Opfertod". Es handelt von einem Londoner Kaufmann namens Robert Maxwell, der durch Fehlspekulationen in den Ruin getrieben ward und nach mehreren ebenso erniedrigenden wie nutzlosen Rettungsversuchen, seine Familie in die Hand des einstigen und, wie sich zeigt, noch immer in Liebe zu Arabella flammenden Nebenbuhlers Malwyn gibt, um selbst mittels Freitod den Platz zu räumen.
Das Sujet hatte etwas Brandaktuelles und die Theatersaison wurde begleitet von ein paar krachenden Konkursen, von denen der Bankrott des Hauses Kantzler wohl am meisten Furore machte und vielen Geschäftsleuten die Schweißperlen auf die Stirn trieb und einigen den Horror ihres Untergangs in den schrecklichsten Farben vor Augen malte. Krieg hin oder her, es gab auch noch andere Arten umzukommen. Kotzebue lieferte nicht bloß Szenen, die manches merkantile Männerherz unangenehm berührten, er lieferte auch reichlich Moral, und die war etwas für die Damen.
Noch dazu brillierte die frisch engagierte Alméry in einer ihrer Glanzrollen, sie spielte die Arabella, ein Überwesen der Treue, die für ein paar Groschen mit elender Handarbeit sich die Finger zerstach, während der deklassierte Gemahl sich die Haare raufte vor Verzweiflung und Gram. Oh, die Arabella, respektive die Alméry, sie war wirklich ein Glücksgriff der Direktion, eine Zierde der Schauspielkunst, so wie sie seit der Sömmerwieth nicht mehr auf der Bühne gestanden hatte. Sie versprach noch mehr, denn die Sömmerwieth war, woran sich allerdings auch nur die älteren im Abonnement erinnerten, einem lasterhaften Lebenswandel zum Opfer gefallen, und ihre letzten Auftritte, bei denen sie heillos verfettet und mit aus rauchiger Kehle gepresster Stimme noch die tragischste Frauenrolle zur peinlichen Lachnummer verunstaltete, waren weniger als irgendetwas der Schwanengesang einer großen Actrice gewesen. Doch das war lange her.
"Wie der Alméry auf den Leib geschneidert" fanden die Damen die Rolle der Arabella, und gönnten solch ein Weib allen unglücklichen Männern, die wie Robert Maxwell ihr Vermögen verloren. Unverschuldet selbstverständlich. Andererseits wünschten sie keiner Frau, in eine so schier ausweglose Lage hineinzuschlittern, die, wie die vortreffliche Mimik der armen Alméry überzeugend demonstriert habe, selbst das festeste Herz in Stücke zu reißen drohte. Nach dem zweiten Akt gab es eine Pause. Man wandelte in den Gängen, die kreideweiß getüncht, vom dezenten Licht der Leuchter erfüllt waren und schritt andächtig die mit dunkelroten Läufern verkleideten Treppen hinab und wieder hinauf. Damen und Herren für sich standen in Grüppchen beieinander und suchten der Gnadenlosigkeit des Schicksals auf die Spur zu kommen.
Dabei fiel die Interpretation naturgemäß bei Männern und Frauen unterschiedlich aus, und während die ersteren einen praktikablen Ausweg für Maxwell erwogen, der letztlich auf eine mehr oder minder solide kaufmännische Rechnung hinauslief, herrschte bei den Damen Uneinigkeit darüber, welche der Kalamitäten der Arabella den größten Seelenschmerz abverlangte. War es die kaum mehr zu verbergende Armut und Not, die in ihrem Haushalt Einzug gehalten hatte? War es die aufzehrende und dabei erniedrigende Brotarbeit, mit der sie die Familie über Wasser zu halten versuchte, während der liebe Gatte immer tiefer hinabsank? Quälte sie das alte Schuldgefühl, da sie von Haus aus, wie ausdrücklich vermerkt war, mittellos in die Ehe geschickt wurde? War es die marternde Mühe, ihn, man konnte sagen mit unerschöpflicher Phantasie zu trösten, wo sie selbst des Trostes so sehr bedurfte, oder setzten ihr seine leidigen Selbstvorwürfe am meisten zu?
Wie auch immer, eines übertraf doch an Grausamkeit dies alles, nämlich im Moment ihres größten Mitgefühls einem anderen Manne überantwortet zu werden. Es schien, als wäre, was ihr zur Rettung verhelfen sollte, in Wahrheit ihre Vernichtung, eine fortan dauernde Bestrafung ihrer reinen Liebe. Die Seckendorff fasste es in kluge Worte, als sie meinte "Im Grunde ist es doch Arabellas Opfertod, den sie am lebendigen Leibe erfährt, so ist das wohl zu verstehen." Und dabei warf sie einen stumpfen Blick zu den Männern hinüber, die ihrerseits vage an der moralischen Stärke ihres Protagonisten zweifelten, indem sie Maxwells willentlichen Abgang unverantwortlich fanden.
"Wäre er im Duell getroffen worden", sagte der Fabrikant Weyerling, "oder meinetwegen auch von einer plötzlichen Krankheit hinweggerafft, das hätte ich gebilligt." Sich feige seiner Verantwortung zu entziehen, das wurde allgemein missbilligt. Der Kommerzienrat Wolff hätte ihn immerhin auf der Flucht tödlich vom Pferd stürzen lassen, und meinte, damit wäre "ein vernünftiger Mittelweg zur Lösung des Dramas" gefunden worden. Und Abel Siebenstern, der übrigens großzügig die Neubepolsterung der Logenplätze finanziert hatte, lief durch die Gänge und sagte immer wieder lachend und mit Bezug auf einen ehrenrührigen von Maxwells Gläubigern "Da zeigt ihm der Jud' erst, dass es noch Menschlichkeit gibt in der Welt, ha, der Jud', wer hätte das geglaubt." Übrigens endet das Stück durch die erfolgreiche Reanimation des aus der Themse Geborgenen und den spontanen Entschluss eines sehr reichen Mannes, Robert an seines verstorbenen Sohnes statt anzunehmen, im Guten. Der Beifall war ohrenbetäubend, und die Alméry bekam das meiste davon ab.
Um ein Haar wäre Katharina daran gehindert worden, die Vorstellung zu besuchen, denn Christian Pauquet hatte einen Geschäftstermin, der ungewöhnlich kurzfristig anberaumt war. "Ich treffe mich mit den Herren vom Club", hatte er zu ihr gesagt und das auch nur unter vier Augen. Katharina war hellhörig genug, um zu bemerken, dass er "vom Club" gesagt hatte und nicht "im Club". Dafür musste es einen Grund geben. Sie nahm das natürlich so hin und war es sowieso nicht gewohnt, dass Christian ihr über seine Arbeit nähere Auskunft gab. Er hätte selbst diesen Satz kaum geäußert, wenn nicht an dem Abend eben das Schauspiel auf dem Programm vorgesehen war. Dabei hatten sie auch noch Logenplätze, denn Christians Vater, der schwerhörig war, hatte mit ihnen getauscht. (Der Alte hatte die Angewohnheit, den Platz neben sich, auf dem ihm seine verblichene Gemahlin über fünfundzwanzig Jahre Gesellschaft geleistet hatte, immer noch zu reservieren.) So kam es, dass Friedrich gebeten wurde, Madame Pauquet an Christians Stelle zu begleiten, bis dieser eintreffen würde.
Friedrich Weickert weilte zu diesem Zeitpunkt seit ungefähr fünf Wochen im Pauquet'schen Hause und es gab da eine Schwierigkeit, er hatte nämlich für solchen Anlass nicht die passende Garderobe. Für sich alleine schon, auch ging er ja selbst gelegentlich ins Theater. Als Begleiter von Madame hätte sein Äußeres jedoch etwas unvorteilhaft, soll heißen auffällig abgestochen. So kam sie, nachdem die Vergnügung beinahe schon aufgegeben war, auf die Idee, Friedrich könne doch ausnahmsweise einen von Christians Anzügen nehmen, es gebe da den mit den samtenen Kragenaufschlägen, den der Gemahl zwar seit Jahr und Tag nicht getragen hatte, der aber sozusagen zeitlose Mode war. So würde man ihn höchstwahrscheinlich auch nicht als Pauquets Stück erkennen.
Der Einfall gefiel ihr so gut, dass Christian ihr den Gefallen tat und zustimmte; er hatte sowieso nur halb zugehört. Es musste so rasch entschieden werden, dass man vergaß, Friedrich zu fragen, ob ihm die Kostümierung gefiele, aber da er zuerst aus Zurückhaltung keinen Einwand erhob, blieb ihm dann weiter nichts übrig. Die Ehre, an Madame Pauquets Seite zu weilen, die Rolle, einen billigen Ersatz für den Herrn zu spielen und die Gelegenheit, Kotzebues neues Stück zu erleben, verwirrten sein Entscheidungsvermögen und er beschloss, so unverbindlich, wie er in die Sache hineingezogen worden war, sie auch über sich ergehen zu lassen und dabei möglichst nicht zu enttäuschen.
So fügte er in den Pindar, dessen Vierte Pythische Ode er just sich für den Abend vorgenommen hatte, an der besagten Stelle ein Lesezeichen ein, als Katharina ihn in seiner Stube im Obergeschoss aufsuchte und ihm eilig aber ohne Hast die Situation schilderte. Dann folgte er ihr die Treppe hinab, durch den Flur, durch das Vorzimmer des Salons, durch den Salon, durch zwei weitere Zimmer. Auf dem Weg dorthin sah sie sich ein paarmal um und sagte "Sie müssen gar nichts weiter tun, als einen guten Eindruck zu machen, das können Sie doch, oder?" Er wollte erwidern, dass er Hauslehrer sei und kein Gesellschafter, fand dann jedoch darin keinen echten Vorbehalt und sagte nur "Ich werde mir Mühe geben, Madame Pauquet."
Dann meinte sie "Wenn jemand fragt, lassen sie ruhig mich reden. Die Leute sind neugierig, wissen Sie, aber man muss ihnen nicht alles auf die Nase binden." "Ich verstehe nicht, Madame, was meinen Sie?" Sie blieb kurz stehen und sagte mit gespielter Vertraulichkeit "Ach, naja, man muss doch nicht immer alle über die wahren Gründe aufklären." Es verwunderte ihn, dass sie dies in einer verallgemeinerten Form sagte. "Was ist denn der wahre Grund?" fragte er naiv. Sie kehrte zu dem kühlen Hausherrinnenton zurück, aber man sah, dass er ihr selber nicht behagte "Herr Pauquet hat einen wichtigen Termin, einen sehr wichtigen sogar, aber das vergessen Sie gleich wieder, Herr Weickert." Er schüttelte unmerklich den Kopf und fragte sich, welchen Grund für Pauquets Abwesenheit sie wohl erfinden würde. "Außerdem können Sie ja über sich erzählen, da können Sie nichts falsch machen."
Sie stürmte weiter. Im Salon stand ein Fenster offen. "Mein Gott, hat Wilhelmine wieder vergessen, die Fenster zu schließen. Herr Weickert, haben Sie oben alle Fenster geschlossen? Sie wissen, im Moment lautet die Weisung, ab achtzehn Uhr alle Fenster zu." Ohne seine Antwort anzuhören, sprang sie kurz hin und verriegelte es. Sie waren in dem letzten Zimmer vor Katharinas Schlafgemach angelangt. Sie sagte "Warten Sie bitte hier", und ging hinein. Sie ließ die Tür offen stehen. Bis jetzt hatte Friedrich diese Räume noch nicht betreten. Er schaute sich um. Alles war sehr schön eingerichtet, von gediegenem Komfort, aber nicht protzig. Eine kleine gemütliche Sitzgruppe stand an der Fensterseite, und gegenüber, neben dem Kamin hingen zwei ovale Gemälde mit Pauquets Eltern. Friedrich gefiel am besten der Teppich mit seinem farbenfrohen Muster, der ganz ungewöhnlich quer durchs Zimmer lag.
Er sah durch die Tür ins Schlafzimmer. So ein Bett hatte er auch im Haus der Frau von Blessing gesehen, wo er zuvor als Hauslehrer tätig gewesen war. Über Madame Pauquets Bett war eine blauweiß gestreifte Decke gezogen und am Kopfende lagen ein gelbes und ein rotes Kissen, mit kleinen Quasten an den Zipfeln. An der Wand darüber hing ein Bild mit einer arkadischen Landschaft, wahrscheinlich ein Lorrain, dachte Friedrich. Über einem Stuhl war ein Kleid abgelegt, die Gürtelbänder fielen bis auf den Boden herab. Sie war durch das Schlafzimmer noch in ein weiteres gegangen, offenbar Christians Zimmer. Friedrich bemerkte, dass auch aus dem Vorzimmer eine Tür dorthin führen musste, warum war sie den Umweg gegangen?
Sie kam mit dem Anzug über dem Arm zurück. "Oh, schauen Sie nicht hier herein", rief sie und warf das Kleid vom Stuhl in eine versteckte Ecke. "Probieren Sie das." Sie rückte einen schweren Sessel beiseite, der Teppich schob sich mit Falten zusammen. "Hier ist ein Spiegel, nein warten Sie, ich gehe solange hinaus. Bimmeln Sie mit der Glocke hier, aber nicht so laut, sie hat einen schrecklichen Klang. Beeilen Sie sich ein bisschen." Sie ging wieder nach vorn und schloss leise die Tür hinter sich. Friedrich zog sich um. Es zeigte sich, dass beide Männer in etwa gleicher Statur waren, Friedrich sogar etwas schlanker, nur die Hosen waren eine Kleinigkeit zu lang. Wie sie das Wort "bimmeln" ausgesprochen hatte, wie ein Kind, das Karussell fährt.
"Sind Sie soweit? Eppler steht schon mit der Kutsche vorm Haus", rief sie hinter der Tür. "Geht das so?" fragte er und zog die Ärmel unauffällig nach oben. Gerade begeistert war sie wohl nicht. "Drehen Sie sich mal, langsamer. Der hat ja einen komischen Schnitt in der Taille, das wusste ich gar nicht mehr." Sie überlegte. "Glauben Sie, man wird darüber lachen?" fragte er besorgt und unterbrach ihre Überlegung. "Haben Sie Angst, dass man über Sie lachen wird?" "Nun ja." "Nicht, wenn Sie mit mir gehen", meinte sie sehr selbstsicher. Tatsächlich, wie er sie so anschaute, in ihrem dunkelblauen Kleid mit schwarzem Kragen, der mit einem schmalen goldenen Band eingefasst war und mit dem kleinen funkelnden Diadem im braunen Haar, da würde wohl niemand wagen, über ihren Begleiter, wer immer es auch sei, zu witzeln.
"Trotzdem, die Hosen sind zu lang", meinte sie, "was machen wir nur." Jetzt hatte sie sich schon so viel einfallen lassen, um den Abend zu retten, dass auch diese Lappalie noch ausgeräumt werden würde. "Ich hab's, Christian hat ein paar Schuhe mit hohen Absätzen." Einen Augenblick später kam sie damit wieder. Es waren halbhohe Schnürstiefel, wenig getragen, sie drückten Friedrich am Spann. "Das macht doch die Hosen nicht kürzer", gab er vorsichtig zu bedenken. Sie schaute auf die Uhr. "Hach, Menschenskind, das ist aber auch ärgerlich mit Ihnen." Sie verbesserte sich. "Entschuldigen Sie, ich meine natürlich nicht Sie, Friedrich, es muss doch irgendwie gehen."
Die Tür öffnete sich und Henriette erschien im Nachthemd. "Mama, wo hat Marie das Schlafkissen hingetan?" "Was weiß ich, du solltest längst im Bett sein, Schatz." "War ich ja schon." Ihr Blick fiel auf Friedrich und sie musste sich das Lachen verkneifen. Katharina sagte "Geh' bitte, ich weiß es jetzt auch nicht." Dann rief sie Henriette zurück. "Warte mal, Jette, hol doch bitte mal aus meinem Zimmer das silberne Kästchen." "Das Nähkästchen?" "Ja genau. Du kannst mein Schlafkissen nehmen, liegt auch auf der Kommode." Henriette holte beide Sachen. Katharina schickte sie ins Bett. "Schlaf gut, Henriette", sagte Friedrich. "Danke", meinte das Kind und fügte hinzu "Sie sehen toll aus, Herr Weickert." "Wackeln Sie mal bitte nicht so", sagte Katharina und versuchte, den umgeschlagenen Hosensaum provisorisch festzuheften.
Friedrich schaute von oben herunter, er wusste nicht, was sie da machte. Dann sagte er "Alfred hat heute eine schwierige Stelle im Homer fehlerfrei übersetzt." Katharina, die zwei Stecknadeln zwischen den Lippen hielt, erwiderte undeutlich "Sehr schön, Sie sind für den Jungen ... so stehen Sie doch still. Na, das müsste gehen." Sie erhob sich, ihr Schmuck fiel herab. Beide bückten sich gleichzeitig und stießen mit den Köpfen zusammen. Sie schrie auf "Au, Sie haben aber eine harte Birne, ich meine ..." Sie rieb die Stelle an der Stirn. "Verzeihung." Als er sah, dass es nicht so schlimm war, meinte er "Das ist der Ausgleich dafür, dass ich nicht so groß bin." Sie lächelte. Eppler pfiff draußen. Katharina sagte noch "Und bitte, Herr Weickert, seien Sie charmant und halten sie sich am besten zurück."
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