Leutnant Jakob, der schon von einem Offizier dieses Namens gehört hatte, war für einen Moment unschlüssig, ob er die Unterhaltung fortsetzen oder einstweilen unterbrechen sollte, doch Doktor Messerschmidt meldete sich und fragte, weshalb man ihn zu sprechen wünsche. Der Leutnant erklärte in kurzen Sätzen, dass ein gewisser Herr von Warneburg nach ihm rufe, weil seine Gemahlin einen plötzlichen Fieberanfall erlitten habe und den Doktor bitte, nach ihr zu sehen." Messerschmidt nickte. "Wie kommt es, dass er Sie hierher schickt?" Der Leutnant erklärte weiter, dass er seinen Vorgesetzten bei einem Besuch des Hauses des G. begleitet habe, wo sich auch der besagte Warneburg befand. Und während dieser sogleich auf die Nachricht des Krankheitsfalles nach Hause geeilt sei, sollte er, der Leutnant, den Doktor ebenfalls dorthin bringen. "Sie versehen, scheint es, einen ausgezeichneten Dienst, Leutnant", lobte Marchlewitz, der gern noch mit ihm geplaudert hätte.
Leutnant Jakob wusste nicht, was daran besonderes sein sollte und wollte sich von den Herren verabschieden. "Wissen Sie denn, wo Herr von Warneburg wohnt?" "Nein." "Sie müssen auch gar nicht mitkommen, bleiben Sie noch ein wenig hier und vertreten mich oder unterhalten Sie die Damen, das können Sie bestimmt besser." Jakob konnte nicht erkennen, ob diese letzte Bemerkung seine Unkenntnis des Ortes betraf oder tatsächlich eine mangelnde Unterhaltsamkeit des Doktors. Der Gedanke, seinen Auftrag, der ja ein Befehl war, nur halb auszuführen, widersprach seinem Pflichtgefühl. "Es tut mir Leid, Herr Doktor Messerschmidt, wenn ich Ihrem Wunsch nicht entsprechen kann, aber ich muss Sie bis zum Warneburg'schen Domizil begleiten." "Junger Mann, ich versichere Sie, dass Sie derowegen keine Schwierigkeiten bekommen werden und sich er schaute die anderen ermunternd an die anwesenden Damen und Herren gewiss nur löblich über Sie äußern." Ein Gemurmel der Zustimmung bekräftigte seine Worte, während dem Leutnant unwohl war bei dem Gedanken, es könnte nachher, warum auch immer, jemand nachteilig über ihn berichten.
Messerschmidt ging und der Leutnant stand noch den Blick zur Tür gerichtet als wollte er ihm doch lieber folgen, da brach ein Gewitter von Fragen aus der Damen Runde los, die alle und jede für sich, den Vorgang mit der Frau von Warneburg haarklein aus seinem Munde zu erfahren wünschten. Jakob hätte in den Boden versinken mögen, und Fjodor Alexejewitsch sagte verächtlich: "Tja, mein Freund, das haben Sie nun von Ihrer Dienstbeflissenheit."
Wie denn die genaue Benennung des Krankheitsbildes gelautet habe? Ob es wirklich ein plötzlicher Fieberanfall gewesen sei oder ein Migräneanfall oder eine heftige Übelkeit? Ob genauere Umstände, Symptome, Maßnahmen mitgeteilt worden seien? Ob diese Frage fand allgemeines Interesse irgendetwas darauf hingedeutet habe, dass es sich nicht um Frau von Warneburg, sondern um das Fräulein von Warneburg gehandelt habe? Überlege er noch mal genau! Nein, er habe "gnädige Frau" verstanden, meinte der Leutnant, der von Frage zu Frage unsicherer wurde. Wie der Herr von Warneburg auf die Nachricht reagiert habe? "Ganz normal." "Normal? Um Himmels Willen, es ist doch ein Notfall?" rief Madame Rickert und lud ihre Entrüstung zu gleichen Teilen auf Jakobs und auf des Warneburg Gelassenheit ab. Wer denn die Nachricht von der plötzlichen Erkrankung gebracht habe?
Das könne er nicht genau sagen, weil er sich gerade in einem Nebenzimmer befand. Aber er müsse sich an den Boten erinnern, das sei wichtig. War es eine Frau oder ein Mann? Eine Frau, glaube er. Der Leutnant bekam ein paar Beschreibungen von Personen, die eventuell in Frage kämen, und legte sich vage auf eine fest, die aber offenbar nur größere Ratlosigkeit hervorrief. "Die Weitersbach kann es nicht gewesen sein, denn soviel ich weiß, befindet sie sich gar nicht in der Stadt", versicherte jemand. Warum er sich denn ausgerechnet in diesem Moment, als die Nachricht eintraf, im Nebenzimmer aufgehalten habe, und mit wem, fragte eine. Diese Frage brachte ihr jedoch nur missbilligende Blicke ein, weil sie überhaupt nicht hierher gehörte. Nun gut, wie er aber, wenn er im Nebenzimmer war, wissen könne, dass es sich definitiv nicht um das Fräulein von Warneburg handelt? Schon besser.
Ob irgendein, auch nur das mindeste Anzeichen bei der Nachricht oder der Reaktion des Herrn von Warneburg in Zusammenhang gebracht werden könne mit einem besonderen Zustand, in dem sich das "Fräulein von W" befinden könnte? "Wie soll ich das wissen?" meinte der Leutnant etwas patzig. "Er hat recht", sagte Antonia und beschwichtigte die Neugierigen, "es genügt, wenn er uns sagen würde, dass ein solches Anzeichen bemerkbar war, den Zusammenhang stellen wir dann schon selbst her." Damit erntete sie großes Gelächter und niemand war dem armen Leutnant böse.
"Da war noch etwas", meinte er, und ein kleiner Schauer des Erschreckens erfasste die Frauen. "Was? So reden Sie?" "Als er die Nachricht erhalten hatte, fiel dem Herrn von Warneburg ein, dass er in seiner Tasche ...", der Leutnant stockte und äußerte in militärisch korrektem Ton: "Nun ich weiß nicht, ob es mir meine Dienstordnung erlaubt, darüber Auskunft zu erteilen." Es hätte ihn sicherlich wenig heldenhaft zu Boden geworfen, wenn einige der Blicke, die ihn jetzt trafen, tödlich gewesen wären. Aber eine merkwürdige Bewegung seines Oberkörpers, die seiner preussischen Steifheit einen fast antiken Schwung gab und sein Haupt mit der wallenden lockigen Mähne eine halbe Drehung vollführen ließ, beeindruckte die weiblichen Gemüter derart, dass einige Augenpaare aus sanfter Scheu für einen Moment sich schlossen und das aufgeregte Gezwitscher verstummte wie beim Auftritt eines prächtigen Hirsches auf der Lichtung des Waldes.
Aber das Publikum holte nur Luft. Madame Rickert, die glaubte bemerkt zu haben, dass der junge Leutnant zu dem alten General hinübergeschaut hatte, gab der Tür zum Nebenzimmer einen Stoß, behutsam wie beim Billardspiel, und alle verfolgten, wie sie langsam in den Angeln herum schwenkte und nur noch durch einen schmalen Spalt das Bramarbasieren der Männer drang. "Nun, Herr Leutnant, entledigen Sie sich doch erst einmal Ihres fürchterlichen Säbels, Sie sehen, wir alle hier sind unbewaffnet." Der Leutnant tat wie ihm gehießen und fuhr ganz sachlich und wirklich viel gelockerter fort. "Indem er in seiner Tasche ein Medikament trug, das er selbigen Tages in der Apotheke auf Anraten des Arztes für die besagte Patientin abgeholt hatte und dessen er mittlerweile nicht mehr gedachte." Es schien, als suchte Jakob nach seinem eigenen Vortragsstil. "Nun er aber, durch die prompte Nachricht erinnert, das Fläschchen herauszog, sich an den Kopf schlug ..." "Was? Er hat es sich an den Kopf geschlagen?" "Sich mit der Hand an den Kopf schlug und rief: 'Ach, die Medizin, wie konnte ich das vergessen'. Dann warf er noch einen flüchtigen Blick auf die Uhr das sah ich genau, denn die Uhr befand sich im selben Zimmer wie ich und verließ dasselbige eilends. Und wenn Sie mich jetzt für einen Augenblick entschuldigen, meine Damen, Danke." Damit sprang er zur Tür hinaus. "Ihr habt ihm eine Beschwernis verursacht", knurrte Fjodor Alexejewitsch, "mit eurer garstigen Penetranz." Niemand hörte auf ihn.
Während der nächsten Viertelstunde wurde natürlich über das Medikament debattiert, wobei man zu dem Schluss kam, dass man nichts Genaues sagen könne, solange man nicht wüsste, ob es sich um Tropfen, Pulver oder Tabletten gehandelt habe. Bedauerlicherweise pausierte der Leutnant länger als erwartet. Er hatte sich nämlich, nachdem er auf der Toilette Erleichterung gefunden hatte, aufgrund seines Orientierungsmangels in die Küche verirrt. Man brauchte also einen Experten, der in der Zwischenzeit die Damen über den Sachverhalt an sich, also in Absehung der wirklichen Ereignisse, informierte.
Da kam Adalbert Korn aus dem linken Nebenzimmer, wohin sich eine kleine Gruppe verzogen hatte, die den anstrengenden und zum Teil lautstarken Debatten entlaufen war. Er hielt vier leere Bowlegläser in Händen und war im Begriff "Sie erlauben, meine Damen" sie neu zu füllen, als die Rickert, die es außerdem neidete, dass er die Luise Gerber aus ihrem Kreis weggelockt und in ein offenbar sehr angeregtes Gespräch verwickelt hatte, mit der Aufforderung festhielt: "Adalbert, Sie kommen gerade recht, Sie haben doch auch Medizin studiert, erklären Sie uns einmal folgenden Unterschied", und sie setzte ihn kurz von dem Problem in Kenntnis, natürlich ohne Namen zu nennen. Adalbert wandte ein, dass er nicht Medizin, sondern Rechtswissenschaft studiert habe, allerdings in seiner Tätigkeit als Anwalt vor Jahren ein Gutachten für einen berühmten aber umstrittenen Homöopathen, namens Hahnemann erstellt habe, der im Gothaischen eine Heilanstalt eröffnet hatte. Diesbezüglich musste er sich auch mit der Arzneilehre beschäftigen und könne durchaus etwas darüber mitteilen.
"Tropfen", begann Adalbert, noch immer die leeren Gläser in Händen haltend, "lindern, wie man weiß, akute Beschwerden, helfen schnell, weil sie durch die unentwegt im Körper zirkulierenden Säfte binnen kürzester Zeit an die Stelle gelangen, wo sie am nötigsten gebraucht werden." Dabei beschrieb er mit den Gläsern kreisförmige Bahnen und steigerte sich im Verlauf seiner Darstellung zu einem wahren Jongleur, indem er versuchte, sie nebenbei zu füllen, um rasch wieder ins Nebenzimmer abgehen zu können. "Sie eignen sich daher vorzüglich in Fällen, wo schnelle Hilfe geboten ist. Ein Pulver dagegen muss meist erst aufgelöst in Wasser zur Flüssigkeit gemacht und damit der Tropfenhaftigkeit angenähert werden. Aber man braucht eine höhere Dosis davon, was bedeutet, dass es niemals so punktgenau wirksam sein kann wie Tropfen. Tabletten ganz und gar verlangen, dass sie verdaut werden, sind also einer vergleichsweise längeren Verarbeitung unterworfen und wann ihre Wirkung einsetzt, kann ebendeshalb nur innerhalb einer gewissen Zeitspanne vorhergesagt werden." Damit waren seine Gläser wieder voll, durch die ganze Schwenkerei wusste er nun nicht mehr, wem welches Glas zuzuordnen war, nahm es mit einem Achselzucken hin und empfahl sich.
Die Damen zogen ihre Schlußfolgerungen. Wenn es also Tabletten in Warneburgs Arzneifläschchen waren, dann dürfte ihre Verabreichung zwar dringend, und seine Säumigkeit nicht zu entschuldigen sein, aber die Erkrankung, da sie durch die Tabletten lediglich erträglich gemacht würde, von einem äußerst hartnäckigen Grundübel hervorgerufen sein, und ihr Verlauf, trotzdem er im ganzen absehbar sei, noch einige Überraschungen bereithalten; wie es ja das überfallartige Erscheinen des jungen Leutnants mit seinem Hilfeersuchen gezeigt hatte. Und da man wusste, dass Frau von Warneburg auch in der Vergangenheit bereits an heftigen Beschwerden laborierte, lag die Vermutung nahe, in ihr die bedauernswerte Patientin zu erkennen zu können. Tropfen leisteten bei ihr ganz und gar den verkehrtesten Dienst, würden stattdessen auf etwas hindeuten, das nicht ursächlich zu heilen erforderlich wäre, sondern dessen lästige Begleitsymptome beseitigt würden.
"Also eigentlich gar keine richtige Krankheit", meinte Antonia. "Und was ist mit dem Pulver?", warf eine nachdenklich ein. "Wie meinen Sie das?", fragte die Rickert, der die Frage, mehr noch der Ton missfiel. "Na, das Pulver, von dem die Rede war." "Niemand hat ernstlich von dem Pulver gesprochen, wir haben es ja nur erwähnt, weil es in die Aufzählung mit hinein gehört." Dieser Rechtfertigungsgrund schien sehr konstruiert und verstärkte nur die Unbehaglichkeit, die plötzlich unter einer Decke des Schweigens hervorkroch. Die Dame mit den Handschuhen erhob sich und öffnete das Fenster weit. "Puh, es ist schwül geworden."
Als der Leutnant Jakob wieder erschien, waren die Frauen immer noch geteilter Meinung, und so machte er unauffällig einen Bogen um sie und ging in das andere Zimmer, obwohl er nicht recht wusste, was er bei der Veranstaltung nun mit sich anfangen sollte. Würde er gehen, ohne wenigstens eine Rückmeldung von dem Doktor bekommen zu haben, könnte er ungewollt neue Verwirrung verursachen, wenn er sozusagen eigenmächtig seinen Posten verließe. Andererseits hatte der Doktor nicht versprochen zurückzukehren, und er war wohl auch nicht verpflichtet, eine Nachricht zu geben.
Da sah der junge Leutnant das Fräulein, das auch Henry aufgefallen war, das sich ebenfalls von den Damen entfernt hatte und zusammen mit Fjodor Alexejewitsch am Cembalo stand, offenbar hatten die beiden die Absicht zu musizieren. Um wieder Anschluss zu finden, fragte der Leutnant ein bisschen töricht, ob man jetzt gleich etwas zu hören bekäme, doch Fjodor Alexejewitsch schaute ihn geringschätzig an, während sich von der Zigarre, die zwischen seinen Lippen klebte, dicker Qualm verbreitete. Der Leutnant musste husten, und das Fräulein lachte, aber es war ein nettes Lachen. "Entschuldigen Sie, Herr Hauptmann, er hat keine Manieren." Fjodor Alexejewitsch sagte nichts; er hatte eine Transversflöte, die auf dem Cembalo gelegen hatte, in der Mangel und versuchte, das Kopfstück zu lockern, aber er ging damit um, als wäre es die Pflugschar eines russischen Bauern. "Es klingt nicht mehr richtig", sagte das Fräulein. "Darf ich mal?" sagte der Leutnant. "Verstehen Sie etwas davon?" "Ein wenig." Fjodor gab ihm das Instrument etwas widerwillig und sagte schnell "Dann kann ich euch ja alleine lassen", und ließ sie in einer Wolke stehen.
Der Leutnant begutachtete die Flöte, das Fräulein sagte "Aber es ist kein Schießgewehr." Er lächelte, dann sagte er "Ich bin auch kein Hauptmann, sondern nur Leutnant." "Ach ja, stimmt", erwiderte sie und fügte hinzu "Ich bin das Fräulein Beatrice." Sie hielt ihm ihre schmale Hand hin, zog sie jedoch gleich wieder zurück. "Lassen Sie, ich möchte Sie nicht unterbrechen." "Warum wollte der Herr das Kopfstück los machen?" "Weiß nicht." "Das ist nicht nötig." "Nein? Ein Glück, es ging nämlich nicht." Von der Damengruppe her schallte ein Ruf nach dem Leutnant, offenbar wollte man noch etwas erfahren.
Er schaute hinüber, Fräulein Beatrice sagte "Lassen Sie die nur rufen." "Es ist diese Walzenschraube." "Bitte?" "Hier, sehen Sie, diese kleine Schraube, die ist locker, dadurch schließt die Klappe nicht mehr richtig." Das Fräulein sagte scherzhaft zu der Flöte: "Halt die Klappe, du dummes Ding." Sie mussten beide lachen. "Woher wissen Sie das alles?" "Mein Onkel war bei Johann Quantz angestellt, bei dem Flötenmeister Friedrichs des Großen, er ist sehr alt geworden." "Wer?" "Mein Onkel. Verzeihung, ich drücke mich manchmal etwas unklar aus." "Aber gar nicht. Wie Sie das mit der Schraube erklärt haben, ich glaube, das hätte keiner besser gekonnt." Der Leutnant errötete. Das Fräulein drehte an einer Locke ihrer dichten blonden Frisur.
"Na ja, die Ursache zu finden ist das eine, sie zu beheben ein anderes." "Wie meinen Sie das schon wieder?" "Man bräuchte einen ganz kleinen Schraubendreher, um sie festzuziehen. Sehen Sie, hier diesen ..." "Oh, bitte, kommen Sie mir nicht so nahe." Der Leutnant schreckte zurück, sie sagte "Diese Damen da beobachten alles, sie warten nur auf irgendeine peinliche Situation." "Ich bitte vielmals um Verzeihung. Ich muss jetzt sowieso ..." Er wollte die Flöte aufs Cembalo legen. Das Fräulein sagte "Aber nein, warten Sie, ich möchte nur nicht, dass Sie Unannehmlichkeiten bekommen, ich meine, immerhin sind Sie doch im Dienst." "Das ist wahr. Und das hier - er deutete auf die Flöte - geht mich auch gar nichts an."
Sie schwieg. Er schaute zu den Damen hinüber und straffte unmerklich seine Haltung. Sie sagte schnell "Nun haben Sie mich neugierig gemacht." "Was sagten Sie?" "Es interessiert mich wirklich, was mit der Klammer los ist." "Mit der Schraube?" "Ja, richtig, die Schraube war's, nicht die Klammer." Er wahrte den Abstand. "Dieser Schlitz hier, dafür passt nur ein kleines Werkzeug." Sie musste wieder lachen. "Was ist? Habe ich mich blamiert? Das ist hier wahrhaftig nicht mein Feld, gnädiges Fräulein", sagte er etwas unwillig. "Nein, nein, ich musste bloß lachen wegen dem Ausdruck." Er schüttelte verständnislos den Kopf. "Ist das nicht ein bisschen ordinär?" "Ach so, Sie meinen den Schl... So sagt man nun mal dazu; kann sein, dass es eine Fachbezeichnung gibt, aber die kenne ich nicht." "Aber Ihr Onkel." "Ja, der." "Ist leider nicht da. So sind wir auf uns allein gestellt." "Ja. Inmitten einer Batterie argwöhnischer Beobachter." Sie lachten.
"Ah, ich habe eine Idee, ich bin gleich zurück", rief Fräulein Beatrice so keck, dass der Leutnant zusammenzuckte. Sie kam zurück und gab ihm ein kleines metallenes Ding. "Aus meinem Necessaire, vielleicht nützt es Ihnen." "Was ist das? Ein Messer?" Er fuhr über die Klinge, aber sie war aufgerauht, und die Schneide vollkommen stumpf, die Spitze abgerundet. "Eine Fingernagelfeile, eine ganz moderne Erfindung." "Eine Fingernagelfeile", murmelte er, klemmte die Flöte unter den Arm und strich mit der Feile über seinen Daumennagel. Sie sagte "Nein, nicht so, vorn an der Kante muss man feilen." "Und wozu soll das gut sein?" "Wozu? Wann haben Sie denn zuletzt eine Damenhand aus der Nähe gesehen?" fragte sie spöttisch. "Ich wurde leider auf Distanz gehalten", meinte er ebenso. "Das war gut pariert, Herr Leutnant. Nun, geht es damit? Vielleicht kriegen wir sie ja heute noch zum Klingen." "Ach so, ja, freilich. Schauen Sie, Fräulein ..." "Beatrice. Beatrice Vermenon." "Fräulein Beatrice, es funktioniert, sind Sie sicher, dass es für Fingernägel gedacht ist." "Sie meinen, es ist in Wahrheit ein Schraubenschlitzdreher?"
Er zog diese und alle anderen Schrauben gleich mit fest. Dann sagte sie unvermittelt "Haben Sie schon mal einen Feind erlegt?" Er schaute sie an. "Nein." "Ein Glück." "Warum?" Sie überlegte einen Moment. "Es wäre ihm bestimmt übel ergangen." Er schüttelte wieder den Kopf. "Fräulein Beatrice, welche Vorstellung haben Sie vom Militär?" "Gar keine. Ich wollte eigentlich auch was anderes sagen." "Nämlich?" "Ich finde, es passt nicht zu Ihnen, andere Menschen totzuschießen." "Woraus schließen Sie das?" "Nun hören Sie auf mit der Nachfragerei, es mag Ihnen genügen, wenn ich Ihnen meine Impression verrate, das ist schon viel." "Das stimmt, ich nehme es zur Kenntnis. So, das wär's."
Er setzte die Flöte an den Mund. "Halt, warten Sie", sagte Beatrice. "Was ist? Ich will sie nur ausprobieren, ich kann auch gar nicht richtig spielen." "Dann sollten wir es vielleicht nicht hier drin ausprobieren, die würden womöglich drüber lachen." Sie machte eine Kopfbewegung zu den anderen hin. "Und wo sonst?" "Draußen im Garten." "Es gibt einen Garten?" Sie sah ihn komisch an. "Sie sind ein Soldat und kennen nicht das Gelände, auf dem Sie sich bewegen?" "Ich bin zum ersten Mal hier." "Dann werde ich Ihnen zeigen, wo man sich besonders gut vor dem Feind verstecken kann." Sie blieb stehen und setzte hinzu: "Wenn Sie wollen."
Die Sonne schickte ihre letzten Strahlen des Tages über die Dächer des Städtchens. In den Gassen hatte sich die tagsüber aufgeheizte Luft gestaut. Die Pferdehufe und die Räder der Kutschen wirbelten kleine Staubwolken auf, die aber schnell wieder in sich zusammenfielen, da kein Lüftchen mit ihnen spielte. Die wenigen Leute im Freien schlichen langsam vorüber, und nur eine Schar verschwitzter Kinder rannte um die Häuserecken. Die halbhohen Linden ließen die Blätter hängen, als warteten sie, dass etwas geschehe. Der Himmel war schwer wie dickes milchiges Glas und die Glocke von Sankt Marien schlug träge zur halben Stunde. Doktor Messerschmidt war beim Haus Rosengasse 4 angekommen, Therese, die Haushälterin öffnete ihm.
Im halb offenen Fenster im ersten Stock stand ein Vogelbauer aus Weidenruten. "Na Therese, immer auf dem Posten." "Muss ja, Herr Doktor", erwiderte sie mit leisem Stolz. Warneburg kam ihm entgegen. "Tut mir Leid, dass ich Sie bemühen musste." Messerschmidt entnahm diesem Satz, dass die Angelegenheit so brenzlig nicht war. "Wo ist denn unser Liebling?" Frau Warneburg erschien, begrüßte Messerschmidt und führte ihn nach oben. Lucie, die jüngste Tochter, lag angekleidet auf dem Bett, neben ihr saß ihre Schwester Johanna mit einem feuchten Tuch in der Hand. "Ah, meine kleine Prinzessin. Hat der Graf Poppelwirsch sich wieder mal daneben benommen? Oder war es das karierte Lama vom Fujiyama?"
Lucie lag stocksteif, die Augen zur Decke gerichtet und schüttelte stumm den Kopf, als weigerte sie sich etwas zu verraten. "Sie ist ohnmächtig geworden", sagte Johanna, "Gott sei Dank ist sie im Garten ins Beet gefallen." "Ins Blumenbeet? Das bringt Glück. Der weise Doktor Hasenohr, bei dem ich studiert habe, hat immer empfohlen, sich dreimal täglich in ein Blumenbeet fallen zu lassen." "Es war das Gurkenbeet", sagte Lucie böse und drehte das Gesicht zur Wand. "Oh. Auch nicht übel. Lass mich mal hören, was mir dein Herz darüber zu berichten weiß." Er fühlte ihren Puls am Handgelenk und befühlte ihre Stirn.
"Es ist das fünfte Mal in diesem Monat", meinte Johanna. Sie schaute den Doktor an. "Und wie geht es Ihnen?" fragte er. "Danke, es geht mir gut", meinte sie und tupfte mit dem Tuch über Lucies Stirn. "Sie waren bei Korn im Hause?" "Ja, Sophie Gerstenberg ist mit Freunden zu Besuch hier und deshalb ..." "War Joachim auch dort?" "Nein, ich habe ihn zuletzt bei Willemers gesehen, das war vor drei Wochen, wir sprachen miteinander, war er denn seitdem nicht mehr hier?" Johanna schüttelte unmerklich den Kopf und wischte sich eine Träne fort. Sie stand auf, und erst jetzt konnte man sehen, dass ihr Bauch unterm Kleid leicht gewölbt war. "Er wird nie mehr kommen", rief Lucie auf einmal. "Soll ich noch mal Verbindung mit ihm aufnehmen?", fragte der Doktor. Johanna ging zum Fenster, Lucie sah hinüber. In dem Vogelbauer saßen zwei bunte Finken, einer oben, einer unten auf einem Zweig.
Eine Fahrt mit Siegfrieds Kutsche kann zum Abenteuer werden.
Am nächsten Morgen war Henry als erster auf den Beinen. Im Gasthaus wurde nur ein vereinfachtes Frühstück serviert, weil die Wirtsleute in diesen Tagen selber abwesend waren und die Tochter den Betrieb aushilfsweise führte, die aber genug damit zu tun hatte, ihr halbes Dutzend kleine Kinder zu versorgen und zu beschäftigen. Sie hatte Henry auch um Verständnis für die eingeschränkte Bedienung gebeten und die näheren Gründe erklärt, was dieser jedoch wegen ihrer ebenso sprung wie lückenhaften Rede nicht recht verstanden hatte. Es war ihm auch egal, er hatte gut geschlafen, und Milch, Kaffee, Butter und Brötchen waren frisch und schmeckten vorzüglich. Außerdem brauchten sie nicht den vollen Preis für das Logis zu bezahlen.
Die Tochter wollte in einem kleinen Raum, der an die Küche grenzte, den einzigen Tisch, der darin stand, eindecken, doch Henry, der durch seine Gewohnheit, frühmorgens zuerst ein Glas Wasser zu trinken, in die Küche gekommen war, hatte gesehen, dass sich an der Hinterseite des Hauses eine kleine Veranda befand und den Wunsch geäußert, dort zu frühstücken. Die Luft war hier noch einigermaßen kühl und von dem schmalen Garten kam ein frischer Duft her. Weil der Platz nicht für Gäste vorgesehen war, standen nur einige alte Stühle und ein wackliger Tisch herum, und Henry musste seine ganze Überredungskunst einsetzen, um die Tochter dazu zu bewegen, hier draußen zu servieren. Sie tat sich schwer zu begreifen, wie die Herrschaften aus der Großstadt Gefallen an einer unordentlichen Gartenecke finden können und drohte, jede Schuld von sich weisen, wenn die Damen sich empören.
Was Henry besonders gefiel war eine prächtige Clematis, die um einen maroden hölzernen Bogen herum florierte, von dem aus drei steinerne Stufen zum Rasen hinab führten. Ihre blauen Blüten waren gerade im Begriff sich zu öffnen und lockten die ersten Insekten des Tages an. Einige ihrer Ranken reichten bis dicht über den Tisch und die beiden Stühle an seiner Längsseite waren fast schon überwuchert. Henry berührte ihre Blütenhülle und betrachtete die Kelche mit den zarten Staubblättern. "So schön wie sie sind", sagte die Tochter, "man muss die geilen Triebe doch immer kurzhalten." Und sie schwenkte eine große rostige Gartenschere in der Hand, wild entschlossen, wenigstens die Sitzgelegenheiten vom Gewucher zu befreien.
"Um Himmels Willen", sagte Henry und nahm ihr die Schere weg, "machen Sie doch keinen Aufwand, das ist schon recht so." Die Tochter war sprachlos und ein bisschen wütend, schließlich wollte sie sich ungern vorschreiben lassen, wie angenehm sie es ihren Gästen machte. "Ich glaube bald, Sie würden auch auf der Kellertreppe frühstücken wollen", meinte sie brummig, schlug aber sogleich vor, wenigstens Tisch und Stühle ein Stück nach links zu rücken. "Gute Idee", sagte Henry und sie fassten den Tisch, der beim Anheben ein Bein verlor. Henry setzte es wieder ein und sie brauchten einige Zeit, um herauszufinden, wo die kleinen Pappestückchen untergelegt werden mussten, die das Kippeln verhinderten.
Unter einem der Stühle kam ein Haufen alter Knochen zum Vorschein. "Das ist Rodrigos Schatzkammer, sieht ihm ähnlich, dieser Mistköter", schimpfte sie, holte einen Eimer und warf das Zeug hinein. "Rodrigo?" fragte Henry, "ich habe ihn gar nicht bemerkt." "Der ist auch schon über ein Jahr tot, aber Sie sehen, er bringt sich immer mal wieder in Erinnerung." Jetzt lachte sie sogar; wahrscheinlich hatte sie es aufgegeben, den Gast mit dem Glanz ihres Hauses zu blenden. "Sie müssen mir versprechen", sagte sie dann vorsorglich, "dass Sie niemandem Schlechtes über unsere Wirtschaft erzählen."
"Oh, ich werde im Frankfurter Musenalmanach einen anschaulichen Bericht publizieren, wie luxuriös man bei Ihnen wohnt und welche umfangreichen Vorbereitungen für ein einfaches Frühstück getroffen werden." Sie sah ihn an und zog die Augenbrauen hoch, sie glaubte ihm kein Wort und sagte nur: "Ich tät’ Ihnen raten, das mit dem publizieren zu lassen, sonst werden Sie hier nämlich kein gern gesehener Gast mehr sein." Henry musste lachen über die dreiste Warnung, und auch die Tochter, den Eimer voll Knochen am Arm, fand auf einmal Gefallen an seiner Art. Die beiden zwinkerten sich zu, sie verschwand in der Küche und er setzte sich und betrachtete die Apfelbäume, die ihn an einen anderen Garten erinnerten. Die Tochter deckte ein blütenweißes frisches Tuch über den Tisch und brachte ein Tablett mit Geschirr und Speisen.
Katharina und Gunda hatten das Plätzchen gefunden und fanden es sehr romantisch. Henry deutete auf die Hausherrin. "Hier dürfen nur ausgewählte Gäste frühstücken, wurde mir versichert." Gunda entdeckte eine Schaukel an einem Baum, die aber an einer Seite abgerissen war. "Wenn Sie das nächste Mal herkommen, wird sie in Ordnung sein, dann können Sie sie ausprobieren", sagte die Tochter. "Oder deine Kinder können dann darauf schaukeln", meinte Henry. Gunda ignorierte seine Bemerkung und biss in ein Brötchen mit Pflaumenmus. Die Abfahrt nach Hermannstedt verzögerte sich, weil die Kutsche nicht kam, und bald hieß es, dass sie wegen eines Defekts ganz ausgefallen sei.
Die Tochter kümmerte sich um einen Ersatz, indem sie einen ihrer Buben losschickte. Der kam dreimal wieder ohne Erfolg, und Henry erfuhr jedesmal, warum dieser und jener Kutscher nicht abkömmlich war. Beim vierten klappte es, aber die Tochter nahm es mit gemischten Gefühlen auf. "Der Starkloff, sagst du, der Siegfried? Hm." "Hm", machte auch Henry, "ist mit dem was Besonderes?" Die Tochter wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab. "Nee, aber womöglich das Übliche. Der schlägt nämlich ganz gern mal im Neudietendorfer Kräuterführer nach, was ihm gegen seine Unruhe abhelfen könnte." "Ah", meinte Henry wissend, "ein gebildeter Mann also, ein belesener Kutscher, probieren wir's doch." "Wenn Sie meinen. Ich werde mal vorsichtshalber die Betten noch nicht abziehen."
Da preschte Siegfried auch schon mit seiner zweispännigen Kutsche heran und machte mächtig Staub vor dem Haus. Das Gefährt, das wohl ursprünglich zu einem anderen Zweck verwendet worden war, hatte Siegfried mit handwerklichem Geschick zu einer Reisekutsche aufgemöbelt, wobei er sich an die Beschreibungen gehalten hatte, die ihm seine Freunde von den Pariser Wagen lieferten, die dort angeblich auf den Promenaden entlang fahren. Allerdings hatten die Freunde sie nicht mit eigenen Augen gesehen und schöpften vielmehr aus ihrer Phantasie, worin sie umso mehr ulkige Details fanden, je mehr sie sahen, dass Siegfried ihnen aufs Wort glaubte. So glich seine Kutsche nach ihrer Fertigstellung einer beweglichen Jahrmarktsbude, bunt und schrill und mit allerlei verrückten Accessoires ausgerüstet wie zum Beispiel einer umlaufenden Regenrinne, die das Wasser vom Dach in eine kleine Tonne an der Rückseite leitete.
Siegfried war ein kleingewachsener Kerl, dessen Fußspitzen sehr nach außen standen, so dass er sich in einem watschelnden Gang fortbewegte, der zudem dadurch betont wurde, dass seine kurzen Ärmchen herumschlenkerten wie bei einer Gliederpuppe. Er hatte einen großen Kopf mit wirren Haaren und kleine trübe Augen in einem Gesicht, das die Spuren des übermäßigen Alkoholgenusses trug. Dieser war auch der Grund dafür, dass der Kutscher Siegfried keinen geregelten Fahrdienst versah, sondern so wie jetzt einsprang, wenn Not am Mann war. Dabei kam ihm allerdings zugute, dass sein Wagen nicht allein für die Personenbeförderung brauchbar war; und so lagen nicht selten noch Getreidereste, Holzspäne oder auch Sand auf und unter den Sitzen, oder es hing im Innern noch ein säuerlicher Biergeruch. Was ihm durch sein Laster an Einnahmen verlustig ging, das brachte er teilweise durch überhöhte Fahrpreise wieder herein, und die Tatsache, dass seinen Reisenden oft keine andere Wahl blieb, nutzte er schamlos aus, manchmal mit haarsträubenden Zuschlägen, zum Beispiel wegen einer angeblich sehr kurvenreichen Strecke.
Ansonsten war er gutmütig und ging auch mal auf die Wünsche der Fahrgäste ein, hielt an, wo sie wollten oder gab so gut er konnte Auskunft über die Gegend. Nur eines konnte er auf den Tod nicht ausstehen, nämlich wenn sie anfingen zu singen. Und deshalb hatte er in dem Wagen ein Schild mit der Aufschrift "Singen verboten" angebracht. Aber es gab auch noch eine andere Kleinigkeit, derentwegen er einen zweifelhaften Ruf genoss, wenn er nämlich zu viel von dem Kräuterschnaps intus hatte, verließ ihn jeglicher Orientierungssinn, was für einen Kutscher ungefähr dasselbe bedeutete, wie wenn dem Pfarrer die Stimme versagt.
Da es noch früh am Tage war, konnte man heute das Beste hoffen, und als Siegfried vom Wagen sprang und Cora (so hieß die Tochter) begrüßte, machte er einen recht nüchternen Eindruck, wenngleich sein Atem auch ein in hochprozentiger Lösung verarbeitetes Exemplar von Leonhart Fuchs' berühmten Kräuterbuch transpirierte. Die Bezahlung war vereinbart, das Gepäck aufgeladen, es konnte losgehen; man rechnete mit der Ankunft in Hermannstedt zum frühen Nachmittag. Vor der Abfahrt konnte Siegfried nicht umhin, die neueste Verschönerung seiner Kutsche zu präsentieren, mit der, wie er behauptete, zur Zeit die Droschken von Paris, er sagte tatsächlich "serienmäßig" ausgestattet würden. Es handelte sich um ein Paar Handspiegel, wie sie die Damen bei der Toilette benutzen, die zu beiden Seiten seines Kutschbocks befestigt waren und in denen man, wie er sogleich demonstrierte, den Bereich hinter der Kutsche einsehen konnte, ohne sich umzudrehen. Er nannte sie deshalb auch Rückspiegel.
Gunda fand diese Vorrichtung nicht nur hässlich, sondern auch überflüssig. "Ich weiß doch, woher ich komme, und wozu soll ich auf die Gegend hinter mir blicken, wenn ich sowieso in die entgegengesetzte Richtung fahre?" Dieser Kritik wurde von den anderen mehr oder weniger unverhohlen zugestimmt, aber Siegfried, der sich davon nicht beeindrucken ließ, meinte "Man sieht, dass die Herrschaften keine Fahrpraxis haben. Bei dem heutigen Verkehr passiert es nicht selten, dass man plötzlich von einer dahinrasenden Kutsche überholt und zur Seite abgedrängt wird, welches mutwillige Spiel besonders die Postkutscher mit einem treiben, die nämlich glauben, die Herren der Landstraße zu sein." Und da sei es sehr vorteilhaft, wenn man von ihnen nicht böse überrascht werde. Leider - oder zum Glück für die Passagiere - konnte Siegfried den Vorteil auf dieser Fahrt nicht nutzen.
Zwischen den letzten Häusern aus dem Ort hinaus ging es zunächst an einem Bach entlang, der an mehreren Stellen angestaut war und auf dessen beiden Uferwiesen Frauen und Mädchen weiße Wäsche zum Trocknen ausgelegt hatten. Obwohl die Sonne noch nicht sehr hoch stand, war es schon ziemlich warm, und es kündigte sich die große Mittagshitze bereits an. Die Kühe auf der Weide waren mit Fressen beschäftigt, am entfernten Hang eines Hügels trieb ein Schäfer seine Herde hinauf, und zwei Hunde umkreisten sie mit gelegentlichem Bellen. Schwalben segelten im kühnen Flug durch die Lüfte und manchmal schossen sie so dicht an der Kutsche vorbei, dass Gunda aus Spaß den Arm ausstreckte, um die nächste zu fassen.
Das Pferdegetrappel, das auf dem Straßenpflaster hart und in ruhiger Gleichmäßigkeit geklungen hatte, war auf dem Sandboden dumpf geworden und die schwach quietschenden Räder hielten den Wagen in den Spurrinnen des Weges. Fuhrwerke, hochbeladen mit frischem Heu, begegneten ihnen, gezogen von Ochsen mit mächtigen Hörnern und wiegendem Gang. Einzelne Wanderer mit dem Ranzen auf dem Rücken und dem Stock in der Hand marschierten am Rande, manche winkten den Vorüberfahrenden, andere hatten sich in den Schatten eines Baumes gelegt. Man kam in ein Wäldchen von Buchen, wo es angenehm kühl war und in den Kronen die Vögel eifrig tirilierten. Ein paar mal verirrte sich eine Biene oder eine Hummel ins Wageninnere, was die beiden Frauen in panische Angst versetzte, bis Henry den Brummer mit dem Anzeigenblatt, das er noch von Gotha mitführte, hinaus scheuchte.
Dann wurde die Landschaft wieder offen und man hatte freien Blick bis hin zu den fernen Erhebungen des Waldgebirges. Eine Allee, die von hohen Pappeln gesäumt war, führte zu einem Dorf. An dem Laufbrunnen, der mit einem Löwenkopf aus Sandstein verziert war, machte die Gesellschaft eine Pause. Und während Gunda vom Kutscher etwas über die Pferde erfuhr, drehten Henry und Katharina eine Runde um den Dorfteich, in dem sich fette Karpfen tummelten. Sie hatten das letzte Dorf schon eine Weile hinter sich gelassen, als Henry plötzlich bemerkte, wie der Wagen vom Weg abkam und einen Schlenker durchs hohe Gras machte, wieder zurück fand und dasselbe nach der anderen Seite hin veranstaltete. Ein Grund für das seltsame Ausweichmanöver war nicht ersichtlich.
Dann kamen sie zum Stehen und hörten, wie Siegfried mit undeutlichem Gemurmel herunterkletterte. Auch Henry stieg aus und fand den Kutscher, wie er am linken Hinterrad hantierte und etwas von "festgefressener Achse" redete. "Das ist halb so schlimm, ich kenne das, kein Grund zur Beunruhigung." Das letzte Wort hatte er merkwürdig verwaschen gesprochen, so als wäre seine Zunge darüber hinweggeglitten: Bunruiung. "Keine Bunruiung, meine Dammen", lallte er durchs Fenster hinein und hievte sich wieder auf seinen Sitz. Dabei rutschte ihm eine braune Flasche aus der Jacke und fiel auf die Erde. Henry hob sie auf. Tropfen einer dunkelgrünen Flüssigkeit, die süßlich aromatisch und nicht unangenehm roch, klebten daran. Er reichte sie dem Kutscher, der sie gegen das Licht hielt, zu seinem Bedauern feststellte, dass sie leer war und in hohem Bogen mit den Worten: "Leere Flaschen sind nur unnötiger Ballast, weiter geht's" ins Feld schleuderte.
Es ging wirklich weiter, und zwar so zügig, dass sich die Reisenden festhalten mussten, weil der Wagen über Stock und Stein holperte und sich in den Kurven gefährlich neigte. Als Henry eine markante Baumgruppe ganz in der Nähe wiedererkannte, an der sie vor einer Viertelstunde in größerer Entfernung vorübergekommen waren, schöpfte er Verdacht. Auch Katharina, die an Gundas Schulter gelehnt, den Blick über die Landschaft schweifen ließ, richtete sich auf und sagte "Hier waren wir doch schon." "Das kommt vielleicht durch seine Rückspiegel", meinte Gunda spöttisch.
Als hätte es Siegfried gehört, riss er die Pferde herum und schlug einen Weg ein, der nun scharf rechts über eine Anhöhe führte, über die sich eine Gruppe verwilderter Obstbäume hinzog. Der Weg war schmal und mit hohem Gras bewachsen, die Räder schürften an einigen verborgenen Steinen, Äste verklemmten sich im Fahrwerk und wurden mitgeschleift, bis sie zerbrachen und wieder abfielen. Sie überquerten einen ausgetrockneten Graben und bogen in einen Hohlweg ein, auf dessen sonnenbeschienener Seite sich ein Muschelkalkrelief hinzog, das immer flacher wurde und dann am Rand einer mit Sträuchern bewachsenen Senke in der Erde verschwand. Der Wagen hielt, und Henry nutzte die Gelegenheit, Siegfried zu fragen, ob sie sich denn auch noch auf dem richtigen Weg befänden, aber der Kutscher schaute ihn an wie einen Fremden und sagte von weit her "Mein Herr, der richtige Weg ist der falsche Weg und nur der falsche Weg ist der richtige Weg." Henry verzog das Gesicht zu einem gequälten Grinsen und fand ihn nicht sonderlich originell.
"Was ist denn nun?" fragte Gunda ungeduldig, während Katharina scheinbar gleichgültig auf die Wiese schaute, die über und über mit bunten Blumen voll war. Henry ließ sich auf den Sitz zurückfallen und knöpfte den Hemdkragen auf. Er schaute Katharina an, die die Lippen bewegte, als buchstabiere sie lautlos Wörter, und sagte ruhig "Es scheint so, dass wir uns verfahren haben." "Na toll", brauste Gunda auf und schnellte hoch. Katharina, die an sie gelehnt war, stützte sich mit dem Arm ab, um nicht zu fallen und fing an zu lachen. Gunda wurde zornig. "Ich finde das nicht komisch. Was ist, wenn wir hier festsitzen, mutterseelenallein und niemand weiß, wo wir sind."
Auch Henry musste lachen und reizte sie dadurch noch mehr. Sie stieg aus und man hörte, wie sie den Kutscher beschimpfte, der merkwürdig teilnahmslos mit einigen verdrehten Höflichkeitsfloskeln antwortete. Schließlich sagte sie, sie sei durstig und wolle etwas Wasser trinken, ja Wasser, augenblicklich. Der Gedanke an das Wasser steigerte ihren Zorn und sie forderte ihn auf, sofort weiterzufahren zum allernächsten Dorf, ansonsten werde sie selbst die Gewalt über das Fahrzeug übernehmen, und das sei ein Befehl! Die Szene amüsierte die beiden anderen, aber auch Siegfried, der irgendetwas davon mitbekommen hatte, man wolle ihn der Herrschaft über seine Kutsche berauben, schnalzte mit der Zunge, was ihm aber misslang, und ruckte an der Leine. Die erschreckten Pferde trabten los, und Gunda hatte Mühe, in den Wagen zu kommen, wo sie den Kutscher lautstark mit einem Ausdruck bedachte, der ihr andernorts als Verstoß gegen die guten Sitten angelastet worden wäre. Hier aber, unter dem weiten blauen Sommerhimmel ließ sich nicht einmal die Lerche beeindrucken, die hoch in der Luft auf der Stelle flatterte und aus Leibeskräften um Beachtung warb.
Sie fuhren stracks voraus und obwohl hier kein Weg mehr war, hatten die Pferde auf dem leicht abschüssigen Gelände nicht viel zu tun. Man konnte das Gefühl haben, als komme man geradewegs ans Ziel. Gunda gefiel es offensichtlich, dann und wann ein paar grobe Weisungen nach vorne zu rufen, wobei ihr der Rückspiegel zweckentfremdet einen überwachenden Blick auf Siegfried gewährte. Sie versäumte es auch nicht, den beiden einen sachten Vorwurf zu machen. "Es ist mir unbegreiflich", meinte sie, "wie ihr ein solch ungehöriges Verhalten einfach hinnehmen könnt, Henry, du hast ihn immerhin engagiert, ein totaler Fehlgriff war das." Henry fühlte sich überhaupt nicht schuldig.
"Was soll ich denn deiner Meinung nach tun, ihm die Flasche wegnehmen? Dafür ist es jetzt zu spät. Was willst du, Gunda, wir kommen voran und verpassen auch nichts, es kann ja nicht mehr weit sein." Dann beugte er sich zu ihr hinüber und fasste an ihre Schulter. "Oh, schau nur, ein Grashüpfer, er hat sich auf dir niedergelassen, du gefällst ihm." Eigentlich hatte er Gundas mädchenhaften Aufschrei erwartet, bei dem sie immer die Hände vor ihren Busen hielt und die Augen so reizvoll verdrehte. Doch sie hatte sich wahrscheinlich genug aufgeregt und so schielte sie nach dem grünen Hüpfer, der still dasaß und nur seine haarfeinen Fühlerchen schwenkte. Sie schaute ihn fast wie einen alten Bekannten an und sagte "Nimm ihn weg", doch es klang wie: "Gib ihn mir."
Auch Katharina wollte ihn sehen. "Wirklich, er hat einen Kopf wie ein Pferd, ein bisschen trotzig sieht er aus." Henry wollte ihn zwischen Zeigefinger und Daumen nehmen. "Nein warte", sagte Gunda, "lass mich es machen." Sie nahm das Tier in der Wölbung ihrer Hand gefangen und legte zur Sicherheit die andere darüber. "Du bekommst ihn", sagte sie und sah Henry in die Augen als habe sie eine Überraschung für ihn, "wenn du ein Rätsel löst."
Henry, dem Gundas Angebot nicht geheuer war, gab sich von vornherein geschlagen. "Dann muss ich wohl darauf verzichten, ich bin kein guter Rätsellöser." "Natürlich bist du das", verriet Katharina, "denk dran, wie du einmal bei Henriettes Geburtstag Rätselkönig geworden bist, du weißt doch: Wer ist eines Vaters Kind, einer Mutter Kind, und doch keines Menschen Sohn?" Gunda überlegte blitzschnell, dann sagte sie "Jesus." Die beiden lachten. "Was ist?" Dann verbesserte sie sich. "Ach nein, er hatte ja wenigstens eine Mutter." Ohne weiter darauf einzugehen, fuhr sie fort: "Ich weiß auch eins, das kriegt ihr bestimmt nie nie nie raus." "Sag' schon." "Welche Krankheit war noch in keinem Land zu finden?"
Es gab eine Pause, in der man bloß des Kutschers undeutliches Gemurmel vernahm. "Das Fernweh", sagte Katharina, und Gunda schaute sie an wie die Lehrerin ein neunmalkluges Kind. "Das hast du dir doch ausgedacht." "Ist es das?" "Nein. Und du?" Henry begann zu theoretisieren. "Gilt es für die Zeit vor oder nach Kolumbus' Entdeckung von Amerika?" "Was?" "Na ja, ich dachte an die Syphilis", meinte er. "Was ist die Zifilis?" wandte sie sich an Katharina, sagte dann aber rasch "Ah, ich weiß schon, du Spinner, du willst mich reinlegen. Ein Rätsel ist ein Rätsel, das immer gilt." Sie spähte zwischen den Fingern nach dem Grashüpfer. "Nein Henry, du hast ihn nicht verdient, du hast geschwindelt, ich gebe ihn doch Katharina."
Aber die wollte ihn nicht mehr haben. "Katharina, was ist denn, du bist ja ganz blass." Katharina lächelte. "Die Wärme. Nein, ich habe mich geirrt", meinte sie und schüttelte den Kopf. "Wie konnte ich das jetzt bloß verwechseln, das warst du ja gar nicht, Henry." Gunda mit ihren aneinander gepressten hohlen Händen schaute misstrauisch von einem zum anderen. Henry war wieder sehr gelassen und sagte: "Das will ich aber auch meinen. Nie im Leben habe ich auch nur ein Rätsel gelöst, jedenfalls nicht richtig." "Gib ihn trotzdem Henry, du siehst, mein lieber Bruder sagt immer die Wahrheit." Gunda war sich uneins, irgendetwas beschäftigte sie noch. Sie kam dicht an Katharinas Gesicht heran und flüsterte, diesmal wie zu einer Puppe, die nicht sprechen kann: "Arme Katharina, du denkst zuviel über die Vergangenheit nach."
Katharina lachte und brach gleichzeitig in Tränen aus, sie schaute zu Henry als schäme sie sich vor ihm, sie suchte nach einem Taschentuch. Gunda hob ihre Arme und streckte ihr die Seite entgegen. "Hier, in meiner Kleidtasche ist ein Tuch. Mein Gott, ich wusste ja nicht." Jetzt kam ihr die Idee mit dem Rätsel ziemlich dumm vor. Katharina holte sich das Tuch, Henry lehnte sich noch weiter zurück, als wollte er zeigen, wie unangenehm ihm diese weiblichen Gefühlsausbrüche sind. "Du kannst nichts dafür, Gunda", sagte sie und meinte eigentlich sich selbst.
"Also was ist denn nun, wer bekommt den Grashüpfer? Wenn du noch lange überlegst, wird er wahrscheinlich längst erstickt sein", meinte Henry. Gunda sah ihn verständnislos an. In diesem Augenblick blieb der Wagen so plötzlich stehen, dass alle beinahe von den Sitzen fielen. Gunda versuchte, sich zu halten, und aus ihren Händen sprang der grüne Geselle durchs Fenster hinaus. Er landete im Gras und sie vernahmen einen dumpfen Aufprall, der natürlich nicht von dem Grashüpfer herrührte, sondern von Siegfried, der volltrunken vom Kutschbock geplumpst war. Gunda empfand es als willkommenen Wechsel der Handlung, rief "Aha, der Saufbold, er ist seinem Laster erlegen!" und stürzte ins Freie.
Der Kampf mit dem Distichon - oder - Alle Flüsse fließen irgendwo ins Meer
Sie befanden sich auf freiem Feld, der Wagen hatte eine Spur im Gras hinterlassen, und weiter oben, wo sie hergekommen waren, schimmerte noch das kleine Kiefernwäldchen im gleisenden Sonnenschein. Nach vorn versperrte eine ausgedehnte Fläche mit niedrigen Büschen und Brennesseln den Weg, man konnte allenfalls nach rechts oder nach links daran entlang weiter fahren, doch die Frage war eben, ob nach rechts oder nach links? Das zu entscheiden war jedoch momentan nicht dringend, denn der Kutscher hatte völlig den Dienst versagt. Er lag oder besser gesagt saß im Schneidersitz, die Augen geschlossen, an ein Vorderrad gelehnt und rührte sich nicht mehr. "Ist er tot?" fragte Gunda, und zum erstenmal klang ihre Stimme ein bisschen mitfühlend. Henry fühlte seinen Puls und meinte, er lebe, gab aber zu Bedenken, dass es eine Weile dauern würde, bis er seinen Rausch ausgeschlafen habe.
Gunda regte sich sofort wieder auf. "Nein, oh nein, jetzt reicht es", rief sie, trat einen Schritt zurück und wehrte ab. "Ihr könnt meinetwegen davon halten, was ihr wollt, meine Geduld ist am Ende." Dann stampfte sie mit dem Fuß auf, lief hin und her und warf dabei hysterisch den Kopf nach hinten. "So eine Frechheit, ha. Betrinkt sich auf unsere Kosten und verfrachtet uns in die Wildnis, oh, wenn ich doch rechtzeitig etwas unternommen hätte." Sie streckte eine Faust empor. "Es kam mir gleich verdächtig vor, dieser stinkende Zwerg, diese wacklige Bretterkiste, alle meine Knochen tun mir weh. Und jetzt auch noch in der sengenden Hitze verdursten? Nein, nicht mit mir, ich bleibe keine Minute länger hier."
Dann fiel ihr etwas Unglaubliches ein. "Henry", sagte sie bestürzt und trat auf ihn zu, "vielleicht hat er uns entführt?" "Wozu denn das?" "Was weiß ich, um ein Lösegeld für uns zu erpressen, um uns zu verkaufen." Sie riss die Augen auf und legte gleichsam bittend ihre Hände auf seine Brust. Henry wusste nicht, ob sie es ernst meint oder ihn veralbern will. "Schau dich doch um", erwiderte er, "siehst du hier irgendjemand, der uns kaufen würde?" "Na dann werde ich selbst etwas unternehmen, um uns zu retten."
Damit kletterte sie auf den Fahrersitz und ergriff die Leine, verhedderte sich aber damit und entledigte sich erst einmal ihrer dünnen Jacke, die sie in ihrer Armfreiheit behinderte. Dann band sie ihr Haar, das mittlerweise aus der Frisur geraten war, mit einem schmalen Tuch zusammen, stemmte ihre Füße gegen das Trittbrett und versuchte die Pferde anzutreiben. "Hü, los ihr verfluchten Gäule, bewegt euch, Hüja, He!" Dabei schleuderte sie die Zügel auf und nieder, aber die Pferde wackelten nur gelangweilt mit Ohren und Schwänzen, um die Fliegen zu vertreiben. Da entdeckte sie die Peitsche, und noch ehe Henry es verhindern konnte, schwang sie den Stock durch die Luft und ließ den dünnen Lederriemen niedersausen. Er traf sie am Hals. "Aua!" schrie sie, ließ alles fallen, presste die Hände vors Gesicht und war dem Heulen nahe.
Henry holte sie herunter und beruhigte sie. "Wo ist eigentlich Katharina?" Sie war weg. Die beiden riefen nach ihr, immer lauter. Siegfried reagierte mit einem wütenden Grunzen, wie eine Wildsau, die ihre Frischlinge verteidigt. Zwischen den Brennesseln, in einiger Entfernung, tauchte Katharinas Oberkörper auf, sie winkte und rief "Ich bin hier! Da geht ein kleiner Weg durch, nein weiter rechts, kommt her, es ist herrlich."
Vom Wagen aus hatte niemand sehen können, wie schmal der Streifen undurchdringlichen Grünzeugs war, und Katharina, die für einen Moment allein sein wollte, war auf einen Pfad gestoßen, der hindurch führte. Dahinter öffnete sich eine Wiese, die in sandigen Boden überging, der mit verstreuten Steinen bedeckt war. An einer Böschung standen einige alte knorrige Bäume, von denen manche sich halb vornüber neigten. Ihr Blätterdach warf schattige Flecken auf das Ufer eines gemächlich dahinströmenden Flüsschens, das nicht eben sehr breit war, aber unter seiner glatten, in der Sonne glitzernden Oberfläche hier und da eine gewisse Tiefe ahnen ließ. Auf beiden Seiten wechselten sich dicht mit Gras und Sträuchern bewachsene Stellen ab mit kahlen und sandigen, die sachte ins Wasser führten. Der Ort war erfüllt von grenzenloser Friedlichkeit und Ruhe, und die drei erfasste ein behagliches Gefühl.
Selbst die flatterhafte Gunda stand still und sagte "Wie schön es hier ist." Dann bückte sie sich und ließ den Sand durch ihre Finger rieseln, als wollte sie sich von seiner Echtheit überzeugen. Ohne sich ausdrücklich darüber zu verständigen, beschlossen sie, die Stunde der Mittagshitze hier verstreichen zu lassen. Katharina setzte sich auf einen Stein, schirmte die Augen ab und verfolgte den Lauf des Flusses. Gunda löste die Schleife in ihrem Haar, lockerte es und ging noch näher ans Wasser. Henry legte seine Jacke hin, die er über der Schulter trug und suchte sich einen weichen Platz im Sand. "Das muss eines der Gewässer sein, die am Nordhang des Waldes entspringen", meinte er. Gunda begann, eine Melodie zu pfeifen. Barfuß balancierte sie über die Steine, die vom Wasser umspült wurden. Dann rief sie, sie habe einen Fisch gesehen, er sei abwärts geschwommen. Sie lief ihm ein Stück nach und verschwand zwischen den Sträuchern.
Katharina schaute zu Henry hinüber, er hatte die Augen geschlossen und hielt das Gesicht in die Sonne. Sie sah, wie ruhig er atmete, sie glaubte, seine Gedanken lesen zu können, vielleicht hätte sie ihn lieber danach gefragt. Stattdessen fragte sie ihn, wohin dieser Fluss fließe. Er blinzelte aus einem Auge. Er sah ihren Körper im Umriss wie im Gegenlicht, er war von dunklem Violett, dabei warm und nach außen hin weich. "Ich weiß nicht, wohinein er als nächstes fließt, doch irgendwann wird er höchstwahrscheinlich in die Elbe münden." "Dann kommt dieses Wasser hier einmal in Hamburg an. Wann? In drei Tagen, in einer Woche?" Ihr gefiel die Vorstellung. "Ich weiß nicht, eine Woche, ja vielleicht."
"Wir könnten hier bleiben und eine Flaschenpost hineinwerfen." "Das geht, aber warum sollen wir deswegen hierbleiben?" "Na, wir müssen doch die Antwort abwarten. Und außerdem gefällt es uns hier." Er warf Kiesel ins Wasser. "Ich würde meine gemütliche Wohnung vermissen und die Kirchturmglocke, meinen Schreibtisch und den Biergarten und ..." "Oh, du verdorbener Stadtmensch", spottete sie. Sie setzte sich neben ihn, den Rücken zu ihm gewandt. Ihr Haar glänzte. Auch sie hatte den Kragen ihres Kleides geöffnet und es gab ihre Schultern frei. Ihre Haut war von der Sonne matt getönt, sie war glatt und jugendfrisch und duftete wie das kostbare Pergament, auf das die persischen Dichter ihre Liebeslieder schrieben. Oberhalb des Schulterblatts sah Henry die kleine Narbe, ein Strich nur, von hellerem Rot. Er beugte sich hinüber und umfuhr sie mit dem Finger. Sie zog den Kragen höher und drehte sich zu ihm.
Sie schloss die Augen und murmelte Erfüllt von der Erde Gesang, von der Weise des Himmels umschlossen "Und weiter?" "Nichts weiter, das ist ein 'Distichon', davon gibt es immer nur eins." "Aha, ein Distichon lebt also immer allein. Wie einsam." "Gar nicht, es ist sich selbst genug." "Oh, hört sie reden, ihr Götter, 'es ist sich selbst genug'", ahmte er sie nach und warf ein Rindenstückchen nach ihr. "Du meinst, ich brauche es nicht zu verstehen, ich bin wohl sowieso zu dumm dafür." Er meinte das nicht ernst, doch sie sagte belehrend: "Nun gut, die Wahrheit ist, ein Distichon ..." Er fiel ihr ins Wort. "Ein Distichon ist dieses große schuppige Tier aus der Urzeit, mit nur einem Auge und solchen Zähnen." "Mit einem Auge?" "Ja freilich, es ist sich selbst genug, es kann damit in die Herzen schauen, mit einem Blick wie ein Feuerstrahl."
Er hatte die Hände zu Krallen gegen sie gezückt. Seine Fingernägel waren gar nicht spitz, sondern kurz und gerade wie die eines jungen Sklaven im Haus eines reichen Herrn. Sie kniete sich hin und wiegte die Hüfte wie eine beunruhigte Raubkatze. "Ich wollte nur sagen, dass ein Distichon aus zwei Teilen, nein besser aus zwei Hälften besteht und ..." "Ach, rede dich nicht heraus", fauchte er, entschlossen, seinen Schabernack mit ihr bis zum Ende zu treiben. "Fremdes Mädchen! Es hat dich ans Ufer dieses Flusses getrieben, und hier herrsche ich seit tausend Jahren." Sie richtete sich auf und hob schützend die Arme. Das Kleid spannte über ihrem Busen. "Ich bin das gefürchtete Distichon", sagte er mit rauher Stimme, "ich werde in dein Herz schauen und die Wahrheit erfahren, es hilft dir nichts, dich zu verstellen."
"He, lass’ das, ich bin kitzlig", rief sie, als er an ihrem Kleid, das schon ziemlich weit herabgerutscht war, herumfingerte. "Und ich bin erbarmungslos. Glaubst du, Sterbliche, ich werde noch einmal tausend Jahre warten, bis sich eine wie du hierher verirrt?" Er fuhr mit der Hand über ihre Brust, seine Finger zupften an der weißen Spitze des Saums, bis das dunkle Rund der Warze zum Vorschein kam. "Pfui, wie bist du hässlich, du Erdenkloß, dürftiges Fell, verkümmerte Brust, ist es das, worauf ich hier so lange ausgeharrt habe?" brummte er scheinbar enttäuscht. Sie gab ihm eine kräftige Ohrfeige und lachte aus voller Kehle unter den ungestümen Bewegungen seiner Hände.
Da kam Gunda zurück. "Ist etwas passiert?" fragte sie atemlos, denn sie war gerannt. Sie hielt ihre hellen Seidenstrümpfe in den Händen. Katharina lachte immer noch. "Ja, er ist zum Distichon geworden." Henry bleckte seine Zähne. "Ich werde dieses fremde Mädchen und ihr Herz erbeuten, wie es die alte Sitte verlangt." Er musste kichern und fiel einen Moment aus der Rolle. Katharina nutzte es zu ihrer Verteidigung und sprang auf. "Nichts, großes Distichon, kann sich dir widersetzen, aber spürest du nicht, dass es in Wahrheit dein eigenes Herz ist, das brennt." "Vor Kummer", sagte Gunda, die mit dabei sein wollte. "Ja, und vor Sehnsucht."
Gunda fiel etwas ein. "Katharina, wir müssen es kühlen." Sie lief zum Wasser und wollte daraus schöpfen, aber ihr Kleid drohte nass zu werden. Sie zog es hoch und hielt es, klemmte es zwischen die Knie. Ihre Waden schimmerten in der Sonne. Henry sank unbeholfen wie ein verletztes Tier auf die Erde. Sie kam mit einer Handvoll Wasser zurück und ließ es auf Henrys Oberkörper platschen. Der jauchzte erschrocken auf. "Uhhh, ist das kalt, bist du wahnsinnig, na warte." Katharina rief: "Ja, los noch mehr, lösche das verderbliche Feuer in seiner Brust." Henry schoss hoch und wollte es ihnen heimzahlen. Sie liefen vor ihm weg. Er verlor seine Schuhe, das Hemd rutschte herab. Er machte zwei, drei Sätze ins Wasser, drehte sich um und warf eine nasse Ladung gegen die beiden.
Die kreischten und näherten sich ihm von zwei Seiten. Er versuchte auszubrechen, aber sie schnitten ihm den Weg ab. Seine Hose war nass bis über die Knie, doch er war beweglicher als sie mit ihren Röcken. Schließlich bespritzte jeder jeden, dabei sich selber nicht minder. Sie jagten sich ans Ufer und wieder ins Wasser zurück, versteckten sich hinter den Stäuchern und überfielen einander mit rohen Schreien, drohten mit stachligen Zweigen und brachten sich in wirren Umschlingungen zu Fall. Nass und schmutzig ließen sie sich mit erschöpftem Gelächter im Sand nieder, der an ihnen haften blieb.
"Großer Gott", sagte Gunda und wrang einen Zipfel aus, "so können wir doch nicht in Hermannstedt erscheinen, Zarrenthin wird uns für verrückt erklären." Henry, der an Katharinas angezogenen Beinen lehnte, sagte: "Das trocknet schnell", und es klang, als bedauerte er, dass der Spaß vorbei war. Gunda flüsterte "Du hast doch gesagt, dass wir hier mutterseelenallein sind." Katharina richtete sich auf und sah sie fragend an. "Na, ich finde es gar nicht angenehm mit dem nassen Klamotten am Leibe", beschwerte sich Gunda und klatschte mit der Hand auf den Oberschenkel. "Du wirst es aushalten", meinte Katharina kühl und brachte ihr Haar in Ordnung.
Henry sagte "Ja, sie hat recht, wenn wir die Sachen in der Sonne ausbreiten, sind sie im Nu trocken." "Kommt nicht in Frage", sagte Katharina noch entschiedener. Gunda entgegnete spitz "Ich wusste gar nicht, dass du dich vor deinen eigenen Verwandten so genierst, sobald sie nicht mehr dieses Disti... Ungeheuer sind." "Ich bin nicht mit dir verwandt", sagte Katharina. "Na dann kann es dir erst recht nichts ausmachen." Und da hatte sie auch schon ihr Kleid fallen lassen, stieg heraus wie aus einer Wanne und legte es an einen besonders warmen Fleck auf die Erde. Sie trug ein dünnes, blassfarbenes Hemd, das im ziemlich großzügig geschnittenen Schlüpfer steckte, der an den Beinen mit einer feinen Stickerei verziert war. Henry, um zu zeigen, dass er bei dem Anblick gefasst blieb, folgte ihrem Beispiel, und Katharina breitete schweigend, aber demonstrativ ihre Sachen ein Stück abseits aus.
"Wie schön gebräunt du bist", sagte Gunda zu ihr, als betrachte sie eine neue Errungenschaft. Katharina hatte befürchtet, dass sie sich jetzt gegenseitig begaffen würden. Dennoch schaute sie selber auf ihre Arme und die Stelle, wo der Ansatz ihrer nicht großen, aber vollen und runden Brüste sichtbar wurde. Sie fand es auch schön und dachte an die Frühsommertage im Greifenfechterschen Hof. "Ein angenehmer Nebeneffekt meiner stundenlangen Gartenarbeit", erwiderte sie und errötete, als sie Gundas bohrenden Blick gewahrte. Denn man konnte deutlich erkennen, dass die blassen Partien auf ihrem Körper, die sie dem Licht und der Luft nicht dargeboten hatte, verschwindend klein waren, und vielleicht war sie auch deshalb jetzt so zögerlich gewesen, sich ihrer Kleidung zu entledigen.
Henry nahm Gunda die Worte aus dem Mund und sagte: "Da bist du ja sozusagen in paradiesischer Blöße umhergewandelt." "Na und", meinte Gunda, als antworte sie für die andere, um ihr die Peinlichkeit zu ersparen, "können denn Frauen nicht ihre Anmut auch zur Schau tragen, die ihnen die Natur gab?" "Ja können tun sie es schon, jedenfalls viele, aber ob sie es dürfen, ist eine andere Frage." Er hatte sich wieder hingesetzt. Katharina stellte sich hinter ihn und stützte ihre Arme auf seine Schultern. "So sprecht ihr Männer. Du sagst: viele könnten ihre Schönheit zeigen, aber doch nicht alle."
"Ja natürlich, es gibt eine Menge schöner Frauen und ich will gar nicht verhehlen, dass mich ihr Anblick erfreut. Aber erstens gefallen mir nicht alle gleichermaßen und zweitens ist Schönheit vergänglich, und irgendwann sollte eine Frau besser aufhören, nach ihren Reizen zu suchen, wie ein Mann, der nach einem Spielzeug seiner Kindheit forscht." "Erstens, zweitens, drittens", ereiferte sich Gunda, "du scheinst ja genau zu wissen, wann eine Frau sich in ihrer ganzen Körperlichkeit zeigt und warum." Nach dem Wort 'Körperlichkeit' hatte sie einen Moment lang gesucht und war nicht ganz zufrieden damit, es klang doch genauso gewählt wie Henrys Vergleich mit dem Spielzeug.
|