Aber Sophie ging, wenngleich nicht ohne eine bedeutsame Bemerkung, darüber hinweg: "Das, liebe Schwester, heben wir uns für eine stille Stunde auf. Merkst du nicht, dass du mich bereits davon abhälst, die anderen zu begrüßen." "Oh, entschuldigt, natürlich, du kennst Katharina, die werte Gattin des Kaufmanns Pauquet aus der Rosenstraße." Sophie befreite sich aus der Umarmung ihrer Cousine und begrüßte Katharina auf das herzlichste. "Wie sollte ich nicht", sagte sie und ihre Stimme klang so, als wüsste sie weit mehr über die andere als nur Namen und Adresse.
"Und ihr Bruder Henry Brehmer, er ist ..." Henry gab Sophie die Hand. "Kaufmann und Inhaber eines Handelsgeschäfts", ergänzte er. Sophie war sichtlich erfreut. "Aus Hamburg kommen Sie?" Obwohl Henry nichts dergleichen erwähnt hatte, nickte er bestätigend. "Sie kennen Hamburg?" "Oh ja", erwiderte Sophie und warf mit einer Kopfbewegung eine Hälfte ihres wallenden Haars zurück. "Unweit der Außenalster steht das Haus des Senators Grebe, eine große weiße Villa im antiken Stil, na jedenfalls das Entree ist antik." "In der Wilhelmstraße, ganz recht, Ecke Mautnerallee, ein sehr großzügiges Anwesen für ein Stadthaus." "Am Eingangstor auf den Pfeilern thronen zwei Elefanten, so." Sie blies die Backen auf, holte mit den Armen weit aus und ging wie ein schwerer Sack nach unten. Henry lachte. "Ja, genauso sehen diese seltsamen Tiere aus, allerdings befinden sie sich am Hintereingang, zur Seilertwiete hin." Sophie besann sich. "Wo es zum Kanal geht, wo man baden kann." "Genau, am Vordereingang stehen die Löwen." Beinahe hätte er, der stets für ein bisschen Komik zu haben war, die Löwen imitiert, um Sophies Gebärde aufzugreifen, beherrschte sich aber. "Natürlich, die Löwen", seufzte Sophie und berührte mit der Hand ihre Stirn.
"Es muss doch einen Grund haben", meinte Gunda spitzbübisch "dass du dir den Hintereingang besser gemerkt hast." Sophie warf ihr einen spöttischen Blick zu. "Und es muss einen Grund haben, dass du immer so neugierig bist." "Sie haben in dem Kanal gebadet?" fragte Katharina. "Ja, heimlich." "Alle haben dort heimlich gebadet." Katharina erinnerte sich an die Zeit, als sie, mit fünfzehn oder sechzehn Jahren, gemeinsam mit einer Freundin häufig zu der Stelle gelaufen ist, wo zwischen den grobbehauenen Steinen ein paar Stufen hinabführten. Die untersten waren schon vom Wasser überspült und man konnte bis zu den Knien hineinsteigen. Es war nicht allein das Vergnügen, besonders an heißen Sommertagen, sich auf diese Art Abkühlung zu verschaffen, Katharina fand vor allem Gefallen daran, durch die Straßen zu rennen (denn sie rannten immer, um womöglich nicht erkannt zu werden) und Gegenden der Stadt zu erkunden, wo sie von rechts wegen nichts zu suchen hatten. "Es war auch nicht ungefährlich dort", sagte Henry. Er wusste schon als Junge von den Unterströmungen, die dort angeblich von ungewissen Zuflüssen verursacht, herrschten.
Dabei waren die Jungs noch viel waghalsiger gewesen, hatten sich sogar aus Brettern, die sie wahrscheinlich in der nahegelegenen Schönborn'schen Möbeltischlerei gestohlen hatten, eine Art Steg gebaut, von dem sie ins Wasser hüpfen konnten. Die Geschichte mit der Unterströmung war wohl ihrer Phantasie entsprungen, um ihren Mut zu bekräftigen. Sie hatten jedenfalls keine Gelegenheit ausgelassen, vor den Mädchen ihre Schwimmkünste zu demonstrieren. Allerdings spielten sich die Vorgänge hauptsächlich auf der anderen Seite des Kanals ab, wo die Kinder aus Solmsbüttel herkamen, bekanntlich eine für Katharina und ihre Freundin nicht standesgemäße Gegend.
Der Kanal war denn auch so etwas wie eine Grenze, die nicht überschritten werden konnte. Vielleicht, dachte sie, war es auch deshalb so reizvoll hinzugehen. Es war großartig, den anderen da drüben zuzuschauen, wie sie ihre tollen, übermütigen und nach dem Gekreische der Mädchen zu urteilen, auch unterhaltsamen Vergnügungen auskosteten. Unterhaltsam war für ihre damaligen Begriffe wohl das falsche Wort, es war geradezu aufregend, und wenn sie und ihre Freundin auch nur artig mit den Zehenspitzen kleine Wellen ins Wasser kräuselten, während sie sich anscheinend intensiv über den Charakter irgendeiner ihrer langweiligen Bekannten austauschten, so verfolgten sie doch beide (ja sie wussten es voneinander ohne es einzugestehen) aus den Augenwinkeln heraus jede Aktion der ausgelassenen Meute und vor allem jede Neckerei, mit der die Jungen den Mädchen zusetzten, die sich, das war ja klar, völlig albern und unnatürlich benahmen.
Warum kam ihr das jetzt, beim ersten Anblick Sophies in den Sinn? Dann fiel ihr ein, dass Sophie um einige Jahre jünger war, und sie beide sich kaum zur selben Zeit, und sei es auch unbekannterweise gewesen, in Hamburg begegnet sein konnten; und warum hatte sie eine solche Möglichkeit überhaupt in Erwägung gezogen? "Ich habe gehört, dass neuerdings in Frankfurt am Fluss eine Stelle eingerichtet worden sei, wo man sogar in aller Öffentlichkeit bis nahe ans Wasser herangehen kann", erkundigte sich Sophie, die anscheinend auch die Hamburger Erinnerungen ruhen lassen wollte. Katharina erwiderte, davon gehört, die Örtlichkeit aber selbst noch nicht in Augenschein genommen zu haben und fragte Henry "Weißt du genaueres darüber?" Henry war perplex. "Ich? Liebste Katharina, weißt du nicht, dass ich seit anderthalb Jahren nicht mehr in Frankfurt gewesen bin? Du wirst doch nicht etwa schon alt und verwechselst mich mit jemand anderem?" Das war nicht nett, Katharina schwieg, und Sophie sagte zu ihm mit einem ermahnenden Blick: "Vielleicht ist es als freundliches Zeichen zu verstehen, dass Sie Ihre Anwesenheit in Gedanken doch einmal mehr durch Ihre lebendige Anwesenheit versüßen mögen." Wie sie das sagte, war sie unwiderstehlich.
Wie aus Verlegenheit drückte Henry Katharina liebevoll an sich und sagte "Ach, wenn es die Geschäfte nur zuließen, wollte ich schon nicht von eurer Seite weichen." "Wer ist denn da noch dabei?" fragte Gunda, und es klang, als wäre sie bereits seit Stunden damit beschäftigt, das Verhältnis von Henry und Katharina zu durchschauen. Katharina wechselte erst mit Henry, dann mit den anderen kurze Blicke, und Gunda, die ihre Frage etwas voreilig fand, sagte gestelzt "Immerhin ist es ihm hochlöblich anzukreiden, dass er uns auf dieser Reise comitiert." Doch sie konnte es nicht lassen und fügte zu Sophie gewandt hinzu: "Willst du wissen, warum Henry ohne seine bessere Hälfte ist?" "Gunda!" herrschte Katharina sie an; sie bereute es, sich nicht rechtzeitig ein für allemal ihre losen Reden verbeten zu haben, doch jetzt war auch nicht der rechte Zeitpunkt dafür. Gunda fuhr unbeeindruckt fort: "Was ist, haben wir Geheimnisse voreinander?" Dabei blieb offen, wen sie eigentlich meinte. Sophie sagte höflich "Das geht mich nichts an." Henry nahm die Sache locker und nannte in zwei Sätzen einen triftigen aber harmlosen Grund, warum seine Verlobte nicht dabei war.
Er wollte dann von Sophie wissen, ob ihre Großmama auch hier wäre und wie man am morgigen Tag zu Anton Alexander Zarrenthin nach Hermannstedt gelangen werde. "Lasst uns das alles nachher besprechen, kommt erst einmal alle mit in das Korn'sche Haus, es wird eine kleine Soiree heute gegeben, zwar keine besonders geladene Gäste, aber doch eine sehr gemischte Gesellschaft, übrigens haben Wieland und Herder versprochen zu kommen." Gunda, die sich an ihrer Reisetasche zu schaffen machte, sagte im Tonfall eines Leutnants: "Famos, das ist ganz famos. Und der Götte, wird der auch da sein?" Sophie bezweifelte dies. "Er ist zur Zeit viel außerhalb unterwegs. Er heißt übrigens 'G-ö-h-t-e'." "Das ist komisch", beharrte Gunda, "ich sage immer Götte. Ich sage ja auch nicht die Göhter, sondern Götter, und für mich hat er etwas Göttliches, ah, wenn ich nur an seinen Wärter denke." Sie machte ein verträumtes Gesicht und überschüttete die anderen mit naiver Freudigkeit.
"Das hier, liebste Sophie", meinte sie dann, "habe ich dir übrigens als kleines Geschenk mitgebracht." Sie gab ihr eine elfenbeinerne Schatulle von der Größe einer Rosenblüte. Auf der Oberseite waren zwei kleine nackte Knaben in herzlicher Umarmung dargestellt. Man konnte den Deckel abnehmen und in einem Messinggehäuse auf einem winzigen Stück schwarzer Seide lag ein silberner Fingerring mit einem tropfenförmigen Rubin. Sophie war sprachlos vor Entzücken. Sie sah Gunda dankbar lächelnd an, und Gunda, zufrieden über den Anklang, den ihr Mitbringsel gefunden hatte, sagte: "Den Ring hat Margarethe für dich beim Juwelier Weiss ausgesucht, sie meinte, du hättest ihn früher einmal gelegentlich bewundert. Das Kästchen ist von mir."
Wie sie das sagte, hatte Katharina auf einmal ein seltsames Gefühl, als gebe man Sophie etwas mit auf eine Reise. Sie suchte in ihren Augen nach einem Ausdruck heller Freude, fand aber nur eine unbestimmte Regung. Sehr behutsam nahm Sophie den Schmuck und steckte ihn an den rechten Ringfinger, er passte perfekt; es war übrigens der einzige Schmuck, den sie trug. Sie spreizte die Hand, und bei dem wirklich staunenswerten Anblick, den der Ring bot und der auch Katharina und Henry merkwürdig berührte, überzog eine stille Begeisterung ihr Gesicht. "Er ist wunderschön", sagte sie, umarmte und küsste Gunda und streckte den Arm aus, als sollte der Glanz des kleinen roten Tropfens, der auf seiner silbernen Bahn gehalten wurde und im Licht der Nachmittagssonne erglühte, in den grenzenlosen Raum strahlen. Für eine Weile schwiegen alle; Sophie behielt das Elfenbeinkästchen in der Hand. Dann verließen sie das Haus "Zum Storch" und spazierten durch die Jakobsseite und die breite Elisengasse entlang in Richtung des Korn'schen Hauses.
Eine Gesellschaft im Hause Korn - oder - Worüber gebildete Männer streiten können
Die Familie des Adalbert Korn war seit langem mit der Elisabeth Lucius freundschaftlich verbunden. Als vor mehr als fünfundzwanzig Jahren Adalberts Mutter Clara nach dem Hinscheiden des Mannes zunächst zur Zerstreuung, dann aus Interesse und schließlich zur Pflege ihrer zahlreichen Bekanntschaften häufige und ausgedehnte Reisen unternahm, begegnete sie eines Tages auch der Madame Lucius. Und obwohl die beiden Damen ziemlich verschiedenen Wesens waren - nobel und welterfahren die Lucius, bieder und provinziell die Korn - fanden sie doch fast auf Anhieb Gefallen aneinander. Ein paar Mal verreisten sie sogar gemeinsam, was ihnen den Ruf der ungleichen Schwestern eintrug und dazu führte, dass einige köstliche Anekdoten über sie kursierten. Leider verstarb Clara Korn nach einer plötzlichen schweren Infektion, aber der einzige Sohn Adalbert, der bald eine eigene vielköpfige Familie hatte, unterhielt weiterhin die Beziehung zu der alten Freundin wie zu einer zweiten Mutter, und in der Zeit, nachdem Elisabeth neben etlichen anderen Schicksalsschlägen auch den Verlust der zweitältesten und liebsten Tochter Charlotte, geschiedene Gerstenberg, beklagen musste, waren sie und ihre Enkelin Sophie gern gesehene Gäste im Korn'schen Hause. (Gunda übrigens war wiederum die Tochter von Johann Gerstenbergs Bruder Walther.)
Das Korn'sche Haus hatte an der Vorderfront ein großes, grüngestrichenes Tor, dessen beide Flügel nach innen geöffnet werden konnten, um die Reisekutsche hinaus und hineinzulassen, mit der Adalbert Korn von Zeit zu Zeit unterwegs war, und die er viel öfter vermietete. Neben dem Tor befand sich eine Eingangstür von derselben Farbe, und trat man ein, stand man auf dem gepflasterten Hof, den das Haus zu drei Seiten umgab, wobei der Teil rechter Hand, ein ehemaliges Stallgebäude, in weniger gutem Zustand war. Dagegen hatte die Fassade des gegenüberliegenden Hauses ein ansehnliches Äußere, was vor allem durch die prächtigen Blumenkästen an der hölzernen Galerie, die dem oberen Stockwerk vorgebaut war, hervorgerufen wurde. In ihnen wucherten alle Arten und Sorten von Sommerblumen, die man sich nur wünschen konnte. Unter der Galerie, die mit Holzpfeilern gestützt wurde, war ein schmaler schattiger Gang, und die Fensterrahmen der Zimmer, die zu ebener Erde lagen, waren zweifach mit kräftigem Rot und mit Weiß gestrichen. Der Haupteingang mit drei Stufen lag in gerader Linie vom großen Tor auf der anderen Seite des Hofs. Die beiden Türen mit mehreren kleinen Scheiben standen offen, und eine Gardine, die bis zum Boden reichte, schützte vor Insekten und der erhitzten Luft.
Es war weniger eine Soiree im eigentlichen Sinne, von der Sophie gesprochen hatte, denn erstens schlug die Uhr gerade vier, und zum zweiten waren etliche der anwesenden Personen nur für eine Stunde hereingekommen und wollten bald darauf ihre Wege fortsetzen. Ein solch kurzer Besuch und Aufenthalt war sozusagen typisch für das Korn'sche Haus, wo niemals (außer an Feiertagen und zu besonderem Anlass) richtige Feste abgehalten wurden, sondern wo eine vergnügliche Runde im kleineren Kreis stattfand, in der man Neuigkeiten erfahren und austauschen oder sich zwischendurch über das eine und andere Thema, das gerade im Schwange war, diskutieren konnte. Denn wenn auch oft nur eine überschaubare Zahl von Gästen hier weilte, so war das Korn'sche Haus doch ein Ort, wo sich Prominente und weniger bekannte Leute und eigentlich die meisten, die am gesellschaftlichen Leben der Stadt Anteil hatten, hin und wieder trafen, wodurch stets eine neu gemischte Gruppe die Räume erfüllte.
Diese Räume, wo sich die Besucher verteilten, waren der Salon, der sich gleich hinter einem Eingangs und Garderobenzimmer befand, an welchen nach links ein weiteres, großzügig eingerichtetes Zimmer angrenzte. Auch zur anderen Seite ging es durch einen türlosen breiten Durchgang, der von zwei Gipsbüsten, die nach den Originalen von Houdon angefertigt waren, flankiert wurde, in zwei andere, ebenfalls offen miteinander verbundene Räume, in denen bequeme Sitzmöbel standen, und die durch verschiedenfarbige Tapeten einen überraschenden Eindruck machten, als wohnten darin Personen von sehr ungleichem Charakter. Alle Zimmer waren hell durch das natürliche Licht, das durch große Fenster, selbst in den Nebenräumen, hereinfiel.
Die Ankommenden wurden vom Hausherrn begrüßt, der sowohl mit Sophie, die er natürlich bestens kannte, weil sie gemeinsam mit ihrer Großmama so oft hier war, als auch mit Katharina, welche ihm Sophie neben Gunda und Henry vorstellte, einige nette und herzliche Worte wechselte. Katharina bat ihn, wegen ihres Erscheinens keine Umstände zu machen, und er meinte lachend "Nun, desto besser, dann schauen Sie sich einfach um, trinken Sie ein Tässchen Kaffee, probieren Sie von dem Obstkuchen nach Weimarer Rezept und fühlen Sie sich ganz wie zu Hause. Ich werde Ihnen dann, wenn Sie möchten, ein paar Leute näher vorstellen." "Ja, Adalbert", sagte Sophie und legte die Hand auf seine Schulter, "gehen Sie nur und kümmern Sie sich um die anderen, bestimmt waren Sie gerade in ein furchtbar hochmetaphysisches Gespräch verwickelt, und wir möchten nicht, dass Sie den Faden verlieren. Wir finden uns schon zurecht." Adalbert drehte sich noch mal um und rief "Wieland und der Herr Superintendent sind übrigens auch da."
Sophie fasste Katharina unterm Arm und zog sie zu einer Gruppe von Damen, die um ein Tischchen herum auf dem Sofa und auf Stühlen saßen, eine von ihnen auf dem Schoß der anderen, und aus deren Unterhaltung immer wieder helles Lachen ertönte. Henry wurde einfach stehengelassen, und auch Gunda sah ihn mit fragendem Blick an, dann sagte sie "Na, ich suche mir auch jemanden." Sie drehte sich um und ging in das andere Zimmer, wo ebenfalls einige Gäste beieinander standen. Henry trat zu einigen Herren hinzu, bei denen auch Korn war, und er stellte fest, dass Sophie mit ihrer Vermutung ganz recht gehabt hatte, das Gespräch drehte sich tatsächlich um schwierige Dinge. Korn machte einen Schritt zur Seite, um Henry Gelegenheit zu geben sich zu beteiligen und lächelte ihm zu, doch ein Herr, der, wie Henry dann erfuhr, Ludwig Haldensleben hieß, wandte sich, ohne auf Henry zu achten, an Adalbert.
"Hat er denn nicht selbst sich treffend charakterisiert, als er sagte: 'Ich bin denen ein Demokrat, ein Jakobiner' ", sagte der Haldensleben und er betonte diese Bezeichnungen wie zum Trotz. Aber in dem Trotz lag zugleich etwas Erniedrigendes, als triumphiere er über die Erniedrigung. Obwohl Haldensleben wie gesagt seine Worte an Korn gerichtet hatte, ging ein anderer darauf ein, und Korn, der sah, dass er zu keiner Antwort herausgefordert war, sagte stattdessen leise zu Henry "Das ist unser werter Hofrat Schenck", und Henry nickte. Schenck, dem der leise, verfremdende Unterton des Geständnisses, das Haldensleben zitiert hatte, nicht entgangen war, meinte: "Haben Sie selbst vor nicht allzu langer Zeit mit dem Jakobinismus geliebäugelt, ich entsinne mich da eines Artikels, den sie sogar unter einem Pseudonym veröffentlichten." Haldensleben brauste auf, beherrschte sich aber sogleich wieder. "Ich habe nicht damit geliebäugelt, wie sie wüssten, wenn sie richtig, oder womöglich überhaupt, gelesen hätten, was ich schrieb. Es war eine nüchterne, unvoreingenommene Beschreibung von Tatsachen, sozusagen eine objektive Schilderung umwälzender historischer Ereignisse, die das, was in Paris im Gange war und ist, ja nun einmal unstreitig sind. Und was das Pseudonym betrifft..."
Ein anderer, der nur bei dem merkwürdigen Namen Amarius genannt wurde, fiel ihm ins Wort. "Ich kenne diesen Satz auch, 'Ich bin ein Demokrat' sagte er, 'von einem solchen glaubt man jeden Greuel ohne weitere Prüfung. Gegen einen solchen kann man gar keine Ungerechtigkeit begehen.' Meine Herren, können Sie mir das erklären? Wie kann man sich als Demokrat bezeichnen, als Befürworter einer moralischen Weltordnung, und doch zugleich von der Glaubwürdigkeit der eigenen Greueltaten sprechen?" Haldensleben schüttelte lächelnd den Kopf, als erkenne er ein altbekanntes Missverständnis wieder. "Aber es ist doch eindeutig, dass er hier zum Mittel der Ironie gegriffen hat, natürlich meint er ironisch, dass man ihm seine Greuel glaubte." "Das heißt, das Gegenteil ist wahr?" "Was für ein Gegenteil? Es gibt kein Gegenteil, natürlich hat er keine Greueltaten begangen." "Dann gibt es auch gar nichts, was man ihm glauben könnte oder nicht?" "Wenn man nicht annimmt, dass seine Glaubwürdigkeit selbst ein Greuel ist, und zwar in den Augen der anderen." "In den Augen seiner Gläubiger vielleicht", warf jener Mann ein, der auf einem Lehnstuhl saß und sich auffallend zurückhielt. "Wer ist das?" fragte Henry Adalbert. "Das ist Wieland."
Haldensleben schmunzelte auch über die Bemerkung, sagte dann ernst und offenbar mit Bezug auf des anderen Profession "Mein lieber Amarius, bei allem Respekt vor Ihrer Wissenschaft, aber die botanische Nomenklatur erweist sich als ungeeignet, so etwas wie Ironie zu verstehen." "Sie entschuldigen vielmals", entgegnete Amarius höhnisch und schaute kurz zu Wieland hinüber, "ist es vielleicht meine Schuld, wenn sich die Philosophen nicht klar ausdrücken können. Die ganze Aufregung resultiert wohl letzlich aus einer Verwirrung der Begriffe, die ja bekanntlich schon Konfuzius beklagte. Als Bürger und als Vertreter der Wissenschaft zumal kann ich doch von einem so klugen Kopf verlangen, dass er das was er meint, auch so sagt wie er es meint und nicht so wie er glaubt, dass es seine Gegner meinen."
"Sie haben völlig Recht", sagte ein Herr mit polnischem Akzent, der eine Weile geschwiegen und die Äußerungen der anderen teils mit Nicken, teils mit Schütteln des Kopfes verfolgt hatte, vielleicht um zu zeigen, dass er die Sprache mühelos versteht. Er stellte sich nachher Henry persönlich als der Gesandte Schilinsky vor, und Henry, der davon etwas überrascht war, schien es, er, Schilinsky, würde ihn verwechseln. "Wenn er sagt, dass man gegen ihn als einen Demokraten, einen Jakobiner gar keine Ungerechtigkeit begehen kann, dann meint er sicherlich, dass seine Gegner der Auffassung sind, ihn zu bekämpfen hieße, etwas Gerechtes zu tun."
"Richtig", sagte Schenck, der darauf brannte, diesen Gedankengang zu vollenden. "Und eigentlich meint er, dass diese Auffassung einer gewaltigen geistigen Borniertheit entspringt, die nur solche Menschen vertreten können, die aufgrund ihrer eingefleischten Intoleranz von vornherein in jedem Demokraten ein vernichtenswertes Objekt sehen." Bei den Worten "eingefleischte Intoleranz" hatte Schencks Stimme einen hohen, beinahe wütenden Klang angenommen, der die anderen, nachdem sie ihn einen Moment lang erstaunt angesehen hatten, in betretenes Schweigen versetzte.
Wieland, der, ein Bein nach vorn, das andere zurückgestellt wie in einem eiligen Schritt, auf der äußersten Kante des Polsterstuhles saß, unterbrach die Pause und sagte in ruhigem, gleichsam das stets wache Interesse des Formenschöpfers verratenden Ton: "Es liegt von jeher etwas Widerspenstiges in der Ironie und es gehört viel Können dazu, sie zu benutzen. Denn wie kaum eine andere Ausdrucksweise kann ihre Intention so krass ins Missverständliche sich wenden, dass sie auf den, der sie gebraucht, mit roher Kraft zurückschlägt." Die anderen nickten zustimmend, und Amarius murmelte "Was kann ich dafür."
Wieland sprach weiter. "Wäre mein verehrter Freund Anton Alexander Zarrenthin hier, könnte er Ihnen, meine Herren, sicher zur Genüge schildern, wie er sich mit ihr herumgeplagt hat, denn sie ist eine Plage für jeden, der nicht sowohl in der Lage ist, sie zu beherrschen als auch sie zu verstehen. Ich selber habe mich auch mit ihr herumgeplagt, allein ich bin mit ihr nie ins Politische gezogen und das aus gutem Grund. Mir scheint, dass auch Fichte (an dieser Stelle merkte Henry erst einmal, über wen hier geredet wurde) sich dazu hinreißen lässt, seine Sprache mit etwas zu untermalen, das man vielleicht einem Romanhelden andichten kann wenn es einem denn überzeugend gelingt mit dem man jedoch philosophische, erst recht politische Themen geradezu giftig macht.
Wenn man etwas kritisiert, darf man es nicht als Positives formulieren, darf man nicht gleichsam den Aspekt des Kritisierten selbst einnehmen, indem man seine Sprache nachäfft. Dem Wissenden, wie man so sagt, genügt es, er vermag die Kritik vom Kritisierten unterscheiden, den anderen, und das ist immer die Mehrheit, gelingt das minder, und deshalb meinen sie in einer kritischen Aussage eine affirmative zu lesen, in den Argumenten gegen etwas, Argumente, die dafür sprechen und in den Argumenten für die eigene Sache solche, die sie eigentlich lächerlich machen. Das ist nicht nur töricht, sondern auch gefährlich, wie man sieht. Der liebe Fichte hätte einmal besser den Erasmus studieren sollen, bevor er sich in einer so unhumoristischen Angelegenheit, wie es die Religion nun mal ist, auch nur einer Spur von Ironie bedient."
Während Wieland gesprochen hatte, war Katharina an Henrys Seite getreten, um ihm zuzuhören. Henry flüsterte ihr etwas ins Ohr, das sie aber nicht verstehen konnte. Wielands Äußerungen waren ziemlich tiefsinnig für eine so zwanglose Unterhaltung, und es fiel den anderen schwer, darauf einzugehen. Nur Amarius, der wiederum des anderen Rede kaum bis zum Ende hatte abwarten können, fand, dass Wielands Ausflug in die Rhetorik nicht viel mit dem eigentlichen Problem zu tun habe und sagte "Es ist ja nicht bloß die Religion, die es hier betrifft, ich meine die Religion als eine sakrosankte Sammlung von Dogmen und hier schaute er über die Köpfe der Herren hinweg, da er bemerkte, dass der Superintendent Herder auf sie zukam die Religion als eine geheiligte Institution, sondern es sind ja die allgemeinen Grundsätze des Glaubens, die gelinde gesagt, Gegenstand der Spekulation sind." "Die in Frage gestellt werden, sprechen sie's doch ruhig aus", sagte Herder, als sei er schon die ganze Zeit beteiligt gewesen. Herders Ton war ruhig und freundlich, beinahe milde. Ein Herr namens Maximilian Peuckert, der eine kühne Stirnlocke hatte und der angeblich zur Zeit Studien in den Kunstsammlungen des Herzogs betrieb, sagte, als wollte er den Superintendenten als eine Instanz befragen: "Auch Sie Werter Herr Generalsuperintendent haben doch über Gott philosophiert?"
Herder bemerkte wohl, dass die Frage darauf abzielte, ihn aus der Reserve zu locken. In der Fischteschen Angelegenheit, wie überhaupt bezüglich der Jenaer Universität hatte sich Herder niemals geäußert, seine Korrespondenz mit dem Prinzen August von Gotha über den Fall war Privatmeinung, und dem Sächsischen Oberkonsistorium, das Fichte beim Weimarer Hof denunziert hatte, war er in keiner Weise verpflichtet. Wenn er auch seines Amtes wegen keine Stellung bezog, wie manche es, freilich weniger zur Klärung, als zur Verschärfung des Streites, gern gesehen hätten, so wunderten sich doch einige über sein Schweigen als erwiesener Freund der Philosophie. Die Stimmung war so gereizt, wechselhaft, aber auch euphorisch gewesen, dass einer wie er, der über dreißig Jahre hinweg der geistigen Kultur dieses Landes so profunde Beiträge geliefert hatte, in dieser alles umwälzenden Zeit dem Vergessen anheimfiel.
Was in diesen Tagen gedacht und gesagt wurde, das hatte er viel früher gedacht und gesagt oder seinen Figuren in den Mund gelegt, und es waren, das konnte er sich ohne Zweifel als Verdienst anrechnen, große Gedanken gewesen, Gedanken voller Scharfsinn, Poesie und vor allem mit einer tiefen Verwurzelung in der Geschichte des menschlichen Geistes, denn das war der Brunnen, aus dem er immer geschöpft hatte, so wie sein Freund Zarrenthin, dem Ähnliches widerfuhr, aus dem Brunnen der Mythen sich bediente. Doch das war jetzt nicht mehr gefragt, da statt des Geistes lauter neuartige Geister die Welt erfüllten und der abwägende Gedanke der entschlossenen Tat wich.
Wie oft in letzter Zeit hatte er das hässliche Bild vor Augen, wie seine Bücher nacheinander zugeklappt und in finstere Regale verfrachtet wurden, wo der Staub, jenes Siegel der Vergangenheit, sie empfing. Aber war es nicht die Geschichte selbst, die sich jetzt erneuerte, verjüngte, wiedergeboren wurde? War das nicht jene Palingenesie, von der er selbst Zeit Lebens angenommen hatte, dass es sie gab und dass sie die ganze Entwicklung des Menschengeschlechts immer vorantrieb wie ein verborgener, mythischer, dämonischer Motor? War er jetzt nicht selbst Zeuge dessen, wovon er seit je überzeugt war? Allerdings. Das war der Beweis für die Richtigkeit seiner Einsichten in die Welt, ein Beweis, der nicht Jedem, der nur Wenigen zu Lebzeiten geliefert wurde.
Und doch war es ein niederschmetternder Beweis, denn in einer kleinen beiläufigen Schlussfolgerung, in einem eingeschobenen, für die ganze Beweisführung durchaus entbehrlichen Zwischenschritt bloß, in einer noch kleineren Nebenbedingung, da wurde, nicht mal im Ansatz der Vollständigkeit, etwas erwähnt, das vielleicht einem Hinweis auf sein Werk ähneln könnte; und immer deutlicher in seinen dumpfen Träumen schwebte darüber auch noch eine allgewaltige Hand, die eine Schreibfeder hielt und im Begriff stand, jenen winzigen Hinweis durchzustreichen.
"Der Gott, über den ich schrieb", erwiderte Herder gelassen, "war möglicherweise ein anderer als der des Herrn Fichte." "Ein anderer Gott?" rief Amarius und stemmte die Hände in die Hüften. 'Das sind sie', dachte Herder und schaute zu Wieland hinüber, der seinem Blick mit einem Lächeln begegnete. 'Das sind die feurigen Köpfe, die Stürmer, die ersten, die das neue Jahrhundert betreten werden und die ersten, die es begrüßen wird.' "Heißt nicht eines Ihrer heiligen Gebote: Du sollst keine Götter außer mir haben?" Herder, der wenig Lust verspürte, sich auf endlose (denn das waren sie doch immer) Debatten einzulassen, dachte an die Worte des Prinzen August und sagte: "Wenn Sie belieben, bei dem alten Mosaischen Gesetze zurückzubleiben, so ist das Ihre Sache. Mein Gott ist der Gott der Dreifaltigkeit, den meine ich. Herr Professor Fichte meint offensichtlich einen Gott, der, wenn er überhaupt aus etwas besteht, allenfalls der Heilige Geist ist, ein abstrakter Begriff, dem er sogar noch das Dasein als etwas Allzusinnliches abspricht."
Er besann sich für einen Moment und ließ sich aus seiner Verachtung jedes oberflächlichen Studiums heraus verleiten, doch noch etwas hinzuzufügen. "Ich schrieb über Gott, nicht über den Glauben, nicht einmal über die Religion. Etwa so wie auch Platon und etliche andere über Gott schrieben. Platon war kein Christ, Sie würden ihn vielleicht als Nichtchrist bezeichnen, als einen, der kein Verbündeter ist, aber doch auch kein erklärter Gegner, eine unheimliche Person also. Wie auch immer; ein Atheist ist stets ein Nichtchrist, aber nicht jeder Nichtchrist ist gottlos." "Verschonen Sie uns mit Ihrer Toleranz, wir wollen doch nicht die alten Lessings und Jacobis und Mendelsohns wieder ausgraben." "Und den Spinoza gar. Ich glaube, weilte er noch unter uns, so hätte der Geheime Rat womöglich auch seine Berufung nach Jena betrieben, wie er ja auch Fichtes Gönner war. Wiewohl man nur vermuten kann, ob ihm dabei nicht die Abwesenheit des Serenissimus (damit meinte er den Herzog) zupass kam."
"Was hat das mit Fichtes Atheismus zu tun?" "Damit nichts, wohl aber mit der wahren Überzeugung gewisser Persönlichkeiten, denen man das Wohl und Wehe über die Staatsgeschäfte übertragen hat." (Damit meinte er freilich wiederum Goethe.) "Ich weiß nicht, worauf Sie hinauswollen. Fichte ist entlassen, niemand hat ihn aufgehalten, man soll Reisende nicht aufhalten." "Man kann von ihm denken, was man will, und ich für meinen Teil schätze seinen Geist, sogar noch dort, wo er irrt, weil er allein hundertmal mehr kluge Gedanken hervorbringt als ganze Legionen von eifrigen und eifernden Scribenten. Doch dass die Angelegenheit so unglimpflich für ihn ausging, das hat er sich selbst zuzuschreiben. Niemand, auch ein Oberkonsistorium nicht, hätte Anstoß an seiner geäußerten Meinung nehmen können, und sei sie selbst zur Lehrmeinung auf dem Katheder gemacht, und sei sie meinetwegen atheistisch. Wir leben in einem Staat, in dem ein jeder seine Privatansicht dartun kann und eine aufgeklärte und gerechte Regierung kann keine theoretische Disputation, welche überdies noch in einem gelehrten Werk für Gelehrte dargelegt wird, verbieten."
"Das sagen Sie jetzt, warum haben Sie dergleichen nicht gesagt, als Fichte vielleicht noch zu retten gewesen wäre?" "Das deutete ich bereits an, selbst, wenn ich mit meinen bescheidenen Möglichkeiten als Publizist eine Stimme für ihn eingelegt hätte, so wäre sie doch, wie jede andere Hilfe, von ihm selbst in seiner, ich kann es nicht anders sagen, arroganten und impertinenten Art, zurückgewiesen, ja einfach ignoriert worden. Mit seiner unseligen Appellation hat er die letzte Chance zu einer gütlichen Einigung verspielt, denn was eigentlich eine Verteidigungsrede werden sollte, das geriet ihm zur Anklageschrift; er selber hat seinen Abgang forciert." "Vielleicht hat er gehofft, dass der eine oder andere sich ihm gegenüber loyal benimmt."
"Loyalität, mein Freund, kann man nur haben gegenüber einer Corporation, nicht einem Individuum gegenüber, und sei es noch so bedeutend. Fichte hat keine Corporation, er ist ein Einzelkämpfer, so wie seine Ideen vereinzelt sind." "Seine Studenten sind da vielleicht anderer Ansicht, für sie ist er ihr Leitbild, keineswegs ein Einzel eher ein Vorkämpfer." "Das hätten Sie wohl gern? Studenten jagen immer dem Neuen nach, vielmehr dem, das dem Alten, Überlieferten, Bewährten die Stirn bietet. Wenn man beginnt, die Welt zu studieren, sind die interessantesten Ideen die, die alle bisherigen Ideen in Frage stellen und die beliebtesten Professoren sind die, die sich anscheinend dem Schema des Professors entgegen verhalten, ja, die sich nicht scheuen, auch mal das ein oder andere derbe Resultat ins eigene Nest zu applicieren, ganz so, als würde der wahre Lehrstand erst mit ihnen beginnen, sich über das Philistertum zu erheben und die Flügel der Vernunft erst recht ausgebreitet werden. Das sind die Leute, die einen Haufen törichter, aber unerhört selbstbewusster Studenten um sich scharen. Geben Sie dem Fichte noch ein Weilchen Zeit, dann wird auch er die Seite gewechselt haben. Die Frage ist nur, ob er es überhaupt bemerkt."
"Ich meine, Sie tun ihm nicht nur Unrecht, sondern sie irren sich auch. Ich für meinen Teil habe Respekt vor seiner Aufrichtigkeit, es gehört schon einiger Mut dazu, sich mit einem Gremium wie es das Oberkonsistorium ist, anzulegen." "Aber er hat sich ja gar nicht damit angelegt, das ist doch das Ärgerliche, dass man nicht weiß, wen er sich zum Adressaten seiner Theorie auserwählt hat. Er spricht von 'Ihr' und 'Euch' und 'Ihnen', vom 'Publikum'. Wen bitte meinte er damit? Wenn er die Herren in Dresden meint, dann sollen sie doch allesamt ihren Streit unter sich austragen. Aber vielleicht meint er ja auch mich, und da muss ich sagen, dass ich vor ihm nicht an meinem Glauben gezweifelt habe und nach ihm auch nicht. Ich meine, mit dem was uns der gute Luther betreffs unseres Verhältnisses zu einem höheren Wesen namens Gott in die Hand gegeben hat, bin ich vollauf zufrieden. Wozu also die alte Suppe wieder aufkochen, nur weil man andernorts die Kirchen zu Tempeln der Vernunft macht."
"Mag sein, dass er das Publikum, dem er seine wahre Fasson zu zeigen sich wünscht, gar nicht vor sich hat. Doch wie kommen dann die zahlreichen aufmerksamen Zuhörer zustande?" "In der Wissenschaft ist ein großes Publikum selten ein Maß für die Größe des Wissenschaftlers; es heißt, Pythagoras habe seinen ersten Schüler dafür bezahlt, dass er seine Lektionen besuchte." "Ich warne dennoch davor, den Vorgang zu bagatellisieren. Wenn er jetzt sein Publikum noch nicht hat, und die pauschale Schelte, zu der ihm seine scheinbare Rechtfertigung geriet, zeigt doch nur, wie sehr er sich bewusst ist, dass er noch nicht Schule gemacht hat mit seinen Ideen, dass ihm noch die Epigonen und Jünger fehlen, und solange einer keine Epigonen hat, jene Hilfsarmee zur Verbreitung der Lehre des Meisters, solange ... was wollte ich noch sagen?" "Wahrscheinlich, dass wenn es ihm jetzt noch an geeignetem Publikum mangele, sich dasselbe schon beizeiten hinzugesellen werde. Zu jeder einigermaßen originellen Geschichte finden sich Leute, die sie zu ihrer Lieblingslektüre machen, sie muss nur ordentlich bekannt werden, und das ist ihm zweifellos geglückt. Er hat vielleicht seine Stellung ruiniert, seinen Ruf aber möglicherweise saniert."
"Und den Ruf unserer Universität? Einen schlechten Dienst hat er ihr erwiesen, bei allen seinen philosophischen Tiraden und seinem atheistischen Dünkel war er doch nur auf den eigenen Vorteil bedacht." "Ich wusste gar nicht, dass man neuerdings mit Atheismus reüssieren kann." "Hören Sie auf zu spotten. Jeder von uns weiß, was Jena für unseren kleinen Staat bedeutet. Es hat einige Jahre angestrengter Arbeit bedurft und viel Schweiß gekostet, bis wir das Renommee einer Bildungsstätte von europäischem Rang erworben haben. Der Geheimrat Goethe selber wird ein Lied davon singen können, mit welcher Mühe und Ausdauer er - und mit der Hilfe vieler anderer fleißiger ..." "Mir kommen die Tränen, warum hat er es denn jetzt soweit kommen lassen, dass die Reputation auf dem Spiel steht. Es fällt ihm wohl schwer, einen Fehler einzugestehen?"
"Welcher Fehler sollte das sein? Vielleicht weiß er nur zu gut, dass ein Mann von solchem Format, der heute noch als lästiger Querulant erscheint, schon morgen als Initiator einer neuen Bewegung gelten kann. Dann stehen die beschämt da, die nicht an seinem Erfolg partizipieren können." "Ja freilich, der Herr Geheimrat weiß ja alles längst, was anderen noch verborgen ist. Dann weiß er vielleicht auch, dass die künftige Bedeutung unserer Landesuniversität womöglich nicht dadurch erhöht wird, dass ein Mann wie Fichte dort nicht mehr länger gelitten ist. Ein Jena mit einem gefeuerten Fichte ist nur noch halb soviel wert wie ein Jena mit einem geduldeten Fichte. Warum sehen es unsere Obrigen nicht ein und voraus, dass den Leuten von seinem Schlag die Zukunft gehört. Er ist ein Ketzer, er beschreibt sich selbst als einer, der dem Scheiterhaufen noch einmal entkommen ist. Welche Anmaßung! Ein Giordano Bruno der Aufklärung, was für ein Widerspruch in sich. Dabei unternimmt er doch nichts anderes als der Nolaner seinerzeit unternahm, schließlich ist es diesselbe Welt, derselbe Mensch in ihr, dieselbe Vernunft wie ehedem."
"Und derselbe Versuch, den Glauben auf eine vernünftige Grundlage zu stellen. Die Absicht ist fromm, viel zu fromm, um ihn deswegen einen Atheisten zu schelten, denn im Grunde will auch er nur seinen Frieden mit Gott und der Welt machen. Allein seine Methode ist Ketzerei." "Nach all den fatalen Urteilen, mit denen die Kirche zwar nicht den Fortschritt des Geistes aufhalten konnte, aber sich selbst in Verruf brachte, sollte man annehmen, dass ihre Vertreter endlich gelernt hätten, mit solchen aufmüpfigen Individuen umzugehen." "Vielleicht haben sie auch daraus gelernt. Inzwischen weiß man wohl, dass Ketzer hilfreiche Leute sind, aber erst später, erst nachdem sie und ihre Ideen sozusagen die Feuerprobe der Menschengemeinschaft bestanden haben. Bei den alten Heidenstämmen gab es den Brauch, die Wahrheit einer Aussage dadurch zu prüfen, dass derjenige, der sie äußerte, seine Hände in glühende Kohle stecken musste." "Ich bitte Sie, was sollen diese Bezüge, wir leben in einer modernen Gesellschaft und nicht mehr in der Barbarei." "Das weiß ich auch. Und doch scheint es mir, als sei mitunter bloß der Kessel mit den Kohlen abgeschafft worden, nicht aber die Prozedur. Denn wer kann heute noch sagen, ob eine Theorie wahr ist oder falsch? Es sind so viele geworden, jede mit tausenden von Sätzen, scharfsinnigen Beweisen, abenteuerlichen Schlussfolgerungen. Heutzutage braucht man schon fast Jahre, um sie überhaupt alle zur Kenntnis zu nehmen, man braucht verlässliche Hilfen, um sie zu verstehen, ganz zu schweigen von den Mitteln, ihre Richtigkeit zu prüfen. Der Wert einer wissenschaftlichen Theorie bemisst sich bald nur noch am Aufwand, mit dem sie unterhalten wird. Sie mag unerhört neu sein, ihr wahre Bedeutung zeigt sich, wenn überhaupt, erst später. Was ist also praktikabler, als sie zunächst abzulehnen, zu verwerfen, zu missachten wie den wer weiß wievielten Versuch, die Quadratur des Kreises zu lösen. Sollte tatsächlich etwas daran sein, wird es sich schon von allein durchsetzen, man braucht es nur abzuwarten."
Henry schaute zur Seite, doch Katharina war wieder verschwunden. Er hätte sich auch gern entfernt. Alle redeten jetzt durcheinander, manchmal traten sie sogar einen Schritt aufeinander zu, als hätten sie Sorge, ihre Worte würden zur Erde fallen. Er reckte den Kopf und suchte in der Gesellschaft nach Katharina oder den anderen, konnte aber nur Sophie erkennen, die mit dem Rücken zu ihm stand und die bei der offenbar recht vergnüglichen Unterhaltung einiger Damen mitwirkte.
"Ich verstehe nicht ganz, sollen wir unsere Grundsätze über den Haufen werfen und zu schamlosen Opportunisten werden, nur weil ein schwärmerischer Metaphysiker sich anmaßt, einen Gott abzuschaffen, der uns Jahrtausende gedient hat?" "Sie meinen, dem wir gedient haben." "Haarspalterei! Hier geht es um das Prinzip unseres Handelns. Nie wären wir hier auf diesem Flecken Erde groß und heimisch und frei geworden ohne den nährenden, schützenden und auch immer wieder versöhnenden Geist des rechten Glaubens. Ich bin wahrlich kein Vertreter der Kirche und, Sie verzeihen mir meine Offenheit, Herr Superintendent, es ist meine persönliche Meinung, ich verabscheue jeden kalten Dogmatismus und jede seelenlose Frömmelei, aber ohne das Bekenntnis zu einem Gott, dem Gott der Gesetze und des Evangeliums, wäre ich ein Nichts." "Ein Ding an sich."
"Nennen Sie es meinetwegen, wie Sie wollen, in erster Linie bin ich ein Geschöpf Gottes aus Fleisch und Blut, das Sünden begeht, zu büßen vermag und eine Hoffnung hat, durch barmherziges Handeln vielleicht einer ewigen Verdammnis zu entgehen. Ich bin ein Mensch und kein Gegenstand philosophischer Spekulation." "Sie sprechen hier von den vorzüglichen Eigenschaften des Glaubens, aber Sie können anderen nicht verbieten, darüber nachzudenken, was der Grund dieses Glaubens ist." "Ich verbiete überhaupt niemandem etwas, aber ich lasse mir meinen Gott nicht vorschreiben, vom Papst nicht, nicht von einem Konsistorium, erst recht nicht von einem Atheisten, mein Gott ist hier drin." Er schlug sich mit der Faust auf die linke Brust.
"Aber dann sind Sie doch gar nicht so weit vom Fichteschen Postulat 'Es gibt keinen Gott außerhalb unserer Selbst' entfernt." "Wenn Sie diese Nähe erfreut, bitte sehr." "Ja, er hat recht, wozu brauchen wir einen vernunftmäßigen Grund für unseren Glauben?" "Ich bitte Sie, habe ich irgendetwas von einem solchen Grund gesagt?" "Wenn ich Fichte richtig verstanden habe, was freilich auch nur eine Vermutung ist, dann geht es ihm nicht nur um einen Grund, sondern um einen Beweis, mit dem gezeigt werden soll, dass unser Glauben an einen Gott kein leeres Hirngespinst ist oder eine kulturelle Erfindung." "Und wie lautet Ihrer Ansicht nach sein Beweis?" "Oh, er liefert doch gar keinen, er sagt vielmehr, dass es eines solchen Beweises nicht bedürfe und alle Gottesbeweise, und davon gibt es bekanntlich eine Menge, den Grund für Gott in der Vernunft suchen, wo er aber keineswegs zu finden ist." "Weil er aus dem Herzen kommt." "Und weil die Vernunft nicht dazu taugt, ihn hervorzubringen. Wir können mit der Kraft der Vernunft die größten Rätsel der Welt lösen und erstaunliche Erkenntnisse gewinnen, zum Beispiel über die Bewegung der Himmelskörper oder über die Entstehung des Lebens auf dieser Erde." "Wieso sagen Sie: auf dieser Erde?" "Nur als ein Beispiel, stellvertretend für alle Erden. Die Vernunft ist grenzenlos, aber sie ist nicht der Grund unseres Glaubens an einen Gott."
Henry hatte genug. Er drehte sich um und ging ans Fenster, öffnete es und tat so als brauche er frische Luft. Aber er hatte sich verschätzt, Adalbert Korn kam hinter ihm her. "Befinden Sie sich wohl, Herr Brehmer?" fragte er und fasste Henry am Arm. "Ja, natürlich, ich wollte bloß ..." Unversehens waren die Männer Korn gefolgt und hatten ihre Aufstellung nun am Fenster eingenommen, als hätte Henry selbst sie hierher gelockt. Sogar Wieland war, wie ihm schien, mit seinem Lehnstuhl herangerückt, aber dann sah Henry, dass es ein anderer Stuhl war, auf dem er jetzt saß.
Ob er diese schwafelnde Menge nun nie mehr loswerden würde bis zum Ende seines Lebens, dachte Henry und fand die Vorstellung, ewig mit einem solchen Schwanz von schwatzhaften Männern herumzulaufen, so komisch, dass er lachen musste. Aber einer der anderen, war es Amarius, oder Peuckert, dem die Sturmlocke noch verwegener ins Gesicht hing, rief: "Ich muss meine Pflicht tun, als Mensch mit einer gewissen moralischen und sittlichen Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Sowenig Wert mein Leben an sich selbst für mich haben mag, denn es kann ja nicht nur ein mühevolles, sondern auch ein recht unglückliches Leben sein, und dann habe ich wenig Veranlassung, es gut zu finden, so treibt mich doch die Pflicht, dass ich es fortführe, weil es mir deswegen, ich betone: deswegen nicht trotzdem, geradezu heilig vorkommt."
"Aber dann leben und handeln Sie nicht etwa, damit dies oder jenes in der Welt erfolge, sondern bloß damit es um seiner selbst willen geschehe, gewissermaßen aus Gehorsam, aus einer inneren Schuldigkeit heraus." "Nun denn, ist Schuldigkeit gegenüber etwas oder auch jemandem nicht besser als Schuld?" "Ich sehe darin keinen Unterschied, allenfalls, das gestehe ich gerne zu, die Möglichkeit innere Ruhe und Frieden zu finden." "Mehr noch, ich befreie mich von den Fesseln aller sinnlichen Antriebe, Absichten und Endzwecke, die mein Handeln ohnedies nur auf den Genuss fixieren, ja vielleicht allenfalls auf eine Bestätigung meines unbedingten Eigenwillens. Denn wie sehr bin ich andernfalls im Grunde nur ein in die Welt Geworfenes, ein vom Zufall Abhängiges, dessen Sehnen nach Höherem, Besseren und Unvergänglichen durch kein endliches Gut zu befriedigen wäre."
"Dann erhebt sich das Bewußtsein zu einer über alle Sinnlichkeit erhabenen Bestimmung, eine würdige Vorstellung." "Eine übersinnliche Bestimmung könnte man sagen, eine absolute Selbstgenügsamkeit der Vernunft, die, ungeachtet dass sie im gemeinen Bewußtsein nur als etwas Mittelbares, genauer etwas Vermitteltes erscheint, mir einen unerschütterlichen Glauben an eine feste moralische Ordnung verleiht. Übrigens meine ich darunter das zu verstehen, was man 'Seligkeit' nennt." "Doch diese Ordnung, von der Sie sprechen, ist sie nicht jeder bekannten, erfahrbaren Ordnung in der Sinnenwelt geradezu entgegengesetzt?" "Das ist es ja gerade! Unser Irrtum besteht darin, dass wir annehmen, der Erfolg unseres Handelns hinge davon ab, was geschieht, anstatt aus welcher Gesinnung heraus es geschieht. Verstehen Sie? Wenn es mir gelingt, jene Stelle einzunehmen, sozusagen als Stelle im gesamten System des Lebens, wo es mir zur unbedingten Pflicht wird, so oder so zu handeln, ohne bängliche Abschätzung der Folgen, ja indem ich gar nicht auf eventuelle Folgen in der sichtbaren, sondern in der unsichtbaren und ewigen Welt rechne, dann kann ich doch jeden durch mein eigenes Wesen mir gesetzten Zweck wahrhaft übersinnlich nennen."
"Ein solcher Standpunkt eröffnet in der Tat eine ganz neue Perspektive. Indem wir uns durch unsere Vernunft selbst in eine andere, übersinnliche Welt versetzen können, erhalten wir auf diese Weise die Bestätigung der Existenz unserer Vernunft, und sie ist beinahe schon die Bestätigung unseres Seins." "In der Konsequenz führt das wie von selbst zu dem, was auch Fichte erkannt hat, wenn er sagte: 'Die Befreiung des Willens, welche wir uns selbst verschaffen, wird uns Mittel und Unterpfand einer Befreiung unseres ganzen Seins, welche wir uns selbst nicht verschaffen können’." "Das klingt vielversprechend, ich meine allerdings, dass es schlechthin unmöglich ist, ganz ohne Aussicht auf einen Zweck zu handeln." "Aber ich bitte Sie, indem man so sein Handeln bestimmt, oder besser, indem man sich so zum Handeln bestimmt, entsteht unweigerlich in einem der Begriff eines Zukünftigen, das aus diesem Handeln folgen wird, und eben das ist nichts anderes als der Zweck." "Meinen Sie?" "Selbstverständlich, Sie sollten es versuchen."
Und was die Damenwelt beschäftigt.
Henry hatte sich frei gemacht, hatte sich einfach so plötzlich entfernt, dass ihn keiner zurückhalten oder ihm nacheilen konnte (was im übrigen auch niemand versuchte). Er ging zu den Damen hinüber. Katharina lächelte ihm zu und hob die Augenbrauen. Er machte eine Geste zu den Herren hinüber, die er gerade verlassen hatte. Man sprach über das Wetter, und das gefiel Henry besser als irgendwelche philosophischen Probleme und deren verehrte oder unliebsame Vertreter. Er betrachtete die Frauen mit höflicher Zurückhaltung und wandte immer derjenigen, die sprach, den Blick zu.
"Es liegt am Wetter, diese Hitze, tagelang kein Luftzug, keine Frische, die Atmosphäre steht. Selbst nachts dasselbe, als ob sich die Erde nicht mehr bewegen würde. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt so viele Nächte nacheinander ohne Zudecke geschlafen habe." "Erst gestern abend hat es geregnet. Ich war bei den Rossbergs zum Konzert, und gerade, als ich das Haus verlassen hatte, hat es angefangen, ich bin wirklich nass geworden."
"Regen nennen Sie das, das war kein Regen, nein, Regen sieht anders aus. Regen ist ein Naturgesetz, das besteht nicht nur aus einer Handvoll Tropfen, die ausnahmsweise vom Himmel fallen. Das war höchstens eine vereinzelte Wolke, die es nicht mehr ausgehalten hat stillzustehen, vielleicht ist sie sich selber überdrüssig geworden; zufällig stand sie gerade über Ihnen." "Glauben Sie etwa nicht, dass sich das allgemeine Klima wandelt? Man sagt, dass es in letzter Zeit viel trockener ist als früher, die ganzen letzten Jahre gibt es längere Perioden von größerer Trockenheit, seit geraumer Zeit schon. Ernst Christian, Sie kennen sich doch damit aus, was ist Ihre Meinung?"
Der so Angesprochene hatte sich unterdessen ganz leise mit der Dame neben ihm unterhalten, und es schien, dass die, die ihn jetzt um eine Auskunft bat, sein heimliches Gespräch stören wollte. Aber Ernst Christian ließ sich nichts anmerken und antwortete, als habe er aufmerksam zugehört: "In der Tat, es gibt Experten, die sehen schon eine nächste Warmzeit voraus, die Atmosphäre erwärmt sich, das Eis an den Polkappen schmilzt und der Wasserspiegel der Ozeane steigt. Wenn es eintrifft, was vorausgesagt wird, dann werden manche Städte in Zukunft unter Wasser stehen."
"Mir macht dieses Wetter nichts aus, im Gegenteil, ich fühle mich heute viel frischer." "Wie meinen Sie das, die Städte werden unter Wasser stehen?" "Da sehen Sie, was Sie angerichtet haben mit ihren Weissagungen, das sind doch alles nur vage Vermutungen, nichts ist bewiesen, gar nichts bewiesen. Sie beunruhigen die Damen nur", sagte die Störerin. "Nein, lassen Sie ihn doch ausreden, Madame Rickert, Sie schimpfen immer gleich, wenn jemand etwas sagt, das Ihnen neu erscheint."
Ernst Christian bemühte sich zu erklären. "Dass Wasser bei einer gewissen Temperatur zu Eis gefriert, das steht doch fest. Aber es bleibt nur solange Eis, wie es die Umgebungstemperatur erlaubt. Steigt die Umgebungstemperatur, dann beginnt das Eis zu schmelzen, deswegen haben wir auch im Sommer keine Eiszapfen an den Dächern hängen." Eine hübsche junge Frau, der Henry vorzugsweise seine Beachtung schenkte, sagte "Das mag stimmen, was Sie sagen, ich will das gar nicht bestreiten. Aber man kann doch einen Eiszapfen nicht mit einem Eisberg am Nordpol vergleichen, der ist zig mal so groß wie unser herzogliches Schloss. Der hat so viel innere Kälte, dass die Umgebungstemperatur gar nicht bis hinein gelangt." Sie warf Henry einen kurzen Blick zu, der vielleicht bedeuten sollte: Ich habe bemerkt, wie Sie mich beobachten. Henry war beeindruckt von dem was sie sagte und vor allem davon, wie sie ihre Hand mit einem kleinen neckischen Schwung durch die Luft wirbelte.
Eine Ältere meinte gemächlich "Das kann ich verstehen, die Hitze macht mir komischerweise gar nichts aus. Ich bin heute viel feinfühliger, es wird mir heute alles schneller klar als sonst. Deshalb verstehe ich das auch." "Sie werden das doch nicht auf eine innere Kälte zurückführen wollen." "Oh, so habe ich es nicht gemeint." Ernst Christian schob eine Erklärung nach. "Natürlich schmilzt ein Eisberg nicht von innen heraus, aber was so groß ist, hat auch eine große Oberfläche, und an der Oberfläche schmilzt er in einem fort. Stellen Sie sich diese Oberfläche ausgebreitet vor, ein Areal ungefähr so groß wie unsere Stadt. Und darauf eine Eisschicht von nur einem Zentimeter. Man kann jedes Jahr sehen, dass eine so dünne Eisschicht schmilzt, wenn es wärmer wird."
"Sie meinen, der Eisberg verliert jedes Jahr einen Zentimeter von seiner Außenhaut?" "Ungefähr einen Zentimeter, mal mehr mal weniger." "Es kann aber auch sein, dass meine Umgebung heute empfindlicher auf mich reagiert", sagte die Ältere. "Was meinen Sie?" "Weil ich so feinfühlig bin trotz der Hitze, Pardon, der äußerlichen Erwärmung, haben wir ja gelernt. Das ist doch paradox, nicht wahr?" "Dann werden wir irgendwann überschwemmt werden?" "Nun hören Sie auf mit dem Unsinn, wir liegen so hoch, dass das Wasser nicht einmal in unseren Keller laufen würde." "In den Keller? Wir haben alle unsere Vorräte im Keller, das ist nämlich der einzige Ort, wo es noch einigermaßen kühl ist." "Fjodor Alexejewitsch, nun sagen Sie doch auch einmal was dazu. Sie sitzen hier schweigsam herum und tun so, als ob Sie über diesen Dingen schweben würden, das ist nicht gerecht."
Henry entdeckte an der Seite auf einem Divan lässig hingestreckt einen Mann mit langen, ziemlich fettglänzenden, strähnigen Haaren, unrasiert, mit einer dicken Zigarre, dessen Qualm Henry eben schon aufgefallen war, als er hinter den Frauen, die vor dem Divan standen, hochgestiegen war. "Das nennen Sie sitzen, meine Teuerste? Ich meine, er lümmelt." "Dafür ist unser Fjodor Alexejewitsch bekannt, nicht wahr?" Fjodor Alexejewitsch machte einen tiefen Zug an der Zigarre, seine dunklen, ein wenig melancholischen Augen schienen in Bewegung zu kommen, er wollte etwas Wohlüberlegtes erwidern, doch Ernst Christian sagte: "Natürlich betrifft es die Städte, die ohnehin schon nahe am Wasser liegen, Amsterdam, Venedig, Lissabon." "Oder an einem Strom, wie Köln und Dresden." "Nein, nicht die am Strom, was hat denn ein Strom mit den Ozeanen zu tun, das ist ja nun wirklich eine reine Binnenlandangelegenheit, es ist eine Kuriosität, dass wir uns überhaupt damit befassen." "Wer denn sonst?" "Was weiß ich, die Matrosen." "Aber jeder Strom mündet irgendwo in einen Ozean."
"Ah, mir tut die Klarheit gut. Antonia, fassen Sie meine Hand, ist sie eher kalt oder warm, aber überlegen Sie, bevor Sie antworten. Der Arzt hat gesagt, ich hätte immer so kalte Hände." "Venedig? Das ist doch sozusagen schon überflutet, nach dem was man ständig hört." "Ja, anderen Städten würde es ähnlich ergehen, sie könnten zu einem neuen Venedig werden." Da sagte Fjodor Alexejewitsch, und es klang, als hätte er ein solches Projekt schon vor Jahren in Angriff genommen: "Wir könnten hier Kanäle bauen und Weimar zu einem neuen Venedig machen." "Fjodor Alexejewitsch, Sie sind umwerfend. Was für ein Gedanke. Kanäle, Brücken, Gondolieren, der Imsepark eine Lagune, wir würden Weimar mit V schreiben."
"Ich sagte doch, das Wasser würde nicht mal den Kellerboden bedecken." "Es soll ja auch nicht in den Keller, was nützt es uns da?" "Man könnte es stauen und umleiten, das wäre ein Gaudi, endlich einmal wieder eine große Aufgabe." "Oh, ich würde Euch fortan in meiner eigenen Gondel besuchen. 'Charlotte, schau mal nach draußen, siehst du meine neue Gondel, die blauweiß gestreifte mit dem roten Band, das in der Brise flattert.' Fjodor Alexejewitsch, ich würde Sie zu meinem Gondolieri machen, sie bekommen eine schicke weiße Hose und ein Matrosenhemd und einen Strohhut, und Sie müssten mich einmal am Tag nach Belvedere gondeln." "Und zurück." "I wo, dann müssten Sie ja solange warten und wären ständig bei mir. Nein zurück geht es doch bergab, da trägt mich die Strömung." "Was tun Sie denn da?" "Ich ziehe meine Handschuhe an, mir ist kühl, jawohl. Antonia, ich stelle Ihnen eine Frage und Sie müssen sagen, was Sie dabei denken: Was denken Sie dabei?" "Ich denke, es ist ungewöhnlich, bei dieser Wärme Handschuhe zu tragen." "Sehen Sie, sehen Sie, Sie haben bei Ihrer Antwort nur an mich gedacht. Der Grund, weshalb ich heute so feinfühlig bin, ist, weil meine Umgebung empfindlich auf mich reagiert." "Aber was hätte sie denn antworten sollen?" "Nein, nein, das ist schon in Ordnung. Eine spontane Antwort ist mir lieber als eine berechnende. Wann können wir denn nun mit dieser Eisschmelze rechnen." "Oh, Ernst Christian, verderben Sie uns nicht den Spaß. Vielleicht ist es ja morgen schon da, das Wasser." "Ich glaube, ich muss Sie enttäuschen, solche Prozesse dauern sehr lange, bis der Effekt eintritt." "Ja, aber da eigentlich niemand weiß, wann die Erwärmung angefangen hat, könnte es morgen schon soweit sein."
Es gibt nichts Schickeres als einen schneidigen Offizier, besonders wenn er jung ist.
Bei der lebhaften Unterhaltung hatte man das Läuten an der Tür überhört. Anscheinend war das Dienstmädchen gerade nicht zur Stelle und die Köchin hatte den jungen Leutnant eingelassen, der den Doktor Messerschmidt zu sprechen wünschte. Er stellte sich als Bernhard Jacob vor und machte einen sehr schüchternen Eindruck. Er war hochgewachsen und hatte ein weiches, fast kindliches Gesicht, helle lockige Haare und trug eine gepflegte Uniform, die ihm wie nach Maß geschneidert passte. Reihen goldener Knöpfe prangten auf der tiefblauen Jacke, die vorn und an den Ärmelaufschlägen mit leuchtend roten Partien besetzt war. Die helle Hose steckte in grauen Strümpfen, die eng anliegend bis über die Knie reichten und an der seitlichen Naht geschlossen waren. Auch wurden die schwarzglänzenden Lederschuhe teilweise von ihnen bedeckt. Ein breiter, weißer Schulterriemen verlief quer über die Brust und am ebenfalls weißen Gürtel hing ein Säbel, dessen Griff er umfasste, während er in der anderen Hand die geschwungene Mütze hielt. Alles war sehr schön aufeinander abgestimmt, und als Jacob den Salon betrat, flogen ihm die Blicke der Damen entgegen; einer solchen Gestalt hatte es gerade noch gemangelt. Nur Fjodor Alexejewitsch, der mit dem Rücken zur Tür lag, rührte sich nicht.
Ein Seufzer der Bewunderung ging durch den Raum, und Madame Rickert nutzte die Minute des Staunens und sprang dem Leutnant, die Hand ausstreckend, entgegen. Er wich erschrocken vor ihr zurück und erregte allgemeine Heiterkeit. "Stehe Ihnen zu Befehlen, mein General." Angeregt vom reichlichen Genuss der Erdbeerbowle wackelte die Rickert in Soldatenmanier vor ihm herum. "Was gilt's? Die Stellung des feindlichen Regiments zu occupieren, oder sind Sie gekommen (dabei machte sie eine herrische Geste in die Damenrunde), das zerstreute Korps zu sammeln?" "Doktor Messerschmidt", stammelte der Leutnant, "ich suche den Doktor."
Er schaute über alle hinweg in das andere Zimmer, wo er die Männer erspäht hatte. "Wollen Sie sich nicht wenigstens vorstellen?" sagte Antonia, sich Luft zufächelnd. Jacob erschrak wiederum, diesmal über sein stilloses Benehmen, nahm eine straffe Haltung an, so dass auch die Rickert zusammenzuckte und rief mit hoher Stimme: "Leutnant Jacob, Achtes Selchower Kürasierregiment." Dann setzte er hinzu "Habe den Auftrag, Doktor Messerschmidt betreffs einen dringenden Notfalls zu suchen." Die Rickert hatte, zu den anderen gewandt, seine Meldung mit diktierenden Handbewegungen begleitet. Dem Leutnant standen inzwischen Schweißperlen auf der Stirn. "Doktor Messerschmidt ist dort drüben", sagte die hübsche junge Frau, die vorhin Henry zugeblinzelt hatte.
Er schritt ins Nachbarzimmer, stellte sich nach der nicht eben zufriedenstellenden Begegnung mit den Damen unvermittelt vor und nannte sein Anliegen. Er kannte weder den Messerschmidt noch einen anderen der Herren. Freiherr Marchlewitz, ein alter Kämpfer, der selbst ohne Uniform den Habitus des Generals erkennen zu lassen glaubte, fragte den Leutnant aus, ohne den Grund seines eiligen Besuchs zu beachten. "Seit wann dienen Sie?" Leutnant Jakob wusste nicht recht, was er von dem Herrn halten sollte, aber seines hohen Alters und der aufrechten Erscheinung wegen antwortete er und nannte eine Jahreszahl. "Da haben Sie ja zeitig angefangen." "Mit Vierzehn." "Bei den Selchowern, sagten Sie." "Angefangen habe ich beim Köpenicker Kurierbataillon, aber eine Verletzung zwang mich zum Wechsel ins Zweiundzwanzigste Feldjägerregiment nach Prenzlau." "Was für eine Verletzung war das?" Jakob zögerte. "Ach, keine Kriegsverletzung, wie Sie vielleicht denken." "Nun, dann wollen wir auch nicht weiter fragen", meinte Marchlewitz, als handele es sich um eine Zeugenaussage.
"Prenzlau", grübelte er mit dem Ausdruck der Vetternschaft auf dem Gesicht, die alle hohen Militärs auf der Welt verbindet, und kämpften sie selbst auf verschiedenen Seiten. "Da kennen Sie vielleicht den Hauptmann von Kleist." "Kleists gibt es viele, sogar Hauptleute, mein Herr", meinte der Leutnant und befürchtete aufgehalten zu werden. "Ja das stimmt, ich meine einen Wernher von Kleist, er war seinerzeit in Prenzlau." "Hauptmann Wernher von Kleist wurde gerade in Ehren aus dem aktiven Dienst entlassen, als ich nach Prenzlau kam." "Und wann war das?" Der Leutnant nannte ohne zu überlegen wieder eine Jahreszahl.
"Das stimmt, erstaunlich", murmelte Marchlewitz, der mit den Antworten des jungen Mannes sehr zufrieden war. "Wie kommt es, dass ein preussischer Offizier in unserer Stadt weilt, davon weiß ich gar nichts", sagte Marchlewitz, als ginge er in Gedanken alle im Herzogtum stationierten Truppen durch. "Wir sind in Apolda kantoniert, als Teil einer speziellen Operation." Damit beschloss er, die Erkundigung zu beenden. "Aha, und was für eine Operation ist das?" "Verzeihung mein Herr, ich bin aus einem dringlichen Grund hier, sind Sie Doktor Messerschmidt?" "Ich verstehe, nein, ich bin Friedrich Wilhelm Marchlewitz, General a. D."
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