Nachdem S., der im Hause Pauquet freundschaftlichen Verkehr pflegte, Katharinas Brief mitgenommen hatte, war sie zunächst erleichtert und froh über die günstige Regelung, als beim Abendessen der Familie Wilhelmine, das Kindermädchen, beiläufig die Bemerkung machte, dass es, da doch die Abende jetzt allmählich länger hell blieben, den Stadtoberen eine Überlegung wert sein könnte, die Tore später zu schließen als im Winterhalbjahr. Es durchfuhr Katharina ein jäher Schreck; wie hatte sie Friedrich so leichtfertig in die Stadt beordern können, in der er ja gar nicht mehr wohnte. So selbstverständlich war ihr sein wenigstens offizieller Umgang hier geworden, und sie war sich dessen nicht bewusst, dass er ja sozusagen schon außer Landes war.
Ach, warum mussten auf so kleinem Raum, den man an einem Tage zu Fuß durchmessen konnte, die Verhältnisse so eng und bedrückend sein! Warum konnte das alles nicht zu einer Lösung finden, die seiner ureigensten Natur entsprach? Welches Unglück konnte heraufbeschworen werden, wenn er des Nachts sich hier illegal aufhielte, wenn er ausgerechnet vor dem Pauquet'schen Haus entdeckt werden würde. Der Hofmeister Weickert? Der die Stätte seines kürzlich so abrupt beendeten Wirkens aufsuchte wie einer, der nicht davon lassen kann, wie einer, der sich mit vollendeten Tatsachen nicht abfinden konnte. Oder gab es da womöglich noch etwas anderes, das ihn hierher trieb?
Eines Abends war er tatsächlich gekommen. Zufällig war sie ans offene Fenster getreten und hatte ihn sofort bemerkt. Oder war sie vom Instinkt geleitet worden? Hatte sich einer der unsichtbaren Fäden, die beide aneinander hielten, gestrafft und die Distanz verkürzt. In dem Labyrinth, in dem sie umherirrten, ohne stehenbleiben zu dürfen, gab es nur wenige Stellen, wo man durch die kalten, sprachlosen Mauern hindurch den anderen einen Augenblick lang sehen konnte, bis er sogleich wieder verschwand, wie fortgejagt, wie gehetzt. So war auch seine Gestalt an der Ecke zur Schlosserstraße gleich wieder weg. Vielleicht war es auch nur ein Trugbild gewesen, eines von denen, die Katharina in letzter Zeit öfter vor Augen bekam und die ihr Angst machten, weil sie anfingen, ihre eigentlich so robuste körperliche Verfassung anzugreifen.
Von der Straße her drang lautes Geschrei herauf. Zwei Betrunkene waren sich über den Weg gelaufen und aneinander geraten. "Du elendr Rotzkrepel, mache dich wech, sonste hau ech der offn Nüschl", schrie der eine, worauf der anderer parierte "Wenn de nich glei ruich bisd, du aales Kningerschwien, krichsde enne varbleederd." So ging es hin und her, bis sie handgreiflich wurden und sich mit weit ausholenden Schlägen, von denen die meisten ihr Ziel verfehlten, traktierten. Da erschien Kroschinsky und donnerte: "Machd dasser wechkommd ihr elendn bleegwänsd un kambld euch gefällechsd woannerschder." Mit ihm waren noch zwei, drei beherzte Männer hinausgetreten. Die Raufbolde wollten aber durchaus nicht voneinander lassen und schleuderten sich herum, wobei sie einen der Umstehenden anrempelten und ihm sein halbgeleertes Bierglas aus der Hand rissen, das auf dem Pflaster scheppernd zu Bruch ging.
Von dem Lärm geweckt und angelockt kam Gunda zu Katharina ins Zimmer und drückte sich an ihre Seite. "Was ist denn da los?" "Nur ein kleiner Streit", meinte Katharina, die die Szene eher belustigend fand. Gunda verfolgte die träge Schlägerei mit leisem Jauchzen der Entrüstung und konnte sich nicht entscheiden, welchem der beiden Kontrahenten sie ihre Anteilnahme geben sollte; sie machten beide eine schlechte Figur. Kroschinsky schaffte es schließlich, sie zu vertreiben, dann kehrte er so leise wie möglich die Scherben zusammen.
Obwohl die Sache harmlos verlaufen war, zitterte Gunda am ganzen Leibe. Auch war sie nur mit einem leichten Nachthemd bekleidet und im Schein des Kerzenleuchters konnte man die Gänsehaut auf ihren Armen sehen. "Kann ich hier bleiben, Katharina? Ich fürchte mich da drüben." Katharina, die sich bereits wieder hingelegt hatte, sagte nicht übermäßig begeistert: "Meinetwegen, das Bett ist breit genug." Gunda schmiegte sich an sie wie ein kleines Mädchen und hauchte noch unter der Decke in ihre Hände wie in einer bitterkalten Winternacht. Immer noch lag Katharina mit wachen Augen, als sie schon Gundas ruhige Atemzüge spürte, die sanft an ihrer Wange vorbei streiften.
Gunda knurrte im Schlaf, drehte sich auf die andere Seite und wieder zurück und stemmte das Knie gegen Katharinas Hüfte. Sie rutschte noch weiter zur Wand. Für einen Augenblick dachte sie daran, dass Er es sein könnte, der neben ihr liege. Sie musste lachen und hielt sich die Hand vor den Mund; morgen würde sie Gunda sagen, dass sie seine Rolle eingenommen habe, schon gar nicht so übel, nur an dem spitzen Knie müsste noch gearbeitet werden. Natürlich war es undenkbar, mit ihr darüber zu reden, leider, denn sie wäre froh gewesen, wenn ihr jemand auf andere Weise Herzensbeistand hätte leisten können, als es ihr Bruder, zugegebenermaßen mit wunderbarem Einfühlungsvermögen tat. Aber er war ein Mann, und wie konnte ein Mann über einen anderen hinwegtrösten, ohne diesen in Wirklichkeit zu verdrängen und danach zu trachten, ihn zu ersetzen.
Katharina war früh auf, geweckt durch einen Sonnenstrahl, der sich irgendwie zwischen den Gassen hindurch seine Bahn gebrochen hatte. Sie ging gleich ans Fenster und konnte noch sehen, wie an der Braun'schen Mühle über den Bäumen der Frühnebel von dannen zog. Sie wusch sich rasch mit kaltem Wasser und zog ohne lange auszuwählen ein Kleid von luftigem Olivgrün an, das auf der Vorderseite drei große, rotbraune Knöpfe hatte.
Wenngleich sie an diesem frühen Morgen nicht von besonderer Eile getrieben wurde, so konnte sie doch eine gewisse Aufgeregtheit nicht unterdrücken, ja es war eher eine Unternehmungslust, die sie gepackt hatte. Nach den alten Gedanken und neuen Eindrücken, die ihr gestern Abend im Kopf umhergeschwirrt waren und einem endlich erquickenden Schlaf, fühlte sie sich frisch und voller Erwartung für diesen Tag. Kaum konnte sie länger mitansehen, wie Gunda, die die ganze Breite des Bettes in Beschlag genommen hatte, in seliger Ruhe weiterschlummerte, und sie lüftete das untere Ende der Decke, wodurch Gundas seidenhelle Füßchen bloß lagen. Die Ärmste spürte auch sogleich den Luftzug an ihren Waden und reagierte mit unwilligem Knurren.
Katharina verstaute ihren Kram in den Reisetaschen und gab mit einem: "So, nun kann es weitergehen" kund, dass sie für die nächste Etappe der Reise bereit war. Als aber weder bei Gunda noch anscheinend in irgendeinem anderen Winkel des Hauses schon besondere Betriebsamkeit zu bemerken war, nahm sie sich weitere fünf Minuten Zeit, um einige von Friedrichs Gedichten zu überfliegen, die er ihr vor Wochen geschickt hatte. Zwar kannte sie das meiste inzwischen fast auswendig, hatte aber festgestellt, dass der wahre Genuss der Verse stets aus der Nähe der von seiner Hand geschriebenen Zeilen erwächst. Jedes Wort, jede Silbe, wenn sie sich unter ihrem Blick aneinander reihten, waren wie die lebendigsten Zeichen seiner Gegenwart. Auch war eines darunter, das gerade zum Augenblick passte und alle Gründe für ihre gute Laune zu bekräftigen schien.
Ihre Lippen formten die Worte, als hätten sie sie im Vorbeiflug eingefangen und dankbar wieder entlassen. Selbst die andere Strophe, die sie von einer weniger heiteren Erinnerung getrübt fand, klärte sich jetzt auf, wie zu einem bewahrenswerten Bild. Sie sah ihn vor ihren Augen, wie er dasteht und redet, wie er, das aufgeschlagene Büchlein in der linken, mit der anderen Hand leichte Gesten in die Luft webt, "in des Aethers lichtes Gewand" hätte er vielleicht gesagt, da er den Gang des Verses betont, ganz naiv und ein wenig unbeholfen; wie er den Pindar rezitierend ihm die Ehre erweist und einen Funken nur sich von ihm erwünscht, den eigenen Herd des Geistes zu entflammen. Katharina staunte über sich selbst und ihre Gedanken, die auf einmal so voller Poesie waren, einer Poesie, die wie eine wundersame Medizin in ihrer Seele das Verderbliche vom Guten schied. Sie hatte das Gefühl, auf dem besten Wege zu sein, alles Niedrige und Bedrängende ihrer alten Umgebung und wenn auch nur für einen Moment verlassen zu können, hatte das wohltuende und stärkende Gefühl, noch einen Schritt weiter, noch eine Stufe hinauf zu gelangen, über alles hinaus an eine Stelle, wo das Herz schon eine mildere Atmosphäre der Freiheit spüren kann.
Eins wollte sie noch lesen, als Gunda im Hintergrund und unter der Decke hervor sagte: "Du kannst es wohl kaum erwarten, diesen Tschiller zu sehen, dass du hier seine Gedichte so - sie suchte in der Bettwärme nach einem Wort - inbrünstig vorträgst. Wie früh ist es eigentlich?" Katharina legte das Manuskript in die Tasche zurück und schaute auf ihre Uhr. Sie war ein Schmuckstück an einem goldenen Kettchen zum Umhängen, ein Hochzeitsgeschenk. Man konnte sie aufklappen, und auf der Innenseite des Deckels war eine Miniatur in Emailletechnik, die ein Segelschiff auf hoher See darstellte. Beinahe mehr als über die anderen Geschenke hatte sich Katharina seinerzeit über diese Uhr gefreut, die Christian Pauquet in einer sächsischen Manufaktur hatte anfertigen lassen. Im Rand waren ihrer beider Namen eingraviert sowie der Hochzeitstag: 09. Juli 1789. Als die Uhr neu war, sprang der Deckel so vehement auf, dass Katharina jedesmal befürchtete, das ganze Stück würde zerspringen und einige Male war sie ihr dabei aus der Hand gefallen, weshalb Christian der Feder etwas von ihrer Spannung nehmen ließ und seitdem der Deckel sich tatsächlich mit einem verlangsamten Schwung öffnete, so als ob die kleinen dünnen Zeiger auf dem Zifferblatt noch Gelegenheit fänden, ihr Zeitgeschäft im Nu zu ordnen, bevor sie einer Dame Einblick gewährten.
Sie zeigte fünf Minuten nach sieben an, doch aus einem spontanen Wunsch heraus, die Ereignisse des Tages zu beschleunigen, schwindelte Katharina eine Stunde dazu. Dann kippte sie den Deckel wieder herab, der mit einem kaum hörbaren Klicken einrastete. Aus irgendeinem Grunde hatte sie diesen Vorgang immer als eine Art Männerhandgriff betrachtet, was ihr besonders gefiel, weshalb sie die Uhr auch selten am Hals trug, wo man die Prozedur nur umständlich und nicht so souverän vollführen konnte. Da für um neun die Abfahrt der Kutsche bevorstand, stieg Gunda mit einiger Eile aus dem Bett und verschwand in ihr Zimmer. Henry und der junge Tartaglia befanden sich bereits beim Frühstück, der alte Signore hatte sich entschuldigen lassen, er pflegte erst in den Vormittagsstunden aufzustehen. Katharina war über seine Abwesenheit nicht enttäuscht und gestand sich ein, eigentlich genug über und von Signore Tartaglia erfahren zu haben, um ihn in einer angenehmen Reiseerinnerung zu behalten.
Henry überflog in einem Anzeigenblatt die Offerten der hiesigen Geschäftsleute sowie die Liste der kurzgefassten Neuigkeiten. "Ein hübsches Städtchen, dieses Gotha", meinte er anerkennend, "es öffnet sich der Welt und scheint doch seinen landeseigenen Charakter zu bewahren, man wird wohl noch mehr von diesem Ort hören." Für den Kroschinsky, der gerade den Kaffee servierte (weil die Mamsell in der Küche damit beschäftigt war, ein Proviantpaket zu packen) war das wie Öl in sein lokalpatriotisches Feuer; solche Gäste waren ihm willkommen. "Da beweisen der Herr eine gute Voraussicht auf die allgemeine Entwicklung", sagte er an Henry gewandt und gab das Lob zurück. "Man merkt wohl, dass Sie aus Hamburg kommen, die Hamburger wissen unsere Leistungen weit besser einzuschätzen als andere deutsche Landsleute, welche glauben, die Thüringer seien nur Holzköhler und Wurstesser."
Er wollte seine kleine Rede zur Eigenart thüringischer Mentalität noch fortsetzen, als Katharina erschien und am Tisch Platz nahm. Sie hatte ihr Haar kunstvoll und doch natürlich zu einem kleinen Arrangement gebunden, ihr rosiges Gesicht stand im schönen Einklang zum zarten Grün des Kleides, das nicht ganz bis zum Boden reichte, und um ihre Fußgelenke eine Partie ebenso rosafarbener Strümpfe freiließ, die in leichten, hellen Lederschuhen endeten, über die sich kreuzweise dünne, geflochtene Bänder zogen. Am Kragen und an den Ärmeln stand ein blütenweißes, von zierlicher Stickerei gesäumtes Unterkleid hervor, wie die zarte Schale eines Vogeleies. Kroschinsky hatte die Dame gestern vielleicht nicht aufmerksam genug gemustert, jedenfalls war er jetzt so überwältigt von der nicht eben auffälligen, aber dafür aparten Person, dass er in Verlegenheit geriet und den Kaffee beim Eingießen verschüttete. Beinahe war er froh, dass er einen Grund hatte, schleunigst sich mit dem beschmutzten Geschirr zu entfernen.
Und auch Niccolo, der junge Tartaglia, der bis dahin nebenbei in einem Buche geblättert hatte, geriet sichtbar in Erstaunen, wie die Frau, die gestern zwar angeregt, jedoch nicht außergewöhnlich mit ihm geplaudert hatte, jetzt mit ihrer bloßen Erscheinung ihn derart beeindruckte, dass er sich gewünscht hätte, noch am Frühstückstisch mit ihr ein Gespräch über die Liebe zu beginnen. Freilich waren seine Gedanken ohnehin beständig bei der Verlobten, und doch musste er zugeben, dass die gestrige Bemerkung über die Ähnlichkeit beider Frauen, die eigentlich nur halb ernstgemeint war, sich jetzt als überraschende und ein wenig verwirrende Wahrheit erwies. So schoss er denn auch wie ein Pfeil von seinem Stuhl hoch und begrüßte sie auf sehr galante und für den gewöhnlichen Anlass eine Spur zu eindringliche Art. Nur Henry hatte kaum noch Veranlassung, von seinem Blatt aufzuschauen, und erst als Katharina, die etwas Weißbrot mit Butter probierte, ihn fragte, ob die Kutsche pünktlich abgehe und wann sie alle in Weimar ankommen würden, faltete er die Lektüre zusammen und warf sie auf einen leeren Stuhl.
Er verschränkte die Arme hinterm Kopf, streckte sich und lehnte sich dabei so weit zurück, dass die vorderen Stuhlbeine vom Boden abhoben. Dann referierte er in knappen Sätzen, mehr stichpunktartig wie in einem militärischen Lagebericht, über den Ablauf dieses Tages, wobei er Katharina bei ihrem Verzehr wie unbewusst beobachtete, gleichsam als denke er über die verschlungenen Wege nach, die die dargebotenen Speisen genommen hatten, bis sie unter ihrem silbernen Besteck ihrer Bestimmung erlagen. Er wirkte immer ein bisschen unbeteiligt, desinteressiert, gelangweilt; doch in Wahrheit verfolgte er das Geschehen sehr genau, nur dass er daraus seine eigenen und für die Umgebung oft merkwürdig erscheinenden Schlüsse zog. Zum Beispiel war es kein Wunder, dass er jetzt, da er Katharina von dem Brot abbeißen sah, nach der Schale mit der gelben Butter greifen und sie sich unter die Nase halten wollte, um daran zu riechen. Katharina, die diese (und einige andere) Unarten kannte, nannte das den "Riechsinn eines Comptoirbesitzers", der auf diese zweifelhafte Weise wohl Aufschluss über die Beschaffenheit der Waren herausschnüffeln wolle.
Diesmal war ihre Hand schneller an der Butter und verhinderte die peinliche Prüfung. "Diese Landbutter ist ausgezeichnet", meinte sie, "es müssen sehr gesunde, glückliche Kühe sein, die sie liefern." Henry verzichtete auf einen Gegenkommentar. Außerdem reichte Kroschinsky der Madame eine Tasse mit heißem duftenden Kaffee und flüsterte Henry dabei wie eine bedeutende Nachricht zu, er habe persönlich dafür gesorgt, dass dem Proviantpaket eine Blase echte Thüringer Sülzwurst, der sogenannte "Presskopf" beigelegt worden sei, eine Spezialität, die man selbst in Hamburg vergeblich suche. Katharina, die das gehört hatte, lachte laut auf und schlug Kroschinsky vor, auf dem Fischmarkt einen Stand zu eröffnen mit garantiert grätenfreier Thüringer Wurst, was dieser mit eher gemischter Reaktion aufnahm. Als Niccolo noch hinzufügte, man könne ja mit einem Bärenfell bekleidet auch noch Bier und Met anbieten, fühlte sich Kroschinsky in seiner Ehre leicht verletzt. Aber Henry, der es seiner merkantilen Gesinnung wegen verabscheute, die Vorlieben andere Leute zu diffamieren, versöhnte ihn sofort mit der Bitte, ihm eine Bezugsquelle dieses Erzeugnisses aufzuschreiben, zwecks möglicher späterer geschäftlicher Zusammenarbeit, welcher Aufforderung Kroschinsky auch sofort nachkam, denn der Fleischer Adolf Kroschinsky war sein Bruder.
Ungefähr zu der Zeit, als sich die drei längst mitten auf der Weiterreise befanden, hatte die Uhr des Kirchturms von Hermannstedt dreimal mit hellem, stumpfen Ton geschlagen und damit angezeigt, dass die zwölfte Stunde des Tages in Kürze voll sei. Die Sonne stand hoch und beschien fast die ganze südöstliche Flanke der dicht beblätterten Linden, welche die Allee, die nach ihnen benannt war, säumten. Auch die Pflastersteine, über die am frühen Morgen die Bauern zu Fuß oder mit ihren Ochsenkarren auf die Felder ausgezogen waren, lagen im hellen Licht, und nur auf der gegenüberliegenden Seite, wo ein schmaler, trockener Weg an den Bäumen vorbeiführte, gab es noch Schatten.
Dort gingen ein Mann und eine Frau, beide im fortgeschrittenen Alter, gemächlich nebeneinander her, und da die Allee nicht sehr lang war, weil sie lediglich wegen des eindrucksvollen Entrèes ins Dorf vorzeiten angelegt worden war, kehrten die beiden Spaziergänger, in ihr Gespräch vertieft, an den Enden immer wieder um und wandelten erneut unter den mächtigen Laubkronen entlang. Die Frau war Elisabeth Lucius, eine wie gesagt nicht mehr junge, doch sehr ansehnliche Dame, die auf zweierlei Weise sich einer gewissen Bekanntheit, ja im zweiten Fall sogar der Berühmtheit erfreute. Zum einen war aus der Ehe einer ihrer Töchter eine zahlreiche Nachkommenschaft hervorgegangen, unter welcher sich überwiegend Persönlichkeiten befanden, die aus unterschiedlichen Gründen von sich Reden machten. Zum anderen war Elisabeth Lucius Schriftstellerin, ein Metier, das sie mit dem Mann, der an diesem Mittag in der Lindenallee neben ihr ging und der Anton Alexander Zarrenthin hieß, teilte.
Elisabeth hatte jüngst ihre Erlebnisse und Eindrücke einer "Reise in die Schweiz" unter ebendiesem Titel veröffentlicht und damit ein weiteres Zeugnis ihrer, selbst im hohen Alter nicht nachlassenden Mitteilsamkeit an den Tag gelegt, ein literarisches Zeugnis, das sich in die Reihe der vorangegangenen fügte, von der man zwar nicht wusste, wie lang sie noch werden würde, aber sicher sein konnte, dass sie in jeder Hinsicht erschöpfend sein würde. Manche (nicht gerade ihre treuen Leser, eher ihre Kritiker) meinten auch, die Reihe ihrer Reisebeschreibungen sei schon ein paar Bände zuvor abgeschlossen gewesen, und die Autorin gefalle sich nunmehr darin, aus dem Wiedersehen der Stätten und Gegenden, die sie vor dreißig, gar fünfzig Jahren zum ersten Mal erblickte, ein biographisches Ereignis zu machen, indem sie weniger über das schrieb, was sie sah, hörte und was ihr begegnete, sondern darüber, was sie suchte, vermisste oder woran sie sich meist schon etwas dunkel erinnerte.
Mit ihrer Kunst hatte es seine eigene Bewandtnis, ihre Berühmtheit erneuerte sich mit jedem weiteren Buch und dauerte auch ungefähr solange, wie es brauchte, um bekannt, gelesen und weggelegt zu werden. Darin lag eine gewisse Verlässlichkeit ihrer Liebhabergemeinde gegenüber, die die "Reise in die Schweiz" dieses Jahres mit der gleichen Dankbarkeit aufnahm wie die "Schweizer Impressionen" fünfzehn Sommer früher, ohne dass jemandem die Wandlungen ins Auge gestochen wären, in die die Franzosen diesen Landstrich in der Zwischenzeit versetzt hatten. Revolution und Krieg, das ganze Auf und Ab politischer Umwälzungen ging ihr nicht nahe genug, als dass sie dazu eine persönliche, geschweige denn poetische Beziehung hätte entwickeln können, und angesichts der sensationellen Feldzüge des jungen heißblütigen Korporals Napoleon, der Kairo eroberte, das alte, sagenhafte Alexandria, eine (obgleich eingestürzte und versunkene) Bastion menschlicher Hochkultur, da gedachte sie bloß flüchtig der Gründe, weshalb es völlig außerhalb ihres Horizontes läge, eine Reise nach Afrika zu unternehmen: unter anderem weil ihr die bemessenen Lebenstage eine sorgfältige Vorbereitung nicht mehr erlaubten.
Fast tropische Temperaturen herrschten an diesem Tag auch in Hermannstedt, dem kleinen Bauerndorf mit dem Zarrenthin'schen Gutshof am Ufer der Imse, dem Flüsschen, das sich lautlos und ungezwungen durchs Thüringer Land bewegte, die Berghänge des Waldes längst hinter sich gelassen hatte, durch flache Täler geschlichen war, die es einst in vorzeitlicher Wildheit in die Erde gekerbt und sorgfältig ausgespült hatte, die Dichterhochburg Weimar andächtig und ein wenig gelangweilt streifte und bald sich ganz unprätentiös in die Saale, den alten Wein und Ritterfluss, ergießen würde. Unten in der Aue war es auch tagsüber einigermaßen kühl, auf der Dorfstraße war es nicht auszuhalten, und nur unterm Schattendach der Linden fand man Muße, an etwas anderes zu denken als an die anhaltende Hitze und Trockenheit dieses Sommers, die anscheinend kein Ende nehmen wollte.
Anton Alexander Zarrenthin hatte den Eindruck, als würden nicht nur die normalsten Bewegungen unter der gleichförmigen Witterung verlangsamt, sondern auch seine sonst so sprudelnden Einfälle in Mitleidenschaft gezogen. So sehr, dass er mittlerweile weniger über den Fortgang seines neuesten Romans "Das Los des Diomedes" grübelte, als vielmehr darüber, weshalb er ins Stocken geraten war. Seit vier Wochen war er untätig gewesen, konnte sich beinahe nicht mehr darauf besinnen, was er zuletzt geschrieben hatte, hielt sich, wie er sagte, mit Briefen über Wasser, welche, da die Antworten spärlich kamen, zur Korrespondenz über gewöhnliche Tagesereignisse verfallen waren. Tiefschürfende Betrachtungen darin auszusparen erschien ihm wie ein unentschuldbares Versäumnis, dennoch konnte er zu ihnen sich nicht durchringen, was ihn zudem genötigt hätte, etwas Abstand von seinem täglichen Handwerk zu gewinnen.
Denn er hatte Angst davor, sich noch weiter von dem aktuellen Stoff und Gegenstand seines Schaffens zu entfernen, die mit jedem Tag sichtlich älter wurden. Für ihn bedeutete jede Stunde, in der er nicht Wörter und Sätze aufs Papier gebracht hatte, eine verlorene Stunde. NULLA DIES SINE LINEA stand in Großbuchstaben über seinem Schreibpult, NULLA HORA las er es, und der Wahlspruch, der eigentlich ein Befriedigendes und Befriedigtes verkündete, der sich getaner Arbeit und erfüllter Pflicht rühmte, verzerrte sich in seinen Augen immer mehr in eine unerfüllbare Forderung, von der er nicht genau wusste, ob sie nur eingebildet war oder sich immer deutlicher auch außerhalb seines Kopfes abzeichnete, da draußen, wohin er seit vielen, vielen Jahren die Geschöpfe seines Geistes und seiner Phantasie gesandt hatte. Gesandt oder ausgesetzt?
"Gönnen Sie sich endlich selbst ein wenig Ruhe, Anton Alexander", hatte Elisabeth ihm heute Morgen beim Frühstück ins Gewissen geredet, und er hatte bei sich gedacht, ob sie es womöglich wegen einer gewissen Nervosität, die an ihm zu beobachten war (aber von niemandem angesprochen wurde), geäußert hatte. Elisabeth kannte ihn lange und gut genug, es mit weiser Nachsicht zu meinen. "Sie können die Sorge um Ihre mangelnde, nun ich nenne es frei heraus: um Ihre erlahmende Schaffenskraft schlecht verbergen, jedenfalls nicht vor mir", sagte sie weiter im wohlwollendsten Ton, und er hatte geschwiegen, so als wollte er selber mehr darüber erfahren, am liebsten jedoch wie über einen anderen.
"Jeder Künstler hat seine Krisen", sagte er, oder: "Man muss sich vor zu starker Ablenkung hüten." Oder er schob seinen Müßiggang auf die Probleme, die angeblich seine Romanfiguren bereiteten, als wären sie seine Hausgenossen. So etwas kannte er von früher, und auch Elisabeth leugnete keineswegs das Phänomen, wenn künstliche Gestalten plötzlich ihr Eigenleben entwickelten, und überdies auch noch die zweifelhafte Fähigkeit, selbst darüber zu bestimmen. Die Wahrheit in diesem Fall war aber, dass Anton Alexander einfach nichts mehr einfiel, das auch nur im geringsten seinen Figuren zum Leben verholfen hätte. Im Gegenteil, in einer Art dilettanter Ratlosigkeit dachte er daran, den Megadorus, einen der Haupthelden, sterben zu lassen, und nur der damit verbundene Wegfall der Gründe, die Geschichte danach überhaupt weiter zu verfolgen, ließ ihn davor zurückschrecken.
So tat er etwas, das ihm früher nie in den Sinn gekommen wäre, weil er es nicht nötig gehabt hatte, er fragte Elisabeth um Rat bezüglich seines Romans, aber er tat es auf eine Weise, die jedem gutwilligen Ratgeber die Freude verderben konnte. Erstens stellte er nur eigene Vorschläge zur Auswahl, ob Megadorus sich zur Trennung von seiner Geliebten Parthenis entschließen sollte, nachdem diese ihm ihre Zuneigung zu einem Dritten offenbart hatte, oder ob er dagegen seine Anstrengungen forcieren sollte, um sie ganz für sich zu gewinnen? Denkbar war beides, doch gerade das machte es für den Autor unglaubwürdig, sich für eines zu entscheiden. Und zweitens ließ er Elisabeths Empfehlungen im Grunde nicht gelten, ihre Fragen schienen alles nur noch unbestimmter zu machen. Was es denn hieße, das Mädchen "ganz" für sich zu gewinnen? Etwa ihr den Anspruch auf ihre eigene Persönlichkeit abzusprechen, sie zu etwas machen, das man besitzen, über das man verfügen könne, ein Mädchen, mit dem man nach Belieben ...
Anton Alexander unterbrach Elisabeth mit der Bemerkung, mit der er ihr schon oft ins Wort gefallen war. "Elisabeth, tun Sie mir den Gefallen und verschonen Sie mich mit ihren aufklärerischen Argumenten, dies ist die Geschichte einer Liebe unter einem wandelnden Stern und kein Buch über weibliche Emanzipation." Elisabeth lachte und fügte sich sogar. Dann fragte sie "Wie alt ist denn diese Parthenis überhaupt?" "Wie alt?" erwiderte Zarrentin unsicher, "Sie ist jung, noch sehr jung, vielleicht zwanzig." "Vielleicht zwanzig?" meinte Elisabeth. "Sie wissen es selbst nicht genau, aber Sie werfen die ganze bescheidene Lebenserfahrung eines halb erwachsenen Kindes in ein Spiel, dessen Regeln sie selber bestimmen wollen." Zarrentin verstand sie nicht. "Lassen Sie doch einfach geschehen, was geschehen soll, auch wenn es Ihnen nicht gefällt. Sie haben Angst davor, dass Ihnen die Zügel aus den Händen gleiten, dass Sie nicht mehr Herr sind über die Figuren, die Sie ersinnen."
Nur eine so langjährige und treuherzige Gefährtin wie Elisabeth Lucius konnte sich eine so ernste Kritik herausnehmen, und deshalb fügte sie auch noch hinzu "Und Sie haben Angst, dass Sie die Wirklichkeit, in der Sie leben und die Welt Ihrer Phantasie nicht mehr unter einen Hut bringen können, ist es nicht so?" Zarrentin gab sich gelassen, war aber keineswegs beleidigt. "Daran mag etwas Wahres sein. Aber Sie wissen selbst, wenn man mit einem Werk über einen gewissen Punkt fortgeschritten ist, dann gibt es kein größeres Dilemma, als wenn äußere Ereignisse einen so stark berühren, dass sie sozusagen durch die Seele hindurch bis in die Spitze des Federkiels hineinwirken, mit dem man die Sätze schreibt." "Was ist das für ein Unsinn, Federkiel und Seele, das klingt ja wie eine Schauerballade. Nun haben Sie sich schon in diesen Winkel verzogen, um vor der Welt Ruhe zu finden, die Sie gewiss auch verdienen, und Sie sind doch nicht zufrieden." "Liebste Freundin, wie Sie wissen, waren es stets meine Ruhelosigkeit und Unzufriedenheit, die mich umgetrieben haben, und ohne diese, wenn auch nicht immer angenehmen Eigenschaften, wäre ich kaum bis zu meinem kleinen stillen Glück gelangt."
Elisabeth glaubte meistens, hinter Zarrenthins Worten sein verstecktes Wesen wahrzunehmen, das sie überdecken sollten. "Ich werde Ihnen nie trauen", sagte sie, "das Schicksal hat uns ein Menschenleben lang aneinander geknüpft, obwohl wir keineswegs füreinander geschaffen sind. Was ich allerdings auch erst spät erkannt habe", fügte sie leiser hinzu. "Manchmal kommt es mir so vor, als wäre ich der einzige Mensch, der Sie durchschauen könnte. Ich drücke mich vorsichtig aus, es würde mir nicht gelingen wegen meines psychologischen Scharfsinns, denn der richtet bei Ihnen ohnehin nichts aus." "Wodurch sollte es dann geschehen?" fragte Zarrenthin höchst amüsiert. "Dadurch, dass Sie sich selber verraten." Er lachte hell auf. "Ich mich verraten? Niemals, nicht einmal hier, wo es kaum etwas gibt, das von mir ablenken könnte." "Sie sind ein garstiger Egoist!" "Das zählt aber kaum als entlarvende Erkenntnis", meinte er sehr sicher, "das weiß schließlich jeder."
Die Turmuhr hatte die nächste halbe Stunde mitgeteilt. Einige Dorfleute waren ihnen begegnet und hatten freundlich und zurückhaltend gegrüßt. Manche wirkten wie geplagt von ihrer alltäglichen Arbeit, andere sahen frisch und ausgeruht aus, um diese Zeit verdrückten sich die meisten an ein kühles Plätzchen. Elisabeth beachtete die Leute nicht, und Zarrenthin, der fast jeden einzelnen kannte, warf ihnen nur einen unpersönlichen Blick zu. Der Forstbedienstete Istleb näherte sich ihnen von hinten, stieg neben Zarrenthin vom Pferd und sie besprachen irgendeine Angelegenheit wegen des Holzes aus dem Wäldchen, das zum Gut gehörte.
Istleb redete mit Zarrenthin wie mit einem Vorgesetzten, den man ihm von höherer Stelle vor die Nase gesetzt hatte, und Zarrenthin wiederum machte keinen Hehl aus seinem Argwohn gegen die Bewirtschaftung, die durch über ein Dutzend mehr oder weniger unumgänglicher Bestimmungen, Verordnungen oder Ansprüche geregelt war, von denen Zarrenthin manchmal annahm, sie würden über Nacht entstehen oder zumindest plötzlich wiederaufleben. Aber auf eine grundsätzliche Debatte zwischen ihm und der herzoglichen Obrigkeit, die in dem abgeschiedenen Hermannstedt anscheinend ihre besonders veralteten Gewohnheiten pflegte, als wäre der Gesetzesstein, in den sie eingemeißelt waren, hier vergraben auf eine solche Debatte ließ sich Zarrentin jetzt nicht ein, und so war die Unterredung schnell erledigt und er konnte sich wieder Elisabeth zuwenden.
Doch das Gespräch kam auf ein Thema, das Zarrenthin lästig war, weil Elisabeth ihn damit seit geraumer Zeit verfolgte und stets geflissentlich ignoriert hatte, dass er sich für ihren Plan nicht begeistern konnte. Es ging um ihre Enkeltochter Sophie und um Zarrenthins Sohn Joachim, deren beider Verbindung Elisabeth sich sehnlichst wünschte. Anfangs hatte sie eine Annäherung Sophies und Joachims untergründig betrieben, mit allen trickreichen Mitteln, auf die eine schlaue, gütige Großmutter sinnen konnte, wenn ihr das Glück einer Frau in ihrer jugendlichen Blüte am Herzen lag. Vielleicht war sie dabei auch voller Zuversicht, dass sich mit ein paar harmlosen Manipulationen der Geschehnisse die Hauptsache ganz von selbst einstellen werde (was übrigens letztlich auch der Hauptgrund für den gegenwärtigen Aufenthalt auf dem Hermannstedter Gut war). Doch sie musste erkennen, dass die Sache auf Hindernisse stieß, und zwar wie es schien, an allen Stellen.
Sophie, zu der Elisabeth in vielsagenden Andeutungen gesprochen hatte, erriet sofort ihre wahren Gedanken, nahm aber daran keinen Anstoß, sondern belächelte die Großmama und begegnete ihrem Engagement als etwas, womit sie längst und selbstverständlich gerechnet hatte. Ja, sie kehrte den Spieß um und tat so, als ziehe sie Elisabeth ins familiäre Vertrauen wegen einer Herzensangelegenheit, die sie beschäftige. Und als dann mehrmals der Name Joachim fiel, glaubte Elisabeth ihr Ziel fast schon erreicht zu haben. Wenn sie auch von der Liebe zwischen Mann und Frau bestimmt mehr verstand als die meisten anderen, so war sie doch nicht davor geschützt, die Kinder und Kindeskinder in deren Lebenswandel heillos missverstehen zu müssen. Denn auch die Weisheit ist der undurchschaubaren Natur des Menschen unterlegen, und je vernünftiger sie wird, umso fehlerhafter wird sie auch. Elisabeth merkte bald, dass es Sophie gar nicht ernst war. Immerhin, sie war Joachim freundlich gesonnen, oh, mehr noch: er gefiel ihr, beeindruckte sie, erregte, faszinierte sie auf die bedingungslose, unverbindliche Weise, mit der sich junge Leute aneinander ausprobieren. Elisabeth konnte manchmal dem Anblick der beiden, wenn sie in vergangenen Tagen ausgelassen durch den Garten und Park streiften, ebensowenig widerstehen wie sie ihn andererseits wegen des Unernstes, den er verbreitete, ertragen konnte.
Es war nicht etwa Prüderie oder gar Neid, darüber war sie erhaben. Es war die leise Ahnung einer fatalen Unentschlossenheit, die sie an Sophie festzustellen meinte. Und es dauerte nicht lange, da konnte sie noch mehr erkennen. Anstatt das naheliegende, wenn auch unspektakuläre Glück, das sich ihr darbot, zu ergreifen, stürzte sich ihre Enkelin in verworrene, widersinnige Affären. Gleich in zwei: eine mit dem Berliner Bankier Philipp Riethmann, die andere mit dem Grafen von Auerstein in Wien. Und während Elisabeth mit beinahe naiver Mühe ihren Plan zu retten suchte, war Sophie längst ihrem Einfluss entschwunden, wenn sie ihm denn je wirklich unterstanden hätte.
Warum Elisabeth daran nur mit der größten Sorge dachte? Weil sie ihre kleine, schöne Sophie in große Schwierigkeiten geraten sah, denen sie nicht gewachsen sein würde. Wie konnte sie sich nur auf solch ungeheuerliche Verhältnisse zu zwei Männern einlassen, die eigentlich nicht nur zu alt (beide jenseits der fünfzig), sondern einander so wesensverschieden waren, dass es vollkommen unklar blieb, was sich Sophie selbst davon erhoffte. Und was konnte Riethmann, was der Auerstein bei Sophie suchen oder für vorhanden glauben, das ihrer beider verschiedenen Art entspräche? Zumal sie voneinander wussten, wofür es allerdings keinen eindeutigen Beleg gab. Dennoch verhielt sie sich so, als steuere sie auf die folgenschwerste Entscheidung ihres Lebens zu und erachtete alles, was dagegen sprach, als Störung, ja als Beschädigung ihrer Freiheit, einer Freiheit, aus der heraus sie dem einen oder dem anderen Manne folgen würde, und zwar noch vor Ende dieses Sommers.
Elisabeth lag nicht so verkehrt, wenn sie hoffte, dass Sophie in der Abgeschiedenheit von Hermannstedt, an einem Ort, zu dem sie keine gestörte Beziehung haben konnte, ihre Kräfte sammeln wollte, bevor ihr Leben in einer neuen Bahn verlaufen würde. Und darin stimmte auch Zarrenthin mit ihr überein, der sich ansonsten auffälligerweise jedes Kommentars enthielt: Sophie war seit dem Tag ihrer Ankunft sichtlich ruhiger, gefasster, ungezwungener und auch vergnügter geworden in dieser herrlichen Landschaft, in der von den Wirrnissen der großen Welt nicht viel zu spüren war. Dass sich aus der Perspektive Sophies die Dinge etwas anders darstellten, konnte er nicht wissen, denn in sie hineinzuschauen, das war ihm trotz der Offenheit und Vertraulichkeit, die zwischen ihnen herrschte, nicht gelungen.
Joachim war nicht anwesend, er weilte, soweit Elisabeth informiert war, noch in Berlin und wollte bald herkommen. Riethmann und von Auerstein waren natürlich auch nicht hier, sie wussten wahrscheinlich nicht einmal, dass es dieses Hermannstedt gibt, und dass es für Sophie momentan eine Art Zufluchtstätte war. Sophie war voher in Hermannstedt gewesen, allein, bei Zarrenthin und seiner Familie natürlich; sie pendelte in der Zeit zwischen Hermannstedt und Weimar hin und her, hielt sich einmal länger dort, ein andermal mehrere Tage hier auf. In Weimar freilich hatte sie nichts Entscheidendes zu suchen, außer ihr Gemüt, das ständig nach Zerstreuung lechzte, die sie nicht finden konnte, zu beschäftigen. Zarrenthin sorgte sich mit väterlichem Wohlwollen darum, es Sophie so angenehm wie möglich zu machen, und wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte Sophie am besten sein Haus gar nicht verlassen sollen und ständig an seiner Seite, in seinem Blick bleiben dürfen.
Elisabeth wehrte sich dagegen, einzusehen, dass ihre Versuche, Sophie und Joachim zu einem Paar zu machen, immer aussichtsloser wurden, und ihr Urteil darüber bekam jene sentimentale Note, die Zarrenthin allmählich lästig wurde. Sie sprach bald nur noch davon wie von etwas Zurückliegendem, das so schön hätte sein können, wenn es wirklich geschehen wäre. Bei diesem Tonfall sträubten sich Anton Alexander die Haare, weil er ganz unüberhörbar an die alte, lange und mit vielen unbeantworteten Fragen beschwerte Beziehung zwischen ihm und Elisabeth anschlug, die offensichtlich in ihren Erinnerungen zu einer Geschichte von Vergeblichkeiten, von Täuschungen und Enttäuschungen sich auswuchs.
Das hätte er noch hingenommen, mit der Gleichgültigkeit, mit der er oftmals über seine eigene Vergangenheit hinwegging. Doch der abscheuliche Beigeschmack von Bitterkeit, den Elisabeths notorische Äußerungen hatten und der ihn, ungerechterweise und ganz einseitig, wie er überzeugt war, einer Schuld (woran auch immer) bezichtigte, machte solchen Gesprächen jedesmal ein krampfhaftes Ende. Bevor es soweit kam, erlitt Elisabeth in der Mittagshitze einen kleinen Schwindelanfall, weswegen sie schnurstracks zum Hof zurück gingen, wo sich Elisabeth für eine Weile ausruhte, während Zarrenthin sich in sein Arbeitszimmer an der Südwestecke des Hauses verzog und die auf dem Schreibtisch ausgebreiteten Papiere betrachtete.
In manchen Augenblicken glaubte er, genügend Kraft zurückerlangt zu haben, um seine Arbeit aufnehmen und fortsetzen zu können, doch gleich danach versank er wieder in untätiges Sinnieren und endloses Erwägen, das von einer wie durch ein lästiges Medikament hervorgerufenen Langeweile begleitet wurde, die seinen Geist lahmlegte. Nur die alten, längst abgenutzten Gedanken, die jeden Glanz und jede Schärfe verloren hatten, machten sich mit unerträglicher Aufdringlichkeit bemerkbar. Er legte gleich das Blatt wieder hin, auf dem er begonnen hatte, irgendeine Passage, einen Satz nur zu korrigieren. Wann hatte er das geschrieben? Wohin sollte es gehören? Was sollte dem folgen? Ihm fiel nichts neues mehr ein; und die Unfähigkeit, sich in die Stimmung zurückzuversetzen, in der er seine Idee zu Papier hatte bringen wollen, raubte ihm die letzte Zuversicht, seinen Plan ausführen, geschweige denn bald vollenden zu können.
Er las die Namen der Figuren, die er erfunden hatte und die jetzt farblos, hölzern und lächerlich durch Handlungen stolperten, die ihrerseits zu keiner echten Geschichte sich verwoben. Er versuchte, sich die Personen leibhaftig vorzustellen; es gab Zeiten, da hatte er jede einzelne vor Augen, so lebendig wie einen Besucher, der ihm gegenüber saß. Er kannte jedes Detail an ihnen, freilich, denn er hatte es selbst da angebracht. Sie waren ihm so vertraut gewesen, dass er sogar die Details entdeckte, die nicht von ihm, ihrem Schöpfer, stammten, und die ihm etwa im Traum auffielen, wenn die Gestalten in Geschehnisse verwickelt waren, die ganz offensichtlich nicht seiner, Zarrenthins Vorstellung, entsprangen. Aber selbst diese raren Träume, aus denen er, wenn nicht eine Fortsetzung seiner Geschichte, so doch wenigstens Vergnügen gezogen hatte, sie waren lange schon ausgeblieben. Schlimmer noch: sie hatten den Albträumen Platz gemacht, die ihn nun fortwährend quälten und die gar nicht mehr lustig waren.
Er ging nach draußen, drehte eine Runde durch den Garten, ging manchmal bis zum Fluss, wechselte ein paar Worte mit dem Verwalter oder dem Stallknecht. Doch manchmal war er auch dessen überdrüssig, jedes Gespräch widerte ihn an, jeder Schritt auf dem Sandweg durch die Birken, der zum Ufer führte, ängstigte ihn, je näher er dem Wasser kam, das ebenso träge wie unaufhaltsam vorbeifloss. Jede Blume, jeder Baum, jeder Stein, an denen er zum zigsten Male vorbeilief, kamen ihm jedesmal abweisender und nichtiger vor, und er erkannte, dass er diese Nichtigkeit von allem was ihn umgab sich selber einredete, denn es war nur das Gefühl der eigenen Nichtigkeit, das er allem anderen anlasten wollte.
Die Belanglosigkeiten, über die er mit dem Stallknecht redete, und die ihm früher stets den Unterschied in ihrer beider Verstandesvermögen und ihrer Bildung wenn er darin den Knecht überhaupt mit sich vergleichen wollte überdeutlich klargemacht und immer wieder bestätigt hatten, diese Belanglosigkeiten, auch in den Unterhaltungen mit beliebigen anderen Personen, hatten jetzt manchmal und immer öfter einen Zug von Ironie, die keineswegs von Seiten Zarrenthins kam, die ihn ganz im Gegenteil überraschte und beunruhigte. Er war darin ein Kenner und Experte, er beherrschte in seinem Schreiben die Ironie wie kaum ein anderer seiner Zeitgenossen, sie war zu etwas wie einem unverwechselbaren Merkmal, einem Siegel seiner Werke geworden. Aber das war seine künstlerische, eine künstliche Ironie, ein Stilmittel letztlich, mit dem das Gesagte, das Beschriebene verziert, mit dem die Schau auf die Welt und die Menschen abgerundet und auch abgemildert wurde. Diese Art von Ironie, die ihm neuerdings begegnete, war viel wirklicher, authentischer, rücksichtsloser. Anstatt ein Beiwerk, nur ein Schmuck zu sein, war sie etwas, das man nicht wegmachen, beseitigen, umformulieren konnte, selbst wenn man das tun wollte, weil sie sehr unangenehm war.
Vor vielen Jahren, als er, Zarrenthin, ein junger Mann war und am Anfang seiner Karriere als Schriftsteller stand, da hatte ein schon betagter väterlicher Freund zu ihm gesagt: "Überlege dir immer genau, was du sagst und vor allem, was du niederschreibst in der Absicht, dass es die Zeit überdauert. Bedenke, dass die Zeit die seltsame innere und verborgene Fähigkeit hat, alles in sein Gegenteil zu wandeln, in das Gegenteil dessen, was es vorher war. Jeder Satz, den du formulierst, der deinen Geist verlässt und der später, auch viel später gelesen wird, jedes Urteil, das du fällst, jedes Lob, das du spendest, jede Abscheu, die du äußerst, können in ihr völliges Gegenteil verwandelt werden, und es gibt keine Instanz, die das verhindern und überdies kein Mittel, das dies rückgängig machen könnte."
Damals hatte er das nicht verstanden. Wie auch? Wenn er gerade damit anfing, die Dinge so zu erkennen und in Worten wiederzugeben, wie sie in eine vernünftige und in eine poetische Ordnung passten. Alles darin musste ein Minimum an Unverwechselbarkeit haben, eine Identität hätte der Philosoph es genannt, ohne die jedes winzige Stück dieser Welt den Halt verliert und zu einem Bruchstück wird, das, wenn es einmal herausfällt, schwerlich wieder eingepasst werden kann, und sei es, weil man seine Stelle nicht wiederfindet. Und auf dieser Ordnung konnte er sein ganzes Gedankengebäude errichten; in ihr erwuchsen seine Figuren wie aus dem Boden eines angelegten Garten; durch sie hindurch verliefen die Ereignisse und Handlungen in Bahnen, die hierhin und dorthin und auch mal ins Dunkel führen konnten ja, mit Auf und Ab, auf Wegen, die sich womöglich kreuzten, aber auf denen man nie zugleich in entgegengesetzte Richtungen ging.
Und nun, nachdem die Ordnung so viele Jahre, ein Leben lang, bestanden hatte, und so viele poetische Bauwerke darauf errichtet worden waren, nun machten sich Anzeichen bemerkbar, dass die Gründe und Untergründe, auf denen all' das basierte und emporragte, in Bewegung, zumindest in Wandlung gerieten, ganz wie das Erdreich, ob es nun Ackerboden, Wüstensand, Fels oder Sumpf oder irgendeine der Varianten des festen Urelements sein mochte, sich wandelt, wenn nur genügend Zeit darüber hingegangen ist. Jetzt begann Zarrenthin die Worte seines alten Mentors zu begreifen, und er erkannte mit Schmerz, dass auch er dieser seltsamen Verkehrung unterworfen war, die sich daranmachte, vieles, was er geschrieben oder geäußert hatte, für unzutreffend zu erklären, so wie viele Lehren über die kosmischen Bewegungen für unzutreffend erklärt wurden und dabei eine Wahrheit die andere ablöste.
Ankunft in Weimar. Sophie, die reizende Cousine
Die drei Reisenden waren in Weimar angekommen und im Gasthaus "Zum Storch" abgestiegen, und es dauerte nicht lange, da meldete sich Sophie Gerstenberg an. Gunda machte einen Freudensprung und lief ihr entgegen, als auch schon die Tür auf ging und die liebe Cousine vor ihnen stand. Sie trug sommerliche Garderobe, keinen Hut, hielt dafür einen weißen Sonnenschirm in der Hand, den sie beiseitelegte. Über ihren Schultern hing außerdem ein sehr leichtes, durchscheinendes Tuch, das ihr gelbes, am Oberteil mit bunten Streifen verziertes Kleid vor dem Staub und ihre Arme vor den Sonnenstrahlen schützte.
Sophie war von mittelgroßer Gestalt und etwas rundlicher Figur, im ganzen jedoch wohl proportioniert. Sie hatte schwarzes, dichtes Haar, das bis auf die Schultern fiel und auf dessen einer Seite in prallem Rot eine Camelienblüte leuchtete. Sie korrespondierte auffällig mit dem roten Mund, der, dezent geschminkt und mit seinen weichen vollen Lippen, die von einer deutlichen Linie konturiert waren, etwas Maskenhaftes, vielleicht beim zweiten Anblick etwas Närrisches hatte. Um die Wirkung der kräftigen Blüte auszugleichen, hatte sie ihren Augen, deren Pupillen übrigens von demselben Dunkel wie ihr Haar waren (welche Farbe, wie man feststellte, von der Großmutter stammte), mit einem hauchdünnen, ins Grünliche gleitenden Schimmer auf den Oberlidern versehen, der nur recht zur Geltung kam, wenn sie sich geschlossen befanden, wobei der gleichsam unterbrochene Blick, das für einen Moment ausgesetzte Schauen in die Wirklichkeit von einem kaum merklichen, erst nach einigem unschlüssigen Rätseln dem Betrachter offenbarten Zucken des Mundwinkels, des einen oder des anderen, begleitet wurde.
Jemand, der Sophie zum ersten Male sah, konnte die subtile Mimik ihres Gesichts gar nicht gleich ganz erfassen und deuten. Als sei sie sich dieses Zusammenspiels durchaus bewusst, oder weil es einfach zum Ausdruck ihres Wesens gehörte, machte sie beim Sprechen zwischen den Worten, und vorzugsweise zwischen solchen, die sinngemäß zusammengehörten, häufig kleine Pausen, in denen sie ihre Augenlider fallen ließ und die langen, allerdings gefärbten Wimpern sich gleich flimmernden Härchen an den Rändern von Blütenblättern aufeinander legten wie an den lichtgesättigten Tagen. Auch hob sie, während sie redete (und deutlicher noch wenn sie zuhörte), den Kopf etwas höher und stand, die Füße dicht beieinander oder den einen in klassischer Haltung seitab gesetzt, in einer Pose, die der einer Schauspielerin ähnelte. Doch auch das bemerkte Katharina erst später, als sie Gelegenheit fand, Sophie ungestörter zu betrachten.
Gunda sprang auf sie zu, umarmte und küsste sie und rief, als lägen Jahre der Trennung zwischen ihnen "Großer Gott, Sophie, Cousine, wie glücklich bin ich, Dich wiederzusehen." Sophie erwiderte die Herzlichkeit auf ebensolche Weise. "Meine kleine Gunda, Herzliebchen, sei willkommen." Sie schaute über Gundas Schulter hinweg auf die anderen mit einem Blick, der bedeutete, dass sie jene gleich noch ausführlicher begrüßen werde. "Seid alle willkommen." Die Arme auf ihre Schultern gelegt, sah sie Gunda von oben bis unten an und meinte anerkennend: "Wie groß du geworden bist." Gunda, die tatsächlich ihre Cousine um fast einen Kopf überragte, kannte dergleichen Bemerkung aus ihrer Kinderzeit zur Genüge und war der Ansicht, dass sie jetzt groß genug war, damit sich die Feststellung erübrige. "Was muss ich denn nun noch tun", meinte sie lachend, "um endlich auch erwachsen zu sein?"
"Ach meine große kleine Gunda, für mich wirst du wohl immer die kleine Gunda bleiben, die du warst, als wir noch in Traubstein im Garten auf der Schaukel gesessen sind, Marmeladenbrötchen aus der Küche stibitzt haben und uns gegenseitig den Lauf der Welt erklärten." "Ja, oder als wir oben aus Amalias Zimmerfenster auf die Straßenseite hinausschauten und auf den Postboten warteten, der mit seiner kleinen Kutsche und dem noch kleineren Pferd heranwackelte." Sie wandte sich zu den anderen um und sagte, um den Abstand zu ihrem kindischen Treiben von einst zu verdeutlichen "Der Postbote war der erste Mann in unserem Leben außerhalb der Familie." Und um diesen Abstand noch zu vergrößern, setzte sie betont vage hinzu "Wie hieß er denn gleich noch, Möckel oder Meckel oder so?" "Man muss dazu sagen, dass er in Wirklichkeit weder so hübsch noch auch so jung war wie in unseren Augen. Im übrigen hatte er nie etwas für uns dabei gehabt." "Oh, wie kannst du so etwas sagen, er hatte stets ein Lächeln und einen freundlichen Gruß für uns übrig. Und dann, du erinnerst dich wohl nicht mehr richtig, ein paar mal hat dir Vetter Franz sogar Briefe geschrieben, als er in der Schweiz war oder so."
Sophie lachte laut auf, fast übertrieben, als wollte sie die wieder ausgegrabene Begebenheit zugleich verharmlosen und interessant machen. "Ja, was waren das eigentlich für Briefe?" beharrte Gunda und verriet dabei, dass ihre Bindung an jene Zeit gar nicht so gelöst war, wie sie vorzugeben sich bemühte.
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