Voilà : Hier sind drei unserer Hauptpersonen : Katharina, Henry und Gunda. Schauen wir uns an, welches Quartier sie auf ihrer Reise nehmen und welche Bekanntschaft sie bei der Gelegenheit machen.
Die beiden Damen und der Herr kamen nachmittags gegen halb zwei Uhr in Gotha an und nahmen Quartier in einem Gasthaus unweit des erstklassigen Hotels "Zu den drei Mohren", das leider bereits ausgebucht gewesen war, als man die Übernachtungen der Reise organisiert hatte. Die eine der Damen war Katharina Pauquet, die Frau des Kaufmanns Christian Pauquet aus Frankfurt. Die andere, noch sehr junge Dame war Gunda Gerstenberg, die in Fulda hinzugekommen war. Sie hatte zwei große Koffer und eine Reisetasche dabei, und als erstes sagte sie: "Ich bin noch nie so weit weg von zu Hause gewesen."
Sie war hochgewachsen und schlank, fast ein bisschen mager, und alles an ihr ging ein wenig in die Länge. Sie hatte strahlendblaue Augen, eine spitze Nase und helle Lippen. Sie hatte sich die Haare zu Zöpfen geflochten, die um den Kopf herum gelegt waren, und sie hatte sich eine Blume ans Haar gesteckt, wie sie es bei ihrer Cousine Sophie gesehen hatte; allerdings war es keine Kamelienblüte, wie sie Sophie vornehmlich zu tragen pflegte, sondern eine Margerite, eine schlichte Wiesenblume, deren weiße lange Blütenblätter Gundas Gesicht, das stets etwas gerötet schien, noch auffälliger machten.
Sie fiel Katharina um den Hals und küsste sie auf die Stirn, als wäre Katharina die Jüngere von beiden, ein kleines Mädchen. "Und das ist Henry, mein Bruder", sagte Katharina. "Henry, und wie weiter, Herr ..." "Henry Brehmer", sagte er, "aber Sie können mich gern beim Vornamen nennen." "Ah ja, der war Henry, nicht wahr?" sagte Gunda und kicherte. Dann reichte sie ihm die Hand und wollte ihn zugleich auch umarmen, wusste aber nicht recht, wie sie es anstellen sollte, und ihre Gesten gingen ins Leere, so dass Katharina lachen musste. "Na jedenfalls, ich bin Gunda, und ich hoffe, meine lieben Verwandten haben nur Gutes von mir erzählt." "Sie sind eine hervorragende Schwimmerin, habe ich gehört", sagte Henry, und Gunda war überrascht, dass er daran etwas Bemerkenswertes findet. "Ganz passabel, ja. Und Sie?"
"Wisst ihr", meinte Katharina, "wenn ihr euch beim Vornamen nennt, könnt ihr euch auch duzen, ich komme mir sonst so komisch vor." "Wie denn komisch?" fragte Gunda, als hätte dieses Wort den Anfang eines langen Erlebnisberichts eingeleitet. Und Henry fand bestätigt, was Katharina ihm gesagt hatte, dass Gunda manchmal überraschend sprunghaft im Reden und wahrscheinlich auch im Denken sei, und sie, Katharina, sah das als ein Zeichen von Gundas Jugendlichkeit an. "Ja, mir wäre das recht", erklärte Henry, um das Thema abzuschließen. "Was? Ach so, ja, na ihr seid beide komisch mit eurer Förmlichkeit. Als wäre ich so eine alte Glucke oder so was."
Dann musste ihr Katharina alles genau erzählen, wie es abgelaufen war, als Sophie und sie diese Reise geplant hatten, und wie sie eigentlich darauf gekommen sind, dass sie, Gunda, mitkommen müsse. "Das war ... ich weiß jetzt gar nicht mehr genau, wer zuerst die Idee hatte", sagte Katharina. Der Kutscher rief zur Weiterfahrt, und Gunda war bereits in den Wagen gestiegen, während sie sagte "Jetzt könnt ihr mir in Ruhe alles erzählen." Aber dann fing sie gleich an, in einer ihrer Reisetaschen zu kramen, um einiges von dem, was sie für unterwegs mitgenommen hatte, zu präsentieren. "Ich habe an alles gedacht", sagte sie stolz.
Von ihrem Zimmer aus konnte Katharina einen Teil der Fassade des "Mohren" sehen, gerade jenen mit der großzügigen Eingangstür, zu der drei Stufen hinaufführten, auf deren oberster beiderseits zwei Kübel mit Zitronenbäumchen standen und die von einem Bediensteten in respektabler Livree und mit schwarzglänzendem Zylinder gehütet wurde. Eigentlich sollte Gunda das Zimmer beziehen, während Katharina, da es sich ohnehin nur um eine Nacht handelte, mit einem kleinen aber gemütlichen Raum nach der Hinterseite zufrieden gewesen war. Einige Minuten später erschien Gunda und meinte, sie habe "ein Ungeziefer" über ihre Bettdecke krabbeln sehen und verlangte ein anderes Zimmer.
Da jedoch außer einer Kammer mit sehr provisorischer Bettstatt nichts mehr frei und der Wirt gerade außer Haus war, nahm der Diener Kroschinsky sich der Beschwerde an und versprach, das scheußliche Tier sofort zu beseitigen. "Wie denn?" fragte Gunda, die zwischen ihrem Ekel vor der niederen Kreatur und der schmierigen Rohheit des Dieners wechselseitig zurückschreckte. Kroschinsky zwinkerte dem hübschen Fräulein vertraulich zu und fuhr tatsächlich mit der breiten Zunge über die Lippe, fragte dann jedoch in sehr amtlichen Ton "Wie groß war es?"
Gunda, der die Erörterung solcher Begleitumstände völlig unnütz vorkam, suchte nach einem naheliegenden Vergleich und ihr Blick fiel auf das Medaillon, das dem Diener Kroschinsky, der nämlich in seiner verdienten Pause sich des engen Kragens entledigt und in der Eile die oberen Hemdknöpfe nicht geschlossen hatte, zwischen seinem dicht gewachsenen Brusthaar prangte. "Ungefähr so groß", meinte Gunda kühl und deutete mit einem Blitz von Fingerzeig auf Kroschinskys Schmuck. Daraufhin verschwand sie ohne Worte in Katharinas Zimmer und ließ unsanft die Tür zufallen.
Kroschinsky stocherte mit einem eigens für solche Zwecke vorbehaltenen Haselnußstecken in dem Spalt zwischen Bett und Wand herum. Da es ihm aber an nötiger Bewegungsfreiheit mangelte und sich der Bettpfosten mit Kroschinskys nicht eben an Magersucht leidendem Bauch einen Verdrängungskampf lieferte, ließ er sich von Katharinas Blicken, die die Aktion interessiert verfolgte, nicht länger zurückhalten und kniete sich aufs Bett, um tatsächlich gleich darauf ein schwarzes regloses Krümelchen herauszuklauben, das wohl ebenso gut gerade aus seinem Ärmel gefallen sein konnte. "Da hammer’s doch schon", sagte er triumphierend, "möchte sich das gnädige Fräulein von der Vollstreckung überzeugen?" "Ich glaube, das ist nicht nötig", meinte Katharina. "Damit ist die Ruhe und Ordnung in unserem Hause wiederhergestellt", fügte er im Hinausgehen hinzu, um jeder weiteren Diskussion über einen Zimmerwechsel zuvorzukommen.
Gunda steckte die Nasenspitze herein und fragte: "Ist es weg?" "Es scheint so", sagte Katharina, die sich inzwischen in dem ansonsten schmucken Zimmerchen wohl fühlte. "Was war es denn nun, etwa ein Kankerlake?" "Bestimmt, jedenfalls hatte es, wenn ich recht gesehen habe, einen Stachel." Gunda stieß einen Schrei aus und knallte abermals die Tür zu. Katharina lachte. Die Neugier trieb sie dazu, selbst auf das Bett zu steigen und dahinter zu schauen, wo der Diener seiner Beute habhaft geworden war. Sie staunte nicht schlecht, als sie in dem nur matt beleuchteten Winkel zwischen Boden und Wand noch eine Menge weiterer offenbar toter Exemplare verschiedener Größe und Gestalt erblickte. Ein Schlaumeier, dieser Diener, dachte sie, wahrscheinlich ist das kleine Ungeziefer noch einmal davongekommen.
Da entdeckte sie in den Staubflusen eine bunte Glasperle mit Loch zum Auffädeln. Sie putzte sie sauber und hielt sie am Fenster gegen das Licht. Die Farben waren wie ein Knäuel dünner Fäden ineinander verschlungen, hatten sich aber nicht vermischt. Sie drehte das Kügelchen zwischen ihren Fingern und verfolgte den Weg der roten Ader, als Henry ohne anzuklopfen eintrat. "Ich mache mit Signore Tartaglia einen Spaziergang in den Schlosspark, kommt ihr mit?" "Wir kommen nach", sagte Katharina. 'Wer ist Signore Tartaglia?' "Wo finden wir euch?" "Es soll dort einen Teich geben mit Schwänen und Booten, dabei steht ein Pavillon im römischen Stil, den wir besichtigen wollen. Was hast du da?" Katharina gab ihm die Glasperle. "Gefunden. Unterm Bett." "Was machst du denn unterm Bett?" "Ich weiß nicht, Murmeln suchen."
Henry meinte, bestimmt habe sie ein Kind beim Spielen verloren. "Schau mal, so." Die Holzbohlen des Fußbodens verliefen längs zu jener Wand hin, und als hätte er das hier im Zimmer schon tausendmal gemacht, ließ Henry die Perle in einer Ritze schnurgerade unters Bett rollen, wo sie abermals für Jahre verschwunden wäre, wenn nicht Katharina danach gegriffen hätte. "He, lass das und verschwinde." "Also bis dann." Sie ging nach nebenan, sagte Gunda Bescheid und kehrte mit dem Gepäck zurück. Sie nahm nur die nötigsten Sachen heraus, denn schon am nächsten Tag wollten sie weiter fahren.
Draußen war noch schönster Sonnenschein, man schrieb Anfang August und die große Sommerhitze der vergangenen Wochen hielt unvermindert an. Abermals trat Katharina ans Fenster, öffnete es und schaute hinaus. Die Aussicht ging auf eine schattige Seite des Hauses, und Katharina meinte, eine leichte, frische Brise zu spüren, die vielleicht aus dem Park, der etwas erhöht auf dem Schlossberg lag, über die Dächer herüberwehte.
Gunda kam ins Zimmer. Ihre aufgekratzte Stimmung wegen der ganzen Reise hielt weiter an, und ihre Freude darüber war unverkennbar, zumal die Unternehmung mehrmals verschoben worden und bis zuletzt fraglich war, weil Henry bei seinen Geschäften in Hamburg alle Hände voll zu tun hatte. Als dann, wie Katharina berichtete, einer seiner Termine entfallen, ein zweiter vorgezogen wurde, sei er unverzüglich nach Frankfurt gekommen und sie haben alle nötigen Vorbereitungen getroffen und auch Gunda sofort Bescheid gegeben. Und weil geplant war, dass sie Anton Alexander Zarrenthin in Hermannstedt besuchen würden, wo Gundas Tante und ihre Cousine Sophie weilten, hatte sie sich mit Sophie brieflich abgesprochen, welche versicherte, bereits alles zur Ankunft der Reisenden in die Wege geleitet zu haben; sie brauchten nur ihre "kleine Cousine" Gunda unterwegs aufzunehmen und würden freudig erwartet.
Für Katharina sollte diese Reise eine große Erholung sein nach den aufregenden und aufzehrenden Wochen, in denen alles aus dem Gleichgewicht und aus den Fugen geraten war. Sie würde Abstand vom Vergangenen gewinnen, manches vergessen können, neue Menschen kennenlernen und dem berühmten Zarrenthin begegnen, dem Autor des Bellerophon und von Die Töchter des Tantalos, von welchen sie zwar nur eine oberflächliche Kenntnis hatte, die sie aber gewiss in der Folge des Besuchs mit umso größerer Begeisterung, und dann vielleicht sogar mit den direkten Kommentaren des Verfassers im Gedächtnis lesen würde.
Zarrenthins Gut lag nur eine Fahrstunde von Weimar und Jena entfernt, und so hoffte sie insgeheim, auch andere Weimarer Größen zu treffen, und womöglich Ihn höchstpersönlich, Goethe, der ja wie sie aus Frankfurt stammt. Bei der Vorstellung, im Kreise dieser Männer zu weilen, fühlte sie schon jetzt ihre Aufregung. Im stillen schrieb sie bereits all' die Briefe, in denen sie ihren Freundinnen und Freunden darüber berichten würde; und heute vormittag, als die Fahrt von Gießen herüber ging und die schöne Landschaft wie ein befreiender milder Hauch auf ihre zuletzt so gepeinigte Seele wirkte, da sprudelten ihr die Worte aus dem Herzen wie ein munterer Quell, Seite um Seite füllte sich, und jede ward mit innigen Wünschen veredelt. Und als sie dann einen flatternden Taubenschwarm erblickte, der tief herab und nahe an den Wagen heran kam, da lehnte sich Katharina, als ob sie frische Luft brauche, hinaus und rief ihnen unhörbar zu, sie mögen ihre schmerzlichfrohen Zeilen mit hinweg nehmen, davon tragen zu allen, die an sie denken und auf Nachricht von ihr warten.
Gunda sagte "Katharina, geht es dir nicht gut, du weinst ja." Rasch wischte sie sich die Tränen von den Wangen, auf denen rötliche Flecken zurückblieben, und versuchte zu lachen. "Ach was, es ist nichts, nur ein kleines Unwohlsein. Suchen wir Henry und die anderen?" Gunda hatte die ganze Zeit verschiedene Kleider anprobiert, um für den Ausflug das passende auszuwählen. "Sag, wie findest du dieses? Sei mir doch bitte mal behilflich." Sie wandte Katharina den Rücken zu und diese band die Schleifen des Kleides zusammen. Sie ging in Strümpfen im Zimmer auf und ab, machte kleine und größere Schritte, einen Satz, wie wenn sie über einen Bach springt und hakte sich schließlich an Katharinas Arm unter. "Nein, warte", rief sie, verschwand kurz und kehrte zurück mit einem riesigen Strohhut auf dem blonden Haar.
Sie war neunzehn und schon als niedliches kleines Mädchen war sie ein Liebling der Familie gewesen, der umsorgt und verzärtelt wurde. Sie war sich ihres attraktiven Äußeren durchaus bewusst, aber das hatte dennoch nicht dazu geführt, dass sie in Hochmut verfiel oder versuchte, andere zu übertrumpfen; sie konnte ohnehin nur gewinnen. Im Umgang mit Männern war sie unbedarft und hatte sich ihr kindliches Gemüt bislang bewahrt, wenngleich ihr Interesse an Liebesdingen beständig wuchs. Sie erkundete gerade die phänomenale Welt und die Welt der Gefühle; sie hatte keine klare Vorstellung von dem tatsächlichen Verhältnis zwischen den Geschlechtern und von dem Platz, welchen sie selbst darin einnehmen sollte. In den vergangenen anderthalb Jahren waren sie und Katharina mehrmals zusammen gewesen, meist war Gunda von Traubstein, dem kleinen beschaulichen Ort im Mainfränkischen herüber nach Frankfurt gekommen, um jeweils ein paar Tage in der Stadt bei ihrer weitläufigen Verwandtschaft zu verbringen und den Duft der großen Welt zu atmen. Seitdem ihr deutlich geworden war, dass Katharina eine Mutter zweier Kinder und, wie Gunda meinte, trotz ihres Alters (sie war gerade dreißig) noch eine junggebliebene Frau war, hatte sich das Bild von ihr gewandelt von der Tante, die ganz entfernt zur Familie gehörte, zu einer Freundin, genauer gesagt zu einer Frau, die man als Freundin gewinnen konnte, worum sich Gunda immer stärker bemühte.
Daher hatte sie sich vorübergehend scheinbar von Katharina distanziert, die infantilen Späße und die verspielte Herzlichkeit gemieden und abgelegt, um dann, sozusagen als eine anspruchsvollere und gleichwohl selber interessantere Persönlichkeit, sich ihr zu nähern und von der Älteren als ihresgleichen akzeptiert zu werden. Zum Beispiel stellte sie ihr keine direkten Fragen mehr über Dinge, die sie noch nicht verstand. Nicht: 'Katharina, wie ist dieses, warum ist jenes so, was bedeutet das?' Sondern sie benutzte Formulierungen wie: 'Welche Meinung hast du darüber' oder 'kannst du dir vorstellen, wie es wäre, wenn ...?' Und oft reagierte sie auf eine Äußerung mit den Worten 'Wenn du wissen willst, wie ich darüber denke ...', um dann Katharinas Eindruck umso aufmerksamer zu studieren. So bildete sie ihre eigenen Umgangsformen heraus, indem sie von Katharina gewisse Eigenschaften übernahm, von denen sie glaubte, dass sie durch Lebenserfahrung gewonnen worden waren; in den Jahren der Ehe Katharinas mit dem angesehenen Kaufmann Christian Pauquet.
Das waren allerdings, recht betrachtet, nur Angewohnheiten, manchmal nur Macken. Die Art und Weise, jemandem gegenüberzutreten, die Körperhaltung, die man dabei einnahm, das leichte Neigen des Kopfes, während man zuhörte, eine (mitunter sonderbare) Mimik, wie willkürlich, ein Spannen der Mundwinkel, ein Hochziehen der Brauen. Oder der Gang, der ein anderer war, je nachdem, ob man sich näherte oder sich entfernte. Die Kunst, eine Erwartung zu schüren oder einen nachwirkenden Eindruck zu hinterlassen. Sicher, derlei konnte man von Katharina lernen, die seit Jahr und Tag den Umgang in den angesehensten Kreisen der Frankfurter Gesellschaft pflegte.
Aber es war, und das merkte Gunda bald, obwohl es ihr niemand verriet, eine Verhaltensschule, die vielleicht nur darin über die Anstandsregeln, die man ihr beibrachte, hinausging, weil man nicht offen darüber redete, und weil dadurch immer ein paar wichtige Fragen unbeantwortet blieben, die dafür sorgten, dass man annehmen musste, es gebe hinter den Gesten, dem Gebaren und den Förmlichkeiten noch etwas Unausgesprochenes, Ungeklärtes, das nicht so einfach zu handhaben oder zu repetieren wäre. Es war wie wenn man artig Klavierspielen lernt (was Gunda übrigens auch tat), aber bei aller Fertigkeit würde man immer nur Noten spielen, jedoch nie nach eigenen Vorstellungen musizieren können.
Gunda war von Natur aus eine eigenwillige Persönlichkeit, was sie selbst sowohl wie die Menschen ihrer Umgebung sehr bald bemerkt hatten, nachdem aus dem kleinen Mädchen mit den Zöpfen und den blauen Kulleraugen ein reifes Fräulein geworden war. Allein es mangelte ihr an äußerlichen Sensationen, an Einflüssen und Anregungen, um überhaupt daran sich reiben und entwickeln zu können, ganz zu schweigen von der Notwendigkeit, innere, tiefere oder gar widerstreitende Empfindungen zu Tage zu fördern oder auch nur zu entdecken. Deshalb nannte man ihr Wesen unkompliziert, was ihr von Anfang an missfiel, weil sie darin nichts Positives erkennen konnte. Nach und nach litt sie darunter, und zwar je mehr nicht bloß die äußeren Konflikte ausblieben, die das Leben vieler, von denen man, bisweilen voller Staunen und Bewunderung erzählte, begleiteten, sondern auch die inneren Auseinandersetzungen mit sich selbst und mit all jenen miteinander wetteifernden Gefühlen, die aus den verborgenen Gründen einer Seele heraufbrodelten. Sie war wie jeder Mensch in diesem Alter auf der Suche nach dem eigenen Ort in dieser Welt; doch im Innern brannte sie darauf, die vielbeschworenen Seelenkämpfe ausfechten und die echten Abenteuer der Leidenschaft bestehen zu können.
In die Nähe solcher Ereignisse zu kommen hoffte sie durch ihre Beziehung zu Katharina. Freilich war sie einsichtig genug, dabei recht vorsichtig zu sein, denn zum einen konnte sie nicht erwarten, dass Katharina ihr in diesen Dingen eine Lehrmeisterin sein wollte (wohl eher nicht); zum anderen sollte niemand bemerken, wie unsicher und unreif die so selbstbewusste Gunda im Grunde ihres Gemüts noch war. Je eindringlicher sie sich bemühte, von ihrer großen Freundin zu lernen, umso mehr erkannte sie, dass jene schwerer durchschaubar war, als man auf Anhieb gedacht hätte. Diese zierliche Person mit dem streng gebundenen Haar und dem gefälligen, fast hätte man sagen können: unscheinbaren Antlitz mit der schmalen geraden Nase und dem ernsten Mund, den wie zu einem auferlegten Schweigen zusammengepressten Lippen und dem fernen, oft geradezu abwesenden Ausdruck der Augen, diese Katharina Pauquet mutete an wie eine, die ständig bemüht war, dem Bild und Anschein einer pflichtbewussten Ehefrau und Mutter zweier Kinder, welche sich übrigens zu aller Zufriedenheit und Stolz entwickelten, zu entsprechen. Und das gelang ihr auch vorzüglich.
Und noch mehr; denn daneben konnte sie als Frau, in der Sphäre der Repräsentation, der sie sich in ihrer Standesgemeinschaft natürlich nicht entziehen durfte, äußerst charmant, umgänglich, ja geistreich sein. Das verfehlte nicht seine Wirkung, besonders auf die gebildeten Männer, doch in der Folge davon auch auf deren weibliche Gesellschaft. Dabei war sie eher zurückhaltend, bescheiden im Reden, angemessen und doch treffend im Urteil, gerade eben so, dass die wenigen Worte, die sie oft nur auf eine Frage hin sprach oder wenn sie ausdrücklich um ihre Meinung gebeten ward, im Gedächtnis haften blieben. Katharina besaß ein Talent, in den aufgeregtesten Debatten, im Eifer und Zorn hitziger Auseinandersetzungen, von denen ihre Zeit gerade so schrecklich loderte, einen Pol der Ruhe und Abgeklärtheit zu schaffen und zu halten, auf dem manche ihrer Bekannten und Freundinnen, die aus überschäumender Begeisterung fortgerissen, oder aus Mangel an Originalität verdrängt, oder auch weil sie zu schüchtern waren, ins Blickfeld zu treten, sich sammelten, um wieder zu sich selbst zu finden.
Freilich durfte sie sich als eine Frau Pauquet weder in geschäftliche noch in politische Angelegenheiten einmischen, und ihre an ein strenges Gebot grenzende Beschränkung auf den familiären Bereich teilte sie mit den meisten anderen ihres Geschlechts. Und doch war es nicht selten so, dass man gerade ihre Ansicht, ihren Rat, ihre Gedanken wissen wollte; so wie auch Gunda darauf Wert legte. Katharina, die eigentlich nur die nötigste Bildung erfahren hatte, erzählte Gunda einmal, wie sie als Kind in Hamburg im Haus am Jungfernstieg, das sie zu Lebzeiten des Vaters bewohnten, von diesem zur Lektüre einiger Werke angeregt worden sei. Der Vater, der ein bewegtes Leben hinter sich gebracht (er war viele Jahre im auswärtigen Dienste in Spanien tätig), hatte weder genügend Geschick noch Gelegenheit, die Erziehung der Kinder zu beeinflussen. Aber in solchen Momenten, die Katharina denn auch in Erinnerung blieben, offenbarte er sein rührendes und dilettantisches Bemühen, dem Kinde etwas über die rohe Lebenstüchtigkeit hinaus mitzugeben, und sei es auch nur die Muße zum ungestörten Lesen.
Bei solcher Gelegenheit hatte er ihr einmal ein Buch von Montaigne und eines von Voltaire in die Hand gegeben, leider ohne Kommentar und Anleitung. Das arme Mädchen quälte sich, um ihm eine Freude zu machen oder vielleicht auch wegen ihres Gewissens, ein Stück hindurch, verstand aber kein Wort davon und blätterte schließlich wahllos zwischen den Seiten, um wenigstens die Kenntnis einiger Stellen vorzutäuschen. Aber da geschah etwas Merkwürdiges.
Ohne dass sie den Sinn der Sätze oder die zugrundeliegenden Ideen auch nur ansatzweise begriffen hätte, spürte sie doch den Charakter des Tons, in dem diese Männer sprachen. Und sie fand einen bemerkenswerten Unterschied zwischen beiden, der seinerseits ihre Neigung nährte zum Schweigen, zur Verschwiegenheit, zum Für-Sich-Behalten dessen, was sich nicht leicht in Worte fassen ließ, weil es aus dem Herzen kam. Es war der weise, bis zur Vollendung abgeklärte und zugleich sanftmütige Stil Montaignes, der sie berührte, mit dem er den unermüdlichen Mutmaßungen des Verstandes und den treibenden Motiven des Gemüts auf die Spur zu kommen suchte, der sich zurücknahm, bevor etwas als sicher und bewiesen erscheinen könnte, der so viel offen ließ und es an jene weiterreichte, die gleich dem Verfasser in der Ungewissheit Halt suchten.
Demgegenüber war der andere mit seiner Ironie, seinem Spott und Sarkasmus, ein Frevler an den wahrhaftigsten und edelsten Empfindungen eines Menschen. Denn jeder, mochte er auch noch so gering sein, hatte ein Recht darauf, dass seine Liebe bewahrt und gewürdigt würde, und dass sie nicht deswegen verurteilt werde, weil sie so wenig einem Ideal und mehr einem blinden, unwiderstehlichen Drang gliche. Vielleicht hatte sie ihn missverstanden, vielleicht hatte sie beide missverstanden. Aber von dieser Zeit an wusste sie, dass ein Leben in tiefe Zerrissenheit führen kann, wenn auf der einen Hälfte die vernunftmäßige Ordnung über Recht und Unrecht entscheidet, und auf der anderen Hälfte die arme Seele umhergetrieben wird wie ein verlorenes Blatt im Wind.
Diese letzten Wirkungen jener Lektüre hatte sie Gunda gegenüber verschwiegen. Stattdessen erzählte sie, wie der Vater nach einiger Zeit gefragt habe, welches Buch ihr nun besser gefallen habe und sie ohne zu überlegen den Montaigne nannte. Das war ausgedacht, aber Katharina, die selber nicht mehr recht wusste, warum sie davon berichtet hatte, meinte, sie müsse Gunda wenigstens einen Rat daraus erteilen. Und so sagte sie, an diesem Autor habe sie ihre Fähigkeit geschult, über komplizierte Dinge in einfachen Worten zu reden, und dass dies immer Eindruck auf die Leute machen würde, gleich wessen Geistes sie sind. Es waren solche Ratschläge, die Gunda hören wollte, wenn ihr auch die praktischen unter ihnen noch lieber waren. Betreffs ihrer Garderobe brauchte sie eigentlich überhaupt keine mehr und zog Katharina lediglich deshalb ins Vertrauen, um ihr ebenbürtig zu erscheinen nach dem Motto: Du hast in mir die richtige Freundin.
Katharina nahm sie denn auch in die Arme und küsste ihre Wange. "Du siehst umwerfend aus", lachte sie. Gunda rückte vor dem Spiegel den Hut zurecht und zupfte am Kleid. "Der jüngste Sohn des Signore Tartaglia ist auch dabei, er ist ein echter Italiener." Katharina stemmte die Hände in die Hüften. "Anscheinend bin ich hier die einzige, die noch keine Bekanntschaft geschlossen hat." Sie ließen sich von Kroschinsky den Weg zum Schlosspark beschreiben, einigermaßen verwirrend, weil der gute Mann den Damen auch gleich noch Markt und Kirche, Wasserkunst und Orangerie zu besichtigen ans Herz legte. Während er noch umständlich mit den Armen gestikulierte, trat Signore Tartaglias Sohn aus dem Haus, und da er die beiden noch unschlüssig stehen sah, bot er ihnen sein Geleit an. Kroschinsky, der sich auf den gewiesenen Wegen nun selber verlaufen hatte, war froh über dieses Angebot des jungen Mannes und wandte sich einer neu ankommenden Reisegesellschaft zu.
Der junge Herr, dem ein paar widerspenstige Strähnen seiner schwarzen Haarpracht in die Stirn fielen, stellte sich den Frauen vor. Niccolo hieß er und hatte einen "schrecklich feurigen" Blick, wie Gunda feststellte. Aber es war wohl eher seine gewandte Ausdrucksweise, die sie und übrigens auch Katharina beeindruckte. Es war eine Wonne, ihm zuzuhören. Schon nach fünf Minuten wollte sie alles über Italien erfahren, aus berufenem Munde sozusagen, obwohl Niccolo wie sich herausstellte, lange Zeit in der Schweiz gelebt hatte, weshalb er auch fließend Französisch sprach. Überhaupt schien es Katharina, ohne dafür eine überzeugende Begründung nennen zu können, dass dieser Niccolo eher das Wesen eines Franzosen hatte. Die Verwandtschaft seiner Mama, so erzählte er, habe einen Sitz auf Sizilien, wohin ihn häufige Aufenthalte geführt hätten und wo eine seiner Schwestern, seine "Lieblingsschwester" wie er betonte, mit ihrer Familie lebe. Er beschrieb das alles mit leicht geneigtem Kopf und einer halb erhobenen offenen Hand, als referiere er über außergewöhnliche Weine, die er unlängst gekostet hat. Er begleitete die beiden an Katharinas Seite, die dem lebhaften Gespräch über ihren Kopf hinweg mit halbem Ohr folgte und sich ansonsten dabei wohl fühlte, als stiller Zuhörer anwesend zu sein.
Niccolo mochte Mitte zwanzig sein; er hatte unter seiner bereits erwähnten schwarzen Mähne ein jugendliches Gesicht von gesunder Farbe und mit breiten Wangen, über denen die dunklen Augen sich lebhaft bewegten, als wollten sie wie aufgeregte Kinder seine wohlgesetzte Rede etwas antreiben. Die mitunter gedehnte und sehr rücksichtsvolle Sprechweise stand dadurch zum kühnen, durchaus übermütigen Augenspiel in einem vergnüglichen Gegensatz; das war es vielleicht, was Gunda beim ersten Anblick aufgefallen war.
Sie spazierten im Grund des Wilden Wassers entlang, der unmittelbar hinter der Braun'schen Mühle beginnend, die Neustädter Seite säumte und hier zwischen den Häusern noch ein mit Laubbäumen bewachsenes schmales Wäldchen besaß, durch das, seinem Namen ungeachtet, ein munteres Bächlein plätscherte, das an einigen Stellen in umständlichen Rundungen oder durch kleine Teiche, mit niedrigen, natürlichen Dämmen angestaut, seinen Lauf verlangsamte. Unter dem Schattendach der Kronen war die Luft angenehm kühl und Gunda meinte, dies würde ihrem Auge guttun, dem linken, in das am Vormittag während der Fahrt ein Staubkorn hineingewirbelt worden sei, das ihr seitdem ein unangenehmes Brennen und eine durch hartnäckiges Reiben verursachte Rötung beschert hatte.
"Katharina, schau doch mal, ob da was ist", sagte sie denn auch, der lästigen Empfindung überdrüssig, und hielt, das Unterlid weit herabziehend, ihr Auge zur Untersuchung hin. Niccolo, dessen männlicher Sachverstand hier, wie er gleich bemerkte, gefragt war, klärte die Patientin darüber auf, dass sie auf keinen Fall den Fremdkörper in den Augenwinkel schieben und besser noch ganz mit dem Reiben aufhören sollte. Sie blieben stehen und Niccolo musterte den rötlichen Saum unter Gundas schneeweißem Augapfel, dessen Iris wie ein winziger Kranz aus Kornblumen unter dem prüfenden Blick des Helfers verharrte. "Haben Sie's?" murmelte Gunda undeutlich, da Niccolos Hand ihr seitlich auf den Mund drückte. "Tatsächlich", erwiderte er, "ein Staubkörnchen, das Sie die längste Zeit gequält haben soll." Damit zog er mit der Rechten und ohne den Daumen von Gundas Wange zu lassen, aus seiner Hosentasche ein artig gefaltetes leinenes Tüchlein, ließ es mit kurzem harten Schwung auseinander gehen und strich mit den Worten "Einmal kurz stillhalten bitte" an ihrem Auge entlang.
"Sehr freundlich von Ihnen", sagte Gunda mit einer Spur vorenthaltener Dankbarkeit. Ihre Fingerspitzen fassten das Tuch, das der junge Mann noch immer bereithielt. Es war von einer filigranen, durchbrochenen Kante umrahmt und an der einen Ecke war mit farbigem Garn ein Monogramm aufgestickt. "A C", sagte Gunda und wurde über ihre eigene Neugier puderrot im Gesicht. "Angelina Corelli, es ist der Name meiner Verlobten." Er sprach ihn aus, als wäre es ein Schmetterling. "Ein sehr schöner Name", sagte Katharina, die sich während der ganzen Prozedur etwas gelangweilt hatte. "Und es macht mir eine große Freude, ihn hier nennen zu dürfen, die ganze Welt sollte ihn kennen, denn Angelina ist eine bezaubernde Person."
Katharina lächelte, wunderte sich aber über sich selbst, da ihr Lächeln eine unentschiedene Mischung war aus herzlichem Mitgefühl für das Liebesglück eines anderen und einer milden Abgeklärtheit über die jugendliche Schwärmerei. Ohne dass sie ihre Annahme begründen konnte, glaubte sie, ein solches Lächeln trage die Züge der Vergänglichkeit, ja der Vergeblichkeit. So reagieren nur alternde Leute - sollte sie es sich doch eingestehen - reagierten nur alternde Frauen auf die überschwänglichen Freuden frisch Verliebter. Wie weit war sie denn schon davon entfernt? Und wie nahe hoffte sie noch dran zu sein? "Übrigens", fügte Niccolo an sie gewandt beiläufig hinzu, "Sie haben eine gewisse Ähnlichkeit mit ihr, sie könnten ihre ...", Katharina stockte der Atem, "... ihre Schwester sein." Und er blickte sie charmant und dabei ohne einen Funken Begehrlichkeit an. Sie lachte und strich mit etwas nervösen Fingern auf einer Seite über ihr Haar, als wollte sie es ordnen, aber danach hing eine einzelne Locke an ihrer Schläfe herab.
Für einen Moment war sie in Gefahr gewesen, von jener finsteren Woge erfasst zu werden, die in den unseligen Monaten, seit Friedrich das Haus verlassen hatte, so oft auf sie zugerollt war und von der sie längst verschluckt worden wäre, wenn nicht - nein, sie wusste nicht einmal, was bis jetzt sie immer noch einmal gerettet hatte. Diesmal war es vielleicht die Sorglosigkeit und Lebensfreude dieses jungen Menschen, sagte sie sich und fand es doch zugleich banal, an etwas den Halt zurückzugewinnen, das - sie war sich vollkommen sicher - für sie völlig bedeutungslos geworden war. "Oh, ich wusste gar nicht", meinte sie in jenem unwiderstehlichen Ton, der einem Kompliment erst die rechte Wirkung gibt, wenn er es ein wenig unwahrscheinlich klingen lässt, "dass ich in Italien ein so schönes Mädchen zur Schwester habe." Gunda begann heftig zu husten, als wäre ihr etwas im Halse stecken geblieben; sie zog die Aufmerksamkeit der anderen wieder auf sich, doch sie musste einsehen, dass es zu keiner erneuten Behandlung kommen würde.
Sie hatten den Ausgang des Grundes erreicht und kamen auf einer leichten Steigung an Friedrichsthal vorbei, dem Domizil des einstigen Herzogsohns, der es errichtet hatte, wo nach Osten hin der steile Hang der ehemaligen Festungsanlagen in den nur noch leicht abschüssigen Ausläufer des Schlossberges überging. Gunda lief vorneweg und präsentierte sich, ihren Strohhut schwenkend, in der Sonne. Niccolo erzählte von seinem Elternhaus, von seiner Verlobten und ihren gemeinsamen Plänen, es machte ihm sichtlich Spaß, das alles zu verbreiten. Dann fragte er Katharina nach ihrer Familie, den Kindern, dem werten Gemahl und nach der Stadt Frankfurt. Auch ihr gefiel es auf einmal, jemandem davon zu erzählen, ihre nicht unvornehmen Verhältnisse zu schildern, die Begabungen ihrer Kinder zu rühmen, die Abwechslungen und Zerstreuungen aufzuzählen, die die große Stadt bot. "Wie schön muss es in Ihrem Hause zugehen", meinte Niccolo. Gunda rief ihnen, rückwärts laufend, zu "Nun kommt schon, ihr lahmen Enten." Katharina wollte ihre losen Worte entschuldigen, aber sie sah, dass Niccolo daran keinen Anstand nahm. Im Gegenteil, er rief zurück "Sie werden noch stürzen, Fräulein Gunda, und dann kommen Sie ins Spital." "Sie werden mich doch besuchen kommen?" fragte sie lachend. Katharina würde ihr bald den Mund verbieten.
Katharinas Qualen: Alles erinnert an Friedrich
Der alte Signore Tartaglia war ein Naturforscher, der auf vielerlei Gebieten Studien betrieben und darin einige bemerkenswerte Ergebnisse vorgelegt hatte. Sie fanden ihn in Begleitung Henrys, als er ihm einen der alten mächtigen Bäume, eine sehr seltene Art einer Eiche, erklärte. Der Signore hatte schlohweißes, nachlässig geschnittenes Haar. Der Bart, der noch einige Stellen früherer Haarfarbe besaß, umrahmte sein Gesicht und wirkte, da er das kräftige doppelhügelige Kinn frei ließ, wie die mattgewordenen silbernen Seitenschienen eines zu großen Kriegerhelms. In der Hand hielt er Stock und einen schwarzen Hut mit sehr schmaler Krempe.
Henry machte ihn mit den Damen bekannt und begrüßte seinerseits den Sohn. Auch der Signore wusste auf makellose Art mit den Frauen zu konversieren, jedoch merkte man, dass ihm die Unterhaltung Mühe machte, sobald er von seinem gelehrten Metier in unverbindliches Geplänkel zu wechseln gezwungen war, weshalb er denn auch in seinen Ausführungen fortfuhr. Da sich aber nun die Zahl der Zuhörer vergrößert hatte, konnte er sich schwerlich direkt an einen von ihnen wenden, und so blickte und redete er geradeaus vor sich hin ins Freie oder marschierte hurtig der Gruppe voran von einer botanischen Attraktion zur nächsten. Und davon hatte der Park so viele, dass Tartaglia oft mit seinem Stock in eine Richtung wies und sagte "Sehen Sie, dort hinten, ein jüngeres Exemplar des Silberahorns." Gunda beschattete sich die Augen vor dem grellen Licht und fragte wissbegierig: "Meinen Sie den rechts neben der Brücke?" "Das ist eine Winterlinde. Nein zwischen den Haselnußsträuchern und der fünfstämmigen Hainbuche." "Diese Heimbuche hat aber nur vier Stämme", verbesserte Gunda, die sich dicht neben den Signore gestellt hatte. "Von hier aus, mein Kind, sieht man auch nur vier, der fünfte wird verdeckt." "Verdeckt? Von wem?" "Von einem der anderen freilich." Dann machte der Signore darauf aufmerksam, dass auch einige fremdländische Gewächse hier ein Zuhause gefunden haben, so der Drüsige Götterbaum, der Runzelblatt-Schneeball - welche Namen Gunda ziemlich unschön fand - und natürlich der Ginkgo biloba, über den bekanntlich der Geheime Rat von Goethe trefflich sinniert hat.
Während ihres Rundganges hatten sich ihnen andere Leute angeschlossen, die des Signores Vortrag interessiert verfolgten und ihrerseits kommentierten, so dass sich schließlich eine bunte Schar mit Gemurmel durch den Park bewegte. Am Teich bei den Schwänen und am Merkurtempel zerstreuten sich die Leute allmählich wieder, hocherfreut, ihre Bildung befördert zu haben. Als dann der Nachmittag fortgeschritten war, die Wege sich leerten und das Gezwitscher der Vögel aussetzte, gingen die fünf hinauf zum Schloss, um durch die Altstadt zum Gasthaus zurückzukehren. Vom Schlossberg aus hatte man eine deutliche Sicht auf den Thüringer Wald im Schein der schwindenden Sonne.
Unter den sanft geschwungenen Bergen ragte einer in dunklem Blau heraus, und Katharinas Herz begann zu pochen, als sie in ihm den Feldberg zu erkennen glaubte. Dahinter lag Homburg, jener ferne nahe Ort, der den Liebsten barg. Oh wie sehnsüchtig und schmerzvoll war ihr Blick immer und immer wieder nach diesem Berg hingegangen, hatte sich fest geheftet an seiner Silhouette wie an einem bleiernen Wall, an einem unüberwindlichen Hindernis, das Ihn im getrenntesten Lande fernhielt wie einen verbannten Gefangenen, und ihr, wie mit Spott und mit Verachtung, an jedem Tag, sogar an den klaren, befreienden, den Zugang verwehrte. Nicht wusste sie, wie seine Stube dort aussah, ob er ähnlich hauste wie in Frankfurt im Obergeschoss, in das die schmale Treppe führte, die sie jetzt stets so bang hinaufging, dass sie auf jeder Stufe sich fester an das Geländer klammerte, hin zu dem Zimmer, das zweite links, das leer stand, wo das Bett verwaist, der Tisch verstaubt, der Sekretär ausgeräumt und verschlossen standen und die Sonne manchmal wärmende Flecken durch das Fenster und übers Holz schickte, die eine Weile darauf ruhten, als warteten auch sie darauf, dass er zurückkehre und eintrete und der Schatten seiner schlanken Gestalt sie endlich doch wieder erfülle.
Einmal, zu Hause, hatte Friedrich seine Zeichnungen in der Stube ausgebreitet, zur besseren Ansicht und zum Vergleichen. Darauf war in mehreren Variationen eines seiner Lieblingsmotive zu sehen, die Ecke des Gartens, wo er durch eine hohe Hecke getrennt an das Meyerhold'sche Anwesen grenzte, und wo die Apfelbäume standen, die in den vergangenen Jahren aus irgendeinem Grund nicht zurückgeschnitten und daher ziemlich wild verwachsen waren, ein Motiv, das ihn immer wieder inspirierte und in seiner knapp bemessenen freien Zeit zum Zeichnen anregte. Mit Feder und Tusche, in Sepiabraun oder im bläulichen Ton, oder mit dem Stift, mit Kreide hatte er den lauschigen Ort skizziert.
Jedes Blatt fing eine etwas andere Atmosphäre ein und Katharina, die in seiner Zeichnerei beinahe vom ersten Tag an mehr als nur Vorlagen zur Unterweisung der Kinder gesehen hatte und ihn zwei, dreimal angespornt hatte, noch mehr zu fertigen, erging sich jetzt mit Vergnügen darin, aus der wechselnden Darstellung auf die jeweilige Gemütslage des Künstlers zu schließen. So deutete sie zum Beispiel auf ein nur mit wenigen kräftigen Strichen und einigen Strukturen versehenes Papier und meinte: "Und hier war der Meister in Eile, was raubte ihm denn die Geduld, was hinderte seine Muse ganz bei der Sache zu sein?" Friedrich lachte. "Betrachtet man es unter künstlerischem Aspekt, so ist dieses Bild sogar sehr gelungen, denn es konzentriert sich auf das Wesentliche des Gegenstandes und lässt das Allerweltliche beiseite." "Aha, eine Ausrede findet sich demnach immer", entgegnete Katharina. "Und was ist das hier?" Sie deutete auf eine andere Zeichnung. "Dieser Krakel, den gibt es nicht da unten im Garten, da ist Ihnen die Hand verrutscht, mein Lieber, Sie waren sicher abgelenkt."
Anstatt direkt darauf einzugehen, sagte er "Der künstlerische Blick bekämpft die Zerstreutheit und Unruhe des armen Gesellen, der angestrengt und oft vergebens versucht, beim Zeichnen die Naturgestalt nachzuempfinden. Aber ist er nicht heillos in die Natur selber verstrickt?" "Was ist eine Naturgestalt?" fragte sie, damit er es ihr erkläre, sagte dann aber selbst "Ist der Mensch auch eine? Wenn ich mir Ihre Bilder ansehe, kann ich keine Menschen darauf finden." "Natürlich ist er eine in diesem Sinne, da haben Sie völlig Recht. Ich muss zugeben, ich bin selber noch ein Schüler, auch wenn ich als Lehrer arbeite. Ich muss ständig üben, ach was sage ich, ich bin noch nicht einmal ein Übender, ich bin immer noch ein Lernender, das ist gewissermaßen erst eine Vorstufe. Das Studium der Natur für sich ist endlos, das des Menschen ein anderes, ebenso umfänglich."
"Du lieber Himmel", meinte Katharina nicht ohne eine Spur Anerkennung, "da kann man sich ja richtig hineinvertiefen." "Oh, ja, man kann sich sogar darin verlieren, denn bedenken Sie, Madame, bei aller Lebendigkeit, welche die Natur immer hat, kommt beim Menschen auch noch die Leidenschaft hinzu, die man bewältigen muss." "Bewältigen? Was bedeutet das?" "Künstlerisch bewältigen. Das ist eine doppelte Aufgabe. Man muss die Leidenschaft des Menschen als - das klingt vielleicht etwas abwertend, ist aber die Sprache des Künstlers - des Menschen als Objekt der Darstellung bewältigen. Und man muss die ..." Sie fiel ihm ins Wort: "Die eigene Leidenschaft beherrschen, nicht wahr." "So ist es. Denn der wahre Künstler ist immer ein Teil dessen, was er schafft."
"Uuii", machte Katharina, "auch wenn Sie noch am Üben sind, Weickert, kann man doch schon was von Ihnen lernen." "Danke, das ist sehr freundlich von Ihnen gesagt." Sie sahen sich eine Sekunde lang an, dann sagte sie sehr frisch "Aber wenn Sie es zu etwas bringen wollen, sollten Sie der Leidenschaft lieber entsagen wenigstens während der Arbeit. Und überhaupt, wer wäre denn die Quelle der Inspiration? Etwa die jüngste Meyerhold, die oft auf der anderen Seite ambulieret?" Friedrich lachte, aber er errötete überdeutlich. "Die Caroline, verzeihen Sie, Madame Pauquet, dass ich lachen muss." "Tun Sie nicht so unschuldig, oder sehen Sie sich vielmehr vor, die hat schon ganz andere Charaktere zu Fall gebracht." "Ja, andere vielleicht, aber ich bin vor ihr sicher. Vor Helena und Aphrodite bin ich sicher, wie sollte ich es da nicht vor Caroline Meyerhold sein." Sie lachte spöttisch. "Die beiden Erstgenannten marschieren ja auch nicht durch Nachbars Garten. Was dünkt Sie denn so gut gewappnet gegen Amors Pfeile?" "Amor selbst verschont mich", rief er aus. "Ach was, stehen Sie auf so gutem Fuß mit ihm? Oder trifft er Sie bloß nicht." "Nun, ich glaube", sagte er und schob etwas verlegen die Blätter umher, "er flog stets an mir vorbei." "Der Pfeil?" "Amor selbst", sagte er wie verwundert über ihre naive Frage. "Dann sind Sie wenigstens unverletzt geblieben und haben ihre heile Haut bislang retten können." "Das kann ich mir wohl zu meinem Vorteil anrechnen, jedoch ob es auch mein Verdienst ist, sei dahingestellt." "Na, die Liebe ist nun mal kein Kriegsgetümmel, auch wenn es manchmal gefährlich bei ihr zugeht."
Der alte Signore kam an Katharina heran, die noch immer zu der Bergeshöhe hinüber sah. "Und das, meine Verehrteste, ist der Inselsberg, eine der höchsten Erhebungen des Thüringer Waldes." Später fiel ihr ein, dass der alte Herr ihr bei dieser Auskunft seine Hand auf die Schulter gelegt hatte, und sie konnte es nicht anders als ein Zeichen des zurückhaltenden Trostes deuten, zu dem ihn wohl ihre entrückte Miene veranlasst hatte.
Am Abend im Gasthaus gab es gefüllte Kalbsbrust mit Serviettenknödeln, die man "Abtsknödel" nannte und mit einem Gemüse von Erbsen und Karotten. Der Wein war mäßig und die Italiener verzogen nur das Gesicht. Man brachte Katharina, die ein Glas Wasser wünschte, etwas aus der Reinhardsbrunner Quelle, das angenehm temperiert war und ihr sehr wohl schmeckte. Gunda hatte wie stets keinen Appetit und stocherte gelangweilt auf ihrem Teller herum. Unbemerkt war die Hauskatze hereingeschlichen und streifte mit sicherem Instinkt für freigebige Gäste unterm Tisch um Gundas Beine herum, die ihr Schmusen mit kleinen Häppchen vom Kalb honorierte. Henry erzählte von einem portugiesischen Kaufmann, der in Hamburg an der Börse erst ein Vermögen gemacht und dann von seinem Partner, der überdies sein Stiefbruder war, betrogen wurde. "Man sagt immer", meinte Henry, "Blut sei dicker als Wasser. Aber in diesem Fall handelt es sich wohl um mit Wasser verdünntes Blut."
Der Signore erzählte natürlich von Italien, von den Städten, von Florenz und der göttlichen Landschaft. "Und doch", sagte er gleichsam in einem Ton eines widerwilligen Zugeständnisses, "solche Bäume, solche Wälder wie im unwirtlichen Germanien gibt es nicht unter der südlichen Sonne. Wir hatten schon beheizte Badezimmer, als sich hier noch die Freunde gegenseitig erschlagen haben, bloß weil sie im immerherrschenden Nebel einander nicht rechtzeitig erkannten. Ein kaltes, feuchtes, düsteres Land, voll von Sümpfen und sagenhaften Ungeheuern." Dabei schüttelte er sich wie in nassen Kleidern. "Und doch", wiederholte er, "der Luxus und die Üppigkeit unserer Kultur sind im Grunde nur ein Kunststück gegen die geheimnisvolle Natur des Nordens. Wir sind nur noch ein wandernder Zirkus der antiken Welt, wahrhaftig ein Abendland in der Dämmerung. Im Nachhinein zahlt es sich vielleicht aus, dass Germaniens Wälder so lange undurchdringlich blieben und ihre Bewohner so lange in Höhlen lebten, bis sie in der schlichten Schönheit, die weder einer Juno noch der Artemis nachsteht, in die Städte kamen. Sie erlauben einem alten Mann solch gewagte Vergleiche", meinte er mit einem entschuldigenden Blick zu den Damen gewandt und fügte dann hinzu "Es hat alles seine Zeit, sagt der Weise, zu der es geschieht. Und ebenso, könnte man ergänzen, hat alles Geschehene seine Zeit, zu der man es versteht."
Diese Worte klangen in Katharinas Ohren nach, als sie in ihrem Bett lag und nicht einschlafen konnte. Sie stand auf, legte eine wollene Jacke über ihr Nachtkleid, öffnete das Fenster zur Straße und schaute hinaus. Frische, milde Sommerluft kam herein. Die Rathausuhr schlug zu fortgeschrittener Stunde. Der Bedienstete am hellen Eingang des "Mohrenhotels" hatte sich in eine Nische zurückgezogen. Da bemerkte sie an der Ecke eine Gestalt, die gerade eben aufgetaucht sein musste und offenbar in Erwartung verweilte. Unwillkürlich kam ihr der Anblick Friedrichs in den Sinn, der einmal in ähnlicher Haltung an der Ecke zur Schlosserstraße gestanden und nach ihrem Fenster herübergeschaut hatte. So wie jetzt war sie nur zufällig ans offene Fenster getreten, und sie hatte ihn sofort erkannt. Das war nicht verabredet.
Sie hatte S. am Tage zuvor einen Brief mitgegeben, viele Seiten, die sie in den kurzen, so fürchterlich kurzen, ungestörten Augenblicken gefüllt hatte mit den Gedanken, die sie quälten und zugleich zu erlösen schienen, wenn sie in die schlingenden Linien der Tinte gebunden waren wie gemeine, widerspenstige Gefangene. Auch hatte sie ihm mitgeteilt, dass es mit einer noch so flüchtigen Begegnung donnerstags in der Komödie nicht mehr anginge und die Gefahr zu groß war, dass jemand Verdacht schöpfe, weil es sehr sonderbar erschien, dass Madame Pauquet seit neuestem, und ganz gegen ihren guten Geschmack, alle, selbst die gröbsten Schwänke frequentierte und sich in den Pausen höchst angeregt mit dem Herrn Friedrich Weickert unterhielt, der ja bis vor kurzem Hofmeister im Hause Pauquet gewesen und wie alle Welt erfahren hatte nach einer heftigen Auseinandersetzung mit dem Hausherrn fristlos entlassen worden war. Überdies wurde gemunkelt, dass Katharina selber bei dem Streit den armen Hofmeister lautstark zum Verlassen des Hauses aufgefordert habe, was doch zu ihrem freundlichen Umgang in der Komödie in einem merkwürdigen Widerspruch stand.
Noch war die Zeit ihrer heimlichen Treffen im Greifenfechter'schen Hof nicht herangekommen, und in ihrer Verzweiflung, dem Liebsten nicht mehr nahe sein zu können, ja seiner nicht einmal mehr ansichtig zu werden, war sie auf den Gedanken verfallen, ihn abends vor's Haus zu bestellen, wenigstens damit sie ihn sähe. Und immer noch in ihrer Verzweiflung im Herzen, das so viel auszuhalten hatte, wurde sie ganz fortgerissen von ihrem Einfall und von der Möglichkeit, ihn wiederzusehen, dass es wie eine Art Befehl klang, demzufolge er sich dann und dann um die und die Zeit einzufinden habe, damit ihrer beider Sehnsüchte für die Dauer des Flügelschlags eines Engels beruhigt würden. Im Schein der Straßenlaterne, kaum dass sie seine Züge würde ausmachen, geschweige denn mit ihm reden können, würde er doch stehen zum Berühren nahe, würde sie sich ihm zeigen, wenn auch in der so lächerlich traurigen Kulisse eines Fensterrahmens, zwischen unauffällig zur Seite gerafften Gardinen, hinter denen sie sich einst liebkost hatten wie zwei Vöglein.
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