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Zweite Szene


Schauplatz wie zuvor. Heinrich kommt.

HEINRICH: Mama, wann gibts'n Mittag, ich hab' Hunger.

ISOLDE: Das dauert noch etwas, geh' solange spielen. Und begrüße erstmal deinen Vater, er hat heute Nacht einen mächtigen Eber erlegt.

HEINRICH: Guten Tag, Papa.

GLEICHEN: Heini, mein Junge, wie war's in der Schule?

HEINRICH: Nix Besonderes. Erst war'n wir bei die Frösche, und dann hab'n wir gesungen.

GLEICHEN: Gesungen? Dann kannst du mir ja mal etwas vorsingen.

HEINRICH: Nee, bin grade im Stimmbruch. Aber der Egbert von Ingersleben, der kann gut singen. Der übt schon den ganzen Vormittag für seinen Auftritt. Papa? Der Ingersleben, der geht jetzt auf Kreuzzug.

GLEICHEN: Habe ich gehört.

HEINRICH: Papa? Kann ich da auch mit? Der sucht jemand, der ihm das Zeug trägt, seine Waffen und die Rüstung und so, und sich ums Pferd kümmert.

GLEICHEN: Kommt nicht Frage.

HEINRICH: Aber Papa, du sagst immer, ich muss mich bewähren. Mit dem Egbert auf seinem Kreuzzug, da könnte ich mich bewähren.

ISOLDE: Weißt du überhaupt, was dieser Kreuzzug bedeutet?

HEINRICH: Aber sicher, haben wir in der Schule gelernt. Da ist das Grab von dem Jesus auf'm Friedhof. Der Egbert hat erzählt, die Leute hätten die Blumen vom Grab geklaut und die Kreuze umgeschmissen und so. Bin vorhin auf'm Friedhof gewesen, hab' zwar nichts davon gesehen, muss irgendein andrer Friedhof sein, aber der Egbert ist drauf und dran sich für'n Kreuzzug auszurüsten.

ISOLDE: Dieses Grab, von dem sie erzählen, liegt in Jerusalem, mein Sohn.

HEINRICH: Ja, genau, Järusalem und das Heilige Land, davon hat Egbert auch gesprochen, da will er hin. Und deswegen singt er sein Abschiedslied.

GLEICHEN: Hoffentlich wird es nicht sein Abschied für immer.

ISOLDE: Hugo!

HEINRICH: Wieso? Er will doch wiederkommen. Und er hat erzählt, was er alles mitbringt von aus 'm Heiligen Land.

ISOLDE: So? Was denn?

HEINRICH: Na fette Beute. Gold und Edelsteine und Schmuck, was da in den Schatzkammern haufenweise so rumliegt. Und 'n Mädchen will er sich auch mitbringen, 'n Mohrenmädchen. Können die Mohrenmädchen hier bei uns überhaupt leben?

ISOLDE: Du meinst, weil es bei uns ganz anderes Wetter ist?

GLEICHEN: Warum nicht. Der Wirt vom Roten Ochsen hat auch ein Krokodil, das aus Ägypten stammt.

HEINRICH: Ja, aber das hängt an der Decke und ist ausgestopft. Der Egbert will sein Mohrenmädchen heiraten.

GLEICHEN: Das hat er gesagt?

HEINRICH: Ja, aber nur mir, und ich soll's keinem weitersagen, bevor er nicht zurück ist, weil sie 'se dann womöglich nicht reinlassen.

GLEICHEN: Das ist doch alles Unsinn, was der Egbert erzählt. Ich verbiete dir, dass du ihm noch länger zuhörst.

HEINRICH: Er zieht ja auch morgen schon los. Ach, wenn ich nur mit könnte. Mama, dir würde ich bestimmt auch was Schönes mitbringen.

ISOLDE wischt sich die Hände an der Schürze ab und herzt ihn, was er sich ungern gefallen lässt: Mein guter Sohn. Am liebsten hätte ich dich alle Tage hier, so wie bisher auch.

HEINRICH: Aber wie soll ich mich denn dann bewähren können? Und hier auf'm Friedhof ist auch alles in Ordnung.

GLEICHEN: Du kannst dem Baltzer helfen, die alten Rüben aus'm Keller zu schaffen.

ISOLDE: Jetzt gibt's jedenfalls erst mal Mittagessen, ich hole die Suppe. Heinrich, trägst du das Geschirr?

HEINRICH: Ja, Mama.

Isolde und Heinrich gehen.

GLEICHEN: Mohrenmädchen! Das fehlte uns hier noch. Wahrscheinlich ist das dem Mühlberger sein Auftrag an den Ingersleben, der will wieder um jeden Preis den Vogel abschießen. Schickt den Jungen zum Kreuzzug, und selber bleibt er daheim. Na ja, recht tut er daran; ich geh' ja auch nicht mit. Keine zehn Ochsen bringen mich da in die Wüste. Es ist mir vollkommen rätselhaft, wie ich gestern Nacht so einen Unsinn herausschreien konnte, wovon der Baltzer erzählt hat. Ich und gegen die Heiden zu Felde ziehen, oder gegen die Sarazenen oder Juden oder die Mameluken oder wie auch immer diese Kanaille da unten sich nennt - das wäre das letzte, was mir in den Sinn käme.


 

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