Vierzehnte Szene  

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Fünfzehnte Szene (Schluss)


In der Turmstube des Grafen von Gleichen wie am Anfang. Isolde und Yasemin bei der Arbeit.

ISOLDE: Also, die Kalbsbrust, das zeige ich dir, Yasemin, die macht man zu wie ein Schuh, ha ha. Pass auf: die dünnen Holzspieße steckst du einfach immer quer durch die Ränder. Dann nimmst du einen Bindfaden und verschnürst die Enden wechselweise, so. Zum Schluss einen Knoten, fertig, das hält.

YASEMIN: Und sieht lustig aus.

ISOLDE: Ja. Und für die Fleischfüllung brauchen wir die Eier und die frischen Kräuter.

YASEMIN: Das ist Petersilie.

ISOLDE: Richtig.

YASEMIN: Und das?

ISOLDE: Das ist Liebstöckel, man verwendet ihn für grünen Salat, er ist ziemlich kräftig.

YASEMIN zeigt darauf: Dill, Schnittlauch.

ISOLDE: Und der köstliche Safran, den du mitgebracht hast, Yasemin. Davon werde ich nur ganz wenig nehmen, damit er lange reicht.

YASEMIN: Ach, ich habe meinen Verwandten schon einen Brief geschrieben, dass sie Safran mitbringen sollen, wenn sie mich besuchen.

ISOLDE: Oh, wunderbar. Dann müssen wir uns aber was Besonderes einfallen lassen, was wir ihnen zu essen bieten.

Graf Gleichen und Heinrich kommen. Der Graf setzt sich.

HEINRICH: Mama, wann gibts'n Mittag, ich hab' Hunger.

ISOLDE ohne ihre Tätigkeit zu unterbrechen: Immer mit der Ruhe, du siehst doch, Yasemin und ich, wir haben alle Hände voll zu tun.

GLEICHEN: Das riecht schon sehr lecker.

YASEMIN: Das riecht nicht, das duftet.

GLEICHEN: Ja, natürlich.

ISOLDE: Heinrich, kannst du denn dein Lied schon auswendig?

HEINRICH: Fast. Habe mit Papa erst noch mal Armbrustschießen geübt.

GLEICHEN: Sieben Schuss, fünf Treffer, einer angerissen. Der Junge ist gut.

ISOLDE: Na ja, wenn der Pfalzgraf kommt und es sich ansieht, musst du auch treffen können.

GLEICHEN: Ja, er sollte ihm eigentlich einen Bolzen in den Hintern schießen, am besten einen mit Widerhaken.

ISOLDE: Hugo! Wie kannst du vor den beiden so reden.

GLEICHEN: Verzeihung.

ISOLDE: Es ist nun mal geschehen, was geschehen ist, wozu noch länger darüber schimpfen.

GLEICHEN winkt beinahe zufrieden ab: Du hast Recht, vergessen wir das.

ISOLDE: Und außerdem hat der Pfalzgraf versprochen, Heinrich nicht nur zum Ritter zu schlagen, sondern ihm auch ein besonders edles ...

GLEICHEN zu Isolde: Sssst!

HEINRICH: Was will mir der Pfalzgraf schenken?

GLEICHEN: Das wirst du schon sehen. Ich würde dir empfehlen, den Pferdestall aufzuräumen.

HEINRICH: Mach' ich. ruft mich, wenn's Essen gibt. Er geht.

Baltzer kommt.

GLEICHEN: Baltzer, was gibts?

BALTZER: Gute Neuigkeit für das Fräulein Yasemin. Der Egbert ist aus dem Schlaf erwacht.

YASEMIN freudig erschrocken: Was?

BALTZER verzückt: Er hat die Augen aufgemacht, sich aufgerichtet und hat ...

ISOLDE: Was hat er, Baltzer?

BALTZER: Er hat nach dem Fräulein Yasemin gefragt.

GLEICHEN: Das ist ja rührend.

Baltzer verschwindet gleich wieder. Yasemin bindet sich die Schürze ab, blickt wie in Gedanken vor sich hin und singt.

YASEMIN:

Am Nachmittag im Dattelhain
Hab' ich ihn mir erkoren.
Der Egbert, dacht' ich, soll es sein;
Gleich drauf ging er verloren.

Ein harter Stoß an seine Stirn,
Der ließ stillstehen das Gehirn;
War schnelle Hilf vonnöten.
Man wollte ihn gar töten.

ISOLDE singt:

Solch Schicksalsschlag ist unerhört,
Legt schwer sich aufs Gemüte.
Hat junge Liebe fast zerstört,
Kaum dass sie zart erblühte.

Doch hast du mit Entschlossenheit
Gerettet ihn zur rechten Zeit
Aus Trümmern und aus Flammen;
Das hält euch fest zusammen.

GLEICHEN ist aufgestanden und singt:

Mit zweien Knaben zog ich los,
Sollt' gut auf sie achtgeben.
Auf einmal war die Sorge groß,
Ich bangt' um unser Leben.

Er wendet sich Yasemin zu.

Da machte Gott oder Allah
Dass schnell ein Wunder noch geschah.
Und ist uns Yaseminen
So Göttingleich erschienen.

Er schaut Yasemin huldvoll an; sie macht eine halb schamhafte, halb kokette Miene. Isolde will seinen Gesang unterbrechen, aber er ist schneller.

Ja, sie vermag wohl allezeit
Anmut und Liebenswürdigkeit
Rings um sich zu verbreiten;
Und bleibet doch bescheiden.

Er hat sich Yasemin noch mehr genähert; und wiederum gelingt es Isolde nicht, ihn von seiner Schwärmerei abzuhalten.

Dies Mädchen ist ein Edelstein,
Der wider strahlt den Sonnenschein.
In ihren Augen glänzen
Tugenden ohne Grenzen.

Isolde schiebt den Grafen sanft und lächelnd zur Seite.

YASEMIN: Jetzt muss ich aber schnell zum Egbert hinüber gehen.

ISOLDE: Warte Yasemin, ich hole ein frisches Hemd für ihn.

GLEICHEN: Ich brauche auch eins.

ISOLDE im Hinausgehen: Die passen dir nicht mehr.

Baltzer kommt, er ist den Tränen nahe.

GLEICHEN: Baltzer, du schon wieder.

BALTZER: Leider, leider, schlechte Neuigkeit. Der Egbert ist wieder ins Bett zurückgesunken.

GLEICHEN: Oh!

BALTZER: Aber er spricht jetzt schon im Schlaf.

YASEMIN: Was sagt er?

BALTZER: Irgendetwas von einem Schneemann.

YASEMIN beglückt: Einen Schneemann bauen! Davon hatten wir uns erzählt.

GLEICHEN klatscht in die Hände: Na, das ist doch ein großartiger Vorschlag, Yasemin. Jetzt haben wir Mai; wenn der erste Schnee fällt, ist der Egbert wieder auf den Beinen.

YASEMIN voller Hoffnung: Meint Ihr, Graf?

GLEICHEN: Ganz bestimmt. Und bis dahin zeige ich dir ein paar lauschige Plätzchen, wo man herrliche Schneemänner bauen kann, zum Beispiel im Wäldchen am Schildrain.

YASEMIN: Da hat der Egbert auch schon gebaut, sogar eine Schneefrau.

GLEICHEN: Siehst du. Dann werden wir uns mal auf eine kleine Winterreise durch's grüne, grüne Gras begeben. Baltzer, sag' Isolde, sie braucht mit dem Essen nicht zu warten, wir wärmen uns später was auf. Sie gehen.

BALTZER schaut ihnen nach: Ich weiß nicht, vielleicht hat ihm die Wüstensonne doch einen argen Stich versetzt. Er geht.

Isolde kommt mit einem frischen, gefalteten Hemd überm Arm.

ISOLDE: Wo sind sie hin? Sie schaut aus dem Fenster nach unten. Ach, sieh einer an! Arm in Arm, wie Vater und Tochter spazieren sie umher.

Die Tür zur Kammer springt auf und daraus hervor tritt der Mühlberger.

MÜHLBERGER: So, Isolde, tut mir Leid, dass es so lange gedauert hat. Dafür ist jetzt die Lüftungsklappe wieder in Ordnung.

ISOLDE legt das Hemd beiseite und nimmt einen Krug mit Flieder: Sehr schön. Dann stellen wir noch den Fliederstrauß in die Kammer.

MÜHLBERGER: Oh ja, dann riecht es richtig nach Frühling da drin. Er will Isolde an den Hintern fassen, untersteht sich dann aber lieber.

ISOLDE geht voran: Es riecht nicht, Mühlberger, es duftet. Komm' mit.


Vorhang.


 

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